Vitality affects in der Musik. Forschung zur Analogie von musikalischen und psychischen Prozessen

July 7, 2018 | Author: Gotthilf Färber | Category: N/A
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1 Henk Smeijsters Vitality affects in der Musik. Forschung zur Analogie von musikalischen und psychischen Prozessen Key ...

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Musiktherapeutische Umschau Online

Henk Smeijsters Vitality affects in der Musik. Forschung zur Analogie von musikalischen und psychischen Prozessen Key words: vitality affects – Kernselbst – musikalische Form – rezeptiv – analoges Prozessmodel Einleitung 2005 erschien ein Buch des niederländischen Musikers und Musiktheoretikers Schönberger, in dem er die Auffassung vertritt, dass das wichtigste in der Rezeption von Musik das so genannte Große Zuhören ist. Damit meint er, dass es nicht darum geht, Musik irgendwie gefühlsmäßig zu hören, sondern, dass es in der Musik darum geht, die “geheimnisvolle Mathematik der musikalischen Form“, “die Musik ohne weiteres“, zu ergründen. Die musikhörende Psyche vergleicht er mit einer komplizierten, vielstimmigen Gehirnmaschine die Schach spielt mit Tönen, und “...sich selbst von Takt bis Takt denkt…“. Der Autor dieses Artikels setzte dem entgegen, dass neben dem Großen Zuhören noch eine weitere Form des Musikhörens existiert. Eine Form von Zuhören nämlich, die nicht nur in der Musiktherapie häufig vorkommt und die erklärt, warum Musik ‘verstanden’ wird, auch außerhalb der Schach spielenden Gehirnmaschine. Vom Autor wurde diese Form das Durchlebte Zuhören genannt. Der Faden dieser öffentlichen Diskussion wurde aufgenommen in einem ‘Hörkurs’ des Dozenten Sporken an der Musikschule in Heerlen (Niederlande). Der Autor präsentierte dort seine Ideen vor einem klassisch orientierten Laienpublikum. Die Frage war, ob es möglich wäre, diese Teilnehmer dazu zu bringen, ihre klassische Vorlieben fallen zu lassen, auf eine andere Art Musik zu hören und damit zu spüren, dass man auch in der Musik, die den eigenen Vorlieben nicht entspricht, doch musikalische Prozesse durchleben kann, die man als psychische Prozesse wiedererkennt.

Methode Die wissenschaftliche Studie ähnelt Studien, die in der Musiktherapie und Musikpsychologie schon seit langem Tradition haben und ausgeführt wurden durch u. a. Hevner (1936), Sopchak (1954), Rigg (1964), Reinecke (1966, 1967, 1982), Brömse & Kötter (1971), Imberty (1971), Behne (1984), Gembris (1990), Waterman (1992, 1996) und Anderen (für Zusammenfassungen dieser Studien siehe Harrer, 1982; Kraemer & Schmidt-Brunner, 1983; Rösing, 1983; Smeijsters, 1987, 1989; Gembris, 1990; Sloboda & Juslin, 1991; Jansma & de Vries, 1995; Smeijsters, 1999; Wigram u.a., 2002; Wosch, 2002). Bei dieser Art Studien reagieren Testpersonen auf verschiedene Musikarten (tonale/atonale Musik), Kompositionen, Musikfragmente oder musikalische Parameter (Tempo, Rhythmus, Dynamik, Tonhöhe, Melodie, Dur/Moll, Konsonante/Dissonante Harmonie) durch das Ankreuzen von Wörtern, die auf Gefühle, Stimmungen, Werte und dergleichen (meist Adjektive) verweisen. Oft wurde das so genannte ‘Polaritätsprofil’ (das semantische Differential) benutzt (Osgood u.a., 1957). Gefühle können durch allerlei Faktoren hervorgerufen werden (z.B. durch: Konditionierung, Erinnerung, Assoziationen; siehe Smeijsters, 2006b, Kapitel 5) ohne dass die Musik diese Gefühle erklingen lässt. Umgekehrt kann Musik bestimmte Gefühle erklingen lassen, die der Zuhörer zwar erkennt, ohne diese jedoch selbst zu fühlen. Neu ist, dass man nun versucht die so genannten ‘vitality affects’ zu messen. ‘Vitality effects’ sind nicht gleichzusetzen mit primären Gefühle wie Trauer, Wut, Angst, Freude und dergleichen, es sind ‘Gefühlsprozesse’, denen verschiedene Ausdrucksformen zu Grunde liegen. Das analoge Prozessmodell geht davon aus, dass in der Musik vitality affects erklingen, weil es eine Übereinstimmung zwischen den musikalischen Prozessen und den gefühlten inneren vitality affects der Spieler und Zuhörer gibt.

© Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online Die Teilnehmer des Hörkurses wurden angehalten, auf eine andere Art und Weise Musik zu hören. Die Untersuchungssituation wurde dreiteilig gestaltet: Vortrag (30 Minuten) mit einem bestimmten Auftrag Musik zu hören (30 Minuten) und Nachbesprechung mit dem Publikum (30 Minuten). Nach der Hälfte der sechs Musikfragmente wurde eine Pause eingelegt. Teilnehmer Die Daten zu den Befragten können nur global angegeben werden. Es handelte sich bei der Studie um ein öffentliches Zusammentreffen, daher lag in dem Sinne keine Forschungssituation vor, bei der die Teilnehmer gebeten würden, zusätzlich Fragen zu ihrer Person zu beantworten. Eine etwaige Einschätzung der anwesenden Gruppe gab der Dozent Sporken. Demzufolge handelte es sich um eine Gruppe von 50 bis 55 Personen, die sich zusammensetzte aus etwa 60% Frauen und 40% Männern. Anwesend waren Besucher eines breit gefächerten Bildungsniveaus (mit Ausnahme eines sehr niedrigen Niveaus) wie auch verschiedenste Berufsgruppen aus der Wirtschaft, dem Bildungssektor und dem Gesundheitswesen. Die Mehrheit bildeten Arbeitnehmer aus dem Gesundheitswesen. Das Alter der Teilnehmer lag schätzungsweise zwischen 45 Jahren und 90 Jahren. Die Mehrheit der Teilnehmer waren Frührentner, bzw. gerade in Rente gegangen. Anwesend waren auch einige deutlich jüngere Personen (zwischen 20 und 40 Jahren), die als Gast bei der Veranstaltung waren und nur einen geringen Prozentsatz der Anwesenden ausmachten. Insgesamt haben 45 Personen die Fragebögen ausgefüllt. Vortrag Während des Vortrages wurde den Teilnehmern eine kurze Erklärung über die Unterschiede des eher rationalen und des eher gefühlsmäßigen Zuhörens gegeben. Hier wurde mit der Trennung von Körper und Geist nach Descartes und der Einheit von Körper und Geist nach Spinoza angefangen. Kernselbst Damasio (2003, 2004, 2005) beschreibt das Phänomen, dass Patienten Fotos von Personen, die sie gut behandelt haben, bevorzugen auch wenn sie weder diese, noch die Personen, die sie schlecht behandelt haben, erkennen. Dies beweist, dass Menschen mehr ‘wissen’ als sie mit ihrer Erinnerung oder ihrem Verstand erklären können. Dieses ‘Wissen’ geschieht im Kernselbst, das als bewusst, aber nicht-denkend definiert ist. Es ist eine wortlose ‘Erzählung’ dessen, was sich im Körper abspielt, als Reaktion auf die äußere Welt. Diesem ‘Kernbewusstsein’ steht das erweiterte Bewusstsein gegenüber, welches sich durch rationale Begriffe und Worte der Dinge bewusst wird. Vitality affects Babys und ihre Eltern kommunizieren miteinander ohne das Vorhandensein von Wörtern, dadurch dass sie vitality affects in wahrnehmbare Prozesse umsetzen und diese Prozesse miteinander austauschen. Durch Stern (Stern 2000, 2004) wurden vitality affects beschrieben als die dynamischen, kinetischen Qualitäten von Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen sowie ‘weitermachen/durchsetzen’, ‘übers Ziel hinaus schießen’, ‘explodieren’, ‘crescendo’, ‘decrescendo’, ‘platzen’, ‘erlischen’. Unser ‘Erleben’ verläuft in Prozessen, die Merkmale einer ‘Phrase’ aufweisen: Babys und Erwachsene kommunizieren präverbal miteinander durch das Äußern innerer Prozesse in visuelle (z.B. lachen), auditive (z.B. weinen) und motorische Phrasen (z.B. den Arm bewegen), die vom Anderen wahrgenommen werden und worauf der Andere reagieren kann. Dieselben Parameter (Rhythmus, Tempo, Intensität, Form, Bewegung, Anzahl), die für die jeweilige Empfindung bezeichnend sind, werden umgesetzt in visuellen, auditiven und motorischen Formen. So wird es möglich wahrzunehmen, was ein Anderer empfindet und auf dieselbe Art zu reagieren. © Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online Diese Art der Kommunikation bleibt erhalten, auch nachdem wir uns die Sprachfähigkeit angeeignet haben. Auch Erwachsene drücken sich selbst aus über das Zeigen von vitality affects und nehmen auf diese Weise vitality affects von Anderen wahr. Die künstlerischen Medien sind, da sie mit den verschiedenen Parametern Rhythmus, Tempo, Intensität, Form, Bewegung und Quantität arbeiten, äußerst geeignet, eine expressive und kommunikative Rolle zu erfüllen. Die vitality affects werden ausgelöst und verarbeitet im Kernselbst, wie von Damasio beschrieben. Da bei den künstlerischen Medien dieselben Parameter bedeutend sind wie in der Psyche, erfährt man die vitality affects durch das Erlebnis im Medium direkt, ohne den Umweg über die Rationalität (z.B. durch Erklärung, Assoziation, Erinnerung, Symbolik). Hierbei fungiert das Medium nicht als Symbol des psychischen Prozesses, sondern als Analogie Smeijsters, 2005, 2006). Wissen mit unserem Kernselbst Auf Grund genannter Erkenntnisse ist die Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass Menschen dadurch “wissen“, dass sie in sich selbst und anderen dieselben Prozesse erkennen. Durch das Verbinden des Kernselbst, vitality affects innerhalb des Kernselbst und die künstlerischen Formen, wodurch vitality affects gekennzeichnet sind, wird deutlich, dass wir beim Musikhören Prozesse wahrnehmen, die unser Kernselbst registriert und die übereinstimmen mit vitality affects in uns. Kunst kann unser Innerstes widerspiegeln und neue, (positive) Erfahrungen des Kernselbst möglich machen. Durchlebtes Hören und Großes Hören Abschließend wurden in dem Vortrag Durchlebtes Hören nach Smeijsters mit dem Großen Hören nach Schönberger verglichen. Durchlebtes Hören funktioniert über die vitality affects des Kernselbst, es geschieht intuitiv und über das Gefühl, ist nicht kognitiv und nicht verbunden mit Sprache. Großes Hören, so Schönberger, nimmt Musik “denkend wahr, wie eine Art Mathematik, es arbeitet mit dem rationalen Gehirn und beschreibt Musik mit vielen Metaphern“. Abgeschlossen wurde der Vortrag mit folgenden Thesen: o Man kann die gleiche Musik sowohl ‘denkend’ als auch ‘gefühlsmäßig’ anhören o Es gibt Musik, die eher die eine Art Musikhören stimuliert, und solche, die eher die andere Art ansprechen o Es gibt kein ‘hohes’ oder ‘geringes’ Musikgenre, und auch keine ‘hohe’ oder ‘geringe’ Art von Zuhören Aufgabe Die Teilnehmer bekamen folgende Anweisung zum Hören der sechs Musikfragmente: Versuchen Sie, mit Ihrem ‘Kernselbst’ der Musik zuzuhören: o Lassen Sie eigene eventuelle Vorlieben oder Abneigungen außer Acht o Achten Sie nicht auf den Inhalt des Textes o Nicht assoziieren (keine persönlichen Erinnerungen, keine biografischen Hintergrundinformationen von Komponist oder Musiker) o Welches ‘dynamische Schema’ erleben Sie in der Musik? o Achten Sie außerdem auf Wahrnehmungen im Körper und auf Bewegungen, die in Ihnen hervorgerufen werden o Kreuzen Sie auf dem Fragebogen die Wörter an, die Ihnen spontan in den Sinn kommen

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Musiktherapeutische Umschau Online Skala Die Items sind auf die Schriften von Stern (2000, 2004) zurückzuführen, in welchem er vitality affects beschreibt. Die Struktur des Messinstrumentes wurde vom ‘semantischen Differential’ von Osgood, Suci und Tannenbaum (1957) abgeleitet, welche aus zwei Items mit zwei gegensätzlichen Polen besteht. Die Hörer können zwischen beiden Polen auf einer Sieben-Punkte-Skala ankreuzen, in Richtung des einen oder anderen Pols. Die Dimensionen von Osgood ‘Aktivität’ und ‘Macht’ weisen einige Übereinstimmungen auf mit den vitality affects von Stern. Trotzdem wurde nicht das ursprüngliche semantische Differential gewählt, da die benutzten Begriffe nicht vollständig übereinstimmen mit der Art und Weise, in der Stern die vitality affects beschreibt. Bei vorliegender Studie wurde keine Abstufung zwischen den Polen angewendet. Die Hörer mussten ausschließlich zwischen zwei verschiedenen Polen entscheiden. Auch musste nicht aus jeder Dualität gewählt werden, angekreuzt werden sollte nur, was den Hörer ansprach und ihm treffend erschien. Ermüdend

Aufregend

Erlischend Entspannend Schnell Schwebend Flüchtig Leicht Unausgeglichen Launisch Schleppend Abbröckelnd Verhalten Schwach

Anschwellend Spannend Langsam Geerdet Anwesend Schwer In Balance Strukturiert Leichtfüßig Durchsetzend Explodierend Kraftvoll

Statistische Analyse Für die Skala wurde Cronbachs alpha (α) als Maß interner Konsistenz berechnet. Außerdem wurde eine Faktorenanalyse zum Bestimmen der Konstruktvalidität durchgeführt. Interne Konsistenz bedeutet, dass die Items miteinander zusammenhängen. Konstruktvalidität sagt etwas aus über die Grundbegriffe, die das Messinstrument misst. Mit der Faktorenanalyse kann bestimmt werden, welche Items stark miteinander verbunden sind und Subskalen formen. Cronbachs alpha über alle 13 Items beträgt α = .56. Dies ist zu niedrig. Die Itemanalyse zeigt, dass die allgemeine Konsistenz verbessert wird, wenn die Items launisch-strukturiert, schleppendleichtfüßig und verhalten-explodierend weggelassen werden (α = .62). Kein hoher Wert, aber ein akzeptabler. Die Faktorenanalyse (Oblimin Rotation mit Kaiser Normalisation) brachte fünf Faktoren mit einer insgesamt verklärten Varianz von 69%. Cronbachs alpha wurde daraufhin per Skala berechnet. Der erste Faktor wurde geformt von den Items (α = .72): ο erlischend-anschwellend ο schwebend-geerdet ο flüchtig-anwesend ο schwach-kraftvoll Diese Faktoren können wir eventuell als einen integrierten vitality affect auffassen, welcher die Intensität von ‘Stärke’ angibt. Der zweite Faktor besteht aus den Items (α = .68): ο ermüdend-aufregend ο entspannend-spannend © Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online ο leicht-schwer Diese Faktoren können wir eventuell als einen integrierten vitality affect auffassen, der die Intensität von ‘Leichtigkeit’ angibt. Der dritte Faktor beinhaltet die Items (α = .63): ο schnell-langsam ο unausgeglichen-in Balance ο abbröckelnd-durchsetzend Diese Faktoren können wir eventuell als einen integrierten vitality affect auffassen, welcher die Intensität von ‘Stabilität’ angibt. Das Item schleppend-leichtfüßig erzielt sehr hohe Werte auf Faktor 4, die Items launisch-strukturiert und verhalten-explodierend erzielen sehr hohe Werte auf Faktor 5. In Folgeuntersuchungen mit neuer Stichprobe kann die interne Konsistenz und die Faktorenstruktur getestet und verbessert werden. Auch die Benennung der Faktoren kann neu überdacht werden.

Allgemeine Antworten Den Befragten wurde zugestanden Bemerkungen hinzuzufügen, vor allem Körperreaktionen konnten ergänzt werden.

Musik hören Die Musikfragmente wurden etwa 3 Minuten eingespielt. Dauerten sie ursprünglich länger, wurden sie nach Beenden eines sinnvollen Fragments mit ‘fade out’ (Musik langsam leiser, und dann aus) abgerundet. Veränderte sich die Stimmung des Fragments, konnten die Befragten beide Pole ankreuzen. Es handelte sich um folgende Stücke: o

o

o o o o

Bach: Kantate O Jesu Christ, meines Lebens Licht, BWV 118b, aufgeführt von: ‘The Monteverdi Choir’ und ‘The English Baroque Soloists’ unter Leitung von John Eliot Gardiner (1990) Mozart: Voi che sapete aus Le Nozze di Figaro, gesungen von Tatiana Troyanos als Cherubino, in der Aufnahme mit dem Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Karl Böhm (1968) Wagner: Ouvertüre Tannhäuser, aufgeführt von: ‘The Oslo Philharmonic Orchestra’ unter der Leitung von Mariss Jansons (1992) Rolling Stones: Jumpin’ Jack Flash in der ursprünglichen Singleversion (1968) Crosby, Stills, Nash & Young: Teach your children von der Schallplatte Déjà vu (1970) André Hazes: Zij gelooft in mij (2000). André Hazes war ein niederländischer Sänger von wehmütigen und schwermütigen Schlagern.

Ausklang Nachdem ein Musikstück verklungen war bekam jeder die Gelegenheit allgemeine oder spezifische Anmerkungen aufzuschreiben.

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Resultate

Bach 35 30 25

Anzahl der 20 Respondenten 15 10 5 0 E-A

Er-A

E-S

Sn-L

S-G

F-A

Le-S

U-I

La-S

Sl-L

A-D

V-E

S-K

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

In dieser und auch in den folgenden Grafiken wird nach Werten geschaut die genau 15 sind oder höher liegen (das heißt, dass 33,3% oder mehr von den Befragten diese Antwort gegeben haben). Die Kantate von Bach schneidet bei den Polen anschwellend, langsam, geerdet, anwesend, schwer, in Balance, strukturiert, schleppend, durchsetzend und kraftvoll hoch ab. Merkmale wie schwer, geerdet, langsam, schleppend, kraftvoll, anwesend und durchsetzend deuten auf vitality affects mit den Dimensionen: schwer, langsam (Tempo), kraftvoll (Dynamik), und weiterführend/durchgehend (Zeit) hin. Auffällig sind die hohen Werte bei anschwellend. Mozart 35 30 25

Anzahl der 20 Respondenten15 10 5 0 E-A Er-A E-S Sn-L S-G

F-A Le-S

U-I

La-S Sl-L

A-D

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam

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V-E

S-K

Musiktherapeutische Umschau Online S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

Voi che sapete schneidet bei den Polen entspannend, anwesend, leicht, in Balance, strukturiert, leichtfüßig und kraftvoll hoch ab. Auffällig sind die hohen Ausfälle bei den Polen leicht und leichtfüßig. Sie geben dem Stück eine deutliche Charakteristik. Im Musikstück erklingt ein vitality affect der - ganz im Gegensatz zu dem bei Bach - die Schwerkraft überwindet (leicht, leichtfüßig). Genau wie bei Bach aber hat der vitality affect eine deutliche Struktur (in Balance und strukturiert) und die Musik wird als kraftvoll und anwesend erfahren. Die hauptsächliche Unterscheidung zu dem Stück von Bach formt also der leichte Charakter des Stückes. Diese Kombination der Charakteristiken eignet sich besonders, um Zuhörer strukturiert zu einer besseren Stimmung zu verhelfen und sie zu entspannen. Anzeichen hierfür wurden auch bei Studien über den Effekt von ähnlichen Stücken Mozarts gefunden (Smeijsters, 1999). Wagner 40 35 30

Anzahl der Respondenten

25 20 15 10 5 0 E-A

Er-A

E-S

Sn-L S-G

F-A

Le-S

U-I

La-S Sl-L

A-D

V-E

S-K

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

Wagners Ouvertüre Tannhäuser schneidet bei den Polen aufregend, anschwellend, spannend, langsam, geerdet, anwesend, schwer, in Balance, strukturiert, schleppend, durchsetzend, explodierend und kraftvoll hoch ab. Über die gesamte Linie haben die Werte denselben Character und sind ‘hoch’, was bedeutet, dass diese Komposition ein deutliches Profil vorweist. Die Kombination langsam, anwesend, anschwellend, durchsetzend, explodierend und kraftvoll weist auf eine große Kraft hin, die langsam aber sicher zunimmt und einen überrollt.

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Musiktherapeutische Umschau Online Rolling Stones 40 35 30 25

Anzahl der Respondenten20 15 10 5 0 E-A

Er-A

E-S

Sn-L S-G

F-A

Le-S

U-I

La-S Sl-L

A-D

V-E

S-K

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

Bei diesem Stück wird bei den Polen aufregend, anschwellend, spannend, schnell, geerdet, anwesend, strukturiert, leichtfüßig, durchsetzend, explodierend und kraftvoll ein hoher Wert erreicht. Obwohl wir, wie bei Wagner die Pole anwesend, anschwellend, durchsetzend, explodierend und kraftvoll antreffen, unterscheidet es sich deutlich von diesem. Das Stück der Rolling Stones ist gleichzeitig auch schnell und leichtfüßig. Crosby, Stills, Nash & Young 35 30 25

Anzahl der Respondenten

20 15 10 5 0 E-A

Er-A

E-S

Sn-L S-G

F-A

Le-S

U-I

La-S Sl-L

A-D

V-E

S-K

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

Das Stück von Crosby, Stills, Nash & Young ist entspannend, anwesend, leicht, in Balance, strukturiert, leichtfüßig und verhalten. Hiermit unterscheidet es sich deutlich von den beiden vorherigen Stücken. Die Pole entspannend, leicht und leichtfüßig stechen klar heraus. © Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online Hazes 35 30 25

Anzahl der Respondenten

20 15 10 5 0 E-A

Er-A

E-S

Sn-L

S-G

F-A

Le-S

U-I

La-S

Sl-L

A-D

V-E

S-K

Polaritäten Legende: E-A = ermüdend-aufregend E-S = entspannend-spannend S-G = schwebend-geerdet Le-S = leicht-schwer La-S = launisch-strukturiert A-D = abbröckelnd-durchsetzend S-K = schwach-kraftvoll

Er-A = erlischend-anschwellend Sn-L = schnell-langsam F-A = flüchtig-anwesend U-I = unausgeglichen-in Balance Sl-L = schleppend-leichtfüßig V-E = verhalten-explodierend

Dieses Lied von Hazes schneidet hoch ab bei den Polen anschwellend, langsam, anwesend, strukturiert, schleppend, durchsetzend, explodierend und kraftvoll. Diese Charakteristiken ähneln wieder denen der Musikfragmente von Wagner und den Rolling Stones. Offene individuelle Antworten Es gab folgende individuelle, offene schriftliche Reaktionen: Bach o “Körperlich mitreißend, Vibrationen im Körper” o “Schwierig, um auf diese Art zuzuhören, sich zu lösen von der Melodie, dem Text und seinen persönlichen Vorlieben. Kraftvoll. Ich würde es nicht länger hören wollen, es geht immer weiter” Mozart o “Die Vibrationen dieses Stückes steigen wortwörtlich von den Füßen in den Bauch und zum Kopf (gerade oberhalb der Augen)” o “Assoziationen - es ist schwierig” o “Ausrufezeichen bei: aufregend” Wagner o “Wehmütig, niedrigerer Vibrationseffekt im Körper als bei den vorigen Stücken” Rolling Stones o “Ausrufezeichen bei: anwesend” o “Bewegung - ein Rhythmus” o “Obwohl es kraftvoll und spritzig ist, ist es doch entspannend, auch ohne dass es ruhig ist, ist das möglich - Man kennt es, es fällt schwer, seine eigenen Assoziationen los zu lassen trotzdem ist es strukturiert – fantastisch, man will sich dazu bewegen” o “Beine bewegen sich – es hat eine starke Basis”

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Musiktherapeutische Umschau Online Crosby, Stills, Nash & Young o “Schön” o “Stimulierend, rhythmisch im Körper, spielerisch” o “Es geht immer weiter” o “Spannend ist, anders als bei klassischen Stücken, schwierig zu beschreiben bei diesem Genre – swingend – Assoziationen mit den siebziger Jahren sind schwierig zu umgehen” o “Ich konnte es (noch) nicht einordnen, dazu müsste ich es noch einmal hören” Hazes o “Dieses Stück spricht mich am wenigsten an” o “Zögernd” o “Nicht auszuhalten – trotzdem zieht die Musik einen mit” o “Schreckliches Stück, passt nicht zu meinem Harmonie-Wunsch-Schema” o “Vibrierende Körperhaltung” Abschliessendes Gespräch mit der vollständigen Gruppe Bemerkungen waren: o “Erst dachte ich, ich käme nicht mit, würde es nicht verstehen, aber ich fand es sehr aufschlussreich.” o “Trotzdem finde ich die Geschichte eines Stückes so wichtig, dass ich sie gerade deswegen mehr genieße.” o “Es klappt nicht, seine Erinnerungen und die Geschichte vollständig außer Acht zu lassen.” o “Es gibt solche Tage, wo man alles ertragen kann, und dann wiederum Tage, wo jedes Geräusch zu viel ist.” o “Ich habe ganz unerwartet auf eine andere Art dem Stück von Hazes zuhören können und Sachen gehört die ich normalerweise nicht so schnell bemerkt hätte.” o “Denkend Musikhören ist natürlich auch wichtig.” o “Wie kommt es, dass sich niemand mit der "Dodekafonie" anfreunden kann, obwohl die doch gerade so gut durchdacht ist?” Diskussion In Tabelle 1 werden die Musikfragmente mit Bezug auf den rechten Pol verglichen. In Tabelle 2 werden die Musikfragmente mit Bezug auf den linken Pol verglichen. TABELLE 1 VERGLEICH DER MUSIKFRAGMENTE UNTEREINANDER (RECHTER POL) Bach Aufregend Anschwellend Spannend Langsam Geerdet Anwesend Schwer In Balance Strukturiert Leichtfüßig Durchsetzend Explodierend Kraftvoll

Mozart

X X X X X X X

X X X X

X X

X

Wagner X X X X X X X X X X X X

© Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Stones X X X

CSN&Y

Hazes X X

X X

X X X X X

X

X

X X X

X X X X

Musiktherapeutische Umschau Online Tabelle 1 zeigt in der Horizontalen, dass die vitality affects einiger Musikfragmente einander recht ähnlich sind. Das lässt verschiedene Schlüsse zu. Eine erste Schlussfolgerung wäre, dass gerade die Items, die abweichen, das Musikstück so bestimmen, dass sie den Ton setzen. So würde es übereinstimmen mit dem Gestaltgesetz : ‘ein Teil verändert das Ganze’. Durch das Hinzufügen eines Tones zu einem Akkord, kann sich z.B. die ganze Art des Akkordes verändern (wie z.B. bei dem Unterschied zwischen dem großen Dreiklang mit dem Septakkord). Wagner ist aufregend, spannend und explodierend. Charakteristiken, die wir trotz vieler Übereinkünfte bei Bach nicht sehen. Mozart ist kraftvoll, Crosby, Stills, Nash & Young sind dies nicht. Die Stones sind im Vergleich zu Wagner weniger langsam und schwer, da hingegen leichtfüßig. Hazes ähnelt vor allem Bach und Wagner, ist aber nicht geerdet, schwer und in Balance, wie Bach und Wagner, nicht aufregend und spannend, wie Wagner, aber dennoch explodierend wie Wagner. Eine zweite Schlussfolgerung wäre, dass die Musikstücke einander doch ähneln und auch als ähnlich erfahren werden, aber dass man die persönlichen Vorlieben mit den vitality affects kombinieren muss. Das würde implizieren, dass Menschen das Bedürfnis nach Musikstücken haben können, die einen bestimmten vitality affect erklingen lassen, dass sie sich allerdings nur dem Musikstück hingeben, welches zu der Art von Musik passt, die ihren Neigungen entspricht. Dass dieselben vitality affects bei verschiedenen Arten von Musik vorkommen, vergrößert die Chance für Musiktherapie, die mit vitality affects arbeitet. Innerhalb jeglicher musikalischen Vorlieben sind dann schließlich die passenden vitality affects zu finden. Eine dritte Schlussfolgerung, die wir auf Grund der Übereinstimmungen treffen können, ist die, dass vitality affects nicht den ästhetischen Kern einer bestimmten Musikart wiedergeben, sondern die universelle psychologische Basis, die den verschiedenen Musikstilen zu Grunde liegt. ‘Groß zu hören’ (Schönberger, 2005) bedeutet, die ästhetische Struktur eines Stückes zu erhören, ‘Durchlebt zu hören’ bedeutet, mit dem Kernselbst die vitality affects, die in der Musik erklingen, zu hören. Wer ‘ästhetisch hört’ wählt aus diesem Grund einen bestimmten Musikstil. Wer ‘durchlebt hört’, wählt Musik auf Grund von bestimmten vitality affects und wählt – abhängig von seiner musikalischen Vorliebe - ein klassisches Stück oder eben ein Pop-, Rock-, Jazzstück oder ein Stück eines anderen Stils. In diesem Fall wird die musikalische Vorliebe nicht durch die ästhetische Struktur, sondern durch Erziehung, soziale Entwicklung und dergleichen, bestimmt. TABELLE 2 VERGLEICH DER MUSIKFRAGMENTE UNTEREINANDER (LINKER POL) Bach Ermüdend Erlischend Entspannend Schnell Schwebend Flüchtig Leicht Unausgeglichen Launisch Schleppend Abbröckelnd Verhalten Schwach

Mozart

Wagner

Stones

X

CSN&Y

Hazes

X X

X

X

X

X

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Tabelle zwei zeigt, dass bei den Stones schnell herausragt und bei Crosby, Stills, Nash & Young verhalten. Auffallend bei den offenen individuellen Antworten ist, dass es manchen Personen schwer fällt Erinnerungen, Assoziationen und Erzählungen ‘über’ die Musik und den Komponisten los zu lassen. Auch musikalische Vorlieben, die im Laufe eines Lebens entstanden sind – zum Teil geprägt von persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen in Peer-Gruppen oder der gesellschaftlichen © Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online Umgebung -sind schwer los zu lassen. Doch ist es augenscheinlich wieder Anderen möglich, ihre Assoziationen und Erinnerungen los zu lassen und dadurch neue Erfahrungen zu machen. Dass Musik Assoziationen hervorruft, wird im Rahmen der Musiktherapie viel genutzt. Musik besitzt diese Kraft. In dieser Studie ging es allerdings um die Frage, ob es möglich ist, Assoziationen los zu lassen und die vitality affects, die in der Musik erklingen wahrzunehmen. Die Bemerkung zu dem Stück von André Hazes, dass die Musik nicht auszuhalten, aber doch mitreißend ist, zeigt, dass es Menschen möglich ist, ihre Assoziationen los zu lassen und mit ihrem Kernselbst zu hören. Die Frage über die Dodekafonie während der abschliessenden Diskussion mit der vollständigen Gruppe ist interessant. Sie unterstreicht die Annahme, dass Zuhören mehr ist als das Benutzen des rationalen Gehirns. Würde der Hörer rational und analysierend zuhören, dann müsste er (nach einigem Training) den musikalischen Zügen des Komponisten folgen können. Musikausbildung durch Hörkurse zeigt, dass so etwas möglich ist. Trotzdem bleibt die Frage, warum Menschen bestimmte Musikstrukturen gefühlsmäßig abweisen. Es ist wie in der Mathematik: Viele Menschen können die Formeln verstehen lernen, aber sie ‘fühlen’ nichts dabei. Mathematische Formeln sind schließlich keine Spiegelung unseres Kernselbst. Sie sind kognitiv und interessant, aber die Erfahrung unseres Kernselbst dabei ist minimal. Die Theorie von den vitality affects zeigt, dass es neben dem Großen Hören eine Form des Durchlebten Hörens gibt, welche erklärt, warum Musik Menschen mitreißen kann, auch, wenn sie den musikalischen Strukturen der Musik nicht folgen können. Dies impliziert auch, dass aus psychologischer Sicht eine Hierarchie auf Grund von ästhetischen Normen sinnlos ist. Psychologisch gesehen gibt es weder ‘niedrige’ noch ‘hohe’ Musik. Musik bewegt Menschen, entweder durch ihre ästhetische Struktur, oder durch die vitality affects. Die Musik von Hazes ist der Musik von Wagner nicht gleichzusetzen, aber sie kann Menschen mit derselben Intensität bewegen. Konsequenzen für die Kreativtherapien, im Besonderen für die Musiktherapie Aus dieser Studie wird deutlich, dass es möglich ist vitality affects zu messen. Kreativtherapeuten1 können mit dieser Skala bestimmen, welche vitality affects die künstlerischen Medien bei Klienten hervorrufen. Das Ankreuzen von Wörtern ist eine einfache Handlung, die Klienten nicht viel Mühe kostet. Wer mehrere Klienten untersuchen möchte, kann die Grafiken benutzen. Durch diese Art des Messens der vitality affects ist es möglich, die empirische Basis des analogen Prozessmodells zu festigen und zu zeigen, dass psychische Prozesse und Mediumprozesse einander zugeordnet werden können. Die Messungen können auch als Effektevaluation benutzt werden um zu prüfen, ob die vitality affects, die Menschen erfahren, verändern. Hierbei muss der Unterschied zwischen Attribution und Induktion beachtet werden. In beiden Fällen ist es aber möglich, dass durch die Therapie Veränderungen auftreten, entweder dadurch, dass Patienten ihre Außenwelt anders beginnen wahrzunehmen (Attribution) oder es schaffen sich anders zu fühlen (Induktion). Die Befragten, die an dieser Studie teilnahmen, können nicht als Normgruppe gelten. Für den Klienten könnte eine mehr oder minder homogene Gruppe allerdings doch als Normgruppe gelten. In der Therapie geht es allerdings nicht so sehr um das Vergleichen des individuellen Klienten mit der Gruppe. In der Therapie ist die einzigartige Charakteristik der vitality affects, die ein Klient erfährt, wichtig. Der große Vorteil ist, dass nun auf eine andere Art und Weise über vitality affects gesprochen werden kann, neben Assoziationen, Erinnerungen, Metaphern und Symbolen. Kern der Analogie ist es, dass sie die Erfahrung von ‘psychischen Prozessen’ im Medium, beziehungsweise in der Musik, beschreibt.

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In den Niederlanden ist Kreativtherapie ein übergreifender Begriff für Dramatherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie und Tanztherapie. Innerhalb der Kreativtherapie gibt es verschiedene methodische Ansätze. Fachtherapie fast wiederum Kreativetherapie und Psychomotrische Therapie zusammen. Erstere haben eine Kunstform als Basis, die Psychomotorische Therapie dagegen den Sport. © Juli 08 Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMtG), Libauer Straße 17, 10245 Berlin Internetredaktion [email protected]

Musiktherapeutische Umschau Online Musiktherapie In der Musiktherapie ist methodisch gesehen die Rede von rezeptiver und aktiver Musiktherapie. Genauso wie es dem Klienten mit den Werten in der rezeptiven Musiktherapie und den daran verbundenen Gefühlswerten hilft, zu bestimmen, was für ihn wichtig ist im Leben (Smeijsters, Wijzenbeek & Van Nieuwenhuijzen, 1995; Wijzenbeek & Van Nieuwenhuijzen, 2006), ist es mit den vitality affects möglich, den Klienten erfahren zu lassen, ob Prozesse in der Musik mit seinen psychischen Prozessen korrespondieren. Bei rezeptiver Musiktherapie – welche mit komponierter Musik arbeitet – liegt die Struktur, und demnach auch die vitality affects, die in der Musik erklingen können, fest. Musiktherapeuten können komponierte Musik benutzen, indem sie die Klienten Musik wählen lassen, oder indem sie sie stimulieren, eine andere Musik zu wählen als die, die sie gewöhnt sind. Durch das Anwenden dieser Methode ermöglichen sie es dem Klienten, Musik zu hören, die das Gefühl des Moments zum Ausdruck bringt oder dieses gerade verändert. In der aktiven Musiktherapie ist es möglich, gespielte Improvisationen mit Hilfe von vitality affects zu benennen oder Gefühle erst mit Hilfe von den vitality affects zu benennen und dann als Thema in einer Improvisation zu bearbeiten. In der Vergangenheit (Smeijsters, 1995) habe ich vorgeschlagen, eine vermittelnde Sprache zwischen psychologischer und musikalischer Sprache zu entwickeln. Meines Erachtens nach kann die Sprache der vitality affects eine solche Funktion erfüllen. Literatur Damasio, A.R. (2000). Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München: List. Damasio, A.R. (2004). Descartes’ Irrtum. Berlin: List Taschenbuch. Damasio, A.R. (2005). Der Spinoza-Effekt. Berlin: List Taschenbuch. Gembris, H. (1990). Situationsbezogene Präferenzen und erwünschte Wirkungen von Musik. In: K-E Behne, G. Kleinen & H. de la Motte-Haber (Hrsg): Musikpsychologie. Empirische Forschungen – Ästhetische Experimente. Band 7. Wilhelmshaven: Florian Noetzel Verlag. Harrer, G. (Hrsg.) (1982). Grundlagen der Musiktherapie und Musikpsychologie. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag. Jansma, M. & Vries, B. de (1995). Muziek en emotie. In: F. Evers, M. Jansma, P. Mak & B. de Vries. Muziekpsychologie. Muzikale ontwikkeling-schepping-beleving waarneming. Assen: Van Gorcum. Kraemer, R.-D. & Schmidt-Brunner, W. (Hrsg.) (1983). Musikpsychologische Forschung und Musikunterricht. Mainz: Schott. Osgood, C.E., Suci, G.J. & Tannebaum, P.H. (1957). The measurement of meaning. Urbana. Rösing, H. (Hrsg.)(1983). Rezeptionsforschung in der Musikwissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Schönberger, E. (2005). Het Grote Luisteren. In: Het gebroken oor. Amsterdam: Meulenhoff. Sloboda, J.A. & Juslin, P.N. (eds.)(2001). Music and emotion: theory and research. New York: Oxford University Press. Smeijsters, H. (1987). Muziek & psyche. Thema’s met variaties uit de muziekpsychologie. Assen: Van Gorcum.

Smeijsters, H. (1989). Lijkt Theodorakis op Bach? Psychologie, 8 (juli), 10-13. Smeijsters, H. (1999). Grundlagen der Musiktherapie. Theorie und Praxis der Behandlung psychischer Störungen und Behinderungen. Göttingen: Hogrefe. Smeijsters, H. (2005). Sounding the Self. Analogy in improvisational music therapy. Gilsum: Barcelona publishers.

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Musiktherapeutische Umschau Online Smeijsters, H. (red.)(2006). Handboek muziektherapie. Evidence based practice voor de behandeling van psychische stoornissen, problemen en beperkingen. Houten: Bohn Stafleu Van Loghum. Smeijsters, H., Wijzenbeek, G. & Nieuwenhuijzen, N. van (1995). The evocation of values of depressed patients by excerpts of recorded music. Journal of Music Therapy, XXXII (3), 167-188. Stern, D. (2000). The interpersonal world of the infant. New York: Basic Books. Stern, D. (2004). The present moment in psychotherapy and everyday life. New York: Norton & Company. Wigram, T., Nygaard Pedersen, I. & Bonde, L.O. (2002). A comprehensive guide to music therapy. Theory, clinical practice, research and training. London: Jessica Kingsley Publishers. Wijzenbeek, G. & Nieuwenhuijzen, N. van (2006). Receptieve muziektherapie. In: H.Smeijsters (red.). Handboek muziektherapie. Evidence based practice voor de behandeling van psychische stoornissen, problemen en beperkingen. Houten: Bohn Stafleu Van Loghum. Wosch, T. (2002). Emotionale Mirkopozesse musikalischer Interaktionen. Eine Einzelfallanalyse zur Untersuchung musiktherapeutischer Improvisation. Münster: Waxmann.

Prof. Dr. Henk Smeijsters ist Leiter des Forschungsinstitutes für Dramatherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie und Tanztherapie KenVaK der Fachhochschule Zuyd in Heerlen, der Fachhochschule Utrecht und der ArtEZ Fachhochschule in Enschede. Henk Smeijsters ist außerdem Leiter des Masterstudiums für Kreativtherapien der Fachhochschule Zuyd. Er ist Mitglied des Redaktionsvorstandes der Zeitschrift Tijdschrift voor Vaktherapie, Beiratsmitglied der Musiktherapeutischen Umschau, war viele Jahre European Editor von The Arts in Psychotherapy und ist Ehrenmitglied der niederländischen Vereinigung für Musiktherapie. Henk Smeijsters brachte Artikel und Bücher heraus und gab Lesungen in vielen europäischen Ländern, den Vereinigten Staten, Südamerika und Japan.

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