INFORMATIONEN DES VEREINS Z E B R A 2/14 4,- TRAUMA UND FLUCHT

September 12, 2016 | Author: Heiko Schuler | Category: N/A
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1 INFORMATIONEN DES VEREINS Z E B R A 2/14 4,- TRAUMA UND FLUCHT I n t e r k u l t u r e l l e s B e r a t u n g s - u n...

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TRAUMA UND FLUCHT Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum

€ 4,-

cyan magenta yellow tiefe

INFORMATIONEN DES VEREINS Z E B R A

Editorial

Ta g d e r F l u c h t

LiebeLeserinnen undLeser!

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er schon einmal in einer schlimmen Krise von völlig fremden Personen Unterstützung bekommen hat, weiß, dass diese Hilfe Bande knüpft.Bande zwischen Menschen,die oft niemals reißen. Während derzeit vielerorts gejammert wird, dass MigrantInnen keinen Bezug zu ihrer neuen Heimat Österreich finden, schaffen wir – indem wir Menschen in Krisensituationen Unterstützung und Schutz zukommen lassen – mit unserer Arbeit etwas, das derzeit vielerorts fehlt, nämlich gesellschaftlichen Zusammenhalt. In diesem Heft geht es um Menschen, die unseren Schutz ganz besonders benötigen. Menschen, die vor Verfolgung,Krieg und Folter geflohen sind oder vertrieben wurden. Es geht um Wunden und deren Heilung. Wunden, die keiner sieht, Wunden, die tief im Inneren stecken. Zu Trauma- und Traumatherapie im Kontext Flucht kommen in dieser Ausgabe vor allem die Z E B R A -Therapeutinnen Christiane Degenhardt und Kirsten Arbeiter zu Wort. Während C. Degenhardt in einem Überblicksartikel das Thema aus therapeutischer und sozialpolitischer Perspektive beschreibt, gibt K. Arbeiter in Form eines von Imre Withalm geführten exzellenten Interviews ein Panorama, ihrer eigenen praktischen Arbeit in diesem Kontext. Außerdem stellt Melanie Chung in einer bewegenden Rezension das nicht minder bewegende Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“ von Fabio Geda vor.In dem Roman geht es um die wahre und mitunter traumatische Fluchtgeschichte von Enaiatollah Akbaris. Viele Personen, die unsere Therapieangebote in Anspruch nehmen haben ähnliche Geschichten. Auf dieser und der Folgeseite ist dieses Heft mit Impressionen der Aktion „Flucht betrifft uns Alle“ untermalt. Bei diesem von Z E B R A organisierten Flashmob wurde am Langen Tag der Flucht, dem 26. September 2014, in Graz auf dieses gesellschaftlich hoch brisante Thema aufmerksam gemacht. Bis zum nächsten Heft, in dem wir einen Überblick über unsere und andere Bildungsprojekte zum Thema Diversität geben werden, wünschen wir inspirierende und anregende Lektüre! Niko Reinberg und Alexandra Köck

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Ta g d e r F l u c h t

Inhalt

TRAUMAUNDFLUCHT Rezension

Flucht inmitten von Flüchtlingen Von Melanie Chung

Seite 4

Psychotrauma und Gesellschaftspolitik

Sackgasse Trauma? Von Christiane Degenhardt

Seite 5

Posttraumatische Belastungsstörung

Kein „sicherer Ort“ für AsylwerberInnen Interview von Imre Withalm mit Kirsten Arbeiter

Seite 8

Aktuelle Debatte

Hoch die internationale Solidarität! Von Niko Reinberg

Seite 10

Zu den Bildern

IbrahimBARGHOUD

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as Titelbild dieser z e b r a t l -Ausgabe stammt von Ibrahim BARGHOUD: „Wütend“, Acryl auf Papier. 2014, in Mürzsteg entstanden. Weitere Bilder („Häftling“ auf Seite 9, „Verschwörung“ auf Seite 8 und ein unbenanntes Bild auf Seite 6) geben einen kleinen Einblick in das Schaffen dieses Künstlers. Ibrahim BARGHOUD, geb. 1969, stammt aus Syrien. Er ist Mitglied der Union der bildenden Künstler in Syrien, unterrichtete an der Hochschule für Bildende Künste in Aleppo und war Lehrer für Zeichnung am Fine Arts Center (Fathi Mohammed) in Aleppo. Viele Gruppenausstellungen in Syrien und im Libanon.Einzelausstellungen in Syrien. Die letzte Einzelausstellung in Madrid. Träger zahlreicher Auszeichnungen in Syrien und anderen Ländern. BARGHOUD lebt derzeit mit seiner Familie in Wien. Kontakt: [email protected]

Impressum Medieninhaber: Herausgeber: Redaktion: Alle (ab Februar 2013): E-Mail: Website: Design, Typo, Repro: Druck: Preis: Bankverbindung: BIC: IBAN:

Z E B R A – Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum Herbert Janusch Niko Reinberg 8020 Graz, Granatengasse 4, Tel.: 0316/83 56 30-0, Fax: 0316/83 56 30-50 [email protected] www.zebra.or.at STEINHUBER INFODESIGN, Graz Druckerei Bachernegg GmbH, Kapfenberg Einzelheft: € 4,- / Jahresabo: € 15,Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG STSPAT2G AT872081500000066373

Namentlich gezeichnete Beiträge müssen nicht unbedingt der Meinung des Herausgebers oder der Redaktion entsprechen. Textnachdruck mit Quellenangabe gestattet. Für das Jahr 2014 beträgt der Mitgliedsbeitrag € 30,-, die Ermäßigung für SchülerInnen, Studierende und Arbeitslose beträgt € 15,-. Für fördernde Mitglieder und Organisationen beträgt der Jahresbeitrag € 73,-. Spenden an Z E B R A sind steuerlich absetzbar.

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MohammadAmin HeydariFard

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ie Fotos zum „Langen Tag der Flucht“ auf dieser Doppelseite stammen von Mohammad Amin Heydari Fard. Er wurde am 22. Jänner 1986 in Teheran (Iran) geboren. Im Iran studierte er Politikwissenschaft, hat sich während des Studiums mit Fotografie befasst und arbeitete im Bereich soziale Dokumentarfotografie. Seit zwei Jahren lebt er in Österreich. Kontakt: [email protected]

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Rezension

FluchtinmittenvonFlüchtlingen VonMelanieChung Fabio Geda erzählt mit „Im Meer schwimmen Krokodile. Eine wahre Geschichte“ Enaiatollah Akbaris’ Fluchtweg aus Afghanistan. Damit dokumentiert er die traumatischen Erinnerungen, die Millionen andere Menschen mit ihm teilen.

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s gibt zahllose Gründe, warum sich minderjährige Flüchtlinge allein, ohne die Begleitung ihrer Eltern oder anderer Verwandter, auf den Weg begeben. Im Falle des zehnjährigen Enaiatollah Akbaris, kurz Enaiat, ist es die eigene Mutter, die sich schweren Herzens dafür entscheidet, ihn in Pakistan auszusetzen und ihm damit die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben. Enaiatollah ist Hazara. Die Hazara sind persischsprachig und gehören, anders als die sunnitische Mehrheit in Afghanistan, der schiitischen Konfession an, die in diesem Land vielerorts unterdrückt und verfolgt wird: „Wenn wir kein Geld hätten, würden sie eben mich und meinen Bruder als Sklaven mitnehmen, drohten sie – etwas, das überall auf der Welt verboten ist, auch in Afghanistan, aber so war es nun mal.“ Enaiat ist damit kein Einzelfall. Auf dem Weg über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland bis nach Italien begegnet er unzähligen Menschen, die sich ebenso auf die Suche nach Arbeit und Existenzberechtigung begeben hatten. Bestehende Machtverhältnisse nehmen Einfluss auf das Leben der Flüchtlinge, angefangen mit dem eigentlichen Grund zum Aufbruch bis hin zur Ausbeutung und Schändung durch einfache Verkaufsmänner in Pakistan, Bauunternehmende im Iran oder auch der Kaltblütigkeit von Schleppern in der Türkei und der Misshandlung durch Polizisten in Griechenland – bei jeder Station in Enaiats Leben finden sich Profiteure an seiner Flucht. Getrieben von ständiger Angst und Unsicherheit sowie der bangen Frage vor der Schlauchbootfahrt von der türkischen Küste auf eine griechische Feriennisel „ob

es im Meer denn nun Krokodile gäbe“, zieht Enaiat immer weiter, bis er sich schließlich denkt: „Jetzt reicht’s! Ich hatte genug davon, so behandelt zu werden. Ich hatte alles satt: Die Fundamentalisten. Die Polizei, die uns ständig anhielt, nach dem Pass fragte, und wenn wir keinen hatten, Geld von uns verlangte. Geld, das sie selbst einsteckten.“ Dass Enaiat in Turin schließlich eine Pflegefamilie findet und den Autor Fabio Geda bei einer Lesung kennenlernt, ist für ihn eine glückliche Wendung und hat großen Einfluss auf seine weitere psychische Entwicklung. Enaiat hat in seiner neuen Pflegefamilie nicht nur ökonomische Absicherung gefunden, sondern auch einen Weg, die Traumatisierungskette zu durchbrechen und spricht über seine Erlebnisse.1 Trotz dieser positiven Wendung für Enaiat wird Europa den zunehmenden Flüchtlingsströmen und somit auch den vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen nicht gerecht. Die Beschäftigung mit psychischen Traumata ist somit auch eine politische Frage. Dieses „Jetzt reicht’s“ der Flüchtlinge führt daher auch zu Protest, wie wir an den aktuellen Entwicklungen in Wien, vielen Städten Deutschlands, Schweden und grenzübergreifenden Aktionen wie dem March for Freedom von Straßburg nach Brüssel sehen können. Individuelle Schicksalsschläge in Form von Traumata werden dadurch mit traumatischen Situationen als soziales Phänomen zusammen gedacht und erhalten eine kollektive Stimme,die von der Wut erzählt, die diese Menschen erleiden. Sie fordern aktives Handeln aller ein für ein

„Wenn wir kein Geld hätten, würden sie eben mich und meinen Bruder als Sklaven mitnehmen, drohten sie – etwas, das überall auf der Welt verboten ist, auch in Afghanistan, aber so war es nun mal.“

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Fabio Geda: Im Meer schwimmen Krokodile. Eine wahre Geschichte. Random House 2011. 192 Seiten. Originaltitel: Nel mare ci sono i coccodrilli. Storia vera di Enaiatollah Akbari. selbstbestimmtes Leben in Würde ohne Grenzen. Nachdem Enaiat mit einem kaputten Schlauchboot auf einer griechischen Insel landet, findet er bei der Besitzerin eines einsamen Hauses einen Unterschlupf und Unterstützung.

}Nachdem ich geduscht hatte, brachte

mich die alte Dame zum Busbahnhof. Sie kaufte mir höchstpersönlich eine Fahrkarte, gab mir fünfzig Euro, verabschiedete sich und ging. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass es enorm gute Menschen gibt. Da, schon wieder! Was denn? Du erzählst etwas, wechselst dann aber plötzlich das Thema. Erzähl mir mehr von dieser Frau, Enaiat. Beschreibe mir ihr Haus. Warum? Weil es mich interessiert und andere vielleicht auch. Ja, aber das habe ich dir doch schon erzählt. Mich interessiert nur, was sie getan hat. Wie sie heißt oder wie ihr Haus eingerichtet war, ist dabei völlig nebensächlich. Jeder könnte sie sein. Inwiefern? Jeder, der sich so verhält.

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1 Weiterführendes dazu finden Sie im Text von Christiane Degenhardt ab Seite 5 in diesem Heft, sowie in den Werken des jüdischen Arztes und Psychoanalytikers Hans Keilson, dessen Konzept der sequentiellen Traumatisierung Trauma als einen psychosozialen Prozess beschreibt. Seiner Meinung nach ist für die Bewältigung nicht nur das traumatische Erlebnis wichtig, sondern auch, wie in der Folge damit umgegangen wird.

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Psychotrauma und Gesellschaftspolitik

SackgasseTrauma? VonChristianeDegenhardt Psychotraumata scheinen mehr und mehr in Mode zu kommen: Aussagen wie „das traumatisiert mich“ haben längst Eingang in unsere Umgangssprache gefunden. Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“. Es wird sowohl in der Medizin für körperliche als auch für seelische Verletzungen verwendet. In den letzten Jahren haben Traumadiagnosen eine immer größere Bedeutung für Asylsuchende bekommen, da die Gesetzgebung in vielen Ländern traumatisierten Menschen eine besondere Schutzwürdigkeit zugesteht.

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n der transkulturellen psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen, die in Österreich oder anderen europäischen Ländern einen Asylantrag gestellt haben, kommen PsychotherapeutInnen nicht umhin, sich mit der Psychotraumatologie und den dazugehörigen Behandlungsansätzen zu beschäftigen. Bisher ging man von einem Anteil von 10–15% traumatisierten Flüchtlingen aus, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. In einer neueren deutschen Studie wurde bei Asylsuchenden sogar eine PTSD-PunktPrävalenz von 40% gemessen (Gäbel et al., 2005). Doch ist der Ansatz der medizinischen Diagnose „posttraumatic stress disorder (PTSD) oder posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)“ für diese Menschen über-

haupt sinnvoll? Kann und darf man ihn in Frage stellen? Die Diagnose PTSD ist entlang der Symptome von in die USA heimgekehrten Vietnamveteranen entwickelt worden. Wie würde die Diagnose aussehen, hätte man sie entlang der Symptome von Opfern des Holocaust entwickelt? Wäre es möglich, dass in der Diagnosestellung eine sozial- und gesellschaftspolitische Komponente berücksichtigt würde? David Becker, der 17 Jahre in Chile mit Folterüberlebenden gearbeitet hat, nennt die posttraumatische Belastungsstörung ein uramerikanisches Produkt, genauso wie John Wayne, “Hamburger” und “Stars and Stripes”. In der Holocaust-Forschung wird der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Prozessen und Krankheit deutlich sichtbar.

Vor Beginn des Traumatischen Prozesses

Beginn der Verfolgung

Anerkennung hilft Wenn Anerkennung verübten Unrechts und dann die Annahme der Schuld und Verantwortung gegenüber Minderheiten oder anderen Bevölkerungsgruppen nicht Teil einer Grundhaltung ist, dann ist eine adäquate Würdigung des individuellen Leids kaum möglich. TherapeutInnen, die in diesem Feld arbeiten, versuchen sich die immer neuen Ansätze, die in der Psychotraumatologie entwickelt werden, anzueignen und nach einem „State of the Art“ zu arbeiten. Wenn der/ die zehnte KlientIn mit einer ähnlichen Geschichte, verursacht von gleichen Tätergruppen, vor der TherapeutIn sitzt, entsteht automatisch die Frage: Was ist in dem Herkunftsland dieser KlientIn in der Vergangenheit geschehen und was passiert dort heute? Welche Prozesse haben die Person in diesen Zustand gebracht, und wie viele Menschen sind noch davon betroffen? Kann der Ansatz, einzelne Menschen als „Patienten“ zu „behandeln“,einem „sozialpolitischen Traumatisierungsprozess“ gerecht werden? Es gibt eine gesellschaftliche und eine individuelle Dimension eines Traumas – wir als TraumatherapeutInnen glauben oft, wir können die Welt mit Therapie verändern oder zumindest unsere KlientInnen „heilen“. Und dann tauchen Fragen auf: Ob wir damit nicht gesellschaftspolitisch ignorant sind und uns für omnipotent halten? Wie wirken „sozialpolitischen Traumatisierungsprozesse?“ „Sie töten und bleiben doch lebendiger Schmerz, sie sind immer Vergangenheit und Gegenwart“, wie David Becker postuliert. Die Konsequenz, die sich für TherapeutInnen ergibt, die mit diesen Menschen arbeiten: Die Zeugenschaft ist nicht genug, es ist nicht genug, die erlebten Gräueltaten als empathische/r BegleiterIn zu bezeugen, sondern wir müssen auch eine klare Position zu Tätergruppen beziehen und uns positionieren und Unrecht als solches betiteln.

Sequentielle Traumatisierung Nach der Verfolgung

Akute Verfolgung: Der direkte Terror

Flucht, Exil Zeit des Übergangs

Akute Verfolgung: Chronifizierung

Sequenzielle Traumatisierung. Grobraster der traumatischen Sequenzen in einem gegebenen sozialen Kontext. Erweiterung des Konzepts von Hans Keilson (aus: Becker David, 2006, S.190).

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David Becker entwirft aus diesen Überlegungen sein erweitertes Konzept einer sequentiellen Traumatisierung (s. Abb.). Dieses Modell ist hilfreich, besonders in der Arbeit mit Menschen aus Ländern, die eine lange gewaltsame Geschichte haben. Im Rahmen eines therapeutischen Prozesses tauchen wir tiefer und tiefer in persönliche Geschichten ein. Geschichten, die sich über mehrere Generationen ziehen, Geschichten ganzer Nationen.

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Psychotrauma und Gesellschaf tspolitik

In vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge schwelen Konflikte, die sich über mehrere Generationen ziehen; da ist z. B. die Generation der Großeltern brutal vertrieben worden, die Generation der Eltern durfte zurückkehren, ins Nichts, und die jetzige Generation wird von verschiedensten politisch rivalisierenden Gruppen gequält, weil es keine unabhängige Regierung gibt. Die Folgen: zumindest drei Generationen traumatisierter Menschen. Wenn diese Menschen in anderen Ländern Schutz suchen, können sie ihre Erfahrungen nicht einfach in ihrer alten Heimat lassen.

Auf der Flucht Leider beendet die Flucht selten die Aneinanderreihung der traumatisierenden Erlebnisse. Die Flucht an sich, die in den meisten Fällen durch illegale Schlepper bewerkstelligt wird, birgt neben den hohen Kosten eine Fülle von Gefahren. Nicht wenige Flüchtlinge berichten von sexuellen Misshandlungen, unwürdigsten Bedingungen, Hunger und Durst, Erpressungen, untergehenden Booten und vielen anderen Erlebnissen auf der Flucht.

Ein sicherer Ort? Endlich angekommen im oft unbekannten Zielland – viele kommen nicht im gewünschten Land an – beginnt beim Erstinterview der Polizei der Spießrutenlauf des Asylverfahrens. Immer wieder wird die eigene Glaubwürdigkeit angezweifelt, immer wieder sollen Flüchtlinge über ihre traumatisierenden Erlebnisse vor angstauslösenden Personen berichten. Jeder negative Bescheid wirkt retraumatisierend bei diesen Menschen, Erfolge, die in einer traumatherapeutischen Behandlung erzielt worden sind, werden oft mit einem Brief zunichte gemacht. Die gemeinsame Unterbringung während des Asylverfahrens ist nicht friktionsfrei.„Welcher Gruppe hat mein Nachbar angehört?“ Das ist oft die bange Frage. Erzwungene Untätigkeit und die Empfindung, während der Dauer des Asylverfahrens von Almosen zu leben, verstärkt den Ver-

lust jeden Gefühls von Selbstwirkamkeit. Ein weiterer Aspekt ist die Stimmung im Aufnahmeland: Wie gehen traumatisierte Menschen mit einer fremdenfeindlichen Stimmung um, die ihnen entgegenschlägt? Menschen, die oftmals hochgeachtete Bürger ihres Landes waren, werden stigmatisiert und herabgewürdigt, oft auf offener Straße.

Letztendlich komme ich wie David Becker zu der Überzeugung, dass individuelle Hilfe gut und nützlich sein kann, dass wir Einzelnen helfen können, ohne aber jemals zu vergessen, dass Traumatisierung, Geschichte und Gesellschaft eng miteinander verbunden sind.

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Illegalisierte Menschen In seinem Buch „Die Tyrannei des Nationalen“ zitiert Noiriel einen Artikel aus dem Jahr 1930, es heißt darin, dass es keinen Staat mehr gebe, der nicht mit zuweilen extremer Härte seine nationalen Märkte und die Arbeit seiner Bürger gegen jede ausländische Konkurrenz schütze und dass deshalb Flüchtlinge zur Zeit sozusagen von der ganzen Welt verstoßen seien und „außerhalb der Gesetze“ leben. Diese Aussage hat leider trotz Genfer Flüchtlingskonvention nichts an Aktualität verloren. Also sind auch die Erlebnisse im Aufnahmeland Teil der traumatischen Erfahrung. Flucht, Exil, aber auch eine mögliche

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Psychotrauma und Gesellschaf tspolitik

Rückkehr ins Herkunftsland stellen in gewisser Hinsicht eigene traumatische Sequenzen dar.Wenn also die Flucht das Durchleben traumatischer Situationen impliziert, was macht dann eine Traumadiagnose mit den Menschen? Werden sie mit diesem Etikett unserem medizinischen System einverleibt oder ist die Traumadiagnose eine Anerkennungsdiagnose im Sinne einer sozialen und politischen Anerkennung?

Auswege Letztendlich komme ich wie David Becker zu der Überzeugung, dass individuelle Hilfe gut und nützlich sein kann, dass wir Einzelnen helfen können, ohne aber jemals zu vergessen, dass Traumatisierung, Geschichte und Gesellschaft eng miteinander verbunden sind. Sozialpolitische und psychische Prozesse gleichzeitig und in Bezug aufeinander zu analysieren ist wichtig. Wir tun daher gut daran,mit einem prozessorientierten Traumabegriff zu arbeiten, der sowohl die individuelle als auch die soziale Dimension erfassen kann und historische und aktuelle sozialpolitische Dimensionen mit einbezieht. Dann ist ein Ausweg aus der Traumasackgasse möglich. Literatur: l Becker, D. (2006). die erfindung des traumas – verflochtene geschichten. Freiburg: edition freitag. l Degenhardt, C. (2012). Die Triade in der Psychotherapie, Optimierungsfaktoren in der Arbeit mit nicht professionellen muttersprachlichen DolmetscherInnen. Wien. l Fischer, G., & Riedesser, P. (1998). Lehrbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart: UTB. l Gäbel, U., Ruf, M., Schauer, M., Odenwald, M., & Neuner, F. (1 2001). Prävalenz der Posttraumatischen Asylverfahrenspraxis. (H. Verlag, Hrsg.) Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Volume 35, Number 1 / 2006, S. 12-20. l Herman, J. (2001). Trauma and Recovery. London: Pandorra. l Keilson, & Hans. (1979). Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Stuttgart: Enke. l Khan, M. M. (1963). The Concept of Cumulative Trauma. In A. Freud, The Psychoanalytic Study of the Child (S. 286-306). New York: International Universities Press. l Noiriel, G. (1996). Egidio Reale, Le Regime des passports et la SDN, 1930. In G. Noiriel, Die Tyrannei des Nationalen. (S. 313). Lüneburg: Klampen. l Ottomeyer, K. (. (2006). Interkulturelle Traumadiagnostik. Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag. l Paulitsch, K. (2009). Grundlagen der ICD-10-Diagnostik. Stuttgart: UTB. l Terr, L. (Januar 1991). Childhood traumas: An outline and overview. American Journal of Psychiatry(148), S. 10-20.

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Psychotraumata

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ie Wissenschaft beschäftigt sich intensiv mit Psychotraumata und deren Folgen. In der Behandlung gehen die Meinungen sehr auseinander. Immer neuere, „bessere“ Methoden zur Behandlung posttraumatischer Störungen jagen einander, immer wieder werden neue Methoden vorgestellt und gelehrt. Und natürlich haben alle den Anspruch, „evidence based“ zu sein, also ihre Wirksamkeit empirisch belegen zu können. Je nach Schulenzugehörigkeit (gemeint sind psychotherapeutische Schulen) gibt es unterschiedliche Zugänge in der Traumabehandlung, die sich in vielen Punkten inhaltlich berühren. Doch wie wird Traumatisierung gemessen, wie wird definiert, was ein Trauma ist, und welche Typologien von Traumata wurden erstellt? Wie Trauma definiert wird: l Nach Fischer und Riedesser (1998) ist es ein vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, verbunden mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe, wodurch Selbst- und Weltverständnis dauerhaft erschüttert werden. l Das Diagnosemanual der American Psychological Association DSM V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) definiert Trauma als Ereignis, bei dem ein Mensch entweder persönlich mit dem Tod bedroht, mit sexueller oder anderen Formen von Gewalt bedroht wird; oder bei dem er Zeuge eines solchen Ereignisses wird oder bei dem ein solches Ereignis einem Angehörigen oder einer nahestehenden Person widerfährt. Die Reaktionen der Person auf das Ereignis müssen intensive Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen umfassen. Bei Kindern kann die Reaktion auch verwirrtes oder zurückgezogenes Verhalten zur Folge haben. l Im ICD 10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) gibt es für Psychotrauma keine eigene Definition. Hier ist die erste heftige psychische Reaktion auf schwer belastende Ereignisse eine akute Belastungsreaktion (F43.0), diese ist aber auf die Dauer von drei Tagen beschränkt. Länger anhaltende Reaktionen deuten auf eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) hin, deren auslösende Faktoren nach Paulitsch (2009) massiv und für fast alle Menschen traumatisierend sind. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist auch die Frage nach der Ursache des traumatischen Ereignisses. Im Allgemeinen sind „Man Made Disasters“ schwerer zu bewältigen als Naturkatastrophen. Es gibt unterschiedliche Ansätze in der Einteilung von Traumata: l Terr (1998) schlägt eine Unterscheidung zwischen Traumatisierung Typ I vs. Typ II vor, wobei Typ I ein einmaliges Ereignis beschreibt und Typ II eine Häufung traumatischer Ereignisse und Umstände bezeichnet. Dafür werden auch die Begriffe Mono- und Polytraumatisierung verwendet. l Eine Form von Polytraumatisierung nennt Herman (2001) komplexe Traumatisierung, darunter sind Ereignisse zu verstehen, die über einen längeren Zeitraum andauern. Dazu gehört das Unterworfensein unter totalitärer Kontrolle über Monate bis Jahre, mit Erlebnissen wie Lagerhaft, Folter, Geiselhaft, Kriegsgefangenschaft, Leben in Kriegsgebieten mit ständiger Bedrohung, aber auch strukturelle und sexuelle Gewalt totalitärer Systeme. l Masud Khan (1963) beschreibt die Kumulative Traumatisierung als eine Abfolge traumatischer Ereignisse, die jedes für sich unterschwellig sein könnten, aber in der zeitlichen Abfolge und Häufung einen schweren Verlauf entstehen lassen. Den Begriff der Sequentiellen Traumatisierung entwickelte Keilson (1979) bei seiner Arbeit mit jüdischen Kriegswaisen, die in den Niederlanden untergebracht waren. Er fand verschiedene Symptomschichten, die den verschiedenen Verfolgungswellen zugeordnet werden konnten. Die sequentielle Traumatisierung bezeichnet eine nachvollziehbare Verlaufsgestalt der traumatischen Erfahrung. Keilson beschreibt als einer der Ersten die Traumatisierung einer ganzen Gruppe als einen sozialpolitischen Traumatisierungsprozess.

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Posttraumatische Belastungsstörung

Kein„sichererOrt“fürAsylwerberInnen InterviewvonImreWithalmmitKirstenArbeiter

Eine Warteliste, auf der etwa achtzig Namen stehen, zeigt wie dringend das Therapieangebot von ZEBRA und anderen Organisationen benötigt wird. Die Diagnose lautet oft Posttraumatische Belastungsstörung. Kirsten Arbeiter, Psychotherapeutin bei ZEBRA, hat dem z e b r a t l erklärt, wieso Traumabehandlung gerade bei AsylwerberInnen so schwierig ist.

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ie meisten, die bei Z E B R A in Therapie gehen, haben am Anfang keine Ahnung von Posttraumatischer Belastungsstörung,“ erzählt Kirsten Arbeiter. Sie ist Psychotherapeutin bei Z E B R A und arbeitet mit Menschen, die an Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) leiden. „Zu Beginn steht immer auch eine Aufklärung darüber, was PTBS überhaupt ist. Und wir sagen, dass es dafür auch eine Behandlung gibt. Das wirkt oft schon entlastend.“ An der Wand von Kirsten Arbeiters Therapie- und Arbeitsraum hängen Fotografien mit Detailaufnahmen von Händen. Etwa zwei Armlängen trennen Kirsten Arbeiters Sessel von jenem, auf dem ihre KlientInnen sitzen – es soll Sicherheit vermittelt werden. Hier den so wichtigen „sicheren Ort“ zu schaffen,ist allerdings schwierig. Doch dazu später mehr.

Trauma oder „Trauma“ Wenn Kirsten Arbeiter von Trauma spricht, dann hält sie sich an Definitionen des „ICD-10“ (Internationale Klassifikation psychischer Störungen).Sie betont,wie drastisch eine Situation sein muss, um

von einer Traumatisierung im klinischen Sinn sprechen zu können: „Wer eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, hat etwas durchgestanden, bei dem sie oder er das Gefühl hatte, das nicht zu überleben.“ Kirsten Arbeiter spricht von Todesängsten, die durch Naturkatastrophen,Folter,Kampfhandlungen,Vergewaltigungen oder Unfälle ausgelöst würden. Das betrifft nicht nur Menschen, die so etwas selbst durchstehen. Wer so eine Situation auch nur unbeteiligt beobachten muss, kann ebenso traumatisiert werden. Das „Australian Center of Posttraumatic Mental Health“ hat 2007 eine Schätzung veröffentlicht, wonach 65% der Menschen im Verlauf ihres Lebens mit zumindest einem traumatisierenden Ereignis konfrontiert werden. Von diesen 65% würden etwa fünf Prozent eine PTBS entwickeln. PTBS ist also kein Massenphänomen. Warum manche Menschen eine PTBS entwickeln, die meisten aber davon verschont bleiben, ist nicht eindeutig geklärt. Es gibt aber ein paar Erklärungsversuche dazu. Sie beziehen sich auf eine Reihe von Schutz- und Risikofaktoren. So könnte eine gute soziale Einbindung schützend wirken, während eine psychia-

trische Vorerkrankung das Risiko einer PTBS erhöhen könnte. Oft liest man auch, dass das Selbstverständnis der Betroffenen als „Überlebende“, anstatt als „Opfer“ bei der Bewältigung des Traumas hilft.

Wie das Asylsystem die Behandlung erschwert Bei Z E B R A gibt es eine Reihe von unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätzen. Gemeinsam ist ihnen, dass Betroffene eine Gesprächstherapie in Anspruch nehmen können. Oft wünschen sich die Betroffenen, dass sie das Erlebte aus dem Gedächtnis ausradieren können. „Das Problem dabei ist aber, dass man die eigenen Gedanken nicht einfach wegdrücken kann,“ sagt Kirsten Arbeiter. In der Traumaarbeit gehe es demnach darum, das Trauma in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Ziel ist es, das Erlebte zu benennen. Und das in einer Situation, in der die Überlebenden sich sicher fühlen und aufgefangen werden können. Bis die Betroffenen diesen Schritt wagen, kann sehr viel Zeit vergehen. Manche schaffen das auch nie. All die unterschiedlichen Zugänge, die es bei Z E B R A gibt, haben ein ge-

Wer an PTBS leidet, kann zunächst nicht sagen, was ihr oder ihm passiert ist – das ist eines der Symptome. Wir erinnern uns: die Betroffenen versuchen das Ereignis ja so gut es geht wegzuschieben. Die RichterInnen, die über das Asylverfahren entscheiden, betonen dann oft, dass es Widersprüche gäbe zwischen der ersten Einvernahme und dem, was später erzählt wird.

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Posttraumat ische Belastungsstörung

meinsames Problem. Da bei den KlientInnen die Asylverfahren meistens noch laufen, fehlt ein Grundpfeiler der Traumabehandlung: Es gibt keinen „sicheren Ort“. Dabei geht es um mehr, als die anfangs beschriebene sichere Gesprächssituation zu schaffen. „Sicherer Ort“, heißt zu betonen, dass das traumatische Ereignis in der Vergangenheit liegt und abgeschlossen ist. Wer in einem laufenden Asylverfahren ist, kann sich dessen aber gar nicht so sicher sein. Die AsylwerberInnen wissen nämlich nicht, ob sie nicht irgendwann wieder dorthin zurück abgeschoben werden, wo die Gefahr auf sie wartet. „Das ‘Es ist gewesen’ und das ‘Hier und jetzt bin ich sicher’ gibt es dann nicht,“ beschreibt Kirsten Arbeiter die Schwierigkeit bei der Behandlung von Trauma. Die Diagnose PTBS biete nämlich keinen Schutz im Asylverfahren.Ein negativer Asylbescheid könne trotzdem die Abschiebung bedeuten. Es ist dies ein Missstand, der durchaus auch emotionale Reaktionen auslöst: „Es macht mich wütend, dass auf den Zustand der KlientInnen keine Rücksicht genommen wird,“ so Kirsten Arbeiter. Zu wissen, wie schwer es für Betroffene ist, das konkrete traumatische Ereignis zu benennen, zeigt, welche Schwierigkeiten es bei der Einvernahme durch die Behörden geben kann. Die Ersteinvernahme nach der Flucht nach Österreich passiert oft in Traiskirchen. Wer an PTBS leidet, kann zunächst nicht sagen, was ihr oder ihm passiert ist – das ist eines der Symptome. Wir erinnern uns: die Betroffenen ver-

suchen das Ereignis ja so gut es geht wegzuschieben. Die RichterInnen, die über das Asylverfahren entscheiden, betonen dann oft, dass es Widersprüche gäbe zwischen der ersten Einvernahme und dem, was später erzählt wird. Manchmal werden die Asylsuchenden dann als „unglaubwürdig“ abgestempelt. Dass Konzentrationsschwierigkeiten und ein starkes Vermeidungverhalten zu den Symptomen von PTBS gehören, wird oft ignoriert. „Das

kann für die Betroffenen sehr kränkend sein,“ sagt Kirsten Arbeiter. Eine Kränkung,die existenzbedrohend ist.„Wir sind dem Zufall ausgeliefert, weil wir nicht wissen welche(n) RichterIn der/die KlientIn im Asylverfahren bekommt. Wir müssen dankbar sein, wenn sie oder er eine(n) sensible(n) RichterIn zugeteilt bekommt, obwohl das der Normalzustand sein sollte,“ kritisiert Psychotherapeutin Kirsten Arbeiter den gegenwärtigen Zustand.

WasbedeutetdieDiagnosePTBS?

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nders als bei der „Akuten Belastungsreaktion“ treten bei PTBS Symptome auch nach sechs Monaten noch auf, bzw. werden sogar stärker. Die Symptome von PTBS werden auf vier Ebenen eingeordnet. Sie treten kognitiv, emotional, physiologisch und im Verhalten auf. Die kognitiven Symptome, also das, was im Kopf passiert, sieht so aus: Die Überlebenden haben häufig „Nachhallerinnerungen“ oder „Flashbacks“, in denen sie das traumatisierende Ereignis noch einmal durchleben. Ausgelöst werden diese Erinnerungen oder Flashbacks durch so genannte „Trigger“. Ein bestimmtes Wort, eine bestimmte Situation, eine Berührung oder auch Gerüche können einen wieder zurück versetzen in die Situation des Traumas. Auf emotionaler Ebene durchleben die Überlebenden den gleichen Horror, den sie während des traumatischen Ereignisses gespürt haben. Zu Horror, Abscheu und Angst mischen sich später oft Schuld oder Scham, weil man sich in der konkreten Situation nicht gewehrt oder anderen nicht geholfen hat. Physiologisch, also auf Körperebene, wirken Überlebende so, als stünden sie permanent unter Strom. Man ist ständig angespannt, wie getrieben. Die Betroffenen fühlen sich oft nirgends sicher und sind ständig auf der Hut. Eine Folge sind massive Schlafstörungen und Alpträume. Das Verhalten bei der Diagnose PTBS lässt sich auch relativ eindeutig beschreiben. In erster Linie versuchen Überlebende zu vermeiden, sich aus Angst vor einer Nachhallerinnerung/Flashback mit dem Trauma zu konfrontieren. Dieses Vermeiden bezieht sich häufig auf Orte oder gewisse Trigger und kann soweit gehen, dass man das Haus nicht mehr verlassen kann.

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Aktuelle Debatte

HochdieinternationaleSolidarität! VonNikoReinberg

Menschen, die in Österreich um Asyl ansuchen, brauchen Schutz und Anerkennung, nicht Ausgrenzung und Isolation. Angst und Misstrauen gegenüber AsylwerberInnen werden leider in den letzen Wochen und Monaten vermehrt geschürt. In Gratiszeitungen und Kleinformaten ist von bedrohlichen Flüchtlingswellen, die nach Österreich kommen die Rede. Stimmt das, wem nützt diese Stimmung eigentlich und wie sollen wir damit umgehen?

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ie Journalistin Corinna Milborn konfrontierte kürzlich FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache im Interview mit einer Grafik des Kabarett-Duos „Gebrüder Moped“. Text: „0,25% der Bevölkerung sind Asylwerber. Hilfe, wir werden überschwemmt!“ Strache: „Verkaufen S’ doch die Österreicher nicht für dumm! Wir haben in Österreich neun Millionen Menschen. 1,3 Millionen sind Flüchtlinge!“ Strache ist mit seiner „Fehleinschätzung“1 kein Einzelfall.SchülerInnen schätzen in Z E B R A -Workshops den Anteil von

AsylwerberInnen durchwegs auf 35%, tatsächlich sind es nur rund 0,25%. Momentan leben 55.598 anerkannte Flüchtlinge in Österreich. Hinzu kommen laut Innenministerium 27.000 AsylwerberInnen, also jene, die auf ihren Asylbescheid warten (Stand September 2014). Die grausamen Konflikte in Syrien und im Irak führten in den letzten Monaten zu einem Anstieg der Asylanträge aus dem arabischen Raum. Die meisten Menschen flüchten allerdings innerhalb des eigenen Landes oder in Nachbarstaaten wie die

„Verkaufen S’ doch die Österreicher nicht für dumm! Wir haben in Österreich neun Millionen Menschen. 1,3 Millionen sind Flüchtlinge!“ Strache ist mit seiner „Fehleinschätzung“ kein Einzelfall.

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Türkei.Der Weg nach Europa ist gefährlich, die Lebensbedingungen in manchen europäischen Flüchtlingsquartieren schlecht und die Stimmung gegenüber AsylwerberInnen ist in Europa alles andere als freundlich.Ein Bruchteil der Millionen Vertriebenen landet trotz all dieser Schwierigkeiten in der EU.

Wer braucht schlechte Stimmung? Eine feindselige Stimmung gegenüber AsylwerberInnen aus dem arabischen Raum nutzt vor allem radikalen Gruppen. Fundamentalistische Bewegungen benutzen die Diskriminierungserfahrungen vieler Muslime und Muslimas in Europa, um ihren AnhängerInnen das Bild eines ausgrenzenden und intoleranten Westens verkaufen. „Daham statt Islam“ – Missachtung der Identität und Singuläre Identität Nobelpreisträger Amartya Sen, selbst Zeuge religiös motivierter Gewalt in Indien, beschreibt in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ die „Missachtung der Identität“ als eine von zwei Grundlagen für gewaltsame Auseinandersetzungen und Konflikte. Der Wahlkampfslogan „Daham statt Islam“, wenn auch vielleicht anders gemeint, missachtet all jene Personen in Österreich, die nur irgendwie mit dem Islam zu tun haben. Die zweite Falle der Identität ist die Reduktion einer Person auf deren Herkunft oder Religion. Mit „singulärer Identität“

1 Strache bezog sich auf alle seit dem Zweiten Weltkrieg nach Österreich geflüchteten Menschen.

Momentan leben 55.598 anerkannte Flüchtlinge in Österreich. Hinzu kommen etwa 27.000 AsylwerberInnen, also jene, die auf ihren Asylbescheid warten (Stand September 2014 Quelle: BMI). SchülerInnen schätzen in Z E B R A -Workshops den Anteil von AsylwerberInnenn in der Bevölkerung durchwegs mit 35%, tatsächlich sind es nur rund 0,25%. Ein Blick in die Geschichte zeigt die enge Verbindung Österreichs mit dem Thema Flucht und Asyl: Der weltweite Schutzmechanismus für Menschen auf der Flucht, die Genfer Konvention, basiert auch auf den Erfahrungen flüchtender Österreicherinnen und Österreicher im 2. Weltkrieg. 1956/57 kamen rund 180.000 Menschen aus Ungarn nach Österreich. Wer einen Flüchtling aufnahm, galt damals als Held. 1992–1995, während der Kriege in Ex-Jugoslawien waren es 92.000; 2002 während der Kriege in Tschetschenien und Afghanistan 40.000. Derzeit sind weniger als halb so viele Menschen wie im Jahr 2002 in offenen Asylverfahren – ein großer Teil dieser Personen sind Kinder. Grafik mit freundlicher Genehmigung von Gebrüder Moped (http://gebruedermoped.com)

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Aktuelle Debatte

meint Sen, dass Personen einzig aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (z. B. Muslime oder Christen) bewertet und behandelt werden. Nationalistische und fundamentalistische Bewegungen prägen einen Diskurs, der Menschen in vereinheitlichte Individuen einordnet. Die eigentliche spezifische Persönlichkeit – Weltanschauung, Lebenserfahrung, Beruf, Hobbies, Geschlecht und viele andere Komponenten, die uns als Menschen ausmachen, bleiben bei dieser Sichtweise auf der Strecke. Es ist ein Weltbild der Gegensätze, das starre Bild eines „Wir“ und „die Anderen“. Die perfekte Grundlage und Rechtfertigung für Krieg und Unterdrückung. Hinzu kommen laufend Schreckensbilder und Falschmeldungen über die jeweils andere Gruppe.Diese explosive Mischung führt zu einem Auseinanderbrechen der Gesellschaft und gegenseitiger Abgrenzung. Nachbarn werden zu Feinden. Fragen nach sozialer Gerechtigkeit dürfen im Angesicht der Angst vor „den Anderen“ oft gar nicht mehr gestellt werden. Amartya Sen hat als Kind selbst die Schrecken religiös motivierter Unruhen erlebt. Als er acht Jahre alt war, wurde ein

muslimischer Nachbar, er hieß Kader Mia, auf offener Straße von extremistischen Hindus in den Rücken gestochen. Der Nachbar floh in das Haus der Familie Sen, von wo aus ihn der Vater sofort in das nächstgelegene Krankenhaus brachte. Auf dem Weg dorthin erzählte Kader Mia, dass er von seiner Frau davor gewarnt wurde, in einem Gebiet mit lokalen Unruhen zu arbeiten. Seine damalige soziale Lage zwang ihn jedoch, solche Gefahren in Kauf zu nehmen. Im Spital verstarb er. Im Indien der 40er-Jahre verstanden es Großgrundbesitzer sehr gut, einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen zu treiben, um dadurch von Fragen nach sozialer Gerechtigkeit abzulenken. Ähnliches passierte zur gleichen Zeit in Europa. Viel hat sich an dieser Strategie bis heute nicht geändert. Die Missachtung der Identität und die Reduktion von Individuen auf singuläre Identitäten erfüllen immer auch einen Zweck. Gute Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit bei der Bildung und in der Arbeitswelt, oder eine saubere Umwelt verlieren im Angesicht der Angst vor „den Anderen“ an Gewicht und Bedeu-

tung. Grobe innergesellschaftliche Missstände verschwinden hinter Schreckensbildern. Ideen und Initiativen für ein gelingendes und gutes Miteinander werden oft gar nicht wahrgenommen oder sogar schlecht gemacht.

Hilfe, wir werden immer unsolidarischer und egoistischer! Unsere größte Stärke ist unsere Solidarität. Z E B R A arbeitet mit einer Reihe von Beratungs- und Therapieangeboten für MigrantInnen und deren Angehörige aktiv für den Zusammenhalt in der österreichischen Gesellschaft. Wir sind mit unserem Engagement nicht allein. Viele tausende Menschen in Österreich engagieren sich für ein gutes Zusammenleben. Viele Tausende sind solidarisch mit Menschen in Not. Diese Solidarität ist unser stärkstes und wirksamstes Werkzeug für eine gute und lebenswerte Zukunft. Literaturtipp: l Amartya SEN: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, C. H. Beck Verlag, München 2007

WasbekommenAsylwerberInnenwirklich? Leistungen für AsylwerberInnen im Rahmen der Grundversorgung Die Höhe der Grundversorgung ist abhängig von der Unterbringungsart: Asylsuchende sind zumeist in einfachen Mehrbettzimmern untergebracht und teilen sich Bad, Toilette und Gemeinschaftsräume. Es wird zwischen drei Arten der Grundversorgung unterschieden: 1) Vollversorgung (Quartier und Verpflegung): QuartiergeberInnen erhalten einen Tagsatz von € 19 für Unterbringung und Verpflegung (3 Mahlzeiten am Tag). AsylwerberInnen erhalten € 40 im Monat an Taschengeld. 2) Selbstversorgung (nur Quartier): Die QuartiergeberInnen erhalten einen Tagsatz von € 12 für die Unterbringung. Die AsylwerberInnen verpflegen sich selbst und erhalten € 150 pro Monat an Verpflegungsgeld. 3) Individuelle Unterbringung (AsylwerberInnen mieten sich eine Wohnung): Eine Einzelperson erhält € 120, eine Familie € 240 für die Miete (pro Monat).

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Das Verpflegungsgeld beträgt pro Person und Monat für Erwachsene € 200, für Minderjährige € 90. Wenn Asylsuchende selbstständig wohnen (was eher die Ausnahme ist) bekommt eine Einzelperson monatlich maximal € 320 für alle Ausgaben wie Miete, Heizung, Strom, Essen usw. ausbezahlt. Der vergleichbare Betrag aus der Mindestsicherung für eine(n) ÖsterreicherIn liegt bei maximal € 795. Eine fünfköpfige AsylwerberInnenFamilie – also Mutter, Vater und drei minderjährige Kinder – bekommt insgesamt ca. 910 Euro monatlich. Zum Vergleich: Eine fünfköpfige österreichische Familie, die Leistungen aus der Mindestsicherung bezieht, hat zumindest 2.200 Euro zur Verfügung. Weitere Leistungen der Grundversorgung unabhängig von der Unterbringungsart: l Krankenversicherung l Bekleidungshilfe max. € 150 im Jahr

l Schulbedarf max. € 200 im Jahr l Fahrtkosten für den Schulbesuch AsylwerberInnen haben KEINEN Anspruch auf Familienbeihilfe, Kinderbetreuungsgeld, Mindestsicherung, Pflegegeld, Wohnbeihilfe! ÖsterreicherInnen und EU-StaatsbürgerInnen haben grundsätzlich Anspruch auf: l Familienbeihilfe l Kinderbetreuungsgeld l Arbeitslosengeld l Notstandshilfe l Mindestsicherung l Pflegegeld l Wohnbeihilfe

Quellen: l Land Steiermark, Stand Oktober 2014 (www.soziales.steiermark.at/ asyl) l UNHCR (www.unhcr.at/unhcr/in-oesterreich/ fluechtlingsland-oesterreich/soziale-leistungen.html

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Einladung

MigrantInnen–PotentialfürdieSteiermark? Befund und Strategie Eine Veranstaltung der AST Steiermark/ZEBRA in Kooperation mit der AST Anlaufstellenkoordination Wien Die Bedeutung von Migration für den steirischen Arbeitsmarkt und die Bedeutung von sozialer Durchlässigkeit im Sinne einer beruflichen Aufwärtsmobilität.

l Werden mitgebrachte Qualifikationen von MigrantInnen am Arbeitsmarkt ausreichend genutzt?

l Was bedeutet „Anerkennung“ im gesamtgesellschaftlichen Kontext? l Welche Strategien werden von Seiten der Landesregierung und des AMS entwickelt, um Potentiale zu nutzen?

Begrüßung und Moderation: Mag. Alexandra Köck ZEBRA

Norbert Bichl Beratungszentrum für MigrantInnen

ReferentInnen und ImpulsgeberInnen: Mag. Dr. Peter Huber Stv. Leiter WIFO Österreich Landesrätin Dr. Bettina Vollath Landesrätin für Finanzen, Frauen und Integration Mag. Karl Heinz Snobe, MA Landesgeschäftsführer AMS Steiermark Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Annette Sprung Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Universität Graz Anschließende Diskussion

Anmeldung bis 31. Oktober 2014 erbeten an [email protected] Veranstaltet von

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