Kirsten Boie und ihr kinder- und jugendliterarisches Werk

April 24, 2017 | Author: Judith Pfeiffer | Category: N/A
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1 MASARYK-UNIVERSITÄT PÄDAGOGISCHE FAKULTÄT Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur Kirsten Boi...

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MASARYK-UNIVERSITÄT PÄDAGOGISCHE FAKULTÄT Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur

Kirsten Boie und ihr kinder- und jugendliterarisches Werk Diplomarbeit

Brünn 2008

Betreuerin: PhDr. Jana Baroková, Ph.D.

Verfasserin: Gabriela Pichaničová

Erklärung Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Diplomarbeit selbständig verfasst habe und nur die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Ich bin damit einverstanden, dass meine Diplomarbeit in der Bibliothek der Pädagogischen Fakultät an der Masaryk-Universität aufbewahrt wird und zu Studienzwecken zugänglich gemacht wird.

Brünn, den 10. Dezember 2008

Gabriela Pichaničová

2

Danksagung An dieser Stelle möchte ich mich bei Frau PhDr. Jana Baroková, Ph.D. aus der Pädagogischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brünn für ihre Hilfe und wertvollen Ratschläge bedanken.

3

Inhalt 1

Einleitung................................................................................................................. 7

2

Was ist Kinder- und Jugendliteratur? ...................................................................... 9 2.1 Stand der Forschung der Kinder- und Jugendliteratur.......................................... 9 2.1.1 Heinrich Joachim Wolgast (1860-1920)....................................................... 10 2.1.2 Hermann Leopold Köster (1872-1957)......................................................... 10 2.1.3 Richard Bamberger (1911-2007) .................................................................. 10 2.1.4 Heinz-Heino Ewers....................................................................................... 11

3

Realistische Kinder- und Jugendliteratur............................................................... 13 3.1 Anfänge der realistischen Kinder- und Jugendliteratur ...................................... 13 3.2 Nach dem Jahr 1945 ........................................................................................... 15 3.3 50er Jahre............................................................................................................ 16 3.4 Ende der 60er Jahre............................................................................................. 17 3.5 Realistische Kinder- und Jugendliteratur nach dem Jahr 1970........................... 19 3.5.1 Problemorientierte Romane .......................................................................... 19 3.5.2 Psychologischer Kinderroman...................................................................... 20 3.5.3 Komische Familienromane ........................................................................... 21

4

Kirsten Boie ........................................................................................................... 22 4.1 Das Leben von Kirsten Boie.............................................................................. 22 4.2 Das Schaffen von Kirsten Boie........................................................................... 25 4.3 Themen ............................................................................................................... 27 4.4 Stil....................................................................................................................... 27 4.5 Schaffen .............................................................................................................. 28

5

Vergleich des Buchs Mit Jakob wurde alles anders von Kirsten Boie mit dem Buch Fränze von Peter Härtling ............................................................................ 30 5.1 Kirsten Boie – Mit Jakob wurde alles anders..................................................... 30 5.2 Peter Härtling – Fränze....................................................................................... 31 5.3 Vergleich des Buchs Mit Jakob wurde alles anders von Kirsten Boie mit dem Buch Fränze von Peter Härtling ......................................................................... 33 5.3.1 Kriterien für die Auswahl der beiden Autoren ............................................. 33 5.3.2 Themen der ausgewählten Bücher................................................................ 33 5.3.3 Hauptheldinnen der Bücher .......................................................................... 34

4

5.3.4

Reaktion der Kinder...................................................................................... 36

5.3.5 Handlungsraum............................................................................................. 37 5.3.6 Stilistische Unterschiede............................................................................... 37 6

Vergleich des Buchs Monis Jahr von Kirsten Boie mit dem Buch Krücke von Peter Härtling......................................................................................................... 39 6.1 Kirsten Boie – Monis Jahr.................................................................................. 39 6.2 Peter Härtling – Krücke ...................................................................................... 41 6.3 Vergleich des Buches Monis Jahr von Kirsten Boie mit dem Buch Krücke von Peter Härtling...................................................................................................... 44 6.3.1 Krieg als Thema in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur ................... 44 6.3.2 Zeitraum........................................................................................................ 46 6.3.3 Nachkriegszeit in Monis Jahr ....................................................................... 46 6.3.4 Nachkriegszeit in Krücke.............................................................................. 48 6.3.5 Stilistische Unterschiede............................................................................... 50

7

Vergleich der Bücher Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie mit dem Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm.......................................................................................................... 51 7.1 Kirsten Boie – Erwachsene reden. Marco hat was getan................................... 51 7.2 Kirsten Boie – Nicht Chicago. Nicht hier........................................................... 52 7.3 Annika Holm – Hau ab, sagt Mathilda .............................................................. 54 7.4 Vergleich der Bücher Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie mit dem Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm....................................................................................................... 55 7.4.1 Themen der ausgewählten Bücher................................................................ 55 7.4.2 Gewalt in Erwachsene reden. Marco hat was getan – gegen Ausländern ... 56 7.4.3 Gewalt in Nicht Chicago. Nicht hier - unter Jugendlichen.......................... 57 7.4.4 Gewalt in Hau ab, sagt Mathilda – in der Schule ........................................ 58 7.4.5 Stilistische Unterschiede............................................................................... 59

8

Vergleich des Buchs Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie mit dem Buch Sonntagskind von Gudrun Mebs............................................................................ 62 8.1 Kirsten Boie – Paule ist ein Glücksgriff ............................................................. 62 8.2 Gudrun Mebs – Sonntagskind............................................................................. 65 8.3 Vergleich des Buchs Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie mit dem Buch Sonntagskind von Gudrun Mebs......................................................................... 67 5

8.3.1

Themen der ausgewählten Bücher................................................................ 67

8.3.2 Protagonisten der Bücher.............................................................................. 68 8.3.3 Handlungsraum............................................................................................. 69 8.3.4 Stilistische Unterschiede............................................................................... 70 9

Mit Kindern redet ja keiner von Kirsten Boie als psychologischer Kinderroman 72

10

Zusammenfassung ................................................................................................. 79

11

Resümee................................................................................................................. 81

12

Literaturverzeichnis ............................................................................................... 82

13

Anhang................................................................................................................... 86

6

1

Einleitung

Die

vorliegende

Arbeit

ist

eine

thematische,

inhaltliche

und

stilistische

Auseinandersetzung ausgewählter Bücher von Kirsten Boie. Kirsten Boie gehört zu den erfolgreichsten

und

bedeutendsten

Schriftstellerinnen

der

modernen

Kinder-

und

Jugendliteratur. Themen ihrer Bücher, nicht nur die, die in dieser Arbeit analysiert wurden, sondern auch viele andere, werden der neuen realistischen Kinder- und Jugendliteratur zugeordnet, die sich ab dem Jahr 1970 entwickelte. Mit den Themen der neuen realistischen Kinder- und Jugendliteratur wie z.B. soziale Ungerechtigkeit, Sexualität, Rollenreflexion, Krieg und Unterdrückung wollen die Autoren den Kindern eine Lebenswirklichkeit ohne Thementabus darstellen. Die Kinder- und Jugendliteratur sollte nicht mehr als Belehrungsmedium dienen, sondern sollte den Kindern die Probleme der Erwachsenenwelt zeigen und zur Selbstentwicklung der Kinder führen. In dieser Zeit entstanden auch neue Gattungen der realistischen Kinder- und Jugendliteratur: problemorientierte Romane, psychologische Kinderromane und komische Familienromane. Das Ziel der Arbeit besteht darin, anhand der verwendeten Analysen der Bücher Kirsten Boies zu beweisen, dass ihre Werke zur realistischen Kinder- und Jugendliteratur gehören. In der Arbeit werden ausgewählte Werke von Kirsten Boie mit denen anderer Autoren mit ähnlichen Themen, zu vergleichen. Es wird aufgezeigt welche stilistischen Mittel sie beim Schreiben nutzt und weshalb sie als Vertreterin der Gattung psychologischer Kinderromane zu bezeichnen ist. Die Arbeit gliedert sich in neun Kapitel. In den ersten zwei Kapiteln wird die Theorie behandelt, was die Kinder- und Jugendliteratur ausmacht, wie der Stand der Forschung der Kinder- und Jugendliteratur aussieht und auf die Geschichte der realistischen Kinder- und Jugendliteratur eingegangen. Im dritten Kapitel wird das Leben und Schaffen von Kirsten Boie erfasst. In den nächsten fünf Kapiteln handelt es sich um die Vergleiche der ausgewählten Bücher von Kirsten Boie mit Büchern anderer Autoren, also um den praktischen Teil der Arbeit. Als erstes wird das Buch Mit Jakob wurde alles anders von Kirsten Boie mit dem Buch Fränze von Peter Härtling

verglichen,

in

denen

die

Themen

Familie,

Frauenemanzipation

und

Geschlechterrollen erfasst sind. Der zweite Vergleich der Bücher Monis Jahr von Kirsten Boie und Krücke von Peter Härtling befasst sich mit den Themen Krieg und Nachkriegszeit in der Kinder- und Jugendliteratur. Im dritten Vergleich, geht es um das Thema Gewalt und es 7

werden die Bücher Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie und das Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm gegenüber gestellt. Im letzten Vergleich werden Bücher Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie und Sonntagskind von Gudrun Mebs analysiert. Dabei wird das Thema Adoption behandelt. Im letzten neunten Kapitel der Arbeit wurde versucht, anhand literarischer Analyse des Buchs Mit Kindern redet ja keiner von Boie zu beweisen, dass die Autorin zu den Vertretern der Gattung psychologischer Kinderromane gehört. Die Arbeit wird um einen Anhang ergänzt, in dem das Gesamtwerk, Auszeichnungen und Preise von Kirsten Boie, ihr Porträt und Bildumschläge ihrer ausgewählten Bücher beiliegen.

8

2

Was ist Kinder- und Jugendliteratur?

Die Zahl der historisch und aktuell verwendeten Definitionen des Begriffs Kinder- und Jugendliteratur ist beträchtlich. Eine plausible und brauchbare Definition findet man im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur: „KJL ist die Bezeichnung für a) alle Texte, welche ausdrücklich für Kinder und Jugendliche produziert sind (spezifische KJL), b) alle Schriften, welche von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden, ohne dass sie für diese speziell verfertigt zu sein brauchen (z.B. Zeitung), oder von jugendlichen Lesern rezipiert (Schul-, Lehrbuch) werden (KJL im weiteren Sinne, auch Kinder- und Jugendlektüre). KJL wird in Büchern, Heften und anderen Druckerzeugnissen, im weiteren Sinn auch in den Massenmedien wie Film, Tonband, Schallplatte verbreitet.“ 1

2.1

Stand der Forschung der Kinder- und Jugendliteratur Die Forschung auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur ist noch sehr jung. Erst im

19. Jahrhundert kann man die Anfänge der Erforschung finden. Zu dieser Zeit spielten vor allem die Literaturpädagogen eine große Rolle. Zu den wichtigsten Theoretikern gehören Heinrich Joachim Wolgast, Hermann Leopold Köster und Richard Bamberger, obwohl für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur auch die Philanthropisten (Menschenfreunde), die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirkten, wichtig waren. Die Reformer wie Christian Gotthilf Salzmann, Christian Felix Weiße, Eberhard von Rochow und vor allem Joachim Heinrich Campe forderten eine neue Literatur für junge Leser, die den Blickwinkel des Kindes mit einbeziehen sollte. Sie prägten ein nicht nur inhaltliches, sondern auch ästhetisches Profil der modernen Kinderliteratur, die von der Allgemeinliteratur abgetrennt sein sollte.2

1

DODERER, Klaus. Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur-Zweiter Band I-O. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.1984. ISBN 3-407-56520-8, S.161. 2 SCHIKORSKY, Isa. Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2003. ISBN 3-8321-7600-4, S.29-30.

9

2.1.1

Heinrich Joachim Wolgast (1860-1920)

Er war Volksschullehrer, Literaturpädagoge, Schulreformer und bekanntester Vertreter der Jugendschriftenbewegung. Im Jahre 1896 veröffentlichte er sein Werk Das Elend unserer Jugendliteratur, das eine Kritik der deutschen Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts darstellte. Vor allem kritisierte er die niedrige Qualität der schulischen Lektüre und die große Vorliebe für die Trivialliteratur. Er forderte eine Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus und es war ihm wichtig, dass das ästhetische Empfinden der Kinder entwickelt und unterstützt wurde. Er empfahl den Jugendlichen Kunstmärchen und andere Gattungen der Volksliteratur als Lektüre. Wolgast sprach sich gegen qualitative Trennung von Kinderliteratur und Erwachsenenliteratur aus.3

2.1.2

Hermann Leopold Köster (1872-1957)

Köster gehört zu den Vertretern der deutschen Kunsterziehungsbewegung, die neue Vermittlungskonzepte entwickelten, „die an die Stelle der üblichen formalen und abstrakten Lehrmethoden treten sollten. Durch sinnlich-praktisches Erfahrungslernen wollte man zu einer ganzheitlichen ästhetischen Erziehung gelangen, die sich auf Kriterien wie Anschaulichkeit, Erklärung und Selbsttätigkeit gründete.“ 4 Eines seiner bedeutendsten Werke ist die Geschichte der deutschen Jugendliteratur, das im Jahre 1927 veröffentlicht wurde. In diesem Buch stellt Köster chronologisch die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur dar. Vor allem beschreibt er die Geschichte der einzelnen Genres der Kinder- und Jugendliteratur wie des Bilderbuchs, des Märchens und des Volksbuches.

2.1.3

Richard Bamberger (1911-2007)

Nicht

nur

in

Deutschland,

sondern

auch

in

Österreich

widmen

sich

die

Literaturwissenschaftler der Theorie des guten Jugendbuchs. Zu ihren Vertretern gehört 3

SCHIKORSKY, Isa. Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2003. ISBN 3-8321-7600-4, S.85-87. 4 SCHIKORSKY, Isa. Schnellkurs Kinder- und Jugendliteratur. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2003. ISBN 3-8321-7600-4, S.87.

10

Richard Bamberger mit seinem Buch Jugendlektüre. Das Buch wurde im Jahre 1955 herausgegeben. Er befasste sich in dem Werk vor allem mit den ästhetischen Seiten der Werke. Er behauptet, dass die gute Jugendlektüre mit der seelisch-geistigen Reife des Kindes übereinstimmen muss. Seiner Meinung nach soll Kinderliteratur als kindgerechte Literatur verstanden werden, die auf eine bestimmte Entwicklungsphase des Kindes zielt. Die künstlerische Gesamtwirkung soll mit dem Belehrenden und Erzieherischen in einem Jugendbuch im Einklang stehen. Dabei soll nur das Buch als Ganzes erzieherisch wirken.

2.1.4

Heinz-Heino Ewers

Er gehört zu den bekanntesten Vertretern der gegenwärtigen Forschung der Kinder- und Jugendliteratur. Ewers wurde im Jahre 1949 geboren. Er ist Professor für Germanistik und Literaturwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Kinder- und Jugendliteratur“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist zudem Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung, Verfasser zahlreicher Studien und Aufsätze zu Theorie, Geschichte und Gegenwart des Fachgebietes Kinder- und Jugendliteratur.5 Im Gegensatz zu Bamberger sieht er die Kinder- und Jugendliteratur nicht als Lektüre, sondern als ein komplexes kulturelles Handlungs- und Symbolsystem. Er schreibt in seinem Werk Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung in grundlegende Aspekte des Handlungs-

und

Symbolsystems

Kinder-

und

Jugendliteratur

(2000):

„In

einer

hochentwickelten Gesellschaft wie der unsrigen hat sich auch die Kinder- und Jugendliteratur zu einem äußerst komplexen, auf den ersten Blick geradezu unentwirrbaren kulturellen Handlungs- und Symbolsystem entwickelt, dessen Erfassung nicht ohne eine gewisse intellektuelle Anstrengung gelingen kann.“6 Dieses Werk betrachtet Ewers als eine Nachfolge der Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur von Göte Klingberg. Klingberg war der erste, der die terminologischen Fragen der Kinder- und Jugendliteratur geklärt hat. Vor allem wollte er Einigkeit über eine Terminologie erlangen, weil die Terminologie in der Kinder- und Jugendliteraturforschung schlecht entwickelt war. Oft fehlte die allgemeine Übereinstimmung bei den Definitionen der verwendeten Termini. Ewers geht es in dieser Publikation vor allem „um die Erfassung und terminologische Fixierung fundamentaler Strukturen des Gegenstandes ‚Kinder- und 5

http://user.uni-frankfurt.de/~ewers/index.htm [am 12.11.2008] EWERS, Heinz-Heino. Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München: Wilhelm Fink GmbH a Co. Verlags-KG, 2000. ISBN 978-3-7705-3483-8, S.8. 6

11

Jugendliteratur’“.7 Seine Publikation soll ein Beitrag zur Entwicklung und Präzisierung der Fachterminologie sein. Göte Klingberg sieht als das Objekt der Kinder- und Jugendliteraturforschung „das Zusammenspiel zwischen der Literatur und den Kindern und Jugendlichen.“8 Ewers definiert aber den Gegenstandsbereich der Kinder- und Jugendliteraturforschung als die „Wissenschaft von der als geeignete potentielle Kinder- und Jugendlektüre angesehenen Literatur samt dem hierauf bezogenen literarischen Handlungssystem.“9 Seine Publikation hat Ewers in acht Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel befasst sich er mit dem Begriff Kinder- und Jugendliteratur, was die Kinder- und Jugendliteratur ausmacht, was der Gegenstand der Kinder- und Jugendliteratur ist, und was der Sammelbegriff der Kinder- und Jugendlektüre bedeutet. Weiter führt Ewers die Begriffe intentionale Kinder- und Jugendliteratur, intendierte und nicht-intendierte Kinder- und Jugendlektüre, sanktionierte und nicht-sanktionierte Kinder- und Jugendliteratur und spezifische Kinder- und Jugendliteratur ein. Im zweiten Kapitel beschreibt Ewers das kinder- und jugendliterarische Handlungssystem. Weiter widmet sich der Autor in dem Buch der kinder- und jugendliterarischen Kommunikation, den kinder- und jugendliterarischen Traditionsverwendungspraxen, den Autoren im kinder- und jugendliterarischen System, Kinder- und Jugendliteraturnormen und – konzepten, und Fragen zum kindgerechten Schreiben. Im letzten Kapitel beschäftigt er sich mit Kinderliteratur als Anfängerliteratur. 10

7

EWERS, Heinz-Heino. Literatur für Kinder und Jugendliche. GmbH a Co. Verlags-KG, 2000. ISBN 978-3-7705-3483-8, S.9. 8 EWERS, Heinz-Heino. Literatur für Kinder und Jugendliche. GmbH a Co. Verlags-KG, 2000. ISBN 978-3-7705-3483-8, S.10. 9 EWERS, Heinz-Heino. Literatur für Kinder und Jugendliche. GmbH a Co. Verlags-KG, 2000. ISBN 978-3-7705-3483-8, S.10. 10 EWERS, Heinz-Heino. Literatur für Kinder und Jugendliche. GmbH a Co. Verlags-KG, 2000. ISBN 978-3-7705-3483-8

12

Eine Einführung. München: Wilhelm Fink Eine Einführung. München: Wilhelm Fink Eine Einführung. München: Wilhelm Fink Eine Einführung. München: Wilhelm Fink

3

Realistische Kinder- und Jugendliteratur

Der Begriff der realistischen Kinder- und Jugendliteratur umfasst hauptsächlich die Erzählungen, die von Erlebnissen Kinder und Jugendlicher im sozialen Umkreis ihres alltäglichen Lebens handeln. Der Begriff ist relativ jung, erst in den 70er Jahren wurde er als Gattungsbezeichnung benutzt und ersetzte Begriffe wie Umwelterzählung oder Jungenbuch.11 Realistische Kinder- und Jugendliteratur ist die literarische Entdeckung der realen Umwelt der Kinder, die die Darstellung der Lebenswelt der Kinder zum Ziel hat.

3.1 Anfänge der realistischen Kinder- und Jugendliteratur Mit der Aufklärung fängt die Orientierung der Literaturproduktion an unterschiedlichen Rezipienten an. So entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine spezifische Kinder- und Jugendliteratur und es kam zur Ausformung realistischer Literatur. Am Anfang der realistischen Kinder- und Jugendliteratur im 18. Jahrhundert entstanden als

Erstes

die

realistischen

Alltagserzählungen

wie

Exempel-,

Beispiel-

oder

Moralgeschichten. Diese Alltagserzählungen handeln von Kindern oder Jugendlichen aus der Welt der Leser. „Die Erzählungen schließen zwar an die Tradition der moralischen Belehrung durch Fabel oder Legenden an. Doch mit der Verankerung der Handlung in einem gegenwärtigen,

für

den

Leser

genau

lokalisierbaren

räumlichen

und

zeitlichen

Koordinatensystem geht ein wichtiger formaler Realitätsgewinn einher, durch den das Lehrhafte der Fabel konkretisiert und veranschaulicht, die Moral der Legende pädagogisch säkularisiert wird.“12 Für die neue Kinder- und Jugendliteratur ist das entscheidend, dem Rezipienten Erfahrungen zu vermitteln. Sie will den jungen Leuten bei der Orientierung in der bürgerlichen Gesellschaft helfen und eine ethische Beziehung zur Welt herstellen. Dabei lässt sie den Zusammenhang von Lernen und Vergnügen nicht aus. Im 19. Jahrhundert ist die Darstellung der Realität intensiver. Der zeitgenössische Blick auf die Lebensrealität ist schärfer. Man findet in den Themen dieser Zeit die gesellschaftlichen Probleme wie z.B. den Unterschied zwischen Arm und Reich.“Das aufklärerische Prinzip der Realitätsbewältigung durch die Moral der Vernunft wird in der 11 12

Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000. S. 158. Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000. S. 159.

13

KJL des 19. Jahrhunderts abgelöst von christlichen Moralvorstellungen und dem individuellen Ethos der Pflichterfüllung.“13 In diesem Jahrhundert erscheinen die ersten Modernisierungstendenzen in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur. Von da an fordern die Pädagogen, sich immer stärker am Ideal ethischer Erziehung durch die ästhetische Darstellung der Welt zu orientieren. Die ersten Modernisierungstendenzen in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur sind zu erkennen. Zu den bedeutendsten gehören Johann Friedrich Herbart und Otto Willmann. Erstmals zeichnen sich Darstellungsmethoden ab, die sich an den Erlebnissen und Erfahrungen der Kinder orientieren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen die Autoren eine große Rolle in der Erneuerung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur, die sich mit der aktuellen Lebenssituation der Großstadtkinder beschäftigen. Sie zeigen die Realität ihrer Gegenwart. Als bedeutendste Vertreter dieser Autoren tritt Erich Kästner mit seinen realistischen Kinderromanen in Erscheinung. „Die urwüchsige Moral des unverdorbenen Kindes, auf die Kästner das positive gesellschaftliche Konzept seiner realistischen Umweltromane gründet, wird zu einem neuen und wegweisenden Ideal für eine sinnorientierte Konstruktion der Wirklichkeit in der Literatur für Kinder.“14 Zur gleichen Zeit entsteht auch die sozialistische Jugendliteratur, die diese idealistische Wirklichkeitssicht kritisiert. Die Autoren wie z.B. Alex Wedding nutzen die sozialistischen Erzählmodelle. Nicht

nur

die

sozialistische

Kinder-

und

Jugendliteratur,

sondern

auch

die

nationalsozialistische Literatur beeinflusste diese Zeit. Aus der nationalsozialistischen Literatur ist das Buch Der Hitlerjunge Quex von Aloys Schenzinger zu nennen. Es ist die Geschichte eines jugendlichen Kommunisten, der sich zum Hitlerjungen gewandelt hat. Der Autor zeigt mit diesem Buch seine Sympathie für die NSDAP und sein Buch diente auch als eine Form des Propagandaromans. Die Bestrebungen um die Erneuerung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur enden mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 und der Bücherverbrennung.

13 14

Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000. S.160. Vgl.Scheiner, Peter in: Lange 2000, S.161.

14

3.2 Nach dem Jahr 1945 Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kam es zur Entstehung zweier deutscher Staaten, der BRD und der DDR. Diese Trennung brachte die Ausformung zweier unterschiedlicher Arten von Kinder- und Jugendliteratur mit sich. In der BRD behandelt die Kinderliteratur am Anfang die Moralgeschichten des 19. Jahrhunderts, Erzählungen des poetischen Realismus und auch Erzählungen von Kinderschicksalen in den Wirren der Nachkriegszeit. Langsam erscheinen auch solche Bücher, in denen die Figuren der Geschichten als selbständige und furchtlos handelnde Kinder auftreten. Diese Kinder bezeichnet die Sekundärliteratur als „Neue Kinderbuchhelden“. Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung

der

Kinder-

und

Jugendliteratur

in

der

BRD

haben

die

neuen

Umweltgeschichten, die von eigenständigen Erfahrungsmöglichkeiten des Kindes in seiner Welt erzählen. Diese Welt ist weit weg von der Welt der Erwachsenen. Den Einfluss auf diese Erzählungen haben neue pädagogische Vorstellungen der Nachkriegszeit und vor allem die skandinavische Kinder- und Jugendliteratur. Besonders Astrid Lindgren ist hierbei hervorzuheben. Astrid Lindgren und ihre Literatur einer autonomen Kinderwelt stellt die auffallendste Erneuerung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur in den 50er und 60er Jahren dar. Vor allem ihr Buch Pippi Langstrumpf, das im Jahre 1949 in Deutschland erschien, beinhaltet eine wesentliche Erneuerung. Pippi ist eine starke, anarchische Heldin mit wunderbaren Eigenschaften, die völlig frei in ihrer „Villa Kunterbunt“ lebt und sich viele Wunschträume von Autonomie gegenüber den Forderungen der Erwachsenen erfüllt. „Insofern sie die Erlebnisräume der kindlichen Protagonisten weitgehend entpädagogisiert und die kindlichen Eigenarten, in spezifischer Abgrenzung von jenen der Erwachsenen, in den Vordergrund stellt, markiert sich die erste kinderliterarische Moderne.“15 Die Entwicklung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur in der DDR unterscheidet sich deutlich von der der BRD. Die Welt der kindlichen Protagonisten ist viel näher an der Welt der Erwachsenen. Der Alltag der Kinder ist dem Alltag der Erwachsenenwelt nicht entzogen. „Im Gegenteil, sie tragen die Ideale der Gesellschaft in sich, und ihre Selbstverwirklichung wird zum aufklärerischen Modell für den Neuaufbau der sozialistischen

15

Vgl. Ewers in: Lange 2000, S. 163.

15

Gesellschaft. Die Tradition der proletarischen Literatur der 20er Jahre wirkt in diesen moralischen Exempelerzählung deutlich nach.“16 Die Kinder- und Jugendliteratur in der DDR orientierte sich zuerst an der Besatzungsmacht, vor allem an den Büchern der Sowjetunion, die in Ostdeutschland erschienen. Weiterhin wurden die unpolitischen Werke aus der Zeit des Nationalsozialismus und Werke von Autoren, die aus dem Exil in die DDR zurückkehrten, aufgelegt. Es handelt sich um antifaschistische Werke und Werke gegen Kapitalismus und Rassismus. Wichtig waren in diesem Teil Deutschlands wieder zwei Termini, „offizielle“ und „verbotene“ Literatur. Das bedeutet, dass erneut festgelegt wurde, was die Kinder und auch die Erwachsenen lesen dürfen. Die Kinder- und Jugendliteratur diente in der DDR hauptsächlich als ein Erziehungsmittel, das die jungen Leser zu sozialistischen Persönlichkeiten, die sich aktiv am Aufbau des sozialistischen Staats beteiligen, formen sollte.17 Realismus hat in der DDR Kinder- und Jugendliteratur große Bedeutung. Die realistischen Werke entstanden dort früher als in der BRD. Hierbei sind die Abenteuerliteratur von Liselotte Welskopf - Heinrich und die realistischen Inszenierungen im Dresdener Theater der jungen Generation besonders zu beachten.18 Einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der DDR zu werfen, war erst am Ende der DDR möglich. In dieser Zeit tauchen endlich die Themen des Alltags auf. Die Autoren beginnen über Themen wie Alkoholismus, Gleichgültigkeit, Rechtradikalismus in der DDR, soziale Widersprüche und Perspektivlosigkeit von Jugendlichen nach der Wende zu schreiben.19

3.3 50er Jahre In den 50er Jahren ist für die deutsche Kinder- und Jugendliteratur die Suche nach der „heilen Welt“ charakteristisch. In den neuen Werken orientieren sich Autoren nur selten an der zeitgenössischen Realität. Die Geschichten spielen sich auf Dörfern oder in kleinen Städten ab. Im Mittelpunkt steht die Großfamilie und die Protagonisten sind charakterlich gefestigt, im christlichen Glauben verwurzelt, von Heimat- und Elternliebe durchdrungen, zielstrebig und optimistisch. Den Autoren und Pädagogen geht es vor allem darum, junge 16 17 18 19

Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000, S.162. Vgl. Schikorsky 2003, S.164-167. Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000, S. 163. Vgl. Schikorsky 2003, S.167.

16

Menschen vor sittlichen Gefährdungen zu schützen. „Wir wollen ohne jede Prüderie und ohne jedes Muckertum eine saubere, gesunde, quicklebendige Jugend, der alles offenstehen soll, was schön und gut ist, von der aber auch ferngehalten werden muß, was ihr schadet.“ So stellt sich der CDU- Abgeordnete Emil Kemmer im Jahre 1952 im deutschen Bundestag die ideale Jugend in den 50er Jahren vor.20 Über Beachtung dieser Vorstellung wachte seit dem Jahre 1953 das „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ und im Jahre 1954 wurde die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ eingerichtet. Im Jahre 1955 wurde der „Arbeitskreis für Jugendliteratur“ gegründet. Zu diesem Arbeitskreis gehörten solche Personen, die etwas mit Kinder- und Jugendliteratur zu tun hatten. Dieser Arbeitskreis organisierte auch den „Deutschen Jugendbuchpreis“, den einzigen Staatspreis in Deutschland, welcher vom „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ gestiftet wurde. Seit dem Jahr 1956 wird er für herausragende Werke der Kinderund Jugendliteratur verlieren.21 In der zweiten Hälfte der 50er Jahre sollten sich die Kinder ganz ungestört und unbelastet von den gesellschaftlichen und sozialen Anforderungen des Erwachsenenlebens entwickeln. Den Autoren geht es nicht darum, junge Leser mit der Realität zu konfrontieren, sondern in die inneren Erlebnisräume der Fantasie vorzudringen. Zu diesen Autoren gehören u.a. Otfried Preußler, Michael Ende und James Krüss. Dennoch enthielten die fantastischen Werke Kritik an der Gesellschaft. Sie beanstandeten konservative Werte, Normen und Vorurteile oder die kapitalistische Konsumwelt. Sie folgten mit ihrer fantastischen Literatur der Vorstellung einer autonomen kindlichen Entwicklung.22

3.4 Ende der 60er Jahre Am Ende der 60er Jahre kam es in der BRD zu gesellschaftlichen Reformen und damit auch zur Erneuerung der realistischen Kinder- und Jugendliteratur. Eine große Rolle für den Umbau der Gesellschaft und der Kinder- und Jugendliteratur spielte das Jahr 1968. Mitte der 60er Jahre begannen die ersten Proteste gegen eine „Wohlstandsgesellschaft“. Die emanzipierte Gesellschaft (Pädagogen, Studenten) forderte einen umfassenden Umbau der Gesellschaft, vor allem in Institutionen wie Schulen, Medien und Kirchen. Weiter 20 21 22

Vgl. Schikorsky 2003, S. 141. Vgl. Schikorsky 2003, S. 141-142. Vgl. Schikorsky 2003, S.147-148.

17

demonstrierten sie gegen polizeiliche Willkür, Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den Kapitalismus. Im Jahre 1969 übernahm eine Koalition aus Sozialdemokraten und Liberalen die Regierung in der BRD23, was die Einführung von Reformen bedeutete. Auf Grund dieser Reformen kam es vor allem zur Demokratisierung im Schul- und Hochschulwesen. Statt der Erziehungsziele wie Gehorsam, Ordnung und Reinlichkeit, orientiert sich die Erziehung nun an Zielen wie Selbstvertrauen, Kritik- und Durchsetzungsfähigkeit. Erziehung sollte der Emanzipation und Veränderung der Gesellschaft dienen, indem Kinder die Probleme und Widersprüche der Realität möglichst früh kennenlernen sollte. Hauptsächlich sollten sie mit den Mitteln und Wegen zur Bewältigung dieser Probleme bekannt gemacht werden. Die Kinder- und Jugendliteratur nach dem Jahr 1968 galt als wichtiges Medium, um diese Ziele zu erreichen, was eine enorme Aufwertung bedeutete. In dieser Zeit tauchten auf dem Gebiet

der

Kinder-

und

Jugendliteratur

zahlreiche

Fachzeitschriften,

Preise

und

Auszeichnungen auf und Kinder- und Jugendliteratur wurde Gegenstand universitärer Forschung und Lehre. Neue Bücher für Kinder und Jugendliche sollten die Realität möglichst ungeschminkt und ohne jede Beschönigung nahe bringen. Sie wurden nicht mehr von der Erwachsenenliteratur unterschieden. Die neuen Themen sollten den aktuellen gesellschaftlichen Problemen entsprechen.24 Charakteristisch für den Beginn der neuen Kinderliteratur sind die antiautoritären Kinderbücher, in denen sich starke Kinder gegen jede Form von Willkür zur Wehr setzen. Zu den bekanntesten antiautoritären Kinderbüchern gehört das Buch Anti-Struwwelpeter (1970) von Friedrich Karl Waechter. In diesem Buch setzen sich die Kinder gegen Autoritäten und Drohungen der Erwachsenen durch. Parallel zur Entstehung der antiautoritären Kinderbücher kam es in dieser Zeit auch zur Entstehung der sozialkritischen Erzählliteratur (problemorientierte Kinderliteratur). Im Gegensatz zu den antiautoritären Kinderbüchern haben sich die problemorientierten Kinderbücher bis in die Gegenwart behauptet.

23 24

Bis dieser Zeit war in der Regierung fast zwanzig Jahre der christlich-konservative CDU Vgl. Schikorsky 2003, S. 152.-153.

18

3.5 Realistische Kinder- und Jugendliteratur nach dem Jahr 1970 Erst nach dem Jahr 1970 tritt der Begriff „ realistische Kinder- und Jugendliteratur“ in Erscheinung. Die neue realistische Kinder- und Jugendliteratur will den Kindern die Lebenswirklichkeit ohne Thementabus vermitteln. Nach Elvira Armbröster-Groh gibt es in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur drei Untergattungen der realistischen Kinderromane: „Problemorientierte Romane, die ihre Akzente auf sozialen Realismus setzen; psychologische Kinderromane, die psychologischen Realismus

darstellen,

und

komische

Familienromane,

in

denen

die

alltäglichen

Lebensprobleme mit Humor beschrieben werden.“25

3.5.1

Problemorientierte Romane

Als eine Untergattung der realistischen Kinderromane erscheinen die problemorientierten Romane, auch Problembücher genannt, ab dem Jahr 1970 in der Kinder- und Jugendliteratur. Zu den bedeutendsten Autoren dieser Gattung zählen Ursula Wölfel und Peter Härtling. Beide Autoren stellen ihre Leser in das wirkliche Leben und zeigen ihn nicht nur die schönen Seiten des Alltags in Familie und Gesellschaft, sondern auch die raue Wirklichkeit. Diese Bücher befassen sich inhaltlich mit den gesellschaftlichen Zuständen und versuchen Missstände und Widersprüche aufzudecken. Als hochgesteckte Ziele der Problembücher betrachtet Fürst Toleranz, solidarisches Verhalten und die Bereitschaft zur Verständigung. Diese Ziele können aber nicht durch einseitige Betrachtung erreicht werden. Die Problembücher sollten den Kindern und Jugendlichen eine Grundlage bieten und Orientierung und Sozialisierung ermöglichen.26 Die Problembücher schildern die Probleme aus dem Leben der Kinder und wenden sich der gemeinsamen Wirklichkeit von Kindern und Erwachsenen zu. Das Themenspektrum weitet sich, in den Büchern findet man nun die Themen, die man bislang in Kinderbüchern vergeblich gesucht hat. „Kindheit kommt im neuen Kinderroman als problematischer Lebensabschnitt in den Blick.“ 27

25 26 27

Vgl. Ambröster-Groh in: Lin, 2002. S.183. Vgl. Fürst 2000, S.135. Vgl. Steinz, Weinmann in: Lange 2005, S. 125.

19

Die Kinder müssen neue Probleme im Leben bewältigen, wie z.B. die Scheidung der Eltern, instabile Familienverhältnisse, berufstätige oder alleinerziehende Mütter und Behinderung. Es kommt zum Brechen von Tabus. Man findet ein breites Spektrum von Themen wie Heimkinder, Kinder von Ausländern, Drogen, Sucht, Gewalt, Kriminalität, Krankheit, Sexualität, eigene Identität, Emanzipation, Krieg und Religion. Neu sind auch die Themen erste Liebe und Tod. Der Tod wird in dieser Zeit häufig zum Thema. Zu den bedeutendsten Kinderbüchern gehört das Buch Servus Opa, sagte ich leise von Elfie Donelly. Die Autorin erzählt aus der Perspektive eines 10-jährigen Jungen vom Sterben eines alten Mannes. Mit ihrer Erzählung, die in das Innere des Protagonisten eintaucht, kennzeichnet der Roman die Anfänge des psychologischen Kinderromans. Die Autoren nutzen die moderne Ich-Erzählung und das personale Erzählen mit ihrer, aus der

Subjektivierung

hervorgehenden

Unsicherheit.

Das

auktoriale

Erzählen

ist

zurückgedrängt.

3.5.2

Psychologischer Kinderroman

Die psychologischen Kinderromane als die zweite Untergattung der realistischen Kinderromane entwickeln sich erst nach dem Jahr 1985. Hierbei verlagert sich der Erzählstandort ins Ich der Protagonisten. Maria Lypp schreibt in ihrem Aufsatz Der Blick ins Innere zu dieser Gattung: „Es scheint, als habe die Kinderliteratur, nachdem sie vom Beginn der 70er Jahre an ihr Defizit an extensiver Weltdarstellung ausgeglichen hat, nun auch die Wirklichkeit des menschlichen Inneren auszuloten begonnen und verschiebe ihre Grenze ein weiteres Mal.“ 28 Im Gegensatz zu den Problembüchern verschiebt sich der Schwerpunkt der psychologischen Kinderromane von der Außenwelt zur Innenwelt der Protagonisten. Mit der Hilfe neuer Ausdrucksformen wie erlebter Rede, innerer Monolog und stummer Dialog können die Autoren den Lesern besser und intensiver die Gedanken, Gefühle, Träume und Ängste der Protagonisten vermitteln. Außerdem nutzten die Autoren neue Erzähltechniken wie die rückblickende Erzähltechnik und Ich-Erzählen. Häufig lassen sie die IchProtagonisten selbst erzählen, was ihnen passiert ist oder was ihnen gerade passiert.

28

Vgl. Lypp 1989, S.24.

20

3.5.3

Komische Familienromane

Als dritter Zweig der realistischen Kinder- und Jugendromane entwickelten sich die komischen Familienromane in den 90er Jahren. Es handelt sich um Kinderromane, die von ernsten Lebensproblemen wie der Vereinsamung sozial isolierter Kinder heute, der Probleme der Kinder in der Ein-Eltern-Familie oder der Trennung einer Familie erzählen. Die Protagonisten dieser Kinderromane sind Kinder, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und sich auf komisch-ironische Weise von den kaum lösbaren Problemen distanzieren. Zu den bekanntesten Autoren gehören Kirsten Boie mit ihren Büchern wie Mittwochs darf ich spielen (1993), Nella Propella (1994) oder Jelles schlimme Briefe (1994) und Christine Nöstlinger. „Dem komischen Kinderroman geht es um entlastende Bewältigung der Realität. Sie stellt sich ein in dem ihm eigenen Spannungsverhältnis zwischen ‚Erzählgegenstand und Erzählweise’, mit dem sich über den Humor eine besondere Erfahrungstiefe der Realität vermittelt.“ 29

29

Vgl. Scheiner, Peter in: Lange 2000, S.176.

21

4

Kirsten Boie

„Kirsten Boie gelingt der schwierige Balanceakt, Literatur als Kunst zu vermitteln, ohne dabei die Bedürfnisse der Zielgruppe aus dem Auge zu verlieren. Die literarische Komplexität geht nie zu Lasten der Lesbarkeit. Auf der anderen Seite geht die Auseinandersetzung mit den für Kinder wichtigen Themen auch nie zu Lasten der literarischen oder poetischen Qualität.“30

4.1 Das Leben von Kirsten Boie Kirsten Boie wurde am 19. Mai 1950 in Hamburg geboren. Hier besuchte sie die Schule und absolvierte das Studium. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen. Mit fünfeinhalb Jahren wurde ihr Bruder geboren, mit dem sie bis zu ihrem 13. Lebensjahr ein Zimmer teilen musste. Als Kind in Hamburg spielte die Sechsjährige Akkordeon. Später tauschte sie die Noten gegen Buchstaben und las sehr viel. Zu ihren Lieblingsautoren gehörten Astrid Lindgren, Karl May und Hans- Georg Noack. Deutsch war ihr Lieblingsfach in der Schule. Sie stritt sich heftig mit ihrer Deutschlehrerin, wenn sie schlechte Noten bekam, weil ihre Sätze zu lang waren und begründete das oft mit Sätzen wie „Aber Thomas Mann macht das doch auch.“31 Im Jahre 1956 erhielt sie zu Weihnachten den ersten Band der Pipi-Langstrumpf-Trilogie. Dann erkrankte sie plötzlich an Masern und sie musste lange Zeit im Bett bleiben. Während sie mit hohem Fieber im Bett lag, las ihr Vater ihr daraus vor. Das war die erste Verbindung zwischen Kirsten Boie und Astrid Lindgren. Sie fand einen unmittelbaren Zugang zu Astrid Lindgrens Büchern. Vor allem liebte sie Pippi und die Kinder aus Bullerbü. Kirsten Boie wird heute oft als „deutsche Astrid Lindgren“ oder als „ihre Nachfolgerin“ bezeichnet.32 Als Astrid Lindgren am 28. Januar 2002 in Stockholm starb, wurde ihr Tod in den Nachrichten sämtlicher Fernseh- und Rundfunksender kommentiert. Auch Kirsten Boie schrieb einen Nachruf auf die Autorin. In diesem Nachruf wollte sie sich von Astrid Lindgren verabschieden. Sie schrieb nicht nur davon, wie wichtig Astrid Lindgren für die Kinderliteratur war, sondern vor allem davon, wie wichtig sie für die Kinder und für sie selbst 30

Daubert, Hannelore: Die Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie. In: Blume, Monika/Stelzner, Bettina (Redaktion): The German author Kirsten Boie. Hans Christian Andersen Award 2002. München: Arbeitskreis für Jugendliteratur 2001. S. 3–9 31 http://www.kirsten-boie.de [am 12.7.1008] 32 http://www.bjk.ch/95.html [am 15.7.2008]

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war: „Denn Astrid Lindgren ist die einzige Schriftstellerin, die mir einfällt, mit deren Figuren in diesem Land beinahe jeder aufgewachsen ist. Sie ist ein Vorbild aus frühen Kindertagen. Kein anderer Autor, keine andere Autorin hat in meinem Leben eine Rolle gespielt wie sie.“33 Das Geheimnis der Wirkung besteht für sie darin, dass die Autorin dem kindlichen Leser das Gefühl vermittelt, angenommen und verstanden zu sein und in ihren Geschichten die Gefühls- und Erlebniswelt von Kindern authentisch und intensiv darstellt. Außerdem beeindruckte sie die große Ehrlichkeit in Astrid Lindgrens Texten.34 Kirsten Boie und Astrid Lindgren haben viel gemeinsam. Beide arbeiteten für den Friedrich Oetinger Verlag in Hamburg und nicht nur das: „Zwei wesentliche Dinge hat Kirsten Boie mit Astrid Lindgren gemeinsam: Auch sie erzählt direkt und ernsthaft von kindlichen Gefühlen. Sie zeigt sie in Originalgröße und im Alltagsformat - eine der schwersten Übungen für Autoren, die für Kinder schreiben. Tatsächlich gibt es hierzulande keine vielseitigere Kinderbuchautorin als sie und auch keinen Autor. Das Erstaunlichste an dieser Fülle ist, dass jedes Buch in einem neuen, eigenen Ton geschrieben ist, der mit klarer Konsequenz eingehalten wird. Niemand sonst in der Kinderbücherwelt kann so viele Stimmen aufrufen und bleibt dabei zugleich so unverwechselbar wie Kirsten Boie.“35 Mit 14 Jahren nahm sie an einem deutsch-englischen Schüleraustausch teil. Dies beeindruckte sie so nachhaltig, dass sie später begann, Englisch zu studieren. Eigentlich wollte sie Chemie studieren. Aber vor dem Abitur in den Sechzigern sagte man ihr bei der Berufsberatung, dass sie als Frau höchstens die Laborgehilfin werden könne. Forschung sei Männersache. Damit war dieser Beruf für sie ohne Zukunft. Sie wählte daraufhin den für Frauen damals typischen Beruf Lehrerin. Als zweites Fach belegte sie Germanistik. Sie studierte an der Hamburger Universität, da es ihr dort möglich war durch ein Studienjahr an der englischen Universität Southampton ihre Kenntnisse der englischen Sprache und Literatur zu vertiefen. Schon während ihres Studiums war ihr klar, dass sie auf keinen Fall Lehrerin werden wollte. Während eines Praktikums an einer Schule merkte sie, dass ihr das Unterrichten und der Umgang mit Kindern liegen.

33

STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.1 34 vgl.: Steffens 2006, S.1 35 OSBERGHAUS, Monika: Die Kunst, Kindheit in Originalgröße zu schreiben. Von der Tiefenschärfe der Alltagsgefühle und der Instanz des richtigen Tonfalls: Kirsten Boie hat Astrid Lindgrens Erbe angetreten: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.Oktober 2006,Nr.239,S.43

23

Nach dem ersten Staatsexamen promovierte sie in Literaturwissenschaften über die frühe Prosa von Bertolt Brecht.36 Parallel dazu unterrichtete sie an einer privaten Handelsschule. Zu dieser Zeit heiratete sie auch ihren Mann. Ihren Lebensunterhalt während des Studiums verdiente sich Kirsten Boie in der Bibliothek des literaturwissenschaftlichen Seminars der Universität Hamburg. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerin an einem Hamburger Gymnasium und einer Gesamtschule (von 1978 bis 1983), wo sie viel über die verschiedenen Lebenswirklichkeiten in unterschiedlichen Familienverhältnissen von Kindern und Jugendlichen lernte. Im Jahre 1983 schrieb sie, ehr aus Zufall, ihr erstes Buch. Kirsten Boie adoptierte in diesem Jahr ein Kind und merkwürdigerweise verlangte das zuständige Jugendamt von ihr nach dem Erziehungsurlaub weiterhin zu Hause zu bleiben und sich ausschließlich um das Kind zu kümmern. Sie wollte aber beides, Familie und Beruf. Sie dachte nach, was sie tun könnte und erinnerte sich, dass sie als Kind und Jugendliche häufig Geschichten geschrieben hatte. Damals waren es allerdings nicht Geschichten für Kinder, sondern für Erwachsene. Eines Tages, als sie ihren Sohn fütterte, entstanden die ersten Sätze ihres ersten Buches. Dieses Buch erschien im Jahre 1985 unter dem Titel Paule ist ein Glücksgriff, eine Geschichte über einen adoptierten Jungen. Zwei Jahre später erfolgte die Adoption eines zweiten Kindes, einer Tochter. Ihr erstes Kinderbuch Paule ist ein Glücksgriff (1985) war sofort ein großer Erfolg (Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis; Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach; Ehrenliste des Österreichischen Staatspreises für Kinder- und Jugendliteratur). Unter anderem wurde das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 1986 nominiert. Von da folgte ein Buch nach dem anderen. Inzwischen sind von Kirsten Boie weit mehr als sechzig Bücher erschienen, die in sechzehn Sprachen übersetzt wurden (ins Schwedische übersetzte ihre Bücher die Tochter von Astrid Lindgren, leider wurden ihre Werke noch nicht ins Tschechische übersetzt). In ihren Büchern steht die Autorin immer auf Seiten der Kinder, wobei sie allerdings die Erwachsenen nicht vergisst. Die Zahl der Preise und Ehrungen, die Kirsten Boie erhielt, ist sehr groß und wächst immer noch. Im Jahre 2007 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet. 36

Bertolt Brecht gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern und wird als einflussreichster deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

24

Im Wintersemester 2006/2007 erhielt sie die Poetikprofessur an der Universität Oldenburg. Seit einigen Jahren unternimmt sie in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Reisen in verschiedene europäische und nichteuropäische Länder. Heute lebt Kirsten Boie mit ihrem Mann, der als Schulleiter arbeitet, und mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg. Sie hat immer noch große Lust zu schreiben und will noch so lange weiterschreiben, wie sie neue Einfälle hat. „Zwei Dinge sind Kirsten Boie beim Schreiben besonders wichtig: Zum einen, dass Literatur für Kinder immer auch Literatur sein sollte; zum anderen, dass darüber nicht vergessen wird, an wen sie sich richtet, dass sie also Literatur für Kinder ist: ‚Bei dem Spagat zwischen beiden Anforderungen rutsche ich sicherlich einmal mehr zur einen, einmal zur anderen Seite hin aus. Aber hier die richtige Balance zu suchen, ist es gerade, was das Schreiben für Kinder für mich so aufregend macht.‘“37

4.2 Das Schaffen von Kirsten Boie „Zu Lesern werden die Kinder ganz allein dann, wenn sie neugierig sind auf das, was ein Text ihnen anzubieten hat…“38 Diese Arbeit befasst sich hauptsächlich mit den Kirsten Boies Büchern für Jugendliche und stellt einige Werke näher. Deshalb soll in diesem Teil das Gesamtwerk der Autorin nur grob skizziert und auf ihre Problembücher und psychologischen Kinderromane näher eingegangen werden. Anderseits kann auf eine Gesamtübersicht nicht verzichtet werden, da sonst eine Einordnung nicht möglich wäre. Es ist nicht einfach ihr gesamtes Werk zu charakterisieren, dazu ist die Liste der Bücher Kirsten Boies zu lang. Dabei fing die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Gymnasiallehrerin erst mit 35 Jahren an, für Kinder zu schreiben. Im Jahre 1985 schrieb sie ihr erstes Buch Paule ist ein Glücksgriff, die Geschichte eines dunkelhäutigen, adoptierten Jungen, und hatte damit einen beachtlichen Erfolg. Kirsten Boie selbst ist „ein Glücksgriff für die Kinder- und Jugendliteratur“ und gehört heute zu den renommiertesten deutschen Autorinnen der Gegenwart. „Sie hat mit ihren Büchern einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Themen-, Formen- und 37 38

http://www.kirsten-boie.de/index.php?article_id=42 [am 16.07.2008] Kirsten Boie

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Funktionsvielfalt der modernen deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur geleistet. Sie gilt darüber hinaus als eine der wichtigsten Vertreterinnen des modernen Kinder- und Jugendromans.“39 Schon als kleines Mädchen schrieb Kirsten Boie verschiedene Geschichten. Früher waren es vor allem Geschichten für Erwachsene. Ihre ersten Geschichten schrieb sie mit fünf Jahren auf Butterbrotpapier, sie hießen Gisula unt der Brant und Gisula bei din Tiren. Heute schreibt sie keine Bücher für Erwachsene mehr: „Für Kinder zu schreiben ist einfach lustiger. Die Kinder sind ein wunderbares Lesepublikum und sie lassen sich viel leichter begeistern als Erwachsene, dass man sogar die Hoffnung haben darf, bei ihnen noch etwas zu bewirken, weil sie beim Lesen eines Buches auf einen Gedanken, einen Zusammenhang, eine Einsicht vielleicht zum ersten Mal stoßen“.40 Als sie anfing, glaubte sie noch, dass sehr viel mehr Kinder mit Vergnügen läsen. Im Laufe der Jahre musste sie aber lernen, dass es heute eine beträchtliche Zahl von Kindern gibt, für die es immer schwieriger wird, einen Zugang zum Lesen zu finden, so dass sie dies beim Schreiben nicht ignorieren kann. Dazu sagte Kirsten Boie in einem ihrer Interviews auf ihrer Internetseite: „Schließlich ist das Bücherschreiben eine kommunikative Tätigkeit, Bücher wollen gelesen werden. Aber deswegen muss ich noch lange nicht jeden vermeintlichen Anspruch der Kinder befriedigen und jeden eigenen Anspruch aufgeben. Es gibt einen, wenn auch vielleicht nicht immer goldenen, Mittelweg. Und den versuche ich beim Schreiben zu finden.“41 Die Ideen für ihre Bücher kommen meist ganz plötzlich, vor allem bei der Hausarbeit und sie kann nicht sagen, woher sie ihre Inspiration nimmt. Eher atypisch für ihre Werke ist, dass sie Erinnerungen an ihre eigene Kindheit beim Schreiben nutzt. Dies ist nur bei dem Buch Monis Jahr (2003), eine Geschichte aus den fünfziger Jahren, der Fall. Dieses Buch wird später in dieser Arbeit noch näher betrachtet. Niemals schildert Kirsten Boie reale Vorkommnisse. Die Autorin lässt sich von realen Geschehnissen nur inspirieren. Kirsten Boie gilt als ausgezeichnete Beobachterin. Sie beobachtet aufmerksam die Wirklichkeit um sie herum. Alles was sie sieht, kann man in ihrem Schaffen finden, denn in ihren Geschichten spiegeln sich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, die sozialen Strukturen und auch die Verwerfungen und Veränderungen. Darin liegt die

39

DAUBERT, Hannelore: Immer auf Seiten der Kinder. Über die Romane von Kirsten Boie. Laudatio auf Kirsten Boie anlässlich der Nominierung zum Hans-Christian-Andersen Preis, Juli 2001.S.1 40 http://www.kirsten-boie.de/index.php?article_id=39 [am 10.08.2008] 41 http://www.kirsten-boie.de/index.php?article_id=39 [am 10.08.2008]

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Originalität der Texte Kirsten Boies, in der genauen Zeichnung des Alltags von Kindern und Jugendlichen.

4.3 Themen In ihren Büchern behandelt sie ein breites Spektrum von Themen, die sie sehr authentisch vermittelt. Es handelt sich vor allem um psychische, soziale und politische Problemfelder: z.B. Depressionen nach sozialem Abstieg von Familien, Ausländerfeindlichkeit, Umgang mit Behinderten, Gewalt im Alltag und in der Schule, Asylantenprobleme, Patchwork-Familie, unterschiedliche Milieus, Kinder in Scheidungsfamilien, Rechtsextremismus und die Geschlechterrollen in der heutigen Gesellschaft. Sie versucht, mit ihren fiktiven Welten tiefgründig in die Struktur heutiger Probleme einzudringen. „Die Verbindung eines hohen ästhetischen Anspruchs mit einer auffälligen Attraktivität für die kindlichen und jugendlichen Leser dürfte in dieser Form auf dem deutschen Büchermarkt einmalig sein. In ihr offenbart sich, dass modernes Erzählen nicht mit einem Verlust an Verständlichkeit für ein breites Publikum einhergehen muss.“42

4.4 Stil Der Sprachstil Kirsten Boies ist offenkundig. Die Unmittelbarkeit ist für ihren Stil typisch. Pädagogische Direktheit ist ihr fremd, weil die Lesbarkeit und die literarische Qualität für Kirsten Boie einen hohen Stellenwert haben. „Sie schreibt mit trockenem Humor und unverwechselbarem Sprachwitz, erfrischend unpädagogisch und ganz nah am Kind. Häufig stehen selbstbewusste, kesse Mädchen im Mittelpunkt ihrer Geschichten, und mit ironischer Distanz nimmt sie traditionelles Rollenverhalten aufs Korn.“43 Sie schreibt für unterschiedliche Altersstufen, weswegen sie sich mit der Problematik des Adressatenbezugs intensiv auseinander setzte. Dieses gelingt ihr sehr gut, vor allem für die Gruppen der Erstleser und der Jugendlichen. „Zugleich handhabt sie ‚meisterhaft die schwierige Kunst, kurze und dennoch temporeiche und vergnügliche Texte für Leseanfänger 42

STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.5 43 http://www.beltz.de/katalog/buch.asp? [am 01.09.2008]

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zu schreiben’ oder in elaborierter Syntax poetische Anklänge zu vermitteln. ‚Werden psychologische, soziale und politische Konflikte thematisiert, so geschieht dies nicht auf Kosten der poetischen Qualität.’“44 Ihre Romane weisen zahlreiche moderne Formen des Erzählens auf, die den Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur seit den 70er Jahren gefunden haben. Als zwei Modellfälle sind die Jugendbücher Ich ganz cool (1992) und Erwachsene reden. Marco hat was getan (1994). In diesen Büchern benutzt sie die auktoriale und die personale Form des Erzählens genauso wie die traditionelle Ich-Perspektive. Im ersten oben genannten Buch wählte sie eine unmittelbare Annäherung an die Sprache der Jugendlichen, während sie sich im zweiten Buch dazu entschied, eine Collage von Interviews mehrerer Personen und einen stumm bleibenden Interviewer zu verwenden.

4.5 Schaffen Zunächst dominierten die realistischen Kinder- und Jugendromane ihr Schaffen. Als Beispiel ist das Buch Der Prinz und der Bottelknabe (1997) zu nennen, das auf dem Motiv Mark Twains Prinz und Bettelknabe (1881) basiert. In diesem Buch skizziert Kirsten Boie sehr realistisch unterschiedliche Milieus. Die Geschichte formuliert sie in Form eines modernen Märchens. Die Sekundärliteratur bezeichnet allerdings die modernen psychologischen Kinder- und Jugendromane als ihre größten Erfolge. In ihren psychologischen Jugendromanen verlagert sich die Handlung ins Innere, in die Gefühlslage und Bewusstseinslage der Protagonisten. Sie gilt als einer der wichtigsten Vertreter dieses Genres. Zusammen mit Christina Nöstlinger gehöhrt sie zu den wichtigsten Autorinnen der modernen Familienromane. Ein typisches Merkmal bei ihren Familienromanen ist die Komik. Die Protagonisten sind selbstbewusste, aktive, starke und selbstständige Kinder, die mit Ironie und Selbstironie handeln. Diese Kinder lernen die Schwäche der Erwachsenen kennen und haben keine Angst, diese Schwäche pfiffig zu kritisieren. Als Beispiel sollen hier die Bücher Nella Propella (1994) und Jeder Tag ein Happening (1993) genannt werden. Ausserdem tritt sie mittlerweile immer stärker als Literaturwissenschaftlerin in Erscheinung. Ihre Arbeit dokumentiert sie in verschiedenen Interviews, Artikeln, Zeitungen, Fachzeitschriften und Vorträgen. Nennenswert an dieser Stelle sind ihre Essays über die 44

STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.8

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Kinder- und Jugendliteratur wie z.B. Wie wir die Kinder zum Lesen motivieren sollen oder Wie ist das Schreiben von Erstlesebüchern. Ihr Werk umfasst aber auch Pappbilderbücher, Bücher für Erstleser und Bilderbücher. In dem Artikel Kinder brauchen Bilderbücher schreibt Kirsten Boie: „Bilderbücher sind kein Luxus, und das frühe Betrachten von Büchern gemeinsam mit einem vertrauten Erwachsenen bedeutet für das Kind nicht nur eine wunderbare, liebevolle Situation, es kann kleine Kinder auch entscheidender fördern als vieles Andere“45. Sie betont sehr stark, wie wichtig Bilderbücher für Kinder sind. Vor allem für kleine Kinder, die sich mit den Illustrationen identifizieren und Fähigkeiten erwerben können, die lebenslang eine wichtige Voraussetzung für genussvolles Lesen bleiben werden. Zu den bedeutendsten Illustratorinnen, die an den Büchern von Kirsten Boie arbeiten, gehören Jutta Bauer und Silke Brix. Neben den illustrierten Geschichten schreibt sie auch Kinderbücher. Sehr beliebt sind die von ihr verfassten Reihen wie Die Geschichten aus dem Möwenweg, ein „modernes Bullerbü“ im Reihenhaus, oder Erzählungen um Lena, ein Mädchen im Grundschulalter, Juli, ein Junge im Kindergartenalter oder die King-Kong Reihe. Zu ihrem Werk zählen ebenfalls Drehbücher wie z.B. für die ZDF- Kinderserie Siebenstein Die Riesentorte oder Die Froschprinzessin und Theaterstücke Prinzessin Rosenblüte oder Die Prinzessin auf dem Fahrradständer. In letzter Zeit sind auch phantastische Romane dazugekommen. Zu den bedeutendsten gehören Der durch den Spiegel kommt (2001), Die Medlevinger (2004) und Skogland (2005). Viele Werke von Kirsten Boie wurden in den Schulen verwendet und in Schulen gelesen (z.B. Kinderliteratur in der Grundschule von Karin Richter, in dem die Autorin zwei Romane von Kirsten Boie berücksichtigte: Mit Jakob wurde alles anders und Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein. Sie erhielt nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland viele Preise. Die wichtigsten sind: dreimal für den Andersen Award nominiert die international wichtigste Auszeichnung

für

Kinderbuchautoren

weltweit,

sozusagen

der

„Nobelpreis“

der

Kinderliteratur. Im Jahre 2007 erhielt Kirsten Boie für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. Ausgezeichnet wurde sie für ihre literarische Qualität, humanistischen Grundhaltung, formale Vielfalt, sprachliche Disziplin, sprachlichen Formenreichtum und Wandlungsfähigkeit. Die komplette Liste ihrer Werke und Auszeichnungen findet sich im Anhang.

45

BOIE, Kirsten: Kinder brauchen Bilderbücher erschienen am 26.11.2005. in der WELT als Leitartikel der Kinderbuchbeilage

29

5

Vergleich des Buchs Mit Jakob wurde alles anders von Kirsten Boie mit dem Buch Fränze von Peter Härtling

5.1 Kirsten Boie – Mit Jakob wurde alles anders Dieses Buch erschien 1986 beim Hamburger Friedrich Oetinger Verlag und umfasst 127 Seiten. Im Jahre 1987 wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für Inge Wild ist der Roman „ein exemplarischer kinderliterarischer Text für zeitgenössische Erosionsprozesse der Familie und die Veränderung der Geschlechterordnung, die ein wichtiges Teilsegment des gesamtkulturellen Systems ist.“ 46 Protagonistin ist die Ich-Erzählerin Nele. Nele ist 12 Jahre alt. Sie hat einen Bruder Gussi, der 3 Jahre alt ist. Ihr Vater arbeitet als Lehrer und ihre Mutter ist zu Hause mit Gussi. In der Familie ist alles in der Ordnung. Nach einer langen Pause will die Mutter wieder arbeiten gehen. Gussi ist schon 3 Jahre alt und das bedeutet, dass er in den Kindergarten gehen kann. Die Mutter freut sich schon sehr auf die Arbeit. Früher wollte sie Richterin werden, aber dann hat sie ihren Mann kennengelernt und wurde mit Nele schwanger. Mit einem Kind konnte sie noch arbeiten, aber dann kam noch Gussi und sie musste aufhören zu arbeiten. Dann kommen plötzlich zwei Neuigkeiten, die das Leben der ganzen Familie verändern. Die erste Neuigkeit ist das, dass die Mutter schwanger ist. Die zweite Neuigkeit ist, dass der Vater ein Jahr lang Urlaub nimmt, um sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Jakob heißt das dritte Kind, das in die Familie kommt. Während der ersten Zeit ist die Mutter noch zu Hause, aber der Vater füttert und wickelt ihn. Am Wochenende steht er sogar nachts auf, damit die Mutter ausschlafen kann. Nach den Sommerferien gibt es noch ein Ereignis, das nicht das Leben der ganzen Familie, sondern Neles Leben verändert. Sie hat sich zum ersten Mal verliebt, in Oliver, einen Junge aus ihrer Klasse. Sie träumt immer von Oliver und sie glaubt, dass er sie auch liebt. Neles beste Freundin heißt Katta. Katta und Nele reden über den Jungen und über ihrer Familien.

46

Wild in:EWERS, Heinz- Heino. Familienszenen. Die Darstellung familialer Kindheit in der Kinder- und Jugendliteratur. Juventa Verlag Weinheim und München, 1999. ISBN 3-7799-0450-0.S.134.

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Zu Hause herrscht großes Chaos. Neles Vater hat viel zu tun mit dem Haushalt. Am Anfang dachte er, dass es einfach sei. Er gesteht Nele, dass es sehr schwer ist, den Haushalt zu führen. Für Nele ist es eine komplizierte Phase ihres Lebens. Sie schämt sich für die Situation in ihrer Familie und will niemandem davon erzählen. Sogar ihre Freundin Katta ist der Meinung, dass Frauen mit den Kindern zu Hause bleiben und Männer das Geld verdienen sollen. Trotzdem unterstützt Nele den Vater und glaubt, dass er es schafft. Auch für Gussi ist es nicht einfach. Es gefällt ihm nicht im Kindergarten und seit Jakob in der Familie ist, fühlt er sich zurückgesetzt. Die Mutter ist aber fröhlich und kommt jeden Tag vergnügt nach Hause, obwohl sie weiß, dass auch da noch Arbeit auf sie wartet. Nach der Arbeit hilft sie dem Vater im Haushalt. Nele erzählt Katta von Oliver und glaubt, dass Katta ihr mit Oliver hilft. Sie will Oliver beeindrucken, föhnt sich die Harre und benutzt Mamas Parfüm. Sogar Fußball spielt sie mit den Jungen. Zu Hause wird es nicht besser, der Vater kämpft weiter mit dem Haushalt. Die Eltern streiten sich häufig. Gussi will nicht nach Hause gehen und bleibt lieber bei seinem Spielkameraden. Nele ist sehr enttäuscht, als sie schmerzhaft entdeckt, dass Oliver sie nicht liebt. Er liebt Katta, ihre beste Freundin. Und Katta liebt ihn. Am Ende der Geschichte gibt es leider kein richtiges Happy-End. Trotzdem geht alles gut aus. Die Mutter arbeitet weiter und der Vater ist zu Hause. Er kommt mit dem Haushalt und den Kindern besser zurecht als am Anfang. Sie streiten sich noch ab und zu. Nele glaubt also, dass sie zu Hause über den Berg sind.

5.2 Peter Härtling – Fränze Das Buch erschien im Jahre 1989 beim Beltz Verlag in Weinheim. Es umfasst 111 Seiten und 17 Kapitel. Das farbige Umschlagbild und die 9 Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind von Peter Knorr. Die Hauptfigur des Romans heißt Franziska Heissler, aber jeder nennt sie Fränze. Sie ist 13 Jahre alt, hat grüne Augen und spielt sehr gern und gut Geige. Am Anfang der Geschichte lebt sie mit ihren Eltern in einer Wohnung, besucht die Schule und hat keine Probleme.

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Fränze liebt Esel und ihr Traum ist, einmal einen eigenen Esel zu haben, am liebsten in einem Stall bei dem Haus, für das die Eltern sparen. Der Vater von Fränze heißt Johannes, sie ruft ihn auch so. Er arbeitet schon lange in einer Firma als Buchhalter. Die Mutter arbeitet in einer Buchhandlung, zu ihr sagt Fränze Mams. Mams und Fränze spüren, dass Johannes seit einiger Zeit anders ist und dass ihm etwas Sorgen macht. Er verändert sich langsam. Fränze und ihre Mutter haben sogar Angst vor ihm, vor allem wenn er betrunken nach Hause kommt. Fränze versteht nicht, was mit Johannes los ist und will die Ursache herausfinden. Ihr bester Freund, der zwei Jahre älter ist, heißt Holger. Sie vertraut ihm alles an und bittet ihn um Hilfe. Sie fahren zusammen zu der Firma, wo ihr Vater arbeitet. Dort stellt sie fest, dass die Firma schon lange nicht mehr existiert. Ihr Vater wurde entlassen. Zu Hause sagt sie das ihrer Mutter, die es allerdings schon weiß. Fränze glaubt, dass sich ihr Vater dafür schämt, dass er arbeitslos ist. Sie und ihre Mutter möchten ihm helfen und sie glauben, dass er neue Arbeit findet. Johannes ist aber zu stolz, er will keine Hilfe. Er lässt Fränze und ihre Mutter alleine und zieht aus. Fränze will den Vater suchen. Statt in die Schule zu gehen, ist sie immer unterwegs, auf der Suche. Dann findet sie ihn, sogar mit einer fremden Frau. Er kommt zurück nach Hause, leider aber nur für kurze Zeit. Er macht nichts. Fränze meint, dass er etwas tun sollte. Johann fühlt sich beleidigt und ist häufig außer Haus. Wenn er zu Hause ist, streiten sich die Eltern häufig. Dann zieht er endgültig aus. Fränze ist sehr enttäuscht und traurig. In der Schule wird es auch schlimmer. Bei einem Gespräch hört Fränze, dass ihre Mitschüler das kurze, böse Wort Aso benutzen. Sie weiß, dass sie nicht über ihren Vater sprechen, trotzdem tut ihr das weh. Ihre Mitschüler sagen: „Ein Aso, das ist die Abkürzung für Asozialer. Ein Aso ist ein kaputter Typ. Ein dreckiger Kerl. Die Kiosksäufer auf dem Schillerplatz, das sind Asos. Die Arbeitslosen.“47 Sie denkt an Johannes: „Johannes ist ein Aso. Ein Arbeitsloser, ein Penner“48. Fränze entschließt sich, ihrem Vater zu helfen und unternimmt zwei wichtige Dinge. Sie schickt einen Brief an ihre Großeltern, die Eltern ihres Vaters. Und sie geigt in der U-Bahn für Johannes und alle Arbeitslosen. Opa Friedrich ist der Vater von Johannes. Er kommt und versucht mit Johannes zu reden, allerdings ohne Erfolg. Erfolgreicher ist ihr Versuch, in der U-Bahn zu geigen. Sie geigt sehr gut, viele Leute, die vorbei gehen, bemerken sie. Aber auch die Polizisten, die ihren Auftritt beenden, weil Fränze keine Erlaubnis hat. Zufällig ist in der U-Bahn zur gleichen Zeit eine 47 48

HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. ISBN 3-407-78170-9 S.59 HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. ISBN 3-407-78170-9 S.62

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Journalistin, die mit Fränze ein Interview macht. Am nächsten Tag kann jeder in der Zeitung den Artikel über Fränze und ihren Vater lesen. Johannes wartet auf Fränze nach der Schule und endlich reden sie miteinander. Fränze bemüht sich vergeblich. Der Vater kommt wahrscheinlich nicht mehr nach Hause, er will nach Hamburg fahren, um sich eine neue Arbeit zu suchen. Am Ende findet Fränze einen Abschiedsbrief von Johannes und einen kleinen hölzernen Esel.

5.3 Vergleich des Buchs Mit Jakob wurde alles anders von Kirsten Boie mit dem Buch Fränze von Peter Härtling

5.3.1

Kriterien für die Auswahl der beiden Autoren

Beide Autoren gehören zu den erfolgreichsten Schriftstellern der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Peter Härtling wurde 1933 in Chemnitz geboren, wuchs auf in Sachsen, Mähren, Österreich und Württemberg. Er arbeitete in verschiedenen Zeitschriften. Er schreibt Gedichte, Aufsätze und Kinderromane. Im Jahre 2001 erhielt er den Sonderpreis des Jugendbuchpreises für das kinderliterarische Gesamtwerk. Peter Härtling ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz; der Akademie der Künste von Berlin und Brandenburg; der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Damstadt. Obwohl beide Werke der Autoren mehr als 20 Jahre alt sind, findet man in den verwendeten Themen die aktuellen Probleme der heutigen Gesellschaft. Beide Autoren haben eigene Kinder, Kirsten Boie zwei und Peter Härtling vier. Der Umgang mit ihren eigenen Kindern ist sicher eine wertvolle Erfahrung für diese Autoren. In den ausgewählten Büchern dieser Autoren werden ähnliche Problematiken behandelt, sie zeigen aber verschiedene Anschauungen und Schicksale der Protagonisten.

5.3.2

Themen der ausgewählten Bücher

Das Buch Mit Jakob wurde alles anders erschien im Jahre 1986, Fränze im Jahre 1989. Thematisch gesehen konzentriert sich die deutsche Kinder- und Jugendliteratur in dieser Zeit auf die Veränderung der familiären und sozialen Rollen, auf die Rolle der Eltern und Kinder.

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Die Familie ist häufig verwendetes Thema, was auch Kirsten Boies und Peter Härtlings Werke beweisen. Im Buch Mit Jakob wurde alles anders bearbeitet Kirsten Boie die Problematik der Frauenemanzipation, der Geschlechterrolle der Eltern und der ersten Liebe. Peter Härtling behandelt in seinem Buch Fränze die Themen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und den Zerfall der Familie. Weiter erschienen in seinem Buch die Motive Mut, Engagement und Hilfsbereitschaft. Die Frauen von heute scheinen emanzipierter als früher zu sein. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und möchten wie die Männer arbeiten und etwas im Leben erreichen. Die Verteilung der Hausarbeit zwischen Männern und Frauen ist nicht ausgeglichen. Männer übernehmen nur einen kleinen Teil der Hausarbeit. In letzter Zeit entstehen zunehmend Experimentierfamilien, in denen Männer den Haushalt führen. Dies ist im Buch Mit Jakob wurde alles anders der Fall. Dieses Buch zeigt, wie schwer es ist, aus der traditionellen Rollenzuweisung auszubrechen. Die Eltern tauschen die Geschlechterrollen. Der Vater, der als Lehrer arbeitet, nimmt ein Jahr Urlaub, um sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Im Buch Fränze wäre ist dies noch nicht möglich. Der Vater, der seine Arbeit verliert, ist zu stolz. Er ist der Meinung, dass er der Ernährer sein soll. Stattdessen beginnt er zu trinken und verlässt die Familie. Der Rollentausch ist von der Gesellschaft noch nicht anerkannt, besonders von den älteren Generationen. Die Männer werden als Hausfrauen bezeichnet. Die emanzipierten Frauen werden häufig von der Gesellschaft als Rabenmutter genannt, die sich nicht für ihre eigenen Kinder interessieren.

5.3.3

Hauptheldinnen der Bücher

Nele, die Protagonistin des Buchs Mit Jakob wurde alles anders,

ist 12 Jahre alt.

Franziska ist 13 und die Protagonistin des zweiten Buchs. Beide Mädchen müssen Probleme der Erwachsenen lösen und können ihre Kindheit nicht wie die anderen Kinder erleben. Nele schämt sich für das soziologische Experiment der Eltern: „Ich setzte mich auf meine Matratze und hörte Kassetten über Kopfhörer, um mir darüber klar zu werden, wie ich das ganz fand. Aber das Einzige, was mir einfiel, war, dass in der Klasse viele lachen würden…“49 Trotzdem versucht sie, den Eltern zu helfen. Sie fungiert 49

BOIE, Kirsten. Mit Jakob wurde alles anders. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1986. 127s. ISBN 3-78911882-6. S.13.

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oft als Ersatzmutter. Häufig ist sie aber wütend, vor allem wenn sie sieht, dass zu Hause nichts wie früher ist und dass der Vater große Probleme mit dem Haushalt hat: „Aber ich kann ja auch nichts dafür, dachte ich. Und Gussi noch viel weniger. Mama und Papa sind schuld. Warum müssen sie auch Sachen machen, die sonst kein Mensch macht. Daran sieht man doch schon, dass es nicht geht. Sonst würden schließlich noch mehr Frauen arbeiten und die Männer zu Hause sein. Aber Mama und Papa wissen ja immer alles besser.“ 50 Franziska wirkt mutiger und reifer als Nele. Sie hat entschieden, ihrem Vater zu helfen und versucht alles, was möglich ist. Beide Mädchen sind Zeuginnen des Streits zwischen ihren Eltern. Nele erzählt: „Ich wäre gerne rausgegangen. Ich hasste es, wenn Mama und Papa sich stritten. Sie hatten so eine Theorie, dass man seine Auseinandersetzungen nicht vor den Kindern verheimlichen sollte, damit wir rechtzeitig lernten, dass es nichts Schlimmes ist, Konflikte auszutragen. Das war wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung, sagten sie […] Aber irgendwie fand ich, dass Gussi und ich das mit den Konflikten nun langsam gut genug gelernt hatten. Meinetwegen konnten Mama und Papa sich jetzt gerne immer abends streiten, wenn ich im Bett war.“

51

Neles Eltern streiten sich sehr oft, sind aber trotzdem sehr positiv skizziert. Sie sprechen mit ihren Kindern und bemühen sich, zusammen eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Die Kinder sind allerdings nicht immer so stark und bereit, wie sich die Erwachsenen das vorstellen. Bei den Eltern von Fränze sieht der Streit anders aus, vor allem, wenn der Vater betrunken nach Hause kommt: „Johannes führt sich im Vorzimmer auf, als sei eine ganze Horde von Poltergeistern in die Wohnung eingebrochen. Es ist ein Johannes, der Fränze fremd ist, den sie nicht kennt. Den sie auch nicht kennen will. Sie weiß, daß sich Mams vor ihm fürchtet und sich am liebsten im Schlafzimmer einschließen würde. Doch Johannes könnte womöglich die Tür einrennen. Deswegen wartet Mams, bis er zu ihr kommt, schreit, klag und schließlich zu weinen anfängt wie ein Kind. Das ist am schlimmsten. Er hört nicht auf, im Flur zu lärmen. Als fühlte er sich eingesperrt. Fränze rutscht aus dem Bett, knipst die Nachttischlampe an und huscht zur Tür. Vielleicht ist es besser, wenn sie ihm hilft. Mams traut sich nicht mehr, nachdem er blind auf sie eingeschlagen hat. Am andern Morgen hatte sie blaue Flecken an Hals und Schläfe. Hämatome nennt man das, hat Mams traurig erklärt.“ 52

50

BOIE, Kirsten. Mit Jakob wurde alles anders. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1986. 127s. ISBN 3-78911882-6. S.94. 51 BOIE, Kirsten. Mit Jakob wurde alles anders. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1986. 127s. ISBN 3-78911882-6. S.59. 52

HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. 111s. ISBN 3-407-78170-9. S. 21.

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Die Beziehung zwischen den Mädchen und den Müttern ist sehr wichtig. Die Mutter von Fränze versteht nicht, warum ihr Vater so stolz ist und warum er sich so schämt. Sie bemerkt, dass er keine Hilfe akzeptiert und ärgert sich über ihn: „Genau das ist der Punkt, sagt Mams und lacht. Ihr Lachen schlägt hart gegen Fränzes Kopf. Das geht doch nicht, daß der Mann nichts hat und die Frau was bringt. Das darf nicht sein.“ 53 Neles Mutter hat großes Glück, dass ihr Mann eine andere Einstellung zu diesem Thema hat. Freiwillig nimmt er ein Jahr lang Urlaub und kümmert sich um den Haushalt und um die Kinder.

5.3.4

Reaktion der Kinder

In beiden Werken leiden die Kinder unter den gegebenen Bedingungen. Fränze ist zwar ein starkes Mädchen, aber der Zerfall ihrer Familie und der Auszug ihres Vaters beeinflusst sie. Sie lässt in der Schule nach und auf alles und alle reagiert sie überempfindlich. „Störungen gibt es kaum noch, doch sie hat weiter Schwierigkeiten in der Schule. Das Zeugnis wird Mams bestimmt nicht gefallen. Johannes fehlt. Er ist nicht nötig, denkt sie, aber wir brauchen ihn.“

54

Sie weiß, dass ihre Familie nichts mehr miteinander erlebt, trotzdem

wünscht sie, dass die Eltern sich versöhnen. Sie tut alles für die Rettung der Familie. Nele leidet nicht nur unter der Situation in der Familie, sondern auch unter der ersten unerfüllten Liebe. Sie ist zum ersten Mal verliebt, in Oliver, ein Junge aus ihrer Klasse, der jedoch ihre Freundin Katta liebt. „Da merkte ich erst, dass an meinem Tisch sonst niemand saß. Ich sah mich um. Und da entdeckte ich sie. Sie saßen vorne in der Klasse auf dem Pult. Katta hatte ihren Kopf an Olivers Schulter gelehnt, und Oliver streichelte ihr ganz sanft über das Gesicht. Sie sahen aus, als merkten sie gar nicht, dass noch andere Leute in der Klasse waren, und flüsterten miteinander.“ 55 Die Veränderungen in der Familie können zum Trauma des Kindes führen. Ein Beispiel ist Gussi, der dreijährige Bruder von Nele. Er muss in den Kindergarten gehen, weil seine Mutter sich entscheidet, arbeiten zu gehen. Er gewöhnt sich nicht an das neue Leben. Am liebsten hätte er seine Mutter zu Hause. Der Vater schenkt ihm nicht so viel Aufmerksamkeit

53

HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. 111s. ISBN 3-407-78170-9. S. 38. HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. 111s. ISBN 3-407-78170-9. S. 64. 55 BOIE, Kirsten. Mit Jakob wurde alles anders. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1986. 127s. ISBN 3-78911882-6. S.121. 54

36

wie dem kleinen Jakob. Die Schwierigkeiten, die er mit der Umstellung der Rollen der Eltern hat, äußert sich darin, dass er anfängt, ins Bett zu machen.56

5.3.5

Handlungsraum

Die Haupthandlung der beiden Bücher spielt in der Familie. Die Familie ist ein Ort der Konfrontation der verschiedenen Meinungen, wo Probleme entstehen. Gegenort zur Familie ist für Nele die Schule. Zunächst ist für sie die Schule ein psychisch entlastender Gegenort zur Familie, später ein Ort, wo sie ihre erste Liebe erlebt. Franziska verbringt nicht so viel Zeit in der Schule, statt in die Schule zu gehen, sucht sie ihren Vater. „Fränze ist unterwegs, auf der Suche. Vor allem in den engen Gassen am Fluß und rund ums Münster, wo ein Typ wie Johannes, findet sie, untertauchen könnte.“ 57

5.3.6

Stilistische Unterschiede

Kirsten Boie versucht den Lesern den Alltag von Nele durch Ich-Erzählen näherzubringen. Das ermöglicht es den Lesern, in das Innere der Hauptperson einzudringen und sich mit ihr zu identifizieren. Der Text ist damit ein Beispiel für den neuen psychologischen Kinder- und Jugendroman. Die Ich-Erzählerin Nele berichtet aus der Retrospektive über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. Peter Härtling tritt als Er-Erzähler auf. Er erzählt aus der Sicht der Hauptfigur Fränze. Beide Autoren schreiben diese Bücher einfach, klar und sachlich. Die Realität beschreiben sie so, wie sie ist, ohne zu beschönigen. Der Roman Fränze ist traurig und melancholisch, nur bei wenigen Passagen kann man lachen. Peter Härtling ist es in diesem Buch gelungen, die Realität aus der Sicht eines betroffenen Kindes zu vermitteln. Auf den Lesern wartet am Ende des Buches kein HappyEnd, Fränzes Vater kommt nicht zurück nach Hause. Nur aufgrund eines Briefes vom Vater weiß Fränze, dass er sie mag. „Guten Tag, liebe Fränze. Ich gehöre von heute an Dir. Hab mich lieb und behandle mich freundlich. Eines meiner Beine war schon mal gebrochen, und der weise Vogel Uhu hat`s behandelt. Dein Johannes, der mich aus einem elenden Stall rettete, hat die Vorstellung, daß ich wachsen könnte. Irgendwann mal. Auf echte Eselsgröße. 56 57

Vgl. Lin 2002, S. 87. HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. 111s. ISBN 3-407-78170-9. S.46.

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Bis dahin will ich dich unbedingt begleiten.“58 Zu dem Brief bekam Fränze einen kleinen hölzernen Esel. Das Buch Mit Jakob wurde alles anders ist positiver. Obwohl Neles Familie viele Probleme lösen muss, beschreibt Kirsten Boie die Familiensituation mit viel Witz. Die Geschichte endet mit einem guten Schluss. Die Mutter arbeitet weiter. Der Vater führt den Haushalt besser als am Anfang, das Experiment (Rollenaustausch) gelingt: „Krach gibt es bei Mama und Papa immer noch ab und zu. Aber es ist keiner mehr weggelaufen. Zwischendurch küssen sie sich.“ 59 Thematisch gesehen kann man zu diesem Vergleich ein Buch Kirsten Boies zuordnen. Das Buch heißt Mit Kindern redet ja keiner. Dieses Buch wird in dieser Arbeit im Rahmen eines anderen Vergleiches näher behandelt. Die Hauptproblematik des Buchs ist die psychisch kranke Mutter eines neunjährigen Mädchens. Die Mutter leidet unter Depressionen. Diese Krankheit führt zu einem Selbstmordversuch der Mutter. Mit den oben verglichenen Büchern hat sie aber einen wichtigen Punkt gemeinsam. Die Mutter in diesem Buch gehört am Anfang der Geschichte zu den emanzipierten Frauen. Sie möchte nicht nur gute Mutter, Ehefrau und Hausfrau sein, sondern auch studieren. Sie will etwas im Leben erreichen. Ihr Mann kann nicht verstehen, wozu seine Frau ein Studium braucht, obwohl er selbst ein Studium beendet hat und dadurch jetzt gut verdient. Er unterstützt seine Frau nicht, weil er der Meinung ist, dass die Frau sich um den Haushalt und die Kinder kümmern soll. Die Frau will aber trotzdem aus ihrer Rolle ausbrechen und studiert weiter. Ohne Unterstützung geht es leider nicht und sie muss das Studium abbrechen. Der Mann reagiert so: „Ich bin froh, dass du es selber siehst. In diesem Haushalt hat ja auch wirklich nichts mehr gestimmt. Und das Kind war auch schon völlig vernachlässigt. Gerade jetzt, wo sie in die Schule geht! Ich bin froh, dass du es selbst gemerkt hast, Liebes. Man kann eben nicht alles haben: ein schönes Heim, ein Kind und dann auch noch ein Studium.“ 60 So bleibt sie zu Hause und macht den Haushalt. Bald hat sie aber keine Lust mehr, das langweilige Leben als Hausfrau weiter zu führen und sucht einen Sinn in ihrem Leben. Langsam beginnt sie unter Depressionen zu leiden.

58

HÄRTLING, Peter. Fränze. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1989. 111s. ISBN 3-407-78170-9. S.109.110. 59 BOIE, Kirsten. Mit Jakob wurde alles anders. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1986. 127s. ISBN 3-78911882-6. S.126. 60 BOIE, Kirsten. Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage April 2008. 138s. ISBN 978-3-596-80541-9. S.19.

38

6

Vergleich des Buchs Monis Jahr von Kirsten Boie mit dem Buch Krücke von Peter Härtling

6.1 Kirsten Boie – Monis Jahr Im Jahre 2003 stellt Kirsten Boie einen neuen Jugendroman vor. Der Roman heißt Monis Jahr und wurde vom Verlag Friedrich Oettinger in Hamburg herausgegeben. Für den Roman wurden viele Auszeichnungen vergeben wie z.B. Die sieben besten Bücher für junge Leser, Bestenliste von DeutschlandRadio / Focus November 2003, Buch der Woche - Die WELT 29.11.2003. Das Buch ist in drei Teile und 20 durchlaufende Kapitel gegliedert. Am Ende der Geschichte findet man einen kurzen Nachtrag, der den Text abrundet. In einem Anhang werden Hintergrundinformationen vermittelt und die zahlreichen; im Dialekt gehaltenen Äusserungen, insbesondere von der Oma, übersetzt. Monis Jahr spielt zeitlich im Jahre 1955. Dieses Jahr spielt eine große Rolle in diesem Buch. Für die Protagonistin Monika ist es ein aufregendes Jahr. Es ist das Jahr, welches ihr große Veränderungen bringt. Monika Schleier ist 10 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter bei ihrer Oma in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Die Erzählung fängt mit der Silvesterfeier an. Monika feiert zusammen mit ihrer Oma, ihrer Mutter und deren Freundin Jenny. Bei den Glückwünschen zum Neuen Jahr prostet Moni auch dem großen Jungen auf dem Photo zu, dem Bild ihres vermissten Vaters, das auf dem Küchenschrank steht. Sie feiern nicht nur neues Jahr, sondern auch das Jubiläum. Zehn Jahre ohne Krieg. Sofort nach dem 1. Januar geht Moni auf Vorschlag ihrer Lehrerin zu einer Aufnahmeprüfung für die Oberschule. Aus der Familie und Verwandtschaft ist sie die erste, die die Möglichkeit hat, auf der Oberschule zu studieren. Ihre Mutter arbeitet in der Schuhcremefabrik. Oma muss in der Woche auch Geld verdienen. Im Krankenhaus, wo sie die Zimmer und die Flure putzt. Moni wünscht sich sehr, erfolgreich zu sein. Am ersten Tag sitzt sie neben Heike, der Tochter eines Chefarztes. Moni ist sich der Unterschiede zwischen ihrer und Heikes Familie bewusst. Heikes Familie lebt in einem großen Haus, ihre zwei Brüder besuchen ein Gymnasium und zu Hause 39

haben sie sogar einen Fernseher. Trotzdem werden sie gute Freundinnen. Sie sagt Heike, dass ihr Vater vermisst ist, dass sie nicht wissen ob er lebt. Die Prüfung dauert eine Woche. Die ganze Woche verbringt Moni zusammen mit Heike. Monis Freund heißt Harald. Er lebt mit seinen Eltern in den Nissenhütten. Seine kleine Schwester heißt Ina. Sie kommen aus dem Osten, wo sie vor der Flucht ein eigenes Haus und eigene Schreinerei in Stolp hatten. In den freien Stunden trägt Moni mit Harald Wäsche aus. Harry ist ihr bester Freund, dem sie alles sagen kann und mit dem sie viel Zeit verbringt. In der Nachbarschaft hat sie noch eine Freundin, die Hilli heißt. Ihre Mutter ist eine Kommunistin und besucht verschiedene politische Versammlungen. Ihr Vater wurde von Hitler eingesperrt. Moni denkt über die politischen Auseinandersetzungen nach. Mit Oma unterhält sie sich über Spätfolgen, an denen Hillis Vater gestorben ist. Auch mit Harald spricht sie darüber, weil seine Familie mit den Kommunisten schlechte Erfahrungen hat. Die Aufnahmeprüfung für die Oberschule hat Moni bestanden. Alle sind davon begeistert. Monis Mutter will feiern gehen. Sie glaubt nicht, dass Monis Vater noch lebt. Sie will ihr Leben genießen und mit ihrer Freundin Jenny zum Tanzen gehen. Oma mag das nicht. Sie wirft ihr vor, dass sie noch verheiratet ist. Oma ist die Mutter von Monis Vater und versteht das nicht. Sie glaubt, dass ihr Sohn noch lebt. Am nächsten Sonntag geht Mutter wieder aus. Die Beziehung zwischen Oma und Mutter ändert sich langsam. Oma ist zornig, ihre Vorwürfe verschärfen sich, zumal sie Monis Mutter mit einem Mann gesehen hat. Sie nimmt das Bild ihres Jungen vom Küchenschrank fort. Moni spricht mit Harry darüber. Harald betont, dass „gefallen“ besser sei als „vermisst“. In der neuen Schule sitzt Moni wieder neben Heike, sie ist froh, dass sie die Aufnahmeprüfung auch bestanden hat. Moni merkt bald die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Schule, zwischen den Lehrern und vor allem den Schülern. Für Harald hat sie plötzlich wenig Zeit, sie verfremden sich. Heike hat Moni nach Hause eingeladen. Moni fühlt sich bei Heike wie in einer fremden Welt. Heike hat ein einziges Zimmer, ein Puppenhaus und einen Fernseher. Moni schämt sich für ihr Zuhause und will Heike nicht einladen. Bei der Frage nach ihrer Oma lügt sie. Sie gibt nicht zu, dass sie als Putzfrau im Krankenhaus arbeitet, sondern sagt, dass sie als Krankenschwester tätig ist. Heike stellt aber bald fest, dass Moni gelogen hat. Sie spricht nicht mehr mit ihr. Harald zieht mit seiner Familie nach Australien um. Moni ist ganz allein und traurig. Die Spannung zwischen Mutter und Oma ist größer. Mutter hat einen neuen Freund. Sie sagt Moni, dass sie ihr den Freund vorstellen will. Ihre Augen strahlen und sie sieht fröhlich 40

aus. Ihr Freund heißt Helmut. Bis vor drei Jahren war er in russischer Gefangenschaft. In Deutschland hatte er seine Frau. Sie hat jetzt einen neuen Freund. Einen Amerikaner. Moni glaubt, dass Helmut nur ihr Freund ist. Denn ihr Vater ist nicht tot, er ist vermisst. Zuerst mag Moni Helmut nicht, aber im Laufe der Zeit beginnt sie, ihn lieb zu gewinnen. Sie gehen ins Kino und in die Oper. Mit dem Auto machen sie Ausflüge und vor allem haben sie viel Spaß. Moni hat das Gefühl, eine Familie zu haben. Sie hat nichts dagegen, als Mutter ihr eines Tages sagt, dass sie Helmut heiraten will. Die Hochzeit müssen sie aber verschieben, weil es unsicher ist, ob Monis Vater nicht doch noch aus dem Krieg zurückkehrt. Die Freilassung von 10 000 Kriegsgefangenen aus Russland bedeutet wieder eine große Hoffnung für Oma. Sie glaubt, dass ihr Sohn nach Hause zurückkehrt. Sie fährt nach Friedland und kehrt nach einigen Tagen traurig zurück. Ihr Sohn war nicht dabei. Langsam nimmt Oma Helmut schließlich an. Mit der Mutter spricht sie wieder. Die Weihnachten feiern Mutter, Oma und Moni allein. Am nächsten Tag kommt Onkel Helmut, so nennt ihn Moni jetzt. Monis Jahr ist am Ende. Es rundet sich, wie es begann, mit einer Sylvesterfeier. Man hat das Gefühl, dass für alle ein besseres Jahr beginnt. Monis Mutter und Helmut heiraten im Februar. Sie ziehen um, in eine schöne neue Wohnung, in der Moni ein eigenes Zimmer hat. Heike nähert sich Moni wieder an. Im Nachtrag erfährt man, dass der Vater von Moni im Mai 1944 an der Ostfront gefallen ist.

6.2 Peter Härtling – Krücke „Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Mensch ist der unerbittliche Feind des Menschen“. Peter Härtling hat im Jahre 1987 das Buch Krücke gegen dieses Sprichwort geschrieben. „Es ist Krücke und Thomas gewidmet, die uns die Botschaft hinterließen, daß der Mensch auch des Menschen Freund ist“61. Der Roman umfasst 155 Seiten und 15 Kapitel, wurde vom Beltz Verlag in Weinheim herausgegeben und mit dem Preis der Leseratten ausgezeichnet. Nach dem Roman entstand auch der Kinofilm Krücke (1993 von Jörg Grünler), der mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. 61

HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4 S.5.

41

Die Geschichte spielt in den Jahren 1945 und 1946, zum und nach dem Ende des Krieges, in einer Zeit, in der viele Städte in Trümmern liegen. Viele Leute haben ihr Leben lassen müssen. Viele sind vermisst. Thomas Schramm, der Protagonist, ist 13 Jahre alt und kommt aus Brünn. Er hat seine Mutter auf dem Bahnhof in Kolin verloren und ist allein geblieben. Sein Vater ist bei Woronesch gefallen. Die Geschichte beginnt aber nicht in Kolin, sondern in Wien, wo er seine Tante Wanda sucht. Er steht auf der Straße, vor der Ruine eines Hauses, in dem seine Tante wohnen soll, welches aber nun zerstört ist. Alles ist verwüstet und seine Tante ist nicht da. Thomas ist hungrig und müde. Er schläft in den Flüchtlingsherbergen, wo er auch etwas zu essen bekommt. Sein Traum und Ziel ist es, seine Mutter zu finden. Wegen der vielen Passkontrollen zieht er immer weiter. An einem Nachmittag sieht er einen auf Krücken gehenden Mann, dem er instinktiv folgt. „Der hüpfende, hastende Mann, der zwischen zwei Krücken hing, zog ihn wie ein Zauberer hinter sich her.“62 Er glaubt, dass er einer von denen sein muss, die wissen, wo es was gibt, Pferdewurst oder frisches Brot. Dieser Mann heißt Eberhard Wimmer, er ist 33 Jahre alt und kommt aus Breslau. Er hat Nationalökonomie studiert. Dann ist er Soldat geworden. Anfang 1944 wurde ihm das Bein abgenommen. Seit dieser Zeit ruft ihn jeder nur Krücke. Krücke versucht zuerst, Thomas loszuwerden, aber dann bringt er ihn in seinem Bauwagen unter und die beiden freunden sich an. Zunächst wohnen sie zusammen im Bauwagen. Langsam lernen sie sich kennen. Thomas erzählt ihm seine Geschichte, was er schon alles erlebt hat und wie es mit den Eltern war. Krücke erzählt ihm auch seine Geschichte. Oft bleibt Thomas allein, weil Krücke in die Stadt zum Schwarzmarkt geht. Bald stellt Krücke Thomas seine Freundin Bronka vor. Beide können bei Bronka wohnen. Thomas kann endlich in einem normalen Bett schlafen und warmes Essen genießen. Von Bronka bekommt er saubere Kleidung und endlich fühlt er sich wohl. Bronka ist Jüdin. Krücke hat sie im August 1944 in Breslau verborgen. Sie wollte nach Wien gehen und so ist sie zusammen mit Krücke nach Wien gekommen. Sie arbeitet für eine Organisation, die sich vor allem der jüdischen Waisenkinder annimmt. Thomas lernt die Leute kennen, die mit Krücke Geschäfte auf dem Schwarzmarkt machen. Er erlebte eine schöne Zeit mit Krücke. Beide wissen, dass sie die Mutter von Thomas suchen müssen. So gehen sie zusammen zum Roten Kreuz. Dort geben sie eine 62

HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.14.

42

Meldung auf, dass Thomas seine Mutter sucht. Das Rote Kreuz schickt die Formulare nach Genf. „Wenn sich etwas ergäbe, im Guten wie im Schlechten, erhielten sie Bescheid. Das wäre wohl alles, erklärte der Mann.“63 Lange warten sie auf eine Nachricht vom Roten Kreuz. Sie bekommen aber keine. Sie geben nicht auf und suchen weiter Thomas Mutter. Bronka besorgt für beide die Fahrbescheide von der französischen Militärkommission. So können sie mit dem Transport nach Deutschland fahren und die Suche dort fortsetzen. Der Abschied von Bronka ist nicht einfach. Thomas mag sie sehr, Krücke auch. Er kauft sogar einen Ring für sie. Thomas ist nicht sicher, ob ihm so wichtig ist, dass sich Mama meldet. Die Reise im Zug nach Deutschland dauert ewig. Überall sind viele Leute und drinnen ist es kalt. Die Reise mit dem Zug ist für die Leute ein grausiges Erlebnis. Es sieht so aus, als ob noch Krieg wäre. „Die Stimmung im Wagen sieben sank auf Null – wie die Temperatur draußen. Beinahe alle Kinder fieberten, eingemummt in Mäntel und Decken. Einer der alten Männer, Opa Bednarz, lag im Sterben. Keiner wusste, auch die Transportleitung nicht, wann und wo der Zug je ankommen werde. Er fahre im Kreis, hieß es, kein Ort in Deutschland wolle die Flüchtlinge aufnehmen.“64 Erst nach sechs Wochen kommen sie nach Deutschland. Dort bleiben sie zuerst in einem Gefangenlager am Rand der schwäbischen Stadt Wasseralfingen. Von dort sollten sie später auf die Städte und Dörfer verteilt werden. Und alles wäre einfacher gewesen, wenn Krücke nicht krank wäre. Krücke ist sehr krank und muss im Krankenhaus bleiben. Thomas hat große Angst um ihn. Außerdem will er nicht in irgendeine Kinderbaracke gesteckt werden. Zum Glück erholt sich Krücke. Sie fahren nach Weißlingen, wo sie aber kein Zuhause finden. Sie verbringen dort wenigsten schöne Weihnachten. Thomas bekommt von Krücke Schlittschuhe und ein Buch. Krücke hat für Tom noch eine Überraschung, ein Radio. Thomas ist sich einer Sache bewusst geworden. Er erkennt, wie wichtig Krücke für ihn ist und was er alles für ihn gemacht hat. Aber trotzdem fehlt ihm seine Mutter. Im Lauf von acht Monaten wechseln sie viermal die Adresse. Die richtige Wohnung finden sie erst in der Jusistraße. Es ist eine Zweizimmerwohnung mit kleiner Küche und eigener Toilette. Thomas geht endlich zur Schule, hat einen Freund gefunden. Krücke hat Arbeit gefunden und es ist ihm gelungen, sich mit dem Jugendamt zu einigen. Thomas darf von nun an offiziell bei Krücke bleiben. Von der Mutter haben sie keine Nachrichten. 63 64

HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.51. HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.93.

43

Thomas merkt, dass mit Krücke etwas passiert. Er weiß aber nicht was und Krücke spricht nicht mit ihm. Thomas kann das nicht mehr aushalten und an einem Abend fragt er ihn. „Krücke? Ja. Geht`s dir nun besser? Ja. Was ist denn los?...“ 65 Die Antwort, die er von Krücke bekommt, ruft bei Thomas gemischte Gefühle hervor. Thomas Mutter wurde gefunden, er sieht sie den nächsten Tag. Tom freut sich sehr auf die Mutter, zugleich hat er große Angst. Er will keinen Abschied von Krücke. Dieses Buch endet glücklich. Thomas trifft sich mit seiner Mutter und bleibt bei ihr in München. Mit Krücke haben sie sich verabredet; er kommt sie bald besuchen.

6.3 Vergleich des Buches Monis Jahr von Kirsten Boie mit dem Buch Krücke von Peter Härtling

6.3.1

Krieg als Thema in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten interessiert sich die deutsche Kinder- und Jugendliteratur nur wenig für die Vergangenheit. Die Nachkriegsgesellschaft würde am liebsten die Ereignisse zwischen den Jahren 1933-1945 verdrängen. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit finden die Themen aus der Vergangenheit erst in den 60er Jahren. Im Jahre 1962 schreibt Willi Fährmann die Bücher Das Jahr der Wölfe und Es geschah im Nachbarhaus. Mit diesen Büchern will er gegen Schweigen, Gleichgültigkeit und Vergessen kämpfen.66 Themen wie Nationalsozialismus, Holocaust und Krieg findet man in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur erst in den 70er Jahren. Die Nachkriegsgeneration will von Eltern und Großeltern wissen, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus und des Kriegs aussah. So kam es in Deutschland nach 1970 zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Zahl der Bücher, in denen die Autoren über Themen wie den Zweiten Weltkrieg, Holocaust, Judenverfolgung, Exil, Flucht und Vertreibung schrieben, wuchs relativ schnell. Viele Autoren, die den zweiten Weltkrieg selbst erlebten, wollten eigene Erfahrungen verarbeiten. Zu den bedeutendsten Autoren gehören z.B. Judith Kerr mit ihrem Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl und Christine Nöstlinger mit dem Buch Maikäfer flieg.67 65

HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.151. Vgl. Schikorsky 2003, S.150.-151. 67 Vgl. Schikorsky 2003, S.158.-159. 66

44

Zu diesen Autoren gehören auch Peter Härtling und Kirsten Boie. Peter Härtling wurde im Jahre 1933 geboren. Er erlebte den Krieg. Im Jahre 1941 musste seine Familie nach Olmütz umziehen, weil sein Vater sich dem direkten Zugriff der Nazis zu entziehen versuchte. Im Jahre 1945 floh die Familie weiter nach Österreich. Im Juni 1945 starb sein Vater im russischen Kriegsgefangenlager Döllersheim. Härtling erfuhr diese schlechte Nachricht erst ein Jahr später. Im Oktober 1946 nahm sich seine Mutter das Leben. Härtling will mit seinen Werken den Kindern die Wirklichkeit zeigen. Er kritisiert die Werke, die in den ersten Nachkriegsjahren entstanden, weil man in diesen Werken nur wenig über die allgemeine Situation von damals erfährt. Er sagt: „Man soll den Kindern klar machen, was Erinnerung bedeutet“68. Kirsten Boie, erst im Jahre 1950 geboren, blieben die schlimmen Bilder des Krieges im Gegensatz zu Peter Härtling erspart. Trotzdem findet man in ihrem Buch Monis Jahr diese Problematik. „Mir war wichtig, den Alltag eines Kindes in dieser Zeit nachvollziehbar zu machen. Aus den Geschichtenbüchern können wir vieles über politische und gesellschaftliche Ereignisse erfahren, wie es aber ganz konkret gewesen ist, damals Kind zu sein, wie es sich angefühlt hat: Das wissen eigentlich nur diejenigen, die damals Kinder waren, das ist ein Wissen, das - anders als das Wissen um Politischen im Großen - mit dem Tod dieser Generation verloren gehen wird, wenn sie ihre Geschichte nicht erzählt.“69 Das Thema Krieg findet man auch in der tschechischen Kinder- und Jugendliteratur. In dem Beitrag Der Zweite Weltkrieg als Thema der tschechischen Kinder- und Jugendliteratur (am Beispiel ausgewählter Prosatexte) für die Publikation Kriegs- und Nachkriegskindheiten befasst sich Jana Baroková mit dem Werk von zehn tschechischen Autorinnen und Autoren sowie einer slowakischen Autorin, deren Buch ins Tschechische übersetzt worden ist. Zu den Autoren gehören z.B. Zdeňka Bezděková, Jan Mareš, Eliška Horelová, Ivan Remunda und Jan Procházka mit seinem Antikriegsroman Es lebe die Republik. Alle diese Autoren haben eigene Lebenserfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg, was sich auch in ihren Werken spiegelt.70

68

BAROKOVA, Jana. Ausgewählte Kapitel aus der Kinder- und Jugendliteratur der deutschsprachigen Länder für den Unterricht. Brno: Masarykova univerzita Pedagogická fakulta, 2004. ISBN 80-210-3355-x S.70. 69 STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1.S.79-80 70 Vgl. BAROKOVÁ in: EWERS, GLASENAPP, 2008. S.327.-335.

45

6.3.2

Zeitraum

Beide Autoren erlebten die Nachkriegszeit und zeigen in ihren Werken ein Bild der damaligen Zeit. Die Erfahrungen aus der Kindheit hinterlassen Spuren in ihren Werken. In beiden Büchern beschreiben sie die persönlichen Geschichten der Protagonisten Monika und Thomas. Es sind wertvolle literarische Zeitdokumente, Retrospektiven, die allerdings auf unterschiedliche Zeiträume der Nachkriegsgeschichte zurückblicken. Die jungen Leser können sich nicht nur die Zeit gegen Ende des zweiten Weltkriegs vorstellen, sondern auch die zehn Jahre nach dem Ende des Kriegs. Sie gewinnen einen Eindruck von Entwicklung der Nachkriegsgesellschaft, und wie sich das Leben der Leute langsam veränderte. Peter Härtling schildert in seinem Roman Krücke eine Geschichte aus den Jahren 1945/46. Diese Geschichte spielt vor und nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich und Deutschland. Kirsten Boies Roman Monis Jahr nimmt die Leser mit in das Jahr 1955. Die Autorin nutzt persönliche Erinnerungen aus ihrer Kindheit wie die Wohnsituation, Alltagsdetails und die Atmosphäre. Sie beschäftigt sich auch mit der politischen und gesellschaftlichen Situation zu dieser Zeit. Im Jahre 1955 erhält die Bundesrepublik Deutschland wieder ihre volle Souveränität. Vor allem aber ist es das Jahr, in dem die letzten Gefangenen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückkehren.

6.3.3

Nachkriegszeit in Monis Jahr

In diesem Buch über das Jahr 1955 erfahren die jungen Leser mehr vom Leben und den sozialen Beziehungen der Nachkriegszeit in Deutschland. Man findet in diesem Buch eine ganze Reihe zeitgeschichtlicher Fakten wie z.B. den Beginn des Fernsehens, die ersten Autos oder den frühen Spielzeugmarkt und politischer Ereignisse wie Deutschlands volle Souveränität, die Gründung der NATO, das Erstarken des Kommunismus usw. Viele Nachkriegsschicksale und die Unterschiede zwischen den Reichen und Armen der Nachkriegszeit lernen die Leser durch Erlebnisse der Protagonistin in Boies Buch kennen. Moni lebt mit ihrer Mutter und ihrer Oma in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Möbel in der Wohnung sind alt und unmodern. Das Essen, das sie zu Hause kochen, ist sehr schlicht und wenig abwechslungsreich: „Moni löffelt ihre Haferflockensuppe. Morgens hat sie immer überhaupt keinen Appetit. Aber Oma sagt, essen muss der Mensch, und Moni muss was 46

auf die Rippen kriegen. Sie ist ja sowieso nur ein Strich in der Landschaft […] Moni legt den Löffel neben den Teller. Die süße Insel hat sie aufgegessen, jetzt reicht es aber auch. Die süße Insel ist in der Mitte, wo Oma immer einen Löffel Zucker über die Suppe streut. Wenn man den Löffel ganz flach hält, kann man den Zucker abheben, fast ohne Haferflocken. ‚Ich mag nicht mehr‘, sagt Moni. Oma schüttelt den Kopf. ‚Weißt du, wie undankbar du bist, Deern?‘, sagt sie. ‚Kannst du dich gar nicht mehr erinnern, was für dollen Hunger du immer gehabt hast, als du lütt warst? Geweint hast du vor Hunger! Und jetzt lässt du deine Suppe stehen‘“.71 Die Kleidung, die Monika zur Oberschule oder für Besuche bei „feinen“ Leuten trägt, kann sich ihre Mutter nicht leisten. Sie hat die Kleidung von Mutters Arbeitskollegin ausgeliehen. Ihre Oma trägt fast immer nur eine Kittelschürze und wenn sie Zeit hat, strickt sie für Moni Pullover. Den Unterschied zwischen den reichen und den armen Leuten beschreibt Kirsten Boie durch Monis Freunde Heike und Harald. Monis Freundin Heike gehört zu den Reichen. Sie ist Tochter eines Chefarztes und hat alles, was sie nur will. Sie wohnt in einem großen Haus, hat ein eigenes Zimmer und einen Fernseher. „Zuerst spielen sie in Heikes Zimmer mit dem Puppenhaus. Heike hat ein Zimmer ganz für sich alleine, und dabei hat sie doch drei große Brüder, und die haben auch ihre Zimmer. Das Puppenhaus ist so wunderschön […] Dann laufen sie zusammen die Treppe auch unten und in ein anderes Zimmer, in dem stehen ein Sofa und drei Sessel und ein moderner Nierentisch. Und in der Ecke steht eine Musiktruhe, wie Mutti sie sich schon so lange wünscht, und daneben ein Schränkchen mit schrägen Beinen und geöffneten Türen, hinter denen man den Bildschirm sieht“.72 Harald hingegen gehört zu den armen Leuten. Er und seine Familie sind Flüchtlinge. Sie kommen aus dem Osten, wo sie einen eigenen Betrieb und ein eigenes Haus hatten. Jetzt wohnen sie in einer Wellblechbaracke in einer Siedlung für Vertriebene. „Am Tisch sitzt Haralds Vater im Mantel und liest die Zeitung. Die Mutter sitzt daneben und flickt einen Bettbezug, und auf dem Boden spielt Ina mit ihren Margarinetieren. Aber viele hat sie nicht. An den Wellblechwänden glitzert es, das tut es immer im Winter, das ist Eis. Harry hat es ihr erklärt, wenn man atmet, wird die Luft feucht, und an den winterkalten Wellblechwänden wird das Feuchte zu Eis […] Warm ist es nur, wo der Ofen steht. Und noch nicht mal ein richtiges Radio haben die.“73

71

BOIE, Kirsten. Monis Jahr. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2. Auflage Mrz 2006. 253s. ISBN 3-42313389-9. S.19-20. 72 BOIE, Kirsten. Monis Jahr. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2. Auflage Mrz 2006. 253s. ISBN 3-42313389-9. S.96-97. 73 BOIE, Kirsten. Monis Jahr. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2. Auflage Mrz 2006. 253s. ISBN 3-42313389-9. S.55-56.

47

Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs sind zehn Jahre vergangen. Trotzdem fühlen die Leute seine Folgen noch. Monis Vater ist seit zehn Jahren vermisst. Monis Oma glaubt, dass ihr Sohn lebt. Sie spricht immer wieder über ihn und wartet den jeden Tag auf seine Rückkehr. Monis Mutter ist aber anderer Meinung und will ihren neuen Freund heiraten. Ein ähnliches Problem mussten in der Nachkriegszeit viele Frauen lösen. Die Autorin schildert in dem Buch Geschichten verschiedener Frauen. Man erfährt davon aus Zeitungen, durch die Bekannten, aus der Nachbarschaft; manchmal von einer glücklichen Heimkehr, meistens aber von tragischen Vorfällen. In der Geschichte über Monikas Mitschülerin Rita zeigt die Autorin wie es ist, wenn der Vater nach Hause zurückkehrt und für seine Kinder ein Fremder ist, und wie die Beziehung aussieht zwischen einem fremden Mann und einem Kind, das jetzt Vater zu ihm sagen soll. Die politischen Ereignisse der Nachkriegszeit erfährt Moni erst über Hilli und Harald. Hillis Mutter ist Kommunistin, deren Mann wegen seiner politischen Ansichten im Konzentrationslager war und an den Spätfolgen starb. Harald mag die Kommunisten nicht und urteilt über sie und die Russen, vor allem wegen seiner Familie, die mit ihnen schlechte Erfahrungen gemacht hat. So schildert die Autorin beide Sichtweisen über die damalige politische Situation. Der wichtigste Moment, auf den Moni, ihre Mutter und vor allem Oma warten, ist die Entlassung von 10 000 Kriegsgefangenen aus Russland. Das ist die letzte Hoffnung, dass Monis Vater lebt. Monika denkt nach. Sie weiß nicht, ob sie es will, dass ihr Vater wiederkommt. „Er ist nicht zurückgekommen, nicht? sagt sie. Die Bohnen in der Kaffeemühle knirschen, das ist gut. War er nicht da? Oma lächelt ein bisschen. Nee, Deern, Heine war nicht dabei, sagt sie“.74

6.3.4

Nachkriegszeit in Krücke

Im Gegensatz zu Monika, der Protagonistin des ersten Buchs, beeinflusste der zweite Weltkrieg das Leben der Hauptfigur Thomas wesentlich stärker. Thomas hat den Krieg selbst erlebt. Er sieht, was alles der Krieg verursachte. Er erinnert sich an die zerstörten Städte, Straßen, Häuser. Er hat das Leiden der Menschen nicht nur während des Kriegs, sondern auch direkt nach dem Krieg erlebt. Der zweite Weltkrieg veränderte sein ganzes Leben. Er muss schwierige Probleme lösen. Sein Vater ist gefallen und seine Mutter hat er verloren. Er ist 74

BOIE, Kirsten. Monis Jahr. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2. Auflage Mrz 2006. 253s. ISBN 3-42313389-9. S.231.

48

ganz allein, hat Hunger, kein Zuhause und kommt am Ende des Kriegs in eine fremde, zerstörte Stadt. „Aber er hatte keine Lust, wieder alleine herumzustreunen. Jeden Abend von Angst gebeutelt zu werden, keinen Unterschlupf zu finden, um ein Stück Brot, ein paar Löffel Suppe betteln zu müssen. Das reichte ihm.“75 Peter Härtling beschreibt in seiner Geschichte die Nachkriegszeit. Man hat aber das Gefühl, dass der Krieg noch nicht geendet hat. Die Situation war für viele Leute nicht besser als für Thomas selbst. Thomas spricht auf der zerstörten Straße mit einer fremden Frau: „Auf jeden Fall war da noch Krieg, sagte er. Und jetzt ist Frieden. Die Frau nickte. Ein schöner Frieden. Kein Dach überm Kopf. Nichts zu fressen.“76 In dieser Zeit hilft ihm sein neuer Freund Krücke. Beide haben die gleichen Ziele, die Nachkriegszeit zu überleben und Thomas Mutter zu finden. Um diese Ziele zu erreichen, müssen sie sich große Mühe geben. „Schau dir das an, sagte Krücke, die halbe Menschheit sucht oder wird gesucht. Mütter suchen Kinder, Frauen suchen Männer, Kinder suchen Eltern. Und das alles, weil der größte Feldherr aller Zeiten die halbe Welt erobern wollte.“77 Thomas versteht viele wichtige Dinge nicht und ist verwirrt. Früher hatten die Erwachsenen den Führer bewundert und jetzt sprechen sie schlecht über ihn. Peter Härtling schildert in diesem Buch auch die Judenproblematik. Die Schicksale der Juden in der Zeit des zweiten Weltkriegs und der Kinder der Juden nach dem Krieg. Krückes Freundin Bronka ist eine Jüdin, die verfolgt war. Sie arbeitet für eine Organisation, die sich um die Kinder von Juden kümmert, die im Krieg gestorben sind. Als Thomas von Krücke erfährt, dass Bronka Jüdin ist, wollte er es nicht glauben. „Er erinnerte sich, daß sein Lehrer die Juden als gefährliche Mißgeburten geschildert und das Wort ‚Volkschädlinge’ in großen Buchstaben an die Tafel geschrieben hatte.“78 Der Krieg hat Thomas Leben noch stärker beeinflusst als Monikas. Thomas erlebt keine ruhige Kindheit. Er kann nicht in die Schule gehen und mit den anderen Kindern spielen. Um diese Zeit zu überleben, muss er sogar auf dem Schwarzmarkt handeln. Um seine Mutter zu finden, muss er geduldig sein und nach Deutschland fahren. Sechs Wochen dauert der Transport nach Deutschland. Die Suche nach seiner Mutter endet glücklich als er sie endlich findet.

75

HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.17. HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.9. 77 HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.50. 78 HÄRTLING, Peter. Krücke. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1987. 155s. ISBN 3-407-78178-4. S.54. 76

49

6.3.5

Stilistische Unterschiede

Kirsten Boie gelang es, die 50er Jahre mit Komik vollkommen zu beschreiben. Sie lässt die Zeit wieder auferstehen. Sehr gut beschreibt sie Monis Gedanken und Gefühlswelt. Oft benutzt Boie die Dialoge und am Anfang der Kapitel kurze Erzählberichte. Eine Besonderheit in diesem Roman ist das Benutzen von Dialekten. Neben Monis Oma und ihren plattdeutschen Ausdrücken treten noch drei andere auf: ostpreußisch, bayerisch und berlinerisch.79 Einige Beispiele wie Oma spricht: „Kieck mol her, Deern.“ (Guck mal her, Mädchen) „lütt beeten to blond“ (ein kleines bisschen zu blond) „Schmuck süchst du ut“ (Hübsch siehst du aus)80 Die Übersetzungen zu diesen Ausdrücken findet man am Ende des Buchs im Anhang, sowie weitere wichtigen Informationen wie z.B. über die Kommunisten oder über das Fernsehen. Peter Härtling erfasst mit dem Roman die Nachkriegszeit so authentisch, dass man das Gefühl hat, die Erlebnisse zu teilen. Es ist eine lange und spannende Geschichte, die man mit angehaltenem Atem liest "In der Darstellung typischer Nachkriegssituationen lässt der Autor häufig seiner Erzählfreude freien Lauf, skizziert Charaktere mit wenigen Worten, schafft bei aller Bitterkeit und allem Zynismus, die häufig durch das Lachen spürbar sind, auch Raum für leisen Humor, echte Komik."81 Die Leser können sich dank seiner Erzählung gut vorstellen, wie es in der Nachkriegszeit war und wie der Krieg nicht nur sein Leben, sondern auch viele andere beeinflusst hat.

79

Vgl. Steffens 2006, S.72. BOIE, Kirsten. Monis Jahr. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2. Auflage Mrz 2006. 253s. ISBN 3-42313389-9. S.9. 81 http://www.beltz.de/katalog/buch.asp?ISBN=3%2D407%2D78178%2D4 [am27.10.2008.] 80

50

7

Vergleich der Bücher Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie mit dem Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm

7.1 Kirsten Boie – Erwachsene reden. Marco hat was getan „Wie wird einer ein Mörder? Wie wird so einer ein Mörder? Er hat es vorher nicht gewusst, noch Stunden vorher hat er nichts davon gewusst. Er hat es nicht geplant: Er hat darüber geredet. Eigentlich jeden Tag hat er darüber geredet. Er hat es nicht geplant.“82 Mit diesen Wörter leitet Kirsten Boie ihr Buch Erwachsene reden. Marco hat was getan. Das Buch wurde im Jahre 1995 vom Deutschen Taschenbuchverlag herausgegeben. Es umfasst 95 Seiten, die 13 Aussagen der Personen aus dem Umfeld des Protagonisten aufnehmen. Die Sekundärliteratur ordnet das Buch der Gruppe „Politische Jugendromane“83 zu. Der Protagonist des Buchs heißt Marco. Er ist 15 Jahre alt. Im Buch geht es vor allem darum, dass er eines Nachts ein Haus anzündete. Dieses Haus wurde von Türken bewohnt. Als er das machte, waren in einer Wohnung dieses Hauses zwei Kinder allein, die verbrannten. Dabei wollte Marco niemanden töten. Er wollte den Türken einen Schrecken einjagen, dass sie wieder zurückgehen, woher sie gekommen sind, nach Anatolien. Die Geschichte des Buchs muss man sich selbst zusammensetzen. Das Buch umfasst 13 Aussagen von Personen wie dem Bürgermeister, einem Nachbarjungen, einem Klassenlehrer und einer Grundschullehrerin, einer Nachbarin, dem Tankstellenpächter und dem Schulleiter. Alle diese Personen sind aus Marcos Umfeld. Sie reden über die Situation aus ihrer Sicht. So erfährt man vieles über Marco, über seine Familie, seine Geschwister, wie er in der Schule war, was er in seiner Freizeit gemacht hat und wer seine Freunde waren. Einige Personen sind von dem, was Marco getan hat, schockiert, einige distanzieren sich von ihm, einige glauben nicht, dass er schuld ist und nur einige fühlen sich mitverantwortlich.

82

BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995. 95s. ISBN 3-423-78075-4, S.5. 83 DAHRENDORF in: STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.93.

51

Erst am Ende des Buchs kommt auch Marco zum Wort. Er sagt: „So hat er es gar nicht gewollt. Einen Denkzettel wollte er denen geben. Angst einjagen wollte er denen. Die sollten endlich mal wissen, hier sind sie nicht gern gesehen. Marco sagt, das finden doch alle. Marco kann Namen nennen von Erwachsenen, die auch so reden. Nur haben die keinen Mut. Erwachsene reden. Erwachsene kneifen. Marco hat was getan. Marco versteht nicht, warum alle jetzt gegen ihn sind. […] Es war ein unglücklicher Zufall, dass ausgerechnet an diesem Abend die Kinder in der oberen Wohnung allein waren, und die untere Wohnung war leer. Vielleicht sollten diese Türken mal häuslicher werden. Die Eltern sind jedenfalls schuld. […] Wenn die in Anatolien geblieben wären, wäre ihnen überhaupt nichts passiert. Aber Marco versteht die Aufregung nicht. Nicht, dass alle jetzt so tun, als ob sie Türken lieben. Wen er das Gesülze jetzt hört, wird ihm kotzübel. Die haben vorher alle ganz anders geredet. Es ist natürlich Pech für die Kinder. Aber Marco hat jedenfalls eigentlich keine Schuld.84

7.2 Kirsten Boie – Nicht Chicago. Nicht hier Den Jugendroman Nicht Chicago. Nicht hier schrieb Kirsten Boie im Jahre 1999. Der Roman wurde vom Friedrich Oetinger Verlag in Hamburg herausgegeben. Dieses Buch ordnet Dahrendorf in der Sekundärliteratur der Gruppe „Gesellschaftskritische Romane zu jugendlichem Verhalten zu.“85 Das Buch umfasst 127 Seiten. Die Liste der Auszeichnungen, die Kirsten Boie für dieses Buch erhalten hat, ist lang. Zu den wichtigsten gehören z.B. die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis im Jahre 2000 oder die Nominierung für den UNESCO Kinder- und Jugendbuchpreis im Jahre 2001. Der Protagonist des Jugendromans Nicht Chicago. Nicht hier heißt Niklas. Er ist 13 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in einer unbestimmten Stadt in Deutschland. Und bis Karl, ein Neuer, in Niklas’ Klasse kam, war alles ganz normal. Karl ist so cool und frech, er wirkt kalt und schroff, Niklas hat kein gutes Gefühl bei ihm. Die Lehrerin weist ihm aber den Platz neben Niklas zu und gibt den beiden zusammen eine Aufgabe bei einem anstehenden Projekt. Niklas ist davon nicht begeistert und sein schlechtes Gefühl bestärkt sich bei der ersten gemeinsamen Busfahrt nach Schulschluss nach Hause. 84

BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995. 95s. ISBN 3-423-78075-4, S.95. 85 STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.93.

52

Karl steht herausfordernd und selbstbewusst in dem Bus und versperrt einer alten Frau trotz Bitten den Ausgang beim Aussteigen. Karl lädt sich wegen der Zusammenarbeit bei Niklas ein und schon nach seinem ersten Besuch fehlt eine CD. Die CD gehört Niklas Schwester Svenja. Niklas kann aber nicht glauben, dass Karl die CD gestohlen hat. Beim zweiten Besuch ist es nicht besser. Karl benutzt den Computer von Niklas’ Vater Thomas, leiht sich das CD-ROM-Laufwerk und verspricht, dass er es morgen wieder zurückbringt. Er bringt es aber nicht zurück. Niklas wird in den nächsten Tagen immer unruhiger und wartet auf Karl. Karl kommt aber nicht, so sucht ihn Niklas zu Hause auf. Er fragt Karl nach dem Laufwerk. Karl antwortet aber nicht und zeigt ihm stattdessen seinen Computer mit Internet-Anschluß und lädt ihn zum Pizzaessen ein, was aber eine Finte ist, denn Karl spritzt ihm CS-Gas in die Augen. Niklas kann das Laufwerk seines Vaters von Karl nicht zurückbekommen, hat aber nicht den Mut, seinen Eltern davon zu erzählen. Er will alles allein lösen, Karl ist aber immer aggressiver. Zusammen mit Rocky, einem Schüler der Parallelklasse schikanieren sie Niklas. Sie bringen ihn auf dem Fahrrad zu Fall, drohen ihm mit einem Messer, nehmen ihm sein Handy weg und Karl behauptet, dass er das Laufwerk nie hatte. Eltern und Lehrer bemerken Niklas Unsicherheit und Bedrückung. So redet Niklas endlich mit seinen Eltern, was er schon früher hätte machen sollen, weil ihm niemand mehr glaubt. Alle glauben Karl und bezichtigen Niklas der Lüge. Karl und seine Familie behaupten, dass Niklas Karl das Laufwerk für 100 Mark verkaufte, und außerdem sei es kaputt. Erst mit dem gestohlenen Handy begehen Karl und Rocky einen ersten großen Fehler, der Niklas Eltern nachdenklich werden lässt. Karl und seine Kumpane beginnen nun auch Niklas Familie mit regelmäßigen Drohanrufen zu terrorisieren. Endlich glauben Niklas Eltern ihrem Sohn und wenden sich an die Polizei. Die kann aber nichts machen, weil sie keine Beweise dafür haben. Niklas und seine Eltern fühlen die Machtlosigkeit. Sogar Niklas Lehrerin glaubt ihm nicht und entschuldigt immer wieder Karl. Der Roman endet mit einem aufwühlenden, offenen Schluss, kurz nachdem jemand Niklas’ Lieblingstier, sein Kaninchen, stahl.

53

7.3 Annika Holm – Hau ab, sagt Mathilda Annika Holm wurde im Jahre 1937 in Stockholm geboren. Sie wuchs in Nordschweden auf. Als sie 20 Jahre alt war, kehrte sie zurück nach Stockholm, wo sie 15 Jahre lang als Journalistin arbeitete. Danach entschied sie sich, für Kinder zu schreiben. Sie schreibt Theaterstücke, Drehbücher fürs Fernsehen und Bücher für Kinder. Ihre Ideen schöpft sie aus dem eigenen Umfeld und aus Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen während ihrer Lesungen. Im Jahre 1989 erhielt sie den Astrid-Lindgren-Preis und im Jahre 1996 wurde sie mit ihrem Buch Olle und Amanda für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Heute lebt die 7fache Großmutter in Stockholm und auf Gotland.86 Das Buch Hau ab, sagt Mathilda wurde im Jahre 2001 vom Deutschen Taschenbuch Verlag in München herausgegeben. Es umfasst 111 Seiten und 28 Kapitel, die noch weiter in Tage gegliedert sind. Aus dem Schwedischen wurde es von Angelika Kutsch ins Deutsche übersetzt. Mathilda, so heißt die Protagonistin des Buchs, ist 9 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Stockholm. Ihre beste Freundin heißt Marie, sie ist seit 4 Monaten in England und endlich kehrt sie nach Stockholm zurück. Mathilda freut sich schon sehr auf Marie und kann es kaum erwarten, Marie wiederzusehen. Nachdem Marie so lange weg war, haben sich die beiden Mädchen viel zu erzählen. Das Zusammentreffen der beiden Freundinnen ist aber nicht so, wie es beide erwartet haben. Jede hat sich verändert, vor allem Marie. „Sie hat sich die Haare abschneiden lassen! Sie sind kurz, sehr kurz. Mitten auf dem Kopf ragt es in die Höhe. Die Ohren sind frei. In einem stecken zwei, drei Goldknöpfe.“87 Sie haben jetzt auch unterschiedliche Interessen. Mathilda spielt Fußball, worauf Marie aber keine Lust hat und versteht nicht, wie ihre beste Freundin so etwas Blödes spielen kann. Lieber nimmt Marie mit einem anderen Mädchen Cello- Unterricht. Mathilda ist sehr traurig, weil sie das Gefühl hat, dass Marie nicht mehr so viel Zeit wie früher mit ihr verbringen will. Sie hat jetzt eine neue Freundin, mit der sie oft zusammen ist. So trifft sich Mathilda häufig mit Achim, einem Mitschüler, mit dem sie oft Zeit verbracht hat, als Marie noch in England war.

86

http://www.kiepenheuer-medien.de/autoren/H/holm_annika/showAutor [am 10.11.2008] HOLM, Annika. Hau ab, sagt Mathilda. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. 111s. ISBN 3-42362058-7, S.9.

87

54

Die Erwartungen beider Mädchen an das Wiedersehen erfüllten sich nicht. Jede behauptet, dass sich die andere in der Zwischenzeit verändert hat und kann nicht zugeben, dass es vielleicht auch sie selbst sein kann. So entstehen zwischen beiden Mädchen viele Missverständnisse und es kommt unter den einstigen besten Freundinnen zum handfesten Streit. Am Ende der Geschichte versöhnen sich beide Mädchen. Sie reden über ihre Gefühle und räumen die Missverständnisse aus.

7.4 Vergleich der Bücher Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie mit dem Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm

7.4.1

Themen der ausgewählten Bücher

Wiederum handeln die gewählten Bücher von einem aktuellen Thema der realistischen Kinder- und Jugendliteratur, da Gewalt in den letzten Jahren zu „dem Thema“ dieses Genres wurde. Das Thema Gewalt ist zur Zeit hochaktuell, nicht nur in der Kinder- und Jugendliteratur, sondern auch in Medien wie Zeitungen und Fernsehen. Jeden Tag berichten uns diese Medien über Gewalt in unserer Gesellschaft und in Schulen. „Ein gängiger und allgemein anerkannter Beleg ist, dass wir davon ausgehen müssen, dass mindesten einer von zehn Schülern ernsthaft schikaniert wird und dass mehr als einer von zehn an entsprechenden Gewalttaten beteiligt ist.“88 Hannelore Daubert stellt in ihrer didaktischen Veröffentlichung Gewalt-MobbingZivilcourage (2002) acht einschlägige Veröffentlichungen vor, darunter zwei von Kirsten Boie: Erwachsene reden. Marco hat was getan und Nicht Chicago. Nicht hier. 89 Während in dem Buch Nicht Chicago. Nicht hier Kirsten Boie das Thema Gewalt ohne offensichtliches Motiv, Gewalt unter Jugendlichen, Angst und Hoffnungslosigkeit des Opfers der Gewalt bearbeitete, widmete sie sich in dem Buch Erwachsene reden. Marco hat was

88

STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1, S.102. 89 DAUBERT, Hannelore: Gewalt, Mobbing & Zivilcourage. Lesen in der Schule mit dtv junior. Unterrichtsvorschläge für die Klassen 5-11. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2002.

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getan außer dem Thema Gewalt gegen Minderheiten auch den Themen wie Neonazismus, Ausländerhass, Rechtsradikalismus und Politik. Für den Vergleich wurde noch das Buch Hau ab, sagt Mathilda von Annika Holm ausgewählt, da die Sekundärliteratur dieses Buch dem Thema Gewalt zuordnet. Im Gegensatz zu den Büchern von Kirsten Boie behandelt diese Autorin aber das Thema nur grob, hauptsächlich geht es in diesem Buch um das Thema Freundschaft zwischen Jugendlichen. Das Thema Gewalt ist in diesem Fall also nur symbolisch angesprochen. Kirsten Boie hat in den ausgewählten Büchern das Thema Gewalt direkt angesprochen.

7.4.2

Gewalt in Erwachsene reden. Marco hat was getan – gegen Ausländern

Der Protagonist dieses Buch, der 15jährige Marco, ist Verursacher von Gewalt. Er kämpft nicht nur mit seiner Meinung gegen Ausländer, sondern auch mit Taten. Er möchte den Türken einen Schrecken einjagen, hat damit aber zwei Kinder getötet. Gewalt gegen Minderheiten kommt aber nicht aus dem Nichts. Alle anderen in seinem Umfeld reden darüber wie z.B. der Bürgermeister oder sein Freund, der der Sohn eines Rechtsextremisten ist. Überall hört Marco davon und als er die schreckliche Tat verübt, fühlt er sich nicht schuldig, versteht nur nicht, wieso die Leute, die so geredet haben, ihn jetzt verurteilen. Der Lehrer beschreibt z.B. ein Gespräch mit Marco im Unterricht. Marco sagte: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ Dann fragte ihn der Lehrer: „Was das eigentlich bedeutet, worauf wir Deutschen denn wohl Grund haben, stolz zu sein.“ Marco antwortete: „Ich persönlich bin zum Beispiel stolz auf Goethe“. Der Lehrer hat gefragt, was er denn von Goethe weiß. Marco wusste gar nichts. So sagte der Lehrer: „Wie kann man denn bitte schön stolz sein auf etwas, von dem man überhaupt nichts weiß? Dazu sagte Marco: „Dann bin ich stolz auf die Autobahnen.“ Der Lehrer fragte ihn noch: „Dann bist du also stolz auf Hitler? […] „Und er guckt mich nur so an. Gibt keine Antwort, guckt mich nur so an, ganz ruhig.“90 Marcos Freund Sigurd sieht die Situation so: „Klar wollen wir nicht so viele Ausländer, aber deshalb zünden wir sie noch lange nicht an. Das würde der Bewegung in der Öffentlichkeit erheblichen Schaden zufügen, wenn sie mit so was in Verbindung gebracht würde. Mein Vater hat also schon eine Erklärung aufgesetzt, dass die Partei solche Ausschreitungen verurteilt. Sonst kauft doch kein Mensch mehr bei uns. […] Die Ausländer? 90

BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995.

ISBN 3-423-78075-4,S. 58.-59.

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Also logisch hat das was damit zu tun, die kaufen doch sowieso nur, wo`s billig ist. […] Qualität ist für die doch ein Fremdwort, die kaufen jeden Scheiß, wenn der nur billig ist.“91 Sein Vater ist ein Vertreter des Rechtsextremismus und beeinflusst mit seiner Meinung seinen Sohn und dessen Freunde. Sigurd sagt z.B. „Da sind die Linken dran schuld. Dass der also die Türken da – da sind die Linken dran schuld, ist doch ganz logisch. […] Unser nationaler Stolz ist gebrochen und da haben die Schiss vorm Ausland, vor den Amis, vor den Japanern, da lassen sie also jeden rein.“92 Sein andere Freund Timo kommentiert die Situation: „Poffatz hat gesagt, bei sich zu Hause hat der Marco noch viel geilere Bilder an den Wand. In seinem Zimmer an der Wand. Lauter nackte Juden, die vor einer Grube knien, Hände überm Kopf, und dahinter deutsche SS, die knallt sie gerade ab. Dass sie also direkt in die Grube fallen dann, praktisch gedacht war das ja. […] Also man redet natürlich schon mal so, Kanaker zurück auf die Bäume, und was ist der Unterschied zwischen Juden und Türken, die Juden haben es schon hinter sich, aber ist ja nichts davon ernst gemeint. Also da können sie alle fragen in der Klasse, alle, da würde keiner so was machen. Dass man mal so redet, das ist ja nur, weil alle diese Ausländer überall, da denkt man ja schon mal: ‚Ist das denn hier noch Deutschland, oder was?‘ […] Aber deshalb kann man sie natürlich nicht gleich abfackeln, also das ist schon mal klar. Gibt ja noch Flugzeuge und Schiffe und was und denn ab in die Heimat.“93

7.4.3

Gewalt in Nicht Chicago. Nicht hier - unter Jugendlichen

Der Protagonist des zweiten Buchs von Kirsten Boie ist der 13-jährige Niklas. Ihn schildert Boie in ihrem Werk im Gegensatz zu dem ersten Buch als Opfer von Gewalt. Er wird von Karl und seinen Kumpanen schikaniert und verfolgt. Zuerst stiehlt ihm Karl eine CD seiner Schwester, dann das Laufwerk seines Vaters. Wenn Niklas das Laufwerk zurück haben will, beginnt die Schikane. „Niklas fährt zu Karl, weil er das Laufwerk zurückhaben will. Und weil er neugierig ist. Darauf, wie Karl das CS-Gas erklärt. Weil er eine Entschuldigung will. […] Und der Stock kommt so plötzlich aus dem Gebüsch, dass man ihn nicht sieht, und fährt zwischen die Speichen, und das Fahrrad bäumt sich auf und schlägt um, und während er stürzt, denkt Niklas, was für ein Glück es ist, dass er 91

BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995. 95s. ISBN 3-423-78075-4,S. 25.-26. 92 BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995. 95s. ISBN 3-423-78075-4,S. 85. 93 BOIE, Kirsten. Erwachsene reden. Marco hat was getan. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995. 95s. ISBN 3-423-78075-4,S. 63. und 73.

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noch nicht das Laufwerk in seinem Rucksack hat. Danach denkt Niklas gar nichts und dann merkt er, dass er am Leben ist und nicht schwer verletzt, er kann sein Bein unter dem Fahrrad herausziehen, von einer Schramme tropft Blut. […] Er hat die ganze Zeit gewusst, dass er nicht nur so gefallen ist, einfach so, dass jemand ihm aufgelauert hat, ihn überfallen, dass also jemand in der Nähe ist, er weiß auch, wer. […] ‚Na du kleine Ratte’ sagte Karl. Hat ein Messer in der Hand. ‚Na du kleine Ratte, jetzt wollen wir doch mal sehen…’“94 Ein weiteres Beispiel der Gewalt in diesem Buch sind die Telefonate, mit denen Karl Niklas und dessen Familie regelmäßig terrorisiert. Wie z.B. „‚Du Virus von einer Missgeburt’ sagt Karls Stimme. Als Niklas nach Hause gekommen ist, lag der Hörer auf der Gabel. Er hat abgenommen. ‚Du bist nichts als ein Haufen Scheiße, du widerlicher Schleim! Ich tue der Welt nur einen Gefallen, wenn ich dich…’ Niklas legt den Hörer auf.“95

7.4.4

Gewalt in Hau ab, sagt Mathilda – in der Schule

Wie schon erwähnt wird in diesem Buch die Problematik der Gewalt nicht so detailliert behandelt wie in den anderen beiden Büchern. Man kann nur drei Beispiele dieser Problematik im Buch Hau ab, sagt Mathilda finden. Das erste Beispiel ist Gewalt in der Schule. Mathilda beschreibt eine Situation auf dem Schulhof: „Sie entdeckt Marie auf dem Schulhof mitten in einem Haufen anderer. Sie schimpft auf jemanden, und es dauert einen Augenblick, bevor Mathilda kapiert, auf wen sie schimpft. Es ist Albert, der nicht nur der Hübscheste, sondern auch der am wenigsten Berechenbare der Klasse ist. Was hat er denn jetzt schon wieder gemacht? Aus Maries wütendem Wortschwall schnappt Mathilda Worte wie ‚Jungs’ und ‚So was machen wir nicht mehr’ und ‚treten’ und ‚feige’. Albert hat also wieder getreten, obwohl er der Lehrerin versprochen hat, es nie mehr zu tun. Hat er Marie getreten? […] Marie hat was zu Albert gesagt, da ist er wütend geworden und hat sie getreten.“96 Ein weiteres Beispiel ist eigentlich ‚nur Streit‘ zwischen den ehemaligen besten Freundinnen. Solche Streitereien führen aber häufig zur Gewalt zwischen Jugendlichen. „Mathilda drängt sich in den Kreis, zieht Marie am Arm und will sagen, dass Albert es wohl nicht so böse gemeint hat. Doch Marie explodiert, bevor sie richtig angefangen hat. ‚Misch 94

BOIE, Kirsten. Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1999. 126s. ISBN 978-3-42370683-4, S.54.-55. 95 BOIE, Kirsten. Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1999. 126s. ISBN 978-3-42370683-4, S.123. 96 HOLM, Annika. Hau ab, sagt Mathilda. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. 111s. ISBN 3-42362058-7, S.44.

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dich nicht in Sachen ein, die dich nichts angehen!‘ Sie macht einen Schritt auf Mathilda zu, und Mathilda kann gerade noch denken, dass sie Marie noch nie so wütend erlebt hat, bevor sie sich selbst schreien hört: ‚Dich geht es auch nichts an!‘ ‚Blöde Ziege‘, schreit Marie. Sie erstarren zu Statuen und schauen sich an, bis Arnes Stimme sie weckt.“97 Dieser Streit zwischen den beiden Mädchen dauert ziemlich lange und endet erst mit dem Eintritt der Lehrerin. Letztes Beispiel für Gewalt in diesem Buch ist eine aggressive Reaktion von Mathilda. Mathilda und ihr Freund Achim gehen zusammen in die Schule, Mathilda hat sehr schlechte Laune und bei Achims Frage auf Marie reagiert sie so heftig, dass sie ihn tritt. „‚Ist sie denn krank?’ ‚Woher soll ich das wissen? Die ist mir doch egal.’ ‚Nun reg dich doch nicht auf! Ich habe doch bloß gefragt. Sonst geht ihr morgens ja auch zusammen.’ ‚Die kann hingehen, wo der Pfeffer wächst. Mir doch egal.’ ‚Und ich habe gedacht, sie wär deine beste Freundin.’ ‚Dann hast du dich eben geirrt. Übrigens kannst du auch hingehen, wo der Pfeffer wächst, du – du Heulsuse!’ Und – was macht sie da? Sie tritt. Tritt nach jemandem, den sie doch eigentlich gern mag, der ihr nichts getan hat, mit dem sie befreundet sein möchte.“98 Als kleines Beispiel kann man auch die Hausaufgabe der Schüler nennen. Diese sollten etwas über den Großen Marktplatz in ihrer Stadt schreiben, vor allem, wie es jetzt dort aussieht und was für Sehenswürdigkeiten man dort finden kann. Die Kinder schreiben aber lieber über ein Blutbad99, was sie viel interessanter finden.

7.4.5

Stilistische Unterschiede

Für das Jugendbuch Erwachsene reden. Marco hat was getan wählte Boie ein besonderes narratives Mittel. Das Buch ist eigentlich eine Collage von Interviews mehrerer Personen mit einem stumm bleibenden Interviewer. Insgesamt 13 Personen aus dem Umfeld des Protagonisten Marco äußern ihre Meinungen dazu, was Marco getan hat und vor allem zur Problematik von Fremdenfeindlichkeit. Boie muss also die Sprache an die Personen, die die Aussagen machen, anpassen. Dies ist nicht einfach, weil es sich in diesem Fall um 13 Personen handelt, wie z.B. den Bürgermeister, den Gemeindepastor oder Marcos Freunde. Jede Person spricht mit anderer Sprache. 97

HOLM, Annika. Hau ab, sagt Mathilda. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. 111s. ISBN 3-42362058-7, S.45. 98 HOLM, Annika. Hau ab, sagt Mathilda. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001. 111s. ISBN 3-42362058-7, S.73. 99 Es handelt sich um ein historisches Ereignis, das auf diesem Marktplatz geschehen ist. Bei diesem Ereignis wurden innerhalb von drei Stunden fast hundert Menschen geköpft.

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Die Leser machen sich dann selber ein Bild von Marco und können auf Grund der Aussagen beurteilen, wer und was alles auf Marco Einfluss hatte. Ob Marco die alleinige Schuld am Anschlag auf die Türken hat, muss der Leser ebenfalls selbst entscheiden. Das Buch Nicht Chicago. Nicht hier schrieb Kirsten Boie in zwei Zeitebenen. Die Erste Ebene spielt in der Gegenwart, Die Handlung ist im Hier und Jetzt der Familie von Niklas angesiedelt. Es handelt sich um eine Er-Erzählung, die Geschichte wird von einen neutralen Beobachters beschrieben, wie z.B.: „Sie haben den Garten abgesucht, gebeugt, mit kleinen Schritten. Svenja hat Taschenlampen aus dem Keller geholt.“100 Die zweite Ebene spielt in der Vergangenheit. Die personale Erzählsituation rückt Niklas als Protagonisten und zugleich Reflektorfigur in das Zentrum der Handlung. Es handelt sich um eine Rückschau, wie die Geschichte angefangen hat und wie der Verlauf des Geschehens war. Diese zwei Zeitebenen sind mit unterschiedlichen Schriften geschrieben. Die Leser erleben dank der zwei Zeitebenen, was Niklas erleidet und reflektiert, seine Gefühle und Ängste, seine Enttäuschungen und die steigende Wut. Die Geschichte beginnt mit einem inneren Monolog der Protagonisten Niklas. Er sagt: „Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör, ich mach ihn tot, ich tret ihm so die Fresse ein, dass er niemals mehr…Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör.“101 Diese Wörter werden am Ende des Buchs wiederholt, die Autorin signalisiert damit den inneren Aufschrei und die Wut des Protagonisten. Die Sprache, die Boie in diesem Buch nutzt, ist direkt und packend. Sie nutzt häufig vulgäre Wörter wie z.B. „Du bist ein Klumpen Kotze, ein Fäkalienberg, Schmutz…“102 Das Buch ist nicht besonders pädagogisch. Beim Schreiben des Buchs nutzt sie einen traurigen Ton, der Niklas’ Hoffnungslosigkeit, Wut und Angst betont. In den letzten Kapiteln verschmelzen die zwei Zeitebenen miteinander. Der Schluss bleibt offen. So wissen die Leser nicht, ob Karl als Verursacher der Gewalt bestraft wird, oder nicht. Annika Holm beschreibt die Freundschaftsgeschichte mit einfachem Stil. Beim Schildern der alltäglichen Probleme der Schüler und des Konflikts zwischen den zwei Mädchen nutzt sie keine Besonderheiten.

100

BOIE, Kirsten. Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1999. 126s. ISBN 978-3423-70683-4, S.7. 101 BOIE, Kirsten. Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1999. 126s. ISBN 978-3423-70683-4, 102 BOIE, Kirsten. Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 1999. 126s. ISBN 978-3423-70683-4,S.61.

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Kirsten Boie betont: „dass sie selbst für das von ihr beleuchtete Phänomen auch keine Lösung anzubieten habe, dass aber schon viel gewonnen sei, wenn man das Problem überhaupt wahrnehme, es sich genau anschaue und darüber nachdenke.“103 Alle drei Bücher berichten über verschiedene Arten der Gewalt. Dank der Bücher können die Leser sowohl die Täterperspektive als auch die Opferperspektive erleben und darüber nachdenken. Gewalt ist immer Bestandteil unserer Gesellschaft und die Bücher sollten als Vorbeugung dieses Problems dienen. Diese Geschichten lassen nur wenige Leser kalt und jeder Leser macht sich darüber Gedanken, wie man gegen dieses Phänomen unserer Gesellschaft kämpfen kann.

103

STEFFENS, Wilhelm. Kirsten Boies Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I.Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2006. ISBN 3-8340-0036-1,S.97.

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8

Vergleich des Buchs Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie mit dem Buch Sonntagskind von Gudrun Mebs

8.1 Kirsten Boie – Paule ist ein Glücksgriff Das Buch Paule ist ein Glücksgriff wurde für diese Arbeit ausgewählt, da es als das bedeutendste Werk von Kirsten Boie gilt. Mit dem Buch leitete sie ihre bemerkenswerte Karriere als Kinder- und Jugendautorin ein, eine Karriere, die schon mehr als 20 Jahre andauert und in der sie immer wieder neue thematische und narrative Dimensionen hervorbringt. Der Kinderroman Paule ist ein Glücksgriff erschien im Jahre 1985 und wurde vom Friedrich Oetinger Verlag in Hamburg herausgegeben. Mit ihrem Erstlingswerk gelang der Autorin ein großer Erfolg, denn das Buch wurde im Jahre 1986 in die Auswahlliste Deutscher Jugendliteraturpreis, Sparte Kinderbuch und in die Ehrenliste zum Österreichischen Staatspreis aufgenommen und als Buch des Monats März 1986 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Volkach, ausgezeichnet. Auch die Kritiken des Buches waren vorwiegend positiv wie z.B.: „Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Kirsten Boie in ihrem ersten Buch, wie ein Adoptivkind sich und seine Umwelt erlebt. Und sie tut das mit soviel Warmherzigkeit und Humor, dass man beim Lesen fast vergisst, dass Paule kein Junge ist wie alle anderen.“104 Das Buch umfasst 135 Seiten und gliedert sich in 10 Kapitel. Jedes Kapitel beginnt mit einer großen Überschrift. Die Überschrift deutet jeweils auf den Inhalt des folgenden Abschnitts hin, denn jedes Kapitel ist eigentlich eine Episode. Zu jedem Kapitel gehört eine ganzseitige Schwarz-Weiß-Zeichnung von Iris Hardt. Im ersten Kapitel Manches ist bei Paule anders schildert die Autorin, dass Paule kein normales Kind wie die anderen ist. Paule ist ein sechsjähriges dunkelhäutiges Adoptivkind. Seine jetzigen Eltern haben Paule aus einem Heim geholt, als er noch ganz klein war. Sein „erster“ Vater war ein Student aus Somalia, der die deutsche Mutter verließ. Paule weiß gut, dass bei ihm manches anders ist als bei anderen Kindern. Manchmal denkt Paul, dass er nicht im Bauch seiner Mutter gewachsen ist, dass er keine Geschwister und keinen Hund hat. Aber er hat Eltern, die ihn lieben und für die er „ein Glücksgriff“ ist. Was Paule sehr mag, ist die 104

Reaktion des Kritikers auf das Buch. Münchner Merkur von 23.05.1985.

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Geschichte, wie seine Eltern ihn aus dem Heim holten und wie freundlich die Großeltern reagierten. Diese Geschichte will er immer wieder hören. Paules Freund heißt Andreas. Er wohnt in der Nachbarschaft. Er hat noch Geschwister (eine ältere und eine jüngere Schwester), aber meistens spielt er lieber mit Paule. Zu Paules Bekannten gehören auch noch Viktor von der anderen Straßenseite und zwei Katrins. Seit dem Sommer besucht Paule die Schule. Zu Weihnachten sollen die Kinder für die Eltern und Geschwister ein Krippenspiel aufführen. Paule nimmt auch teil. Zuerst sollte er der König Kaspar sein, weil dieser schwarz war und weil dies die Lehrerin und alle anderen wollen. Paule will aber kein Kaspar, sondern Engel Gabriel sein. Am Ende spielt Andreas den König Kaspar und Paule kann als Engel Gabriel auftreten. Vor der Vorstellung ist Paule sehr aufgeregt und hat weiche Knie. Dann steht er auf der Bühne und schafft alles völlig perfekt. Sogar als in der Krippe keine Puppe liegt, sondern Andreas kleine Schwester Bette, meistert er diese Überraschung. Das vierte Kapitel heißt Wenn es Mama überkommt. Wenn es Paules Mama überkommt, dann stürzt sie sich in Hausarbeit. Diesmal ist es der Flur, den sie streicht. Sie schickt Paule in den Supermarkt, um Dübel zu kaufen. Andreas geht mit Paule, weil es mit ihm schöner ist. Sie gucken in das Fenster vom Spielzeuggeschäft und essen Currywürste. Ein Mädchen, das mit ihrer Mutter hinter Paule steht, sagt ganz laut: „Guck mal, der Neger, Mami“105. Und sie vermutet, dass der erwachsene Afrikaner, der in der Nähe steht, der Vater von Paule ist. Andreas will das herausbekommen und geht zu dem Mann und tippt ihm auf den Rücken. Paule ist wütend, die Situation ist ihm peinlich. In der nächsten Szene stehen sie mit dem Fremden vor der Haustür. Mama guckt ziemlich überrascht, als sie die Tür aufmacht. „Er ist doch nicht Paules Vater“106, sagt Andreas. „Er heißt Peter und er kann bestimmt die Lichtleiste in der Küche reparieren, er studiert das“107, sagt Paule, weil er sieht, dass Mama immer noch erstaunt ist. Die Dübel hat Paule selbstverständlich vergessen, aber Peter hilft in der Küche bei den entstehenden Reparaturen und spielt mit den Kindern. Eine weitere Episode heißt Kusinenbesuch. Janne ist Paules Kusine, die fast ein ganzes Jahr älter als Paule ist. Sie soll ohne ihre Eltern zu Besuch kommen, weil diese für eine Woche nach Paris reisen wollen. Paule betrachtet sie zunächst kritisch, weil sie ein Mädchen

105

BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.39 106 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.43 107 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.44

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ist. Schnell freundet er sich mit ihr an und verbringt die ganze Zeit mit ihr. Er will sie sogar heiraten. Das dauert bis Jenny auf einer Geburtstagsparty mit Viktor tanzt. Manche Dinge sind Paule nicht ganz klar. In dem Kapitel Ist Mama eine Stiefmutter fragt Paule nach zwei Dingen, die ihm nicht ganz klar sind. Die erste Frage stellt er seinem Vater. Paule fragt: „ Ist Mama nun eigentlich meine Stiefmutter?“108 Die zweite noch schwierigere Frage stellt er seinem Opa: „Bin ich ein Ausländer, Opa?“109 Er verweist auf das, was Viktor sagte: „Deutsche Neger gibt es nicht“110. Und wenn er ein Ausländer ist, muss er raus? So steht es doch im Einkaufszentrum an der Wand. Opa ist sehr wütend, er wettert gegen die Schmierereien und nennt die Leute, die so was schreiben Idioten und Schweinehunde. Opa sagt: „Und solche Schmierereien, gehören überhaupt weg. Abgewaschen gehören die! Übergemalt!“111 Paule findet das eine gute Idee und geht direkt ins Einkaufszentrum, wo er die Wände mit der kleinen Sprühflasche mit dem Autolack beschmiert. Am Ende dieses Kapitel bringen Polizisten Paule nach Hause und sagen der Mutter, dass sie besser auf das Kind aufpassen muss. Paule merkt, wie erschrocken die Mutter ist, bis er ihr erklärt, was er eigentlich gemacht hat. Jetzt fasst sie Paule an der Schulter und attackiert die Polizisten, dass sie lieber dem Kind helfen sollen. Zur Schule geht Paule meistens ganz gerne. Lesen, Schreiben, Rechnen und Sachkunde machen ihm richtig Spaß, aber Diktate mag Paule überhaupt nicht. Die Diktate muss er regelmäßig und intensiv mit seiner Mutter üben. Einmal verschweigt er ein Diktat, weil er zu Viktor gehen will, um Video zu schauen. Den nächsten Tag schreibt er in der Schule das Diktat, bekommt aber eine schlechte Note. Aber er muss die schlechte Note unterschreiben lassen. Werden sie ihn noch lieben? Werden sie ihn noch haben wollen, fragt Viktor. Deshalb reißt er für kurze Zeit zusammen mit Andreas und dessen Schwester Bette aus. Er will nur, dass Mutter und Vater mal merken, wie es ohne Paule ist. Die kleine Bette ist aber bald hungrig und schreit so lange und so laut, dass sie zurück nach Hause gehen müssen. Zu Hause sagt Paule der Mutter alles, zum Glück ist gerade Opa zu Besuch und hilft ihm aus der Patsche. Als er jung war, hat er auch wegen Diktaten geschwindelt.

108

BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.61 109 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.65 110 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.66 111 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.69

München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007.

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Paules Familie wird bald größer. Obwohl er einen Bruder will, adoptieren seine Eltern die einjährige Ulla. Zunächst ist Paule enttäuscht, denn ein Mädchen will er nicht, aber nach dem Besuch des Heimes, wo Ulla ist, ändert er seine Meinung. In dem Kapitel Ulla ist schon längst zu Hause bekommt Paules neue Familie Besuch. Eine Sozialarbeiterin muss den Haushalt und die kleine Ulla überprüfen. Paules Mutter ist sehr nervös und putzt das ganze Haus. Paule fährt Ulla aus, auf dem Spielplatz trifft er Andreas große Schwester Britta. Er streitet sich mit ihr und tritt sie heftig gegen das Schienbein und reißt dann vor ihr aus. Ulla hat er alleine auf dem Spielplatz gelassen und als er nach einer Weile zurück kam, war sie schon weg, ausgerechnet vor dem Kontrollbesuch. Zu Hause benimmt sich Paule vor Frau Resemann sehr höflich und behauptet, dass Ulla bei der Oma ist. Er weiß nicht, dass Britta sie zurückgebracht hat und dass sie oben im Bett liegt und schläft. Andere Kinder feiern Geburtstag, Paule feiert Geburtstag und auch noch Ankunftstag. Das ist der Tag, an dem ihn seine Eltern aus dem Heim geholt haben. Am Ankunftstag bekommt er keine Geschenke, er wird bei Kaffee und Kuchen gefeiert. Oma und Opa kommen zu Besuch und alle spielen verschiedene Spiele. Diesmal kann Paule am Abend vor dem Ankunftstag nicht einschlafen und geht zur Mama, die allein im Wohnzimmer sitzt. Er hat wieder eine wichtige Frage. Er fragt, ob seine erste Mutter eine schlechte Frau ist, wie Viktors Mama sagte? Mama sieht böse aus, aber dann erklärt sie ihm ganz geduldig und verständnisvoll, welche Situationen es gibt, wenn Mütter ihre Kinder hergeben. Sie hat Paule auch versprochen, dass er, wenn er älter ist, seine erste Mutter suchen kann. Am nächsten Morgen kommen die Großeltern. Und obwohl Paule keine Geschenke zum Ankunftstag bekommen soll, erhält er ein Geschenk. Es ist leider kein Hund, sondern ein Meerschweinchen. Paule ist trotzdem sehr glücklich, denn jetzt können sie den Ankunftstag zu zweit feiern.

8.2 Gudrun Mebs – Sonntagskind Die Autorin des Buchs Sonntagskind, Gudrun Mebs, wurde im Jahre 1944 in Bad Mergentheim geboren. Sie wuchs in Frankfurt am Main auf, wo sie die Schauspielschule absolvierte. Nach vielen Engagements reiste sie mit einem Ensemble des Goethe-Institutes quer durch Deutschland und rund um die Welt. In Paris lernte sie an der Zirkusschule

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Seiltanz. Seit dem Jahr 1980 schreibt sie Kinderbücher, Hörspiele und Drehbücher. Sie lebt in München und in der Toscana.112 Das Buch wurde im Jahre 1983 vom Sauerländer Verlag in Frankfurt am Main herausgegeben. Die Geschichte wurde mit dem Deutscher Jugendliteraturpreis im Jahre 1984 ausgezeichnet. Das Buch umfasst 110 Seiten und enthält Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner. In diesem Buch wird von einem Mädchen in der Ich-Form erzählt. Das Mädchen lebt in einem Heim. Sie nennt sich Sonntagskind, weil sie in einem Sonntag geboren ist und sie glaubt, dass Sonntagskinder immer viel Glück haben. Sie weiß nichts über ihre Herkunft, ihre Eltern haben sie entweder nicht behalten können oder behalten wollen. Sonntage sind für sie immer langweilige und traurige Tage. Denn immer am Sonntag kommen Pateneltern ins Heim, um sich Kinder auszusuchen, und mit ihnen schöne Dinge zu unternehmen. Sie beschreibt die Sonntagspateneltern so: „Das sind Eltern, die mögen sonntags mal ein Kind haben, und dann gehen sie ins Heim und suchen sich eins raus, und dann darf das Kind jeden Sonntag zu ihnen kommen und an Weihnachten und Ostern auch länger.“113 Die Sonntagspateneltern gehen dann mit den Kindern in den Zoo oder ins Kino, sie machen verschiedene Ausflüge und manchmal bekommen sie auch Geschenke. Nur die Ich-Erzählerin blieb bisher immer alleine im Heim, weil sie noch von niemanden ausgesucht worden war. Eines Tages bekommt auch sie eine Sonntagsmami. Sie freut sich sehr darüber und träumt von ihrer Sonntagsmami und stellt sich vor, was sie alles machen werden. Als sie sie das erste Mal sieht, ist sie enttäuscht, weil sie sich ihre Sonntagsmami anders vorgestellt hat, aber bald stellt sie fest, das sie die beste Sonntagsmami hat und das es nicht so wichtig ist, wie viel Geld sie hat. Die Hauptsache für sie ist, dass sie sich mit ihr wohl fühlt. Schnell schließt sie sie in ihr Herz. Ihre Sonntagsmami heißt Ulla Fiedler, sie ist klein und trägt kurze Haare. Auf dem Kopf hat sie meistens ihre Bommelmütze und häufig trägt sie Gummistiefel. Sie sieht nicht wie die anderen Sonntagseltern aus. Sie schreibt Bücher für Kinder. Ihre Wohnung ist klein und unaufgeräumt, aber gemütlich. Zusammen machen sie die tollsten Sachen, sie essen Würstchen, baden sich in der Badewanne und Hand in Hand laufen sie durch den Regen. Die Sonntagsmami ist nicht reich wie die anderen Sonntagseltern, aber sie hat das, was die anderen nicht haben, Fantasie.

112 113

http://de.wikipedia.org/wiki/Gudrun_Mebs [am 15.9.2008] MEBS, Gudrun. Sonntagskind. Frankfurt am Main: Sauerländer Verlag. 1983.110s. ISBN 3-7941-2443-x,S.7.

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Das Sonntagskind freut sich jede Sonntag darauf, dass ihre Sonntagsmami kommt, um sie zu abholen und am liebsten würde sie für immer bei ihr bleiben. Sie hat endlich jemanden gefunden, der sie mag und mit dem sie sich sicher fühlt. Zwischen ihr und ihrer Sonntagsmami entwickelt sich eine schöne und tiefe Beziehung. Eines Sonntags kommt Ulla aber nicht. Das Sonntagskind versteht das nicht und ist sehr traurig. Dann erfährt sie aber von der Schwester die tolle Nachricht. Ulla will sie adoptieren und deswegen konnte sie nicht kommen, weil sie mit ihrem Freund Christian zuerst die Adoptions-Frage klären muss. Jetzt muss das Sonntagskind Geduld haben, weil es lange dauern kann. Das alles weiß sie, trotzdem ist sie unglaublich glücklich und sie glaubt, dass alles in Ordnung sein wird und das sie bald eine neue Familie bekommt. Sie ist ein Sonntagskind und die haben Glück. Am Ende der Geschichte wird das Sonntagskind wieder abgeholt, diesmal nicht nur von Ulla, sondern auch von Christian und die Adoption ist bald erledigt.

8.3 Vergleich des Buchs Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie mit dem Buch Sonntagskind von Gudrun Mebs

8.3.1

Themen der ausgewählten Bücher

Diese Bücher wurden wegen ihres ähnlichen Themas für einen Vergleich ausgewählt. Beide behandeln das Thema Adoption und sind der realistischen Kinder- und Jugendliteratur zuzuordnen. Beide Autorinnen haben diese Problematik in ihren Büchern bearbeitet, jede aber aus anderem Blickwinkel und mit unterschiedlichem Stil. Kirsten Boie hat mit dieser Problematik eigene Erfahrungen. Sie hat zwei Kinder adoptiert. Im Buch nutzt sie aber keine eigenen Erlebnisse, sie dachte sich alles aus, denn als sie das Buch Paule ist ein Glücksgriff schrieb war ihr Kind noch zu klein, während Paule, der Protagonist des Buchs schon zur Schule geht.114 Sie schildert die Geschichte eines dunkelhäutigen Adoptivkinds namens Paule, das in einer liebevollen Familie lebt. Paule weiß, dass er adoptiert wurde, dass ihn seine Eltern aus einem Heim geholt haben, als er noch klein

114

http://www.kirsten-boie.de/kirsten-boiefragen.php?frage=Seit+wann+schreiben+Sie+B%FCcher%3F&sprache=de&kategorie=Fragen+%26+Antworten [am 12.11.2008]

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war. Weiter hat Boie in dem Buch auch Themen wie Asyl, Rassismus, Familie und Integration behandelt. Gudrun Mebs beschreibt mittels des Sonntagskindes den Alltag in einem Kinderheim, die Verhältnisse der Heimkinder, die Verhältnisse zwischen Erziehern und den Kindern, unterschiedliche Schicksale der Heimkinder und alles über den Prozess der Adoption.

8.3.2

Protagonisten der Bücher

Der Protagonist des Buchs Paule ist ein Glücksgriff von Kirsten Boie heißt Paule. Die Protagonistin des zweiten Buchs Sonntagskind hat im Buch keinen Name. Im Buch wird sie von der Autorin einfach nur Sonntagskind genannt. Beide Protagonisten haben viel Gemeinsames. Sie haben nie ihre eigenen Eltern kennengelernt. Beide wurden nach der Geburt ins Heim gegeben und beide möchten wissen, warum dies so passierte und weshalb sie ihre eigenen Eltern nicht behalten wollten. Das Sonntagskind erzählt über sich selbst: „Ich bin schon lange im Heim, eigentlich immer schon. Weil, meine Eltern haben mich nicht behalten können, als ich geboren bin. Oder nicht behalten mögen. Warum, das hat man mir nicht gesagt, nicht genau jedenfalls. [...] Ich denke heute, sie haben mich einfach nicht behalten wollen.“115 Paule weiß es auch nicht und würde das auch gerne wissen: „Also meistens ist es Paule ziemlich egal, aus welchem Bauch er gekommen ist, aber manchmal eben auch nicht. Manchmal würde er schon gern wissen, wie die Frau aussieht, in der er gewachsen ist. ‚Wenn du noch ein bisschen älter bist, suchen wir sie mal’ sagt Mama. ‚Wir wissen ja gar nicht, wo sie wohnt.’“ 116 Paule hatte aber zum Gegensatz zum Sonntagskind Glück, weil er bald von einer Familie adoptiert wurde, als er wenige Wochen alt war. Die Familie liebt ihn sehr und macht alles für ihn. So kann er eine glückliche Kindheit erleben. Im Gegensatz zu ihm wächst Sonntagskind im Heim und von einer Familie wie Paules kann sie nur träumen, denn die Familie findet sie erst am Ende der Geschichte, als sie bereits 8 Jahre alt ist. Trotzdem muss auch Paule wichtige Probleme lösen. Eines dieser Probleme ist die dunkle Farbe seiner Haut. Er unterscheidet sich von anderen Kindern und trifft damit auf die Problematik des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit. Wie z.B. in einem Gespräch mit 115

MEBS, Gudrun. Sonntagskind. Frankfurt am Main: Sauerländer Verlag. 1983.110s. ISBN 3-7941-2443-x,S.5. BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.7. 116

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seinem Opa: „‚Viktor sagt, ich bin Ausländer’, sagt Paule. ‚Deutsche Neger gibt es nicht.’“117 Ein weiteres Problem ist seine Eifersucht auf seine neue Adoptivschwester Ulla. Diese Eifersucht überwindet er und zwischen beiden Geschwistern, die das gleiche Schicksal hatten, entwickelt sich eine schöne Beziehung. „Dann setzt sich Paule zu Ulla auf den Boden und kitzelt sie am Kinn. Sie kann ja nichts dafür, dass sie noch so klein ist. Man muss gut auf sie aufpassen.“ 118

8.3.3

Handlungsraum

Die Geschichte des Buchs Sonntagskind spielt in zwei verschiedenen Handlungsräumen. Der erste Handlungsraum ist das Kinderheim, welches anfangs ihr Zuhause ist. Die Autorin beschreibt sehr gut, wie es in diesen Heimen aussieht und wie das Leben dort funktioniert. So beschreibt das Sonntagskind sein Heim: „Im Heim ist es eigentlich ganz schön. Das Haus ist so ein altmodisches Haus mit einem Stückchen Park drumherum. Das hat mal früher ‚Villa’ geheißen […]Die Andrea wohnt mit mir im Zimmer. Wir haben es gut, weil wir ein Zweizimmer haben. Mit einem Stockbett drin und mit zwei Tischen. Zum Schularbeiten machen. Das ist toll. Das Stockbett meine ich, nicht die Tische.“119 In diesem Handlungsraum schildert Mebs den Alltag des Kinds in einer solchen Institution, vor allem die Beziehungen zwischen dem Sonntagskind und anderen Kindern und dem Sonntagskind und den Schwestern, die im Kinderheim arbeiten. Sonntags, wenn Ulla das Sonntagskind vom Kinderheim abholt, spielt die Geschichte im zweiten Handlungsraum außerhalb des Kinderheimes. Häufig ist das in Ullas Wohnung, wo es so aussieht: „Zuerst hat die Frau Fiedler mich in die Küche gezogen. Das ist aber gar keine richtige Küche […] Hier gibt`s auch einen Herd, aber bloß einen kleinen, und die Spüle ist ein winziger Ausguß, und das Geschirr ist nicht ordentlich in Schränken, sondern stapelt sich unordentlich auf einem Regal, und blitzweiß ist auch nichts. Im Gegenteil. Es sieht ziemlich schmutzig aus. […] Und am Fenster hängen keine Vorhänge, und mitten in der Küche steht ein riesenlanger Tisch. Aber das ist gar kein richtiger Tisch, das ist ein langes, breites Brett auf Holzböcken, wie in einer Tischlerwerkstatt.[…] Und auf dem Tisch sieht es vielleicht aus! Wüst! Stapel von Papier 117

BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S. 66. 118 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S. 105. 119 MEBS, Gudrun. Sonntagskind. Frankfurt am Main: Sauerländer Verlag. 1983.110s. ISBN 3-7941-2443-x,S. 6-7.

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liegen da rum und eine Schreibmaschine und Bleistifte und Hefte und Radiergummi, und alles wild durcheinander. […] Das andere Zimmer hat mir nämlich ganz gut gefallen, auch wenn da beinahe überhaupt keine Möbel drin stehen. Im ganzen Zimmer entlang liegt ein dicker weißer zottiger Teppich. […] Und eine riesige Matratze liegt drauf, und die ist zugedeckt mit auch so einem weißen Zottel-Teppich, und weiße Kissen liegen drauf, und die Fenster haben lange weiße Vorhänge.“120 Der Handlungsraum des Buchs Paule ist ein Glücksgriff spielt vor allem in Paules Familie, in der Schule und auf dem Spielplatz. Kurz spielt der Handlungsraum auch in einem Kinderheim, wenn Paule und seine Mutter seine zukünftige Schwester besuchen. Es ist das gleiche Heim, in dem auch Paule als kleines Kind war. Er beschreibt das Kinderheim so: „Im Heim gibt es ziemlich viele kleine Kinder. Man kann nicht sehen, ob es Jungs oder Mädchen sind, sie sehen alle gleich aus. Die Ulla wohnt mit drei anderen Kindern in einem Zimmer. […] Die Kinderzimmer haben alle Fenster zum Flur, durch die man die Kinder sehen kann. […] Sie haben einen Rasen und eine Sandkiste für die Babys.“121

8.3.4

Stilistische Unterschiede

Sonntagskind wird von der Sekundärliteratur als erster psychologischer Kinderroman bezeichnet, da er die erste Vollform dieses Genres darstellt. Die Hauptmerkmale dieser Gattung wie Ich-Erzählung, kindnahe Sprache und Aufzeichnung der Bewusstseinsvorgänge finden sich in diesem Buch. Dadurch kann man in das Innere des Sonntagskinds dringen. Wie es z.B. beschreibt, wie es sich fühlt, wenn es sich übergeben muss: „Die Ulla merkt nichts, die Ulla redet und zappelt dabei auf der Matratze herum. Sie erzählt, und mir ist schlecht. Ich kann überhaupt nicht zuhören, weil ich dauernd denken muß: ‚Hoffentlich sieht sie den Fleck nicht, hoffentlich muß ich nicht spucken.’ Bei Zucker-Tee muß ich doch immer spucken, aber jetzt will ich das nicht, und ich weiß ja auch überhaupt nicht, wo das Klo ist, und es wird mir heiß, und die Ulla redet. ‚Schreiben’ höre ich, und mein Magen klopft. ‚Konzentration’ höre ich,

120

MEBS, Gudrun. Sonntagskind. Frankfurt am Main: Sauerländer Verlag. 1983.110s. ISBN 3-7941-2443-x,S. 27.-28. 121 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S. 98.-104.

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und der Tee hüpft in meinem Hals auf und ab. ‚Für Kinder’ höre ich, und ich drücke fest auf meinem Bauch.“ 122 Am Anfang der Geschichte nutzt die Autorin einen traurigen, melancholischen Ton, mit dem das Sonntagskind sein Leben im Heim beschreibt. Im Laufe der Zeit, mit den neuen, positiven Erfahrungen und Erlebnissen mit der Sonntagsmami, ändert sich der Ton und am Ende des Buchs deutet der Schluss des Romans auf einen möglichen Weg des Sonntagskindes in eine bessere Zukunft hin. Kirsten Boie lässt nicht Paule die Geschichte erzählen, wie Gudrun Mebs ihr Sonntagskind. Paule ist aber trotzdem durchgehend Erlebniszentrum. Die Leser folgen seiner Sicht- und Erlebnisweise fast im Laufe des ganzen Buches. Boie nutzt in diesem Fall das personale Erzählen, was nicht zur Innensicht führt. Im Gegensatz zu dem Buch Sonntagskind handelt es sich also nicht um einen psychologischen Kinderroman. Boie vermittelt die Geschichte durch personales Erzählen: „Bei anderen Kindern ist alles ganz einfach. Sie wachsen bei einer Frau im Bauch, und dann werden sie geboren, und die Frau nimmt sie mit nach Hause, und die ist dann auch ihre Mutter. Und wenn sie Glück haben, sind da meistens noch ein Vater und vielleicht auch Geschwister oder ganz vielleicht sogar ein Hund. Bei Paule ist das alles anders. Einen Hund hat er sowieso nicht, klar, obwohl er sich den nun wirklich schon lange genug gewünscht hat und ihn bestimmt auch immer spazieren führen würde und füttern und einmal im Monat sogar abseifen, damit er nicht stinkt.“123 Nur selten nutzt Kirsten Boie in diesem Buch den inneren Monolog und das Ich-Erzählen. Häufig nutzt sie hingegen den Dialog. Im Vergleich mit Gudrun Mebs hat Kirsten Boie einen humorvollen, heiteren Ton, welcher für den Kinderroman typisch ist, ausgewählt, wie z.B. Opas erste Reaktion auf Paules Hautfarbe: „Ist der in Schokolade gefallen?“124

122

MEBS, Gudrun. Sonntagskind. Frankfurt am Main: Sauerländer Verlag. 1983.110s. ISBN 3-7941-2443-x,S. 32-33. 123 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.5. 124 BOIE, Kirsten. Paule ist ein Glücksgriff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 3. Auflage Juli 2007. 135s. ISBN 978-3-423-70950-7,S.11.

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Mit Kindern redet ja keiner von Kirsten Boie als psychologischer Kinderroman

Dieses Buch wurde zum ersten Mal vom Fischer Taschenbuch Verlag in Frankfurt am Main im Jahre 1990 herausgegeben. Die bearbeitete Neuausgabe erschien im Jahre 2005 beim gleichen Verlag. Eine zweite Auflage folgte im April 2008. Das Buch wurde mit der „Eule des Monats“ vom Bulletin Jugend Literatur ausgezeichnet. Peter Mannsdorff schrieb im April 2006 in Soziale Psychiatrie zu diesem Buch: „Ein sehr schönes, ausdrucksstarkes Buch der renommierten Kinderbuchautorin Kirsten Boie, das all diejenigen lesen sollten, die sich für die Schicksale von Kindern psychisch kranker Eltern interessieren und darüber hinaus in die Erlebnis- und Gefühlswelten von Neunjährigen eintauchen wollen.“125 Der Roman umfasst 138 Seiten und ist in 2 Teile gegliedert. Der erste Teil umfasst 15 Kapitel, der zweite 11 Kapitel. Jedes Kapitel beschreibt eine neue Episode im Leben der Protagonistin. Charlotte ist neunjähriges Mädchen, das mit den Eltern auf dem Land in einem neuen Haus wohnt. Als kleines Mädchen wohnte sie in der Stadt, wo es schön war und sie sogar eine gute Freundin hatte, aber auf dem Dorf gefällt es ihr besser. Charlottes Mutter fing noch in der Stadt mit dem Studium an und muss nun oft in die Stadt zur Universität fahren. Dazu muss sie den Haushalt führen. Charlottes Vater arbeitet in einer Rechtsanwaltskanzlei und ist nur am Abend zu Hause. Charlotte ist aber sehr zufrieden und auf dem Dorf fühlt sie sich wohl. Sie hat eine neue beste Freundin Lule, mit der sie immer spielt und mit der sie viel Zeit verbringt. Plötzlich muss Charlottes Mutter mit dem Studium aufhören. Zu Hause ist es schon seit langer Zeit nichts mehr in Ordnung. Charlottes Vater wünscht sich, dass die Mutter zu Hause bleibt und sich um Charlotte und den Haushalt kümmert. Für Charlotte fängt damit eine schöne Zeit an. Mama ist immer zu Hause, es gibt immer lauter gute Sachen zu essen und aus dem Haus macht sie ein echtes Schmuckstück. Wann es anfing, anders zu werden, kann Charlotte gar nicht genau sagen. Es muss aber bestimmt irgendwann begonnen haben, so ganz langsam, aber sie merkte nichts. Die alte Mama ist nicht mehr da. Früher war sie die schönste Frau der Welt, sie hatte lange blonde Haare und sie war immer so fröhlich, mindestens den halben Tag hat sie gelacht und sie hat 125

http://www.psychiatrie.de/bibliothek/buecher/kinder/article/boie_mit_Kindern.html [am 22.09.2008]

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auch mit Charlotte viel unternommen. Jetzt aber ist sie nicht mehr fröhlich. Sie hörte mit dem Kochen auf und das Wohnzimmer ist auch nicht mehr sauber. Von da an schrie Mama Charlotte oft an und immer häufiger brüllt sie. Einmal sogar schlägt sie Charlotte mitten ins Gesicht. Lule ist auch dabei und will nicht mehr zu Charlotte kommen. Den nächsten Tag bekommt Charlotte von der Mutter einen Hamster geschenkt, den sie Rudi Ratlos nennt. Mit Rudi Ratlos ist es schön. Sie bringt ihm Kunststücke bei und vor allem jetzt, da es mit Mama so merkwürdig ist, ist Charlotte froh, dass sie ihn hat. Früher stritten sich die Eltern nicht, aber in letzter Zeit sieht der Vater die Mutter scharf an und er wirft der Mutter immer vor, dass sie den ganzen Tag zu Hause ist und nichts macht. Die Mutter wiederholt immer nur, dass sie nicht alles schafft. Immer mehr Zeit verbringt Charlotte bei Lule zu Hause. Sie mag es, wenn sie mit Lule und ihrer Mutter Sabine in der Küche sitzt und einfach nur redet, denn das kann sie zu Hause nicht tun. Für die Weihnachtsaufführung beim Ballett übt Charlotte zweimal pro Woche, sie hat ein Solo als Zinnsoldat. Dann hat sie noch den Klavierunterricht und wenn sie noch Zeit hat, ist sie sowieso bei Lule. Sie ist froh, wenn nachmittags etwas los ist, vor allem im Winter. Sonst müsste sie die ganze Zeit bei Mama sein. Charlotte versteht nicht, was mit Mama los ist. Warum sitzt sie nur auf dem Sofa, warum ist sie immer nur müde und traurig. Als sie eines Tag von Lule nach Hause kommt, merkt sie gleich, dass nichts so ist, wie sonst, wenn sie Gäste haben. Vaters Chef, Herr Kohlhaas soll zu Besuch kommen, aber Mama hat es wieder nicht geschafft. Charlottes Vater ist sehr wütend und er schrie und schrie, er muss den Chef anlügen, denn Mutter ist in Wirklichkeit nicht krank, sondern betrunken. Charlotte möchte gerne mit jemandem darüber reden, aber sie weiß nicht, mit wem. So denkt sie sich einen Indianer aus, mit dem sie jeden Abend vor dem Schlafen redet. Der Indianer hört Charlotte ganz gespannt zu und raucht seine Friedenspfeife. Er antwortet ihr nur nicht auf ihre Fragen. Vor der Weihnachtsaufführung soll Vater rechtzeitig Charlotte und ihre Mutter abholen. Leider ist ihm was dazwischengekommen und die beide müssen alleine mit dem Bus fahren. Im Bus ist es Charlotte so schrecklich peinlich und sie will nicht, dass die Leute erkennen, dass sie zu Mutti gehört, weil sie sich so merkwürdig benahm. Plötzlich müssen sie aber aussteigen, weil es Charlottes Mutter nicht mehr im Bus aushält. Die Weihnachtsaufführung muss ohne Charlotte auskommen. Charlotte ist sehr enttäuscht und den ganzen Abend weint sie nur, weil sie ihr Solo nicht tanzen konnte. 73

Ein paar Tage vor Weihnachten kommen beide Omis und putzen das ganze Haus. Weihnachten ist auch nicht so schrecklich, wie Charlotte erwartete. Sogar die Mutter wäscht sich die Haare und schminkt sich. Charlotte freut sich und denkt, dass Weihnachten ein heiliges Fest ist und warum soll Gott nicht machen können, dass ihre Mama wieder wie früher ist. Vielleicht hat Gott extra bis Weihnachten gewartet mit dem Gesundmachen und nun soll es eine besondere Überraschung für die Familie sein. Gleich nach Silvester wurde es aber richtig schlimm. Die Omis fahren weg und die Mutter liegt immer nur im Schlafzimmer im Bett. Sie macht überhaupt nichts. Charlotte ist oft hungrig und ist lieber immer bei Lule. Einmal kommt sie nach Hause und sucht ihren Hamster in seinem Käfig. Er ist dort, aber er lebt nicht mehr. Charlotte glaubt, dass ihre Mutter schuld ist und ist deswegen sehr wütend und schreit ihrer Mutter ins Gesicht, dass sie der Mörder ist. Eines Tages kommt Charlotte nach Hause. Sie klopft und klingelt, aber niemand macht ihr die Tür auf. Charlotte ist zornig, denn wenigstens das sollte man von Mutter erwarten können, dass sie zu Hause ist und einem die Tür aufmacht, wenn man aus der Schule kommt. Sonst tut sie sowieso nichts und man muss sich für sie in der letzten Zeit schämen. Ihre Mutter ist aber nicht zu Hause. Sie liegt im Krankenhaus, weil sie einen Selbstmordversuch unternommen hat. Ihr Vater ist bei ihr. Charlotte muss bei Frau König bleiben, obwohl sie lieber bei Lule wäre. Sie kann nicht glauben, dass ihre Mama sterben wollte und denkt immer wieder darüber nach, was sie für sie tun kann. Als der Vater sie bei Frau König abholt, erwartet Charlotte, dass sie darüber reden werden. Aber der Vater hatte zu viel zu tun. In der Nacht kann Charlotte nicht einschlafen und grübelt über den Tod. Sie hat jetzt viele Fragen im Kopf. Sie fragt sich, wie es nach dem Tod ist, wo man ist, ob alles zu Ende ist und ob Mama das alles wusste, als sie sterben wollte. Dann sagen die Kinder in der Schule, dass ihre Mutter verrückt ist und dass Charlotte auch noch mal da hinkommt. Wenn die Eltern es haben, kriegen die Kinder es auch. Nach der Schule hat sie keine Lust, nach Hause zu gehen. Sie will ausreißen, weiß aber nicht wohin. Sie versteckt sich in der Scheune und denkt darüber nach, ob sie verrückt ist, wie ihre Mutter und wie es sein würde, wenn sie tot wäre. Draußen ist es sehr kalt und deshalb geht sie lieber zurück nach Hause. Am Nachmittag geht sie zu Lule, wo sie schon ewig nicht war. Zusammen mit Lules Mama backen sie einen Kuchen und Lules Mutter fragt Charlotte ganz plötzlich, wie es ihrer Mutter geht.

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Charlotte ist überrascht und froh, weil es das erste Mal ist, dass jemand mit ihr darüber redet. Und dann reden sie und reden und Lules Mutter erklärt Charlotte alles, was sie schon lange wissen sollte. Vor allem, dass ihre Mutter nicht verrückt ist und dass sie nicht schuld ist. Zu Hause ist zwar Vater, mit dem Charlotte sehr gerne reden möchte, aber er ist so ein schwieriger Mensch! Lieber erzählt sie alles dem Indianer im Zelt. Am nächsten Tag fährt Charlotte mit ihrem Vater in die Klinik, um ihre Mutter zu besuchen. Charlotte freut sich schon darauf. Sie macht sich im Kopf eine richtige Liste mit Sachen, die sie Mama erzählen will. Diesen Roman bezeichnet die Sekundärliteratur als einen Höhepunkt des psychologischen Familienromans von Kirsten Boie. Schon das Thema ist außergewöhnlich: „Es kommt zum Aufbrechen einer Familienidylle durch den Selbstmordversuch der Mutter, die nach dem Abbrechen ihres Studiums in Depressionen verfällt.“126 Sehr gut hat die Autorin auch das Problem der Nichtkommunikation zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Erwachsenen und Kindern bearbeitet. In dem Buch zeigt sie, was die Nichtkommunikation gerade in schwierigen Situationen anrichten kann, ein hochaktuelles Thema. Eines der Hauptmerkmale des psychologischen Kinderromans ist die Ich-Erzählform. Die Autorin lässt in diesem Buch die Protagonistin, die neunjährige Charlotte, durch die IchErzählform berichten, was sowohl in ihrer Umwelt, aber vor allem auch, was in ihrer Innenwelt passiert ist und passiert. So kommt es zur Verlagerung der Handlung ins Ich der Protagonistin. Das ist schon am Anfang des ersten Kapitels sichtbar. Charlotte erzählt: „Als ich nach Hause gekommen bin, hat zuerst keiner aufgemacht. Ich hab geklingelt und geklingelt, aber es hat sich nichts gerührt, und dann bin ich ums Haus rumgegangen und hab gegen die Terrassentür getrommelt. Es ist aber immer noch nichts passiert. Da bin ich langsam böse geworden, weil man das von Mama schon erwarten kann, finde ich. Dass sie wenigstens zu Hause ist und einem die Tür aufmacht, wenn man aus der Schule kommt. Wenigstens das könnte man erwarten, wo sie schon sonst nichts tut und man sich schämen muss in der letzten Zeit […] Ja, und dann hab ich es eben erfahren. Frau König hat plötzlich vor mir gestanden, ich weiß nicht, warum sie so lange gebraucht hat […] Mama hat nicht mehr leben wollen.“ 127

126

Vgl. Steffens in: Lange 2000, S.174. BOIE, Kirsten. Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage April 2008. 138s. ISBN 978-3-596-80541-9. S.7. und 85. 127

75

Da kann der Leser erfahren, was Charlotte fühlt, wie sehr sie auf ihre Mutter wütend ist. Kirsten Boie nutzt am Anfang des Buchs die rückblickende Erzähltechnik, was auch zu den Merkmalen des psychologischen Kinderromans gehört. Schon am Anfang erfahren die Leser, was passiert ist, und von Selbstmordversuch der Mutter. In der laufenden Geschichte geht es weiterhin darum, die Ursachen zu ergründen, Charlotte will die Ursache finden. Sie weiß aber nicht, was Depression bedeutet und sie versteht nicht, warum die Mutter sich so merkwürdig benimmt. Im gesamten Buch wird nie direkt beschrieben, dass Charlottes Mutter unter schweren Depressionen leidet. Kirsten Boie erzählt die Geschichte sehr ausführlich auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene, die vor allem für die jungen Leser bestimmt ist, beschreibt sie mit einfachen Sätzen und unkomplizierten Wörtern die seelische Wahrnehmung des neunjährigen Kinds. Sie schildert dort Charlottes Situation, wie sie das ganze Geschehen beobachtet, wie sie sich fühlt, wie schwer für sie der Umgang mit ihrer psychisch kranken Mutter ist. „Mama hat sich auch wirklich ihr schönes Minikleid angezogen, aber ich habe mich trotzdem geschämt. […] Ihr Gesicht war so grau, und sie hat Ringe unter den Augen gehabt. […] Mama hat sich mit mir gleich bei der Mitteltür hingesetzt, und ich hab mich schon gewundert, dass sie nicht bezahlt hat. Ich habe aber nichts gesagt. Ich habe gedacht, vielleicht hat sie ihr Portemonnaie vergessen. […] Sie hat sich aber ganz doll vorgebeugt und sich mit beiden Händen angeklammert. Als ob sie Angst hatte, sie würde sonst vom Sitz fallen. Ich hab zur anderen Seite aus dem Fenster geguckt und gedacht, vielleicht denken die Leute im Bus dann. Ich gehöre nicht dazu. Weil es mir so schrecklich peinlich war.“128 Mit der zweiten Ebene richtet sich Boie an die erwachsenen Leser. Es geht um die Darstellung der psychisch kranken Mutter. Um die Gefühle der Nutzlosigkeit und Einsamkeit. Die zweite Ebene bietet somit Hintergründe für Erwachsene, die dadurch ihren Kindern die Problematik besser erklären können. Daher ist dieses Buch nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene geeignet. Das Buch kann auch als Appell an die Erwachsenen dienen. Sie können dadurch erkennen, welche Auswirkungen Nichtkommunikation haben kann. Wie sich Kinder fühlen, wenn sie niemanden haben, mit dem sie reden können. Charlotte muss sich in diesem Buch einen fiktiven Indianer ausdenken, mit dem sie jeden Abend redet. Ihre Familie redet nicht mit ihr, denn sie glaubt, dass Charlotte noch zu jung ist, diese Probleme zu verstehen. Das ist für Charlotte nicht einfach, vor allem in dieser schwierigen Situation. Sie fühlt eine 128

BOIE, Kirsten. Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage April 2008. 138s. ISBN 978-3-596-80541-9. S.55. - 56.

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Verantwortung für das Leben ihrer Mutter und versucht mit Gott zu verhandeln, damit die Mutter wieder gesund wird. Häufig nutzt Kirsten Boie den inneren Dialog für diese Situationen: „Und wenn ich was anbiete. Man nennt es Opfer. […] Gott, das spende ich für die armen Kinder in Afrika. […] Wenn du Mama wieder gesund machst. Ich glaube dann auch, dass es dich gibt. Amen […] Und wenn das jetzt Erpressung war? Erpressen lässt sich keiner gerne […] Man muss es anders machen, so: Gott, ich spende die Sachen sowieso für die Kinder in Afrika. Sowieso. Ehrenwort. Amen. Es wäre aber auch nett, wenn du Mama gesund machen könntest. Amen."

129

Charlotte sucht immer nach dem Grund, aus dem die

Mutter sterben will. Sie versteht die Umstände nicht. Nur dank Sabine, der Mutter ihrer besten Freundin Lule, erfährt sie die wichtigsten Informationen. Traurig an der ganzen Sache ist, dass sie alle diese wichtigen Informationen von fremden Leuten erfährt, nicht von der eigenen Familie. Als ein wichtiges Beispiel ist ihre Erklärung einer Depression zu nennen. „Manchmal hat man auch einfach eine schlechte Phase. Da kann man nicht arbeiten wie sonst. Da liegt alles wie ein Berg auf einem. Ganz schwer und groß und grau. Und man denkt, dass man alles nicht schaffen kann und dass es nie wieder anders wird. Aber das geht vorbei.“ 130 Kirsten Boie schreibt diesen psychologischen Kinderroman mit einem melancholischen und traurigen Ton. Sie lässt die Protagonistin Charlotte mit diesem Ton die Veränderungen des Familienzustandes beschreiben, vor allem ihre Gefühle und Gedanken, die sie erlebt. Am Ende bleibt alles offen, was ebenfalls typisch für den psychologischen Kinderroman ist. So eröffnet die Autorin die Ausblicke auf eine mögliche Bewältigung der Probleme. Kirsten Boie verlagert den Erzählort ins Ich der Protagonistin. Charlotte ist also die Figur, die die Wirklichkeitserfahrungen wertet. Sie ist die typische Figur des psychologischen Kinderromans, was bedeutet, dass sie nicht mehr das kämpferische Kind der Problembücher der 70er Jahre, sondern das nachdenklich abwägende Kind ist, das ihrer Umwelt gegenüber steht. Sie nutzt in diesem Roman die Ausdrucksformen, die charakteristisch für den psychologischen Kinderroman sind, wie die erlebte Rede, den inneren Monolog oder den inneren Dialog.

129

BOIE, Kirsten. Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage April 2008. 138s. ISBN 978-3-596-80541-9. S.92. – 93. 130 BOIE, Kirsten. Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage April 2008. 138s. ISBN 978-3-596-80541-9. S.37.-38.

77

Der psychologische Kinderroman will vor allem auf die Risiken verweisen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr das innerfamiliäre Autoritätsgefälle, sondern die Belastung der Familie durch die äußeren sozialen Verhältnisse.131 Mit diesem Buch beweist Kirsten Boie nicht nur, dass sie zu den Vertretern des Genres gehört. Ihr ist es in diesem Buch auch gelungen, sich an die kindliche Perspektive anzunähern und damit eine realistische Welt aus der Kinderperspektive darzustellen. Ihr Werk bietet verschiedene Erzähltechniken an. Sie zeigt, dass kein Thema für sie ein Tabu ist und dass sie in der realistischen Kinder- und Jugendliteratur ihren Platz hat.

131

Vgl. Scheiner in: Lange 2000. s. 173.

78

10 Zusammenfassung In dieser Arbeit wird das Thema „Kirsten Boie und ihr kinder- und jugendliterarisches Werk“ bearbeitet. Kirsten Boie ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Kinderund Jugendliteratur der Gegenwart. In die kinder- und jugendliterarische Welt trat sie mit ihrem Buch Paule ist ein Glücksgriff im Jahre 1985 ein und erreichte damit einen großen Erfolg. Inzwischen sind von dieser Autorin weit mehr als sechzig Bücher erschienen. Sie schreibt für unterschiedliche Altersstufen. Anhand der thematischen, inhaltlichen und stilistischen Analysen ihrer ausgewählten Bücher wurde in dieser Arbeit versucht, zu beweisen, dass ihre Werke zur realistischen Kinder- und Jugendliteratur gehören, die sich seit den 70er Jahren entwickelt. Weiter wurde durch ihre Werke gezeigt, dass sie auch zu den Vertretern der neu entstanden Gattungen wie problemorientierter Kinderroman, komischer Kinderroman und vor allem psychologischer Kinderroman der realistischen Kinder- und Jugendliteratur zugeordnet werden kann. Die stilistische Analyse der Werke führt zu dem Ergebnis, dass sie zu den Autoren gehört, die sich für die Erneuerung und Vielfältigkeit der Erzählformen einsetzen, die in der Kinderund Jugendliteratur fehlt. Mit dem Werk Mit Kindern redet ja keiner, das in dieser Arbeit auch analysiert wurde, zeigt Boie eine Innovation der Erzählstruktur in der Kinder- und Jugendliteratur. Kirsten Boie hat einen persönlichen Stil, mit dem sie sich von anderen Autoren unterscheidet und mit dem sie einen literarischen Realismus bildet. Typisch ist ihr Humor, den sie in ihrer Arbeit nutzt und die Sprache, die sie bei der Darstellung nicht nur der sozialen, sondern auch der psychologischen Realität verwendet. Für die Authentizität der literarischen Darstellung nutzt Boie die Kindersprache oder Jugendjargons, was nicht einfach ist, weil die Autorin die Kinderwelt kennen(lernen) muss, insbesondere das Denken und die Gefühle

der

Kinder.

Sie

befasst

sich

mit

zahlreichen

Erzähltechniken

und

Erzählmöglichkeiten, häufig verwendet sie die neuen Darstellungsformen wie innerer Monolog oder Dialog und erlebte Rede. Dank ihrer Themen wie Adoption, Gewalt, Rassismus, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Zerfall der Familie und Frauenemanzipation beschreibt sie die Problemen des Kinderalltags, was in der

thematischen Analyse bewiesen wurde. Ihr Schaffen weist vielseitige

Themenbereiche auf – keines ist für sie Tabu. In den Motiven, die sie in ihrem Schaffen

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behandelt, findet man die Phänomene und Probleme der heutigen Gesellschaft wieder, was eines der Merkmale der realistischen Kinder- und Jugendliteratur ist. Kirsten Boie wurde auf dem Gebiet der Kinder – und Jugendliteratur mit vielen Preisen ausgezeichnet. Ein Hauptgrund dafür ist, dass es ihr gelungen ist, sich der kindlichen Perspektive anzunähren und eine realistische Welt aus diesem Blickwinkel heraus darzustellen. Sie hat mit ihrem Werk einen wesentlichen Beitrag für die zeitgenössische deutsche Kinder- und Jugendliteratur geleistet.

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11 Resümee Předkládaná diplomová práce se zabývá literární tvorbou jedné ze současných nejoblíbenějších německých autorek v oblasti literatury pro děti a mládež Kirsten Boie. Kirsten Boie (nar. 1950) vstoupila do světa literatury v roce 1985 knihou Paule ist ein Glücksgriff. Od té doby má na svém kontě již více než 60 titulů. Knihy které píše, jsou určeny čtenářům různých věkových kategorií, počínaje obrázkovými knihami pro děti předškolního věku a konče knihami pro mládež. V její tvorbě můžeme rovněž nalézt širokou škálu témat, které řadíme do realistické literatury pro děti a mládež, která se začala rozvíjet po roce 1970. Kirsten Boie obdržela řadu významných ocenění za literaturu, mimo jiné i mimořádné ocenění Der Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2007 für das Gesamtwerk. Práci jsem rozdělila do 9 kapitol. V prvních dvou kapitolách jsem se věnovala teorii, především pak nejdůležitějším osobnostem v oblasti bádání literatury pro děti a mládež a dějinám realistické literatury pro děti a mládež, zejména jejímu rozvoji po roce 1970. V této době začínají autoři dětské literatury psát o tématech, která byla donedávna tabu. Ve třetí kapitole jsem se zabývala životem a dílem autorky. V následujících kapitolách jsem porovnávala knihy od Kirsten Boie s knihami ostatních autorů, jako např. Peter Härtling. Tím jsem chtěla dokázat, že Kirsten Boie díky své tvorbě k nejdůležitějším představitelům německé literatury pro děti a mládež právem patří a že svým dílem přispívá k jejímu rozvoji.

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http://www.kiepenheuer-medien.de/autoren/H/holm_annika/showAut [am 10.11.2008]

Andere Quellen ƒ

OSBERGHAUS, Monika: Die Kunst, Kindheit in Originalgröße zu schreiben. Von der Tiefenschärfe der Alltagsgefühle und der Instanz des richtigen Tonfalls: Kirsten Boie hat Astrid Lindgrens Erbe angetreten: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.Oktober 2006,Nr.239,S.43

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PETERSEN, Sonja: Kindern möglichst lange vorlesen: Abendsblatt, 13.4.2006.

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BOIE, Kirsten: Frag doch einfach das Kind in dir erschienen am 2. Februar 2002 im Feuilleton der

WELT und wird vom Oetinger Lesebuch in gekürzter Fassung

abgedruckt. ƒ

DAUBERT, Hannelore: Immer auf Seiten der Kinder. Über die Romane von Kirsten Boie. Laudatio auf Kirsten Boie anlässlich der Nominierung zum Hans-ChristianAndersen Preis, Juli 2001

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BOIE, Kirsten: Kinder brauchen Bilderbücher

erschienen am 26.11.2005 in der

WELT als Leitartikel der Kinderbuchbeilage ƒ

LYPP, Maria. Der Blick ins Innere. Menschendarstellung im Kinderbuch. In: Grundschule. 1989

85

13 Anhang DAS GESAMTWERK VON KIRSTEN BOIE Pappbilderbücher ƒ

Albert macht Quatsch (2004)

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Albert ist eine Katze (2005)

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Albert spielt Verstecken (2005)

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Albert geht schlafen (2004)

Bilderbücher ƒ

Nee! sagte die Fee (2000)

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Der kleine Pirat (1992)

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Josef Schaf will auch einen Menschen (2002)

Kinderbücher ƒ

King-Kong, das Geheimschwein (Band 1) (1989)

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King-Kong, das Reiseschwein (Band 2) (1989)

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King-Kong, das Zirkusschwein (Band 3) (1992)

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King-Kong, das Liebesschwein (Band 4) (1993)

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King-Kong, das Schulschwein (Band 5) (1995)

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King-Kong, das Krimischwein (Band 6) (1998)

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King-Kong - Allerhand und mehr (2004)

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Vielleicht ist Lena in Lennart verliebt (Band 2) (1994)

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Lena hat nur Fußball im Kopf (Band 1) (1997)

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Lena möchte immer reiten (Band 4) (1998)

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Lena findet Fan-Sein gut (1997)

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Zum Glück hat Lena die Zahnspange vergessen (2000)

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Lena - Allerhand (2002)

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Lena fährt auf Klassenreise (2004)

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Lena wünscht sich auch ein Handy (Band 7) (2005)

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Lena hat eine Tierkümmerbande (Band 8) (2006) 86

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Linnea will Pflaster (1999)

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Linnea rettet Schwarzer Wuschel (2000)

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Linnea findet einen Waisenhund (2000)

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Linnea macht Sperrmüll (2001)

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Linnea macht Sachen (2002)

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Linnea finds an orphan dog (2002)

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Linnea schickt eine Flaschenpost (2003)

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Linnea - Allerhand und mehr (2005)

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Wir Kinder aus dem Möwenweg (Band 1) (2000)

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Sommer im Möwenweg (Band 2) (2002)

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Geburtstag im Möwenweg (Band 3) (2003)

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Weihnachten im Möwenweg (Band 4) (2005)

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Paule ist ein Glücksgriff (1985)

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Prinzessin Rosenblüte (1995)

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Sophies schlimme Briefe (1995)

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Ein Hund spricht doch nicht mit jedem (Band 1) (1996)

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Eine wunderbare Liebe (1996)

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Krippenspiel mit Hund (1997)

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Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein (1997)

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Der durch den Spiegel kommt (2001)

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Kann doch jeder sein, wie er will (2002)

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Verflixt - ein Nix! (2003)

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Jenny ist meistens schön friedlich (2003)

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Die Medlevinger (2004)

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Skogland (2005)

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Alles ganz wunderbar weihnachtlich (2006)

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Der kleine Ritter Trenk (2006)

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Prinzessin Rosenblüte. Wach geküsst! (2007)

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Ein neues Jahr im Möwenweg (Band 5) (2008)

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Verrat in Skogland (2008)

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Jugendbücher ƒ

Mit Jakob wurde alles anders (1986)

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Der Prinz und der Bottelknabe oder Erzähl mir vom Dow Jones (1997)

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Nicht Chicago. Nicht hier. (1999)

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Monis Jahr (2003)

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Alhambra (2007)

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Ich ganz cool (1992)

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Erwachsene reden. Marco hat was getan (2005)

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Mit Kindern redet ja keiner (1990)

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AUSZEICHNUNGEN UND PREISE ƒ

Wildweibchenpreis (2008)

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10 Bremer Besten für Alhambra (2008)

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Deutscher Jugendliteraturpreis, Sonderpreis für das Gesamtwerk (2007)

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Kinder und Jugendbuchliste (Saarländischer Rundfunk/Radio Bremen) für Alhambra (2007)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio / Focus für Alhambra (2007)

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Heidelberger Leander für Der kleine Ritter Trenk (2007)

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Lilipuz-Tipp (WDR 5) für Der kleine Ritter Trenk (2006)

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Evangelischer Buchpreis für Die Medlevinger (2006)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio / Focus für Skogland (2005)

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Kinder und Jugendbuchliste (Saarländischer Rundfunk/Radio Bremen) für Die Medlevinger (2004)

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Internationaler Hans-Christian-Andersen-Preis, Nominierung (2004)

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Aufgenommen in den internationalen Auswahlkatalog „White Ravens“ 2003 für Josef Schaf will auch einen Menschen (2003)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio / Focus für Monis Jahr (2003)

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Buch der Woche. Die WELT für Monis Jahr (2003)

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Nominiert für den Deutschen Bücherpreis für Der durch den Spiegel kommt (2002)

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Leselotse für Kerle mieten oder das Leben ändert sich stündlich (2002)

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Rattenfänger Literaturpreis der Stadt Hameln (Auswahlliste) für Kerle mieten oder das Leben ändert sich stündlich (2002)

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Bilderbuch des Monats der Dt. Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in Volkach für Josef Schaf will auch einen Menschen (2002)

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Internationaler Hans-Christian- Andersen-Preis, Nominierung (2002)

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Nominiert für den UNESCO-Kinder-und Jugendbuchpreis für Nicht Chicago. Nicht hier (2001)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio / Focus für Kerle mieten oder das Leben ändert sich stündlich (2001)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Wir Kinder aus dem Möwenweg (2001)

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Internationaler Hans-Christian-Andersen-Preis, Nominierung (2000)

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Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis für Nicht Chicago. Nicht hier (2000)

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Auswahlliste zum Heinrich-Wolgast-Preis für Der Prinz und der Bottelknabe (1999)

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Bestenliste zum Zürcher Kinderbuchpreis La vache qui lit für Nicht Chicago. Nicht hier (1991)

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Kinder- und Jugendbuchliste des Saarländischen Rundfunks/WDR/Radio Bremen für Nicht Chicago. Nicht hier (1992)

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Auszeichnung „Fällt aus dem Rahmen“ in der Zeitschrift Eselsohr für Nicht Chicago. Nicht Hier (1993)

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Bokjuryns diplom till arets bästa bok för aldersgruppen 7-9 (Schweden) für Lena hat nur Fussball im Kopf (1998)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Der Prinz und der Bottelknabe (1997)

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Liste empfehlenswerte Bücher für Kinder und Jugendliche der Kommission für Kinder- und Jugendliteratur, Wien für Der Prinz und der Bottelknabe (1997)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Lena findet fan-sein gut (1997)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein (1997)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Nicht Chicago. Nicht hier (1997)

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Tip der Niederländischen Kinderjury für Lena hat nur Fussball im Kopf (1996)

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Die besten 7 Bücher für junge Leser. Bestenliste von DeutschlandRadio/Focus für Eine wunderbare Liebe (1996)

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Prädikat „Besonders empfehlenswert“ der Empfehlungsliste des Gustav-HeinemannFriedenspreises des Landes Norderhein-Westfalen für Erwachsene reden, Marco hat was getan (1995)

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Auszeichnung mit dem Prädikat „Pädagogisch wertvolles Bilderbuch“ von der Gesellschaft für Jugend- und Sozialforschung für Mutter, Vater, Kind (1995)

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Kinder-und Jugendbuchliste des Saarländischen Rundfunks/WDR/Radio Bremen für Prinzessin Rosenblüte (1995) 90

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Auswahlliste zum Eulenspiegelpreis für Bilderbücher der Stadt Schöppenstedt für Klar, dass Mama Ole/Anna lieber hat (1994)

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Buch des Monats der JU-BU-CRREW Göttingen für King-Kong, das Liebesschwein (1993)

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Auswahlliste Jugendbuch zum Deutschen Jugendliteraturpreis für Ich ganz cool (1993)

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Auszeichnung „Fällt aus dem Rahmen“ in der Zeitschrift Eselsohr für Ich ganz cool (1992)

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Auswahlliste zum Heinrich-Wolgast-Preis für Alles total geheim (1993)

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Kinder- und Jugendbuchliste des Saarländischer Rundfunks/Radio Bremen für Moppel wär’ gern Romeo (1991)

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Auswahlliste Kinderbuch zum Deutschen Jugendliteraturpreis für Mit Kindern redet ja keiner (1991)

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Auswahlliste

zum

Jugendbuchpreis

„Die

Silberne

Feder“

des

Deutschen

Ärztinnenbundes für Mit Kinder redet ja keiner (1991) ƒ

Der Leselotse, Empfehlungsliste der Zeitschrift Buch Journal für Das Ausgleichskind (1991)

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Kinder- und Jugendbuchliste des Saarländischen Rundfunks für Lisas Geschichte, Jasims Geschichte (1990)

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Auszeichnung „Eule des Monats“ der Zeitschrift Bulletin Jugend und Literatur für Mit Kinder redet ja keiner (1990)

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Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder-und Jugendliteratur e.V.in Volkach für Lisas Geschichte, Jasims Geschichte (1990)

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Auswahlliste zum Eulenspiegelpreis für Bilderbücher der Stadt Schöppenstedt für Alles total geheim (1989)

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Bestenliste zum Zürcher Kinderbuchpreis La vache qui lit für Opa steht auf rosa Shorts (1989)

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Buch des Monats der JU-BU-CREW Göttingen für Entschuldigung, flüsterte der Riese (1989)

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Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in Volkach für Manchmal ist Jonas ein Löwe (1984)

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Kalbacher Klapperschlange. Literaturpreis von Kindern für Jenny ist meistens schön friedlich (1988)

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Bestenliste zum Züricher Kinderbuchpreis La vache qui lit für Mellin, die dem Drachen befiehlt (1988)

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Auswahlliste Jugendbuch zum Deutschen Jugendliteraturpreis für Mit Jakob wurde alles anders (1987)

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Jugendbuch des Monats des Klubs der Jugend für Jugendbuchkritik im Internationalen Institut für Jugendbuchliteratur und Leseforschung, Wien für Mit Jakob wurde alles anders (1987)

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Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. in Volkach für Paule ist ein Glücksgriff (1986)

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Auswahlliste Kinderbuch zum Deutschen Jugendliteraturpreis für Paule ist ein Glücksgriff (1986)

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Ehrenliste zum Österreichischen Staatspreis für Paule ist ein Glücksgriff (1985)

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BILDANLAGE

Bild 1:

Porträt von Kirsten Boie (Quelle: Internet)

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Bild 2:

Umschläge von ausgewählten Kirsten Boies Büchern (Quelle: Internet)

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