Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma
July 9, 2016 | Author: Harald Berg | Category: N/A
Short Description
1 Trauma und Traumafolgen bei Flüchtlingen Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma Dipl. Psychologin Esther K...
Description
Trauma und Traumafolgen bei Flüchtlingen
Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma Dipl. Psychologin Esther Kleefeldt Systemische Therapeutin XENION e.V.
XENION – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V. Esther Kleefeldt, XENION e.V.
Übersicht I.
XENION e.V. – psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte
II. Rahmenbedingungen und Belastungsfaktoren für Flüchtlinge
III. Traumatisierungen bei Flüchtlingen: Erfahrungen und Symptome IV. Die Arbeit mit psychisch belasteten Flüchtlingen: entlastende Maßnahmen und Haltung 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
2
XENION – psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte Psychosoziales Behandlungszentrum für Flüchtlinge • Soziale Beratung und Asylberatung • Psychotherapie (KiJu & Erwachsene) – Einzelpsychotherapie – Gruppenpsychotherapie (z.B. russischsprachige Frauengruppe) – Kreative Angebote • Erstellen von Stellungnahmen/ Gutachten • AKINDA – Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) • Mentoren-Programm, Parcours Plus • Aufsuchende Arbeit • AG Wohnen 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
3
Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma
RAHMENBEDINGUNGEN UND BELASTUNGSFAKTOREN 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
4
Phasenmodell Belastungsfaktoren Vorfluchtphase
Fluchtphase
Exilphase
• • • •
• Warten • Überleben von Hunger & Gefahr • Ausgeliefert sein
• Enttäuschung • Desorientiertheit • Verlust an Ressourcen, Identität, sozialen Bindungen
Armut Krieg Vertreibung Falsche Versprechungen
nach A. Liedl, Refugio München
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
5
Diathese-Stress-Modell
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
Graphik www.wikipedia.org
6
Belastungen: unsicherer Aufenthalt »Darfst du das nicht, darfst nicht zur Schule, darfst nicht arbeiten. (...) Bleib nur zu Hause, essen, schlafen, und mit deinem Stress, gar nichts. Und dann hast du kein Leben mehr. Dein Leben ist gesperrt.« (Chérif, 20, Guinea) Dima Zito „Zwischen Angst und Hoffnung. Kindersoldaten als Flüchtlinge in Europa“ – Interviewstudie mit ehemaligen Kindersoldaten in Deutschland.
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
7
Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma
TRAUMATISIERUNG BEI FLÜCHTLINGEN 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
8
Der Traumabegriff • Trauma: Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“. • Von einem Trauma sprechen wir, wenn Menschen Erfahrungen machen mussten, die ihr eigenes Leben ernsthaft bedrohten oder sie zum Zeugen für den Tod anderer werden ließen. • Solche Erlebnisse haben viele tiefgreifende Auswirkungen auf die Betroffenen und überforderten die Kapazität der Psyche, adäquat auf sie zu reagieren. • In der Alltagssprache inflationärer Gebrauch!
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
9
Typologie traumatischer Ereignisse Typ I Trauma einmalig akzidentell
23.09.2016
Typ II Trauma wiederholt „man made“
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
10
Trauma im Kontext Trauma muss in seinen sozialen Dimensionen gesehen werden und den transkulturellen Kontext einschließen (Keilson, 1992). psycho-soziale Traumata beziehen sich auf das Individuum und die gesamte Gesellschaft. Sie sind nicht auf ein Ereignis beschränkt und verlaufen in Prozessen. Den spezifischen Realitäten der Entstehung wird Rechnung getragen. Rechtliche, soziale, usw. Rahmenbedingungen werden berücksichtigt. 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
11
Auswirkung von Traumatisierung „Nicht traumatisierte“ Menschen haben folgende Grundüberzeugungen: - Die Welt ist ein sicherer Platz, die meisten Leute sind wohlmeinend. - Die Dinge, die auf der Welt passieren, passieren aus bestimmten Gründen. - Das menschliche Leben hat eine Bedeutung. - Guten Leuten werden gute Dinge passieren. Nach einem Trauma haben diese Grundüberzeugungen oft keine Gültigkeit mehr. - Die Welt erscheint feindselig, unberechenbar, chaotisch. - Das Leben erscheint sinnlos. - Es überwiegen Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
12
Traumafolgen
»Es geht mir einfach nicht gut und ich bin immer müde, ich schlafe nicht und manchmal denk ich an Sachen, an die ich gar nicht denken will. Dann kommen die ganzen Erinnerungen wieder. Zum Beispiel in der Schule, wo ich jetzt hingehe, manchmal lerne ich was und wenn ich rausgehe, ich vergesse alles auf einmal.« (Hassan, 16, Sierra Leone) Dima Zito „Zwischen Angst und Hoffnung. Kindersoldaten als Flüchtlinge in Europa“ – Interviewstudie mit ehemaligen Kindersoldaten in Deutschland.
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
13
Traumafolgesymptome/ Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung Wiedererleben Intrusionen Belastende Erinnerungen Flashbacks Alpträume
23.09.2016
Übererregung
Vermeidung
Schlafstörungen
… von Gedanken, Gefühlen, Gesprächen
Reizbarkeit, Aggressivität
… von Aktivitäten, Orten, Menschen
Konzentrationsschwierigkeiten
Sprachlosigkeit, Gedächtnislücken
Übermäßige Wachsamkeit
Emotionale Taubheit, Vermindertes Interesse
Übermäßige Schreckhaftigkeit
Eingeschränkte Zukunftsperspektive
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
14
Weitere häufige Traumafolgestörungen Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist „die“ Störung, die direkt mit traumatischen Erlebnissen in Verbindung gebracht wird. Weitere häufig nach Traumata auftretende Störungen: • Depressive Störungen • Angststörungen • Somatoforme Störungen • Dissoziative Störungen • Zwangsstörungen • Substanzabhängigkeit • körperlicher Erkrankungen, insbesondere HerzKreislauferkrankungen und immunologische Erkrankungen. 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
15
Erkennen von Traumatisierung? Einerseits nicht immer… 1. möglich - Bewusstes Vermeiden von traumabezogenen Gedanken Gefühlen u. Gesprächen - Bewusstes Vermeiden von traumabezogenen Aktivitäten, Orten o. Menschen - Unfähigkeit, einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern 2. nötig - Andere Bedürfnisse haben Vorrang, z.B. körperliche Erkrankung, Sicherheitsbedürfnis, sozioökonomische Bedürfnisse 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
16
Erkennen von Traumatisierung? Andererseits… - ist es wichtig, Symptome als korrekt als mögliche Traumafolgen zu identifizieren, sonst kann es im Kontakt mit Flüchtlingen leicht zu Fehleinschätzungen, Missverständnissen und Kontaktabbruch kommen… Wichtig für unsere Arbeit ist die Balance zwischen Erkennen von Hinweisen auf Traumatisierung vs. Überbewertung von Trauma
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
17
Psychische Auswirkungen von Flucht und Trauma
DIE ARBEIT MIT PSYCHISCH BELASTETEN GEFLÜCHTETEN/ UMGANG MIT TRAUMATISIERUNG 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
18
Kann ich etwas tun? Was kann ich tun? Wie kann unter diesen Rahmenbedingungen dennoch geholfen werden? Gerade wegen der multiplen Belastungen kann jede Art von Unterstützung das Gefühl vermitteln gesehen und gehört zu werden, bei der Bewältigung der Symptome im Alltag helfen, Ängste und Unsicherheiten abbauen, die Belastung für weitere Familienangehörige verringern.
15.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
19
Psychoedukation • Normalisierung: Meine Symptome sind eine normale Reaktion auf eine abnorme Situation. • Die Symptome werden aufrechterhalten durch: Fragmentierte Speicherung des traumatischen Erlebnisses im Gedächtnis (in Rohform), so wird es besonders leicht durch „passende Reize“ abgerufen und erscheint in „Hier und Jetzt“ Form Das Erlebnis und oder seine Konsequenzen führen dazu, dass ich anders über mich und die Welt denke. Einige Dinge, die ich tue, um meine Symptome in den Griff zu bekommen, verhindern eine Besserung (Vermeidung) andere Wege probieren, um die Symptome los zu werden! 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
20
Stabilisierung: Das Stresslevel senken Traumafolgesymptome = dauerhaft erhöhter Stress! • Emotionale Anbindung, Sicherheit, Hilfe/ Unterstützung, Struktur des Alltags • Information und Orientierung/ Aufklärung (Alltagsleben Schule/Arbeit, Leben in Wohnheimen, Asylverfahren, etc.) • Soziale Kontakte (Unterstützung beim Knüpfen sozialer Netzwerke) • Ressourcenorientierung: Ressourcen finden, Anknüpfen an frühere Fähigkeiten 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
21
Umgang mit traumatischen Inhalten • Beziehung anbieten • Offenheit zum Gespräch signalisieren (auf eigene Grenzen achten!) • Nicht nachbohren • Warten können auf den richtigen Zeitpunkt • Nicht auf Trauma fokussieren: Den Menschen mit seinen Fähigkeiten sehen und nicht nur die traumatischen Erlebnisse
Keine Angst vor Traumatisierten! 23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
22
„Nichtwissen“ • Offenheit und „Unwissenheit“ als Mittel zur Entlastung Professionelles „Nichtwissen“ (müssen) • Alles erfragen müssen und dürfen • Probleme müssen (und können) nicht für jemanden gelöst werden • Berater/ Therapeut als externer Profi und Impulsgeber (durch Nachfragen, Eindrücke/ Emotionen/ Sichtweisen schildern, etc.)
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
23
Trauma ist subjektiv und konstruiert!
23.09.2016
Esther Kleefeldt, XENION e.V.
24
View more...
Comments