Gesundheit Das höchste Gut im Fokus der Wissenschaft

April 9, 2017 | Author: Cornelia Gerhardt | Category: N/A
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Heft 1/2011 · www.uni-leipzig.de/journal

Gesundheit Das höchste Gut im Fokus der Wissenschaft

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pziger 12. Lei esseBuchm mie Akade S. 8/9 journal Universität Leipzig 1/2011

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Die Aufnahme aus dem Institut für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie zeigt eine Patienten-Zellkultur von Enterokokken auf einer Blutbagar (Nährboden für Mikroorganismen), sie dient dem Nachweis von Infektionskrankheiten. Prof. Dr. Arne C. Rodloff, Direktor des Institutes, untersucht mit seinem Team diese Enterokokken als immer häufiger und problematischer werdende Infektionserreger.

Gegenseitiges Befruchten Im Mittelpunkt medizinischer Forschung steht der Mensch. Forschungsergebnisse unterliegen einer kritischen Überprüfung durch (inter-)nationale Gutachter und Fachjournale. Ihre Bedeutsamkeit wird in sogenannten impact-Faktoren gemessen. Die Anforderungen für Spitzenpublikationen sind enorm, es bedarf kontinuierlicher Forschung, Vernetzung von Kompetenz und gezielter Nachwuchsförderung. Nicht allein die Selbstdarstellung ist der Zweck, vielmehr spielt die Güte von Veröffentlichungen auch in die Bewilligung von Fördergeldern und Drittmitteln hinein. Sie sind die wissenschaftliche Visitenkarte einer Fakultät. Ohne diese zusätzlichen Finanzquellen ist wiederum die teure medizinische Forschung nicht denkbar. Und die Geldgeber wollen zu Recht wissen, ob und was mit dem Geld sinnvolles passiert. Wettbewerb fördert somit auch Spitzenleistungen. Besser, schneller, klarer – Forschung bedarf brennender Neugier, muss Altetabliertes in Frage stellen. Nicht selten dauern Entwicklungs- und Erkenntniswege über Jahrzehnte, bis sie für den Patienten nutzbar sind. In der Forschung sind Teamspieler gefragt, die über Fächergrenzen blicken. Leipzig hat hierzu einen einzigartigen Wissenschaftsraum aufgebaut. Im Medizinischen Viertel um die Liebigstraße verbinden sich hervorragende Lernmöglichkeiten, moderne Forschungslaboratorien mit der Hochleistungsmedizin des Universitätsklinikums. Hoch geförderte Verbundforschungsprojekte und Zentren sind entstanden. Das gegenseitige Befruchten ist garantiert und lässt sich sogar an steigenden Veröffentlichungszahlen und einem Rekord an Drittmitteleinwerbungen von über 43 Millionen Euro in 2010 ablesen. Der nächste Schritt ist die Teilnahme am aktuellen Bundesexzellenzwettbewerb: Zusammen mit dem Leipziger Max-Planck-Institut EVA wollen wir lernen, wie die Entstehung von Volkskrankheiten mit der Menschwerdung zusammenhängt. Der fachübergreifende Forschergeist ist eine besondere Stärke Leipzigs. Seine universitäre Gesundheitsforschung hat zu bieten, was in der aktuellen Wegekarte des BMBF definiert wird. Einige Schlaglichter werden Sie mit diesem Uni-Journal selbst entdecken können. Dass diese Stärke erhalten und ausgebaut wird, ist für die gesamte sächsische Wissenschafts- und Wirtschaftsregion von großer Bedeutung. Meines Erachtens liegt es auch in der Verantwortung von Gesundheits- und Wissenschaftspolitik, die Forschung als wesentlich für die Zukunftssicherung des Landes und seiner Menschen zu erkennen und eine verlässliche Wachstumsbasis zu gewährleisten.

Liebe Leserinnen und Leser,

Professor Dr. med. Joachim Thiery, Dekan der Medizinischen Fakultät

Manuela Rutsatz.

Gesundheit ist alles – ohne Gesundheit ist alles nichts. Dieses bekannte Credo sollte man im Leben ernst nehmen und so wundert es nicht, dass das BMBF für das Jahr 2011 das „Jahr der Gesundheitsforschung“ ausgerufen hat. Wie wichtig Gesundheit auch für den „Organismus Universität“ ist, formulierte die designierte Rektorin Prof. Dr. Beate Schücking bereits in ihrer Rede zum 601. Geburtstag der Universität Leipzig; in dieser Ausgabe berichtet sie im großen Journal-Interview über ihre Eindrücke und ersten Vorhaben an unserer Alma mater. Neben der Gesundheitsforschung und ihren vielfältigen interdisziplinären Ansätzen kommen aber ebenso herausragende andere Forschungsund Lehrbereiche zu Wort. In ihrer einzigartigen „Leipziger Konstellation“ sicherlich perfekt sichtbar und erlebbar in der im März stattfindenden Buchmesse-Akademie. Zum 12. Mal präsentieren Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen in diesem einmaligem Format auf anschauliche Weise ihre Forschungsergebnisse. Wir laden Sie schon heute ein, die mitreißenden Themen der Universität Leipzig im März auf der Buchmesse live zu erleben! Eine spannende Lektüre wünscht

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Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig Herausgeber: Rektor der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl. Journ. Katrin Henneberg, Diana Smikalla Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected] Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected] Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000 Titelbild: Stefan Straube/UKL Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei: Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected] Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 15.01.2011 ISSN 1860-6709

Über Generationen verbunden: Der Name Schücking taucht nicht zum ersten Mal an unserer Alma mater auf.

Terminflut: aus dem Arbeitsalltag des kommissarischen Rektors Prof. Dr. Martin Schlegel.

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Erfolgskonzept startet in die nächste Runde: die Buchmesse-Akade8 mie der Universität Leipzig. Teil eins unserer neuen Serie zur Ausstellung „Brisante Begegnun10 gen“ im Journal. Zur Intermedialität im filmischen Werk von Pier Paolo Pasolini. 47 Deutsche Hochschulmeister der Uni Leipzig mit Auszeichnung geehrt.

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Guter Geist: ROR Dr. Nicola Klöß vom Büro für Umweltschutz und Arbeitssicherheit.

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Schwerpunkte im Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen LIFE.

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Titelthema

Foto: UKL

Impressum

Die designierte Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate 4 Schücking, im Interview.

Neues SkillsLab für Studierende der 16 Medizinischen Fakultät eröffnet.

Aus der Abteilung für Molekulare Biochemie der Medizinischen 17 Fakultät. Aus dem Integrierten Forschungsund Behandlungszentrum (IFB) 18 AdipositasErkrankungen. Pharmazie: Arzneimittel von der Entwicklung bis zur Anwendung.

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Gesundheitsforschung Im Mittelpunkt der Gesundheitsforschung weltweit steht der Mensch. Auch an zahlreichen Institutionen und Instituten der Universität Leipzig befördern Wissenschaftler mit Geduld und Ehrgeiz immer wieder neue, teils bahnbrechende Ergebnisse und Erkenntnisse zum Wohl von Patientinnen und Patienten zu Tage. Lesen Sie dazu mehr ab Seite.

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Foto: Swen Reichhold

Inhalt

Auf der Leipziger Buchmesse ist vom 17. bis 20. März wieder die BuchmesseAkademie der Uni Leipzig zu Gast. Die Eröffnung findet am 16. März im Rektoratsgebäude statt. 8

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Mehr als Haut und Knochen: Schlaglichter aus der Medizinischen Fakultät.

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Zukunftsweisende Behandlungsmethode des BrachyzephalenSyndroms bei Hund und Katze.

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BuildMoNA: anhaltender Erfolgskurs nach dreijährigem Bestehen.

Foto: Swen Reichhold

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Neu berufen und Experte für Augenheilkunde: Prof. Dr. Jens Dawczynski.

Forschung

Ein Amt, zwei Inhaber Zu den Zielen und der Familiengeschichte der künftigen Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking. / Aus dem terminreichen Arbeitsalltag des kommissarischen Rektors Prof. Dr. Martin Schlegel.

Medizin als Wirtschaftsfaktor: Interview mit Martin Buhl-Wagner von der Leipziger Messe. 22

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Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe erforscht die Rechtsformen ethnisch-religiös gemischter 29 Gesellschaften.

Foto: Waltraud Grubitzsch

Fakultäten und Institute

Möpse im OP Prof. Dr. Gerhard Oechtering praktiziert eine weltweit einzigartige, lasergestützte Operationsmethode für Möpse und andere Kurznasen.

Regenerative Energien sollen in der Stromfabrik der Zukunft noch stärker gefördert werden. 30 Hochkarätige Förderung: Dr. Franziska Naether ist Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung. 31 Katalanisch und Galicisch sind neue Lektorate an der Uni Leipzig – weltweit einmaliges Sprachenangebot.

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26 ERRATA Prof. Dr. Katharina Beckemper, die im Journal Heft 6/2010 als neu Berufene vorgestellt wurde, ist nicht die erste Professorin an der Juristenfakultät der Universität Leipzig, sondern die erste nach der politischen Wende. Jahre zuvor hatte schon einmal eine Frau eine JuraProfessur an der Universität Leipzig inne: 1968 wurde Traute Schönrath als Professorin für Staats- und Rechtstheorie berufen und 1988 emeritiert.

Brisante Begegnungen Kurz gefasst

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Prof. Dr. Christoph Degenhart sitzt entgegen der Personalie im Journal Heft 6/2010 nicht mehr im Medienrat der Landesmedienanstalt Sachsen.

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»Jede Aufgabe braucht die ihr angemessene Behandlung« Foto: privat

Interview mit der designierten Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking

Zum 1. März 2011 tritt die neu gewählte Rektorin der Universität Leipzig, Frau Prof. Dr. Beate Schücking, ihr Amt an. In einem ersten umfangreichen Gespräch fragten Dr. Manuela Rutsatz und Susann Huster für das Uni-Journal nach den Vorstellungen, Aufgaben und Zielen der künftigen Rektorin. Zunächst einmal ganz allgemein: Bitte beschreiben Sie, mit welchen Gefühlen Sie im März nach Leipzig kommen und das Rektorenamt antreten werden. Mit großer Freude und Spannung – die neue Tätigkeit, das Leben in der Stadt und natürlich auch unser Leben als kleine Familie betreffend. Gleichzeitig sind nun, aus den vielen Kontakten der vergangenen Wochen, etliche Konturen erkennbar; ich habe ein gutes Grundgefühl für diesen Start, und ich bringe viel Energie mit. Welches Projekt wollen Sie nach Ihrem Amtsantritt als erstes angehen? Die Zusammenstellung eines arbeitsfähigen und motivierten Prorektorates. Im Vorfeld bin ich gerade dabei, die Arbeitsbedingungen für das neue Team auszuloten und, soweit möglich, zu optimieren. Sobald dieses steht, wird die vordringliche 4

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Aufgabe sein, mit den Sparvorgaben der Landesregierung so umzugehen, dass die Universität mit dem Ergebnis gut leben und auch weiter vorankommen kann. Neben den Sparvorgaben gibt es ja aus Bundesmitteln auch Ausschreibungen – zur Unterstützung der Lehre beispielsweise. Diese sollten wir nutzen.

Bei Ihrer Vorstellung im Vorfeld der Wahl erklärten Sie, die Kommunikation innerhalb des großen Universums Universität verbessern zu wollen. Wie wollen Sie dies konkret umsetzen? Ich sehe den Schlüssel hierzu in den jeweiligen Schnittstellen. Also beispielsweise in einer engen Kommunikation zwischen Rektorat und Dekanen. Hier wird derzeit bereits erprobt, was eine monatliche gemeinsame Runde verbessert. Ich kenne auch das Modell der Einbeziehung des Dekanesprechers in die jeweiligen Sitzungen. Wir werden gemeinsam herausfinden, was in Leipzig am besten funktioniert. Grundsätzlich lohnt es sich, alle Schnittstellen einmal unter dem Aspekt optimaler Kommunikation zu betrachten. Optimal heißt übrigens nicht, ständig neue Runden einzurichten, sondern eher zu überprüfen, wie sich mit geringstmöglichem Zeitaufwand wichtige Informationen möglichst gut verbreiten.

Universitäten binden üblicherweise über die vielen verschiedenen Gremien sehr viel Arbeitszeit. Es lohnt sich Entscheidungswege einmal daraufhin zu betrachten, wer wirklich eingebunden werden muss und wem die jeweilige Information vielleicht auch ohne Sitzungsteilnahme weitergegeben werden kann.

Werden Sie Veränderungen an der Struktur der Uni vornehmen und wenn ja, welche als erstes? Die Arbeitsbedingungen des Rektorates sind auch in ihrer Struktur zu überprüfen. Ziel muss ein Team an der Spitze sein, in das der Kanzler selbstverständlich einbezogen ist. Alle in diesem Team müssen klare Zuständigkeiten und Aufgaben haben. Hier gilt es, auch je nach Besetzung des Prorektorates, zu überlegen, welche Aufgabe bei welcher Person in den besten Händen ist. Natürlich sind einige Bereiche festgeschrieben: Studium und Lehre, Forschung, Struktur. Aber daneben sind weitere Schwerpunkte wie Internationalisierung, Gleichstellung, Transfer durchaus variabel verteilbar. Und neben den Zuständigkeiten bei den Prorektoren ist weiter zu überlegen, wie die Aufgaben aus diesen Bereichen weiter bearbeitet werden, ohne dass Reibungsverluste durch unklare Zuständigkeiten entstehen. Ich habe da sehr klare Vorstellungen, geprägt durch meine klinische Arbeit als Ärztin. Patienten wird am schnellsten geholfen, wenn man sie problemorientiert durch den Dschungel der modernen Medizin geleitet – dabei immer im Blick, was ihnen nützen kann und was eher nachträglich werden könnte. So ähnlich lässt sich auch mit den komplexen Aufgaben einer Hochschulleitung umgehen: Jede Aufgabe braucht die ihr angemessene Behandlung und eine für die erfolgreiche Durchführung jeweils verantwortliche Person, die ihrerseits weiß, wer sie in der Sache unterstützten kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich auf dieser Basis zielgerichtet arbeiten und vieles erreichen lässt.

von DFG-Mitteln und entsprechend auch mehr wissenschaftich induzierte Arbeitsplätze. Ich sehe die Uni Leipzig zukünftig auch noch besser regional als heute in das Kultur, Bildungs- und Wirtschaftsleben der Stadt selbst integriert, genauso wie in deren Wissenschaftslandschaft mit ihren weiteren Hochschulen und außeruniversitären Instituten.

In dieser Journal-Ausgabe geht es im Titelthema um das »Jahr der Gesundheitsforschung«, das vom BMBF für 2011 ausgerufen wurde. Welche Potenziale sehen Sie in der Gesundheitsforschung der Universität Leipzig? Ein sehr großes Potential ist für mich erkennbar: Sowohl die technisch orientierte als auch die »sprechende« Medizin hat schon jetzt eine beeindruckende Forschungsbilanz aufzuweisen und kann entsprechend von neuen Fördermöglichkeiten profitieren. Das hat ja bereits der Erfolg in der Landesexzellenzinitiative gezeigt. Gerade hat das Bundesforschungsministerium hier ein weiteres Programm aufgelegt, das viele Antragsmöglichkeiten bietet. Der Schwerpunkt von LIFE hat das Zeug zum »Dauerbrenner«. Ich sehe aber noch viele weitere Möglichkeiten, auch in Kooperation von Biowissenschaften, Human-und Veterinärmedizin, beispielsweise im Bereich Gesundheit und Ernährung, und ich sehe auch vielfältige Möglichkeiten, wie die Geistes-, Sozial-und Kulturwissenschaften zu diesen Themen beitragen können. Vielen Dank für das Gespräch!

Wenn alles gut läuft, wo sehen Sie die Universität Leipzig in fünf oder in zehn Jahren? Ich habe in meiner ersten Vorstellung bereits das Stichwort »lebens- und liebenswerter Kosmos Uni Leipzig« gegeben. Ich hoffe, dass möglichst viele und mehr als heute an der Uni Leipzig ihre alma mater zukünftig so sehen und sich entsprechend für sie einsetzen. Nur auf diesem Wege, also über das Engagement aller, kann die Uni ihre Qualität in der Lehre, in der Forschung und im Studium steigern. Und so die messbaren, ebenfalls bereits im Vortrag genannten Ziele erreichen: mehr ausländische Studierende und Promovierende, engere internationale Kontakte, insgesamt größere Zufriedenheit mit den neuen Studiengängen, Erfolge in der Gleichstellung, raschere Berufungen und mehr erstplatzierte Berufene, noch größere Erfolge in der Forschung als bisher, speziell bei der Einwerbung

»... mehr ausländische Studierende und Promovierende, engere internationale Kontakte, insgesamt größere Zufriedenheit mit den neuen Studiengängen ...«

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Gelehrtenfamilie mit eigenem Kopf D

ie Schückings – davon ist Ulf Morgenstern überzeugt – haben alle ihren eigenen Kopf, über Generationen hinweg. Der Promovend am Historischen Seminar der Universität Leipzig hat sich für seine Dissertation fünf Jahre lang mit der Familiengeschichte der künftigen Universitätsrektorin Prof. Dr. Beate Schücking befasst. Als er seine Recherchen begann, ahnte er natürlich nicht, welche Aktualität seine Doktorarbeit mit der Wahl der 54-jährigen Professorin einmal für die Universität Leipzig erlangen würde. Sie ist in der 601-jährigen Universitätsgeschichte die erste Frau in diesem Amt und nicht die erste Schücking an der Alma mater, wie Morgenstern herausfand. Bereits Levin Ludwig Schücking, ein Großonkel der designierten Universitätsrektorin, lehrte von 1925 bis 1944 als Anglistik-Professor in Leipzig. Neben den Juristen Walther und Lothar Engelbert Schücking war er der jüngste von drei Brüdern, die alle zum Bildungsbürgertum gehörten und wegen ihrer linksliberalen Haltung oft aneckten. Beate Schücking ist die Enkeltochter des Völkerrechtlers Walther Schücking, der 1930 zum seinerzeit einzigen deutschen Richter an den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag berufen wurde. Mit ihrer neuen Tätigkeit an der Spitze der Universität Leipzig reiht sie sich ein in eine Riege starker Frauen ihrer Familie, die auch schon Jahrzehnte zuvor in Männerdomänen vorgedrungen sind: Die Tochter des ältesten Schücking-Bruders Lothar Engelbert beispielsweise war in den 1950er Jahren die erste Richterin in Deutschland, ihre Schwester – eine Veterinärmedizinerin – die weltweit erste Schlachthof-Direktorin. »Sie haben damals rein männliche Berufswelten aufgelöst, ähnlich wie jetzt Frau Prof. Schücking«, sagt Morgenstern, der auch darin den »Schückingschen Eigensinn« sieht. Die künftige Rektorin selbst habe diesen Charakterzug ihrer Familie »Quergeist« genannt. Morgensterns Dissertation soll im kommenden Jahr als Buch erscheinen. Für das 720 Seiten starke Werk recherchierte der junge Historiker in ganz Deutschland, besuchte Nachfahren der drei Schücking-Brüder und bekam viele wichtige Infor-

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Foto: privat

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Levin Ludwig Schücking im Jahr 1940.

mationen aus dem umfangreichen Nachlass von Levin Ludwig Schücking, der damals als einer der führenden Anglisten Deutschlands galt. Auf ihn war Morgenstern bei der Recherche für eine Publikation über die Geschichte der Anglistik an der Universität Leipzig gestoßen. Als der 32-Jährige begann, sich mit der Schückingschen Familiengeschichte zu befassen, kam ihm irgendwann die Idee, seine Dissertation zu diesem Thema zu schreiben. »Beim Durchsehen des Nachlasses habe ich gemerkt, dass da noch viel mehr drin steckt«, berichtet der Historiker. Er fand unter anderem heraus, dass ein weiteres Mitglied der Gelehrtenfamilie Rektor einer Universität war: Im Jahr 1431 stand der Karmelitermönch Johannes Schücking für ein Jahr an der Spitze der Kölner Universität. »Ich habe geschmunzelt, als nun wieder der Name Schücking in Verbindung mit dem Rektorenamt im Gespräch war. Größere Zufälle kann es kaum geben«, erinnert sich Morgenstern. Für den Historiker ist die Recherche rund um die Gelehrtenfamilie beendet. Seine Dissertation hat er vor kurzem mit »Summa cum laude« verteidigt. Er arbeitet künftig als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh bei Hamburg und wird Leipzig den Rücken kehren. »Dann fängt bald ein neues Schückingsches Kapitel in Leipzig an«, sagt Morgenstern. Prof. Dr. Beate Schücking wird voraussichtlich im März dieses Jahres ihr neues Amt an der Spitze der Alma mater antreten. Susann Huster

Foto: Jan Woitas

Prof. Dr. Martin Schlegel mit seiner Sekretärin Kerstin Dörr.

Außergewöhnliches Arbeitspensum Prof. Dr. Martin Schlegel bestreitet in Personalunion den Übergang zwischen den Rektoraten

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r hat im Moment wohl den Job mit den meisten Terminen an der Universität Leipzig: Prof. Dr. Martin Schlegel muss als kommissarischer Rektor in Personalunion mit seinem Amt als Prorektor für Forschung und Wissenschaftlichen Nachwuchs die Übergangssituation des Rektorats von Prof. Dr. Franz Häuser hin zur neu gewählten designierten Rektorin Prof. Dr. Beate Schücking bewältigen. Seit dem 17. November 2010, dem Tag nach der Wahl der neuen Rektorin und entsprechend den Vorgaben des Sächsischen Hochschulgesetzes dem vorgesehenen Amtsende des früheren Rektors, pendelt der Biologe zwischen den nun noch zahlreicher gewordenen Aufgaben in der Hochschulleitung, der Research Academy und an seiner Fakultät hin und her. Gerade in den Monaten Dezember und Januar wimmelte es nur so von Terminen im Forschungs- und Lehrbetrieb und damit in den Kalendern des Rektorats. Von großen Tagungen und zahlreichen Besprechungen bis hin zu den unzähligen Neujahrsempfängen – überall ist der Rektor der Uni Leipzig gefragt, häufig auch die Prorektoren. Um den Überblick nicht zu verlieren und die Aufgaben bestmöglich auszufüllen, hat sich Schlegel zum Credo gesetzt: »Absoluten Vorrang haben für mich inhaltliche Maßstäbe. Repräsentation ist im Moment zeitlich nur eingeschränkt möglich, ich versuche natürlich so gut es geht, auch diese Funktionen auszufüllen.« Aktuell begleitet er wieder einen Antrag für ein DFG-Forschungszentrum – dies mit der gleichen Verve und Kompetenz, die er bereits in der Vergangenheit, Stichwort Exzellenzinitiative, einsetzte. Zum außergewöhnlichen Arbeitspensum in dieser besonderen Zeit gehörte auch, die zum Wintersemester angebotene Vorlesung

»Evolutionsbiologie« an seiner Fakultät bis Ende Januar durchzuziehen. »In der Tat, die Bewältigung der Termine ist wirklich recht sportlich. Aber ich habe ja auch Unterstützung durch die Prorektoren Prof. Dr. Wolfgang Fach, Prof. Dr. Robert Holländer und Kanzler Dr. Frank Nolden«, erklärt Schlegel hierzu. In seiner Amtszeit als Prorektor für Forschung und Wissenschaftlichen Nachwuchs hatte er zahlreiche hochkarätige Projekte neu aufgebaut, so beispielsweise das Leipziger Forschungsforum, die Research Adacemy Leipzig, die Profilbildenden Forschungsbereiche sowie die Kompetenzschule Elsys. Eine Liste, die sicher unvollständig ist, auf die man aber bereits in dieser Kurzversion stolz sein kann: »Alle diese Bereiche sind mir sehr wichtig und ans Herz gewachsen. Mit besonders großer Freude sehe ich aber die hohe positive Akzeptanz und Wertschätzung der Research Academy bei unseren zahlreichen Drittmittelgebern. In der Außendarstellung hat sich die Research Academy gut etabliert, jetzt ist wichtig, dass die Binnenakzeptanz weiter wächst.« Seit nunmehr 2003 ist Martin Schlegel nun schon Prorektor für Forschung und Wissenschaftlichen Nachwuchs, zuvor war er Studiendekan sowie drei Jahre lang Dekan an der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie. »Also eine Loslass-Problematik habe ich bestimmt nicht. Ich freue mich, hoffentlich mit dem Sommersemester 2011 wieder in vollem Umfang meine Forschungstätigkeit aufnehmen zu können – und habe dafür bereits einige sehr konkrete Pläne!« Dr. Manuela Rutsatz

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Fotos: Roland Krause

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Prof. Dr. Matthias Müller, Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie, bei einem Vortrag auf der Buchmesse-Akademie im Jahr 2010.

Leipziger Wissenschaftler hautnah erleben Die Buchmesse-Akademie der Universität öffnet zum zwölften Mal ihre Pforten

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ntgegen der landläufigen Meinung Wissenschaftler würden sich nur mit Ihresgleichen abgeben oder überhaupt nur im stillen Kämmerlein forschen, findet in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal die Buchmesse-Akademie statt – und zwar ganz öffentlich am Buchmesse-Stand der Universität Leipzig in der Messehalle 3. Auf fast 130 Quadratmetern erhalten Besucherinnen und Besucher Einblick in aktuelle Forschungsergebnisse, die in Form der neusten Publikationen der Alma mater Lipsiensis dort zu finden sein werden. Darüber hinaus wird es spannende Vorträge, Präsentationen und Podiumsdiskussionen mit Wissenschaftlern der Universität Leipzig geben. Diese Veranstaltungsreihe ist mittlerweile ein Geheimtipp unter Buchmesse-Besuchern und erfreut sich auch bei den beteiligten Wissenschaftlern immer größerer Beliebtheit. So ist die Buchmesse-Akademie nicht nur ein wichtiger Punkt in der Vita einiger Teilnehmer geworden, auch bringt so ein Vortrag vor »nichtwissenschaftlichem« Publikum Erfahrungen mit sich, zum Beispiel dass ihre Forschungen nicht nur in der Wissenschaftswelt von Bedeutung sind sondern auch die sogenannten normalen Menschen interessieren. Die Zahl der interessierten Zuhörer erreichte im letzten Jahr mit 1.700 Messebesuchern einen vorläufigen Höhepunkt.

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12. Leipziger Buchmesse-Akademie 17. März bis 20. März 2010 10:30 Uhr -17:00 Uhr Halle 3, Stand G201 / H200 Eröffnung: 16. März 2011, 17 Uhr Alter Senatssaal im Rektoratsgebäude der Universität Leipzig Ritterstraße 26, 04109 Leipzig

Selbstverständlich säkular? Oder: Wie viel Religion verträgt eine moderne Gesellschaft? Prof. Dr. Christoph Enders, Prof. Dr. Klaus Fitschen, Prof. Dr. Hubert Seiwert, Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr; Moderation: Mechthild Baus Weitere Informationen unter: www.uni-leipzig.de/buchmesse

Ganz nebenbei können sich auch überraschende Möglichkeiten für ganz neue Inspirationen in der wissenschaftlichen Arbeit ergeben, wenn ein Laie quasi eine »einfache Frage stellt«, die auf wissenschaftlicher Ebene vielleicht so noch nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt wurde. In jedem Fall sind diese Vortragsveranstaltungen ein Quell der gegenseitigen Bereicherung und damit eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, was der Buchmesse-Akademie schon den Ruf eines Wissenschaftszentrums der Leipziger Buchmesse eingebracht hat. In diesem Jahr wird beispielsweise Prof. Dr. Hans-Georg Ebert vom Orientalischen Institut der Universität Leipzig zusammen mit Prof. Dr. Friedrich Thießen von der Technische Universität Chemnitz über das Thema »Islamkonforme Bankgeschäfte als Alternative?« (17.3.2011, 14 Uhr) referieren. Denn schon seit einigen Jahren beschäftigt die Frage nach Bankprodukten, die mit den islamischen Geboten übereinstimmen, nicht nur die europäische Wirtschaft sondern auch Politik und Wissenschaft. Neben aktuellen sozialpolitischen Fragen wird auch die nach der Genese des Menschen thematisiert. Welche genetischen Veränderungen ermöglichten die Ausbildung der besonderen menschlichen Eigenschaften im Verlauf der vergangenen sechs Millionen Jahre, seit sich die Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse trennten? Das ist eine der spannendsten Fragen in der genetischen Forschung, die von Dr. Wolfgang Enard vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht wurde. Seine Forschungsergebnisse wird er am Messesamstag (19.3.2011) den Buchmesse-Besuchern vorstellen. Dass auch Informatik ein spannendes Fachgebiet sein kann, hat Prof. Dr. Ralf Der schon zur Langen Nacht der Wissenschaften bewiesen. Die Frage, ob »Eigensinnige Roboter – Realität oder Science Fiction?« sind, dürfte nicht nur Komplextheoretiker interessieren. Lernfähige Roboter mit eigener Persönlichkeit werden von der Wissenschaft gemeinhin in das Reich der Science Fiction verwiesen. Nun eröffnen aktuelle Erkenntnisse neue Perspektiven für die Entwicklung selbstbestimmter künstlicher Wesen. In seinem Vortrag kann der Informatiker mit Robotern mit einem erstaunlichen Maß an Autonomie und Kreativität überraschen, die in ihrer eigensinnigen Art einen neuen Blickwinkel auf alte philosophische Fragen nach dem freien Willen und dem Selbst eröffnen (18.3.2011, 12 Uhr). Für Besucher der Buchmesse, denen das zu wenig prosaisch ist, werden am Sonntag (20.03.2011, ab 16 Uhr) einige poetische Schätze aus den universitätseigenen »Werkstätten« des Deutschen Literaturinstitutes Leipzig gehoben, das ja schon mehrere sehr erfolgreiche Autoren hervorgebracht hat. Unter dem Titel der gleichnamigen Jahresanthologie »Tippgemeinschaft 2011« werden junge Literaten ihre neusten Werke und sich selbst vorstellen. Vielleicht kann man dort eine Entdeckung machen oder einen zukünftigen Literaturnobelpreisträger treffen? Katja Dörner

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Buchmesse-akademie Halle 3, Stand G 201/H 200 Veranstalter: Universität Leipzig und Leipziger Messe GmbH

Mittwoch, 16. März 2011 Eröffnung der Buchmesse-Akademie Rektoratsgebäude der Universität, Alter Senatssaal, Ritterstraße 26 17:00 Uhr

Selbstverständlich säkular? Oder: Wie viel Religion verträgt eine moderne Gesellschaft? Christoph Enders, Klaus Fitschen, Hubert Seiwert und Monika Wohlrab-Sahr im Gespräch Moderation: Mechthild Baus

Donnerstag, 17. März 2011 13:00 Uhr

Wie wirksam ist ambulante Psychotherapie? Cornelia Albani und Elmar Brähler

14:00 Uhr

Islamkonforme Bankgeschäfte als Alternative? Hans-Georg Ebert und Friedrich Thießen

Freitag, 18. März 2011 10:30 Uhr

Amazon, Apple und Google – Monopole im Handel mit Medienprodukten? Michael Geffken

12:00 Uhr

Eigensinnige Roboter – Realität oder Science Fiction? Ralf Der

Sonnabend, 19. März 2011 11:30 Uhr

Alles nur noch digital? – Die Bibliothek der Zukunft Ulrich Johannes Schneider

15:30 Uhr

Menschen, Schimpansen und die Evolution des Sprechens Wolfgang Enard

Sonntag, 20. März 2011 12:00 Uhr

Optische Täuschung oder alles Nano? – Lichtpolarisation vom 3D-Kino bis zu Nanostrukturen Marius Grundmann

13:00 Uhr

Aufgehört! – Was tun, wenn Hörgeräte nicht mehr ausreichen? Andreas Dietz

15:00 Uhr

Leben Demokraten gesünder? Wieland Kiess und Charlotte Schubert

Das vollständige Programm und aktuelle Informationen zur BuchmesseAkademie finden Sie unter www.uni-leipzig.de/buchmesse

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Brisante Begegnungen Ausstellung: Der SFB 586 präsentiert Ergebnisse in Hamburg

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it einer umfangreichen Ausstellung im Völkerkundemuseum Hamburg wird der Sonderforschungsbereich 586 »Differenz und Integration« ab November 2011 anschauliche Einblicke in seine über zehnjährige Forschungsarbeit bieten. Unter dem Ausstellungstitel »Brisante Begegnungen« zeigen Archäologen, Ethnologen, Geographen, Historiker und Orientwissenschaftler der am SFB

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beteiligten Institutionen (Universität Leipzig, Universität Halle, Institut für Länderkunde, Helmholtz Institut und MPI für Ethnologische Forschung) die Vielfalt nomadischer Lebenswelten sowie die Interaktionen zwischen nomadischen und sesshaften Gesellschaften. Mit dieser sechsteiligen Serie im Uni-Journal bieten wir Blicke auf wichtige Exponate und erzählen deren Geschichte.

uf dem Foto aus dem Jahre 1882 ist der Hamburger Bürgermeister Carl Friedrich Petersen zu sehen, in einer für heutige Bürgermeister wahrscheinlich etwas protzigen Aufmachung. Der Persianer-Mantel, den er hier trägt, war zu dieser Zeit gerade en vogue und galt bei den mittelständischen Bürgern als solide Investition und »Anschaffung fürs Leben«. In der internationalen Modewelt erlebte der Persianer seine Renaissance bei Gucci oder Armani, doch nur wenigen ist bekannt, woher die Felle, die in verschiedenen Regionen der Welt nun schon seit über 4000 Jahren »in Mode« sind, eigentlich kommen und auf welchen Wegen sie einst die europäischen Märkte erreichten. Das lockige weiche Fell stammt vom Lamm des Karakul-Schafes, das bis heute von Nomaden in den kargen Sandsteppen Mittelasiens gezüchtet wird. Seit dem 10. Jahrhundert gilt Buchara als Zentrum der Karakul-Zucht. Vermutlich stammte auch das Fell für den Mantel des Bürgermeisters aus Buchara. Von dort brachten Händler die Felle über Russland nach Leipzig, das zu dieser Zeit Zentrum des europäischen Pelzhandels war. Seit im ausgehenden 19. Jahrhundert der Bedarf an Pelzen rapide anstieg, ließen sich zunehmend auch europäische Kaufleute in Buchara nieder, darunter zum Beispiel Vertreter des Leipziger Rauchwaren-Händlers Thorer, die über Hamburg auch Filialen in den USA mit Persianern belieferten. Um den Nachschub zu gewährleisten, engagierte sich die Familie Thorer für eine Zucht im Deutschen Reich und den deutschen Kolonien. 1907 wurden von Hamburg aus die ersten Schafe nach Deutsch-Südwestafrika verschifft, die den Grundstock für die Zucht im heutigen Namibia bildeten. Auch in Mittelasien hatte sich durch den Karakul-Boom die Zucht weit über das Ursprungsgebiet verbreitet und weitreichende gesellschaftliche Verän-

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Beste Sportler 47 Deutsche Hochschulmeister im Jahr 2010 ausgezeichnet derungen hervorgerufen, zum Beispiel engagierten sich reiche Städter immer stärker im Pelz-Handel, erwarben große Herden und stellten die Arab, eine nomadisierende Volksgruppe, die vormals Zucht und Handel dominiert hatten, als Lohnhirten ein. Der Sonderforschungsbereich 586 »Differenz und Integration« der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg und der Universität Leipzig, der sich mit dem Verhältnis von Nomaden und Sesshaften in Geschichte und Gegenwart beschäftigt, wird in seiner für 2012 geplanten Abschlussausstellung in Hamburg auch Persianer-Mode ausstellen. An den Pelzen kann man die wirtschaftliche Vernetzung von beiden Lebensweisen über eine lange Zeit und einen breiten geographischen Raum nachvollziehen. Am Anfang dieser Handelskette stehen in diesem Fall Nomaden, die schon immer von Veränderungen an weit entfernten Märkten empfindlich betroffen waren. In Zeiten global vernetzter Märkte ist es weitaus schwieriger, diese Verantwortlichkeiten nachzuvollziehen, dennoch gilt die wirtschaftliche Verknüpfung beider Lebensweisen heute stärker denn je. Dr. Wolfgang Holzwarth, Franziska Frank; Projekt: D5 »Mittelasiatische Nomaden zwischen Machtverlust und Marktintegration«; verantwortlicher Professor: Prof. Dr. Jürgen Paul (Orientalisches Institut Halle)

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uszeichnungen für herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse oder Lernleistungen sind die Sterne am Himmel der Universität, aber nicht die einzigen: Glänzende dreieinhalb Din-A4-Seiten füllt die Liste unserer Hochschulsportler, die im Dezember des letzten Jahres für ihre erfolgreiche Teilnahme an den Studierendenweltmeisterschaften und Deutschen Hochschulmeisterschaften durch den Kanzler der Universität Leipzig, Dr. Frank Nolden, geehrt wurden. Bei der Auszeichnungsveranstaltung »Erfolgreichste Sportler der Universität Leipzig 2010« betonte die Leiterin des Zentrums für Hochschulsport, Sigrun Schulte, dass das Sportangebot der Universität Leipzig ein wichtiger »sogenannter weicher Standortfaktor und gut für die Studierendenwerbung« sei. Ebenso fungiere das Zentrum für Hochschulsport mit über 350 Kursen als großes Integrationszentrum – Stichwort Internationalität – und fördere die Persönlichkeitsbildung, Teamfähigkeit, Gesundheit sowie zielorientierte Leistungsfähigkeit, betonte Kanzler Nolden. »Zudem haben die Auszeichnungen für Erfolge bei den Studierendenweltmeisterschaften und Deutschen Hochschulmeisterschaften zur internationalen Bekanntmachung unserer Universität beitragen«, lobte er weiter. Insgesamt waren im vergangenen Jahr 154 Studierende zu den genannten Meisterschaften gemeldet und errangen insgesamt 18 Mal Gold, sechs Mal Silber und sieben Mal Bronze. Unter den Ausgezeichneten waren neben Spitzensportlern wie Andreas Schlütter, Olympiamedaillengewinner von Salt Lake City im Jahr 2002 und langjähriges Mitglied der deutschen Skilanglauf-Nationalmannschaft, auch Christian Teich, Johannes Zachrau und Maximilian Röhnert. Als »Team Orientierungslauf« errangen sie bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften die Goldmedaille. »Die sportliche Herausforderung im Orientierungslauf ist, unter hoher körperlicher Belastung noch denken und beim Laufen eine Karte lesen zu können«, ist sich das Trio einig. Als Underdogs in der Staffel freuten sich die Sportler insbesondere über den überraschenden Sieg als Team, der 26-jährige Teich brachte zudem den Sieg im Einzel nach Hause. In Leipzig finden in diesem Jahr übrigens die Deutschen Hochschulmeisterschaften im Handball statt. Und aufgrund ihres jüngsten Sieges holte sich unsere Handballmannschaft der Männer die Qualifikation für die Europäische Handballmeisterschaft in Kroatien für 2011. Beides Ereignisse, auf die sich die Hochschulsportler längst vorbereiten. »Ich freue mich, dass an diesem Abend unsere erfolgreichsten Sportlerinnen und Sportler im Mittelpunkt stehen, macht das Zentrum für Hochschulsport doch sonst eher durch seine breitensportlichen Angebote auf sich aufmerksam«, resümiert Sigrun Schulte die gelungene Auszeichnungsveranstaltung. Katrin Henneberg journal Universität Leipzig 1/2011

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UniVersum

Pasolini intermedial – Kino, Forschung, Wissenstransfer D

as filmische Werk von Pier Paolo Pasolini bildet zweifelsohne einen Angelpunkt für die Neureflexion des Verhältnisses von Religiosität und Säkularität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hat in letzter Zeit wieder neue Beachtung gefunden. Es ist Pasolinis Lust an der Überschreitung, am Ausloten der Grenzen zwischen dem Heiligen und dem Profanen, am subversiven Spiel der intermedialen Recodierung der römischen Vorstädte durch christliche Mythen und Figuren, die im Mittelpunkt unseres Interesses steht. Von dieser Lust an der Überschreitung und vom Konzept der Intermedialität haben wir uns anstecken lassen und gemeinsam mit der Schaubühne Lindenfels und dem Italienischen Kulturinstitut Berlin im Januar 2011 eine intermediale Veranstaltungsreihe konzipiert, die Lehre, Forschung, Theaterinszenierung, Lesung, Filmvorführungen und Installationen zum Werk von Pasolini vereint und hierbei auch neue Formen wissenschaftlicher Präsenz in außerakademischen Räumen entdeckt. Die Attraktivität der Wiederentdeckung des Werkes von Pasolini liegt sicherlich in der Experimentierfreude eines willentlich heterodoxen und intermedialen Künstlers, der sich eindeu-

Aus Pasolinins Film »Accatone«. Abbildung aus Mantegnas »Beweinung Christi« (15. Jahrhundert).

tigen Kategorisierungsversuchen immer wieder entzogen hat. Während die frühe Pasolini-Forschung vor allem die dokumentarische und sozialkritische Valenz der frühen römischen Filme und Romane betont hat, wollen wir vor allem einen Blick auf die intermedialen Verfahren der Überformung des Realismus der römischen Vorstädte werfen und zeigen, welche Vielzahl von literarischen, pikturalen und musikalischen Medien bei dieser Recodierung des Säkularen im Spiel sind. Hierzu seien ein paar paradigmatische Beispiele genannt: So beginnt Pasolinis erster Film »Accatone«, der die Leidensgeschichte eines kleinen römischen Zuhälters aus der Vorstadt präsentiert, nicht zufällig mit der orchestralen Einleitung der 12

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Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach und stellt damit das Geschehen von Anfang an in den Rahmen einer akustischen Überhöhung, die die Hauptfigur zur Christusikone stilisiert. In gleicher Weise wird auch die Hauptfigur in Pasolinis zweitem Film »Mamma Roma«, ein kleiner Gauner aus der römischen Peripherie, durch pikturale Zeichen überformt und sein Tod auf dem Fixierbett (siehe Bild 1) zur Beweinung Christi im Rekurs auf die italienische Malerei der Renaissance (siehe Bild 2) stilisiert. Ob diese pikturalen und akustischen Überhöhungen der proletarischen Antihelden bei Pasolini auch ein christliches Erlösungsangebot offerieren, wird bewusst in der Schwebe gehalten. Von daher schreibt Pasolini sich ein in eine spezifische Tradition des romanischen Nachkriegskinos, die wir mit dem französischen Philosophen Gilles Deleuze als geistiges Kino der Existenzweisen bezeichnen wollen, eine Kinematographie, die einen privilegierten Ort der Bereitstellung von christlichen und säkularen Existenzentwürfen darstellt und sich eindeutigen Entscheidungen für religiöse oder säkulare Denkmodelle bewusste verweigert. Diese Kinematographie neu zu entdecken, ihr Reflexionspotential für aktuelle Diskussionen über das Verhältnis von Religiosität und Säkularität fruchtbar zu machen, ist ein zentrales Anliegen des auf mehrere Jahre angelegten Forschungsprojektes »Pasolini intermedial« zu einem der bedeutenden Regisseure des italienischen Nachkriegskinos. Den Auftakt des Projektes bildete eine internationale Tagung zum Thema »Pasolini intermedial. Strategien der Intermedialität im Werk von Pier Paolo Pasolini«. Veranstaltungsort war die Schaubühne Lindenfels, die die Tagung mit einer Pasolini-Retrospektive, Lesungen, Installationen und einer Theaterinszenierung begleitete. Prof. Uta Felten (Projektleitung), Professorin für Französische, frankophone und italienische Literaturwissenschaft und Kulturstudien am Institut für Romanistik

Foto: Swen Reichhold

Seit 1992 ist Nicola Klöß Stabsstellenleiterin des Büros für Umweltschutz und Arbeitssicherheit.

Guter Geist Dr. Nicola Klöß hat das körperliche, geistige und soziale Wohl im Kosmos Uni im Sinn

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it betrieblicher Gesundheitsförderung und Arbeitssicherheit an der Universität Leipzig kennt sich Nicola Klöß aus. Übergeordnete Bedeutung habe zunächst, möglichst gute Arbeits- und Lebensbedingungen für die Studierenden und Mitarbeiter der Uni zu schaffen, erklärt die Stabsstellenleiterin des Büros für Umweltschutz und Arbeitssicherheit, die hier seit 1992 mit ihrem Team darauf achtet, dass sich, wer an der Uni ein und aus geht, möglichst im Zustand umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohls befindet. »All das bedeutet Gesundheit und ist unsere Ressource für das tägliche Leben«, so die gebürtige Berlinerin, da nach über drei Jahrzehnten an der Uni und in Leipzig immer noch für ihren Wohn- und Arbeitsort schwärmt. Die konkreten Aufgabenfelder an Letzterem sind umfassend: »Dazu gehört der Erhalt der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit, die Verbesserung des Umgangs mit Belastungen, Stärkung von Fitness und Leistungsfähigkeit, Reduzierung von Stress und Erhöhung der Lebensqualität durch die richtige Ernährung, Bewegung und Arbeitsplatzgestaltung«, beschreibt die Mutter zweier studierender Söhne, die mit Ehemann Prof. Dr. Gert Klöß vom Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft quasi auch privat eng mit der Uni Leipzig verbunden ist. Ob Ehemann, befreundete oder unbekannte Kollegen: Die angebotene Beratung zu den Bedingungen am Arbeitsplatz des Büros für Umweltschutz und Arbeitssicherheit – im engen Zusammenwirken mit dem Betriebsärztlichen Dienst und den Sicherheitsbeauftragen in den Einrichtungen der Uni – steht natürlich allen Mitarbeitern zur Verfügung. »Das kann Klima oder Beleuchtung betreffen«, sagt die 56-Jährige, die ihren beruflichen Werdegang an der Uni Leipzig 1978 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Wissenschaftsbereich für Kristallographie begann. Auch komme es mal zu Untersuchungen schwer messbarer Stoffe, wenn zum Beispiel ein neues Gebäude gebaut und bezogen würde, was bestimmte Emissionen nicht ausschließe. »Wir helfen ebenso, wenn Stuhl oder Bildschirm falsch eingestellt sind und es deshalb zu Rückenschmerzen kommt«. Weiterbildungsangebote zu Gefahrstoffen, Unfallanalysen zur Prävention, Organisation der ersten Hilfe, Beratung im Rahmen der Mutterschutzvorschriften, Brandschutz, Sicherheit in der Gentechnik und die derzeit vieldiskutierten Über-

legungen und Maßnahmen zur Gewaltprävention stehen daneben auf dem Plan der Verwaltungsangestellten, die mit ihrem Chefposten oder dem ROR im Titel – was Regierungsoberrätin heißt – keine persönlichen Privilegien verbindend, sondern vielmehr die enge kollegiale Zusammenarbeit als oftmals schönes Erlebnis beschreibt und über viele Kollegen Positives zu berichten hat. »Der erste Gesundheitstag der Uni im vergangenen Jahr war eine ganz tolle Sache, für die sich die Leiterin des Hochschulsports, Sigrun Schulte, herausragend eingesetzt hat. Ich hoffe, dass es wieder so eine Veranstaltung geben wird«, sagt Nicola Klöß, die neben Sport vor allem mit Musik den Arbeitsalltag – zu dem derzeit auch die Bearbeitung zahlreicher winterbedingter Unfallanzeigen gehört – kompensiert. Musikalisch hat die studierte Naturwissenschaftlerin die besten Voraussetzungen, stammt sie doch aus einer großen Musikerfamilie. »Musik spielt in meinen Leben deshalb schon immer eine wichtige Rolle, ich selbst habe mich nach mehreren Instrumenten für die Blockflöte entschieden«, sagt das Mitglied eines Quartetts, das zu Konzerten zusammenkommt und auch an der Uni schon die musikalische Umrahmung von Veranstaltungen lieferte. Langweilig wird ihr sicher nicht, denn seit vielen Jahren engagiert sich die Ehrenamtsträgerin unter anderem im Verband Deutscher Sicherheitsingenieure und als Präsidentin in Sachsens »Arbeitskreis Umweltschutz im Krankenhaus«. Das Thema, was Nicola Klöß zurzeit dienstlich sehr beschäftigt, ist die Gewaltprävention. »Wir wissen, dass die Gewaltbereitschaft steigt. Deshalb ist es notwendig, die Beschäftigten auf eventuelle Übergriffe, zum Beispiel im Prüfungsamt oder im Studenten Service Zentrum, vorzubereiten und im Umgang mit Aggressionen zu schulen.« Aber auch vor schwierigen Aufgaben scheut sich die Stabsstellenleiterin nicht: »Diese bezeichne ich lieber als neue Herausforderung«. Katrin Henneberg

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Titelthema

Was hält uns gesund, was macht uns krank?

Foto: Stefan Straube/UKL

Sind die Gene schuld, wenn ein Mensch an Demenz erkrankt? Führt ungesunde Lebensweise zu Diabetes oder sind es doch »die Anlagen«? Sind Gewohnheiten und persönliches Umfeld entscheidende Ursachen für die Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten?

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LIFE erforscht Zivilisationserkrankungen D

ie Debatten in der Forschergemeinschaft sind kontrovers. LIFE, das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen, will in den nächsten Jahren Antworten finden – und damit den Ursachen näher kommen für Atherosklerose, Diabetes, Allergien, Übergewicht, Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Kopf- und Hals-Tumore sowie Depressionen und Demenz. 120 Ärzte und Wissenschaftler der Leipziger Universitätsmedizin sowie weiterer Fakultäten und Einrichtungen untersuchen dafür 25.000 Leipzigerinnen und Leipziger, Kinder und Erwachsene. Die Studienteilnehmer durchlaufen ein umfangreiches Untersuchungsprogramm: In der neuen Studienambulanz ermitteln die Mitarbeiter des interdisziplinären Forschernetzwerkes die Funktionsparameter von Lunge, Herz und Kreislauf, testen Motorik und Koordination, analysieren mit Hightechmethoden umfangreiche Laborwerte der Genetik sowie des Stoffwechsels. Genau beleuchtet werden Lebensgewohnheiten und psychosoziales Umfeld – denn der Mensch ist kein isoliertes System. Viele moderne Zivilisationserkrankungen haben ihre Wurzeln im Kindes- und Jugendalter. So manche Weiche wird sogar schon vor der Geburt gestellt. Die genauen Zusammenhänge wollen das Team von LIFE Child sowie dessen Studienleiter Prof. Dr. Wieland Kiess und Prof. Dr. Antje Körner klären. »Wir möchten zum Beispiel herausfinden: Welchen Einfluss auf das entstehende Leben haben die Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft, der Anteil von Körperfett sowie der Zuckerstoffwechsel?«, erläutert Kiess, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Leipzig. Bereits jetzt sei klar, dass ungeeignete Füttertechniken und Nahrungsmengen im Säuglingsalter zu abnormem Essverhalten mit Neigung zu Übergewicht im Kindes- und Erwachsenenalter führen können. »Andererseits beobachten wir in der Klinik: Viele der zu leicht Geborenen neigen später zu Übergewicht. Noch kennen wir jedoch die tatsächlichen Hintergründe zu wenig. Das soll sich jetzt ändern«, unterstreicht Kinderarzt Kiess. Aber auch emotionale Muster können Auslöser für Zivilisationserkrankungen sein, erklärt der Diplom-Psychologe und Mediziner Andreas Hiemisch, Leiter der Studienambulanz für Kinder. So habe beispielsweise das Bindungsverhalten der werdenden Mutter zu ihrem Lebenspartner Einfluss auf die spätere Entwicklung des Kleinkindes. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ließe sich deshalb vor der Geburt vorhersagen, wie die Beziehung der Mutter zu ihrem Kind im Alter von zwölf Monaten sein wird: »Vermeidet die Mutter Nähe zum Vater, beeinflusst dies auch die Bindungen, welche das Kind in seinem Leben eingehen wird«, so Hiemisch. »Die dadurch erzeugte Bindungsangst löst bei sozialem Kontakt Stressreaktionen mit erhöhtem Blutdruck aus. Unsere Forschung wird viele zusätzliche Einflussfaktoren für die Gesundheit des Kindes aufdecken.« Weitere LIFE-Forschungsschwerpunkte sind psychische und neurologische Erkrankungen bei älteren Menschen, denn die Prognosen in der alternden Gesellschaft sind alarmierend: Un-

tersuchungen der Weltgesundheitsorganisation zeigen, dass insbesondere die unipolare Depression wegen ihrer Häufigkeit und Schwere bereits jetzt eine der wichtigsten – wenn nicht die wichtigste – Volkskrankheit in den entwickelten Ländern ist. Tendenz steigend. An Demenz wiederum werden 2040 über 80 Millionen leiden und schon jetzt ist sie in Deutschland der häufigste Grund für den Wechsel in ein Alters- oder Pflegeheim. Diesen Erkrankungen gehen in der Regel leichte kognitive Störungen voraus, also leichte geistige Beeinträchtigungen. Zudem sind sie auch häufig mit Depressionen verbunden. An dem vielschichtigen Krankheitskomplex forschen gleich mehrere Teams: Umfangreiche Befragungen und Tests sowie bildgebende Verfahren – wie Magnetresonanztomographie, Positronen-Emissions-Tomographie, Single-PhotonEmissionscomputer tomographie und EEG – sollen Früherkennung und Differenzialdiagnostik deutlich verbessern. »Eventuell haben wir die leichten – minoren – Depressionen und depressiven Verstimmungen in der Vergangenheit unterschätzt«, meint Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. »Das Risiko einer schwereren Depression ist dann um rund das Fünffache erhöht. Ebenso steigt die Suizidrate. Bislang wissen wir außerdem zu wenig über das Zusammenspiel kognitiver Defizite, depressiver Symptome und der Demenz. Dort setzen wir mit LIFE an.« Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health ergänzt: »Wenn wir bei einem Patienten erste kognitive Beeinträchtigungen bemerken, wissen wir noch lange nicht, welche Krankheit daraus entsteht und wie diese verläuft.« Und so möchte LIFE herausfinden, ob und wann diagnostizierte Defizite beispielsweise in eine Alzheimer-Demenz münden oder in eine vaskuläre Demenz. Damit wäre eine frühzeitige zielgerichtete Therapie möglich, um den Eintritt der Erkrankung nennenswert zu verschieben. Deshalb verfolge LIFE einen sehr umfassenden Forschungsansatz, der allerdings nur durch Kooperationen zu bewältigen sei. »Wir freuen uns besonders, dass mit Prof. Dr. Arno Villringer vom MaxPlanck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften ein ausgewiesener Experte der Magnetresonanztomografie mit an Bord ist«, so Riedel-Heller. Auf moderne bildgebende Verfahren setzt auch Prof. Dr. Osama Sabri, Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin. »Meine Forschungsgruppe untersucht das Absterben der Bindungsstellen für Nikotin und Serotonin im Hirn. So wollen wir sehr zeitig erkennen, ob der Patient eine Demenz oder Depression entwickeln wird. Ergebnis könnten neue Therapieansätze sein.« An einer entscheidenden Stelle bestehe bereits jetzt wissenschaftlicher Konsens, betonen die beiden LIFE-Vorstände Professor Joachim Thiery und Prof. Dr. Markus Löffler: »Nur ein so detailliertes Forschungsprojekt wie LIFE eröffnet die Chance, Menschen zu untersuchen, lange bevor eine Krankheit auftritt.« Sebastian Späthe journal Universität Leipzig 1/2011

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Titelthema

Praxisnah und schmerzfrei Medizinstudierende erlernen Grundfertigkeiten im SkillsLab ahnmedizin-Anfänger üben ihre ersten Behandlungen in der Mundhöhle an menschlichen Köpfen und Gipsgebissen, frei von Angst, etwas falsch zu machen und dem Patienten weh zu tun. Für praktische Übungen steht angehenden Humanmedizinern in Leipzig seit Neuestem ein ganzer Flurtrakt im Lehrgebäude in der Liebigstrasse 27 zur Verfügung. Das medizinische Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten, ein sogenanntes SkillsLab, bietet auf 350 Quadratmetern insgesamt 14 Übungsstationen. Von Hygiene und Gipsen über Vorsorgeuntersuchungen bis hin zum chirurgischen Nähen – die Bandbreite umfasst alle Fähigkeiten der Grundausbildung zum Arzt. Die Praxisnähe wird nicht nur durch die Anleitung von Hochschullehrern und studentischen Tutoren gewährleistet, sondern vor allem durch zahlreiche menschliche Simulatoren. An einem naturgetreuen Kunstarm kann das Legen eines Zugangs geübt werden, spezielle Köpfe stehen für Augen- und Ohruntersuchungen bereit. An einem weiblichen Unterleib und Babypuppen kann der Geburtsvorgang nachempfunden werden, und technisch ausgefeilte Rumpfteile ermöglichen das Abhören von echt wirkenden Herz- und Lungengeräuschen ebenso wie Ultraschalluntersuchungen. Sogar ein kardiologischer Patient ist im SkillsLab eingezogen. Die Ganzkörperpuppe Mister K stammt aus Japan und stellt sich für 88 verschiedene Befunde und für die Reanimation zur Verfügung. PD Dr. Daisy Rotzoll, Leiterin des SkillsLabs: »Über die Hälfte unserer menschlichen Simulatoren sind japanische Produkte. Die Japaner haben in der Nachahmung eine ausgeprägte Tradition und ihre Simulatoren sind unübertroffen.« Einzig das Patientengespräch am Krankenbett wird mit echten Menschen nachgestellt, hinter einer verblendeten Scheibe beobachtet und anschließend ausgewertet. Gute Kommunikation – auch das ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Ungefähr zwei Drittel aller deutschen Medizinfakultäten haben inzwischen ein SkillsLab eingerichtet. Leipzig ist in Größe und Vielseitigkeit des fachlichen Angebots jetzt Spitze. Studiendekan Prof. Dr. Christoph Baerwald: »Wer auf dem neusten Stand sein will, braucht ein Trainingszentrum dieser Art. Die Leipziger Besonderheit ist, dass Ärzte es führen und mit ihrem Praxiswissen bereichern. Nicht in einer angespannten Situation auf Station, sondern in einem Freiraum, damit die Studierenden alle nötige Routine für den Ernstfall entwickeln können.« Die Mittel für das Projekt in Höhe von 200.000 Euro stammen aus dem Konjunkturpaket II. Zusätzlich hat die Medizinische Fakultät 50.000 Euro für das Herrichten der Räume bereitgestellt. Diana Smikalla

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Fotos: Medizinische Fakultät

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Zum kleinen Einmaleins eines künftigen Arztes gehört natürlich das Üben von Blutentnahmen (oben). Technisch ausgefeilte Rumpfteile erlauben zum Beispiel das Abhören von echt wirkenden Herz- und Lungengeräuschen.

Foto: Rainer Strotmann

Stine Beyer beim Vorbereiten von PCR-Proben.

Rothaarige Neandertaler und die Wirksamheit von Medikamenten B

eide Themen sind mit der Aktivität von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR) verbunden, einem Schwerpunkt der von Prof. Dr. Torsten Schöneberg geleiteten Abteilung für Molekulare Biochemie in der Medizinischen Fakultät. Immerhin sind GPCR das Wirkungsziel der Mehrzahl von Medikamenten. Jedoch sind die Funktionen von nur 50 Prozent aller im Menschen vorkommenden GPCR bekannt. Auch führen Veränderungen in diesen Rezeptoren, etwa durch Mutationen, zu erworbenen und vererbten Erkrankungen, wie zum Beispiel Über- und Unterfunktionen der Schilddrüse, Sehstörungen und sogar Tumoren. Die Charakterisierung von ausgewählten GPCR, über deren Funktion bisher nur sehr wenig bekannt ist, stellt daher eine wichtige Aufgabe zur Entwicklung neuer Therapieansätze dar. Der in Leipzig/Halle ansässige Sonderforschungsbereich 610, an dem Schöneberg mit zwei Forschungsprojekten und als Leiter des Integrierten Graduiertenkollegs Protein Science beteiligt ist, widmet sich diesem Thema. Bisher wenig erforschte, neurowissenschaftlich interessante GPCR, sogenannte Nukleotid-Rezeptoren, werden in der Forschergruppe 748 untersucht. Schöneberg ist Sprecher des in Aachen, Berlin, Göttingen und Leipzig/Halle ansässigen Forschungsverbunds. Die Untersuchung von Mutationen der Rezeptoren führt unweigerlich zu der Frage, wie es zu diesen kam und warum manche starke Auswirkungen und andere gar keinen Effekt haben. Und hier kommt der rothaarige Neandertaler ins Spiel. Durch den Vergleich mit der DNA von unseren nächsten Verwandten, aber auch anderen Primaten und Säugetieren, wird die strukturelle und funktionelle Entwicklungsgeschichte von ausgewählten Genen und Proteinen untersucht. Genetische

Veränderungen können Hinweise auf einen Funktionsverlust oder einen evolutionären Vorteil in der Entwicklung des Menschen geben. Auch die evolutionsbiologische Analyse von Anpassungsprozessen physiologischer Regelkreise an extreme Bedingungen, denen der Mensch natürlicherweise oder durch Erkrankung ausgesetzt sein kann, hilft beim Verständnis von Organsystemen und kann Ideen für mögliche neue therapeutische Strategien liefern. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, die sich mit alter DNA beschäftigt, ist hier ein wichtiger Kooperationspartner. Auch in Forschungsverbünden wie LIFE und dem IFB AdipositasErkrankungen bringen Schöneberg und sein Team viele biochemische Expertisen ein. Zur Forschung gehört auch Nachwuchsförderung. Die International Max Planck Research School »The Leipzig School of Human Origins«, das Graduiertenkolleg Interneuro und das Integrierte Graduiertenkolleg Protein Science profitieren in verschiedenen Seminaren von dieser Expertise. Neueste Forschungsergebnisse fließen ab dem Sommersemester in die Ausbildung der MedizinerInnen ein, wenn das neue Wahlpflichtfach »Human Evolution and Anthropology« startet, das sich der Entstehung von Zivilisationskrankheiten widmen wird. Eine Vision von mehreren Leipziger WissenschaftlerInnen bündelt diese Themen: die Einrichtung des Exzellenzclusters »Modern Diseases and Human Origin«. Zusammen mit den Professoren Michael Stumvoll (IFB) und Svante Pääbo (MPI) hat Schöneberg im vergangenen Sommer einen Antrag im Rahmen der Bundesexzellenzinitiative erarbeitet und eingereicht. Anja Pohl

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Titelthema

Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller ist Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

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efräßig, faul, in der Folge krank und an allem selber schuld – das sind nur die gängigsten Vorurteile, mit denen übergewichtige Menschen zu kämpfen haben. Doch bei Vorurteilen bleibt es selten. Schnell werden Übergewichtige mit Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Stigmatisierung erfahren sie nicht nur in ihrem alltäglichen Leben, sondern auch in Situationen, die eigentlich ein Vertrauensverhältnis voraussetzen: »Selbst Ärzte und Krankenpfleger sind nicht frei von Vorurteilen«, sagt Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller. In ihrem Forschungsprojekt am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositaserkrankungen untersucht sie, inwiefern Menschen mit Übergewicht sozial stigmatisiert werden und ob sich eine solche Stigmatisierung auch auf die Alltagsarbeit in der Krankenversorgung auswirkt. Niemand sei frei von Vorurteilen. Nur zugeben würde es keiner, weil man sich selbst gern für tolerant und aufgeschlossen halte. »Klischees und Vorurteile gehören zu unserem Leben dazu. Sie sind allgegenwärtig und haben eine Funktion«, sagt Riedel-Heller. Sie vereinfachen und strukturieren unsere komplexe Realität, dienen der eigenen Selbstwerterhöhung und spielen eine zentrale Rolle in der Identitätsbildung von Gesellschaft und Gruppen. In Bezug auf Dicke und Übergewichtige funktioniert das so: »Wir hier sind die Gesunden, Schlanken, Leistungsfähigen – und dort sind die kranken Dicken«, so die Medizinerin. Übergewicht sei selbst verursacht, laute die gesellschaftliche Überzeugung. »Oft wird Übergewichtigen Faulheit und Disziplinlosigkeit unterstellt, eine Willensschwäche eben.« Dass es sich bei Adipositas um eine multifaktorielle Krankheit handelt, wissen die Wenigsten. Allein die Forschung befasst sich mittlerweile mit solch unterschiedlichen Bereichen wie: Hormone, Schlafregulation, Fettgewebe, Gene, Depression und Essverhalten, aber eben auch mit der sich selbst verstärkenden Wirkung sozialer Ausgrenzung. Diskriminiert – egal in welchem Lebensbereich – wird meistens subtil. »Eine Patientin hat uns erzählt, dass Bekannte sich erstaunt gezeigt haben, wie aufgeräumt und sauber ihre Wohnung war. Das war offensichtlich konträr zum Bild der faulen Dicken, die das nicht hinbekommt.« Im Arbeitsleben haben es Übergewichtige ganz offensichtlich schwerer als Normalgewichtige. »Studien haben gezeigt, dass sie in Amerika bei gleichen Qualifikationen seltener eingestellt und schneller gekündigt werden und obendrein noch weniger Geld verdienen.«

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Foto: privat

Subtile Ausgrenzung – Stigma Übergewicht

Auch Menschen in Gesundheitsberufen diskriminieren Im Alltag geraten Übergewichtige schnell in diskriminierende Situationen. Etwa wenn die Sitze zu klein sind, ein Durchgang zu eng ist oder Kleidung nicht passt. Oder die Waage beim Arzt, die nicht mehr als hundert Kilo anzeigt, kann Übergewichtige in peinliche Situationen bringen. »Die Untersuchungssituation ist oft mit Scham besetzt. Es reicht schon aus, dass krankhaft Übergewichtige etwa nötige Krebsvorsorgeuntersuchungen auslassen und selbst bei Problemen später zum Arzt gehen«, erklärt Riedel-Heller. Außerdem führe fehlendes Wissen von Menschen in helfenden Berufen dazu, dass sich diese Patienten unverstanden fühlen. Das mag zunächst grotesk klingen. Schließlich vermutet man, dass gerade Personen im medizinischen Dienst wissen, dass Adipositas eine Krankheit ist und kein Zeichen von Bequemlichkeit und Willensschwäche. Natürlich sind Menschen in Gesundheitsberufen per se nicht mehr oder weniger intolerant als die Allgemeinbevölkerung. »Sie machen aber konkret problematische Erfahrungen mit übergewichtigen Patienten. Übergewicht ist immer ein Risikofaktor für Folgeerkrankungen und auch bei Operationen. Es stellt für das medizinische Personal eine große Herausforderung dar. Und bedeutet oft auch eine körperliche Anstrengung: beim Waschen, beim Betten oder anderen Hilfestellungen.« Ziel der Professorin ist es deshalb, ein entsprechendes Schulungsprogramm für Menschen in Gesundheitsberufen zu entwickeln. Zu den Ersten, die später an diesen Schulungsprogrammen teilnehmen sollen, zählen selbstverständlich die Mitarbeiter der IFB-Ambulanz.

Foto: Malingering/flickr.com

Woher Übergewicht kommt, scheint auf der Hand zu liegen: Zu hochkalorisches, zu ungesundes und zu unkontrolliertes Essen gepaart mit Bewegungsmangel werden als Ursache unterstellt.

Ausgrenzung ist ein Teufelskreis »Menschen, die sich diskriminiert fühlen, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück. Diese soziale Exklusion vergrößert wiederum die Unterschiede.« Während man früher vermutete, dass sozialer Ausschluss in Form von Diskriminierung einen Ansporn darstellt, Gewicht zu verlieren, weiß man heute, dass genau das Gegenteil der Fall ist. »Diskriminierungserfahrung und die Konfrontation mit Vorurteilen führen bei Betroffenen zu noch ungünstigeren Ess- und Bewegungsmustern und psychischen Belastungen, die wiederum häufig eine weitere Gewichtszunahme zur Folge haben.« Die Expertin spricht deshalb auch von einem Teufelskreis der Ausgrenzung. Er kann aber durchbrochen werden, wenn es gelingt ein realistisches Bild von den Ursachen einer Adipositas zu kommunizieren. »Übergewicht ist eine Folge einer konstant positiven Energiebilanz. Es werden mehr Kalorien aufgenommen als benötigt. Aber die Frage ist, was die Ursachen für dieses Zuviel an Kalorien ist.« Das Zusammenspiel der vielen verschiedenen Ursachen von Adipositas – Gene, Fettzellen, chemische Prozesse, Verhaltensmuster – werde deshalb in verschiedenen Forschungsprojekten am IFB untersucht. Darüber hinaus sei wichtig, klar zu machen, welche Konsequenzen Diskriminierung für die Betroffenen habe. »Wir haben es in der Hand, ob wir ein Vorurteil nähren und vor allem, ob wir es handlungswirksam werden lassen. Menschen in Gesundheitsberufen haben hier eine besondere Verantwortung.« Carmen Brückner

Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist ein gemeinsames Zentrum der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig. Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung integriert werden können. Das IFB AdipositasErkrankungen hat mit 22 Forschungsprojekten begonnen und wird mit über 120 Mitarbeitern das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

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Titelthema

Pharmazie heute Foto: Markus Manhardt

Der lange Weg des Arzneimittels von der Entwicklung bis zur Anwendung

Ohne Arzneimittel wie Tabletten wäre die moderne Medizin nicht denkbar.

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ie moderne Medizin ist ohne Arzneimittel nicht denkbar. Arzneimittel sollen einerseits hochwirksam sein, andererseits ein geringes Risiko für unerwünschte Wirkungen besitzen. Für die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe und Arzneimittel arbeiten Pharmazeuten interdisziplinär mit anderen Naturwissenschaften und der Medizin zusammen. Sie tragen dabei zur Erweiterung des Verständnisses physiologischer und pathophysiologischer Vorgänge auf der Ebene von der Zelle bis zum Organismus bei. Wirkstoffe können durch chemische Synthese erhaltene Moleküle, aber auch Naturstoffe und Proteine sein. Sie entfalten an molekularen Zielstrukturen im Organismus ihre Wirkung. In der Kombination mit Hilfsstoffen und Verarbeitungstechniken entsteht die Arzneiform, zum Beispiel eine Tablette. Doch wirken Arzneimittel nur bei Verordnung der richtigen Dosierung und korrekten Anwendung durch den Patienten. Die fünf Disziplinen der Pharmazie und ihre Aufgaben bei der Arzneimittelentwicklung sollen hier kurz vorgestellt werden: Pharmazeutische/Medizinische Chemie Die Pharmazeutische/Medizinische Chemie (MedChem) ist für Auffindung, Herstellung und den Nachweis von Wirkstoffen zuständig. Für die Auffindung verwendet die MedChem Bioassays als schnell auszulesende molekularbiologische Testverfahren, die die Wirkung von Molekülen auf ihre Zielstrukturen, vor allem Proteine, untersuchen. Durch das Screening von chemischen Bibliotheken wird ein detailliertes Bild von Struktur-Aktivitätsbeziehungen gezeichnet. In der MedChem in Leipzig haben wir spezielle Methoden entwickelt, die den Aufbau von Wirkstoffen aus Molekülfragmenten erlauben. Dabei konnten wir zeigen, dass sich die besten Wirkstoffe durch eine chemische Reaktion von Bausteinen auf den Zielproteinen bilden können. In einigen Fällen war damit der erste Schritt

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zum neuen Arzneimittel erfolgreich getan. Diese Entdeckung wird nun auf Eiweiße angewandt, die als Verursacher von Virusinfektionen und von Krebs verdächtigt werden.

Pharmazeutische Biologie Die Pharmazeutische Biologie liefert die wissenschaftliche Grundlage für biogene Arzneimittel, insbesondere Phytopharmaka. Die Wirkstofffindung basiert auf multidisziplinären Ansätzen aus Biologie, Biochemie, Pharmakologie und zunehmend Bio- und Gentechnik. In der Leipziger Phytopharmazie befassen wir uns unter anderem mit der Erforschung kardiovaskulär wirksamer Bestandteile einer mittelalterlichen Arzneipflanze (Herzgespann). Unter Einsatz von Bioassays in Kooperation mit dem Herzzentrum entwickelten wir daraus einen Spezialextrakt mit antiarrhythmischer und antianginöser Wirkung. Ein anderer Schwerpunkt ist die Entwicklung antiinfektiver Phytopharmaka zur Behandlung von Borreliose (mit Fraunhoferinstitut/Zistrose, Karde). Durch ethnopharmazeutische Kooperationen mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) mit Niger, Swaziland, Vereinigte Arabische Emirate, Indonesien verfolgen wir Strategien zur Integration von traditionellem Arzneipflanzenwissen in moderne Gesundheitssysteme. Pharmakologie Die Wirkungen von Arzneimitteln im menschlichen Organismus werden in der Pharmakologie an Zell-, Organsystemen oder Labortieren untersucht. Darüber hinaus stehen Nebenund Wechselwirkungen sowie die Wirkstoffverteilung und sein Abbau im Körper im Fokus der Pharmakologie. Eine wichtige Aufgabe ist auch die Identifizierung neuer Zielstrukturen, häufig Rezeptoren, an denen Wirkstoffe binden und pathophysiologische Prozesse im Körper beeinflussen können. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Therapien. In Leipzig untersuchen wir mit moderneren molekularbiologischen, pharmakologischen und elektrophysiologischen Methoden die Wirkung neuer Rezeptorliganden auf Regulationsprozesse an Nervenzellen. Im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen beteiligen wir uns an der Entwicklung neuer Diagnostika. Darüber hinaus werden neue Wirkstoffe mit antientzündlicher Wirkung am entzündeten Darm identifiziert. Pharmazeutische Technologie Für die Entwicklung geeigneter Verarbeitungstechnologien und die Steuerung der Wirkstoff-Freigabe aus der Arzneiform ist die Pharmazeutische Technologie verantwortlich. Das Spektrum der Arzneiformen reicht von Tabletten bis zu den Injektionen und Implantaten, die zum Beispiel für Proteine und

Peptide benötigt werden. Für die meist längerfristige Therapie mit Proteinen werden Systeme entwickelt, die den Wirkstoff stabilisieren und über einen längeren Zeitraum nach der Injektion freisetzen. In Leipzig entwickeln wir flüssige Systeme, die nach der Injektion gelieren und Proteine über ein bis zwei Wochen kontrolliert abgeben. Für die Untersuchung neuer Wirkstoffe zur Verbesserung der Wundheilung arbeiten wir an neuen Polymeren und Prozessen zur Herstellung von schwammartigen Implantaten als Wirkstoff-Trägersystemen. Klinische Pharmazie Die Klinische Pharmazie schlägt die Brücke von der Entwicklung zur Anwendung von Medikamenten. Hierbei untersuchen wir die komplexen Prozesse bei Verordnung und Anwendung von Pharmakotherapien am individuellen Patienten oder im Rahmen der Pharmakoepidemiologie bei Bevölkerungsgruppen. Die Klinischen Pharmazeuten der Universität Leipzig arbeiten dazu eng mit Ärzten, Apothekern und weiteren Gesundheitsberufen in Kliniken und im ambulanten Sektor zusammen. Die Effektivität von Therapien wird im Behandlungs-

alltag verbessert und Risiken werden vermieden. Besondere Aufmerksamkeit wird sensiblen Patientengruppen wie Kindern und älteren Patienten gewidmet. Ziel ist es zum Beispiel, durch Vermeidung von wechselwirkenden Arzneistoffen und Anpassungen der Dosis unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen. Außerdem untersuchen wir, warum Patienten ihre Arzneimittel nicht richtig einnehmen. Pharmazie – Dolmetscher zwischen Naturwissenschaften und Medizin Nur durch die gemeinsame Arbeit Hand in Hand kann ein Arzneimittel entstehen. Die dafür nötigen vielseitigen Kompetenzen prädestinieren die Pharmazie als Bindeglied zwischen Naturwissenschaften und Medizin. Prof. Dr. Thilo Bertsche, Prof. Dr. Karen Nieber, Prof. Dr. Jörg Rademann, Prof. Dr. Johann-Wilhelm Rauwald, Prof. Dr. Michaela Schulz-Siegmund vom Institut für Pharmazie

Foto: Medienzentrum Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. Thilo Bertsche (rechts) mit Kollegen bei der Forschungsarbeit.

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Titelthema

Foto: Leipziger Messe GmbH

Leipziger Medizin als Erfolgsstrategie Interview mit Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe Zum Zusammenwirken der Wissenschaft mit der Wirtschaft und der Rolle der Gesundheitsforschung im Messegeschäft gibt der Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe Auskunft. Welchen Anteil und welche Bedeutung hat die Leipziger Medizin für die Strategie der Leipziger Messe GmbH? Ein wesentlicher Teil unserer Erfolgsstrategie ist die intensive Zusammenarbeit mit Partnern wie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig sowie der Universitätsklinik. Wir nutzen konsequent deren Netzwerke. Denn die Leipziger Medizinforschung spielt in der ersten Liga des weltweiten Wissenschaftsbetriebes, der sich auf Tagungen trifft. So sind führende Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät sowie aus dem Herzzentrum seit einigen Jahren als »Botschafter« für die Kongressstadt Leipzig unterwegs. Zudem haben wir – vertreten durch das Congress Center Leipzig CCL – schon 2007 einen Kooperationsvertrag mit der Universität geschlossen. Gemeinsam holen wir wissenschaftliche Symposien in unsere Stadt. Dabei zählt der Medizinsektor für uns zu den zukunftsträchtigsten Themen, er hat im globalen Messe- und Kongressgeschäft das größte Potenzial. 1996 ist die Leipziger Messe mit einer medizinischen Veranstaltung gestartet, heute sind wir von der Weltleitmesse bis zum hochkarätigen Fachkongress bestens positioniert. ORTHOPÄDIE + REHA-TECHNIK, therapie Leipzig, PFLEGE + HOMECARE LEIPZIG und der Leipziger Tierärztekongress gehören zu den Pflichtterminen der Branche.

Gibt es bereits gemeinsame Projekte im Messe- oder Kongressgeschäft? Ein Beispiel von vielen ist die lange Zusammenarbeit mit Professor Wieland Kiess, Direktor der Universitäts-Kinderklinik. Mit ihm gemeinsam haben wir die Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft mit 7.000 Besuchern in Leipzig etabliert. Den Zuschlag für den Europäischen Kongress für Pädiatrische Endokrinologie im kommenden Jahr hat das CCL ebenfalls mit seiner Unterstützung gewonnen; die Teilnehmer kommen aus 90 Ländern. Auch Professor Friedrich-Wilhelm Mohr vom Herzzentrum Leipzig und Professor Dietger Niederwieser sind engagierte Partner im Interesse der Medizin- und Kongressstadt Leipzig, um zwei weitere Namen aus einer langen Reihe zu nennen. Die hohe Akzeptanz solcher Spezialisten trägt dazu bei, renommierte Veranstaltungen nach Leipzig zu holen. Ein anderes Beispiel der sehr erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Universität Leipzig und Leipziger Messe ist der Leip22

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Martin Buhl-Wagner

ziger Tierärztekongress – eine deutschlandweit einmalige Veranstaltung in dieser Größe und Bedeutung. Er startete 1999 mit 500 Teilnehmern, im letzten Jahr waren es 3450.

Gibt es Besonderheiten in der Zusammenarbeit mit den Medizinern der Leipziger Universität? Sie unterstützen uns sehr bereitwillig und engagiert. Ihre Stimme zählt in den internationalen Fachvereinigungen. Deshalb gehen wir bei Kongress-Ausschreibungen häufig als Sieger hervor.

Welche Kongresse würden Sie als herausragend bezeichnen und warum? Neben dem Tierärztekongress ist auch die hier initiierte World Conference on Regenerative Medicine mit über 1.000 Teilnehmern zu nennen. Zum wiederholten Male kommen der Deutsche Anästhesiecongress mit knapp 5.000 Teilnehmern und die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten mit rund 4.000 Teilnehmern nach Leipzig. Jedes Jahr führen wir fünf bis acht medizinische Tagungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern durch. Welche Rolle spielt die Medizin allgemein als Wirtschaftsfaktor für die Stadt Leipzig und die Region? Sie ist ein wesentlicher Innovationsfaktor. Bei der Bewerbung um medizinische Fachveranstaltungen geben wissenschaftliches Know-how und die Reputation eines Standortes den Ausschlag.

Welche neuen Projekt sind geplant? Mit der Premiere der med.Logistica im Mai erhält die Krankenhauslogistik erstmals eine eigene Plattform. Bei der Konzipierung dieser Veranstaltung unterstützt uns die Universität Leipzig intensiv. 2013 wird Professor Holger Till, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie, den Europäischen Kinderchirurgiekongress als Tagungspräsident in Leipzig durchführen. Das Interview führte Dr. Manuela Rutsatz.

Foto: privat

Blick ins Fenster zum Gehirn D

as Auge ist für Prof. Dr. Jens Dawczynski »das Fenster zum Gehirn«. Seit Jahren befasst sich der Mediziner vor allem mit dem Augenhintergrund und allem, was dieser über den Menschen und dessen mögliche Erkrankungen verrät. Seit Anfang Januar arbeitet der 36-Jährige als neu berufener Professor an der Augenklinik der Universität Leipzig. Sein Spezialgebiet ist die »Ophthalmologische Bildgebung und Bildanalyse«. Dabei forscht er an Methoden zur immer präziseren bildlichen Darstellung der Augennetzhaut am lebenden Menschen. Bereits am Universitätsklinikum in Jena entwickelte er vor seinem Wechsel nach Leipzig Methoden zur Bildgebung am Augenhintergrund. »Diese will ich hier in Leipzig noch weiter verfeinern«, sagt er. Die Erkenntnisse, die bei einer genauen Untersuchung des Augenhintergrundes gewonnen werden können, sind verblüffend: »Dabei kann beispielsweise ein Augenarzt bei einem Patienten schon sehr frühzeitig Hinweise auf Diabetes mellitus sehen. Das ist eine ganz spannende Sache«, erklärt der Wissenschaftler. Am Augenhintergrund sind ihm zufolge noch andere schwere Krankheiten, wie etwa Alzheimer, erkennbar. Aus diesem Grund will Dawczynski auch mit dem Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig, das auf diesem Gebiet umfassende Forschungsarbeit leistet, kooperieren. Beruflich ging es für den gebürtigen Jenaer innerhalb kurzer Zeit steil bergauf: Nach seinem Medizinstudium an der Friedrich Schiller Universität promovierte er 2001 und war bereits sechs Jahre später Oberarzt an der Klinik für Augenheilkunde in Jena. 2008 wurde Dawczynski zum Thema »Aging Lens – Zur Behandlung oxidativer Schädigungsprozesse im Rahmen der Kataraktgenese« habilitiert. Von 2009 bis zum Ende des vergangenen Jahres war er als leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor der Klinik für Augenheilkunde in Jena tätig. Bereits in den vergangenen Jahren waren Makuladegenerationen – krankhafte Veränderungen an der Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut älterer Menschen – ein Forschungsschwerpunkt des Mediziners. »Das ist die häufigste Ursache für schwere Sehminderungen im Alter«, erklärt Dawczynski. In Leipzig will er seine Forschungen fortsetzen. In seiner neuen Professur an der Universität Leipzig wird er neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler insbesondere auch seine Fähigkeiten und Kenntnisse im Bereich der Linsen- und Glaukomchirurgie sowie der operativen Behandlung von Netzhauterkrankungen einbringen. Der junge Professor ist auch in der Lehre sehr engagiert und sieht in einer guten Ausbildung der Studierenden einen wesentlichen Ansatz, um junge Mediziner für die Augenheilkunde zu begeistern.

Prof. Dr. Jens Dawczynski bei einer Untersuchung der Netzhaut eines Frühgeborenen mit einer modernen Funduskamera.

Für Hobbys bleibt dem dreifachen Vater bei diesem Arbeitsaufkommen wenig Zeit. »Meine Familie ist mein Hobby«, sagt der Augen-Experte, der sich selbst als positiv denkenden Menschen bezeichnet. »Ich versuche, allem etwas Gutes abzugewinnen«, beschreibt Dawczynski seine Lebenseinstellung. Susann Huster

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Titelthema

Neuroimmunologie

Depressionen bei Krebskranken

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ie Diagnose Krebs ist für die meisten Betroffenen ein schockierendes Ereignis. Auch wenn Krebserkrankungen heute zunehmend besser behandelbar sind, leiden viele Patienten unter Ängsten und Niedergeschlagenheit bis hin zu Depressionen. Unklar war bislang, wie häufig sie einer professionellen psychosozialen Unterstützung bedürfen und wie dieser Bedarf erkannt wird. An der Universität Leipzig wurde in der dazu bislang weltweit umfangreichsten Studie diese Frage beantwortet. Das Ergebnis: Ein Drittel der Betroffenen ist schwerwiegend psychisch belastet und nur die Hälfte davon wird von den Ärzten als belastet erkannt. Als Konsequenz werden in Spitzenzentren der onkologischen Versorgung mittlerweile alle Patienten standardisiert befragt und gegebenenfalls Hilfen vermittelt. In der Leipziger Medizinischen Psychologie und Medizinischen Soziologie werden momentan spezifische psychoonkologische Therapien und Versorgungskonzepte hinsichtlich ihrer Wirksamkeit evaluiert sowie psychosoziale Bedürfnisse von einzelnen Patientengruppen – zum Beispiel Krebspatienten mit Kinderwunsch, Krebskranke als Eltern, Kopf-Hals-Tumorpatienten – gezielt untersucht.

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Foto: Moonsoft/ Stolzenburg

enn wir uns im Winter ein Virus einfangen, bekommen wir Halsschmerzen. Der Schmerz rührt daher, dass alle infizierten Zellen in der Schleimhaut unseres Halses von sogenannten Killerzellen, einem Sondertyp der Leukozyten, getötet werden. In der Tat ist dies die einzige Möglichkeit, ein Virus dauerhaft loszuwerden: Alle infizierten Zellen müssen sterben! Im Gehirn wäre dieses Vorgehen tödlich, denn die Nervenzellen können sich nicht mehr teilen, sondern müssen unser ganzes Leben »durchhalten«. Im Laufe der Evolution haben sich deshalb neue Strategien entwickelt, mit Infektionen im Gehirn umzugehen, die alle darauf hinauslaufen, lieber einen Virus zu tolerieren und seine Ausbreitung zu verhindern, als alle infizierten Nervenzellen zu opfern. Bestimmte Erkrankungen, die einen niedrigen Evolutionsdruck haben, weil sie spät im Leben auftreten, lassen sich umgekehrt als Folge dieses Kompromisses beschreiben: Beim Morbus Alzheimer werden die krankhaften Ablagerungen eben nicht beseitigt! Auch bei der Multiplen Sklerose spricht einiges dafür, dass ihr Verlauf eine Folge des zögerlichen Umgangs mit Virusinfektionen im Gehirn ist: Das Virus wird nur dann attackiert, wenn es sich repliziert oder an einem anderen Ort im Körper eine Immunreaktion auslöst; ansonsten lässt das Immunsystem infizierte Hirnzellen in Ruhe. Das Institut für Anatomie unter Leitung von Prof. Dr. Ingo Bechmann untersucht die Mechanismen, die das Immunsystem im Gehirn dirigieren, um so Krankheiten des Menschen in ihrer Entstehung verstehen und behandeln zu können.

Foto: Ingo Bechmann

Schlaglichter aus der Medizin

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Radikale Prostatektomie

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as Prostatakarzinom ist heute in Deutschland das häufigste Karzinom des Mannes mit zirka 60.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Ziel aller Behandlungsmethoden ist die komplette Entfernung des Prostatakarzinoms bei möglichst niedriger Komplikationsrate. An der Klinik für Urologie des Universitätsklinikums Leipzig (namentlich Prof. JensUwe Stolzenburg, Minh Do, Anja Dietel, Thilo Schwalenberg) wurden dabei wesentliche Impulse für die Verbesserung der operativen Entfernung der Prostata gesetzt. So konnte die Technik der Endoskopischen Exraperitonealen Radikalen Prostatektomie entwickelt und standardisiert werden. Sie verbindet die Vorteile der Laparoskopie (Knopflochchirurgie / geringere Invasivität, geringere Morbidität, schnellere Rekonvaleszens, minimaler Blutverlust, gute intraoperative Detailerkennung) mit den Erfahrungen der klassischen offenen Prostataentfernung über einen Unterbauchschnitt. Dieses Verfahren wird mittlerweile von vielen Kliniken weltweit angewendet. Zudem konnte eine besondere Form der Schonung der für die Potenz und Kontinenz des Patienten wichtigen Gefäße und Nerven (intrafaszialer Nerverhalt) entwickelt werden, was die Nebenwirkungen der Operation deutlich reduziert.

KURZ GEFASST

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Foto: Hempel/TU Dresden

n einem Verbundforschungsprojekt der Universitäten Leipzig und Dresden werden funktionelle Biomaterialien zur Steuerung von Heilungsprozessen in Knochen- und Hautgewebe entwickelt. Es wird von der DFG als sogenannter »Transregio-Sonderforschungsbereich 67« zunächst bis 2013 gefördert, sein Sprecher ist Prof. Dr. Jan-Christoph Simon von der Leipziger Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie. Im Projekt wird ein Brückenschlag von materialwissenschaftlicher und biochemischer Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung vollzogen. Geforscht wird an neuartigen, funktionellen Biomaterialien auf der Basis von artifizieller extrazellulärer Matrix. Im Wesentlichen werden neue Materialien, vor allem bestehend aus Polysacchariden und Kollagenen, entwickelt, die Wechselwirkungen mit im Gewebe vorkommenden Mediatoren eingehen und Heilungsprozesse zu steuern vermögen. Die Vision der beteiligten Wissenschaftler ist es, dass sich dadurch die Wundheilung nach Knochen- und Hautverletzungen verbessern lässt. Dies wird insbesondere in der Implantations- und Transplantationsmedizin zu besseren und schnelleren Heilungserfolgen führen und Patienten langwierige Behandlungen durch schlecht heilende Verletzungen ersparen.

Foto: Medizinische Fakultät

Neue Biomaterialien für Knochen- und Hautverletzungen

Leipziger Herzstudie

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efäßerkrankungen mit den Folgen Herzinfarkt und Schlaganfall führen die Krankheits- und Todesursachenstatistiken an. Risikofaktoren wie Cholesterin, Blutdruck, Rauchen und Diabetes mellitus sind gut bekannt, nicht jedoch die unterschiedliche Krankheitsempfindlichkeit des Einzelnen. Gene in ihrer Wechselwirkung mit Umwelt und Lebensstil spielen eine wichtige Rolle. Um neue diagnostische und therapeutische Ansätze beim Menschen aufzudecken, starteten 2007 die kardiologische Klinik des Herzzentrums (Prof. Dr. Gerhard Schuler, PD Dr. Stephan Gielen) und das Institut für Labormedizin (Prof. Dr. Joachim Thiery, Prof. Dr. Daniel Teupser, Dr. Frank Beutner) des Universitätsklinikums eine der größten Atheroskleroseund Stoffwechselstudien in Deutschland, die »Leipziger Herzstudie«. Bis heute wurden in ihr mehr als 3.000 Patienten nach differenzierten Untersuchungen aufgenommen. Genom- und metabolomweite Untersuchungen mit modernster bioanalytischer Spitzentechnologie sollen dazu beitragen, neue Verbindungen zwischen dem Krankheitsbild, genetischen Varianten und dem Stoffwechsel zu entdecken. Unlängst konnte die Gruppe um Prof. Teupser eine Genregion des Herzinfarktes aufklären, die bis vor kurzem noch als funktionsloser »DNA-Müll« galt. Die Leipziger Herzstudie wurde durch eine Förderung der Roland-Ernst-Stiftung mit Unterstützung der Medizinischen Fakultät ermöglicht. Sie wird seit 2010 als Teil des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen (LIFE) ausgebaut und für weitere fünf Jahre fortgesetzt.

Zur neuen Gleichstellungsbeauftragten der Medizinischen Fakultät ist PD Dr. Katarina Stengler von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie gewählt worden. Sie ist seit 1. Januar im Amt.

Prof. Dr. Joachim Thiery, Dekan der Medizinischen Fakultät und Leiter des Instituts für Laboratoriumsmedizin, ist seit Januar 2011 Vizepräsident der DGKL (Deutsche Vereinte Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin e.V.) und designierter Präsident ab 2012.

Dem Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Prof. Dr. Michael Fuchs, sind die mitgliedschaftlichen Rechte eines Hochschullehrers verliehen worden.

Prof. Dr. Elmar Brähler ist für drei Jahre in den Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten gewählt worden. Der Rat berät die Bundesregierung in Bezug auf Datenerhebungen.

Den Titel eines Gastprofessors hat Emeritus Prof. Dr. Peter Illes vom Rudolf-Boehm-Institut für Pharmakologie und Toxikologie der renommierten Universität Tongji (Shanghai) verliehen bekommen. Die Vorläuferin der Universität Tongji war die »Deutsche Medizinschule für Chinesen in Shanghai«. PD Dr. Martin Fiedler, leitender Oberarzt am Institut für Laboratoriumsmedizin, tritt zum 1. März 2011 das Direktorat der Labormedizin am renommierten Inselspital der Universität Bern an.

Dr. rer. med. Tobias Luck vom Institut für Arbeits- und Sozialmedizin hat 2010 den 1. Platz beim StephanWeiland-Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie belegt. Prämiert wurde seine Arbeit zu Auftreten und Risikofaktoren kognitiver Beeinträchtigungen bei der Leipziger Langzeitstudie an Menschen über 75 Jahren.

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Fotos: Waltraud Grubitzsch

Forschung

Ein narkotisierter Mops kurz vor seiner OP.

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Einzigartige Operationsmethode hilft kurznasigen Möpsen Im OP von Prof. Dr. Gerhard Oechtering werden Atembeschwerden gelindert

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as Schönheitsideal beim Mops hat sich drastisch verändert: Im Jahr 1927 hatte diese Hunderasse noch eine längliche Kopfform mit einer deutlich ausgeprägten Nase. Hundert Jahre später gelten Möpse mit einer komplett runden Kopfform und kurzer Nase als attraktiv. Diese Tatsache beschert Prof. Dr. Gerhard Oechtering und seinem Team von der Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig jede Menge Arbeit. In seinem Haus wurde vor sechs Jahren eine neue und weltweit einzigartige, lasergestützte Operationsmethode zur Behandlung des sogenannten Brachyzephalen-Syndroms bei Hunden und Katzen entwickelt. Durch Überzüchtung ist mittlerweile der Nasenraum von Möpsen, englischen Bulldoggen, Boxern und Rassekatzen viel zu eng geworden, was bei den Tieren akute Atemnot und dadurch bedingte Bewegungsarmut sowie Zahnfehlstellungen verursacht. Mit Oechterings neuer OP-Methode wird der Nasenraum erweitert und das Gaumensegel gekürzt. Die Tiere können danach meist erstmals frei atmen und bekommen ein neues Lebensgefühl.

Laserbehandlung befreit den Atem und stoppt Schnarchen Patient Moritz liegt narkotisiert, mit rausgestreckter Zunge auf dem OP-Tisch. Oechtering und sein Team bereiten alles für den Eingriff vor. Die Nase des Mopses wurde vor zwei Wochen mit einem Laser operiert und soll nun noch einmal kontrolliert werden. »Die Nase ist innen richtig schön frei«, sagt der renommierte Veterinärmediziner, der vor jeder OP mit dem Fotoapparat Nahaufnahmen seiner tierischen Patienten macht. An dem Tag werden die Drainagen in der Nase des Mopses entfernt. Dann wird er in ein neues, zweites Leben entlassen. So oder ähnlich beschreiben die Hunde- oder Katzenbesitzer die Zeit nach den Eingriffen in der Kleintierklinik der Universität Leipzig. Ihre Tiere seien viel beweglicher geworden, schnarchen nicht mehr und seien deshalb auch tagsüber wesentlich munterer als zuvor, heißt es in E-Mails an den Klinikdirektor.

Fehlende Kontrolle verursacht Überhitzung der Tiere Der Ausdruck »mopsfidel« stamme aus einer Zeit, als diese sehr fröhlichen und menschenliebenden Hunde tatsächlich noch herumtollen konnten, ohne gleich in Atemnot zu verfallen, erklärt der Experte. »Ich sage immer: Früher hatten die Hunde noch einen Beruf, wurden als Hüte- oder Jagdhunde gehalten. Seit Beginn der Rassezucht in Vereinen vor etwa hundert Jahren haben die Tiere nach und nach ihre Aufgabe verloren. Sie werden auf ihre äußerlichen Merkmale gezüchtet«, beschreibt Prof. Oechtering den Trend, der »unkontrollierbare Auswüchse« verursache. Neben den Atembeschwerden führe diese vom

Prof. Dr. Oechtering bei Operieren einer Bulldogge an der Nase.

Menschen verursachte Entwicklung auch zu einer schnellen Überhitzung der Tiere, da deren Wärmeregulation wegen der kurzen Nasen nicht mehr funktioniere. »Es fehlt die Qualitätskontrolle beim Züchter«, kritisiert der Spezialist, dessen Patienten aus ganz Deutschland und auch aus Ländern wie Italien, Österreich, der Schweiz und Polen kommen. Bislang 300 vierbeinige Patienten bei steigendem Bedarf Durchschnittlich fahren die Tierhalter 300 bis 500 Kilometer, um ihren Hund oder ihre Katze in der Kleintierklinik der Universität Leipzig operieren zu lassen. Der Eingriff kostet sie etwa 3.500 Euro. An die 300 kurznasigen Patienten wurden in der Kleintierklinik mit der neuen Lasermethode operiert. Der Bedarf ist Oechtering zufolge wesentlich größer. Wegen der Kosten und des erheblichen Aufwandes scheuten jedoch viele Tierhalter diesen Schritt, bei dem überflüssiges Nasengewebe in den oft winzigen Tiernasen mit Hilfe eines Laser-Endoskops verdampft wird. Nach den Eingriffen, für die mehrere modern ausgestattete Operationssäle zur Verfügung stehen, bleiben die Patienten noch eine Woche in stationärer Behandlung. Auch Moritz wird bald die Klinik verlassen und mit seinem Herrchen wieder ins heimatliche Fraureuth bei Zwickau zurückkehren. Der Besitzer hat nun gute Chancen, seinen Mops noch lange an seiner Seite zu haben. Oechtering will künftig mit dem renommierten Genetiker Prof. Dr. Ottmar Diestl aus Hannover enger zusammenarbeiten, um dem Zuchttrend zur Kurznasigkeit entgegenzuwirken. Allerdings sei unklar, ob gerade bei den Möpsen noch genügend gesundes Erbgut zur Umkehr dieser Entwicklung vorhanden ist. Susann Huster

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Foto: Swen Reichhold

Forschung

Die Preisträger der BuildMoNa-Awards 2010 zusammen mit einem Gastredner, dem amtierenden Rektor und BuildMoNa-Mitgliedern: (v.l.n.r.) Dipl.-Phys. Lars Wolff, Prof. Dr. Evamarie Hey-Hawkins, Prof. Dr. Klaus Kroy, Dr. Carolin Limburg, Prof. Dr. Martin Schlegel (amtierender Rektor), Prof. Dr. Marius Grundmann, Jörg Geiger (Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst), Dipl.-Phys. Alexander Lajn.

Drei Jahre Graduiertenschule BuildMoNa I

m Dezember vergangenen Jahres feierte die Graduiertenschule »Leipzig School of Natural Sciences – Building with Molecules and Nanoobjects (BuildMoNa)« ihr dreijähriges Bestehen. Auf der Jahrestagung wurde eine Bilanz dieser Zeit gezogen und zugleich der Blick in die Zukunft gerichtet. Jörg Geiger vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) lobte die Graduiertenschule BuildMoNa als gutes Beispiel für das wachsende Potenzial an jungen Forschungseinrichtungen in Ostdeutschland. Dank ihrer Forschungsergebnisse, etwa zu neuen Materialien mit besonderen Eigenschaften, werde die Graduiertenschule immer interessanter für industrielle Partner. Er hoffe auf den Erfolg des Fortsetzungsantrages zur Exzellenzinitiative im Jahr 2012. Die Absichtserklärung zur Einreichung des Fortsetzungsantrages wurde am 15. September 2010 an die DFG übermittelt. Die Graduiertenschule BuildMoNa wurde im November 2007 an der Universität Leipzig gegründet. Sie ist aus dem Wettbewerb zur Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder hervorgegangen und wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in der ersten Förderperiode für fünf Jahre finanziert. Das Gesamtkonzept beinhaltet neben interdisziplinärer aktueller Forschung eine strukturierte Ausbildung der Doktorandinnen und Doktoranden in Form von Vorlesungen, Praktika, Workshops und Auslandsaufenthalten in Anlehnung an das Forschungskonzept.

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Der wissenschaftliche Gastvortrag von Prof. Dr. Klaus Kern vom Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart trug den Titel »Current at the Nanoscale«. Im Mittelpunkt standen Betrachtungen zum Ladungstransport auf Einzelatom und – molekülebene in nanoskaligen elektronischen Kontakten. Die Sprecherin der Graduiertenschule, Prof. Dr. Evamarie Hey-Hawkins, sagte bei der Jahrestagung, dass sich die Zahl der Doktorandinnen und Doktoranden von etwa 20 im November 2007 auf 99 im November 2010 erhöht habe. Davon sind ihr zufolge 34 weiblich und 65 männlich; 21 kommen aus dem Ausland. Alle Absolventen der Graduiertenschule des Jahres 2010 haben nach den Worten der Sprecherin einen attraktiven Job oder einen Postdoktorandenaufenthalt angetreten. Ein weiterer Höhepunkt der Jahrestagung war die Verleihung der BuildMoNa-Awards 2010. Damit sollten nach den Worten von Hey-Hawkins besondere wissenschaftliche Leistungen von Doktorandinnen und Doktoranden der Graduiertenschule BuildMoNa gewürdigt werden. Eine Jury hat drei DoktorandInnen ausgewählt, die für ihre herausragenden Publikationen und Leistungen bei der Dissertation mit Preisen geehrt wurden. Die mit jeweils 2.500 Euro, 1.500 Euro und 1.000 Euro dotierten Auszeichnungen gingen an Lars Wolff, Carolin Limburg und Alexander Lajn. Susann Huster

Zu den Rechtsformen ethnischreligiös gemischter Gesellschaften Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe erforscht die Vergangenheit zu einem aktuellen Thema

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lltägliche Kommunikation zwischen unterschiedlichen ethnisch-religiösen Gemeinschaften, Formen der Aushandlung, rechtliche Arrangements der Koexistenz – die Themen der Emmy-Noether-Gruppe »Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften, Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten« sind Neuland in der Forschung und aus heutiger Sicht mehr als aktuell. Bezogen auf Fallstudien im östlichen Europa erforscht Gruppenleiterin Dr. Yvonne Kleinmann gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern seit April 2008 epochenübergreifend das Zusammenleben verschiedener ethnisch-religiöser Gruppen. Dabei verfolgt die Forschungsgruppe keine moralische oder ethische Bewertung historischer Situationen: »Wir betrachten vor allem pragmatische Regelungen des Zusammenlebens auf der Ebene der Rechtskultur.« Dabei stehen insbesondere längerfristige Entwicklungen in der Rechtsfindung, Praktiken des Tolerierens religiöser Differenz und Rechtspluralismus im Mittelpunkt. Aufgrund dieses übergreifenden Ansatzes interessieren weniger die oft im Blick stehenden historischen Konflikte, etwa Religionskriege, Verfolgung und Ausweisung. Vielmehr konzentriert sich die Arbeit der Emmy-Noether-Gruppe auf die ausgedehnten »unspektakulären« Zeiten zwischen den sogenannten Großereignissen und die sie prägenden Formen der Kommunikation. Kleinmann konstatiert: »Die rechtliche Fragmentierung der Gesellschaft war in der Frühen Neuzeit deutlich größer als heute.« In der Ständegesellschaft hatten die verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften jeweils Privilegien und umfassende Autonomierechte inne. »Diese Privilegienverteilung orientierte sich klar an ökonomischen Maßgaben und Vorstellungen von öffentlicher Ordnung – erst später, vor allem seit der Aufklärung, entstanden ethische Normen wie Toleranz und Religionsfreiheit.« Die einzelnen Fallstudien bieten durch die Anlage der Forschungsarbeit der gesamten Gruppe einen Blick auf drei Jahrhunderte, beginnend mit der frühen Neuzeit. Den Zeitraum des 17. und 18. Jahrhunderts bearbeitet Kleinmann selbst in Form einer Untersuchung zur rechtlichen Kommunikation verschiedener Religionsgemeinschaften auf einem adligen Großgrundbesitz. Die Ethnologin Dr. Tracie Wilson widmet sich einer Studie zur Transformation von Rechtsstrukturen und Sozialfürsorge in Galizien unter dem Vorzeichen der Industrialisierung. Den zeitlichen Abschluss bildet das Promotionsprojekt von Stephan Stach, der die Bedeutung religiöser Zugehörigkeit in Konzepten von Staatsbürgerschaft in der Zweiten Polnischen Republik (1918–1939) erforscht.

Forschen gemeinsam: (v.l.n.r.) Dr. Yvonne Kleinmann, Dr. Tracie Wilson, Stephan Stach, M.A.

Für den Untersuchungsraum, der das heutige Polen, Litauen, Teile Weißrusslands und der Ukraine umfasst, findet die Emmy-Noether-Gruppe in der akademischen Landschaft Leipzigs beste Voraussetzungen: »Eine international eingebundene, alle Epochen erfassende und methodisch vielfältige Osteuropaforschung ist sonst in Deutschland wohl kaum zu finden,« erklärt die Historikerin. Anknüpfungspunkte bieten sich gleich mehrfach: Die Nachwuchsforschergruppe arbeitet bereits mit den entsprechenden regionalwissenschaftlichen Instituten zusammen, angesiedelt ist sie in den Kulturstudien Ostmitteleuropas (Prof. Dr. Stefan Troebst) am Institut für Slavistik. Eine enge Zusammenarbeit besteht mit dem GWZO mit seiner ausgezeichneten Expertise für die Geschichte Ostmitteleuropas. Weitere Partner sind das Polnische Institut Leipzig, Kollegen am Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur sowie die Professur für Osteuropäische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Darüber hinaus kooperiert die Gruppe mit zahlreichen Wissenschaftlern und Institutionen in Polen, der Ukraine, Russland, Israel und den USA. Dr. Manuela Rutsatz journal Universität Leipzig 1/2011

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Offshore-Windpark Lillgrund im Öresund zwischen Malmö und Kopenhagen. Neben der Verbesserung von Wind- haben Leipziger Forscher auch Solar- und Bioenergieanlagen im Blick.

Leipziger Wissenschaftler forschen an der »Stromfabrik der Zukunft« E

xperten der Universität Leipzig forschen an der verbesserten Leistungsfähigkeit von Anlagen zur Stromerzeugung aus regenerativen Energien und wollen damit zur Gestaltung der »Stromfabrik der Zukunft« beitragen. Im Herbst 2010 startete das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt »EUMONIS – Software und Systemplattform für Energie- und Umweltmonitoring-Systeme« erfolgreich an der Universität Leipzig. Vier Jahre widmet sich das Forschungsprojekt der Frage, wie die Verfügbarkeit und Effizienz der Anlagen zur Energiegewinnung aus erneuerbaren Energien verbessert werden kann. Dabei liegt der Fokus auf der Gestaltung und Realisierung von Konzepten für den zukünftigen Betrieb. Erstmalig werden die Bereiche der Wind-, Solar- und Bioenergie integrativ betrachtet, wie der Projektleiter an der Universität Leipzig, Dr. Stefan Kühne, vom Institut für Informatik sagte. Die Herausforderung bestehe darin, die Prozesse und Abläufe, welche zur Produktion von Strom aus Wind-, Solarenergie und Biomasse nötig sind, zu verbessern und zusammenzuführen. Dadurch könnten auch bestehende Energieerzeugungsanlagen effektiver betrieben werden. Die geplante Plattform soll hersteller- und systemübergreifend funktionieren. Mit ihrer Hilfe wollen die Industriepartner alle Komponenten in den Anlagen von zentraler Stelle aus kontrollieren. Mitarbeiter, Zulie-

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ferer und andere Verantwortliche könnten bei Wartungsarbeiten und Störungen schnell informiert und koordiniert werden. Durch ein frühzeitiges Erkennen von Betriebsstörungen und Wartungsbedarfen sowie eine schnellere Beschaffung von Ersatzteilen und Personalressourcen kann der Einsatz aller Beteiligten strukturiert, koordiniert und optimiert erfolgen. Das verbessere die Effizienz der Anlagen. »Die regenerativen Energien wurden in den vergangenen Jahren intensiv erforscht, gefördert und vermehrt eingesetzt. Mit diesem schnellen Wachstum hat die Vernetzung und Koordination der beteiligten Unternehmen nicht Schritt halten können«, erklärt Joachim Bamberger, Projektleiter von EUMONIS. Das neue Projekt werde das nun ändern. Umgesetzt wird es von einem Konsortium, das sich aus Partnern der Wind-, Solar- und Bioenergiebranche, der Automatisierungstechnik, Softwareentwicklern, Forschungsinstitutionen und Multiplikatoren zusammensetzt. Sie alle wirken an der Entwicklung einer geeigneten IT-Plattform mit und entwickeln Geschäftsmodelle für das zukünftige Zusammenwirken der Stromproduzenten. Ziel ist ein bedienbares, einheitliches, herstellerunabhängiges und offenes System. Susann Huster www.eumonis.org

Foto: Siemens

Fakultäten Forschung und Institute

Dr. Franziska Naether in Stipendienprogramm der Robert Bosch Stiftung aufgenommen

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eit einigen Wochen ist Franziska Naether Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung. Für das Programm »Fast Track – Exzellenz und Führungskompetenz für Wissenschaftlerinnen auf der Überholspur« hatten sich deutschlandweit knapp 200 junge Frauen beworben. Die Ägyptologin gehörte zu den 20, die eine hochkarätige Jury um Jutta Limbach überzeugten. Das Stipendium beinhaltet ein Karrierecoaching sowie vier Seminare, bei denen Selbstpräsentation, Verhalten in Bewerbungssituationen, Mitarbeiterführung oder der Umgang mit Medien im Wissenschaftsbereich vermittelt werden. Dazu gibt es eine monatliche Pauschale, die für karrierefördernde Maßnahmen ausgeben werden kann. Ziel ist es, den Anteil von weiblichen Führungskräften in Deutschland zu erhöhen. Bosch setzt mit dem Programm »Fast Track« bei den Nachwuchswissenschaftlerinnen nach der Promotion an. Naether studierte von 1999 bis 2004 Ägyptologie, Alte Geschichte und Kulturwissenschaften, absolvierte Praktika, organisierte ihre ersten Projekte. Die sich anschließende Dissertation wurde mit Stipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Albertus-Magnus-Vereins gefördert. Parallel arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Portal antiker Texte »Trismegistos« an der Universität zu Köln. Gleich nach der Promotion im Sommer 2009 bot sich ihr die Möglichkeit, eine wissenschaftliche Assistentur am Ägyptologischen Institut/Ägyptischen Museum – Georg Steindorff – der Universität Leipzig zu vertreten und im Projekt »Database and Dictionary of Greek Loanwords in Coptic« mitzuarbeiten. Doch steht neben Lehre, administrativen Aufgaben und Konferenzorganisation zumindest gleichberechtigt auch die

Foto: privat

Ägyptologin auf der Überholspur

Dr. Franziska Naether

Forschung. Nicht Ausgrabungen im Land am Nil sind Naethers Leidenschaft, sondern Texte, die in den alten Sprachen verschriftlicht sind. Diese Texte liegen in Alt-, Mittel- und Neuägyptisch wie auch in kursivem Demotisch, ferner in Koptisch und Altgriechisch vor. Textträger wie Papyri oder Ton- und Kalksteinscherben befinden sich in Archiven rund um den Globus, aber auch in den Beständen des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig oder der Bibliotheca Albertina. Was Naether an den alten Dokumenten fasziniert? »Es ist erstaunlich, wie ähnlich die damaligen Themen unseren heutigen sind. Es geht um Miet- und Pachtverträge mit dritten Parteien, um Prozessverläufe oder darum, wie man die Ehefrau gegen die Geliebte auswechseln kann.« Naethers 2010 veröffentlichte Dissertation befasste sich mit dem Orakelwerk »Sortes Astrampsychi«, die Habilitation wird sich der Kultpraxis im altägyptischen Schrifttum widmen. Das Stipendium der Robert Bosch Stiftung ist ein weitere Hilfe, den Weg weiterzugehen. Marlis Heinz

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Fakultäten Forschung und Institute

Galicisch-Lehrer Òscar Bernaus Griñó während seiner Sprachstunde an der Uni Leipzig.

Großer Erfolg der neuen Uni-Lektorate Katalanisch und Galicisch können seit kurzem am IALT erlernt werden – weltweit einzigartiges Angebot

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rof. Dr. Carsten Sinner möchte gern mit dem weit verbreiteten Gerücht aufräumen, dass Galicisch und Katalanisch Dialekte seien. »Das stimmt nicht. Es sind beides eigenständige Sprachen«, erklärt der Professor für iberoromanische Sprachund Übersetzungswissenschaft am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) der Universität Leipzig. Seit Beginn des Herbstsemesters im vergangenen Jahr können Interessierte diese beiden Sprachen an seinem Institut studieren. Angeboten werden die beiden Sprachen im Rahmen der Bachelor- und Masterstudiengänge. Das IALT ist damit weltweit das einzige Institut, an dem vier iberoromanische Sprachen – Spanisch, Portugiesisch, Galicisch und Katalanisch – im Bereich Übersetzung und Angewandte Linguistik studiert sowie qualifizierte Abschlüsse erworben werden können. »Das gibt es nicht einmal in Spanien«, sagt der 39-Jährige. Die Initiative dazu kam von Sinner, der selbst diese Sprachen in Santiago de Compostela und Barcelona studiert hat. »Wir möchten mit unserer Lehre auch einen Beitrag dazu leisten, Galicisch und Katalanisch bekannter zu machen. Das sind Sprachen, die mir am Herzen liegen«, sagt Sinner, der seit 2008 als Professor an der Universität Leipzig tätig ist. Für die zwei neuen Lektorate am IALT musste er hart kämpfen. Im Jahr 2009 hatte er bereits die Zusage der Autonomen Regierungen von Katalonien und Galicien zur Finanzierung dieser beiden Lektorate am IALT. Damals drohte das Projekt jedoch wegen fehlender Räumlichkeiten an der Universität zu scheitern. Sinners Hartnäckigkeit führte jedoch wenig später zum Erfolg. Seit Herbst 2010 werden in Leipzig jeweils 10 bis 12 Stunden wöchentlich Galicisch und 12 bis 16 Stunden Katalanisch ge-

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lehrt. Dafür wurde jeweils ein Lektorat mit einer halben Stelle am IALT eingerichtet. Muttersprachler lehren unter anderem Landeskunde und Übersetzen, geben Sprach- und Fachsprache-Kurse. Mehr als 60 Studierende haben sich gleich zu Beginn eingeschrieben – für Prof. Sinner ein unerwartet großer Erfolg. Nicht nur angehende Dolmetscher und Übersetzer, auch Studierende der Theologie-, Romanistik-, Geographie- und Geschichtswissenschaften wollen die beiden iberoromanischen Sprachen erlernen. Mit der Autonomen Regierung von Galicien wurde ein Vier-Jahres-Vertrag geschlossen, wonach die Universität Leipzig für diesen Studiengang jährlich 25.000 Euro erhält. Mit den Katalanen wird jedes Jahr neu verhandelt, wie Sinner berichtet. Für das laufende Studienjahr stellten sie 30.000 Euro zur Verfügung. »Uns wurde die Lehre zugesichert, solange wir eingeschriebene Studierende haben«, sagt der Professor. »Der Bedarf für Übersetzungen aus diesen beiden Sprachen ins Deutsche wächst«, weiß der Experte. Deshalb seien die beruflichen Perspektiven für Absolventen dieser Kurse nicht schlecht. »Sie werden zu Experten für diese Regionen und erwerben Wissen, das über die reine Sprachkompetenz hinausgeht«, erklärt Sinner. Immerhin sprechen etwa zehn Millionen Menschen Katalanisch und 3,5 Millionen Galicisch. Susann Huster

KURZ GEFASST Mehrere Universitätsmedaillen wurden am Dies academicus, dem 601. Geburtstag der Universität Leipzig am 2. Dezember 2010, verliehen: Für ihre herausragenden Leistungen für die Universität Leipzig erhielten die frühere Gleichstellungsbeauftragte Dr. Monika Benedix, Student und Stura-Mitglied Daniel Fochtmann, Prof. Dr. Burkhard Pahl, Vorsitzender der Rektoratskommission für die Planung des Neubaus am Augustusplatz, sowie Frank Kießling, Geschäftsführer des Studentenwerks Leipzig, diese Auszeichnung.

Pb5Sb4S11« erhielt, wird zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Bereich Mineralogie an den Universitäten Freiburg, Göttingen und Leipzig jährlich für herausragende Dissertationen und Masterarbeiten im Fach Mineralogie ausgelobt.

Prof. Dr. Dieter Burdorf vom Institut für Germanistik wurde in den Beirat der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften berufen, zuständig für den Bereich Philologie. Die Stiftung ist eine der wichtigsten Institutionen zur Vergabe von Druckkostenzuschüssen für geisteswissenschaftliche Veröffentlichungen. Ferner wurde Burdorf zum Mitglied des Kuratoriums der Freundesgesellschaft des Goetheund Schiller-Archivs (Klassik Stiftung Weimar) ernannt.

Preisträger der Promotionspreise der Graduiertenzentren der Research Academy Leipzig waren im Jahr 2010: 1. Dr. Heiko Frenzel (Graduiertenzentrum Mathematik/Informatik und Naturwissenschaften, Dissertation: »ZnO-based metal-semiconductor field-effect transistors«), 2. Dr. John Heiker (Graduiertenzentrum Lebenswissenschaften, Dissertation: »Insulin sensitizing Adipokines Adiponectin and Vaspin«), 3. Dr. Silja Klepp (Graduiertenzentrum Geistes- und Sozialwissenschaften, Dissertation: »Die Europäische Union Zwischen Grenzkontrolle und Flüchtlingsschutz. Eine Geographie des Flüchtlingsrechts auf dem Mittelmeer«). Den KatharinaWindscheid-Preis erhielt Kristina Starkloff (Graduiertenzentrum Geistesund Sozialwissenschaften, Dissertation: »Außereuropäische Völker auf Welt- und Gewerbeausstellungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Deutschland und Amerika im Vergleich«) als Promotionsförderpreis.

Dr. Ronny Kaden vom Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft der Fakultät für Chemie und Mineralogie ist der Rinne-Preisträger des Jahres 2010. Die Auszeichnung, die Kaden für seine von Prof. Dr. Klaus Bente betreute Dissertation »Synthese, Struktur und physikalische Eigenschaften komplexer Metallsulfide Kylindrit FeSn4Pb3Sb2S14 und Boulangerit

Christine Wohlgemuth und Doreen Adolph heißen die Preisträgerinnen des Günter-Thiele-Preises 2010. Die Jury würdigte wieder Arbeiten von Studierenden, die in enger Zusammenarbeit mit einem Partner aus der Praxis entstanden. Der Preis wird von der Stiftung zur Förderung der PR-Wissenschaft an der Universität Leipzig verliehen, um ex-

Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt vom Institut für Germanistik wurde im November 2010 erneut zur Präsidentin des Freien Deutschen Autorenverbandes gewählt.

Dr. Jan Dietrich vom Institut für Alttestamentliche Wissenschaft der Theologischen Fakultät hat 2010 den TempletonPreis für seine Dissertation »Kollektive Schuld und Haftung« erhalten, der mit einem Preisgeld von 10.000 Dollar und 10.000 Dollar Reisekostenzuschuss für Vortragsreisen dotiert ist. Er zeichnet Verdienste an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Religion aus.

Dr. Johannes Bronisch vom Historischen Seminar hat 2010 für seine Dissertation zur Leipziger Aufklärungsgeschichte des 18. Jahrhunderts mit dem Titel »Der Mäzen der Aufklärung. Ernst Christoph von Manteuffel und das Netzwerk des Wolffianismus 1730-1750« den Nachwuchsförderpreis der Sächsischen Akademie der Wissenschaften erhalten. Betreut wurde er von Prof. Dr. Manfred Rudersdorf.

zellente studentische Abschlussarbeiten im Themenbereich Öffentlichkeitsarbeit/PR und Kommunikationsmanagement zu prämieren. Ziel ist es, einen Anreiz zu wissenschaftlich-konzeptioneller Höchstleistung sowie zu innovativer und reflektierter Auseinandersetzung mit dem genannten Themenkreis zu schaffen.

Die »Innovation Center Computer Assisted Surgery«-(ICCAS)-Mitarbeiterinnen Silvia Born und Daniela Wellein haben bei der international renommierten IEEE-Konferenz in Salt Lake City (USA) eine von drei Auszeichnungen im Visualisierungswettbewerb 2010 zum Thema Operationsplanung von neurochirurgischen Eingriffen erhalten. Prof. Dr. Giuseppe Veltri ist zum Honorarprofessor für Religionswissenschaft ernannt worden. Zu Veltris Forschungsschwerpunkten gehören: Jüdische Philosophie allgemein, Jüdische Kulturgeschichte, Biographieforschung, Jüdische Philosophie und politische Anschauungen aus Renaissance und Früher Neuzeit. 1997 erhielt er einen Ruf auf die Professur für Judaistik und Jüdische Studien an der Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, wo er noch heute tätig ist. Er hatte Gastprofessuren an der Freien Universität Berlin, dem University College London, der Universität Bologna, der Universität La Sapienza und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Frankreich inne. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Verbandes der Judaisten in Deutschland, seit 2003 gewähltes Mitglied im Fachkollegiat der DFG. Seit 2001 fungiert er als Herausgeber der Reihe »Studies in Jewish Culture and History«. Prof. Veltri studierte von 1978 bis 1983 Philosophie und Theologie in den italienischen Städten Siena und Viterbo. Nach seinem Diplom am Pontificium Athenaeum Anselmianum in Rom studierte er von 1983 bis 1986 am Päpstlichen Bibelinstitut (PIB) Bibelwissenschaften. 1991 wurde er am Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin im Fach Judaistik promoviert; 1996 habilitierte er sich dort.

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Marktchancen Verbindungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

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Modularisierte Lehre birgt große Chancen In der sich verändernden Welt stellt sich die Frage nach der sinnvollen Positionierung der Wirtschaftswissenschaften. Mit Blick auf aktuelle globale Zusammenhänge ist die Wirtschaftwissenschaftliche Fakultät (WiFa) gut und gezielt breit aufgestellt. Denn wir fokussieren nicht nur die traditionellen Themen aus der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Im postindustriellen Umfeld Europas werden auch die Wirtschaftswissenschaften mit den neuindustriellen Gesellschaftsformen der »entgrenzten« Welt insofern konfrontiert, als dass es kaum noch Handelsgrenzen und trotz der Krise eine prosperierende Wirtschaft gibt. Auch die kulturell begründeten Barrieren, zum Beispiel zum arabischen oder asiatischen Raum, sind weitestgehend gefallen. In der Summe bietet das der Ökonomie unseres Landes unglaubliche Chancen durch zahlreiche positive Effekte – wie mehr Arbeit, gesündere Menschen oder wachsenden Wohlstand. Es entstehen jedoch auch Risiken – wie Verunsicherung durch das »Unbekannte« oder eine latent anwesende Angst vor Überfremdung. Die Welt verändert sich aber ebenso in ihrer Raumnutzung. In unserem Jahrhundert leben erstmals in der Geschichte mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Die neuindustriellen Gesellschaften mit ihrem stetigen Bevölkerungswachstum stehen gleichzeitig schrumpfenden postindustriellen Nationen gegenüber. So haben wir das Zeitalter der größten Völkerwanderung der Weltgeschichte vor uns. Tradierte Gesellschaftsformen schotten sich zwar jetzt schon ab, werden aber gleichzeitig aufgebrochen: Das führt auch zu neuartigen Persönlichkeits- und Arbeitsprofilen, die tradierten Berufsbilder überleben sich mehr und mehr. Diesem Wandel werden wir innerhalb der WiFa gerecht und bringen Fragestellungen der Ökonomie zusammen mit denen von Umwelt, Ressourcen, Energiewirtschaft oder veränderter Raumnutzung. An dieser Stelle möchte ich eine Lanze für die modularisierten Studiengänge brechen. Nicht nur die WiFa, sondern die Volluniversität selbst hat durch neue Lehrprofile die große Chance, dem veränderten Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Uns in Leipzig bietet sich zudem die Chance, Vorreiter zu sein, weil wir in einer der anziehendsten Städte Mitteldeutschlands genau an der geografischen und inhaltlichen Schnittstelle von Veränderungen liegen. Wir haben die Erfahrung politischer und ökonomischer Grenzen und deren Öffnung gemacht, hier hat sich der demografische Wandel in schrumpfenden Städten zuerst drastisch gezeigt, hier vollzog sich ein starker ökonomischer Bruch. Die daraus gezogenen Lehren bieten uns wertvolles Wissen und Potentiale für auf die Zukunft ausgerichtete Lehre. Weitere Verbesserungen sichern wir durch eine Strukturkommission, welche sich eingehend damit beschäftigt, wie zukünftig Lehrprofile aussehen müssen. Schon jetzt lässt sich betonen: Eine Volluniversität braucht Kooperationsstudiengänge, die fakultäts- und hochschulübergreifend sind. Das werden wir auf kommunaler Ebene ausbauen, aber auch international und insbesondere weiter in Richtung Osten.

Was es mit dem Motiv der Titelseite auf sich hat, lesen Sie ab S. 18.

Wirtschaft trifft Wissenschaft Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet das Thema Wirtschaft sprengt beinahe den Rahmen unseres Titelthemas, auf sieben Doppelseiten berichten die Wissenschaftler der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WiFa), aber auch viele andere Uni-Angehörige von ihren Projekten mit und über die Wirtschaft. Wirtschaftsaufschwung, Wirtschaftspolitik, Schuldenkrise, Wasserwirtschaft und Wachstumsbremse – zu aktuellen Fragen geben die Beiträge aus der WiFa Auskunft. Forschung mit Blick auf die Wirtschaft wird zum Beispiel am Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM) betrieben. Sollen doch gewonnene Forschungsergebnisse schnell in die klinische Anwendung gelangen. Und auch die Geisteswissenschaften können auf enge Zusammenarbeiten verweisen: Das Stichwort »Kultur- und Kreativwirtschaft« wird am Leipziger Beispiel beschrieben. Besonders freuen wir uns, dass wir den Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung auch zum Titelthema befragen konnten. Viel Spaß beim Lesen …

Dr. Manuela Rutsatz , Leiterin der Pressestelle

Prof. Dipl-Ing. Johannes Ringel, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

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Foto: Grüne Woche

UniVersum Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung über die Verbindungen zwischen Stadt und Universität. Impressum Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig Herausgeber: Rektorin der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl. Journ. Katrin Henneberg, Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected] Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected] Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000 Titelbild: Stefan Straube/UKL

Studium universale lenkt im Sommersemester den Blick auf Gedanken über Heimat.

Gleichstellung als Querschnittsaufgabe in allen Hochschulbereichen. Dr. Katarina Stengler ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät.

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Teil zwei der Serie zur Ausstellung »Brisante Begegnungen«.

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Guter Geist: Dr. Christoph Weisbrich, QualitätsmanagementBeauftragter im Zentrallabor.

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Erste Karrierewoche der Uni findet 11 im Mai 2011 statt. Beraternetzwerk wird ausgebaut.

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Ausstellungen: Biodiverses Brasili13 en und älteste Bibel der Welt.

Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei:

Titelthema

Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected]

Warum der Bau von welthöchsten Gebäuden auf eine Krise hindeuten kann. 14

Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 14.03.2011 ISSN 1860-6709

Wirtschaftspolitik im Spannungs16 feld von Krisen. Was die Europäische Staatsschuldenkrise lehrt. Neue »Fußabdruck«-Rechnungen für den Wasserverbrauch. Master reagiert auf veränderte Wasserwirtschaft.

Warum Umweltverschmutzung wirtschaftliches Wachstum bremsen kann.

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Konsortialforschungsprojekt soll 21 Bankenbereich transformieren.

Farbenprächtige Ausstellung Die Aufnahme zeigt eine Vertreterin der phanerogamen Flora des Bundesstaates São Paulo in Brasilien: die Aechmea gracilis Lindm. (Bromeliaceae). Die biodiverse Flora und Fauna Brasiliens präsentiert ab dem ersten Mai eine Ausstellung im Hörsaalgebäude.

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Inhalt

Wirtschaft trifft Wissenschaft: die Gewinner der Uni Leipzig. An einer möglichst frühen Geschlechtsdiagnose am unbebrüteten Hühnerei arbeiten Leipziger Wissenschaftler in einem Forschungsverbundprojekt mit interdisziplinären Partnern. Zu erkennen, ob aus einem Ei ein Hühnchen oder ein Hähnchen schlüpft, gelingt den Beteiligten bereits mit endokrinologischen Methoden ab dem achten Bebrütungstag. Lesen Sie mehr zu neuen Forschungsansätzen und Verfahren ab Seite 30

Preisträger OvulaSens – innovatives Beispiel für eine gelungene Ausgründung. 23 Juristischer Lehrexport für wirtschaftswissenschaftliches Know-how.

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Warum Geisteswissenschaften und Wirtschaft zusammen gehören sollten. 26 Foto: BMU / H.-G. Oed

Umweltverschmutzung als Bremse

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Internationaler Master zu Energiepartnerschaft auf Erfolgskurs. 24 Kunstpädagogik stellt aus.

Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe widmet sich den Schnittstellen von Wirtschaft und Wissenschaft. Einer der inhaltlich vielfältigen Beiträge geht auch der Frage nach, inwiefern Umweltverschmutzung das Wirtschaftswachstum beeinflusst.

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Schnittstelle zwischen Biomedizin und Wirtschaft: Translationszentrum für Regenerative Medizin. 29

Forschung Geschlechtsbestimmung im Hühnerei im Focus der Forschung.

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Gleich zwei Humboldt-Stipendiaten arbeiten derzeit in der organischen Chemie. 32 Foto: S.E. Martins

Stefanie Fritzsche mit Ernst-BayerPreis geehrt. 33

Foto: Swen Reichhold

Fakultäten und Institute

Medientag Biophysik trifft Medizin: Beim Medientag der Fakultät für Physik und Geowissenschaften erklärte unter anderem Dr. Mareike Zink von der Abteilung Physik der weichen Materie die mechanische Stimulierung von Neuronen zur Nervenregeneration. Lesen Sie, was an diesem mit der Pressestelle organisierten Tag ebenso im Fokus von Wissenschaftlern und Medienvertretern stand ab Seite 32

Erfolgreicher Medientag mit Physikern, Geographen und Geologen. 34 Institut für virtuelle Energieforschung wird weiter ausgebaut.

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Wie Lehramtsstudierende praktische Erfahrungen sammeln. 36 Universitätspartnerschaft mit Chile neu belebt.

Brisante Begegnungen Kurz gefasst

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Universität als intellektueller und kultureller Magnet Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung im Interview

Die Universität Leipzig gehört zu den größten Arbeitgebern der Stadt. Unsere Alma mater produziert Wissen, eine Vielzahl von Forschungsergebnissen und breite fachliche Kompetenz – alles Ressourcen für die wirtschaftliche Zukunft Leipzigs und der Region. Inwiefern Stadt und Universität zusammenwirken, erklärt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung der Journal-Redaktion. Welche Bedeutung hat die UL für den Wirtschaftsstandort und die Region Leipzig? Die Universität Leipzig besitzt eine zentrale Bedeutung für unsere Stadt. Nicht nur als Wirtschaftsfaktor, sondern auch als kultureller und intellektueller Magnet. Die wirtschaftlichen Effekte sind dabei vielfältiger Natur. Die Universität inklusive des Medizinischen Klinikums ist zunächst einer der großen Arbeitgeber unserer Stadt: Knapp 5000 Menschen verdienen hier ihren Lebensunterhalt. Nach der Stadtverwaltung ist dies die zweitgrößte Anzahl. Die Universität mit ihren internationalen Kongressen und Konferenzen ist außerordentlich wichtig für die stetig wachsende Zahl von Besuchern und Touristen. Und letztlich ist die Universität, bei allen bekannten Problemen ihres fachspezifischen Zuschnitts, natürlich der erste Ansprechpartner, wenn es um Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft geht. Lassen Sie mich an dieser Stelle aber eines besonders betonen: Die zweitälteste Universität Deutschlands prägt durch ihre schiere Geschichte und Gegenwart die Wahrnehmung unserer Stadt. Dieser Eindruck war immer wieder während des Universitätsjubiläums zu spüren. Wie umgekehrt der Ruf unserer Stadt das beste Argument für viele Bemühungen der Universität darstellt.

Gibt es Wirtschaftsbereiche, in denen die Stadt und die UL sehr eng zusammenarbeiten – wenn ja, welche sind das? Die Wirtschaft bildet kein autarkes Feld. Wo wir kooperieren, geht es um die Verdichtung von wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Potenzialen. Sicherlich ist hier an erster Stelle die BioCity zu nennen, ein gemeinsames Kind von Stadt und Universität. Ohne diese Kooperation wäre das Thema »Biotechnologie« an Leipzig vorbei gegangen. Das Klinikum – insbesondere mit seinem LIFE-Projekt - ist ein weiteres Feld der Zusammenarbeit, bis hin zu straßenbaulichen Sanierungsmaßnahmen. Aber auch in Fragen der Ansiedlung von wirtschaftsnahen Wissenschaftseinrichtungen, denken Sie an das Fraunhofer-Zentrum für Mittel- und Osteuropa, hat sich die Zusammenarbeit bewährt, ebenso bei der Ansiedlung des Deutschen Biomasseforschungszentrums. Es existieren zudem bilaterale Kooperationen von unterschiedlicher Qualität im Rahmen unserer Wirtschaftsförderung. Hier sind natürlich vor allem unsere städtischen Clusterstrukturen zu nennen, in die unsere örtlichen Wissenschaftspartner eingebunden sind.

»Ich w ünsche mir ein st ärkeres geistiges ät Aufgehen der Universit in unserer St adtgesellschaf t.«

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Sehen Sie Möglichkeiten, dass Stadt und Uni künftig wirtschaftlich noch engere gemeinsame Wege gehen? Gibt es hier konkrete Pläne? Wir müssen uns der Aufgabe einer intensivierten Kooperation bei sich verändernden Rahmenbedingungen in jeder Hinsicht stellen. Hier denke ich vor allem an eine regelmäßige Abstimmung unserer Clusterstrategie und der universitären Forschungspotenziale, aber auch an eine für die Universität transparente und abgestimmte Entwicklung der Schwerpunkte unserer Wirtschaftsförderung. Hier ist einiges an Boden

Foto: Stadt Leipzig

Burkhard Jung

gutzumachen. Es ist unsere feste Absicht, im Rahmen der Fortschreibung unserer Clusterstrategie diese innerstädtische Absprache zu institutionalisieren. Es ist zudem überaus wichtig, konkrete Vorhaben zu definieren, die wir gemeinsam angehen wollen, im übrigen nicht nur exklusiv mit der Universität, sondern mit allen Partnern der großen Leipziger Wissenschaftsfamilie. Die Themen Marketing, Internationalisierung, Existenzgründung, Studieren mit Kind, aber auch das gemeinsame politische Werben für die Wissenschaftsstadt Leipzig liegen auf der Hand.

Sehen Sie für Forschung und Lehre der UL starke Wirtschaftspartner und damit vielleicht auch potenzielle neue Drittmittelgeber in der Stadt Leipzig? Im Rahmen der Universitätsfeierlichkeiten 2009 sind vielfältige Kooperationen zwischen der Universität, der Leipziger Wirtschaft und unseren großen städtischen Unternehmen entstanden. Auch die Sparkasse Leipzig, BMW oder Stroer haben sich als Förderer des Jubiläums außerordentlich engagiert. Diese Verbindungen müssten systematisch weiter ausgebaut werden. Mir scheint es aber zu kurz gegriffen, nur in Leipzig auf die Suche nach »Geldgebern« zu gehen. Dies hat nicht nur mit der bekannten Wirtschaftsstruktur unserer Stadt und Region zu tun, sondern vor allem mit der Tatsache, dass Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zunehmend (inter)nationale Angelegenheiten werden. Auch hier ließe sich also sagen: Global denken, lokal handeln. Gerade im Hinblick auf eine bessere Koordination unserer internationalen Kontakte sehe ich echte Verbesserungschancen.

Inwiefern prägt die Uni Leipzig das Flair der Stadt? Es sind die Studentinnen und Studenten der Universität, aber natürlich auch der anderen Wissenschaftseinrichtungen, die das jugendliche Gesicht unserer Stadt wesentlich prägen. Leipzig wird als eine junge und interessante Stadt wahrgenommen, weil ein studentisches Milieu und eine kreative Szene im Bild unserer Stadt kräftige eigene Zeichen setzen. Dass eine Universität das geistige Klima einer Stadt mitbestimmt, versteht sich beinahe von selbst. Dass eine Universität aber einen neuen innerstädtischen Campus bekommt, ist im Deutschland der Gegenwart nicht nur einmalig, sondern eine großartige Herausforderung an die Universität, für unsere Stadt da zu sein. Lassen Sie mich daher an dieser Stelle auch sagen: Ich wünsche mir von allen Universitätsangehörigen eine intensivere – durchaus auch kritische – Identifikation und Verbundenheit mit unserer Stadt, mit ihren Potenzialen und Problemen. Vielleicht darf ich auch zur Person sprechen: Gerade die in Leipzig starken Sozial- und Geisteswissenschaften sollten im Stadtleben erkennbarer werden. Sicherlich: Die Universität hat mit ihren eigenen Problemen im Rahmen der Bolognareformen, der Exzellenzinitiative und der Finanzausstattung zu tun. Wie wir im Übrigen mit den unseren! Dies ist mir durchaus bewusst. Dennoch wünschte ich mir ein stärkeres geistiges Aufgehen der Universität in unserer Stadtgesellschaft.

In welchen Bereichen könnte die Zusammenarbeit zwischen Uni und Stadt auch jenseits des Wirtschaftssektors Ihrer Meinung nach noch erweitert werden? Wir tun es ja bereits in vielen Feldern. Ich will hier exemplarisch das Projekt »Stadtgeschichte« nennen, das wir gemeinsam mit Professoren des Historischen Seminars angehen. Im Jahr 2015, zum 1000. Jubiläum unserer Stadt, wollen wir eine große vierbändige Geschichte unserer Stadt präsentieren, die wissenschaftlich anspruchsvoll, kritisch und zugleich populär sein soll. Ein weiteres aktuelles Beispiel: Wir verleihen am 15. April, gemeinsam mit der Universität und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, bereits zum fünften Mal den Leipziger Wissenschaftspreis. Zudem sind wir im Moment dabei, einen Kooperationsvertrag zwischen der Stadt und der Universität zu erarbeiten, eine Idee des bisherigen Rektorats, die wir mit der neuen Universitätsführung vollenden wollen. Vielen Dank für das Gespräch.

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Heimat – wo ist das? eimweh ist ein Gefühl, das den meisten Menschen bekannt ist. Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich geborgen fühlt. Über Heimweh zu sprechen ist in der heutigen Zeit erlaubt. Anders verhält es sich mit dem Begriff Heimat. Mit diesem beschäftigt sich im Sommersemester 2011 das Studium universale. »Da der Heimat in der Ideologie der Nationalsozialisten zentrale Bedeutung zugemessen wurde, ist dieser Begriff für einige Zeitgenossen mit einem Makel versehen. Doch darf der moderne Mensch keine Heimatgefühle hegen, weil das Wort aus historischer Perspektive anstößig erscheint?«, fragt Prof. Dr. Elmar Schenkel, Leiter des Arbeitskreises Studium universale und Professor für englische Literatur am Institut für Anglistik der Universität Leipzig. Oder mehr noch: War der Missbrauch des Heimatgedankens durch die Nationalsozialisten vielleicht nur der Anfang vom schleichenden Ende der Heimatgefühle überhaupt? »Im Angesicht der Globalisierung und ihrer Begleiterscheinungen, die jeden zum Mitverantwortlichen am Weltgeschehen machen, stellt sich die Frage nach einer Neudefinition des Heimatverständnisses – wo und vor allem wie kann der moderne Mensch überhaupt daheim sein?«, so Schenkel weiter. Von dieser Frage ausgehend, eröffnet der Philosoph der Hoch-

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schule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Prof. Dr. Christoph Türcke, die diesjährige Vorlesungsreihe, indem er die Heimat nicht als einen Ort betrachtet, sondern als einen Zustand, den man niemals hinter sich lässt. Die weiteren Referenten setzen sich unter anderem mit dem deutschen Heimatfilm, den mit dem Begriff Heimat verbundenen identitätsbildenden Diskursen oder dem Selbstverständnis von Heimatvereinen auseinander. Betrachtet werden ebenfalls die räumlich und sinnlich erfahrbare Komponente des Heimatbegriffes und die Universitäten selbst als Beispiel bedrängter Heimatgefühle, in dem Wissen und Wissenschaftler nicht länger zu Hause sind, sondern sich zunehmend in einem betriebswirtschaftlichen Angestelltenverhältnis befinden. Nicht zuletzt kommen der Verlust und die versuchte Wiedergewinnung von Heimat am Beispiel verschiedener Autoren der ostmitteleuropäischen Exilliteratur zur Sprache. Die Reihe beschließt Hans Ulrich Treichel, Leiter des Deutschen Literaturinstituts und Professor für Deutsche Literatur. Er berichtet aus persönlicher Erfahrung von der Aufgabe, sich selbst und seine Heimat ständig neu zu erfinden, entwerfen und ‚umschreiben‘ zu müssen. Red. www.uni-leipzig.de/studiumuniversale Foto: Swen Reichhold

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Foto: Swen Reichhold

Georg Teichert, zentraler Gleichstellungsbeauftragter: »Wir wollen ein Leipziger Modell entwickeln, das die Besonderheiten unserer Universität berücksichtigt.«

Chancengerechtigkeit als Prinzip Gleichstellungsreferat fördert intensiv mehr Frauen auf allen Qualifizierungsstufen

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ls Querschnittsaufgabe in allen Bereichen der Hochschule betrachtet der zentrale Gleichstellungsbeauftragte, Georg Teichert, sein Amt. Erstmalig hat mit dem 24-Jährigen ein Studierender diese Aufgabe übernommen. Das Referat legte gerade den ersten Zwischenbericht zur Umsetzung der Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vor, den der Senat einstimmig annahm. Zu den DFG-Standards hat sich die Universität Leipzig bereits 2009 bekannt, um Frauen auf allen Ebenen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses zu fördern. Auch die Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking, betrachtet die Umsetzung des Gleichstellungsauftrags als ein oberstes Ziel. »Die Bestenauslese auf allen Qualifizierungsstufen ist ein zentrales Prinzip einer auf Qualität bedachten Universität. Wenn auf den oberen Ebenen noch Frauen fehlen, müssen wir handeln«, so die Rektorin. Im Zwischenbericht war zunächst wichtig zu zeigen, was für Gleichstellung bereits getan wurde. Er legt ehrlich dar: »Dem Thema haben wir, trotz einzelner guter Initiativen, insgesamt zu wenig Beachtung geschenkt«, erklärt Teichert. Aus fehlender Chancengerechtigkeit und Familienfreundlichkeit, auch vorhandener Diskriminierung, ergab sich ein Bündel geplanter Maßnahmen im Berichtszeitraum bis 2013. Dazu gehört die Verankerung von Weiterbildungsworkshops zu »Geschlechterstereotypen« oder ein interdisziplinärer Masterstudiengang »Gender Studies«. Für Letzteren existiere quer durch alle Fächer großes Potenzial und ganz klares Inter-

esse. »Wir wollen auch ein Leipziger Modell entwickeln, das die Besonderheiten unserer Universität berücksichtigt.« Eine notwendige strukturelle Veränderung betont der gebürtige Dresdner: die Verankerung von Gleichstellung in den Prozessen der Hochschule. Über eine Quote lasse sich zwar relativ schnell der Frauenanteil erhöhen, was am Problem fehlender Chancengerechtigkeit aber nichts ändere. »Wir streben deshalb die von der Rektorin vorgeschlagene Änderung der Berufungskommission dahingehend an, dass in dieser mindestens zwei Frauen sitzen. Dieser Faktor ist entscheidend dafür, ob Frauen auch berufen werden.« An der Entwicklung weiterer Maßnahmen, die im Gleichstellungskonzept im Frühjahr 2012 vorgelegt werden sollen, wird intensiv gearbeitet. »Ein Herzensanliegen dabei ist mir insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf«, so Teichert. Enthusiastisch stimmen ihn dabei verschiedene Umstände: »Wir haben eine unglaublich günstige Kombination von verschiedenen Dingen. Bei den dezentralen Gleichstellungsbeauftragten gibt es viele junge Engagierte, mit mir auch drei Männer, die Veränderungen wollen und aus den Fakultäten heraus anstreben. Wir haben zweitens die Notwendigkeit erkannt, dass die DFG auch bei der Vergabe von Drittmitteln großen Wert auf Gleichstellung legt. Nur durch Vielfalt ist exzellente Forschung und Lehre möglich. Das dritte ist die Unterstützung seitens des Rektorats.« Nicht zuletzt setze er aber auf die Bekenntnisse aller Entscheidungsträger, um Bedingungen zu verändern. »Wenn durch notwendige Sparmaßnahmen Strukturstellen gestrichen werden, müssen wir aus Gleichstellungsperspektive aufpassen, dass die Kürzungswelle nicht zu sehr feminisiert wird«, warnt Teichert trotz Unterstützung des Gleichstellungsauftrags von vielen Seiten in der Universität. Zunächst betrachtet er eine neue, besondere Personalie aber hocherfreut: Leipzig hat derzeit gleich drei Professorinnen an der Spitze einer Hochschule – Beate Schücking an der Universität, Renate Lieckfeldt an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur und Ana Dimke an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Eine Diskussionsrunde, bei der alle drei gemeinsam auf einem Podium sitzen, steht ganz oben auf der Gleichstellungsagenda. Katrin Henneberg journal Universität Leipzig 2/2011

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Foto: Medizinische Fakultät

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Dr. Katarina Stengler will Führungspositionen für Frauen attraktiv gestalten.

»Ich weiß, welche Hürden beim Wiedereinstieg im Weg stehen« Dr. Katarina Stengler ist neue Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät

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leichstellung bedeutet für mich, die biologischen Unterschiede nebeneinander stehen zu lassen, jedoch gesellschaftlich gleiche Chancen zu schaffen.« Das sagt die neue Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät, seit 1. Januar 2011 im Amt, und seit kurzem auch zur Frauenbeauftragten des Uniklinikums ernannt. Dr. Katarina Stengler ist dem Thema aus eigenem Erleben verbunden. Ihr erstes Kind kam noch während des Medizinstudiums in Leipzig zur Welt. Danach hieß es, die Facharztausbildung Psychiatrie, klinische Arbeit und wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Familienleben zu vereinbaren. Seit 1994 arbeitet sie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Während der Habilitation dann die zweite Schwangerschaft, eine deutliche Zäsur, wie sie sagt. »Ich habe ein Jahr ausgesetzt, weiß welche Hürden beim Wiedereinstieg im Weg stehen, wie gut oder schlecht Karriere und Kind zu vereinbaren sind. Für Frauen ist es heute schwieriger zu sagen, ich gehe (volltags) arbeiten und habe meine Familie und mache beides gut.« Die 42-jährige leitet die Ambulanz ihrer Einrichtung und hat ihren Schwerpunkt auf Mutter-Kind-Fragen sowie Zwangsstörungen gelegt.

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Nun selbst in der Dozentinnenrolle beobachtet sie, dass die Ansprüche im Vergleich zu ihrer Studienzeit gestiegen sind. »Die Studierenden sind selbstbewusster geworden, fordern Wissen ein, legen gelegentlich auch eine gewisse Nehmerhaltung an den Tag.« Im neuen Amt will sie sich vor allem für Chancengleichheit einsetzen. »Die Zahlen sprechen ja für sich. Bis zu 70 Prozent Studienanfängerinnen, auf der anderen Seite nur zwei bis drei Prozent Professorinnen. Das ist ein Flaschenhals, der mir aus keiner anderen Fachrichtung so zugespitzt erscheint, wie in der Medizin.« Stengler sieht es als große Herausforderung, Führungspositionen für Frauen so zu gestalten, dass sie motiviert werden, den Weg einzuschlagen. Selbstverständlich stehe ihre Tür im Büro Liebigstraße 27a auch Männern offen. Ein Thema hier beispielsweise die Erziehungszeit und damit verbundene Probleme. »Mein Anspruch ist es, Stigmatisierung abzubauen und junge Männer in ärztlicher Ausbildung in ihrem Bedürfnis und Anspruch zu unterstützen.« Auch das sei eine Aufgabe der Gleichstellung. Ab April werden feste Sprechzeiten angeboten, über Mail ist Stengler jederzeit erreichbar, Anonymität wird gewährleistet. Diana Smikalla

Brisante Begegnungen Ausstellung: Der SFB 586 präsentiert Ergebnisse in Hamburg*

Teil 2/6

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omaden leben von ihren Tieren: Schafen, Rindern, Ziegen. Seit Jahren stellen Hirten in Osttibet dies jedoch auf den Kopf. Für ihr Einkommen zumindest spielt inzwischen »Im Sommer Gras, im Winter Wurm« eine größere Rolle. So wird Yartsagunbu übersetzt, ein Schlauchpilz mit dem lateinischen Namen Ophiocordyceps sinensis und Raupenpilz zu Deutsch. Er findet sich im tibetischen Hochland in Höhen zwischen 3500 und 5000 Metern und befällt als Parasit die Larven der Faltergattung Thitarodes. Die Uneindeutigkeit dieser scheinbaren Zwischenform zwischen Tier und Pflanze (tatsächlich Insekt und Pilz) macht ihn zu etwas Außergewöhnlichem. Über den Handel hat Yartsagunbu die Weidegebiete des Hochlands eng mit chinesischen Großstädten verbunden. Auf Speisezetteln erscheint der Raupenpilz als Zutat, doch die gängigste Form des Verzehrs ist Schnaps, in den er eingelegt wird: »Gut für den Mann«! Als Heil- und Stärkungsmittel gilt Yartsagunbu in der chinesischen Medizin, vor allem aber als Aphrodisiakum. Wenn Natursubstanzen die Steigerung der Libido zugeschrieben wird, erfreuen sie sich großen Zuspruchs. Die Herausbil-

Foto: Andreas Gruschke

Mit der Abschlussausstellung »Brisante Begegnungen« bietet der Sonderforschungsbereich 586 »Differenz und Integration« ab dem 17. November 2011 im Hamburger Museum für Völkerkunde einen Einblick in seine zehnjährige Forschungsarbeit. Kuratiert wird die Exposition »Brisante Begegnungen« von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan. Am SFB 586 sind neben der Universität Leipzig die Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg, das Institut für Länderkunde, das Helmholtz-Institut sowie das Max-PlanckInstitut für Ethnologische Forschung beteiligt.

Raupenpilz aus Tibet

dung einer begüterten Mittelschicht in China hat die Nachfrage und damit die Preise rasant ansteigen lassen: von 500 Yuan pro Pfund 1988 auf inzwischen 70.000 Yuan und mehr. Ein Pfund bester Qualität des begehrten Pilzes kostete Ende 2010 120.000 Yuan (zirka 13.000 Euro) und war damit so teuer wie Gold. Dadurch ist das Raupenpilzsammeln im tibetischen Hochland zur wichtigsten Einkommensquelle vieler Drokpas geworden, wie Nomaden im Hochland genannt werden. Ein bis zwei Monate lang stiehlt der Raupenpilz den Herdentieren daher die Schau. Vielen Drokpas reichen Yaks und Schafe nur noch zur Deckung ihres Eigenbedarfs an Tierprodukten; für andere Bedürfnisse steht die Geldwirtschaft an zentraler Stelle. Ärmeren Nomadenfamilien bietet diese Ressource die einzigartige Möglichkeit, Defizite der Viehwirtschaft auszugleichen. Für

* Kuratiert von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan

viele Haushalte stellt das Sammeln von Raupenpilz daher eine Überlebensnotwendigkeit dar; für andere ist es Grundlage ihres Wohlstands. Der größte Teil des Bargeldeinkommens nomadischer Haushalte stammt heutzutage aus dieser Quelle. Die Einnahmen sind mancherorts so hoch, dass ein veränderter Lebensstandard offensichtlich wird: Neue Hausbauten, Autokauf, ja sogar städtische Kleidung werden bei Hirten zur Mode. Andreas Gruschke und Janka Linke; Projekt: A4 »Nomaden ohne Weide? Brennpunkte nachhaltiger Entwicklung: Politische Ökologie und menschliche Sicherheit«. Projektverantwortliche: Prof. Dr. Jörg Gertel, Dr. Ingo Breuer (Orientalisches Institut der Universität Leipzig)

Gefördert von

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Foto: Swen Reichhold

Rund 1.200 Aufträge werden durchschnittlich pro Tag im Zentrallabor bearbeitet.

Der Gute Geist Dr. Christoph Weisbrich organisiert das Qualitätsmanagement im Zentrallabor

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ine der 83 Rohrpoststationen des Universitätsklinikums Leipzig steht fast niemals still. Rund um die Uhr landen sogenannte Büchsen – davon gibt es insgesamt 560 Stück – im Zentrallabor, am Tag zirka 1.200 Aufträge. Jeder Auftrag kann aus mehreren Untersuchungsmaterialien bestehen, deren Parameter in drei Schichten bestimmt werden. »Wir untersuchen vor allem Blut, Urin und Liquor, aber auch alle anderen Körperflüssigkeiten«, erzählt der Klinische Chemiker Dr. Christoph Weisbrich, Qualitätsmanagement-Beauftragter des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik. Ob Metabolite, Elektrolyte, Proteine, Hormone, Blutkörperchen, Gerinnungsdiagnostik oder Medikamentenspiegel: Die Bestimmung der Werte erfolgt hochtechnisiert mit neuesten wissenschaftlich validierten Methoden und unter ständiger laborwissenschaftlicher Überwachung und Dokumentation aller Arbeitsschritte. »Das empfindet niemand als übermäßige Kontrolle, sondern nur durch die exakte Verfolgung aller Abläufe können wir Qualität gewährleisten und uns bei Bedarf verbessern«, sagt der 55-Jährige. Bei lebensbedrohlichen Anfragen wird in nur 45 Minuten ein umfassender Befund erstellt. Die reguläre Durchlaufzeit von Routineanforderungen, zu der es auch gehört, Proben erst einmal in den richtigen Zustand zu versetzen, zum

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Beispiel Blutzellen durch Zentrifugation abzutrennen, beträgt durchschnittlich zwei Stunden. Zudem wird im Zentrallabor das Neugeborenenscreening durchgeführt. Überwiegend aus ganz Sachsen kommen die Proben der jährlich 40.000 Babies zur Vorsorgeuntersuchung auf Stoffwechselerkrankungen. Zu Weisbrichs Aufgaben gehört es auch, den medizinisch technischen MitarbeiterInnen (MTA) im wahrsten Sinne des Wortes auf die Finger zu schauen, wenn Sie bearbeiten, was durch die insgesamt 16.000 Meter Fahrrohr mit 85 Weichen und 34 Linien den Weg ins Labor gefunden hat. Er stellt auch nur selten selbst Proben in die teilweise riesigen, hochintegrierten Gerätschaften mit einem breiten Untersuchungsspektrum, von denen es für den Havariefall auch ein Backup gibt. Vielmehr wacht er über optimale Abläufe im Labor bis zur Befundübermittlung sowie die Weiterbildung der MTAs. »Denn sie schauen zur Qualitätssicherung jedes einzelne Analyseergebnis an und beurteilen dieses im Rahmen der technische Validation«, erklärt der Belgershainer. »Dazu gehört auch die Kalibration und Kontrolle der Messgeräte. In sogenannten internen Audits befrage ich die MitarbeiterInnen zu Abläufen und Arbeitsschritten, um zu erkennen, ob Verbesserungsbedarf besteht.« Während die Kolleginnen und Kollegen manchmal schon auf den ersten Blick an der Konsistenz der Probe erkennen, ob beispielsweise ein Patient nicht nüchtern war, sieht sich Weisbrich regelmäßig mit jeder Menge zu wälzendem Papier konfrontiert, um das Qualitätsmanagement für die Akkreditierung als medizinisches Labor und als Prüflabor, erstklassig zu halten. Es gilt Normen zu erfüllen und auf externe Überprüfungen gut vorbereitet zu sein. »Hier bin ich Opfer und Täter zugleich«, scherzt der Vater dreier Kinder, der selbst als Fachgutachter

für Klinische Chemie und Hämatologie tätig ist. »In den Richtlinien der Bundesärztekammer steht zudem, was für uns der zu erfüllende gesetzliche Rahmen bezüglich Qualitätsmanagement und Qualitätskontrolle ist.« Wie weit umfassend Qualitätsmanagement ist, zeigt auch das Qualitätsmanagementhandbuch des Instituts: Hier müssen organisatorische Abläufe und Strukturen ebenso genau beschreiben, wie die Lenkung der Dokumente oder die Validierung der Untersuchungsergebnisse. Die 20 Kapitel auf rund 300 Seiten sind von ihm stets gut sortiert und aktuell zu halten. Nicht zuletzt für die Qualität patientennaher Sofortdiagnostik, für die weitere Geräte direkt auf Station zum Beispiel zur

Bestimmung Blutzucker- und Blutgaswerten, zeichnet Weisbrich seit dem Jahr 2003 als Beauftragter im Klinikum verantwortlich. Patientennah will er die Tätigkeiten im Zentrallabor ohnehin immer verstanden wissen, steht selbst im engen Kontakt mit Klinikern, um die Gipfel sinnvoller Zusammenarbeit zu erklimmen. Gebirge mag der ausgesprochene Jugendstilliebhaber übrigens auch privat. Herausforderungen sieht der bald dreifache Großvater hier aber weniger im Klettern, sondern vielmehr in entspannenden Wanderungen gemeinsam mit seiner Frau. Katrin Henneberg

Studium fertig und was nun? Im Mai findet die erste Karrierewoche der Universität Leipzig statt nter dem Motto »Vorausschauen mit Weitblick, Orientieren mit Einblick, Starten mit Durchblick« veranstaltet das Career Center der Universität Leipzig vom 09. bis 13. Mai 2011 erstmalig für seine Studierenden eine Informationswoche rund um die Themen Praxisorientierung und Berufseinstieg. Prof. Dr. Beate Schücking freut sich, als neue Rektorin der Universität Leipzig die Schirmherrschaft für die Karrierewoche zu übernehmen: »Ziel der Karrierewoche ist es zum einen, unsere Studierenden dafür zu sensibilisieren, sich bereits während des Studiums auch beruflich zu orientieren und sich Perspektiven zu eröffnen, wie es nach dem Studium weitergehen könnte. Zum zweiten wollen wir im Sinne des Bologna-Prozesses konkrete Anregungen für praxisnahes Studieren geben und den Übergang vom Studium in die Arbeitswelt fördern.« So bietet der Berufseinstiegstag am 10. Mai 2011 zahlreiche Foren zu Themen wie der beruflichen Orientierung, Arbeiten im Ausland, Existenzgründung und rechtliche Fragen beim Berufseintritt. Bei einem Bewerbungscheck erhalten die Studierenden zudem wertvolle Tipps für ihre Unterlagen in Deutsch und Englisch. Weitere Angebote während der Karrierewoche sind Workshops, die Absolventen- und Firmenkontaktmesse WIK-Leipzig, eine Podiumsdiskussion zum Thema »Als Geisteswissenschaftler in die Wirtschaft« sowie Exkursionen zu regionalen Unternehmen. Partner der Karrierewoche sind unter anderem die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt Leipzig (KOWA), die Agentur für Arbeit Leipzig, die Industrie- und Handelskammer Leipzig, die Handwerkskammer zu Leipzig sowie die Selbstmanagementinitiative SMILE und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Das Career Center der Universität Leipzig ist seit seiner Gründung im August 2009 zentrale Schnittstelle zwischen

Foto: Swen Reichhold

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Das Career Center informiert rund um die Themen Praxisorientierung und Berufseinstieg.

Hochschule und Arbeitswelt. Mit Beratungs-, Qualifizierungsund Informationsangeboten werden die Studierenden frühzeitig auf den Übergang in das Berufsleben vorbereitet. Das Career Center finanziert sich aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Freistaates Sachsen. Die Finanzierung zielt darauf ab, die Einrichtung an der Universität nachhaltig zu etablieren. Bianca Stur journal Universität Leipzig 2/2011

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Foto: Universität LeipzigLeipzig Foto: Universität

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Beraterin Gudrun Ratter beim Studieninformationstag.

Geplanter Ausbau des Beraternetzwerks D

ie Universität Leipzig wird in diesem Jahr ihr Beraternetzwerk für Studierende ausbauen, indem sie zentrale und dezentrale Einrichtungen noch besser miteinander vernetzt. Damit soll der Beratungsservice für Studierende weiter verbessert werden. Beratung und Information sind Kern des Serviceangebots zahlreicher Einrichtungen sowie externer Dienstleister der Universität: der Zentralen Studienberatung, der Studienfachberatungen in den Fakultäten und Instituten, des Akademischen Auslandsamtes, des Career Centers, des Studentenwerks, der Fachschaftsräte und des StuRa – sie alle und noch viele mehr stehen täglich im Kontakt mit Studierenden und helfen bei Fragen zu Studium, Leben und Karriere. Damit sich die Berater der verschiedenen Bereiche untereinander besser vernetzen können, werden Formate geschaffen, um gezielt von den Erfolgen der anderen Berater zu lernen, effektiver zusammenzuarbeiten und den Dialog zwischen den Einzelberatern anzuregen. Um die geplante Vernetzung tief in die Strukturen der Universität zu tragen, sind Best-Practice Workshops geplant, in denen die verschiedenen Berater Raum zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch haben. Im April findet der erste Workshop dieser Art als Auftakt statt. Außerdem soll es ein digitales »Beraterforum« geben, um ak-

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tuelle Fallfragen zu besprechen. Ein »Newsletter der Berater« wird zudem über aktuelle Themen aus dem Bereich Beratung an der Universität Leipzig informieren. »Ich sehe eine große Chance in diesem Vorhaben, da hier Berater in einer neuen Form die Möglichkeit erhalten, sich über ihre tägliche Arbeit auszutauschen, offene Fragen auf kürzeren Wegen zu klären und damit letztlich das Beratungs- und Betreuungsangebot für die Studierenden zu verbessern«, sagt die Koordinatorin des Beraternetzwerkes, Nancy Beyer. Die Leitung und Koordination erfolgt durch das Dezernat Akademische Verwaltung und wird in seiner Umsetzung durch das Dezernat Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsförderung der Universität Leipzig unterstützt. Finanziert wird das geplante Maßnahmenbündel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Hochschulinitiative Neue Bundesländer.

Red.

Ausstellung im Hörsaalgebäude führt nach Brasilien

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Foto: M. Boyayan

om 1. Mai bis zum 15. Juli 2011 ist im Foyer des Hörsaalgebäudes am Augustusplatz die Ausstellung »Brazilian Nature – Mystery and Destiny« der Forschungsförderstiftung des brasilianischen Bundesstaates São Paulo (Fundação de Amparo à Pesquisa do Estado de São Paulo – FAPESP) zu sehen. Die Schau präsentiert Fotos und Fakten zur Artenvielfalt Brasiliens und stellt wesentliche Aktivitäten der Förderung von Biodiversitätsforschung durch die FAPESP vor. Die Institute für Geographie und Biologie sowie der Botanische Garten der Universität Leipzig sind seit mehreren Jahren in deutsch-brasilianischen Forschungskooperationen tätig und haben gemeinsam mit dem ENEDAS e.V. diese bildgewaltige und informative Ausstellung für die Universität Leipzig gewinnen können. Red. Affe aus der brasilianischen Mata Atlântica.

Konstantin Tischendorf auf der Suche nach der ältesten Bibel Nach Gutenbergs erster gedruckter Bibel zeigt die Universitätsbibliothek jetzt die älteste Bibel der Welt, den »Codex Sinaiticus« aus dem vierten Jahrhundert. Er steht im Zentrum der aktuellen Schau in der Bibliotheca Albertina. Diese Sensation ist zunächst vor allem Konstantin Tischendorf (1815-1874) zu verdanken, denn er hatte sich der Suche nach dem Urtext der Bibel verschrieben. 1844 entdeckte der evangelische Theologe im Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel Der Theologe Konstantin das älteste Bibelmanuskript Tischendorf mit dem vollständigen Text des Neuen Testaments, brachte 43 wertvolle Pergamentblätter davon nach Leipzig in die Universitätsbibliothek und veröffentlichte die wissenschaftliche Sensation unverzüglich. Weitere Reisen, die ihn immer wieder an den Fundort führen, vervollständigten das Entdeckte. Der

Lebensleistung Tischendorfs ist die Ausstellung gewidmet. Sie verfolgt den abenteuerlichen Weg der Suche nach dem historischen Text und zeigt neben persönlichen Reisedokumenten, Briefen, Auszeichnungen sowie seltenen Handschriften und Faksimiles vor allem zwei Blätter des »Codex Sinaiticus«. Der Wissenschaftler war von alten Handschriften fasziniert und seine Erfolge in der Paläographie, die er an der Universität Leipzig als eigenständige Fachdisziplin einführte, brachten ihm Ruhm ein. Doch auch er blieb von Fälschungsvorwürfen und Kritik nicht verschont. Diesem Thema widmet sich die Exposition in einer eigenen Abteilung, ebenso wie seinen poetischen Ambitionen, die in der Vertonung eines seiner Gedichte durch Felix Mendelssohn Bartholdy gipfelten. Ein Rahmenprogramm mit Führungen und Vorträgen begleitet die Schau. Ein Katalog, der ebenso wie die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Byzantische und Neugriechische Philologie der Universität Leipzig entstand, wurde von Foteini Kolovou und Ulrich Johannes Schneider herausgegeben. Noch bis zum 29. Mai ist die Ausstellung täglich von 1018 Uhr geöffnet. Petra Löffler www.ub.uni-leipzig.de/tischendorf

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Mit einer Höhe von 452 Metern überragen die Petronas Towers die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur.

Foto: Someformofhuman/Wikipedia Commons

Wolkenkratzer ... 14

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Symbole für den Wirtschaftsaufschwung oder Signal für eine heraufziehende Krise? D

ie Untersuchung »This Time is different« von Carmen M. Reinhart und dem bekannten Ökonomen Kenneth M. Rogoff gelangte zu der Erkenntnis, dass zahlreiche Finanzkrisen der Vergangenheit auf Immobilienblasen und deren Finanzierung durch Banken zurückzuführen sind. Das alte Bonmot von Börsianern »Wenn ein Land den neuen höchsten Wolkenkratzer baut, dann bricht dort eine Wirtschaftskrise aus« scheint auf den ersten Blick abwegig zu sein. Wolkenkratzer werden seit Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut. Technische Voraussetzungen waren die Entwicklung des dampfgetriebenen Aufzugs und der Stahlskelettbauweise. Stellt man die Beziehung zwischen dem Bau noch höherer Wolkenkratzer und dem Ausbruch einer Wirtschaftskrise her, dann lassen sich zahlreiche Auffälligkeiten erkennen. Auffällige Beispiele aus der Vergangenheit Erstens: Die Börsenbaisse 1929 beendete den Wirtschaftsaufschwung der USA und mündete in der »great depression«, von der sich die USA erst mit dem Kriegseintritt 1941 erholen konnten. 1930/31 wurden die damals höchsten Skyscraper Chrysler Building (319 Meter) und Empire State Building (381 Meter) in New York fertiggestellt. Zweitens: Das Jahrzehnt 1970-1980 prägten nicht nur zwei Ölkrisen, sondern auch die Auflösung des Bretton Woods-Abkommens. Die USA waren damals durch die Niederlage und die Kosten des Vietnamkriegs in Mitleidenschaft gezogen, hinzukam die Stagflation (Stagnation und Inflation). 1972/74 wurden in New York und Chicago die damals höchsten Wolkenkratzer fertiggestellt (World Trade Center 417 Meter, Sears Tower 442 Meter). Drittens: In den 90er Jahren entwickelte sich in den asiatischen Tigerstaaten die Euphorie, dass das 21. Jahrhundert ein asiatisches Jahrhundert sei. Die Volkswirtschaften der asiatischen Staaten traten in den Wettbewerb mit den traditionellen Industrieländern ein. Geprägt war dieser langanhaltende Aufschwung von exzessiven Immobilieninvestitionen, nicht nur in Malaysia (Petronas-Towers 452 Meter), sondern auch in Thailand, Indonesien oder Südkorea. 1997 war der Beginn der Asien-Krise mit dem Rückschlag für die Tigerstaaten. Viertens: Der derzeit höchste Wolkenkratzer steht in Dubai: Burj Khalifa (828 Meter). Dieses Emirat hat lediglich marginale Einnahmen aus Erdöl/Erdgas und will sich auf die Nach-Öl-Ära vorbereiten, unter anderem durch umfangreiche Immobilieninvestitionen. Diese Investitionen erwiesen sich zum Teil als Fehlinvestitionen und verursachten die Krise des Emirats.

Fünftens: Namhafte Ökonomen, wie Rogoff, publizierten vor wenigen Monaten ihre These einer chinesischen Immobilienblase. Privatanleger spekulieren dort auf Gewinne durch Immobilieninvestitionen. Die Zentralregierung ergriff inzwischen eine restriktive Haltung gegenüber solchen Investitionen, aus Angst, die gravierende »Bauwut« in China könnte den Virus einer Wirtschaftskrise in sich tragen. Den Begriff »Flippern« konnte man nicht nur bereits 2004 in Darstellungen zur Immobilienblase der USA lesen, sondern heute auch in Artikeln zur Immobilienspekulation in den chinesischen Hafenstädten. Flippern bedeutet hohe Immobilieninvestitionen etwa in Florida auf Kredit zu tätigen und nach kurzer Zeit diese Immobilien mit einem zweistelligen Wertzuwachs weiterzuverkaufen, das heißt, man will mühelos reich werden. Die Auflistung der Wolkenkratzer in China ist beeindruckend: Allein in den letzten Jahren wurden acht Wolkenkratzer gebaut. 2014 erfolgt die Fertigstellung zweier weiterer Wolkenkratzer (597 Meter und 632 Meter hoch). Euphorie der Tigerstaaten Solche Investitionen erfolgen häufig erst am Ende eines langandauernden Aufschwungs. 1996 verkündeten Politiker aus den Tigerstaaten: »Das 21. Jahrhundert ist ein asiatisches Jahrhundert.« Heute kann man in China die Auffassung vernehmen, dass das dritte Jahrtausend ein chinesisches Jahrtausend sei. Wolkenkratzer symbolisieren Euphorie, fehlendes Risikobewusstsein und Sorglosigkeit, Irrationalität in den Investitionen, leichtfertige Kreditvergabe der Banken, Neigung zu Fehlinvestitionen und Imponiergehabe. Nicht immer werden Immobilienblasen von weltgrößten Wolkenkratzern signalisiert. In Spanien, schwer »gebeutelt« von Wirtschaftskrise und hausgemachter Immobilienblase, befinden sich immerhin vier der 15 höchsten Gebäude in Europa. Auch dort kann man Wolkenkratzer beobachten, auch wenn sie nicht so hoch sind wie in Dubai. Die Wolkenkratzer in den früheren Jahrhunderten waren Tempelbauten und der Bau von Domen: Griechische Staaten übertrumpften sich mit dem Bau von Tempeln, Städte des Mittelalters wetteiferten durch die Errichtung von Domen. Die Stadt Köln konnte den im Mittelalter begonnenen Bau des Doms erst im 19. Jahrhundert vollenden. Prof. Dr. Jürgen Singer, Institut für Handel und Banken der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät

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Das Institut für Wirtschaftspolitik im Spannungsfeld von Krisen

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Insbesondere die Papiere zur chinesischen Dollarbindung finden weltweit Beachtung. Das aktuellste Papier zeigt auf, wie die lockere Geldpolitik in den USA strukturelle Verzerrungen in China begünstigt, die zur Gefahr für die globale wirtschaftliche Erholung werden können. Ein Projekt mit der Université Paris I Pantéon-Sorbonne widmet sich den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten für die Ungleichgewichte in der Eurozone. In den Arbeiten wird die Bedeutung des Euro für die Stabilität in Europa deutlich. Damit wird auch erklärt, warum viele mittel- und osteuropäische Staaten trotz Eurokrise weiterhin Teil der Eurozone werden wollen. Die Forschungsergebnisse des Instituts für Wirtschaftspolitik werden nicht nur in internationalen referierten Fachzeitschriften publiziert, sondern finden sich auch in aktuellen Tageszeitungen wie Frankfurter Allgemeine Zeitung und Financial Times oder in den Blogs Wirtschaftliche Freiheit, Think Markets (New York University) und Ökonomenstimme (ETH Zürich) wieder. Sowohl für Experten und Studenten der VWL als auch für interessierte Fachfremde dürften deshalb auf der Webseite des Instituts Informationen zu aktuellen internationalen wirtschaftspolitischen Problemen zu finden sein. Prof. Dr. Gunther Schnabl, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik

Foto: Swen Reichhold

Die 2007 einsetzende Welle von Krisen, die ausgehend von den USA in Form von Finanz-, Währungs- und Wirtschaftskrisen alle Winkel der Welt erreichte, wirkt bis heute nach. In den USA verweilt die Arbeitslosigkeit auf historischem Hoch. In Europa schwelen Leistungsbilanzungleichgewichte und die Eurokrise. Die Hoffnung für die globale Erholung kommt aus dem dynamischen China, wo aber Überhitzung droht. Am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig begleiten Forschung und Lehre die internationalen wirtschaftspolitischen Herausforderungen in drei Themenbereichen: den Ursachen und Therapien von Finanz- und Währungskrisen, den Triebkräften europäischer und globaler Leistungsbilanzungleichgewichte sowie der Rolle Ostasiens für die globale Wirtschaftsentwicklung. Hinsichtlich der Krisenursachen und -therapien sind die in Forschung und Lehre weitgehend in Vergessenheit geratenen Überinvestitionstheorien von Knut Wicksell, Friedrich August von Hayek, Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises ein wichtiger Schwerpunkt. Diese können besser als viele aktuell dominierende Modelle die beobachteten Krisen verstehen helfen. In dem von der »Stiftung Geld Währung« der Deutschen Bundesbank geförderten Forschungsprojekt »Monetary Overhangs, Financial Stability and Monetary Policy in a Low Interest Environment« werden auf der Grundlage der Überinvestitionstheorien Krisenverläufe und wirtschaftspolitische Reaktionsmuster erklärt sowie die optimale Ausstiegsstrategie aus inflationstreibender Liquiditätsschwemme und ausufernder Staatsverschuldung erarbeitet. Im Rahmen des Graduiertenkollegs »Global Financial Markets« (Kooperation mit den Universitäten Halle und Jena) arbeiten zwei Doktoranden an der Rolle von Liquidität für Boom-und-Krisen-Zyklen sowie an einer kritischen Analyse der meist kurzfristigen Krisentherapien aus historischer Perspektive. Ein Doktorand untersucht als Stipendiat der Earhart Foundation an der New York University die Rolle der expansiven Geldpolitiken der großen Zentralbanken für Krisen in aufstrebenden Volkswirtschaften. Er zeigt beispielsweise, wie die geldpolitischen Rettungsaktionen Japans nach der japanischen Blase die Asienkrise in Japans kleinen Nachbarstaaten begründet haben. Ein zweiter Forschungsbereich widmet sich den globalen Leistungsbilanzungleichgewichten, die als wesentliche Krisenursachen gesehen werden. Eine seit zehn Jahren bestehende Zusammenarbeit des Institutsleiters Prof. Dr. Gunther Schnabl mit Prof. Ronald McKinnon von der Stanford Universität analysiert in einer Reihe von Papieren die Ursachen des Handelsungleichgewichts zwischen den USA und Ostasien.

Der Euro hat große Bedeutung für die Stabilität in Europa, was erklärt, dass viele osteuropäische Staaten trotz Eurokrise weiterhin Teil der Eurozone werden wollen.

Lehren aus der Europäischen Staatschuldenkrise eit Anfang 2010 stiegen die Umlaufrenditen für griechische und andere europäische Staatsanleihen beträchtlich an, weil Marktteilnehmer wachsende Risikoprämien zu verlangen begannen. Befürchtungen entstanden, dass einzelne Staaten zum Schuldendienst nicht mehr imstande seien und eine Staatschuldenkrise drohe, die sich auch auf andere Mitgliedsstaaten der Europäischen Währungsunion übertragen könnte. Um dem vorzubeugen, wurde der Europäische Stabilisierungsmechanismus (ESM) geschaffen, der zunächst auf drei Jahre begrenzt sein sollte, jetzt aber auch in noch nicht bekannter Form nach 2013 fortbestehen soll. Derzeit stehen dem ESM Mittel in Höhe von 750 Milliarden Euro zur Verfügung, die für zinsbegünstigte Kredite an antragstellende Staaten (gegen Auflagen) zur Verfügung stehen und für die überwiegend die Mitgliedsstaaten der Währungsunion haften. Zugleich begann die Europäische Zentralbank, vorübergehend Staatsanleihen einzelner Mitgliedsstaaten der Währungsunion anzukaufen. Staatschuldenkrisen entstehen, wenn eine öffentliche Gebietskörperschaft ihren Schuldendienst (Tilgung oder Zinszahlung) vorübergehend oder dauerhaft nicht leistet, weil sie zahlungsunfähig oder -unwillig ist. Zahlungsunfähigkeit kann fundamentale oder spekulative Ursachen haben: Im ersten Fall ist die Schuldenkrise etwa durch ein zu hohes öffentliches Haushaltsdefizit verursacht, das Tilgung oder Zahlung von Zinsen auf öffentliche Schulden erschwert. Im zweiten Fall erwarten die Marktteilnehmer, dass der öffentliche Sektor in Zukunft seinen Schuldendienst nicht mehr leisten kann, wodurch die Risikoprämien für öffentliche Schuldpapiere zunehmen, was den Schuldendienst bereits aktuell erschwert. Um Staatsschuldenkrisen vorzubeugen, hatten die Gründungsväter der Europäischen Währungsunion 1990 den »Stabilitäts- und Wachstumspakt« verabschiedet, der die Defizite öffentlicher Haushalte grundsätzlich auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts beschränken sollte. Allerdings konnte der Pakt eine nachhaltige Haushaltsdisziplin nicht gewährleisten, weil er keine automatischen Sanktionen vorsah; Sanktionen erfolgen nur auf Beschluss der qualifizierten Mehrheit aller Mitgliedsstaaten. Sanktionsandrohungen waren unglaubwürdig, sobald mehrere Länder es an Haushaltsdisziplin mangeln ließen. Zudem wurde der Pakt 2005 weiter aufgeweicht, weil der Katalog von Ausnahmetatbeständen ausgeweitet wurde, der den Mitgliedsstaaten ein Überschreiten der Drei-ProzentMarke erlaubte.

Foto: dontworry/Wikipedia Commons

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Die Europäische Zentralbank.

Auf diese Konstruktionsfehler der Währungsunion hatte bereits vor Einführung der Europäischen Währungsunion eine Gruppe von 155 Hochschullehrern in einem offenen Brief hingewiesen. Deshalb sind heute die Bestrebungen einiger Länder zu begrüßen, eine Schuldenbremse verfassungsmäßig zu verankern, auch wenn dies einen Verzicht auf fiskalische Flexibilität bedeutet. Um die finanzpolitischen Entscheidungsspielräume einzelner Staaten zu verringern, sollten Sanktionen gegen Defizitsünder künftig von der EU-Kommission unterbreitet werden. Damit sollen Entscheidungsträger dem politischen Druck in ihren Heimatländern entzogen werden. Schließlich sind mögliche Käufe von Staatsanleihen durch den künftigen Europäischen Stabilisierungsmechanismus ESM abzulehnen, weil sie die nationale Finanzpolitik der Kontrolle durch die Finanzmärkte entzieht. Heute zeigt sich erneut, dass der Europäische Integrationsprozess nur dann erfolgreich sein wird, wenn er in Zukunft Haushaltsstabilität garantiert. Prof. Dr. Uwe Vollmer, Direktor des Instituts für Theoretische Volkswirtschaftslehre

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Grafik: www.waterfootprint.org

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Netto-Handelsbilanzen von virtuellem Wasser 1997-2001.

Virtuelles Wasser – Chancen und Probleme eines »Wasser-Fußabdrucks« D

er Wasserverbrauch eines Produkts, eines Landes oder eines Menschen wird neuerdings mit »Fußabdruck«-Rechnungen genau erfasst. Als sogenanntes virtuelles Wasser wird dabei jenes Wasser bezeichnet, das in einem anderen Teil der Welt genutzt wurde, um Güter zu produzieren, die hier vor Ort konsumiert werden. Der Welthandel entpuppt sich als Handel mit virtuellem Wasser. Ist diese Form des Wasserhandels problematisch und müssen virtuelle Wasserströme reguliert werden? Wasser ist eine lebenswichtige Ressource. Sie wird für so unterschiedliche Zwecke wie den Anbau von Nahrungsmitteln, der Produktion von Industriegütern, der Energiebereitstellung oder dem Gebrauch im Haushalt benötigt. In der landwirtschaftlichen Bewässerung werden zirka 70 Prozent allen weltweit entnommenen Wassers eingesetzt. In einigen Regionen der Welt stoßen wir längst an Grenzen. Diesen Ländern bietet sich allerdings die Möglichkeit, ihre knappen Wasserressourcen durch Lebensmittelimporte zu entlasten: Die Mengen an Wasser, die zur Produktion dieser Güter im Exportland aufgewendet wurden, werden im Importland eingespart: Dies ist der Handel mit »virtuellem Wasser«. Das Konzept des virtuellen Wassers hat in den vergangenen Jahren verstärkt Aufmerksamkeit erregt. Unzählige Studien versuchen, virtuelle Wasservolumina und Ströme zu berechnen. Im Internet hat ein Konsument die Möglichkeit, seinen individuellen »Wasser-Fußabdruck« zu berechnen. Während ein US-Amerikaner stolze 2.483 Kubikmeter Wasser pro Kopf und Jahr verbraucht, sind es in China gerade einmal 702. Diese

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Phänomene beschäftigt ein aktuelles Forschungsvorhaben am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Verbindung mit dem Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement der Universität Leipzig. Darin gehen Prof. Dr. Erik Gawel und Dipl.-Vw. Kristina Bernsen der Frage nach, inwieweit sich durch virtuellen Wasserhandel Probleme für ein nachhaltiges Wassermanagement ergeben. Virtuelles Wasser ist jenes Wasser, das zur Nutzung eines Produkts insgesamt aufgewendet werden musste. Es geht also nicht um das real in einem Produkt, etwa einer Tomate, enthaltene Wasser, sondern jenes Wasser, das für die Produktion eines bestimmten Gutes eingesetzt wurde – von der Feldfrucht bis zum fertigen Produkt in unseren Regalen. Sind aber diese Wassermengen und Handelsströme problematisch, wie häufig beklagt wird? Brauchen wir eine Regulierung im Interesse von Umweltschutz und fairem Konsum? Tatsächlich werden die globalen Bewegungen von Wasserressourcen kritisch gesehen, schließlich werde eine lebenswichtige Ressource den »unfairen« Regeln des globalen Agrarhandels unterworfen. Kritik richtet sich auch an die »verschwenderischen« Konsumgewohnheiten in den Industrieländern, die in wasserarmen Teilen der Welt Ressourcendruck ausüben. Hier steht die Vorstellung einer »gerechten« Aufteilung der weltweit verfügbaren Wassermenge unter allen Erdbewohnern Pate. Durch internationalen Handel kann Wasser genau dort eingesetzt werden, wo es am reichlichsten vorhanden ist. Länder mit nur geringer Ressourcenausstattung kommen durch Handel in den Genuss lebenswichtiger Güter: Für Israel ist die

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Neuer Master reagiert auf Veränderungen der Wasserwirtschaft Die Universität Leipzig und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) bieten ab dem Wintersemester 2011 den neuen Masterstudiengang Change Management in der Wasserwirtschaft (CMW) an. Absolventen der Fachrichtungen Bauingenieurwesen sowie Umwelt- und Verfahrenstechnik werden befähigt, auf die Folgen klimatischer, energetischer und demografischer Veränderungen in der Wasserwirtschaft zu reagieren. Mit einem Blended-Learning-Konzept und flexiblem Studienmodell werden insbesondere berufstätige Teilnehmer angesprochen. E-Learning-basierte Lerninhalte ermöglichen es, das Studium überwiegend zeitlich und örtlich unabhängig zu absolvieren. Nach einer Regelstudienzeit von 27 Monaten entscheiden die Teilnehmer, ob Sie mit dem Zertifikat Change Management in der Wasserwirtschaft abschließen oder Ihre Masterarbeit anfertigen und damit die Möglichkeit haben, den Master of Science zu erwerben. Das Konzept beinhaltet betriebswirtschaftliche, technische und zugleich nachhaltigkeitsorientierte Themen der Wasserwirtschaft vor dem Hintergrund sich verändernder Rahmenbedingungen. Die Technikmodule werden an der HTWK gelehrt. Gegenstand sind neue Berechnungs- und Planungswerkzeuge, moderne Messtechnik, die Hochwasserproblematik oder aktuelle Entwicklungen dezentraler Systeme. Die Managementmodule werden von der Universität Leipzig angeboten und Konzepte zur Bewirtschaftung von Anlagen der Ver- und Entsorgung und zum Management von Veränderungsprozessen sowie Kenntnisse zum Projekt- und Innovationsmanagement vermittelt. Gefördert vom Europäischen Sozialfonds und dem Freistaat Sachsen läuft seit Anfang des Jahres erfolgreich die Erprobungsphase des Angebotes. Konstanze Schimanski

Foto: dontworry/Wikipedia Commons

Einfuhr virtuellen Wassers ebenso überlebenswichtig wie für Deutschland die Versorgung mit Import-Rohstoffen. Die Handelsströme spiegeln dabei keineswegs nur die Wasserknappheit der Handelspartner wider, denn neben Wasser spielen in der landwirtschaftlichen Produktion die Verfügbarkeit von Boden, Arbeitskräften und Anbautechniken eine Rolle. So sind die Niederlande reichlich mit Wasser, aber knapp mit nutzbarer Fläche ausgestattet und deshalb Wasserimporteur. Der Verbrauch eines Kubikmeters Wasser verursacht auch nicht überall die gleichen Umweltauswirkungen, sondern es kommt auf lokale Bedingungen wie Wasserverfügbarkeit und Anbaubedingungen an: Ein Kubikmeter Wasser aus Ägypten ist nicht mit einem aus Deutschland vergleichbar. Diese Überlegungen deuten bereits an, dass ein Indikator, der auf reinen Volumenangaben basiert, kaum geeignet sein kann, Wasserprobleme aufzudecken. Es sind die Nachhaltigkeit der Anbauprozesse und die Legitimation der regionalen Entscheidungsprozesse über knappes Wasser, die uns Sorge bereiten müssen, nicht der grenzüberschreitende Handel mit Gütern. Handelsbeschränkende Maßnahmen sind aus ökonomischer Sicht abzulehnen, da sie den beiderseitig vorteilhaften Handel einschränken und die Preise von Produkten »verzerren«, also ihre Fähigkeit einschränken, Knappheiten richtig abzubilden. Wasser- und Handelsprobleme müssen vielmehr dort gelöst werden, wo sie anfallen: in der Welthandelspolitik und der lokalen Nachhaltigkeit im Umgang mit knappem Wasser. Prof. Dr. Erik Gawel, Dipl.-Vw. Kristina Bernsen, Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ

Der virtuelle Wassergehalt eines Kilogramms Tomaten.

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Umweltverschmutzung als Wachstumsbremse ass wirtschaftliche Aktivität Umweltverschmutzung hervorruft, ist trivial und hinlänglich thematisiert worden. Weniger offensichtlich ist die umgekehrte Kausalität: Umweltverschmutzung ist schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung. Die industrielle Revolution ermöglichte zumindest für einen Teil der Volkswirtschaften dieser Erde Wachstum der Einkommen pro Kopf in einem bis dahin nie gekanntem Ausmaß. Räumlich und zeitlich eng korreliert mit diesem Prozess ist der demografische Wandel – gekennzeichnet durch sinkende Mortalitätsraten bei Kindern, sinkende Fertilitätsraten bei Frauen und steigende Lebenserwartung. In diesem Zusammenhang werden sinkende Fertilitätsraten gerade durch sinkende Kindersterblichkeit, aber auch durch steigende Bildungsausgaben in Kinder – bedingt durch den technischen Fortschritt – ökonomisch motiviert. Es gibt also einen wechselseitig positiven Zusammenhang zwischen Humankapitalinvestitionen und Lebenserwartung bei Geburt. Darüber hinaus trägt ein höheres Einkommen pro Kopf zu einer höheren Lebenserwartung bei. Umweltverschmutzung erhöht aber ihrerseits Morbidität und Mortalität der Bevölkerung. Dieser Zusammenhang ist in entwickelten Volkswirtschaften schwächer und in frühen Entwicklungsstadien besonders stark ausgeprägt. So ist für die USA festgestellt worden, dass eine einprozentige Reduzierung des Schadstoffausstoßes zu einer 0,35-prozentigen Reduzierung der Kindersterblichkeit führt. Die Weltbank schätzt für China die Kosten der Luft- und Wasserverschmutzung auf 5,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts beziehungsweise 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Im 19. Jahrhundert betrug in England und Wales der Unterschied in der Lebenserwartung bei Geburt zwischen Städten ab 100.000 Einwohnern und dem Durchschnitt zwischen sechs und 12 Jahren. Ein Anstieg der Morbidität ist im selben Zeitraum (USA, England, Niederlande) dokumentiert worden; ausgedrückt in einem Rückgang der Körpergröße bei Rekruten. Der administrative Zusammenbruch der überbevölkerten und sich industrialisierenden Städte wurde beschleunigt durch die Abwanderung der Wohlhabenden an die Peripherie der Städte, die ihrerseits bis dahin keine Notwendigkeit darin sahen, sich an den Kosten für Kanalisationen sowie Klär- und Filteranlagen zu beteiligen. Die sozial destabilisierenden Faktoren dieser Entwicklung sind offensichtlich und können nur durch den Staat kanalisiert werden. Räumliche Segregation der Bevölkerung nach Ein-

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Foto: BMU / Christoph Edelhoff

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Blick auf Schornsteine und Abgasreinigung einer Müllverbrennungsanlage.

kommen bedeutet, dass Wohlstand die Exposition zu Umweltschadstoffen reduziert und den ökonomischen Anreiz, in Ausbildung zu investieren, erhöht. Wirtschaftliche Entwicklung hängt ihrerseits von der Humankapitalausstattung pro Kopf ab, die mit zunehmender ökonomischer Ungleichheit sinkt. Wirtschaftliche Entwicklung ist und war kein Selbstläufer. Die Chancen ökonomischer Entwicklung steigen in dem Maße, wie es dem Staat gelingt, die ökologischen und sozialen Externalitäten des Wachstumsprozesses zu kanalisieren. Dr. Andreas Schäfer, Institut für Theoretische Volkswirtschaftslehre / Makroökonomik

Transformation von Banken Das informationsintensive Finanzdienstleistungsgeschäft ist seit jeher eng mit dem Einsatz von Informationstechnologie (IT) verbunden. In den vergangenen Jahrzehnten haben insbesondere die Banken umfassend in IT investiert und damit die effiziente Verarbeitung von Massentransaktionen, wie etwa im weltweiten Zahlungsverkehr und zur Abwicklung des gesamten Wertpapiergeschäfts mit den Börsenplätzen, überhaupt erst möglich gemacht. Heute erfolgt kaum eine Kundenberatung ohne unterstützende IT-Systeme, Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte ortsunabhängig im Online-Banking und intern besitzen Banken eine Vielzahl an Softwarelösungen zur Unterstützung ihrer Abläufe. Gemessen an den Erlösen liegen die ITAusgaben einer Bank immerhin bei etwa zehn bis 15 Prozent. Die bisherige Transformation des Bankenbereiches durch IT lässt sich grob in drei Schritten beschreiben, wobei wir gegenwärtig am Beginn der dritten Stufe stehen. In einer ersten ging es um die Unterstützung der internen transaktionalen und administrativen Prozesse, in einer zweiten um den Systemeinsatz im Bereich der Verkaufsprozesse und in einer dritten um die integrierte Unterstützung der Kundenbedürfnisse. Während in der ersten und zweiten Stufe primär der interne Einsatz der IT im Vordergrund stand, zielt die dritte auf die Transformation zur kundenorientierten und vernetzten Bank. Zur Erarbeitung von wissenschaftlich begleiteten, praxisorientierten Ergebnissen für diese dritte Stufe existiert seit 2004 das an der Universität St. Gallen (Schweiz) gegründete Kompetenzzentrum Sourcing in der Finanzindustrie (CC Sourcing). Das CC Sourcing ist ein in zweijährigen Zyklen organisiertes und vollständig von der Wirtschaft getragenes Konsortialforschungsprojekt. Im vergangenen Jahr begann die vierte Projektphase mit insgesamt 18 Unternehmen aus der Bankenindustrie sowie den Universitäten Leipzig, St. Gallen und Zürich. In regelmässigen Arbeitsgruppen entstehen Ergebnisse, um die dritte Transformationsphase von Banken besser zu verstehen und mitzugestalten. Neue Technologien, wie berührungsempfindliche interaktive Bedieneroberflächen, endanwenderorientierte Lösungen des Social Web wie Blogs und Communities oder die flexible und automatisierte Integration von Anwendungen und Wissen wie Semantic Web oder serviceorientierte Architekturen, verändern die Banken weiter. Im Bankenbereich finden sich Zeichen für einen beginnenden Wandel. So nutzen internetaffine Kunden Lösungen wie Online- und Mobile-Banking, sie erhalten Finanzberatung in sozialen Netzwerken wie Facebook und Marketocracy, nehmen

Foto: Randy Kühn

Konsortialforschungsprojekt zwischen Wissenschaft und Praxis

Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte heute überwiegend ortsunabhängig im Online-Banking.

Kredite in Anspruch oder nutzen kollektive Anlagestrategien und neue Filialkonzepte. Gleichzeitig verringern Banken ihre mit etwa 50 Prozent im Vergleich zur Automobil- oder Elektronikbranche noch immer hohe Eigenfertigungstiefe weiter. An die Stelle eines punktuellen Outsourcings von Leistungen tritt die Steuerung eines umfassenden Dienstleisternetzwerks. Was Quicken und andere Finanzverwaltungslösungen für das Transaktionsgeschäft im Frontend bereits ansatzweise erlauben, setzt sich weiter fort. Es stellt sich die Frage, wer solche Banking-Lösungen anbietet, wer diese Plattform kontrolliert und wie die im Bankenbereich weiterhin zentrale Verbindung von Online- und Offline-Welt erfolgt. Hier sind Banken, Börsenbetreiber und Finanzdienstleister im Allgemeinen gefordert, um Strategien und Lösungen gemeinsam mit IT-Unternehmen zu entwickeln. Konsortialforschungsprojekte wie das CC Sourcing unterstützen mit ihrem wissenschaftlichen Bezug diesen Prozess und das Entstehen anbieterübergreifender und -neutraler Lösungen, wie sie letztlich auch im Kundeninteresse sind. Prof. Dr. Rainer Alt, Institut für Wirtschaftsinformatik

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Titelthema

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m Rahmen der Kooperationsvereinbarung »Wirtschaft trifft Wissenschaft« zwischen der Universität Leipzig und der IHK zu Leipzig wurde das Projekt »InfOnLight« für eine Förderung im Jahr 2011 ausgewählt. Zusammen mit der Firma Kunert Business Software GmbH & Co.KG (KBS) entwickelt die Arbeitsgruppe Agile Knowledge Engineering and Semantic Web (AKSW) am Institut für Informatik zwei Werkzeuge zum leichtgewichtigen IT-Infrastruktur- und Service-Management. Ziel dieses Projektes ist, alle verfügbaren Daten von kleinen, neu gegründeten Unternehmen in einem semantischen Wiki zu sammeln und einheitlich auswertbar zu gestalten. »Die heutige Vielfalt der Informationen in einem kleinen oder in der Gründungsphase stehenden Unternehmen unterscheidet sich kaum noch von denen eines mittelständischen Unternehmens«, erläutert Thomas Riechert vom Institut für Informatik. Der Bedarf an einem leichtgewichtigen Einstieg zur Erfassung aller Informationen über IT-Infrastruktur und Unternehmensdaten sei sehr groß. Jedoch rechne sich der Einsatz etablierter Systeme – bei Lizenzgebühren von rund 40.000 Euro – für diese Unternehmen noch nicht. In der Regel sind alle Mitarbeiter beim Bereitstellen und Abrufen von Informationen über ihre IT-Infrastruktur an den Unternehmensdaten beteiligt. Die bereits etablierten, textbasierten Wikis und Content Management Systeme erstellen Informationen, die nur mit hohem Aufwand maschinell auswertbar sind. Hier setzt die Forschungsgruppe AKSW an. »Mit einer speziellen Erweiterung des semantischen Daten-Wiki OntoWiki sollen die Informationen – passend zu den zu entwickelnden Ontologien InfOn (Infrastruktur Ontologie) für Hard- und Software und EntOn (Enterprise Service Ontologie) für Unternehmensdaten – in kollaborativer Form gesammelt werden können«, so Riechert. Beide Ontologien stellen Vokabulare für Datenmodelle dar, die mit einem Datenbankschema vergleichbar sind. Mit Hilfe der standardisierten Abfragesprache SPARQL können die Informationen der InfOn- und EntOnOntologien verknüpft werden. »Wir rechnen mit einem deutlich effizienteren Management unserer IT-Infrastruktur«, so Gregor Kunert, Geschäftsführer der KBS. Die Realisierung des Projektes im Zeitraum des laufenden Jahres 2011 erfolgt durch Masterstudierende des Studienganges Informatik mit aktiver Unterstützung durch die Mitarbeiter der KBS und der Universität Leipzig. Die ersten Ergebnisse des Projektes werden am 5. Mai 2011 auf dem Leipziger Semantic Web Tag vorgestellt. Annett Riechert

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Foto: Ronny Reinert

Ein Leichtgewicht löst schwierige Probleme

Masterstudent Richard Beyer beim Semantifizieren einer Unternehmensinfrastruktur.

Wirtschaft trifft Wissenschaft: drei weitere Projekte prämiert Nach der diesjährigen Auswahl der Initiative »Wirtschaft trifft Wissenschaft« wurden drei weitere Projektvorschläge der Universität Leipzig mit einem Scheck prämiert: Erfolgreich war das Projekt von Prof. Dr. Dr. Thomas Vahlenkamp vom Institut für Virologie und der Labordiagnostik Leipzig, das sich der Entwicklung eines kommerziell verwertbaren serologischen Testsystems zum Nachweis der GHPV-Infektion (Goose Hemorrhagic Polyomavirus) bei Gänsen widmet. Dr. Roger Scholz von der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und das Orthopädische Atelier Borna wurden für das Vorhaben ausgezeichnet, einen standardisierten Ablauf in der Bewegungsanalyse zu schaffen. Eine finanzielle Förderung erhält auch der Antrag von Prof. Dr. Klaus Bente vom Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft und der Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen Leipzig mbH. »Wir evaluieren die Verteilung und Orientierung von metallischen Fasern in zementgebundenen Konstruktionswerkstoffen mittels 3D-Mikro-Computertomographie«, erklärt Bente. Letztendlich sollen dadurch die Prozessabläufe bei der Herstellung und Errichtung von Bauteilen und Tragwerken aus Beton vereinfacht werden. Red.

Innovative Gründungsideen werden Realität W

er aus dem Hochschulbereich in den Gebieten Biotechnologie und Medizintechnik eine Gründung plant, für den ist Smile.medibiz erste Anlaufstelle für unterstützende Qualifizierungs- und Coachingangebote. Die Gründungsideen, die hier begleitet werden, planen die Realisierung ganz unterschiedlicher Innovationen. Ein Projekt ist OvulaSens. Die Idee wurde an der Leipziger Universitätsfrauenklinik geboren: Prof. Dr. Henry Alexander hatte die Vision, den wissenschaftlich bewiesenen Kontext zwischen Temperaturveränderungen und den Zyklusphasen der Frau präzise an »Ort und Stelle«, also genau im Körper, zu messen. In Kooperation mit der inotec Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH wurde in jahrelanger Forschungsarbeit ein flexibler Kunststoffring mit integriertem Temperatursensor entwickelt. Der Ring kann von jeder Frau selbstständig vaginal eingeführt werden und hat die Aufgabe, die Körperinnentemperatur kontinuierlich und messgenau aufzuzeichnen. Die Daten werden mittels Software ausgelesen und liefern bedeutende Rückschlüsse zu den fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen und der weiblichen Zyklusgesundheit. Die Entwicklung war realisiert und die klinischen Tests positiv – in Smile.medibiz fand OvulaSens einen Partner, der das Projekt auf dem Weg der Gründung kompetent und mit persönlicher Beratung begleitet. Von der Planung des Businessplans über Fragen im Patentrecht, Hilfe bei Förderanträgen

bis zur Realisierung der Finanzierung konnte OvulaSens von den Coachings profitieren. Wichtige Meilensteine zeugen vom Erfolg: Das Projekt wird im Rahmen eines EXIST Gründerstipendiums gefördert. OvulaSens konnte 2010 zahlreiche Preise gewinnen, den Innovationspreis der Stadt Leipzig im Rahmen des IQ Mitteldeutschland sowie die zweite und dritte Phase des futureSax Businessplan-Wettbewerbes. Auch 2011 beginnt mit einem Erfolg: OvulaSens wurde in die erste Phase des bundesweiten Businessplanwettbewerbes Science4Life gewählt. Derzeit wird die GmbH-Gründung mit Unterstützung von Smile.medibiz begleitet. Die Markteinführung des OvulaSensMessringes ist für Ende 2011 geplant. Susann Laue www.smile.medibiz.org www.ovulasens.com

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Er sagt, er holt mir die Sterne vom Himmel. Was ist, wenn ihm dabei was passiert?

Foto: Heinrich Sobottka

Prototyp des Messrings.

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Juristischer »Lehrexport« funktioniert seit Jahren Angehende Wirtschaftswissenschaftler erlernen die Grundlagen des Rechts

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Foto: Alexey Gorbatovskiy, 2010

chon seit Anfang der 1990er Jahre halten Dozenten der Juristenfakultät der Universität Leipzig für Studierende anderer Fachrichtungen Vorlesungen über Grundlagen verschiedener rechtlicher Fachrichtungen. Besonders rege ist dieser »Lehrexport« zur Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WiFa), wie der Dekan der Juristenfakultät Prof. Dr. Christian Berger sagt. »Wir haben wirtschaftsrechtliche Kompetenz. Daran lassen wir auch andere partizipieren«, erklärt er. Für die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften sei die Teilnahme an den juristischen Lehrveranstaltungen, die über zwei Semester gehen und mit Klausuren enden, Pflicht. Beide Fakultäten haben einen entsprechenden Kooperations-

Besichtigung des Untergrundgasspeichers Bernburg der Verbundnetz Gas AG durch Studierende des Studiengangs International Energy Economics and Business Administration.

Deutsch-Russischer Masterstudiengang im vierten Jahrgang etabliert

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ie deutsch-russische Energiepartnerschaft nimmt eine zentrale Bedeutung für die Energieversorgung Deutschlands und Europas ein. Seit nunmehr vier Jahren trägt der Masterstudiengang International Energy Economics and Business Administration dieser Rolle Rechnung und bildet junge Spezialisten für die globalen Energiemärkte der Zukunft aus. Der auf Initiative von deutschen und russischen Wirtschaftsunternehmen ins Leben gerufene Studiengang ist ein Koope-

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vertrag abgeschlossen. Ein Wirtschaftswissenschaftler müsse ein Gefühl dafür entwickeln, in welchen Fällen und Situationen er einen Juristen hinzuziehen sollte. Ein Unternehmer sollte sich nach den Worten Bergers beispielsweise auch mit den Rechtsgrundlagen des arbeitsrechtlichen Kündigungsschutzes auskennen. Neben dem Arbeitsrecht seien für Wirtschaftswissenschaftler auch Grundkenntnisse in Außenwirtschafts- und Handelsrecht wichtig, die ihnen ebenfalls in den Lehrveranstaltungen vermittelt werden. »Das ist ein sehr entspanntes Verhältnis zu den Kollegen der Wirtschaftswissenschaften. Die Kooperation hat sich bewährt«, schätzt Berger ein. »Mehrere hundert Wirtschaftswissenschaftler belegen diese Vorlesungen.« Umgekehrt biete die WiFa Vorlesungen zum Thema »Volkswirtschaftslehre für Juristen« an. Einen »Lehrexport« gebe es unter anderem auch mit Studierenden der Politikwissenschaft und der Linguistik. SH

rationsprojekt der Universität Leipzig und des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen (MGIMO Universität); eigens für die Organisation wurde das DeutschRussische Institut für Energiepolitik und Energiewirtschaft e.V. (driee) gegründet. Aufbauend auf einem ersten berufsqualifizierenden Hochschulabschluss bietet der Masterstudiengang die Möglichkeit, die jeweilige akademische Qualifikation in Bezug auf Fragen der internationalen Energiewirtschaft zu ergänzen und zu vertiefen. Vermittelt werden betriebs- und volkswirtschaftliche sowie politisch-rechtliche Kenntnisse, die für ein umfassendes Verständnis energiewirtschaftlicher Zusammenhänge von Bedeutung sind. Nach einem Einführungssemester an der jeweiligen Heimatuniversität studieren die deutschen und russischen Teilnehmer jeweils ein Semester gemeinsam in Moskau und danach in Leipzig. Damit die Praxisrelevanz des Studiums nicht zu kurz kommt, werden im Dialog mit energiewirtschaftlichen Unternehmen und Verbänden aktuelle Themen der Energiewirtschaft durch Exkursionen, Fachvorträge und Fallstudien bereichert. Besonders zu betonen ist nach Ansicht von Prof. Thomas Bruckner, dem Vorstand des Deutsch-Russischen Instituts für Energiepolitik und Energiewirtschaft, dass »die Absolventen den Master beider Universitäten erwerben – in der Regel haben die Nachwuchskräfte den Berufseinstieg zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits geschafft«. Die erfolgreiche Universitäts- und Wirtschaftskooperation wurde 2010 zur Freude beider Partner um drei weitere Jahre verlängert. Carina Gleiche, Studienkoordinatorin des Masterstudiengangs

Motiv: Matthias Gombert, künstlerische Abschlussarbeit, Lehramt Staatsexamen, Acrylmalerei auf Leinwand, 2010/11.

Ausstellung »zwischen schichten« wird in der Wifa gezeigt E

in Besucher steigt in den Fahrstuhl. Mit rotem Klebeband markierte Distanzzonen weisen auf dem Boden darauf hin, wie unangenehm beengt und intim die Situation ist. Aus Lautsprechern sind Ansagen zu hören wie: »Achten Sie bitte auf die Markierungen. Das Überschreiten der Distanzzonen ist untersagt!« oder »Zur Beschleunigung Ihres persönlichen Fahrstuhleffektes wählen Sie bitte ausschließlich die oberen Etagen.« Die künstlerische Intervention ist Teil der Ausstellung »zwischen schichten«, die am 4. Mai um 18 Uhr in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WiFa) eröffnet wird. Studierende der Kunstpädagogik zeigen dort Arbeiten aus dem Wintersemester 2010/11. Bereits seit zwei Jahren besteht die Kooperation, die auf eine Initiative von Prof. Dipl.-Ing. Johannes Ringel, dem Dekan der WiFa, und der Dekanatsrätin Dr. Barbara Malige zurückgeht. Verena Landau, Dozentin am Institut für Kunstpädagogik, freut sich über deren Offenheit für Ausstellungen, die über einen dekorativen Wert hinausgehen: »Uns ist die intensive Auseinandersetzung mit Kunst wichtig. Wir zeigen Arbeiten, die nicht einfach nur gefällig, sondern auch spröde oder herausfordernd sind.«

Im vorderen Treppenhaus der WiFa sind Werke zur Fragestellung »Was man(n) arbeitet – künstlerische Positionen im Spannungsfeld Gender und Arbeit« zu sehen. Sie sollen zum Nachdenken über andere Lebensentwürfe, Arbeits- und Beziehungsmodelle anregen. Dieses Jahr werden zum ersten Mal »Fanzines« gezeigt, die aus drei Seminaren mit dem Titel »Buchillustration und Plakatgestaltung« von Prof. Andreas Wendt stammen. Darin haben sich die Studierenden im Stil von FanMagazinen mit dem Thema Stillstand und Beschleunigung auseinandergesetzt. Eine weitere Neuerung sind erstmals ausgestellte abstrakte Malereien und die fotografischen Portraits der ehemaligen Dekane der WiFa von Wolfgang Eschenhagen. Landau ist stolz auf den Ruf, den sich das Institut für Kunstpädagogik erarbeitet hat: »Für uns ist es wichtig, dass wir nicht nur zum Lehren ausbilden, sondern auch viel Wert auf den künstlerischen Anspruch legen.« Das möchten die Dozierenden und Studierenden auch bei ihrer neuen Ausstellung, die bis zum 15. Juli zu sehen sein wird, wieder unter Beweis stellen. Anne Ploetz

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Foto: Klaus Nauber/Leipzig PopUp

Titelthema

Blick in die Messehalle der Leipzig PopUp im Werk II.

Geisteswissenschaften und Wirtschaft gehören zusammengedacht N

icht zuletzt der Wachstumsmarkt der Kultur- und Kreativwirtschaft zeigt, dass die Geisteswissenschaften ein wirtschaftlicher Faktor sind. Das urbane wie das akademische Umfeld machen Leipzig dabei zu einem idealen Standort. Noch sind die Chancen dafür aber nicht genutzt. Es konnte einem schon ein wenig zu den Ohren rauskommen: Kein Manager, kein Politiker landauf landab, der es nicht versäumt hätte, in den vergangenen zwei Jahren irgendwann ein bisschen die Wirtschaftstheorie der Kreativen Klasse mit ihren drei Ts »Technologie, Talent und Toleranz« zu zitieren. Alle hatten sie ein bisschen in Richard Floridas «The Rise of the Creative Class« geblättert und konnten sich danach noch freuen, sogar irgendwie selbst zur Kreativen Klasse zu zählen. Die reicht laut Florida nämlich so ungefähr vom Tiefbauingenieur bis zum Softwareentwickler. Kreativ als Synonym für den denkenden Menschen. Manch einer sah bei soviel Allgemeinplätzen die Gefahr, dass die im Fahrwasser des »Kreativ-Hypes«

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munter vor sich hin plätschernde Diskussion um die Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft hierzulande direkt wieder zu ersaufen drohte. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Nach diversen Lob- und Abgesängen auf die Kulturwirtschaft wird es langsam konkret, auch in Leipzig: Die Stadtverwaltung hat mehrere Projekte angeschoben und der Bund schickt Berater in die Spur, die Gründer und Kulturwirtschaftswillige in der Region beraten. Die Universität allerdings könnte sich noch deutlicher positionieren. «Creative Cities« und »Second Chance« heißen die zwei EUProjekte mit Leipziger Beteiligung. Für die Leipziger Kulturund Kreativwirtschaft besteht mit dem europaweiten Austausch Aussicht auf neue Impulse. Im Rahmen des im letzten Jahr erstmals ausgelobten Bundeswettbewerbs »Kultur- und Kreativpiloten Deutschland« wurden Unternehmer gesucht« die einer kreativen oder kultu-

rellen Idee auf besondere Art Unternehmergeist einhauchen«: Drei der Preisträger stammten aus Leipzig. Und die Chance steht gut, dass es in Zukunft noch mehr werden. »Wir schicken keinen weg«, sagt Katja Großer. Sie ist die Beraterin der Bundesinitiative Kultur- und Kreativwirtschaft. Seit rund einem Jahr ist sie für die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständig. Egal ob es um die ersten Schritte in die Selbständigkeit gehe oder bereits darum, Geschäftsideen unternehmerisch weiter zu professionalisieren. Die Beratung ist unentgeltlich, erfolgt vor Ort und im persönlichen Gespräch. Dass das Büro für die drei Bundesländer seinen Sitz in der Leipziger Innenstadt hat, kommt nicht von ungefähr. Leipzig gilt von seiner Größe, seinem städtischen Flair und den immer noch günstigen Mieten als idealer Nährboden für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Auch bei der Stadtverwaltung ist das Interesse groß: Um Potenziale genauer einschätzen zu können, will man in den nächsten Monaten eine Zahlengrundlage schaffen. So soll – mit aktuellen Zahlen unterlegt – fassbar werden, was die Kulturwirtschaft für und in Leipzig eigentlich leistet. Fest steht in jedem Fall bereits jetzt, dass ein Angebot im Fall der Kultur- und Kreativwirtschaft auf kleine und Kleinstunternehmen zugeschnitten sein muss, denn sie machen den Löwenanteil aus. Dafür muss man Ministerien, Kammern und Verwaltungen noch weiter sensibilisieren. Dort ist man bislang gewöhnt, sich in Sachen Wirtschaftspolitik an den Großunternehmen zu orientieren. Groß aber ist in der Kulturwirtschaft nur die Zahl der Unternehmer, die als hochqualifizierte Freiberufler, Selbstständige oder in kleinen Agenturen, Büros und Netzwerken meist mit gerade einmal einer Hand voll Mitarbeitern arbeiten. Die haben ganz andere Bedürfnisse, Nöte oder Zwänge als die Großen. Diese Bedürfnisse und Interessen zu bündeln, ist zwar nicht einfach, weil durch die verschiedenen Branchen die zur Kultur- und Kreativwirtschaft zählen, teilweise auch ganz unterschiedliche Probleme und Fragen auf den Tisch kommen. Aber nur wenn man diese in ihrer Gesamtheit berücksichtigt, lässt sich überhaupt eine sinnvolle Förderung aufbauen. Alles andere wären Strohfeuer und damit reine Geldverschwendung. »Die besten Arbeitnehmer«, konnte man im Wirtschaftsmagazin brandeins nachlesen, »sind keine.« Sie machen sich selbstständig. Diese Idee müsste man auch dem riesigen kreativen Potenzial der Künstler, Musiker, Schauspieler und Geisteswissenschaftler vermitteln. Schon im Studium. Rund ein Drittel der 1500 Absolventen der Universität Leipzig sind Geistes- und Sozialwissenschaftler. Insgesamt büffelnt die Hälfte der rund 31.000 Uni-Studierenden geisteswissenschaftliche Fächer. Mehr als genug kreatives Pozential. Und da sind die Künstler der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die Schauspielstudenten, die angehenden Musiker noch nicht mal mitgezählt. Nicht mitgerechnet auch die Studienabbrecher – die zwar keinen Abschluss, aber darum nicht weniger Potential als Selbständige und kreative Köpfe mitbringen.

Hintergrund »Kreativwirtschaft fokussiert auf die Kreativbetriebe im privatwirtschaftlichen Sektor. Es sind die Unternehmen, die sich auf erwerbswirtschaftlicher Basis mit der künstlerischen/kreativen Produktion, ihrer Vermittlung und/oder medialen Verbreitung von entsprechenden Gütern und Dienstleistungen befassen«, so die Definition des Kulturstatistikers Michael Söndermann, der das aktuelle statistische Abgrenzungsmodell des Wirtschaftszweiges maßgeblich entwickelt hat. Kultur- und Kreativwirtschaft war im Freistaat Sachsen schon immer präsent: Neben der langen Tradition der Leipziger Buchwirtschaft zählen hierzu sicherlich auch die Erzgebirgische Volkskunst, das Meißner Porzellan oder die Herstellung von Musikinstrumenten im Vogtland. Grundlage zur Definition der Kultur- und Kreativwirtschaft ist dabei das sogenannte »Drei-Sektoren-Modell«: Das sind neben dem Sektor der Kulturund Kreativwirtschaft, der Bereich der öffentlichen Kultur förderung und der sogenannte intermediäre Sektor (gemeinnützige Vereine und Organisationen). Die Kultur- und Kreativwirtschaft definiert sich dabei nach der folgenden Systematik: Teilmärkte der Kulturwirtschaft Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Kunst, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt.

Teilmärkte der Kreativwirtschaft Software/Games-Industrie, Werbemarkt. Außerdem: Im Sächsischen Kulturwirtschaftsbericht wurde, um regionalen Besonderheiten Rechnung zu tragen, noch ein zwölfter Teilmarkt hinzugefügt: nämlich das Kunsthandwerk (erzgebirgische Volkskunst).

Das Leipziger Modell Historisch gewachsen – die Medien- und Kreativwirtschaft (siehe Grafik S. 28): Das Leipziger Modell verbindet die langjährige wissenschaftliche Betrachtung des Medienstandortes Leipzig mit den aktuellen Teilmarktdefinitionen der Kultur und Kreativwirtschaft und ermöglicht so eine umfassende Vergleichbarkeit in Kennzahlen und Entwicklungen.

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Foto: Leipziger Messe

Foto: Matthias Ritzmann

Titelthema

Die Leipziger Buchmesse (rechts), die PopUp oder auch Designers' Open (links) sind nur drei gelungene Leipziger Beispiele aus den elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Grafik: Weltprovinz.de für Stadt Leipzig, Amt für Wirtschaftsförderung

Die meisten von ihnen finden nach dem Studium in Leipzig keine Festanstellung. Wer braucht schon Geisteswissenschaftler? Also gehen sie weg, statt sich in Leipzig eine Existenz aufzubauen. In der Kulturwirtschaft haben im Vergleich zur Gesamtwirtschaft fast doppelt so viele Beschäftigte einen Hochschulabschluss – sprich: Hier geht es um die Art Arbeitsplätze, die in Politikerreden den Standort Deutschland nachhaltig sichern sollen. Auch liegt der Anteil der Frauenbeschäftigung in der Kreativwirtschaft mit rund 45 Prozent deutlich über dem Gesamtdurchschnitt der Wirtschaft. Ein großer Teil der Geisteswissenschaftler sind junge Frauen. Bislang gibt es wenig an konkreten Ideen, wie man die Kreativen unterstützen, wie man sie an Leipzig binden kann. So lange das so bleibt, heißt die Alternative eben weiter: »Ich gehe nach Berlin«, oder gleich in den Westen, nachdem man zuvor in Sachsen teuer ausgebildet wurde. Konkrete Lösungsansätze müssen her. Einige kann man sich anderswo abschauen, die meisten müssen speziell für Leipzig erfunden werden. Die Universität könnte sich dabei hervortun. Claudius Nießen, Geschäftsführer und Dozent am Deutschen Literaturinstitut Leipzig

Die elf Leipziger Märkte der Medien- und Kreativwirtschaft im Überblick.

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TRM schlägt Brücke zwischen Biomedizin und Wirtschaft or vier Jahren ist das Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM) an der Universität Leipzig als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in einem der jüngsten Zweige der Biomedizin gegründet worden. »Die regenerative Medizin war und ist ein sehr dynamisches Feld, verbunden mit vielen Hoffnungen auf neue Heilungsansätze«, sagt TRM-Direktor Prof. Dr. Frank Emmrich. Das zentrale Ziel des Zentrums formuliert er klar: »Wir wollen aus der Forschung und aus dem Experiment zügig in die klinische Anwendung kommen.« Um das zu erreichen, sind die Forschenden am TRM aufgefordert, von Beginn an Strategien der therapeutischen Nutzung zu entwickeln und Kooperationen mit Unternehmen einzugehen. Dieser Anspruch gilt auch für die zweite Förderphase, die im April gestartet ist und bis 2015 läuft. Dr. Bastian Marquaß und Dr. Ronny Schulz wurden diesem Anspruch mit der Entwicklung eines stammzellbasierten Knorpeltransplantats bereits gerecht. Seit zwei Jahren unterstützt das TRM die Arbeiten des Unfallchirurgen am Universitätsklinikum Leipzig und des Biochemikers am Biotechnologisch-Biomedizinischen Zentrum (BBZ) der Universität. »Als Student habe ich ein Praktikumssemester bei der Codon AG in Teltow gemacht, die auf diesem Gebiet unterwegs ist, das war bei mir die Initialzündung«, berichtet Schulz. Inzwischen nutzt die Firma das von Marquaß und Schulz etablierte Tiermodell, um eigene Knorpelzelltransplantate auf deren Sicherheit zu testen. Das Leipziger Tandem wiederum hat über einen Business-Plan-Wettbewerb der Handelshochschule Leipzig (HHL) eine mögliche Ausgründung konzipiert. »Das BWL-Wissen hilft uns ungemein. Vor allem bei Drittmittelanträgen können wir jetzt unseren Finanzbedarf und die spätere Verwertung fundiert benennen«, bilanziert der Biochemiker. Kontakt zur HHL fanden die Forscher durch das Weiterbildungsprogramm des TRM. Das wurde eigens erstellt, um den wissenschaftlichen Nachwuchs auf dem mitunter steinigen Weg in Richtung Markt zu begleiten. Die Inhalte reichen von patentrechtlichen Fragen über Anforderungen der »Guten Laborpraxis« bis hin zur Zulassung neuartiger Therapien und Medizinprodukte. Vor allem regulatorische Fragen sind noch in ständigem Umschwung. »Die Unsicherheiten, die sich daraus für die Forschenden ergeben, wollen wir mit den Angeboten minimieren«, erläutert Dr. Susanne Müller. Zudem weist die Projektleiterin Weiterbildung darauf hin, dass die Seminare und Workshops von regionalen Unternehmen und Behörden intensiv nachgefragt werden. Derzeit bringt sich das TRM in eine für die Zukunft der regenerativen Medizin entscheidende Fragestellung ein: Welche logistischen Voraussetzungen braucht die Biomedizin, um

Foto: TRM

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Das TRM fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht nur im Labor, sondern auch beim Weg in die Praxis.

tatsächlich beim Patienten in der Klinik anzukommen? Ein »lebendes« Zellprodukt muss anders transportiert werden als ein Arzneimittel für die Apotheke. Hier engagiert sich das Zentrum gemeinsam mit der HHL und der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kunst (HTWK): Aktuell wird eine Studie zum Ist-Stand im Bereich Biologistik erarbeitet. Im Mai bringt das »Innovationsforum Biologistik« Akteure aus Forschung, Unternehmen und Kliniken zusammen, die neue Ansätze für logistische Prozesse in der Biomedizin skizzieren. »Solange der Transport für hochsensible biologische Materialien nicht zuverlässig abläuft, wird die Herstellung zellbasierter Arzneimittel auf dem Niveau einer Manufaktur bleiben: handwerklich mit kleinen Stückzahlen«, erläutert Prof. Dr. Ulrich Sack. Mit Blick auf die Zukunft fügt der stellvertretende Direktor Forschung des TRM hinzu: »Erst wenn sichere Transporte in alle Richtungen und zu allen Zeiten möglich sind, können Unternehmen an eine automatisierte Herstellung in hoher Stückzahl denken.« Für Ende 2012 steht der Umzug des TRM an. Es wird dann rund 4.000 Quadratmeter Labor- und Nutzfläche in der ehemaligen Frauenklinik beziehen und die bisher dezentral unter anderem in Leipzig und Halle/Saale untergebrachten Forschungsgruppen können an einem Ort konzentriert arbeiten. Manuela Lißina-Krause journal Universität Leipzig 2/2011

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Forschung

Hühnchen oder Hähnchen? Forscher arbeiten an der Geschlechtsdiagnose am unbebrüteten Ei – neue Erkenntnisse erregen großes Interesse in der Fachwelt

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as Geschlecht des künftigen Kükens ist einem Hühnerei noch nicht anzusehen. Leipziger Wissenschaftler und interdisziplinäre Verbundpartner entwickeln derzeit ihre gerade zweifach patentierten Verfahren zur möglichst frühen Geschlechtsbestimmung weiter. »Mit endokrinologischen Methoden gelingt uns das bereits ab dem achten Bebrütungstag. Wir wollen aber noch weiter gehen und eine Geschlechtsdiagnose schon am unbebrüteten, dann noch verwertbaren Ei erreichen«, sagt Prof. Dr. Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns, Professorin an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig und Koordinatorin des Forschungsprojektes. Bei keinem anderen landwirtschaftlichen Nutztier habe die Spezialisierung im Nutzungsziel ein vergleichbares Maß erreicht wie beim Huhn, so die Tiermedizinerin an der Klinik für Vögel und Reptilien. Hähne aus Rassen, die zum Eierlegen gezüchtet werden, finden keine Abnehmer und sind so schlichtweg überflüssig. Jährlich werden deshalb allein in Deutschland mehr als 40 Millionen gerade geschlüpfte, männliche Küken getötet. Die routinemäßige Tötung betrifft dabei sämtliche Bereiche der Legehennenhaltung, einschließlich des Bio-Sektors. »Das ist sowohl aus Sicht des Tierschutzes als auch für die Industrie ein Problem mit gesellschaftspolitischer Tragweite«, sagt Krautwald-Junghanns. Doch die früher verbreiteten Zweitnutzungsrassen, bei denen Hennen nach einer gewissen Legeleistung ebenso wie Hähne der Fleischproduktion dienen, haben – jenseits des ökologischen Landbaus – unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgedient. Statt dem »Mehrzweckhuhn« werden Mastlinien, die bereits nach 30 Tagen ein Schlachtgewicht von 1500 Gramm erreicht haben, und hoch spezialisierte Legelinien gezüchtet. Allerdings schlüpfen bei der Zucht von Legehennen nicht nur die zur Eierproduktion benötigten Hennen, sondern auch etwa ebenso viele, mangels wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeiten allerdings unerwünschte Hähnchen aus den Eiern.

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Im Forschungsverbundprojekt mit Zoologen, Physikern, Chemikern und Ingenieuren der Universität Jena, der TU Dresden, des Frauenhofer Instituts, der arxes Information Design Berlin GmbH und der Lohmann Tierzucht GmbH Cuxhaven rücken die Leipziger Forscher ihrem Ziel Stück für Stück näher, ein verlässliches Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im unbebrüteten Hühnerei zu entwickeln. Im Januar/Februar 2011 wurden nunmehr für zwei schwingungsspektroskopische Verfahren Patente erteilt. Dieser derzeit international viel versprechendste Forschungsstand des Ende Juni endenden Projektes erregt in der Fachwelt großes Interesse. Das im Bereich »Innovationsförderung« von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) für drei Jahre mit einer Fördersumme von rund einer Millionen Euro finanzierte Forschungsvorhaben endet im Juni 2011. In einem neuen Antrag soll danach die Verlässlichkeit der neuen Methoden des Projektes »Möglichkeiten der In Ovo-Geschlechtsbestimmung beim Haushuhn als Alternative zur routinemäßigen Tötung männlicher Eintagsküken aus Legehennenlinien« abgesichert werden. »Wir wollen bei weiterführenden Studien deshalb un-

Foto: Grüne Tage Thüringen

Nicht erst wenn Küken geschlüpft sind, soll sich zukünftig ihr Geschlecht routinemäßig bestimmen lassen.

ter anderem drei neue Ansätze hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten optischer und schwingungsspektroskopischer Analysemethoden verfolgen«, erklärt die Koordinatorin. Für die derzeit präferierten spektroskopischen Verfahren dient ein mittels Laser in der Eischale erzeugtes Loch als Zugang für die weitere, lichtgestützte Analyse. Allerdings wurden die Schlüpfraten aus beprobten Eiern bislang nur im kleinen Rahmen getestet. »Wichtig ist nun, auch die Auswirkungen der einzelnen Untersuchungsschritte auf den Brutverlauf und -erfolg, auf die postnatale Entwicklung der Küken sowie die Tiergesundheit und Legeleistung der Hennen genau zu analysieren.« Im Tierschutzgesetz steht, dass kein Tier ohne Grund getötet oder gequält werden darf. Aber auch der Wirtschaft selbst ist an der Vermeidung der Tötung von jährlich Abermillionen gesunder Hähnchen gelegen. »Für mich steht die ethische Komponente im Vordergrund, es geht schließlich um lebende Tiere, deren einziger Makel es ist, männlich zu sein«, so die Tiermedizinerin. Die Unterstützung von wirtschaftlicher Seite sei dennoch entscheidend: »Viele Projekte sind immer dann

gestorben, wenn ökonomische Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt wurden.« Bislang existieren noch keine praxistauglichen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei, die dieses möglichst unbeschädigt lassen. Das könnte sich mit den angestrebten, völlig neuen endokrinologischen, spektroskopischen und bildgebenden Methoden mittelfristig ändern. »Dann könnten im Idealfall auch unbebrütete Eier, aus denen einmal Hähnchen schlüpfen würden, dem Markt noch zugeführt werden«, so KrautwaldJunghanns. Und das würde nicht zuletzt auch dazu beitragen, die Zahl der für die Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Eiprodukten benötigten Legehennen wieder zu verringern. Katrin Henneberg

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Foto: Swen Reichhold

Forschung

Die Humboldtstipendiaten Dr. Tanmay Mandal (31) und Dr. Sai Sudhir (29) im Labor der organischen Chemie.

Moleküle mit unerwünschtem Spiegelbild Humboldtstipendiaten forschen für die optimale Synthese organischer Verbindungen

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iel zu ruhig ist es in Leipzig und so leer irgendwie, seltsam leer: Wenn Dr. Tanmay Mandal und Dr. Sai Sudhir in der Stadt unterwegs sind, fehlen ihnen das Gedränge und der Lärm ihrer Heimatorte Kolkata und Bangalore. Deshalb muss im Labor, in dem die beiden Inder an der Universität Leipzig arbeiten, auch oft das Radio dudeln. Egal ob Rock, Pop oder indische Folklore – die Forschungsarbeit geht den promovierten Chemikern damit leichter von der Hand. »Außergewöhnlich gut machen sie das«, freut sich Prof. Dr. Christoph Schneider, Dekan der Fakultät für Chemie und Mineralogie und Professor am Institut für organische Chemie, wo die Wissenschaftler gastieren. »Die beiden sind Träger eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung. Die Vergabe ist sehr kompetitiv. Dass zwei Humboldtstipendiaten zur gleichen Zeit in derselben Arbeitsgruppe arbeiten, ist schon recht selten – eine hohe Auszeichnung, auch für uns.« Die Arbeitsgruppe um Professor Schneider forscht im Bereich Organokatalyse – ein Prozess, der für die Herstellung ganz verschiedener organischer Stoffe gebraucht wird, wie Medikamente und Pflanzenschutzmittel. Verknüpfungsreaktionen von Kohlenstoff-Verbindungen, die bei der Organo-

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katalyse ablaufen, werden durch die Forscher untersucht und optimiert. Dabei gibt es ein Problem. Versucht man nämlich eine organische Substanz herzustellen, so entsteht häufig ein 50:50-Gemisch aus zwei verschiedenen Molekültypen, sogenannten Enantiomeren. »Die zwei Molekültypen sind fast gleich. Man könnte sagen wie eine linke und eine rechte Hand«, erklärt Sudhir. »Versuchen sie mal Ihre linke über die rechte Hand zu legen, fast gleich, aber die Daumen sind eben an unterschiedlichen Stellen. Genauso ist das mit den Molekülen. Sie sind Spiegelbilder voneinander.« Mandal ergänzt: »Das Problem ist nur, dass der eine Molekültyp durch seine etwas andere dreidimensionale Struktur gar nicht richtig funktioniert oder sogar giftig ist – was bei einer Anwendung in Medikamenten fatal wäre. Das wollen wir vermeiden, indem wir nach Herstellungsmethoden suchen, die nur die eine Art von Molekül entstehen lassen: die gute, funktionierende Variante und eben nicht das Spiegelbildmolekül.« Das Besondere an der Organokatalyse ist dabei, dass für diesen Prozess rein organische und besonders robuste Katalysatoren verwendet werden, die auch tolerant gegenüber wäss-

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rigen Reaktionsbedingungen sind, und keine empfindlichen Metall-Komplexe wie bisher. Den indischen Wissenschaftlern ist es bei manchen Versuchen schon gelungen, fast 100 Prozent der »guten« Moleküle herzustellen. Eine tolle Leistung, für die sie im Gegenzug aber auch neben der Arbeit eine Menge geboten bekommen. Mandal schwärmt von Weimar, das wäre so hübsch und habe ihm besonders wegen der »vielen Kultur« gut gefallen. Andere Städte, die er auf seiner Entdeckungsreise mit weiteren 27 Humboldtstipendiaten letzten Sommer besuchen durfte, seien aber auch sehr schön gewesen, München beispielsweise und Würzburg. Sudhir hat das Ganze noch vor sich, er ist erst im November 2010 in Leipzig angekommen – und so richtig kann er sich besonders an das Essen hier noch nicht gewöhnen. »Zu wenig gewürzt«, sagt er. »Aber ansonsten vermisse ich Indien und meine Stadt Bangalore nicht und bin sehr froh, hier sein zu dürfen.« Grenzen zu überwinden, das seien beide gewöhnt. Das gilt fürs Private, aber auch für die Forschung. Sandra Hasse

Ernst-Bayer-Preis für Stefanie Fritzsche

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tefanie Fritzsche vom Institut für Analytische Chemie der Universität Leipzig hat den mit 1.000 Euro dotierten Ernst-Bayer-Preis 2010 gewonnen. Er wird jährlich vom Arbeitskreis Separation Science der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (GDCh) für eine herausragende Publikation auf dem Gebiet der Analytischen Trenntechniken an junge Stefanie Fritzsche bei der Nachwuchswissenschaftler verliehen. Preisverleihung. Fritzsche erhielt den Preis für ihre Veröffentlichung über ein neues Analysensystem, der Kopplung von mikrofluidschen Chips mit der Massenspektrometrie, in der renommierten Zeitschrift »Labon-a-Chip«. Dieser Beitrag hatte mit Überschriften wie »Weltrekord: Leipziger Forscher trennen chemische Substanzen am schnellsten« bereits im Sommer vergangenen Jahres große Resonanz in der Presse gefunden. In dem übergeordneten Forschungsthema Chip-Laboratorien befassen sich die Wissenschaftler um Institutsleiter Prof. Dr. Detlev Belder mit der Miniaturisierung von chemischen Analysensystemen auf Chipgröße. Durch Einbringen feinster Kanäle in der Dimension eines menschlichen Haares in einen Glaschip können auch komplexere Prozesse innerhalb kürzester Zeit durchgeführt werden. SH journal Universität Leipzig 2/2011

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Fakultäten und Institute

Neues und Spannendes zum Medientag präsentiert P

hysiker, Geographen und Geologen der Universität Leipzig haben sich auf einem gemeinsam mit der Pressestelle veranstalteten Medientag präsentiert. Zahlreiche Journalisten und interessierte Wissenschaftler erlebten zunächst die Gründung des Virtuellen Instituts für Energieforschung, das ein Gemeinschaftsprojekt der Fakultäten für Physik und Geowissenschaften sowie für Chemie und Mineralogie ist. Danach luden Prof. Dr. Josef A. Käs und Dr. Mareike Zink von der Abteilung Physik der weichen Materie zum Experimentieren ein. Sie demonstrierten die mechanische Stimulierung von Neuronen zur Nervenregeneration. In der Arbeitsgruppe von Prof. Käs wird untersucht, wie Nervenzellen genau funktionieren, warum die Kommunikation zwischen Neuronen lebenswichtig ist und wie man dieses Wissen zur Heilung von Rückenmarksverletzungen nutzen kann. Das Massenspektrometer – ein neues Großgerät zur Paläoklima- und Umweltforschung – stand dann im Mittelpunkt der Präsentation von Prof. Dr. Werner Ehrmann und Prof. Dr. Thomas Brachert vom Institut für Geophysik und Geologie (IGG). Zum Medientag stellten sie das hochempfindliche Gerät vor und demonstrierten seine Funktionsweise. Mit seiner Hilfe durchsuchen Geologen die natürlichen Umweltarchive aus der Erdgeschichte nach Mustern in den paläoklimatischen

Datensätzen und fragen nach den Antriebsmechanismen der Klimaänderungen. Sie berichteten Interessantes über das methodische Vorgehen und erste Ergebnisse eines kürzlich gestarteten Projekts zur Entstehung des Golfstromes auf der Grundlage von Isotopen-Daten aus fossilen Riffkorallen und Muscheln aus der Karibik. Zum Abschluss ging es in einem Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Heinrich und Dr. Dietmar Sattler vom Institut für Geographie noch einmal um das Thema Klimawandel. Sie präsentierten das deutsch-brasilianische Kooperationsprojekt »Dinario« zu Klimawandel, Landschaftsdynamik, Landnutzung und natürlichen Ressourcen im atlantischen Küstenregenwald von Rio de Janeiro. Das Projekt wird von Instituten an der Fachhochschule Köln, der Universität Leipzig, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit der brasilianischen Forschungsinstitution EMBRAPA realisiert. In der Küstengebirgsregion von Rio de Janeiro werden die Auswirkungen eines zunehmenden Landnutzungsdrucks auf die Verfügbarkeit und Stabilität der natürlichen Ressourcen durch die Analyse von Umweltqualitätsindikatoren untersucht. Susann Huster

Foto: Swen Reichhold

Zahlreiche Medienvertreter interessierten sich für neue wissenschaftliche Projekte und spannende Forschungsergebnisse: Hier stellt Prof. Dr. Thomas Brachert (mitte) aus der Geologie das neue Massenspektrometer vor.

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Megathema Energie: Forschungsinstitut VIER wird erweitert m 25. Januar ist das Virtuelle Institut für Energieforschung (Virtual Institute for Energy Research – VIER) der Universität Leipzig gegründet worden. Es soll die Forschungen zum Thema Energie an der Alma mater bündeln. Am 22. März hielt Prof. Dr. Walter Blum von der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) auf einem Kolloquium zur Eröffnung des VIER einen Vortrag. Der Experte vom Vorstand des Arbeitskreises Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) referierte im Hörsaal für Theoretische Physik in der Linnéstraße zum Thema »Klimaschutz und Energieversorgung«. Energie ist ein Megathema für das 21. Jahrhundert. Ihre Verfügbarkeit für Transport, Industrie, den täglichen Bedarf, etwa zum Kochen oder für Neue Medien wie das Internet, ist äußerst wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft und ein friedliches Zusammenleben in der internationalen Gemeinschaft. Hierbei ist zunehmend die Gesamtbilanz für die Umwelt bedeutsam. Die Verfügbarkeit von Energie beinhaltet die Energieerzeugung, ihren Transport sowie die Speicherung und Nutzung – jeweils mit hoher Effizienz. Physiker, Chemiker und andere Spezialisten der Universität Leipzig arbeiten an den Grundlagen der nächsten Generation von Effekten und Prozessen zur Beherrschung und Nutzung von Energie. Hierbei sollen insbesondere quantenmechanische Effekte als Grundlage dienen, die bereits vor hundert Jahren zum Großteil in Leipzig entdeckt und beschrieben wurden. Im Reich der Quantenmechanik sind viele Dinge möglich, die unserer Alltagserfahrung widersprechen. So lässt sich zum Beispiel Energie verlustfrei übertragen, Flüssigkeiten fließen ohne Reibung und sogar bergauf, kleinste Magnetfelder können gemessen werden. Alle diese Effekte sind aber bisher nur bei geringen, teilweise sehr geringen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erreicht worden. »Wir wollen die Struktur des VIER erweitern. Künftig könnte es aus vier Instituten bestehen, die sich verschiedenen Energieproblemen widmen. Außerdem werden wir mit Partnern aus der Wirtschaft kooperieren«, sagt der Dekan der Fakultät für Physik und Geowissenschaften, Prof. Dr. Jürgen Haase. Von der Städteplanung über Meteorologie und Chemie spielten viele Aspekte beim großen Thema Energie eine Rolle. »Sie sollten sich am Energieinstitut an der Universität Leipzig wiederfinden«, erklärt Prof. Haase. Unter dem Dach des VIER solle eine effektive, schlagkräftige Forschergruppe etabliert werden.

Foto: Swen Reichhold

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Prof. Dr. Marius Grundmann, der Direktor des neuen Virtuellen Instituts für Energieforschung, zur Eröffnung im Rahmen des Medientags Physik.

An der Universität Leipzig werden Quantensysteme hergestellt und untersucht, die so robust sind, dass sie ihre faszinierenden quantenmechanischen Effekte bei Raumtemperatur zeigen und diese dadurch nutzbar gemacht werden können. »Neben diesen langfristig angelegten Forschungen, die ein bis zwei Jahrzehnte in die Zukunft weisen, unterstützt das VIER aber auch Partner in der Industrie bei aktuellen und dringenden Fragestellungen, die sich zumeist auf die Optimierung von technischen Prozessen, effiziente katalytische Reaktionen, die Herstellung energieeffizienter Geräte und die ressourcenschonende Nutzung von Materialien fokussieren«, sagt der Direktor des Instituts, Prof. Dr. Marius Grundmann. SH

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Fakultäten und Institute

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m Rahmen einer Universitätspartnerschaft reiste der Dekan der Philologischen Fakultät, Professor Dr. Wolfgang Lörscher, im Januar 2011 nach Chile. Dort unterrichtete er an der Universidad de Los Andes in Santiago ein zunächst auf eine Woche angesetztes, dann aber auf Wunsch der Teilnehmer über zwei Wochen gehendes Postgraduiertenseminar zu »Current Issues in Translation Studies«. Am Seminar nahmen Dozenten und Absolventen aus den Instituten für Philosophie, Pädagogik und Medizin sowie literarische Übersetzer teil. Die Veranstaltung war die erste innerhalb der seit mehreren Jahren bestehenden Kooperation. Sie wurde von den Teilnehmern als überaus erfolgreich evaluiert. Absprachen für weitere Veranstaltungen ähnlicher Art in Leipzig und in Santiago wurden getroffen, so dass die Kooperation auf eine neue Grundlage gestellt werden konnte. Während seines Besuchs unterzeichnete der Dekan zusammen mit seinem Kollegen von der Universidad Católica in Santiago de Chile ein Abkommen über ein bilaterales Doktoranden-

Foto: Universidad des Los Andes

Universitätspartnerschaft mit neuem Leben erfüllt

Blick von oben auf den Campus der Universidad des Los Andes in Santiago de Chile.

programm. Es ermöglicht gemeinsame Promotionen und wird auf Leipziger Seite insbesondere für Doktoranden des Instituts für Romanistik von Interesse sein. Eine Ausweitung auf andere Fächer ist angedacht. Red.

Endlich Praxiserfahrungen für Lehramtsstudierende

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eit geraumer Zeit bestehen zwischen der Professur Schulpädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Schulentwicklungsforschung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät und verschiedenen Schulen in Leipzig Kooperationsverträge. Diese ermöglichen Lehramtsstudierenden, Untersuchungen in der Praxis durchzuführen und Einblicke in den Schulalltag zu gewinnen. Die Schulen profitieren im Gegenzug von den Untersuchungsergebnissen der Studierenden. Im Rahmen dieser Kooperationen bot sich Lehramtsstudierenden im Januar die Möglichkeit, an einer Diskussionsrunde zum Thema »Blockunterricht« am Immanuel-Kant-Gymnasium teilzunehmen. Vor rund einem Jahr wurde an dieser Schule der Unterricht im 90-minütigen Block eingeführt. Nun trafen sich engagierte Lehrkräfte, um ein erstes Fazit zu ziehen. Lehramtsstudierende der Universität Leipzig präsentierten außerdem die Ergebnisse einer Untersuchung, die im Rahmen ihrer Schulpraktischen Studien (SPS I) unter Anleitung von Frau Dr. Doris Flagmeyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Verantwortliche für die SPS I, am Kant-Gymnasium durchgeführt hatten. Im Mittelpunkt standen Unterrichtsbeobachtungen und Lehrerinterviews zum Thema Blockunterricht. Die Ergebnisse verdeutlichten Stärken und Problemstellen. Positiv fielen die Kommunikations- und Interaktionsstruktur und die Art der Motivierung auf. So wurde beobachtet, dass der Unterricht im Kant-Gymnasium im Vergleich zu anderen sächsischen Gymnasien viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler bot.

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Auch bezüglich der Motivierung konnte Positives festgestellt werden: Etwa dreiviertel aller Motivierungsmaßnahmen richteten sich auf die Entwicklung von Erkenntnisinteressen. Ein Problem zeigte sich bei der Strukturierung der Blockstunden. Hier wurde eine klassische Dreiteilung, bestehend aus Einstieg, Erarbeitung und Sicherung, beobachtet, die so ein Missverhältnis von zeitlichem Umfang der Phasen und Aufmerksamkeitsspanne der Schülerinnen und Schüler aufwies. Vielmehr ist eine Struktur zu empfehlen, in der Phasen der Wissensaufnahme, des eigenständigen Arbeitens und des Festigens mehrfach wechseln. Diese Ergebnisse sollen helfen, den Blockunterricht an KantGymnasium weiter zu optimieren. Im zweiten Teil der Veranstaltung kam es zu einer anregenden Diskussion der Lehrerschaft über gute und verbesserungswürdige Aspekte des Blockunterrichts. Es zeigte sich, dass die Mehrheit der Lehrerschaft vom neuen Modell überzeugt ist. Aber es wurden auch konstruktive Verbesserungsvorschläge formuliert. Die Lehramtsstudierenden konnten wertvolle Einblicke in die Praxis gewinnen und neue Motivation für den studentischen Alltag sammeln. Thoralf Schmidt, Student im schulformspezifischen Masterstudiengang für das Höhere Lehramt an Gymnasien

KURZ GEFASST Dipl.-Ing. Manfred Piwinger, langjähriger Lehrbeauftragter für Kommunikationsmanagement/PR am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft hat das Bundesverdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Bundespräsident Christian Wulff verlieh ihm die Auszeichnung für seine herausragenden Leistungen in der Weiterbildung und für den Berufsstand der Kommunikationsfachleute. Piwinger erhielt bereits Würdigungen wie die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Public Relations Gesellschaft und auf internationaler Ebene den Golden World Award der International Public Relations Association. Der Orthopäde Prof. Dr. Wolf Dietrich Arnold hat das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekommen. Die Ehrung erhielt er unter anderem für sein Lebenswerk als Arzt, Wissenschaftler und Lehrer sowie für seine Verdienste um den Aufbau des Rettungswesens in den Freistaaten Thüringen und Sachsen.

Prof. Dr. Claudine Delphis ist im Sommersmester 2011 Leibnizprofessorin. Seit 2007 ist sie Professorin für deutsche Geschichte und Kultur an der Universität Paris VII und war vorher als Attachée der Französischen Botschaft für die Universitäten in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den deutsch-französischen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts, der politischen Verantwortung der Intellektuellen in der Neueren Zeit, Exilliteratur, französischer und deutscher Literatur der Gegenwart, Kulturtransfer sowie dem Briefwechsel französischer und deutschsprachiger Forscher und Autoren. Ihre Antrittsvorlesung „Französische Intellektuelle und ihre Vorträge an der Universität Leipzig in den Jahren 1927-1933: Eine Würdigung der Tätigkeit von Wilhelm Friedmann“ findet am 28. April 2011 im Alten Senatssaal des Rektorats statt.

Prof. Dr. Jens-Uwe Stolzenburg, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Leipziger Universitätsklinikum, er-

hält die diesjährige St. Paul’s Medal der in London ansässigen British Association of Urology (BAUS). Es ist die höchste Auszeichnung, die die Gesellschaft an ausländische Urologen für fachliche Verdienste vergibt. Die Verleihung findet Ende Juni in Liverpool statt. Prof. Dr. Joachim Thiery, Dekan der Medizinischen Fakultät, ist in die Sächsische Akademie der Wissenschaften gewählt worden. Das Amt besteht auf Lebenszeit.

Prof. Dr. Michael Korn von der Theoretischen Geophysik am Institut für Geophysik und Geologie wurde zum neuen designierten Präsidenten der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft (DGG) gewählt. Der Verein wurde 1922 in Leipzig gegründet und vertritt heute über 1.100 Mitglieder in mehr als 30 Ländern weltweit.

Am Global and European Studies Institute (GESI) der Universität Leipzig forscht seit kurzem Dr. Roisin Healy von der National University of Ireland in Galway. Sie wurde von der Alexander von Humboldt-Stiftung ausgewählt, die Forschungsstipendien als Auszeichnung für ausländische Gastforscher vergibt. In den kommenden beiden Jahren wird sich Healy in Leipzig mit ihrem Projekt befassen, in dem sie den britischen und den deutschen Imperialismus in Bezug auf Irland und das heutige Westpolen vergleicht. Zu diesem Thema hat sie bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht. Während ihres Forschungsaufenthaltes wird sie am GESI in der Doktorandenausbildung Vorträge zur Rolle des Imperienvergleiches und zur Untersuchung von Regionen in der europäischen Geschichte halten. Die International Public Relations Research Conference in Miami (USA), die als wichtigste jährliche Fachtagung der PR-Wissenschaft gilt, hat erstmals einen Beitrag aus Deutschland mit dem höchst dotierten Preis ausgezeichnet: Der Jackson-Sharpe-Award für die beste gemeinsame Forschungsarbeit von Wissenschaft und Praxis ging an Prof.

Dr. Ansgar Zerfaß und Anne Linke von der Universität Leipzig sowie an Stephan Fink, den Vorstandsvorsitzenden der Fink & Fuchs PR AG.

Prof. Dr. Stefan Troebst vom Institut für Slavistik, vom Global and European Studies Institute (GESI) und vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) wurde von Kulturstaatsminister Bernd Neumann in den Wissenschaftlichen Beraterkreis der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) berufen. Das Gremium hat ihn zu seinem Vorsitzenden gewählt.

Prof. em. Dr. Siegfried Gottwald, langjähriger Direktor des Instituts für Logik und Wissenschaftstheorie, hat bei der Zeitschrift »Fuzzy Sets and Systems« für weitere drei Jahre die Aufgabe als verantwortlicher Herausgeber für das Fachgebiet »Logik« übernommen. Die Zeitschrift ist das Publikationsorgan der »International Fuzzy Systems Association«. Prof. Dr. Hans Walther war am 10. Februar 2011 ein Ehrenkolloquium an der Philologischen Fakultät zu seinem 90. Geburtstag gewidmet. Als Hochschullehrer kann der Sprachhistoriker, Namenforscher und Siedlungshistoriker auf über 60 Jahre an der Universität Leipzig zurückblicken. Namhafte Historiker und Sprachwissenschaftler aus Jena und Leipzig widmeten dem rüstigen und noch immer forschend tätigen Jubilar ihre Vorträge.

Deutschlands bester Azubi im Bereich »Tierpfleger, Forschung und Klinik« kommt von der Universität Leipzig. Die Preisträgerin Eva Jung hat ihre Lehre mit der Abschlussprüfung der Deutschen Industrie- und Handelskammer als bundesweit Beste des Jahrgangs 2010 abgeschlossen. Im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks siegte für das Land Sachsen Nadine Fiedler. Sie lernte an der Universität Leipzig den Beruf eines Glasapparatebauers. Zum ersten Mal haben zwei weibliche Lehrlinge der Universität die vordersten Plätze ergattert. journal Universität Leipzig 2/2011

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26. märz — 22. mai 2011 otto-schill-straße 4 a. 04109 leipzig dienstag, donnerstag bis sonntag, feiertage 10—18 uhr mittwoch 12—20 uhr kunsthalle + digitale sammlung: www.kunsthalle-sparkasse.de sparkassenkunden haben freien eintritt in die kunsthalle.* *gilt nicht für veranstaltungen

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Grenzen überschreiten Uni Leipzig international

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Uni Leipzig – international! Was bedeutet Internationalität für die Universität Leipzig auf dem globalen Bildungsmarkt? – Das Schlagwort: Internationalisierung erscheint in vielen Zielvorgaben. Was bedeutet dieser Prozess für eine Universität wie die unsrige? Bezogen auf die Forschung lässt sich feststellen, dass Leipzig längst eine weltweit wirkende und entsprechend global gut vernetzte Universität ist. Wissenschaft ist allgemein »international«, die Forschungsprojekte sind häufig über mehrere Kontinente hinweg organisiert und nicht zuletzt ist Englisch in den meisten Forschungsbereichen seit vielen Jahren die dominierende Wissenschaftssprache. Ohne entsprechende Sprachkenntnisse gedeiht kaum noch eine wissenschaftliche Karriere.

Wir wollen die Weiche dafür stellen, dass künftig noch mehr Studierende zum Austausch ins Ausland gehen, dass sie dafür leichtere Zugänge erhalten – und wir hoffen, künftig noch mehr ausländische Studierende an der Uni Leipzig willkommen heißen zu können. Für dieses Ziel sind verschiedene Anstrengungen nötig: Es müssen weitere internationale Studienprogramme auf die Beine gestellt werden, die an verschiedenen Universitätsstandorten welt- oder europaweit zu Bachelor und Master führen. Dafür werden wir verstärkt auch mit externen Partnern zusammenarbeiten, wie mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Alexander von Humboldt-Stiftung. Und nicht zuletzt werden wir das Hochschulmarketing internationaler gestalten. Künftige Strategien werden sich gezielter auf einzelne Länder richten mit dem Ziel, nicht allein die Quantität, sondern unter anderem die Qualität des internationalen Austausches stetig zu erhöhen.

Prof. Dr. Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig

Illustration: barbara splieth

Auch im Bereich Studium ist Internationalität in aller Munde: Der Bologna-Prozess soll den Austausch der Studierenden über die Ländergrenzen hinweg erleichtern und ihnen weit über die Grenzen der jeweiligen Heimatuniversität hinaus gehende Erfah-

rungen ermöglichen. Solche Mobilität im Rahmen des Studiums ist noch schwierig in die Praxis umzusetzen. Nicht zuletzt deshalb war es mir persönlich wichtig, die Bereiche Bildung – und eben nicht allein das »Studium« – und Internationales gemeinsam in einem Prorektorat unter der Leitung von Professor Claus Altmayer zusammenzuführen.

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UniVersum

Herausgeber: Rektorin der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl. Journ. Katrin Henneberg, Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected] Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected] Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000 Titelbild: Swen Reichhold Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei: Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected] Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 06.05.2011 ISSN 1860-6709

Endlich komplett: Fünf dicke Bände bannen die vollständige Leipziger Universitätsgeschichte auf Papier. 6 Über Jahrzehnte gediehen und bald auch digital: die Vielfalt des Botanischen Gartens.

Kunst- und Studiensammlung zeigt den Wandel akademischer Rituale. 11 Förderung des Spitzensports an der Universität Leipzig / SMILE jetzt in der Ritterstraße 12. UB gibt NS-Raubgut an Serbische Nationalbibliothek zurück / Digitales Videostudio des ZMK neu aufgebaut.

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Äthiopischer Botschafter besucht 16 Universität Leipzig. Guter Geist: Antje Jähne, Mitarbeiterin im Referat Lehre der Medizini17 schen Fakultät.

Titelthema

Überblick und Rückblick. Internationalität und Internationalisie19 rung an der Universität Leipzig. Christiane Schmeken vom DAAD im Interview.

Deutsch lernen mit »interDaF« .

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Drei Fragen an: die neuen Prorek14 toren der Universität Leipzig.

Umfrage unter ausländischen Studierenden.

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Murali Dama, Doktorand der Graduiertenschule BuildMoNa

M. Dornberger

Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig

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WILMA heißt ausländische Studierende willkommen./ Finanzielle Hilfe für ausländische Studierende. 26

Foto: Swen Reichhold

Impressum

Teil drei der Serie zur Ausstellung »Brisantte Begegnungen« .

Foto: Swen Reichhold

Picator-Professorin: Shannon Cain aus Tuscon/Arizona (USA) lehrt am Institute for American Studies. 4

Neues Team im Prorektorat Am 12. April 2011 wurden die neuen Prorektoren der Universität Leipzig gewählt. Im Interview werden Sie und Ihre Aufgabenbereiche kurz vorgestellt.

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Inhalt

Wandel durch Austausch

– dieser Wahlspruch steht für die zentrale Aufgabe des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD), Mobilität im Kontext von Studium und Wissenschaft zu ermöglichen. Zugleich ist das Motto ein Bekenntnis zum Wert des akademischen Austauschs, zu den damit verbundenen Lern- und Veränderungschancen, für den einzelnen Studierenden und Wissenschaftler ebenso wie für die deutschen Hochschulen und den Wissenschaftsstandort Deutschland als Ganzes. Als eine Einrichtung der deutschen Hochschulen hat der DAAD in enger Tuchfühlung mit diesen eine breite Palette von Förderangeboten entwickelt. Dazu gehören Programme für Studierende und Wissenschaftler – für Deutsche und Ausländer – zur Förderung individueller Mobilitätsvorhaben ebenso wie Strukturprogramme, mit denen die Internationalisierung deutscher Hochschulen begleitet wird. Hier geht es etwa um international ausgerichtete Studiengänge, um Marketing für den Studienstandort Deutschland, um die Gewinnung hochqualifizierter Studierender und Nachwuchswissenschaftler aus dem Ausland und um deren Betreuung, also um all das, was deutsche Hochschulen brauchen, um auf dem globalen Bildungsmarkt mithalten zu können und überall auf der Welt als attraktive Anlaufstellen für mobile Akademiker wahrgenommen zu werden. (Christiane Schmeken, DAAD)

Erasmus Intensivprogramm »Shift It!« .

Herausragende internationale Kooperationen der ErasmusMundus-Projekte. Austausche von Medizin und Biowissenschaften. SEPT: wird als Modell auch in Vietnam sehr geschätzt.

Neue Wege mit Bachelor-PlusStudiengängen.

Gesund durch Humor

Die Abbildung zeigt das Sukkulentenhaus (oben) mit seinem digitalisierten Pflanzenbestand (unten) im Botanischen Garten. Die Farben korrespondieren zu gleichen Familien. Neue und historische Entwicklungen der Einrichtung stehen im Fokus ab

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Seit zwölf Jahren Miami-Seminar der Juristenfakultät. / Netzwerk: »Leipzig Alumni 35 International« . Buchtipp: historische Dokumentation deutsch-amerikanischer 36 Beziehungen.

Foto: Anja Jungnickel

Digitale Vielfalt

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IFB baut internationale Partnerschaften weiter aus. 34

Foto: T. Grun / Grafik: M. Freiberg

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Cotutelle-Vereinbarung: Stefanie Baumert promoviert an zwei Universitäten. 32

Das vollständige Interview mit Christiane Schmeken, nominierte Vertrauenspartnerin der Universität Leipzig, sowie zahlreiche weitere Beiträge zum Journal-Schwerpunkt »Grenzen überschreiten – Uni Leipzig international« lesen Sie ab Seite 18

Ein Team der Universität Leipzig hat den Wettbewerb »Was macht gesund?« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gewonnen.

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»Europa macht Schule« regt zum 37 europäischen Austausch an.

Forschung

Eine Würdigung des Filmtheoretikers Hugo Münsterberg. 38

Wirtschaftsinformatiker machen Software verständlich. 40 Projekt für hocheffiziente Methanherstellung / Humor macht gesund

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Brisante Begegnungen Personalia Kurz gefasst

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Amerika zu Gast in Leipzig V

or nunmehr fünf Jahren richtete die Universität Leipzig zusammen mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und dem amerikanischen Verlag Picador die Picador Guest Professorship for Literature am Institut für Amerikanistik ein. Die Professur ist namentlich an den Literaturverlag Picador angelehnt, zu dessen Autoren Literaturnobelpreisträger, wie Samuel Beckett und V.S. Naipaul, aber auch zahlreiche Booker-Prize- und Pulitzer-Preisträger gehören. Die Picador-Gastprofessur kombiniert ein Writers-in-Residence Programm mit der universitären Lehre. Bisher wurden vier Gastprofessorinnen und sechs Gastprofessoren aus dem englischsprachigen Raum, vorrangig aus den USA, berufen, um angloamerikanische Literatur zu vermitteln und kritisch zu reflektieren. Eingeladen werden AutorInnen, DrehbuchschreiberInnen und KritikerInnen; arrivierte SchriftstellerInnen wurden ebenso angesprochen wie NewcomerInnen und AutorInnen der Avantgarde. Erster Picador-Gastprofessor im Wintersemester 2006/07 war der junge Avantgarde-Künstler Tristan Hughes. Auf ihn folgten der Brite James Hopkin, der New Yorker Schriftsteller John Haskell und der amerikanische Musikjournalist und Popkultur-Autor Chuck Klosterman. Im Sommersemester 2009 hatte Catherine Chung die Professur inne, im Winter

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Foto: Sarah Prall

UniVersum

Derzeit Picator-Professorin am Institute for American Studies der Uni Leipzig: Shannon Cain.

2009/10 der US-amerikanische Autor Olen Steinhauer. Gastprofessor im Sommersemester 2010 war der New Yorker Lyriker Christian Hawkey. Ihm folgte die Dichterin und Bühnenautorin Nathalie Handal. Alle Gastprofessoren bestimmten dabei selbst die Form, in der sie mit den interessierten Studierenden des Amerikanistik-Instituts zusammenarbeiten möchten. Mit Shannon Cain aus Tuscon/Arizona (USA) ist die zehnte Picador-Professur am Institute for American Studies für vier Monate besetzt. Shannon Cain wird im Sommersemester 2011 zwei Seminare anbieten – einen Kurs zum Thema »Reading Like a Writer: The Close Reading of Contemporary American Short Stories Through the Lens of the Writer of Literary Fiction« und ein praxisbezogenes Seminar zum »Creative Writing and Literary Publishing«, dessen Ergebnisse in Kombination mit Arbeiten mehrfach veröffentlichter SchriftstellerInnen später in einer Anthologie herausgegeben werden sollen. Wie ihre VorgängerInnen wird die vielseitige Autorin mit ihrem Aufenthalt in Leipzig ein differenziertes und modernes Amerikabild vermitteln. Während ihres Aufenthaltes liest sie auch bei mehreren Abendveranstaltungen aus ihren Werken, um das Englische als kulturtragende Weltsprache zu thematisieren und so die Präsenz der anglo-amerikanischen Literatur in Leipzig und den neuen Ländern zu stärken. René Schlott, Petra Scheunemann

Brisante Begegnungen Ausstellung: Der SFB 586 präsentiert Ergebnisse in Hamburg*

Teil 3/6

Mit der Abschlussausstellung »Brisante Begegnungen« bietet der Sonderforschungsbereich (SFB) 586 »Differenz und Integration« ab dem 17. November 2011 im Hamburger Museum für Völkerkunde einen Einblick in seine zehnjährige Forschungsarbeit. Kuratiert wird die Exposition »Brisante Begegnungen« von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan. Am SFB 586 sind neben der Universität Leipzig die Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, das Institut für Länderkunde, das Helmholtz-Institut sowie das Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung beteiligt. So wie Nomaden nach einer Lösung suchen, um instabile Tücher und wackelige Stöcke zu einer sturmsicheren Konstruktion zu verbinden, stellt sich auch im universitären Milieu die Frage, wie Forscher, Institute oder Fakultäten zu einem stabilen Verbund zusammengefügt werden können. Der Erfolg eines Verbundes hängt – wie Sun Tsu in seinem Lehrbuch »Über die Kriegs-Kunst« bereits vor 2.000 Jahren erklärte – von der Stärke, der Disziplin und dem Wagemut eines jeden einzelnen Mitgliedes ab, und zwar unter der Voraussetzung, dass es seine individuellen Ansprüche hintan stellt. Das war offensichtlich gegeben, als sich vor nunmehr 15 Jahren Islamwissenschaftler, Archäologen, Ethnologen und Althistoriker aus Halle und Leipzig trafen, um über die Möglichkeit eines Forschungsverbundes zu sprechen. Ihr gemeinsames Interesse galt den Interaktionen und Konfrontationen von Nomaden und Sesshaften, wobei sie selbst sich in ihren Fachdisziplinen durch einen hohen Grad an Differenz

Foto: Annegret Nippa

Über die Kunst, aus losen Verbindungen einen stabilen Verbund zu machen

Dieser Holzklotz von einem syrischen Beduinenmarkt erinnert an das Logo des SFB 586.

auszeichneten. Die Arbeit an der Aufhebung der Differenz (der Disziplin) in eine übergeordnete Gleichheit (der Wissenschaft) besteht von Anfang an und endet nie, denn Integration ist ein mühsamer Prozess: »Im Gegensatz zum Differenzieren ist dies Problem [der Integration] im Bereich der elementar konstruierbaren Funktionen keineswegs routinemäßig und schematisch lösbar! Man findet immer wieder Fälle, in denen man einen kreativen Einfall benötigt, um voranzukommen«. (F. Krause; Vorkurs Mathematik, 2010) Ökonomische Erwägungen der Antragsteller mindern die Kohäsionskraft, die es braucht, um fachliche Differenzen in einer interdisziplinären Integration zu überwinden. Schon General Sun Tsu warnte vor jeder Art von Beutemachen, da es die Schlagkraft der Truppe schwäche. Doch das gemeinsame Forschungsinteresse und die Bereitschaft zum Austausch über die Geschichte der Interaktionen von Nomaden und Sesshaften halten den Verbund seit zehn

* Kuratiert von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan

Jahren lebendig. Sein Titel »Differenz und Integration« spiegelt sowohl das Grundproblem eines jeden SFB als auch das Kernthema des SFB 586 wider. Auf der Suche nach einem, sowohl dem Titel als auch dem Inhalt entsprechenden Zeichen ergänzten sich die Fachvertreter überraschend schnell: Der Archäologe Furtwängler zeichnete ein Rechteck als Reduktion eines Hauses und der Ethnologe Streck setzte zwei Kurven als Zeichen für ein geschwungenes Zeltdach hinein, da er im Sudan beobachtet hatte, wie Nomaden ihre Zelte in verwaisten Gehöften am Rande städtischer Siedlungen aufschlugen. Jahre später sah ich auf einem Beduinenmarkt in Syrien Holzklötze, die mich in ihrer Form an unser Logo erinnerten und erfuhr, dass es sich dabei um ein unscheinbares, aber raffiniertes Werkstück handelt, mit dem Stoffbahnen, Seile und Holzpfosten zusammengehalten und festgezurrt werden. Prof. Dr. Annegret Nippa, Institut für Ethnologie

Gefördert von

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Prof. Dr. Manfred Rudersdorf vom Historischen Seminar mit den nun kompletten Bänden zur Universitätsgeschichte.

Im Ziel

Die fünfbändige Gesamtgeschichte der Universität Leipzig liegt vollständig vor

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a, wir sind im Ziel, das Werk ist vollendet!« Nicht ganz ohne Stolz lehnt sich Professor Dr. Manfred Rudersdorf vom Historischen Seminar der Universität zurück und betrachtet die dicken Bände, die inzwischen fast einen halben Meter im Buchregal einnehmen. Nach immerhin fast 10 Jahren unter der Ägide von zwei Rektoren und zwei Leitern der zuständigen Kommission zur Erforschung der Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte sowie der Mitwirkung vieler beteiligter Autorinnen und Autoren liegt die Jubiläumsausgabe zur »Geschichte der Universität Leipzig« in fünf Bänden vor. Die Geschichte der 600 Jahre alten, bis heute ununterbrochen wirkenden zweitältesten Universität in Deutschland wird in interdisziplinärer Herangehensweise aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Themenbereichen ausführlich behandelt: Die chronologisch-strukturelle Geschichte der Gesamtinstitution selbst wird in den Bänden 1 bis 3 erzählt, die Geschichte der Fakultäten, Institute und Zentralen Einrichtungen liegt mit dem zweiteiligen Band 4 vor und die Geschichte der Universitätsbauten im urbanen Kontext erzählt in Text und mit vielen Bildillustrationen der Band 5. Im einzelnen gliedert sich die fünfbändige Universitätsgeschichte wie folgt:

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Band 1: Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009. Spätes Mittelalter und Frühe Neuzeit 1409-1830. Von Enno Bünz, Manfred Rudersdorf und Detlef Döring. 864 Seiten. Band 2: Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009. Das 19. Jahrhundert 1830/31-1909. Von Hartmut Zwahr und Jens Blecher, 928 Seiten.

Band 3: Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009. Das 20. Jahrhundert 1909-2009. Von Ulrich von Hehl, Günther Heydemann, Klaus Fitschen und Fritz König, 969 Seiten.

Band 4: Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009. Fakultäten, Institute und Zentrale Einrichtungen, in zwei Halbbänden. Herausgegeben von Ulrich von Hehl, Uwe John und Manfred Rudersdorf, 1.641 Seiten. Band 5: Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009. Geschichte der Leipziger Universitätsbauten im urbanen Kontext. Herausgegeben von Michaela Marek und Thomas Topfstedt, 796 Seiten.

Frühzeitig angeregt durch die damalige Universitätsleitung wurde im Jahr 2002 eine Kommission aus universitätsinternen Experten eingesetzt, die zur Aufgabe hatte, unter Wahrung der Disziplinenvielfalt und der unterschiedlichen Fächerkulturen nach dem Scheitern des Versuchs von 1909 erstmals die Erarbeitung einer umfassenden quellenfundierten und darstellerisch ansprechenden Leipziger Universitätsgeschichte in Angriff zu nehmen. Das damals formulierte Ziel, die universitäre Entwicklung über die Ebene der Fakultäten und Institute hinaus sowohl in einen gesamtgeschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, als auch in ihren geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Bezügen darzustellen, wurde eingelöst. Nach dem plötzlichen Tod des zunächst eingesetzten Leiters der Kommission, des Kirchenhistorikers Professor Günther Wartenberg, übernahm dessen damaliger Stellvertreter, Professor Rudersdorf, die Leitung des Gesamtprojektes im Sommer 2007. »Was haben Sie sich da aufhalsen lassen«, hörte der Neuzeithistoriker in der Folge nicht nur einmal in seinem Umfeld. Aber von Bedenkenträgereien ließ sich Rudersdorf nach der getroffenen Entscheidung nicht mehr abhalten: »Jetzt muss geschrieben werden« – zitiert das Uni-Journal 6/2007 sein Credo. Und so war es dann auch: Es wurde geforscht, geschrieben und konzeptionell nachgedacht. Der erste Band (es ist Band 4 in zwei Halbbänden, mit 56 Beiträgen von über 90 Autoren) erschien zur Leipziger Buchmesse 2009. Ein weiterer, Band 5 zur Architektur und Baugeschichte, mit einem umfangreichen Katalog aller Universitätsbauten, erschien zum 600. Geburtstag der Universität Leipzig am 2. Dezember 2009. Zwei weitere Bände zur Chronologie der Geschichte kamen schließlich im Jahr 2010 auf den Markt, und als Abschluss erschien zuletzt Band 2 zur Buchmesse 2011. Das Gesamtwerk umfaßt insgesamt 5.198 Seiten mit 15.720 Fußnoten, 1.288 Abbildungen, 143 Graphiken und Tabellen sowie 164 Karten und Risse. Die Zahl aller illustrierenden Gestaltungselemente beläuft sich auf beeindruckende 1.595 Einheiten. Den Leser erwartet also ein Höchstmaß an Fakten und Informationen. Die Gesamtgeschichte bemüht sich, die vergangenen Ereignisse unvoreingenommen und auf empirischer Grundlage in das kollektive Gedächtnis der Universität zu rufen. Die Bände spiegeln wider, daß zur sechshundertjährigen Geschichte der Universität neben den Erfolgen der wissenschaftlichen Entwicklung auch die dunklen Kapitel der Alma mater gehören. Der Analyse der Brüche, der Bedrängnisse und der Fehlleistungen, insbesondere im »langen« 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen, ist daher ausreichend Raum zugestanden worden. »Ohne alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen wäre das Mammutprojekt natürlich nicht zustande gekommen«, betont Manfred Rudersdorf. »Gerade unser Redakteur und Lektor Uwe John sowie unsere beiden Koordinatoren Sebastian Kusche und Jonas Flöter, zuvor Andreas Gößner, möchte ich – auch im Namen meines Stellvertreters Professor Ulrich von Hehl – an dieser Stelle besonders würdigen«. Aber auch die Betreuung durch den Leipziger Universitätsverlag und seinen Geschäftsführer Gerald Diesener sei ganz hervorragend gewesen.

Die optisch qualitätvolle Ausstattung des Jahrhundertwerks wäre im übrigen nicht ohne die noble Unterstützung durch die Horst-Springer-Stiftung für neuere Geschichte Sachsens zustande gekommen, die mit einem namhaften Betrag den gesamten Druckkostenzuschuss der fünfbändigen Jubiläumsausgabe übernommen hat. »Wir haben in den vergangenen Jahren in besonders engen Druckphasen beinahe rund um die Uhr gearbeitet, vor allem die Wochenenden und die semesterfreie Zeit standen im Zeichen der Arbeit an der Publikation, denn alle unsere normalen Verpflichtungen in Lehre, Forschung und Selbstverwaltung haben wir in dieser Zeit selbstverständlich weiter erfüllt,« erklärt der Vorsitzende der Kommission. Langweilig werde es aber auch nun – nach Erscheinen aller Bände der Universitätsgeschichte – nicht. Weitere große Ereignisse stehen sozusagen vor der Tür: 2015 feiert die Stadt Leipzig das tausendjährige Jubiläum ihrer urkundlichen Ersterwähnung, zu der eine neue vierbändige Geschichte der Stadt unter der Leitung einer Historikerkommission in Vorbereitung ist. Zwei Jahre später, 2017, wird weltweit der fünfhundertjährigen Wiederkehr der Wittenberger Reformation Martin Luthers gedacht, die aus diesem Anlass die historischen Wurzeln ihres mitteldeutschsächsischen Ursprungs in besonderer Weise herausstellen wird. Die Mitwirkung an der Herausgabe eines umfangreichen Sammelbandes zur europäischen Netzwerkbildung des Bildungsreformators Philipp Melanchthon, Luthers Wittenberger Kollege, ist denn auch die nächste Arbeit des Frühneuzeithistorikers, die unmittelbar vor ihrem Abschluss steht. Dr. Manuela Rutsatz

Mitglieder der Senatskommission zur Erforschung der Leipziger Universitätsund Wissenschaftsgeschichte: Professor Dr. Enno Bünz, Historisches Seminar Professor Dr. Dr. Detlef Döring, Sächsische Akademie der

Wissenschaften

Professor Dr. Klaus Fitschen, Theologische Fakultät Professor Dr. Ulrich von Hehl, Historisches Seminar Professor Dr. Günther Heydemann, Historisches Seminar Professor Dr. Bernd-Rüdiger Kern, Juristenfakultät Professor Dr. Dieter Michel, Fakultät für Physik und Geowissenschaften

Professor Dr. Dr. Ortrun Riha, Medizinische Fakultät Professor Dr. Manfred Rudersdorf, Historisches Seminar (seit 2007 Vorsitzender)

Professor Dr. Thomas Topfstedt, Institut für Kunstgeschichte Professor Dr. Dr. Günther Wartenberg (†), Theologische Fakultät (bis 2007 Vorsitzender)

Professor Dr. Gerald Wiemers, Universitätsarchiv Professor Dr. Hartmut Zwahr, Historisches Seminar

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Foto: privat

Prof. Dr. Gerd K. Müller im Jahr 1983 in seinem Dienstzimmer mit Werken deutscher Südamerika-Forscher.

Botanischer Garten bald auch digital Eine kurze Geschichte über Jahrzehnte gewachsener Vielfalt

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lljährlich werden die Gewächshäuser des Botanischen Gartens von zirka 25.000 Besuchern aufgesucht, für das Freiland kann man die Zahl vorsichtig auf rund 40 bis 50.000 schätzen. Hinzu kommen jährlich über 4.000 Schüler der Botanikschule und viele Gruppen, die individuelle Führungen buchen. Seine heutige Ausprägung verdankt der Garten einer bewegten Geschichte. Diese geht bis zu seiner Gründung im Jahre 1542 als damals erstem Botanischen Garten Deutschlands zurück und diente stets der Forschung, Lehre und Bildung. So musste die Institution zuletzt 1876 dem Reichsgerichtsgebäude weichen und erlitt 1943 am heutigen Standort schwere Kriegsschäden. Der folgende Artikel beleuchtet die Ereignisse während der letzten Jahrzehnte und wirft einen Blick auf die Zukunft.

Damals in der DDR Dem umsichtigen und visionären Wirken von Prof. Dr. Gerd K. Müller, der seit 1968 sowohl den Wissenschaftsbereich als auch den Botanischen Garten leitete, verdankt der Garten zu großen Teilen seinen heutigen Charakter. Trotz großer Schwierigkeiten gelang es ihm noch während der DDR-Zeit, den Bestand auf rund 9.000 Arten zu erhöhen und Leipzig zu einem international anerkannten Zentrum für südamerikanische Pflanzen zu entwickeln. Dies erreichte er, zusammen mit Dr. Peter Gutte, einerseits durch Tausch und Schenkung, andererseits durch mehrjährige Forschungs- und Sammelreisen 8

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nach Peru, Ekuador und Kolumbien. Vor der Wende waren die Pflanzenbestände stark gefährdet. Von der maroden Gewächshauskonstruktion fielen die Glasscheiben. Eine Begehung der Häuser war nur mit Schutzhelm gestattet und Kälteeinbrüche bedrohten die tropische Pflanzenwelt. Die veraltete Heizungsanlage wurde nur mit Rohbraunkohle befeuert, die Abgase setzten den Freilandpflanzen zu. Kaum vorstellbar, dass es gelang, den Bestand durch diese schwierige Zeit zu bewahren und sogar zu mehren.

Modernisierung nach der Hochschulreform Mit der Hochschulreform nach der Wiedervereinigung eröffneten sich für den Botanischen Garten neue Möglichkeiten. Müller entwickelte ein Konzept für die Sanierung und Erweiterung der Gewächshäuser und eine Neugestaltung des Freilands, welches bereits 1992 in einen ersten Bauantrag mündete. Die Realisierung der Baumaßnahmen mit Kosten von zirka neun Millionen Euro wurde dann vom Amtsnachfolger, Prof. Dr. Wilfried Morawetz, ab 1994 mit großer Beharrlichkeit und viel politischem Geschick fortgesetzt. Der nach modernsten Grundsätzen errichtete Gewächshauskomplex wurde in zwei Bauabschnitten in den Jahren 1998 bis 2003 saniert oder durch Neubauten ersetzt und ergänzt. Als eines der ganz wenigen weltweit konnte das alte Viktoriahaus erhalten werden. Unter anderem der Anschluss an das Fernwärmenetz, eine Wasseraufbereitungsanlage und eine moderne Klimasteuerung der

Foto: T. Grun

Blick über die systematische Abteilung auf das Inspektorenhaus im Sommer 2010.

Häuser bieten heute ideale Bedingungen für die Pflanzenbestände. Prof. Morawetz verstarb im Jahre 2007 nach schwerer Krankheit. Trotzdem gelang es ihm, den Freilandbereich durch zwei neue Anlagen zu erweitern. Mit Hilfe der Firma Madaus kehrte der Garten 2001 zu seinen Gründungswurzeln zurück und begründete einen modernen Apothekergarten. Die auf Prof. Müller zurückgehenden Planungen betonen die wachsende Bedeutung und Erforschung von Naturheilstoffen. Gleich nebenan liegt der Duft- und Tastgarten, der zusammen mit dem Leipziger Grünflächenamt entwickelt und 2007 eröffnet wurde. Seine einfache Gliederung bietet eine gute Zugänglichkeit auch für Sehbehinderte und Rollstuhlfahrer. Hier dürfen die Pflanzen – in Tischhöhe gepflanzt – mit allen Sinnen geprüft werden. Neue Schwerpunkte Seit Oktober 2009 wird der Garten von Prof. Dr. Christian Wirth geleitet. Die Hauptaufgaben des Gartens sind unverändert die Forschung, Lehre und Bildung, doch wurden auch neue Schwerpunkte gesetzt. Die rasante Entwicklung der genetischen Forschung hat die systematische Botanik revolutioniert und die Verwandtschaft unter den Pflanzen neu sortiert. Das »System« des Gartens, die Abbildung der Verwandtschaften als Gartenanlage, ist von PD Dr. Martin Freiberg schon seit 2006 wieder auf dem neusten Stand der Wissenschaft gebracht worden. Auch die Zielsetzung des Systems wurde modernisiert.

Statt möglichst viele Arten zu kultivieren, gilt es, die weltweite Vielfalt der Pflanzenfamilien zu repräsentieren. Mittlerweile lassen sich 65 Prozent aller Familien im Garten finden.

Bald auch digitale Vielfalt Die »Biodiversitätskrise« wirft die Frage auf, welche Konsequenzen der dramatische Verlust von biologischen Arten für uns Menschen hat. Welche Funktionen und Dienstleistungen gehen verloren, wenn Pflanzenarten für immer verschwinden? Derzeit laufen zwei Drittmittelprojekte im Garten, die diese Kernfrage der »Funktionellen Biodiversitätsforschung« mithilfe von Experimenten untersuchen. Die »digitale Revolution« macht an den Gartenpforten nicht halt. Biodiversität ist Information, und diese wird zunehmend über das Netz verfügbar. Auch die Vielfalt des Gartens soll digital »erfasst« werden. Dafür erfolgt derzeit eine genaue Vermessung und fotografische Erfassung aller Pflanzen. Eine Verknüpfung mit eigenen Datenbanken und Internetarchiven zu Taxonomie, Ökologie und Verbreitung ist der nächste Schritt. Ziel ist es, dass man sich die faszinierende Vielfalt des Gartens in Zukunft nicht nur erwandern, sondern auch »erklicken« kann – am besten beides. PD Dr. Martin Freiberg, Matthias Schwieger, Prof. Dr. Christian Wirth http://www.uni-leipzig.de/bota/

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MyMobai – dein Gutscheinheft für’s Handy An alle, die gern shoppen gehen, regelmäßig in ihren Briefkasten schauen oder bei dem einen oder anderen Bonusprogramm dabei sind! Ihr werdet überall bombardiert mit Gutscheinen, Rabattmarken und Bonusprogrammen – zum Mitnehmen, zum Ausschneiden, zum Abstempeln und stapelweise Mitschleppen. Wenn es dann soweit ist, dass ihr an der Kasse eures Lieblingsladens steht und euren Gutschein einlösen wollt, ist der entweder abgelaufen, nur in einer anderen Filiale gültig, ihr habt ihn einfach zu Hause vergessen oder er ist im Nirwana eurer Taschen verloren gegangen. Nun ärgert ihr euch und verlasst den Laden ohne Rabatt und mit dem festen Vorsatz, nächstes Mal an den Gutschein zu denken, ihn vorher rauszusuchen und mindestens auf’s Datum zu schauen. Solch hochkomplexe Problemstellungen verlangen nach einer klaren Lösung:

Einfacher ist es doch, wenn ihr generell nur aktuelle Gutscheine dabei habt – ohne großen Papierwust. Dafür gibt’s eine ganz simple Lösung – holt euch die MyMobai App auf euer Handy. In der App findet ihr alle möglichen Gutscheine für Shopping, Cafés, Restaurants, Wellness & Beauty und vieles mehr. Die Nutzung ist dabei kinderleicht – nur den gewünschten Coupon reservieren und direkt in der Location einlösen.

Ganz aktuell gibt es zum Beispiel für alle Kontaktlinsenträger einen Gutschein für eine kostenlose Probepackung des Kontaktlinsenpflegemittels BIOTRUE der Firma Bausch & Lomb. Einlösen könnt ihr den Coupon bei einem teilnehmenden Optiker in eurer Nähe. Über die Facebook Page www.facebook.com/mymobai bekommt ihr als Fan Infos und Neuigkeiten rund um MyMobai, neue Coupons und das ein oder andere Gewinnspiel. MyMobai ist ein junges Start-up aus Leipzig und in Deutschland seit 2008 Vorreiter beim Thema Mobile Couponing. Die App gibt es kostenlos zum Download für iPhone, Android, Nokia, Blackberry und viele andere Handy typen.

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Daniel Hübner Ansprechpartner TGFS im Wirtschaftsraum Leipzig

Scannt euch einfach den QR Code ab oder geht auf m.mymobai.com.

Finanziert wurde MyMobai vom Technologiegründerfonds Sachsen, einem Wagniskapitalfonds, dessen Mittel vom Freistaat Sachsen, den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und von regionalen Sparkassen Sachsens stammen. Mit einem Gesamtvolumen von 60 Mio. EUR investiert der TGFS in Unternehmensgründungen und junge Unternehmen aus dem Hochtechnologiebereich. Neben der Zufuhr von Eigenkapital bietet der TGFS die Erfahrung der Investmentmanager, welche in den letzten 14 Jahren mehr als 100 Unternehmen begleiteten. Ansprechpartner: Daniel Hübner, E-Mail: [email protected] www.tgfs.de

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Der Wandel akademischer Rituale Sonderschau der Kunst- und Studiensammlung

Die wertvolle Rektorkette, ein Geschenk des Königshauses an die Universität, besteht aus 14-karätigem Gold, ist mit Smaragden und Rubinen besetzt und trägt das große Universitätswappen.

torkette – vermitteln einen Eindruck von der Verwendung der Insignien, die dem Amt große Würde verliehen. »Aber auch studentische Rituale werden thematisiert: Besucher können die Disputationsuhr betrachten, welche dazu diente, die Redezeit zu bemessen«, so Schulz. Auch der Initiationsritus der »Deposition«, den jeder angehende Studierende durchlaufen musste, bevor er sich an der Universität einschreiben durfte, rückt laut ins Blickfeld: »Verkleidet als tierhaftes Wesen wurden sie mit überdimensionalen Kosmetikartikeln – wie Kamm, Schere und Rasierpinsel – frisiert, gehobelt und ihnen wurden die ,Hörner abgeschlagen‘. Durch diesen Vorgang der ,Zivilisierung‘, bei welchem es teilweise sehr roh zuging, fanden sie Aufnahme in die akademische Gemeinschaft.« Jeden Mittwoch finden zwischen 13.00 und 13.15 Uhr unter dem Motto »Kunst in der Mittagspause« Kurzführungen abwechselnd zu folgenden Themen statt: »Die Rektorkette«, »Die Universitätszepter«, »Die Disputationsuhr« und »Die Depositionsinstrumente«. Jeden Freitag heißt es von 15.00 bis 15.30 Uhr »Kunst nach Feierabend«. Dahinter verbirgt sich die Kurzführung »Die Insignien der Universität Leipzig«. Die Ausstellung läuft bis zum 24. Juni 2011, montags bis freitags 11 bis18 Uhr, jeden Mittwoch Abendöffnung bis 20 Uhr. An Feiertagen (Himmelfahrt, Pfingstmontag) ist allerdings geschlossen. KH

Foto: Kustodie

Foto: Kustodie/wpunktw

it der Gründung der Universitäten im Mittelalter entstanden bereits symbolische Akte, welche wichtige Ereignisse markierten. Verschiedene für Lehrende wie Studierende sinnund identitätsstiftende Rituale prägten das akademische Leben danach über Jahrhunderte. So übernahm zum Beispiel der Rektor bei Amtsantritt die prächtigen Insignien als Symbole der Macht: goldene Zepter, prunkvolle Siegel, Rektormantel und Matrikel. Im 19. Jahrhundert wurde mit der Rektorkette eine neue Insignie geschaffen. Das Zeitalter der Aufklärung und gesellschaftliche Veränderungen im 20. Jahrhundert hatten eine Abschaffung von Ritualen zur Folge, so dass viele heute in Vergessenheit geraten sind. Die Amtseinführung der Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking, hat die Kustodie zum Anlass genommen, die diesjährige Sonderöffnung der Kunst- und Studiensammlung unter das Motto »Akademische Rituale« zu stellen. »Zepter, Schwurblatt, Hörnerkappe – Akademische Rituale im Wandel« lautet der Titel der Schau, »die einige Exponate der Studiensammlung in den Mittelpunkt rückt, die dieses Thema illustrieren«, sagt Mitarbeiterin Dr. Simone Schulz. Besonderes Augenmerk liege dabei auf der Rektorkette, welche 1855 durch den Sächsischen König an Rektor Erdmann verliehen wurde sowie auf dem prunkvollen Zepterpaar der Universität Leipzig. Porträts ehemaliger Rektoren – im Rektorornat oder mit Rek-

Bei Universitätsfeierlichkeiten wurden die goldenen Zepter von Pedellen (Universitätsbeamten) getragen, dahinter schritt der Rektor im Ornat.

Foto: Kustodie/Marion Wenzel

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Die Depositionsinstrumente der Universität Leipzig sind von unschätzbarem kulturhistorischen Wert, da sie als einzige Exemplare in Deutschland erhalten sind.

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Spitzensportler als Botschafter der Universität

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ie studieren und trainieren für Olympia oder andere hochkarätige sportliche Wettkämpfe: Spitzensportler werden an der Universität seit Jahren gefördert, damit sie die Doppelbelastung von Studium und Spitzensport besser bewältigen können. Anfang April lud die neue Rektorin der Universität, Prof. Dr. Beate Schücking, studierende Spitzensportler, Mentoren sowie Vertreter des Olympiastützpunktes und des Studentenwerkes zu einem Gedankenaustausch ein. Dabei wollte sie mehr über die Herausforderungen erfahren, die diese jungen Sportler im Alltag zu meistern haben. Es sei »beachtlich«, dass die Universität Leipzig die Förderung des Spitzensports in ihrer Grundordnung verankert habe. »Das ist an keiner anderen sächsischen Universität so«, betonte die Rektorin. Die Leistungssportler seien »wichtige Botschafter der Universität«. In Erfüllung der im Jahr 2006 geschlossenen Vereinbarung zwischen Universität, Olympiastützpunkt, Studentenwerk und dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (ADH) zur Förderung studierender Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sieht die Auswahlsatzung der Sportwissenschaftlichen Fakultät vor, bis zu zehn Prozent der Studienplätze für

SMILE zeigt in neuen Räumen Wege in die Selbständigkeit

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Foto: Daniel Markgraf

m April ist die SMILE (SelbstManagementInitiative Leipzig) in die Ritterstraße 12 eingezogen. Das Team kann in den neuen Räumen in bewährter Qualität, aber mit mehr Optionen betreuen. Es begleitet Studierende, Mitarbeiter und Absolventen der Leipziger Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf ihrem Weg in die berufliche und persönliche Selbständigkeit. »Durch die steigende Zahl an Coachings und das wachsende

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Bachelor-Studiengänge der Fakultät an Spitzensportler zu vergeben. Allen Spitzensportlern wird zudem pro Fakultät ein Mentor unterstützend zur Seite gestellt, der sie bei Problemen mit der Vereinbarkeit von Studium und Sport berät und oftmals eine Klärung herbeiführen konnte. Dieses Mentorensystem, das es seit Mitte 2006 gibt, hat sich nach Ansicht Schückings bewährt. Während der Veranstaltung Anfang April riet sie den Sportlern, so früh wie möglich Kontakt zu ihren Mentoren aufzunehmen, um Probleme schneller lösen zu können. Auch in diesem Jahr stelle die Universität trotz der angespannten Haushaltslage eine »ansehnliche finanzielle Unterstützung« für die Spitzensportler zur Verfügung, sagte die Rektorin. Diese solle ein Ansporn für das Studium und die Wettkämpfe sein und werde insgesamt zehn Athleten gewährt. Die meisten Leistungssportler studieren an der Sportwissenschaftlichen Fakultät, einige wenige auch andere Studienrichtungen wie etwa Chemie oder Lehramt. Sie haben individuelle Studienpläne, steigen oft auch später als ihre Kommilitonen ins Berufsleben ein. Susann Huster

Team benötigte SMILE in den alten Räumen oftmals viel Organisationsaufwand, um die nötige Ruhe für Coachings herzustellen«, erzählt Projektleiter Dr. Daniel Markgraf. »Denn in fünf Jahren wurden mehr als 300 Gründer in den unterschiedlichsten Branchen von Medizin über IT bis Malerei betreut.« Dieser Erfolg brachte SMILE bereits zwei Mal den Titel »Aktivstes Gründernetzwerk« ein. »Neben der individuelleren und damit marktgerechteren Betreuung beim Coaching in den neuen Räumen können Gründungsideen nun einfacher miteinander diskutiert und weiterentwickelt werden«, fasst Markgraf zusammen. Dadurch könnten sich Gründerteams besser formieren und ihre unternehmerischen Ideen auch besser vor potenziellen Finanziers oder Partnern präsentieren. SMILE ist vom Campus am Augustusplatz leicht zu erreichen. Unmittelbar hinter der Nikolaikirche markieren die in Blau und Orange beklebten Fenster das neue Domizil in der ersten Etage. Durch die fachübergreifende Zusammenarbeit mit vielen unabhängigen Coaches und Experten wird das vielfältige Angebot ständig erweitert. Weit über 100 Seminare, Workshops und andere Veranstaltungen informieren alleine im aktuellen Sommersemester rund um Selbständigkeit und Selbstmanagement. Die Kontaktbüros an den anderen Hochschulen bleiben unverändert bestehen. Red www.smile.uni-leipzig.de

Der Schriftsteller und Direktor der serbischen Nationalbibliothek, Sreten Ugricic (links außen), dankt dem Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, für die Übergabe der Bücher des Verlags Géza Kon. Der serbische Kulturminister Predrag Markovic (mit Bart) war an der Zeremonie ebenso beteiligt wie der deutsche Botschafter Wolfram Maas (rechts außen)

UB übergibt NS-Raubgut an serbische Nationalbibliothek

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m 20.3.2011 übergab die Universitätsbibliothek Leipzig der Serbischen Nationalbibliothek 796 Bände aus dem durch die Nationalsozialisten 1941 beschlagnahmten Buchbestand des Belgrader Verlags und der Buchhandlung »Géza Kon«, die 1943 über die Nationalbibliothek Wien unrechtmäßig von der Universitätsbibliothek Leipzig übernommen wurden. Der Buchhändler und Verleger Géza Kon (1873-1941) gründete 1901 in Belgrad eine Verlagsbuchhandlung, die sich nach 1918 zur größten in Jugoslawien entwickelte. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgrad 1941 wurde der Verleger jüdischer Herkunft verhaftet und gilt seitdem als verschollen. Seine Firma wurde arisiert und unter deutsche Treuhänderschaft gestellt. Die Verlagsproduktion wurde beschlagnahmt und von der Nationalbibliothek Wien vereinnahmt, die Mehrfachexemplare anderen Bibliotheken wie der Bayerischen Staatsbibliothek München, der Preußischen Staatsbibliothek Berlin sowie den Universitätsbibliotheken in Breslau und Leipzig anbot.

Nachdem die Suche nach rechtmäßigen Erben erfolglos blieb, betrachtet die Universitätsbibliothek Leipzig die Serbische Nationalbibliothek als legitime kulturelle Adresse um die Bücher nach Belgrad zurückzuführen. Zur Unterzeichnung der Übergabe-Vereinbarung in der Bibliotheca Albertina waren der Botschafter Serbiens in Deutschland, Ivo Visković, sowie der Direktor der serbischen Nationalbibliothek, Sreten Ugričić, anwesend. An der Universitätsbibliothek Leipzig wird seit 2009 mit Unterstützung des Staatsministers für Kultur und Medien ein Projekt zur Ermittlung von NS-Raubgut durchgeführt. Unrechtmäßig erworbene Bestände werden ermittelt, dokumentiert und gegebenenfalls für eine Restitution vorbereitet. Die Arbeitsweise des Projekts, Ergebnisse und weitere Informationen sind unter http://nsraubgut.ub.uni-leipzig.de zu finden. Cordula Reuß

ZMK bietet seit Beginn des Sommersemesters digitales Studio

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eit dem Beginn des Sommersemesters steht allen Lehrenden und Studierenden der Universität Leipzig das vollständig neu aufgebaute und digitale Videostudio des Zentrums für Medien und Kommunikation (ZMK) zur Verfügung. In der vorlesungsfreien Zeit haben die Mitarbeiter des ZMK das Fernsehstudio im Seminargebäude in der Universitätsstraße 1 dem derzeit technisch aktuellen Standard im Bereich der Videotechnik angepasst. Der Direktor des ZMK, Prof. Dr. Bernd Schorb, erklärt: »Durch die finanzielle Unterstützung der Universität konnten wir ein modernes Multi-Media-Studio einrichten.« Und: »Es bietet eine gute Möglichkeit, multimediale Projekte umzusetzen«, sagt der zuständige ZMK-Mitarbeiter Fred Meier. Da dies offenbar innerhalb der Universität noch zu wenig bekannt ist, werde das neue digitale Videostudio noch zu wenig genutzt. »Bisher konnte man bei uns nur analog arbeiten. Jetzt haben wir eine komplette digitale Bearbeitungsstrecke«, berichtet Meier. Dadurch hätten die Nutzer qualitativ und quantitativ wesentlich bessere Arbeitsmöglichkeiten. Möglich seien unter anderem professionelle DVD-Produktionen, die Gestaltung und Nachbearbeitung wissenschaftlicher Videos, Liveaufzeichnun-

gen von Veranstaltungen sowie technische und didaktische Beratung durch die Studiomitarbeiter, etwa bei der Anschaffung von Medientechnik. Die neue Technik wurde unter anderem schon für die Medizinerausbildung genutzt, für die eine DVD über Arzt-Patienten-Gespräche produziert wurde. Den Studierenden steht im Rahmen von Seminaren im multimedialen Bereich HD-fähige Kameratechnik und die zur Nachbearbeitung notwendige Schnitttechnik zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es zwei Tonstudios und die PC-Technik zur Bearbeitung von Tonmaterial sowie die notwendige Aufnahmetechnik. Die Studios, die Technik und die Abläufe in Produktion und Postproduktion in den Bereichen der Audio- und Videobearbeitung werden von insgesamt neun Mitarbeitern des ZMK betreut. So ist es auch Einsteigern möglich, die Technik einzusetzen. Die technischen Voraussetzungen und die professionelle Betreuung bieten vielfältige Möglichkeiten zur Nutzung – auch für Drittmittelprojekte. SH www.uni-leipzig.de/~zmk.

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Prof. Dr. Thomas Lenk

Drei Fragen an … Prof. Dr. Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer

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rof. Dr. Thomas Lenk ist seit dem 12. April 2011 gewählter Prorektor für Entwicklung und Transfer der Universität Leipzig. Der 53-Jährige Wirtschaftsingenieur ist Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen und Public Management an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität und leitet zudem das Kompetenzzentrum für Öffentliche Wirtschaft und Daseinsvorsorge. Seit 1993 ist er Professor für Finanzwissenschaft (VWL) der Universität Leipzig und Gründungsmitglied seiner Fakultät.

Frage : Was war Initial für Ihre Entscheidung, sich als Prorektor zur Wahl zu stellen? Thomas Lenk: Zunächst einmal gab es die Anfrage der Rektorin und unterstützend dazu manche Aufmunterung aus der Hochschulöffentlichkeit. Letztendlich aber habe ich die Kandidatur aus Verantwortungsgefühl für die Universität Leipzig angenommen und hoffe, gerade auch mit den Erfahrungen aus meinen wissenschaftlichen Beratertätigkeiten für verschiedene Regierungen und Kommunen einiges für unsere Universität in der aktuellen, angespannten Haushaltslage des Freistaats bewirken zu können. In wenigen Sätzen und ganz sicher unvollständig: Welches sind konkrete Ziele und Projekte für Ihren Geschäftsbereich innerhalb des Rektorats? Da gibt es natürlich eine ganze Reihe: In Sachen Transfer ist mir die deutlich engere und sichtbare Zusammenarbeit mit der hiesigen Wirtschaft ein wichtiges Anliegen, aber ebenso die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Region. Unter Transfer verstehe ich nicht allein die Vermittlung der wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse in konkrete (Industrie-)Projekte, vielmehr 14

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soll künftig der Wert der Arbeit der Leipziger Universität insgesamt in den Fokus des Transfers – auch hin zu Politik und weiteren Drittmittelgebern verstärkt werden. Das Selbstverständnis, das eine Universität besteht, weil sie 600 Jahre existiert, ist sicher spätestens in diesen finanziell schwierigen Zeiten nicht mehr haltbar.

Wie werden Sie den Spagat zwischen den Aufgaben als Hochschullehrer und Wissenschaftler sowie denen als Hochschulmanager gestalten? Das frage ich mich auch. Ich habe gerade wieder Unterschriftenlisten von meinen Studenten bekommen, die darum kämpfen, dass mein Lehrdeputat nicht ganz so gering ausfällt. Gleichzeitig merke ich natürlich, wie viel Zeit und Kraft der Prorektorenjob kostet. Und das Wichtigste wird sein, im Sinne meiner Familie insgesamt die work-live-balance wieder zu finden und zu halten!

Prof. Dr. Matthias Schwarz, Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung

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rof. Dr. Matthias Schwarz ist seit 12. April 2011 gewählter Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung. Der 43-jährige Mathematiker war seit 2010 Dekan der Fakultät für Mathematik und Informatik. Er wurde im Jahr 2000 zum Mathematik-Professor an die Universität Leipzig berufen und leitete zuvor eine Nachwuchsgruppe am Leipziger Max-PlanckInstitut für Mathematik in den Naturwissenschaften. Frage: Was war Initial für Ihre Entscheidung, sich als Prorektor zur Wahl zu stellen? Matthias Schwarz: Ich bin überzeugt vom großen akademischen Potential der Universität Leipzig, besonders im engen Umfeld der drei Max-Planck-Institute und vieler anderer

Fotos: Swen Reichhold

Prof. Dr. Matthias Schwarz

Prof. Dr. Claus Altmayer

außer universitären Forschungseinrichtungen. Angesichts dessen und der beeindruckenden Geschichte unserer Universität sehe ich das für mich unerwartete Angebot der Rektorin, mich gestaltend in der Verantwortung eines Prorektors einzubringen, als einmalige Chance. Natürlich freue ich mich auch, die Erfahrungen aus der Fakultät für Mathematik und Informatik einfließen zu lassen. Haben wir doch vor allem in den letzten Jahren gelernt, uns auch von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und wieder zu einer starken Form zurückzufinden. Vor dieser Aufgabe stehen wir nun mit der gesamten Universität, und ich nehme diese Herausforderung gerne an.

arbeitet seit 2005 als Professor für Deutsch als Fremdsprache mit Schwerpunkt Kulturstudien am Herder-Institut der Universität Leipzig. Dort fungierte er von 2005 bis 2008 auch als Geschäftsführender Direktor. Seit 2008 ist er Prodekan der Philologischen Fakultät. In Anbetracht des Schwerpunktthemas dieser Journalausgabe »Uni Leipzig international« ist ein etwas ausführlicheres Interview mit dem neuen Prorektor entstanden.

In wenigen Sätzen und ganz sicher unvollständig: Welches sind konkrete Ziele und Projekte für Ihren Geschäftsbereich innerhalb des Rektorats? Neben der Begleitung und Umsetzung unmittelbar anstehender Forschungsgroßanträge stehen vor allem eine Neusichtung und -bewertung der Forschungslandschaft und der vorhandenen Instrumente und Strukturen zu ihrer Förderung und Weiterentwicklung an unserer Universität an. Allen widrigen Umständen zum Trotz müssen die Bedingungen für neue Forschungsprojekte, vor allem kooperative Verbundprojekte, geschaffen werden. Wie werden Sie den Spagat zwischen den Aufgaben als Hochschullehrer und Wissenschaftler sowie denen als Hochschulmanager gestalten? Angesichts des hohen Arbeitspensums im Amt des Prorektors sehe ich momentan mit besonderer Sorge die Verantwortung für meine eigene Arbeitsgruppe aus mehreren Doktoranden und Postdoktoranden sowie das Bestreben, meinen selbstgesteckten Forschungszielen gerecht zu werden. Hier bin ich auf die Mithilfe meiner Kollegen aus der Mathematik angewiesen. Der fortlaufende wissenschaftliche Austausch und die ständige Kommunikation sind dabei entscheidend. Ich kann zum Glück aus einem sehr fruchtbaren Umfeld schöpfen.

Prof. Dr. Claus Altmayer, Prorektor für Bildung und Internationales

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rof. Dr. Claus Altmayer ist seit dem 12. April 2011 gewählter Prorektor für Bildung und Internationales. Der 54-Jährige

Frage: Was war Initial für Ihre Entscheidung, sich als Prorektor zur Wahl zu stellen? Claus Altmayer: Zuerst ist dieses neue Amt für mich eine sehr spannende Aufgabe. Bereits am Herder-Institut habe ich intensiv an der Gestaltung und Verbesserung der Lehre mitgearbeitet. Nun habe ich die Chance ergriffen, die Entwicklungen in Bildung und Internationalisierung im Team der Hochschulleitung für die ganze Universität voranzubringen. Für mich persönlich konnte dies auch allein der Bereich Bildung und Internationales sein.

In wenigen Sätzen und ganz sicher unvollständig: Welches sind konkrete Ziele und Projekte für Ihren Geschäftsbereich innerhalb des Rektorats? Hier stehe ich zunächst einmal vor einer ganzen Reihe von Vorgaben, die von außen kommen: Aktuell steht die Umstellung der Lehramtsstudiengänge zurück auf das Staatsexamen an. Schon im März 2012 müssen die neuen Studiengänge stehen, damit sie noch im Ministerium begutachtet werden und rechtzeitig beworben werden können. Dann gibt es das große Feld der Qualitätssicherung der Lehre, das gesetzlich vorgeschrieben ist – aus meiner Sicht aber auch unerlässlich für eine gute Lehre ist. Und schließlich stehen wir vor der so genannten Re-Akkreditierung. Wir wollen daran arbeiten, von der Studiengangsakkreditierung hin zur Systemakkreditierung zu wechseln. Kaum Platz für Kreatives? Wir sind uns in der neuen Hochschulleitung einig, dass wir vor allem fächerübergreifende und problemorientierte, neue Studiengänge fördern wollen. Auf diese Weise würde unser Studienangebot attraktiver – und hier und da könnten wir ganz eigene, eben Leipziger Angebote generieren. Insbesondere gilt

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UniVersum

hier mein Blick dem Weiterbildungsmarkt. Wir sprechen immer vom lebenslangen Lernen, die Bildung gilt in Deutschland als Wachstumsmarkt, also sollten wir auch neben forschungsorientierten Mastern berufsorientierte Angebote schaffen. Wie wollen Sie die Qualität der Lehre beeinflussen? Über Lehrqualität kann und muss man diskutieren: Wie stellen sich unsere Lehrformate dar? Lernen unsere Studierenden in unseren Seminaren und Vorlesungen genug? Eventuell sollten wir auch ein Anreizsystem für gute Lehre schaffen, das über den Theodor-Litt-Preis hinaus geht. Im übrigen freut es mich sehr, dass das Hochschuldidaktische Zentrum Sachsen an unserer Universität eingerichtet wurde. Ich denke, dort liegt jede Menge Potenzial für unsere Weiterentwicklung auf diesem Gebiet.

Foto: Swen Reichhold

In diesem Journal geht es um »die internationale Universität Leipzig«. Für »Internationales« sind nun Sie der verantwortliche Prorektor im Team der Uni-Leitung. Welche Pläne haben Sie hierfür? Der Prozess der Internationalisierung verlief in den vergangenen Jahren – um es neutral auszudrücken – dezentral. Si-

Hoher Besuch aus Äthiopien

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eine Exzellenz Fesseha Asghedom Tessema, seit März 2011 neuer Botschafter von Äthiopien, hat im Rahmen seines Antrittsbesuchs bei Oberbürgermeister Burkhard Jung Ende April auch die Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking, getroffen. Dabei konnte sie sich ebenso ein eigenes Bild von den Beziehungen der Universität Leipzig zu Hochschuleinrichtungen in Äthiopien machen. Die Verbindungen zur Addis Abeba Universität und zum Medical College Gondar beste-

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cherlich soll nun nicht alles zentralisiert werden – aber in der Hochschulleitung wollen wir eine Gesamtstrategie entwickeln. Die Internationalität sollte sich dann natürlich auf alle Bereiche der Universität beziehen. Unser Ziel ist, Internationalität deutlich in der Lehre zu verstärken: So sollte bereits im Bachelor-Studiengang ein Auslandssemester möglich sein, ohne dafür ein Urlaubssemester nehmen zu müssen. Und auch den Anteil der internationalen Studierenden überhaupt würden wir gern weiter erhöhen. Wie werden Sie den Spagat zwischen den Aufgaben als Hochschullehrer und Wissenschaftler sowie denen als Hochschulmanager gestalten? Ganz ehrlich: Im Moment sehe ich mich noch längst nicht als Hochschulmanager. Dieser Spagat ist auch für mich ein Problem – da mir vor allem die Lehre sehr am Herzen liegt. Fakt ist, ich werde mich nicht fünf Jahre lang komplett aus Forschung und Lehre zurückziehen, sondern etwa ein Viertel meiner Arbeitszeit am Herder-Institut verbringen. Die Gespräche führte Dr. Manuela Rutsatz

hen seit mehreren Jahrzehnten und sind mit Addis seit 1997 und mit Gondar seit 2002 auch vertraglich geregelt. Am Erfahrungsaustausch mit dem Botschafter und der Rektorin waren vor allem Mediziner beteiligt, unter anderem Prof. Dr. Stefan Schubert, der als Tropenmediziner einen ganz starken Anteil an den Kontakten zur Addis Abeba University hat, sowie Prof. Dr. Dieter Reißig, der sich auch als Emeritus immer noch stark für die Ausbildung von Ärzten in Gondar engagiert. Ergänzt wurde die Medizinergruppe von PD Dr. Getu Abraham, einem äthiopischen Alumnus der Universität Leipzig. Er hat seine komplette Ausbildung bis zur Habilitation in Leipzig absolviert und arbeitet als Privatdozent an der Veterinärmedizinischen Fakultät. Außerdem nimmt er im Dezember 2011 an einer Informations- und Lehrveranstaltung von "AfroAgriBright" teil, einer äthiopischen Nichtregierungsorganisation, die sich die Verbesserung der Nahrungsmittelsituation in tropischen Gebieten durch Verbesserungen in den Bereichen Tiermedizin, Tierhaltung und Landwirtschaft zum Ziel gesetzt hat. Diese Veranstaltung wird gemeinsam von »Leipzig Alumni International« und »AfroAgriBright« in Addis Abeba organisiert und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert. Prof. Dr. Matthias Middell stellte in seiner Funktion als Sprecher des Centre for Area Studies (CAS) dar, welche Strategie dieses für die künftige Kooperation mit Addis Abeba entwickelt hat. Das Treffen wurde mit dem Eintrag in das Gästebuch der Universität Leipzig durch seine Exzellenz Fesseha Asghedom Tessema beendet. MR

Foto: MF S.Engel

Antje Jähne ist eine, »zu der man immer gehen kann«, finden Studierende der Medizinischen Fakultät.

Der gute Geist Antje Jähne, Mitarbeiterin im Referat Lehre an der Medizinischen Fakultät

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u den Sprechzeiten geben sich die Studierenden bei Antje Jähne die Klinke in die Hand. Gerade erst hat Maria aus Vilnius vorbei geschaut, die in Leipzig ihren Medizinabschluss schaffen will. Seitdem ihr am Anfang ihres Studienaufenthalts in Deutschland das Referat Lehre mit Rat und Tat zur Seite stand, schaut die temperamentvolle Blondine immer mal wieder rein, manchmal nur, um zu berichten, dass alles gut läuft. Wichtige Schritte im (Studenten-)Leben verbinden. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin für Wirtschaftsenglisch Antje Jähne hat in ihren zehn Jahren an der Fakultät Unzählige beraten und begleitet. Gerade der enge Kontakt zu den Studierenden und die Vielfalt der Themen sind es, was die 42-Jährige an ihrer Arbeit besonders schätzt. »Wir sind immer erster Anlaufpunkt für Fragen und Probleme, die während eines Studiums auftreten können, sei es Fachberatung, Prüfungsvorbereitung, Krankheit oder eben ein Auslandsaufenthalt. Da braucht’s einfach Unterstützung.« Und viel Menschen- und Situationsgespür, denn die unterschiedlichsten Stimmungslagen und individuellen Bedürfnisse steuern die zweite Etage des Carl-Ludwig-Instituts auf der Liebigstraße an. Bewerber fürs Ausland oder ausländische Gaststudierende brauchen besonders viel Aufmerksamkeit. Gab es vor ein paar Jahren nur das Erasmus-Teilstudium, ist seit wenigen Jahren das Erasmus-Praktikum zum Angebot hinzu gekommen, was unter angehenden Medizinern vor allem die fortgeschrittenen PJler nutzen, um vier Monate lang praktische Erfahrungen in anderen Gesundheitssystemen zu sammeln. Gut für den eigenen Horizont und für den Lebenslauf.

Die Zahl der Teilnehmer steigt von Jahr zu Jahr. Aktuell können pro Studienjahr knapp 70 Plätze an insgesamt 32 Fakultäten in 14 europäischen Ländern, von Norwegen bis Italien und von Portugal bis Polen, und an der Alabama University in den US-Südstaaten vergeben werden. Es lohnt sich, sagt die Studienberaterin, auch das den Ursprungswünschen nicht so Naheliegende zu wagen. »Einer wollte nach Spanien, was nicht ging. Da habe ich in meinem Regal nach einem Litauen-Bildband gegriffen und von der fast schon behütenden Betreuung dort berichtet – ein durchschlagender Erfolg!«, lacht Antje Jähne. Auf dem umgekehrten Weg kommen bis zu 50 Gäste nach Leipzig, Tendenz ebenfalls steigend, besonders stark vertreten sind Rumänen, Litauer und Spanier. »Das attraktive Angebot der Stadt und der Universität spricht sich rum«, ist Antje Jähne überzeugt. Sie selbst hat noch nie eine der Partnerfakultäten besucht, wenngleich sie mit allen 32 Koordinatoren in Kontakt steht. Sie sucht die Bewerber aus, kümmert sich um die Formalitäten, koordiniert das Nötige mit dem Akademischen Auslandsamt der Uni und hilft sogar, wenn’s vor Ort mal nicht rund läuft. In der Vorbereitungsphase sind Erfahrungsberichte Gold wert. Darin findet sich auch so manches Lob für Antje Jähne: »Fragt ruhig nach! Zu ihr kann man immer gehen, es lohnt sich!« – damit ist nun wirklich alles gesagt. Diana Smikalla

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Titelthema

Foto: Swen Reichhold

Zu Gast aus Indien: Murali Dama, Doktorand der Graduiertenschule BuildMoNa, die im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert wird.

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Internationalität – Internationalisierung Von der Zielgröße zum Instrument

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as Maiheft des Universitätsjournals im Jahre 2002 versuchte, eine Zwischenbilanz der Vorhaben der 90er Jahre zu ziehen, die die internationale Dimension der Lehre und des Studiums an der Universität zum Ziel hatten. Neben dem Leitartikel »Internationalisierung als Auftrag« stellte ein Beitrag die Frage: »Internationalisierung – nur ein Modewort?«. Nach neun Jahren kann man sich diese Frage erneut vorlegen und resümieren. »Internationalisierung« als Begriff ist nach wie vor in Mode. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die europäische – und nicht zuletzt die Leipziger – Universität von Anbeginn an keine provinzielle Veranstaltung war, weil wissenschaftlicher Austausch nur im internationalen Aggregatzustand gedeihen konnte und kann. So gesehen, ist Internationalisierung – der Vergleich sei werbefrei erlaubt – eine Modeerscheinung wie die Jeans, die sich in Schnitt und Ausführung an die jeweiligen Zeitumstände anpassen, Arbeitskleidung und salonfähig zugleich sind. Was hat sich nun seit dem Jahre 2002 verändert, um die Beschäftigungsfähigkeit Leipziger Absolventen auf dem internationalen Arbeitsmarkt zu stärken? Gerade im Zuge des Rektoratswechsels rückte das Thema erneut in den Fokus des Interesses, so dass es notwendig ist, die Diskussion mit einigen Fakten zu stützen. Drei Thesen der Autoren sollen die Bilanz zuvor eröffnen und damit den Rahmen liefern für die Daten, die im Anschluss präsentiert werden: 1) Die Universität Leipzig rangiert in Bezug auf die Mobilität ihrer Angehörigen (Studierende wie Wissenschaftler), ihre internationalen Studienprogramme und folglich auch ihr Drittmittelaufkommen für diese Aufgaben, zumindest vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD), in der Spitzengruppe der deutschen Universitäten (Abb. 1, 2, 4). Eine Tatsache, die aus den unterschiedlichsten Gründen in der jüngsten Vergangenheit innerhalb und im Umfeld der Universität nicht in dem Maße kommuniziert wurde, wie es die Fakten nahelegen. In welchen anderen »Rankings« kann derzeit die Universität denn schon als Gesamtheit einen vorderen Platz in Anspruch nehmen? 2) Die Universität konnte diese Erfolge seit den frühen 90er Jahren vor allem deshalb erzielen, weil sich ihnen eine Vielzahl ihrer Angehörigen mit großem und oftmals unvergoltenem Engagement widmete und sich dieser der Wissenschaft immanente Ansatz auch in den 2000er Jahren gegen lauter werdende Zentralisierungsbestrebungen verteidigen ließ. Das Subsidiaritätsprinzip lässt den für jede wissenschaftliche Entwicklung

unverzichtbaren Freiraum dafür. Freilich um den Preis, dass die Zentrale aus ihrem Blickwinkel einen »Wildwuchs« in den verschiedenen Fakultäten wahrnahm und beklagte. Aber wie soll man die Projekte und ausländischen Partner einer so differenzierten Universität über einen Leisten scheren, wenn man die Qualität der Projekte und Partner in einem speziellen Fach zum Maßstab nimmt? Denn nur im einzelnen Fach, nicht universitätsweit, lässt sich Qualität vergleichen und synergetisch verbinden. Wie will man außerdem zentral steuern, ohne in ausreichendem Maße über das entscheidende Steuerungsinstrument, die finanziellen und personellen Ressourcen, zu verfügen? Jeder Wissenschaftler ist ja gezwungen, sich für seine speziellen Projekte im deutschen und europäischen »Förderdschungel« passgenau die Mittel zu besorgen. Will man etwa einem Hochschullehrer verwehren, für einen internationalen Studiengang oder ein Forschungsprojekt Drittmittel einzuwerben, weil der ausländische Partner nicht in einer zentral vorgegebenen Liste erscheint? Anders sähe es aus, wenn sich die Fächer auf eine Prioritätenliste einigen könnten.

3) Zwei Ziele der Bologna-Reform sind, die Mobilität im europäischen Wissenschaftsraum zu fördern und ihn attraktiver für nicht-europäische Studierende und Wissenschaftler zu gestalten. Die Bilanz für viele Fächer der Universität zeigt seit 2009 hier ihre Schattenseiten (Abb. 1 und 3). Die in manchen Fächern erschwerte Anerkennung von Studienleistungen aus dem Ausland, die niedrigere Erfolgsquote ausländischer Studierender im Vergleich zu ihren deutschen Kommilitonen, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die Schließung zweier Gästehäuser für ausländische Wissenschaftler mit ihrem Club 2009 sind Symptome für eine Vernachlässigung dieser Zielsetzungen der Bologna-Reform durch eine zu kleinteilige und rigide Umsetzung. Zudem sah sich das letzte Rektorat gezwungen, Internationalisierungsvorhaben der Fakultäten anderen, näheren Zielen der Universität nachzuordnen. Hier zeigen sich die »Baustellen« für die nächsten Jahre. Dabei muss anerkannt werden, dass die weitere Ausprägung der internationalen Dimension keine Beschwörungsformel in Sonntagsreden und keine Frage des Strukturumbaus alleine ist, sondern sich in einem komplexen Wirkungsfeld entwickelt. Neben dem Engagement der Wissenschaftler, studienorganisatorischen Reformen und anderem ist der gezielte Einsatz von Mitteln unverzichtbar, wenn man einen signifikanten Qualitätsgewinn im Internationalen anstrebt. Einige Daten sollen die Entwicklungen der letzten Jahre nachzeichnen:

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Titelthema

ERASMUS Studium (SMS) und Praktikum (SMP)

Abb. 1: Nutzung des ERASMUS-Mobilitätsprogramms durch Studierende, sowohl ins Ausland (»outgoing«) wie auch nach Leipzig (»incoming«)

Bis zum Jahre 2007 nahm die Universität Leipzig einen der ersten drei Plätze im Vergleich der deutschen Hochschulen ein. Deutlich zu erkennen ist der Rückgang der Mobilität deutscher Studierender seit dem Jahr 2007/2008. Die Ergänzung des ERASMUS-Programms durch einen Praktikantenprogrammteil kann diesen Einbruch nicht ausgleichen. Neben objektiven Schwierigkeiten zur Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen spielt wohl auch eine Rolle, dass viele Studierende sich scheuen, ihr Studium eventuell zu verlängern, indem sie beispielsweise ein Urlaubssemester für einen Auslandsaufenthalt einschalten.

ERASMUS Dozentenmobilität (STA)

Mobilitäten innerhalb von bilateralen Vereinbarungen (ohne ERASMUS)

Abb. 3: Nutzung der bilateralen Universitätspartnerschaften für die Mobilität (ohne ERASMUS)

Ein ähnliches Bild ergibt die Analyse der Nutzung der Universitätspartnerschaften für die Mobilität. Die Zahl der Austauschstudierenden, die für ein oder zwei Semester an der Universität Leipzig studieren, stieg – nicht zuletzt wegen der modularen Studienstruktur – an. Die Leipziger Universität konnte erfolgreich 25 internationale Studienprogramme einrichten. Integrierte Studien- und Doktoratsprogramme mit gemeinsamen Abschlüssen im Erasmus Mundus Programm sind sicherlich »Premium Produkte« und werden ab Seite 28 dieses Journals entsprechend vorgestellt. Zwei der fünf Erasmus Mundus Programme, an denen die Universität Leipzig beteiligt ist, werden durch diese auch koordiniert: »Global Studies – A European Perspective« und »Auditory Cognitive Neuroscience Network«. Im Wettbewerb der deutschen Hochschulen steht die Universität Leipzig damit auf einem vorderen Platz. Eingeschriebene ausländische Studierende mit HZB im Ausland

Abb.2: Nutzung des ERASMUS-Mobilitätsprogramms durch Leipziger Wissenschaftler

Die ohnehin hohe Mobilitätsrate Leipziger Wissenschaftler für Lehrzwecke an ERASMUS-Partnerhochschulen steigt hingegen stetig an. Die Universität Leipzig nimmt seit Jahren den ersten oder zweiten Platz ein. Die enge Verzahnung von Wissenschaftler- und Studentenmobilität begünstigt die Anerkennung von Studienleistungen, zumindest in den Fächern, in denen die Wissenschaftler ihre Kollegen an den Partnerhochschulen kennen, wie sie auch der Rekrutierung ausländischer Austauschstudierender für Leipzig dient.

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Abb. 4: Zahl der ausländischen Studierenden, die ihre Hochschulzugangsberechtigung (HZB) im Ausland erworben haben (»Bildungsausländer«)

Die Zahl der Studierenden, die ihre Hochschulzugangsberechtigung (HZB – »Abitur-Äquivalent«) im Ausland erworben haben, stieg kontinuierlich und parallel zum Zuwachs an deutschen Studierenden, ja konnte in den letzten drei Jahren sogar stärker wachsen als die Gesamtstudierendenzahl (Anteil ausländischer Studierender neun bis zehn Prozent). Beklagenswert ist hingegen die Absolventenquote in vielen Fächern, die unter der der deutschen Kommilitonen liegt. Durch Propädeutika und verstärkte fachliche Betreuung in der Anfangsphase des Studiums kann hier gegengesteuert werden. Erfreulich ist, dass Promovierende immer leichter ihren Weg nach Leipzig finden (Abb. 4). Strukturierte Promotionsprogramme und die Forschungsakademie haben daran sicherlich ihre Aktie. Wie soll man nun die Absolventen, deutsche wie ausländische, gezielter auf den weltweiten Arbeitsmarkt vorbereiten? Also die Internationalisierung weiterentwickeln, ihr hoffentlich auch einen neuen Schub geben? Da es sich um einen Prozess handelt, ist die Einigung auf Entwicklungsprinzipien in einer »Strategiedebatte« mindestens ebenso wichtig wie die Festlegung auf Ziele. Einige Vorschläge möchten wir in die Diskussion einbringen. 1) Das Wechselspiel von Gestaltung auf der Ebene der Fächer (»bottom-up«) einerseits und der Koordination durch zentrale Akteure (»top-down«) andererseits ist entscheidend; wobei die Fächer durch Ressourcenzuweisung in die Lage versetzt werden müssen, das »bottom-up«- Prinzip als dominante Komponente auch gestalten zu können. 2) Die wissenschaftliche Qualität eines Partners, Projekts, aber auch Studienbewerbers und damit der Nutzen für übergeordnete Ziele der Universität sind Selektionskriterien.

3) In Zeiten der Differenzierung der europäischen Hochschullandschaft und der stärkeren überregionalen Vernetzung innerhalb der Fächer bieten Konsortien bessere Bedingungen als sie »Einzelkämpfer« haben. 4) Haushaltslage und andere materielle Rahmenbedingungen, nicht zuletzt die Ergebnisse der Bundesexzellenzinitiative, schränken den Gestaltungsraum des Rektorats und der Fakultäten ein. Deshalb ist die Einwerbung von Drittmitteln für Internationalisierungsvorhaben der Fakultäten nicht nur notwendig, sondern sollte zudem als Indikator für die Zuweisung knapper Ressourcen der Universität für Internationalisierungsprojekte, aber auch generell, genutzt werden.

5) Internationalisierung ist kein Selbstzweck, sondern eingebunden in die Entwicklungsgrundsätze der Universität. »Lehre aus Forschung« und »Forschung durch Nachwuchs« brauchen das Instrument der stärkeren weltweiten Vernetzung. Ebenso hängt die Ausgestaltung der Internationalisierung von der Entwicklung in Lehre/Studium und Forschung ab. Das Akademische Auslandsamt würde vorschlagen, in der universitätsweit zu führenden Diskussion um die nächsten

Schritte der Internationalisierung folgende Zielsetzungen (bis 2016) zu thematisieren:

1. Die Mobilität von Studierenden der Universität Leipzig ist auf das Niveau des akademischen Jahres 2008/2009 zu steigern und ein Anstieg darüber hinaus anzustreben. Mögliche Wege könnten sein: die Flexibilisierung der Mobilitätsfenster im Studienverlauf und deren Berücksichtigung in den Studienund Prüfungsordnungen, die Nutzung der Schlüsselqualifikation »Internationale Erfahrung« (siehe Beitrag Seite 27) eine intensive Informations- und Werbeaktivität durch konventionelle und elektronische Medien und eine Verstetigung des ERASMUS-Praktikantenaustauschs.

2. Integrierte Studiengänge mit ausländischen Hochschulen, bestenfalls mit einem gemeinsamen Abschluss, sind ebenso zu fördern wie die Erhöhung des Anteils der Studiengänge, die in ihren Studien- und Prüfungsordnungen einen Auslandsaufenthalt vorschreiben. Eine Beratungs- und Managementeinheit für diese Programme würde dieser Entwicklung die notwendigen Impulse geben können.

3. Die Studienerfolgsquote ausländischer Studierender ist kontinuierlich zu heben.

Programme zur Studienvorbereitung, eine qualitätssichernde Auswahl, eine verstärkte fachliche Betreuung in den Fakultäten, die verstärkte fachsprachliche Ausrichtung des studienbegleitenden Deutschunterrichts (Studienkolleg) und eine diesem Ziel verpflichtete Studienberatung wären Möglichkeiten der Realisierung. Sicherlich könnte man die Wunschliste noch um einige Punkte ergänzen, aber dabei ist nicht zu vergessen, dass nahezu jedes zusätzliche Vorhaben zusätzlichen Mitteleinsatz erfordert. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung, da es erklärter Wille der Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking, ist, einerseits die Internationalisierung von Lehre/Studium und Forschung voranzubringen und andererseits die interne Kommunikation zu verbessern. Wenn es gelingt, beide Vorhaben zu vereinen und einen breiten und offenen Dialog innerhalb der Universität, insbesondere mit den Fakultäten, zu einem fruchtbaren Ergebnis zu führen, dann kann Internationalisierung als Querschnittsaufgabe im Konsens an unserer Hochschule etabliert werden. Eine Universität mit mobilen Angehörigen, mit einem weltweiten Forschernetzwerk in allen Fächern, mit vielen internationalen und interkulturellen Angeboten, mit ausländischen Studierenden, die ebensogut ihr Studium absolvieren wie ihre deutschen Kommilitonen – solch eine Universität wird auch im deutschen und europäischen Wettbewerb Lorbeeren erringen können. Svend Poller (Präsident des Utrecht Network) und Anne Vorpagel, beide Akademisches Auslandsamt www.zv.uni-leipzig.de/uni-stadt/uni-international/akademisches-auslandsamt/statistiken.html journal Universität Leipzig 3/2011

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Foto: Einstieg GmbH

Titelthema

Christiane Schmeken

Stärken in Austausch und Kooperationen Christiane Schmeken vom DAAD über ihre Erfahrungen mit der Universität Leipzig Christiane Schmeken, Gruppenleiterin »Strategie, Veranstaltungen, Fortbildung« des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) und von diesem nominierte Vertrauenspartnerin für die Universität Leipzig, sprach im Interview über die internationale Leistungsfähigkeit unserer Hochschule. Dabei legte sie Wert darauf, weniger ein Gutachten zur Internationalisierungsstrategie, sondern vielmehr eine persönlich gefärbte Einschätzung abgeben zu wollen. Frage: Was verbindet Sie mit der Universität Leipzig? Christiane Schmeken: Meine persönlichen Kontakte zur Leipziger Universität reichen zwanzig Jahre zurück. Bei meinem ersten Besuch kurz nach der Wende war meine Mission als Vertreterin des Deutsch-Französischen Hochschulkollegs – mittlerweile in die Deutsch-Französische Hochschule überführt – Leipziger Studierende einzuladen, im Huckepackverfahren an bestehenden integrierten Studiengängen zwischen (west)deutschen und französischen Hochschulen teilzunehmen. Der herzliche Empfang durch die Hochschulvertreter ist mir ebenso in bester Erinnerung geblieben wie deren offenkundige Tatkraft und ihr Pragmatismus. Das weltoffene Flair der Stadt tat ein Übriges, so dass ich sofort für das Klein-Paris an der Weißen Elster eingenommen war. Und so bin ich auch in späteren Jahren immer gerne zurückgekehrt. Was sind die wichtigsten Bereiche, in denen DAAD und Universität Leipzig zusammenarbeiten? Die Universität Leipzig gehört zu den Hochschulen, mit de22

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nen der DAAD besonders eng zusammenarbeitet. Dies spiegelt sich in der Höhe der Fördermittel, die im Jahr 2009 bei mehr als 4,8 Millionen Euro lagen. Leipzig gehörte damit zu den Top Ten der deutschen Hochschulen, was die eingeworbenen DAAD-Mittel angeht. Ziemlich genau die Hälfte ging an Maßnahmen der individuellen Mobilität von Studierenden und Lehrenden. Mit 541 Geförderten aus dem In- und Ausland belegte die Leipziger Alma Mater hier sogar den sechsten Platz. Ähnlich stark ist die Hochschule bei der Einwerbung von Mitteln für die Durchführung von Projekten und Programmen. Hier lag sie 2009 mit knapp 2,4 Millionen Euro auf Platz 7. Allein auf Erasmus-Mittel entfiel hiervon eine gute Million Euro. Dies brachte ihr bei dem europäischen Mobilitätsprogramm sogar den zweiten Platz auf der deutschen Hitliste ein. Regional ist ein Fokus auf Mittel- und Osteuropa zu verzeichnen. Die Verteilung der Fördermittel zeigt ferner, dass die Universität Leipzig ihre Stärken beim Aufbau internationaler Austausch- und Kooperationsprogramme, wie zum Beispiel Doppelabschlüssen, hat. Weitere Schwerpunkte liegen bei der Germanistik und der Kooperation mit Krisenregionen. Welchen Erfolg würden Sie besonders betonen? Aus Sicht des DAAD ist es erfreulich, dass etwa im Jahr 2009 die Mobilität von 500 Studierenden und 40 Wissenschaftlern von oder nach Leipzig ermöglicht wurde. Was die Nachhaltigkeit der geförderten Projekte und Kooperationen angeht, lässt sich festhalten, dass die Universität Leipzig bei den 2009 vom DAAD gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz und der Alexander-von-Humboldt Stiftung erhobenen »Profildaten

zur Internationalität der deutschen Hochschulen« ein positives Gesamtbild abgab. Auch bei den DAAD-Individualstipendien schnitt sie überdurchschnittlich gut ab. Insbesondere der hohe Anteil ausländischer Doktoranden bestätigt, dass die Hochschule mit ihrem konsequenten Kurs auf eine strukturierte Promotionsausbildung im Rahmen der Research Academy Leipzig goldrichtig liegt. Wie wird Internationalisierung konkret umgesetzt? Die Hochschulangehörigen sind außerordentlich mobil. Das ist ein erstes großes Plus, denn Reisen bildet bekanntlich. Die gleiche Beweglichkeit findet sich aber auch in der großen Zahl internationaler Aktivitäten und Programme. Besondere Stärken sind aus meiner Sicht die Gastfreundschaft der Leipziger Alma Mater, wie sie sich etwa in den guten Unterbringungsmöglichkeiten für ausländische Gäste spiegelt, und die starke Forschungsorientierung. Die Erfolge bei der Einwerbung von Forschungsdrittmitteln aus dem In- und Ausland bestätigen, dass dies der richtige Weg ist. Zu erwähnen ist hier auch die Graduiertenschule »Leipzig School of Natural Sciences - Building with Molecules and Nano-objects« (BuildMoNa), die im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wird.

Was könnte ausgebaut werden? Auf dem Weg zu einer internationalen Hochschule sieht sich die Universität Leipzig vor der Herausforderung, mehr wissenschaftliches Personal aus dem Ausland auf Dauer an sich zu binden. In diesem Bereich liegt die Hochschule derzeit mit 6,3 Prozent noch zu weit hinten. Ziel sollte insbesondere sein, mehr internationale Spitzenwissenschaftler anzuziehen. Gastdozenturen und strukturierte Promotionsprogramme sind gute Ansätze, um hier Fortschritte zu erzielen. Auch eine Berücksichtigung von Internationalität bei der internen Mittelzuweisung könnte sich förderlich auswirken. Schließlich wäre es der Universität zu wünschen, dass ihre Bemühungen um eine forschungszentrierte und international ausgerichtete Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses noch stärker honoriert würden.

Studieren oder forschen im Ausland: Welche Bedeutung hat bereits heute ein Auslandsaufenthalt, wird die Wichtigkeit zukünftig noch steigen? Internationalität ist nicht nur für jeden Einzelnen eine persönliche Bereicherung und Erweiterung des Horizonts, sie ist für Hochschulen überall auf der Welt zugleich ein unverzichtbares Instrument, um im zunehmend globaleren Wettkampf um kluge Köpfe zu bestehen. Auch in Zeiten doppelter Abiturjahrgänge sollten die Hochschulen nach vorne denken und sich schon heute darauf einstellen, dass international qualifizierter akademischer Nachwuchs ihr Wechsel auf die Zukunft ist, unverzichtbar für die Forschung an der Hochschule und für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Daher gilt es, den eigenen Nachwuchs international zu fordern und zu fördern und zugleich die Attraktivität der eigenen Hochschule für Studierende und Forscher aus dem Ausland konsequent zu steigern. Das Gespräch führte Katrin Henneberg.

Glossar Internationalität beschreibt den momentanen oder zum Zeitpunkt der jeweiligen Datenerhebung sichtbaren Ist-Zustand einer Einrichtung mit Bezug auf internationale Aktivitäten.

Internationalisierung beschreibt demgegenüber einen Prozess, der eine Einrichtung in einem mehr oder weniger gesteuerten Verfahren von einem Ist-Zustand der Internationalität zum Zeitpunkt X in einen anderen Ist-Zustand der erweiterten Internationalität zum Zeitpunkt X+N bewegt. Hierbei wird im Falle einer guten Planung dem Ist-Zustand ein erwarteter Soll-Zustand entgegengesetzt werden. Das Ergebnis entspricht dann der Differenz zwischen der tatsächlichen Situation nach Ablauf der Fristen und dem gewünschten Zustand nach Ablauf der Fristen.« Aus: Brandenburg, U.; Federkeil, G.: Wie misst man Internationalität und Internationalisierung von Hochschulen? Indikatoren- und Kennzahlenbildung. CHE-Arbeitspapier Nr. 83, Gütersloh, Januar 2007.

Doppelter beziehungsweise gemeinsamer Abschluss bezeichnet einen Hochschulabschluss, der gemeinsam von zwei Hochschulen verliehen wird auf der Grundlage von Studiengängen, die alle oder zumindest mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: - Die Studiengänge werden gemeinsam von den beteiligten Hochschulen entwickelt und/oder anerkannt - Studierende aus der einen Hochschule studieren Teile des Studienprogramms an der anderen Hochschule - Studienabschnitte und Examina, die an der einen Hochschule erbracht wurden, werden automatisch und vollständig von der anderen Hochschule anerkannt - Hochschullehrer der einen Hochschule unterrichten auch an der anderen Hochschule, arbeiten das Curriculum gemeinsam aus und bilden gemeinsame Kommissionen für Zulassung und Prüfungen Der Unterschied liegt in der Form der Dokumentierung:

- Doppelter Abschluss: Jede Hochschule stellt eine Urkunde aus, wobei beide Urkunden dergestalt verzahnt sind, dass sie inhaltlich eine einzige Urkunde bilden. - Gemeinsamer Abschluss: Beide Hochschulen stellen gemeinsam eine Urkunde aus.

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Personalia Titelthema

Sprache verbessern, Freunde finden und die Studentenstadt genießen Warum ausländische Studierende an die Uni Leipzig kommen Rund zehn Prozent der Leipziger Studierenden kommen aus dem Ausland. Ende März haben sich Anne Ploetz (Text) und Swen Reichhold (Fotos) während der Immatrikulation unter internationalen Studierenden umgehört, warum sie sich für ein Studium in Deutschland und insbesondere an der Universität Leipzig entschieden haben.

Emilie Knauer (22) aus Fosser, nahe Oslo (Norwegen):

Asagi Kawashima (23) aus Tokio (Japan):

Ich bin schon vor einem Jahr hergekommen und habe zuerst mit dem Master Kulturwissenschaft angefangen. Jetzt wechsle ich zu Politikwissenschaft, das habe ich auch vorher in Japan studiert. 2004/2005 war ich schon mal als Austauschschülerin in Deutschland, das Land war damals Zufall. Mein Freund kommt aus Deutschland und studiert auch an der Uni Leipzig, da lag die Wahl nahe. Mich interessiert Europa und ich möchte hier besser Deutsch sprechen lernen, damit ich später auch hier arbeiten kann. Roberto Igor das Neves Duarte Leal aus Sao Paulo (Brasilien):

Das Studium hier bietet mir viele Möglichkeiten und öffnet Türen für den Beruf. Ich studiere International Law und mache einen Auslandsaufenthalt in Deutschland, weil die brasiliani24

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schen und deutschen Gesetze ähnlich sind – auch wenn es nicht gleich gut umgesetzt wird. Für Deutschland habe mich auch entschieden, weil ich schon zweimal als Tourist hier war und es mir gefallen hat. Aber die Sprache ist schwer, und ich glaube nicht, dass ich sie nach dem Jahr kann.

Ich studiere Medizin in Bergen im achten Semester. Ich hatte Lust, ein Auslandssemester zu machen und konnte zwischen Dänemark, Schweden und Deutschland wählen. Weil mein Vater Deutscher ist, bin ich zweisprachig aufgewachsen und habe mich deshalb für Deutschland entschieden. Zwei Freunde von mir waren in Leipzig. Ihnen hat es hier sehr gut gefallen. Ich denke, das Semester ist eine gute Erfahrung, weil ich das ja ganz alleine mache.

Elodie Hardÿ (22) aus Charleroi (Belgien):

Ich mache hier das letzte Semester des Bachelors in Dolmetschen für Deutsch und Englisch. Dadurch will ich mein Deutsch verbessern. Mir wurde empfohlen, die schwache Sprache für ein Auslandssemester zu wählen und das ist bei mir eben Deutsch. Ich war

»interDaF« lehrt Deutsch in internationalen Sprachkursen

schon vier Monate in Heidelberg und wollte jetzt wissen, wie es in der ehemaligen DDR ist. Außerdem mag ich Deutschland und ich finde, die Organisation hier ist besser.

Celia Livesey (21) aus Richmond (England):

Marjolaine Denis (20) aus Charleroi (Belgien):

Ich studiere mit Elodie zusammen in Charleroi, aber gehe mehr in die Richtung Übersetzung. Als Sprachen habe ich Deutsch und Spanisch gewählt. Deutsch ist auch meine »schwache« Sprache, denn ich war vor drei Jahren schon in Mexiko. Meine Professoren haben gesagt, dass die Kurse der Uni Leipzig gut sind. In dem Semester möchte ich mein Deutsch verbessern und neue Freunde finden.

In meinem Studiengang Deutsch und Russisch ist ein Auslandssemester verpflichtend und ich war schon ein Jahr in Moskau. Meine Mutter ist Deutsche, dadurch habe ich Deutsch als zweite Muttersprache gelernt. Aber ich war noch nie in Ostdeutschland, das wollte ich mal sehen. In meinem Uni-Handbuch stand, dass hierher viele Russland-Deutsche kommen, so kann ich hier vielleicht sogar mein Russisch verbessern.

Heidrun Tobler (24) aus Kempton Park, nahe Johannesburg (Südafrika):

Jiaxin He (26) aus Shanghai (China):

Ich studiere seit vier Jahren in Leipzig Chemie. Hergekommen bin ich, weil es hier viele neue Methoden in der Chemie gibt und mir in Shanghai viele Freunde gesagt haben, dass es ihnen hier gefallen hat.

Ich studiere Theologie und habe für das Auslandsjahr ein Stipendium des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes bekommen. Dieses Jahr nehme ich mir, um mir darüber klar zu werden, ob ich beruflich ins Pfarramt möchte oder einen akademischen Weg einschlage. Wegen meiner Familiengeschichte interessiere ich mich besonders für die Diaspora und bin auch deshalb an die Uni Leipzig gegangen, weil hier Diasporawissenschaft gelehrt wird.

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eit der Ausgliederung der deutschen Sprachkurse aus dem »alten« HerderInstitut der Universität Leipzig im Jahr 1992 haben sich weit mehr als 10.000 ausländische Bewerber bei »interDaF« erfolgreich auf die für die Zulassung zum Studium an einer deutschen Universität vorgeschriebenen Sprachprüfungen vorbereitet. Auch im Jahr 2011 hat die Nachfrage nach Kursen, die entsprechend dem »europäischen Referenz-Rahmen« für die Sprachausbildung gegliedert und mit den dafür vorgesehenen Berechtigungen verknüpft sind, nicht nachgelassen – im Gegenteil: Allein die rund vier Wochen dauernden Sommerkurse dieses Jahres besuchen wieder über 250 Teilnehmer aus 80 Nationen. Darunter sind nicht nur größere Gruppen einzelner Universitäten, sondern vor allem auch Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der seine erfolgreichen Bewerber besonders gern zu interDaF nach Leipzig schickt. Die regulären »Internationalen Sprachkurse« dauern insgesamt fünf Mal je zwei Monate, wobei diese Ausbildungszeit je nach den Vorkenntnissen, die die Bewerber mitbringen, abgekürzt werden kann. Zu den besonderen Vorzügen, die »interDaF« den Studenten bieten kann, gehört selbstverständlich auch das kulturelle Angebot Leipzigs, wozu nicht nur die Theaterszene und die bildende Kunst, sondern vor allem auch das Musikleben zählt. Dass dies gerade für die Sprachausbildung Bedeutung hat, wird sofort deutlich, wenn man an die Rolle denkt, die die Phonetik etwa für Sänger spielt. Da »interDaF« auf Aussprache und Intonation beim Erlernen der deutschen Sprache besonderen Wert legt, ist es auch nicht verwunderlich, dass immer wieder Sänger und Schauspieler aus aller Welt in den Leipziger Deutschkursen anzutreffen sind. Dr. Peter Gutjahr-Löser, Vorstandsvorsitzender des Vereins interDaf e.V.

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Hilfe für ausländische Studierende

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on einem Studium verspricht man sich im Allgemeinen nicht nur eine höhere Bildung, sondern auch bessere Zukunftschancen. Dies gilt in besonderem Maße für viele internationale Studierende, die sich an der Universität Leipzig qualifizieren und in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. An der Alma mater sind mehr als 2.700 ausländische Studierende immatrikuliert. Ein besonderes Problem stellt für viele die finanzielle Absicherung ihres Studiums dar, auch wenn die Kosten dafür in Deutschland im internationalen Vergleich noch recht moderat sind. Viele ausländische Studierende erhalten Unterstützung durch die Eltern, staatliche oder andere Institutionen. Meist sind sie aber auf – vielen Beschränkungen unterliegende – Nebenjobs angewiesen, um ihren ohnehin knapp bemessenen Lebensunterhalt zu sichern. Diese schwierige Situation verschlechtert sich dramatisch, wenn eingeplante Mittel ausbleiben oder plötzlich unvorhergesehene Kosten zu bestreiten sind, zum Beispiel Stipendien aus den Heimatländern werden nicht mehr gezahlt, durch Krieg und schwere Krisen entfällt die familiäre Unterstützung, we-

Willkommen in der Fremde für ausländische Studierende

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it »WILMA liebt euch!« begrüßt die »Willkommens-Initiative für in Leipzig Mitstudierende AusländerInnen« Besucher ihrer Website. Hinter den fünf Buchstaben stehen etwa 20 Leipziger Studierende, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihren ausländischen Kommilitonen einen spannenden Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen. Die meisten WILMAner waren selbst schon an einer ausländischen Universität und wissen daher, wie schwierig es sein kann, sich in der Fremde zurechtzufinden. Auch für Christiane Hofmann gab ihr Auslandsaufenthalt den Ausschlag, sich bei der studentischen Initiative zu engagieren. »Nach meinem Auslandsaufenthalt wollte ich das 'ErasmusGefühl' aufrecht halten«, sagt sie. Für Heidi Merkel war ihr Interesse für andere Kulturen entscheidend, schon ab dem ersten Semester bei WILMA zu arbeiten. Die beiden Studentinnen übernehmen zum Beispiel die Organisation der Tagesfahrten, die einen Großteil des Programms ausmachen. Dieses Jahr ging es in den Harz, nach Dresden, Potsdam, Weimar und Bautzen. Ganze Wochenenden können die ausländischen Studierenden in Städten wie Berlin, Prag und München verbringen. Weil die Veranstaltungen den Kontakt zu Einheimischen fördern sollen, stehen alle Aktivitäten auch diesen offen. Schon zu Beginn des Semesters können die Neulinge beim Buddy-Abend Beziehungen knüpfen und dann in der wöchentlichen Montagskneipe den Kontakt halten. Auch gibt es kleinere Ausflüge, zum

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gen Prüfungen oder eigener Krankheit können die Studierenden nicht arbeiten gehen oder unvorhergesehene Ereignisse erzwingen plötzlich zusätzliche Ausgaben für Studium, Familie oder Gesundheit. So entsteht schnell eine akute Notlage, die das Fortsetzen beziehungsweise erfolgreiche Beenden des Studiums gefährdet. In solchen Fällen versucht der Verein Hilfe für ausländische Studierende e. V. Mittellose vorübergehend finanziell zu entlasten und somit den Studienverlauf und den erfolgreichen Abschluss des Studiums zu sichern. Die schnelle und einmalige finanzielle Förderung des Vereins ist eine Art »erste Hilfe«, um die wichtigsten Kosten, wie Miete und Krankenversicherung, zu decken. Der Verein Hilfe für ausländische Studierende e. V. wurde 1993 als Zusammenschluss von Angehörigen der Leipziger Hochschulen und Studierendenvertretungen, Mitgliedern von Studentengemeinden und studentischen Vereinigungen sowie weiteren Institutionen und zahlreichen Privatpersonen gegründet. Seither konnten über 800 ausländische Studierende unterstützt werden. Susan Baumgartl www.uni-leipzig.de/hausle

Beispiel in den Leipziger Zoo, und Partys, Sporttreffs, Kochen in der Mensa und das Dinner-Hopping, bei dem jeder Gang in einer anderen Wohnung gegessen wird. »Wir sind die Freizeitabteilung«, sagt Hofmann, »aber natürlich kein professionelles Reisebüro, sondern arbeiten ehrenamtlich bei WILMA.« Leider werde die Mitgliedersuche immer schwieriger. »Durch den Bachelor finden wir weniger Leute, die länger bei uns bleiben. Vor zwei Jahren war das noch kein Problem.« Diese Entwicklung trifft besonders das »Sokratheater«, für das derzeit niemand die Leitung übernimmt. Die Resonanz der ausländischen Studierenden sei aber sehr gut. Auch der Chinesin Qi Shang gefällt WILMA: »Das bietet viele gute Chancen für uns Ausländische, neue Freunde kennen zu lernen und unser Deutsch zu verbessern.« Um die »älteren Semester« der ausländischen Studierenden kümmert sich die Internationale Doktorandeninitiative der Universität Leipzig. Ähnlich wie WILMA bietet sie Treffen, Ausflüge und Partys an und organisiert darüber hinaus Veranstaltungen zu Wissenschaft und Lehre. Das Referat Ausländischer Studierender (RAS) vertritt im StudentInnenRat die Interessen aller ausländischen Studierenden und Doktoranden. Es hilft bei sozialen und finanziellen Problemen, bietet kostenlose Rechtsberatung und unterstützt bei Ämter- und Behördengängen. Außerdem organisiert das RAS zum Beispiel die internationale Studententische Woche und das internationale Fußballturnier. Anne Ploetz www.wilma-leipzig.de

Foto: Silvana Kuhnert

Internationale Lehre bei »Shift It!« Rund 50 Teilnehmer besuchten ErasmusIntensivprogramm

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ie kann Arbeit in Zukunft gesundheitsförderlicher gestaltet werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Erasmus-Intensivprogramms »Shift It!« (Shaping Healthy Work in Future), das vom 14. bis 25. März Dozierende und Studierende aus vier Universitäten in Leipzig zusammenbrachte. Gefördert wurde das Programm vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen des Lifelong Learning Programmes. Rund 50 Studierende und Forscher der schwedischen Mälardalens Högskola, der finnischen Universitäten Tampere und Jyväskylä sowie der Universität Leipzig bildeten für zwei Wochen ein internationales Forum und befassten sich mit Fragen rund um den Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit. Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen haben in den letzten Jahren drastisch an Bedeutung gewonnen. Eine stetig flexiblere und dynamischere Arbeitswelt und die demografische Entwicklung bringen auch für die betriebliche Gesundheitsförderung neue Herausforderungen, und Studierende von heute sind die Gestalter der Arbeitswelt von morgen. Die Studierenden erarbeiteten in multinationalen Teams anhand praxisnaher Fallbeispiele Lösungsvorschläge. Auf dem

Programm standen auch eine Führung im BMW Werk Leipzig sowie ein Besuch der Ausstellung »Hauptsache Arbeit« im Zeitgeschichtlichen Forum. Eines der Highlights des Rahmenprogramms war ein gemeinsamer Kochabend in einer Großküche der Volkshochschule Leipzig. Unter dem Motto »Skandinavien im Wohnzimmer« waren die studentischen Gäste aus Finnland und Schweden in WGs Leipziger Studierender untergebracht und hatten so einen guten Einblick ins bunte Leben der Stadt. »Die Zusammenarbeit mit Studierenden aus Schweden und Finnland war anspruchsvoll, da Englisch für niemanden die Muttersprache war – wir konnten aber viel voneinander und gemeinsam lernen, und es hat trotz des Arbeitsaufwands viel Spaß gemacht«, fasst Maria Kühn, eine der Leipziger Teilnehmerinnen, stellvertretend ihre Eindrücke zusammen. Das Programm war für alle Beteiligten eine intensive Erfahrung und zeigte, wie Internationalisierung auch in der Lehre erfolgreich umgesetzt werden kann. Beim DAAD wurde ein Verlängerungsantrag eingereicht und wir hoffen, das Programm im nächsten Jahr in Schweden anbieten zu können Thomas Rigotti, Institut für Psychologie, Arbeitsund Organisationspsychologie und Organisator von »Shift It!«

Internationale Studienleistung durch Schlüsselqualifikation anrechnen

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ie Anrechnung im Ausland erbrachter Studienleistungen kann in vielen Fällen nicht automatisch erfolgen. Studienleistungen sind inhaltlich oder in Bezug auf den Umfang nicht äquivalent, die zusätzliche Leistung in einer anderen Sprache kann nicht berücksichtigt werden oder die Note ist nur bedingt übertragbar. Damit die Leistungen trotzdem für das Studium an der Universität Leipzig nicht verloren gehen, bietet das Sprachenzentrum in Zusammenarbeit mit dem Akademischen Auslandsamt eine Lösungsmöglichkeit. Die »Internationale Erfahrung«, die an einer Hochschule oder Praktikumseinrich-

tung im Ausland gemacht wurde, kann seit dem Wintersemester 2010/11 als fakultätsübergreifende Schlüsselqualifikation (SQ32a/b) in Studiengängen an der Universität Leipzig angerechnet werden. Zehn Leistungspunkte werden für erfolgreich bestandene Studienleistungen oder für ein erfolgreich geleistetes Praktikum im Ausland vergeben, wenn diese nicht durch das Kernfach angerechnet werden konnten. Das Sprachenzentrum der Universität Leipzig übernimmt die »Währungsumrechnung«, die Beratung das Akademische Auslandsamt (E-Mail: [email protected]).

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Foto: Sportwissenschaftliche Fakultät

Forschung Titelthema

Die EMSEP-Studierenden auf dem Gelände der Sportwissenschaftlichen Fakultät Anfang April 2011, links hinten Gastprofessor Bert Carron von der University of Western Ontario, Kanada, rechts am Rand Prof. Dr. Sakis Papaioannou von der Universität Trikala, Griechenland.

Erasmus Mundus Ein Premiumprodukt der inter nationalen Kooperation

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n der Universität Leipzig wird »Internationalität« nicht als Ziel an sich verstanden, sondern als eins von mehreren Instrumenten, um Exzellenz in Forschung und Lehre weiter auszuprägen. In der Vielfalt des internationalen Studienangebots stellen die fünf Erasmus-Mundus-Projekte, die durch die Europäische Kommission gefördert werden, die Premiumklasse dar. Die Universität Leipzig kann eine sehr hohe Erfolgsquote aufweisen mit: Drei Erasmus-Mundus-Masterstudiengängen Seit dem Wintersemester 2010/2011 erhält der seit 2005 erfolgreich etablierte europäische Master-Studiengang »Global Studies – A European Perspective« (EMGS) erneut die hochdotierte Förderung für weitere fünf Jahre. Der Studiengang zieht die Konsequenzen aus der Tatsache, dass Globalisierungsprozesse heute nicht mehr aus der Perspektive nur einer Disziplin zu analysieren sind und eine gemeinsame Anstrengung mehrerer leistungsstarker Universitäten verlangt. Dies erlaubt den Studierenden während ihres zweijährigen Masters zwei oder drei Studienorte in Europa und in einem der Partnerländer außerhalb Europas (USA, Australien, China, Indien, Südafrika und Kanada) kennenzulernen. Die Universität Leipzig kann aus ihrer Koordinierungsfunktion in diesem Programm Einsichten für die Gestaltung transnationaler Hochschulentwicklung gewinnen. Ebenso erfolgreich ist die Partnerschaft der Universität Leipzig mit Krakow, Madrid, Bergen, Bologna, Helsinki und Lille im Masterstudiengang »Advanced Spectroscopy in Chemistry« (ASC), durch das Utrecht Network konzipiert und erfolgreich von der Université de Lille, Frankreich, koordiniert.

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Mit dem neuen Studiengang »EMSEP – Sport and Exercise Psychology« empfing die Sportwissenschaftliche Fakultät im Sommersemester 2011 erstmalig 19 Studierende aus aller Welt, die an Partneruniversitäten bereits das erste Semester absolviert haben. Er krönt die langjährige Partnerschaft zur Universität Jyväskylä, Finnland, die das Projekt koordiniert. Prof. Dr. Dorothea Alfermann, Koordinatorin der Universität Leipzig, hierzu: »Es war ein langer Weg. Vom ersten Antrag, der knapp die Ziellinie verpasste, bis zur Bewilligung vergingen etwa fünf Jahre. Der zweite Versuch mit vier Partneruniversitäten brachte dann den durchschlagenden Erfolg. Wir, das sind engagierte WissenschaftlerInnen der Sportpsychologie an den Universitäten Lund, Jyväskyla, Trikala und Leipzig, arbeiten seit vielen Jahren auf unserem Fachgebiet zusammen und haben in der Zeit bereits gemeinsame Ausbildungsanteile erprobt.« Die beteiligten Hochschulen bieten jeweils einen zweijährigen Master in englischer Sprache an. Neben Forschungsmethoden, Nebenfächern wie Sportmedizin oder Trainingswissenschaft, einem Praktikum und der Masterarbeit werden Seminare und Übungen in Sportpsychologie angeboten. Die Universität Leipzig ist Host University und beherbergt alle Masterstudierenden jeweils im zweiten Semester. »Die Lehre wird vorrangig von exzellenten GastprofessorInnen gehalten, in diesem Semester insgesamt acht aus Kanada, den USA, Singapur und der Türkei. Aber auch wir Leipziger sind in die Lehre involviert«, so die Professorin weiter. Die Studierenden seien auf ihre Weise nicht weniger exzellent als die Lehrenden und ein einschlägiger qualifizierter Bachelorabschluss und sehr gute englische Sprachkenntnisse neben Forschungserfahrungen in Sportpsychologie die Bedingung.

Foto: PFB 4

Das Freifeld Akustiklabor erfasst die Wahrnehmung akustischer und visueller Reize bei jungen und alten Probanden, sowie bei Patienten mit erworbenen Hirnschädigungen. Über insgesamt 47 Lautsprecher und 184 LEDs werden akustische und visuelle Signale in Verhaltens- und EEG-Studien präsentiert. Auf dem Bild sieht man, wie eine Probandin unter Anleitung der Studienleiterin eine akustische Lokalisierungsaufgabe durchführt.

Zwei Erasmus-Mundus-Mobilitätsnetzwerke Das Mobilitätsprojekt »Europe & South Africa Partnership for Human Development – EUROSA«, das an der Universität Leipzig zentral vom Akademischen Auslandsamt umgesetzt und durch die Universiteit Antwerpen, Belgien, koordiniert wird, fördert die Mobilität von postgradualen Studierenden zwischen südafrikanischen und europäischen Hochschulen. Das zweite Projekt »Auditory Cognitive Neuroscience Training Network« (ACN) hat neben europäischen Partnern aus Finnland, Großbritannien und Frankreich auch außereuropäische Partner in Kanada und den USA und mobilisiert Hirnforscher. Sprache, Musik und Hören sind die zentralen Forschungsthemen im durch die Universitäten Leipzig und Montreal (Kanada) koordinierten Netzwerk. Es soll den Austausch von jungen und bereits etablierten Hirnforschern zwischen Europa und Nordamerika fördern und wird von der Europäischen Union (EU) mit einer Million Euro für drei Jahre gefördert. »Wissenschaftlich interessiert alle Mitglieder gleichermaßen, wie das Gehirn akustische Informationen verarbeitet, beispielsweise den Rhythmus von Musik, Stimmen oder die Richtung von Schallquellen. ACN will die weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet zusammenbringen um damit besonders den Jungen in der Phase ihrer Promotion die Möglichkeit geben, in mehreren Laboren zu arbeiten«, erklärt der Leipziger Sprecher Prof. Dr. Rudolf Rübsamen. »Die Teilnehmer lernen verschiedenste neuropsychologische Methoden und Messverfahren kennen, profitieren von der technischen Ausstattung mehrerer Labore und werden frühzeitig international ausgerichtet«, so der Neurobiologe. Insgesamt sind 80 Austausche von Doktoranden, wissenschaftlichen Mitarbeitern und PostDocs geplant – die ersten sind bereits unterwegs. Prof. Dr. Dorothea Alfermann, Sandra Hasse, Anne Vorpagel www.zv.uni-leipzig.de/de/uni-stadt/uni-international/ internationale-vernetzung/erasmus-mundus.html

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Foto: privat

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Das Herz des Alabama-Austauschs: Prof. Dr. Renate Gay, die an der Rheumaklinik des Universitätsspitals Zürich tätig ist.

Vorbildliches Engagement Prof. Dr. Renate Gay kümmert sich um Kooperationsbeziehungen mit Birmingham/Alabama

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er Austausch fing an, als die Mauer fiel. »Wir müssen etwas für Leipzig tun!«, war die gemeinsame Idee der Mediziner Dr. Claude Bennett und Prof. Dr. Renate Gay. Sie, Alumna der Leipziger Universität, und damals forschend in den USA tätig, er Präsident der University of Alabama in Birmingham. Zunächst, so berichtet Renate Gay, sei noch alles recht unorganisiert gewesen, weil es nicht so viel Unterstützung gab. Aus den ersten beiden Teilnehmern im Jahr 1993 sind bis heute 75 geworden. Eine Besonderheit, die ohne persönliches Engagement und den unbedingten Willen Hürden zu überwinden, nicht möglich wäre. Birmingham/Alabama und Leipzig haben einen Vertrag geschlossen, ein Goldstück, wie Prof. Michael Schaefer, Koordinator Internationale Beziehungen für die Medizinische Fakultät den Sonderweg nennt. »Weil Programme in die USA zu knüpfen, extrem schwierig ist. Die Staaten sind in ihren Regularien sehr restriktiv. Wir scheitern an Haftpflichtproblematiken, ganz besonders im ärztlichen Bereich. Die Fakultät würde für ihre Studenten in die Pflicht genommen. Deshalb haben wir keine anderen strukturierten Programme, über die wir Medizinstudenten an US-Kliniken bringen können.« Mit Alabama ist das anders, der Staat trägt die Versicherung. Aufgrund des Vertrages ist vieles leichter: Die Deutschen müssen keine Stu-

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diengebühren zahlen, sie dürfen länger bleiben, die Formularflut ist verringert und sie werden vor Ort besser angenommen. Nach einem Auswahlverfahren bekommen pro Studienjahr bis zu fünf Medizinstudierende die Möglichkeit, maximal 12 Wochen lang an der Südstaatenuniversität zu studieren und im Krankenhaus praktische Erfahrungen zu sammeln. »In Amerika sieht man, was wir kaum haben: Schusswunden oder Verbrennungen, die extrem sind, weil die Häuser so einfach gebaut sind«, so Gay. »Wir sagen ja gerne, Amerika ist großartig. Sicher. Aber man muss auch sehen, dass das Gesundheitssystem seine Fehler hat. Das hilft vielleicht den Medizinstudenten, etwas objektiver auf das eigene System zu blicken. Wenn man rauskommt, ist man nicht so engstirnig, auch was andere Behandlungsmethoden und die Kommunikationsfähigkeit angeht.« Ansporn für die ambitionierte Mitarbeiterin der Rheumaklinik und des Instituts für Physikalische Medizin am Universitätsspital Zürich, nicht nur den persönlichen Kontakt nach Alabama zu pflegen, sondern auch regelmäßig zum »International Day« nach Leipzig zu kommen, um Interessierten von ihren Auslandserfahrungen zu berichten. Diana Smikalla

Reger Austausch von Medizin und Biowissenschaften

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anchmal muss man weit reisen, um eine Antwort auf drängende Fragen zu bekommen. Im Fall von Sandra Berndt führte diese Reise an die Vanderbilt University in Nashville, USA. Sie ist Doktorandin am Institut für Medizinische Physik und Biophysik der Medizinischen Fakultät. Ihr Doktorvater, Prof. Dr. Daniel Huster, ist Teil der Kooperation zwischen Leipzig und Vanderbilt. Motor dieser Universitätspartnerschaft ist Annette BeckSickinger, Professorin an der Fakultät für Biowissenschaften und Sprecherin des Profilbildenden Forschungsbereichs (PbF) 3. Dieser hat in den letzten Jahren enge Kooperationsbeziehungen mit der Vanderbilt University aufgenommen. Mit den Professoren Torsten Schöneberg (Institut für Biochemie) und Daniel Huster ist die Medizinische Fakultät Teil der interkontinentalen Zusammenarbeit. Im Fokus stehen Forschungsprojekte auf den Gebieten Biochemie, Biotechnologie, Bioinformatik und Biomedizin. Der dritte Workshop von WissenschaftlerInnen beider Universitäten findet Ende Mai 2011 in Leipzig statt. Im September werden dann zwei DoktorandInnen von Vanderbilt an der Summer School des Integrierten Graduiertenkollegs »Proteinwissenschaften« teilnehmen, das Teil des Sonderforschungsbereichs 610 der Universität Leipzig ist.

Im Falle von Sandra Berndt nützte ihr die Kooperation, mit Hilfe von in Nashville etablierten Techniken nachzuweisen, dass der von ihr untersuchte Rezeptor vollständig funktional ist. Sie kehrte nach drei Monaten begeistert nach Leipzig zurück: »Alle Kollegen waren mehr als hilfsbereit. Ich konnte bei vier verschiedenen Professoren Versuche durchführen und habe wichtige Ergebnisse für meine Dissertation erhalten.« Die Doktorandin kann sich für die Gastfreundschaft bald revanchieren, wenn ab Mai ein Bachelor-Student von Vanderbilt im Rahmen des Austauschprogramms RISE des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) zwei Monate lang ein Projekt bei ihr bearbeiten wird. Jedes Jahr sorgen Arbeitsaufenthalte von Bachelor- und MasterstudentInnen, DoktorandInnen und Postdocs dafür, dass die Kooperationsbeziehungen zwischen Leipzig und Nashville gelebt werden. Zwei wissenschaftliche Artikel, publiziert im Journal of Biological Chemistry, sind aus dieser Beziehung bereits hervorgegangen. Anja Pohl

SEPT: Erfolgreicher Exportartikel aus Leipzig für Vietnam

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anchmal hat der Erfolg einen recht kurzen Namen. In diesem Fall sind es sogar nur vier Buchstaben: SEPT steht für »Small Enterprise Promotion + Training« und ist ein Modell, das auch in Vietnam außerordentlich geschätzt wird. »Seit 2005 gibt es den von uns entwickelten Studiengang nun schon an der Universität Hanoi und bei einer gemeinsamen Reise mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich im März 2011 haben wir mit der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) in HoChi-Minh-Stadt ein Kooperationsabkommen unterschrieben«, freut sich Dr. Utz Dornberger. Der Direktor des SEPT-Studienganges in Leipzig hatte 2005 in Hanoi den Studiengang mit dem Abschluss Master of Business Administration eingerichtet, der junge Führungskräfte für Klein- und Mittelunternehmen ausbildet. 30 bis 40 Studenten beginnen pro Jahr ihr Studium. Mindestens 30 Firmen sind von Absolventen des Studienganges bereits gegründet worden, wobei die Spanne vom Consultingunternehmen über den Automobilbau bis hin zu technischen Dienstleistungen reicht. »Vietnam hat in den letzten 15 Jahren weltweit die zweithöchsten wirtschaftlichen Entwicklungsraten gehabt, und in diesem Boom besteht Bedarf an gut ausgebildeten Fachleuten«, sagt Dornberger. Hinzu komme, dass das Image des deutschen Mittelstandes in Vietnam sehr gut sei. Dass die Beziehungen zu Vietnam so ausgezeichnet sind, lässt sich laut Dornberger auch auf die gemeinsame Vergangenheit des Landes mit der DDR zurückführen. »Jeder Vietnamese,

der in der DDR studierte, hat zwangsläufig auch Leipzig kennen gelernt, weil er hier am Herder-Institut einen Deutschkurs machen musste.« Viele hätten auch ihre weitere Ausbildung in Leipzig gemacht, so dass es in Vietnam eine große AlumniGruppe gibt. »Leipzig ist in Vietnam ein Begriff und die Uni wird – wie alle sächsischen Hochschulen – als herausragender Partner wahrgenommen«, weiß der Hochschullehrer. Die Ehemaligen in Vietnam sitzen seinen Angaben nach inzwischen zum Teil in maßgeblichen Stellen in Regierung und Verwaltung und tragen dazu bei, dass Türen geöffnet werden können, die anderen verschlossen bleiben. Konkurrenzlos steht die Leipziger Alma mater jedoch nicht da. »Die Vietnamesisch-Deutsche Universität wird in den nächsten Jahren für rund 200 Millionen US-Dollar ausgebaut. US-amerikanische, australische und französische Bildungseinrichtungen stehen dabei in starker Konkurrenz zu den deutschen Hochschulen, auch wenn die Universität Leipzig nun bereits Partner der VGU ist«, erklärt Dornberger. Die Vietnamesen holen sich Fachwissen aus dem Ausland in ihre Heimat, um möglichst schnell Vorzeigeuniversitäten entwickeln zu können. SEPT will dazu in Ho-Chi-Minh-Stadt einen Beitrag leisten: Ende 2011 sollen die ersten Studenten für den Leipziger Exportstudiengang immatrikuliert werden, bei deren Ausbildung der Fokus auf dem Management von technologiorientierten Unternehmen liegen wird. Jörg Aberger journal Universität Leipzig 3/2011

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Promovieren an zwei Universitäten Stefanie Baumerts Dissertation ist das jüngste Beispiel für eine Cotutelle-Vereinbarung der Universität Leipzig mit einer internationalen Hochschule as Telefoninterview zu ihrem Forschungsprojekt, das Stefanie Baumert mit einer Kommission der Universität Stellenbosch in Südafrika im Zuge des Bewerbungsprozesses für ihre Aufnahme als Doktorandin im Rahmen eines binationalen Promotionsverfahrens (sogenannte Cotutelle) mit der Leipziger Partneruniversität geführt hat, ist für sie Ausdruck einer neuen Erfahrung – der Promotion in zwei verschiedenen Hochschulsystemen . Nach ihrem Studium der Afrikanistik und Soziologie wurde die 29-Jährige vor allem durch ihre Arbeit an der Research Academy Leipzig inspiriert zu promovieren. »Den binationalen Weg hatte ich nicht von Beginn an eingeschlagen, doch mit der Bestimmung des Forschungsthemas wurde es mehr und mehr sinnvoll, auch in Stellenbosch einen offiziellen Betreuer zu haben«, sagt sie. Seit eineinhalb Jahren befasst sie sich in ihrer Doktorarbeit mit Hochschulforschung. Die Universität Stellenbosch dient ihr als Fallbeispiel, um im südafrikanischen Kontext zu untersuchen, vor welchen nationalen und globalen Herausforderungen Hochschulen stehen und welche Ansätze sie entwickeln, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Seit eineinhalb Jahren beschäftigt sich die Doktorandin – betreut durch Prof. Dr. Matthias Middell vom Global and European Studies Institut der Universität Leipzig und Prof. Dr. Jan Botha, Senior Director der Division for Institutional Research and Planning an der Universität Stellenbosch – mit Transnationalisierungs- und Globalisierungsprozessen im Hochschulbereich. Bei einem neuerlichen Forschungsaufenthalt diesen Sommer wird sie sich damit befassen, wie in Stellenbosch Internationalisierung betrieben worden ist und wie sich die Universität nach dem demokratischen Wandel in Südafrika als international angesehene Forschungsuniversität etabliert hat. »Das ist gerade mit Blick auf den akademischen Boykott und die versuchte Abschottung südafrikanischer Wissenschaft während der Apartheid-Ära besonders spannend.« Durch den jüngst unterzeichneten Cotutelle-Vertrag sieht die Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Transferable Skills der Research Academy viele Vorteile: »Es ist in meinem Fall eine Ressource, die mir Zugänge zu Dokumenten, Archiven, Personen und Wissen ermöglicht, die ich sonst nur sehr schwer bekommen würde. Und wenn man das Ganze, so wie ich, als Probefall durchläuft, kann man Vieles mitgestalten und lernt eine andere Universität und ihr Hochschulsystem dadurch sehr gut kennen.« Die Promotionsordnungen fast aller Fakultäten der Universität Leipzig tragen inzwischen dieser spezifischen Form des Promovierens, die, Mitte der neunziger Jahre in Frankreich eingeführt, inzwischen weltweit Verbreitung gefunden hat,

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Foto: privat

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Stefanie Baumert

Rechnung. Über das Prorektorat für Forschung und Nachwuchsförderung konnten bisher 50 Cotutelle-Vereinbarungen abgeschlossen werden. Interessenten erhalten hier nicht nur geeignete Vereinbarungsmuster in verschiedenen Sprachen, sondern die ganze Vertragsgestaltung wird intensiv begleitet. So werden bürokratische Hürden gemeistert, etwa zwei Promotionsordnungen, die nicht immer das Gleiche wollen und von Justiziaren und verschiedenen Gremien zusammengebracht werden müssen, um letztlich eine flexible Handhabung zu ermöglichen. Oft werden auch Sonderregelungen getroffen, die zum Beispiel Studiengebühren erlassen. »So genieße ich in Stellenbosch auch die Vorzüge einer registrierten Doktorandin und habe von Leipzig aus Zugang zu Bibliotheken und Online-Materialen«, freut sich Stefanie Baumert. Durch das Cotutelle-Verfahren und die doppelte Betreuung sieht sie sich für eine erfolgreiche Promotion insgesamt gut gewappnet. Dem Wissenschaftsmanagement würde sie beruflich gern treu bleiben. Katrin Henneberg

Foto: privat

Foto: privat

Die Bachelor-Plus-Studierenden Anja Nousch, Verena Mensekamp und David Majewski in Prag. Sie werden gern als »Primi« bezeichnet, da das Programm ursprünglich PRIMUS hieß.

Die ersten beiden Stipendiaten der Amerikanistik, Richard-André Bachmann und Björn Deh arbeiten zurzeit an einem GLC-Projekt »Transantlantic Economic Governance«.

Neue Wege mit Bachelor-Plus-Studiengängen A

ls Pilotprojekte befürwortet konnten zwei Anträge der Universität Leipzig im Programm Bachelor Plus des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) eine Förderung für die Erweiterung der bestehenden Bachelorstudiengänge um ein viertes Studienjahr im Ausland erzielen. Die Westslawistik und die Amerikanistik ermöglichen einer erlesenen Gruppe Studierender anerkannte Studienzeit an ausländischen Partnerhochschulen. Für »Bachelor Plus: Westslawistik interkulturell« studieren die Stipendiaten jeweils ein Semester an den Partneruniversitäten Wrocław (Breslau in Polen) und Prag (Tschechische Republik). Im Jahr zuvor gezielt sprachlich und inhaltlich vorbereitet, besuchen jährlich sechs Studierende eine Ringvorlesung mit Referenten der drei beteiligten Universitäten Wrocław, Prag und Leipzig sowie vier Workshops zur polnischen und tschechischen Sprachpraxis, zu Kultur, Film und Literatur in der Zielsprache. Für die Studierenden bedeutet das Programm Bachelor Plus einen immensen zeitlichen Aufwand, den jedoch alle gern in Kauf nehmen, da sie sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr davon profitieren. Im laufenden Studienjahr 2010/11 absolvieren die ersten sechs Studierenden ihre beiden Auslandssemester. Aufgrund ihrer Spezialisierungswünsche erstellen sie zusammen mit dem betreuenden Koordinator der Partneruniversität vor Ort ihren individuellen Studienplan. Das zweite Auslandssemester enthält zudem ein Praktikum, etwa bei der Prager Zeitung, in der Schule für Polnische Sprache für Ausländer, oder bei der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft Breslau. In ihren Kurzberichten über das erste Semester äußern sich die Stipendiaten sehr zufrieden mit dem Programm, der Betreuung und ihrem persönlichen Gewinn aus dem Auslandsstudium. Die hohe Motivation der Bachelor-Plus-Nominierten wirkt sich auch auf andere Studierende der Westslawistik sehr positiv

aus. So zeigen sie bereits im ersten Studienjahr großes Interesse am den Programm. Im Bachelor Amerikanistik baut die Studiengangserweiterung »American Studies with Transatlantic Capstone Program and Project Year« auf die sehr guten Leipziger Beziehungen mit der Ohio University in Athens (USA) auf. Die Leipziger Studierenden werden in Ohios renommiertes Global Leadership Center (GLC) und ins International Studies Program eingegliedert. Dies erweitert das in Leipzig verfügbare Studienangebot um Fachgebiete wie Religion, Soziologie, Recht, oder Global Literatures and Cultures und verstärkt somit den interdisziplinären Fokus der Leipziger Amerikanistik. Die Stipendiaten nehmen neben regulären Seminaren und Praktika auch an themenbezogenen Projekten teil, die wegen der Einbindung internationaler wirtschaftlicher und staatlicher Institutionen einen hohen Praxisbezug gewährleisten. So intensivieren sie nicht nur ihre akademische Ausbildung, sondern es wird ihnen auch ein Einstieg in internationale Berufe in Wirtschaft, Diplomatie oder Nichtregierungsorganisationen erleichtert. Die ersten beiden Stipendiaten arbeiten zur Zeit am GLC-Projekt »Transantlantic Economic Governance«, worin sie Modelle zur Einbindung erneuerbarer Energien in regionale Wirtschaftssysteme entwickeln und deren Resultate anschließend mit Vertretern der deutschen Botschaft sowie des USAußenministeriums diskutiert werden. Der Erfolg beider Programme legt die Grundlage zur Diskussion um neue Wege zur flexibleren Anerkennung von Auslandsstudienphasen und um vierjährige Bachelorprogramme. Prof. Dr. Danuta Rytel-Schwarz, Prof. Dr. Crister Garrett, Anne Vorpagel www.uni-leipzig.de/~slav/ http://americanstudies.uni-leipzig.de/baplus

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Foto: Universität Alberta

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Prof. Dr. Raul Rosenthal von der Cleveland Clinic (USA) wird im November in Leipzig bei einem Symposium des IFB live operieren.

IFB baut internationale Partnerschaften weiter aus I

nnerhalb nur eines Jahres ist das Integrierte Forschungsund Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig international vernetzt: Es dient als Vorbild für Frankreich, kooperiert mit dem dänischen Pendant UNIK Food, Fitness & Pharma und stärkt seine transatlantischen Kontakte in die USA und nach Kanada. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind sein wissenschaftliches Renommee sowie das innovative Konzept, Grundlagenforschung, klinische Forschung und Behandlung unter einem Dach miteinander zu vernetzen. Die längste aller internationalen Kooperationen besteht zwischen dem Freistaat Sachsen und der kanadischen Provinz Alberta. Besonders intensiv ist dabei die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem IFB und dem Adipositaszentrum der Universität Alberta. Hier wie dort hat die Forschung zu Stoffwechselerkrankungen eine lange Tradition. Jüngst hat ASORTA (Alberta-Saxony Obesity Research and Training Alliance) nun auch damit begonnen, den Austausch von Nachwuchswissenschaftlern und Studierenden zu fördern. So fand im März die erste Winterschool in Edmonton statt. Dieses Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Alberta und Leipzig soll den Auftakt für den transatlantischen Studentenaustausch bilden. Vernetzungen bestehen nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf struktureller Ebene. So ist Prof. Dr. Arya

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Sharma, Leiter des Adipositaszentrums der Universität Alberta, Expertenbeirat des IFB. Prof. Dr. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Direktor des IFB, ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Forschungseinrichtung UNIK an der Universität Kopenhagen. Mit seinen 29 Forschungsprojekten zu sogenannten »Lifestyle-Erkrankungen« wird UNIK, wie das IFB auch, staatlich gefördert. Prof. Dr. Edward Shang pflegt enge Kontakte zu führenden Kollegen auf dem Gebiet der bariatrischen Chirurgie in den USA. Im November wird er Prof. Dr. Raul Rosenthal von der Cleveland Clinic, einen international anerkannten, renommierten bariatrischen Chirurgen mit deutschen Wurzeln, nach Leipzig holen. Er wird hier am Symposium »Perioperatives Management in der metabolischen Chirurgie« teilnehmen und live operieren. Darüber hinaus ist derzeit ein Forschungsprojekt in Planung. Auf der europaweiten Suche nach Best-Practice-Beispielen besuchte eine von Staatspräsident Nicolas Sarkozy gesandte französische Delegation das IFB. In Frankreich sollen in naher Zukunft fünf Spitzengesundheitszentren (IHU) entstehen, die den deutschen Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren in Aufbau, Funktion und Zielen sehr ähnlich sind und wo Forschung und Behandlung ebenfalls Hand in Hand gehen. Carmen Brückner

Juristenfakultät kooperiert mit University of Miami

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eipzig kooperiert mit Miami: Seit zwölf Jahren gibt es mittlerweile das Miami-Seminar, den Studentenaustausch zwischen der Juristenfakultät der Universität und der Law School der University of Miami. Vom 17. bis 20. Mai waren in Leipzig wieder zehn angehende Juristen und zwei bis drei betreuende Professoren aus dem Sonnenstaat Florida zu Besuch. Gemeinsam mit zehn Leipziger Kommilitonen, die im Januar dieses Jahres zu Studienzwecken nach Miami gereist waren, betrachteten die Jurastudenten in englischsprachigen Seminaren verschiedene rechtliche Aspekte aus ihrem jeweiligen Blickwinkel. Organisiert wurde das Seminar von Prof. Dr. Thomas Rauscher, dem Geschäftsführenden Direktor des Instituts für ausländisches und europäisches Privat und Verfahrensrecht, Prof. Dr. Markus Kotzur, dem Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Völkerrecht, Europarecht und ausländisches öffentliches Recht an der Juristenfakultät, und seit diesem Jahr auch vom Dekan der Juristenfakultät, Prof. Dr. Christian Berger. »Die jungen Leute sind immer ganz begeistert und finden diesen rechtsvergleichenden Austausch sehr interessant«, berichtet Prof. Kotzur. Ins Leben gerufen wurde er von seinem Vorgänger, Prof. Dr. Rudolf Geiger, der in den 1990er Jahren einen solchen Austausch zwischen den Juristenfakultäten der Universitäten in Leipzig und Miami auf Professorenebene erstmals initiierte und danach gemeinsam mit einem amerikanischen Kollegen die Kooperation anstieß. In den jeweils viertä-

gigen Seminarveranstaltungen im Januar in Miami und im Mai in Leipzig werden nach Angaben Kotzurs zehn Themen vorgegeben, die sie dann jeweils nach dem ihnen gelehrten Recht bewerten. »Unsere Studenten erlernen dabei die fremde Rechtssprache. Umgekehrt lernen die Amerikaner die europäische Rechtsordnung kennen. Dabei kommen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Tragen«, erläutert Kotzur einen der Vorteile des Austauschs. Die Reisekosten für das Miami-Seminar tragen die Teilnehmer selbst, den Aufenthalt bezahlt die jeweilige Universität. In Leipzig wird dieser Part über Drittmittel finanziert. Für Kotzur ist das Seminar »eine Besonderheit« der Leipziger Universität. »Diese Möglichkeit des Lernens ohne Gebühren ist eine einmalige Chance für unsere Studenten«, sagt Prof. Kotzur mit Blick auf die ansonsten recht hohen Studiengebühren an der University of Miami. Entsprechend groß ist meist auch das Interesse der Leipziger Studierenden an dem Austausch. Wenn der Andrang größer ist als die Zahl der zu vergebenden Plätze, bekommen die Studierenden mit den besten Leistungen und den besten Sprachkenntnissen den Zuschlag. Immer sind mit dem gemeinsamen Lernen auch Ausflüge in die nähere Umgebung verbunden. Auf dem Leipzig-Programm der vergangenen Jahre standen beispielsweise Abstecher nach Dresden, Meißen, Weimar und Berlin sowie Führungen durch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Susann Huster

»Leipzig Alumni International« – ein Netzwerk der Universität Leipzig

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998 startete im Akademischen Auslandsamt das Projekt »Leipzig Alumni International« (LAI). Ziel der Arbeit war und ist, ein weltweites Netz internationaler Absolventen der Universität aufzubauen. Zurzeit sind mehr als 2100 Alumni aus 110 Ländern Mitglied bei LAI. Von der Kooperation zwischen Universität und internationalen Alumni profitieren beide Seiten. Die Alumni spielen bei der Internationalisierung der Universität Leipzig eine wichtige Rolle. Sie sind Botschafter der Universität in aller Welt. Durch ihre Erfahrungen können internationale Studieninteressenten für eine Ausbildung an der Universität gewonnen werden. Nicht selten kehren sie selbst als Promovenden, Gastdozenten oder innerhalb von Forschungsprojekten nach Leipzig zurück. Sie bereichern so das Lehrangebot und sind häufig Wegbereiter für neue Kooperationen. Die Arbeit von LAI wird durch eine Projektleiterin im Akademischen Auslandsamt koordiniert. Sie ist Ansprechpartnerin für individuelle Anliegen wie Weiterbildungsvorhaben, Unterstützung bei Besuchen in Leipzig oder die Bestätigung erbrachter Studienleistungen. Es wird eine enge Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gepflegt. Der DAAD unterstützt die deutschen Hoch-

schulen, Weiterbildungsprojekte für internationale Alumni anzubieten. Die Antragstellung für das Alumni-Programm des DAAD wird durch die Projektleiterin koordiniert. Für das Jahr 2011 bewilligte der DAAD 179.602 Euro für Weiterbildungsangebote der Universität Leipzig. Damit werden drei Projekte unterstützt: der internationale Sommerkurs »Translation« , den Dr. Martina Emsel vom Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) im Juni 2011 organisiert, das Jahrestreffen des Leipziger Erasmus Mundus Studiengangs »Global Studies« , das im November 2011 stattfindet und das Seminar »Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion in tropischen Gebieten«, welches im Dezember 2011 in Addis Abeba vom Leipziger Alumnus Dr. Nega Namaga organisiert wird. Ein weiteres Angebot von LAI ist der Newsletter, der zweimal im Jahr erscheint und über aktuelle Alumniprojekte, Neuigkeiten an der Universität und Entwicklungen in der Stadt Leipzig informiert. Die Resonanz der Alumni auf dieses Magazin ist groß und sehr positiv. Für alle, die am Projekt »Leipzig Alumni International« mitarbeiten, ist dies Ansporn, dass unser Motto – »Bleiben wir in Kontakt!« – auch weiterhin mit Leben gefüllt wird. Ulrike Renker journal Universität Leipzig 3/2011

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Titelthema

Deutsch-amerikanische Beziehungen nach 9/11 Über die Partnerschaft der Universität Leipzig mit der Ohio University in Athens (USA) entstand eine aufschlussreiche historische Dokumentation

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s war die schlimmste Tat, die bisher durch den internationalen Terrorismus begangen worden ist: Der 11. September 2001 hat sich in den Köpfen eingebrannt und die Politik der USA grundlegend verändert. 2011 jährt sich der Anschlag zum zehnten Mal, doch bis auf die UN-Resolutionen gibt es bisher nur wenige offiziellen Quellen über das Geschehen. Prof. Dr. Günther Heydemann und Jan Gülzau M.A. vom Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Leipzig haben die Entwicklungen nach der Zäsur 2001 und die Folgen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen historisch dokumentiert. Mit studentischer Hilfe und über die Partnerschaft der Universität Leipzig mit der Ohio University in Athens (USA) entstand die Dokumentation »Konsens, Krise und Konflikt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen im Zeichen von Terror und Irak-Krieg«. Heydemann interessierte vor allem die Konfrontation zwischen den USA und Deutschland, die sich in Folge des Attentates entwickelte: »Das war wirklich der erste außenpolitischdiplomatische Konflikt, bei denen sich die beiden Regierungen völlig uneins waren. Ich bin als Zeithistoriker ein homo politicus, insofern war es für mich auch ein Anlass, das näher zu untersuchen.« Seine mehrfachen Aufenthalte an der amerikanischen Partneruniversität haben dieses Interesse noch verstärkt, denn dadurch konnte er beide Positionen miterleben. Für die US-Amerikaner war das Attentat vor allem deshalb eine Zäsur, weil sie zum ersten Mal einen Angriff im eigenen Land erlebt hatten – und dann noch im Zentrum ihrer Macht, in New York und Washington. »Der Anschlag war gleichzeitig aber auch ein Höhe- und ein Wendepunkt des Terrorismus«, sagt Heydemann. »Von dem Zeitpunkt an wusste man, jetzt muss man wirklich international dagegen ankämpfen.« Doch die US-Politik unter George W. Bush Junior stieß in Deutschland und in Europa zunehmend auf Widerspruch. Der am Anfang noch richtig geheißene Krieg gegen den Terrorismus bekam eine andere Bedeutung, als sich abzeichnete, dass dem Terrorismus allein mit militärischen Mitteln nicht beizukommen ist. Bis heute ist die Situation im Irak und in Afghanistan ungelöst. Die Entscheidung der damals regierenden rot-grünen Koalition gegen ein militärisches Eingreifen im Irak findet Heydemann richtig: »Ich denke, dass es auf der deutschen Seite eine realistischere Einstellung gab. Man war vorsichtiger, so sehr es sicherlich ein Erfolg gewesen ist, dass Saddam Hussein gestürzt worden ist. Aber es entstand dadurch auch eine Situation, die zu verstärktem Terrorismus geführt hat.«

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Mit dieser Sicht stieß er 2004 auf Unverständnis in den USA, als er in einem Vortrag in Athens die skeptische Haltung der Schröder-Regierung erläuterte. Zwei Jahre später sei das schon ganz anders gewesen. Die Dokumentation zeigt, wie sich die europäische und amerikanische Haltung zum Irak-Krieg mit der Zeit anglichen. Heydemann war wichtig, diesen Konsens der öffentlichen Meinung in beiden Ländern nachzuzeichnen. Deshalb besteht etwa die Hälfte der Beiträge aus Artikeln und Kommentaren der großen amerikanischen und deutschen Tageszeitungen. Der Auslöser für den Stimmungswandel in den USA steht für Heydemann fest: »Nach den ersten negativen Erfahrungen, die im Irak gemacht wurden, hat sich die amerikanische Position zunehmend differenziert und zur Ablehnung dieses Krieges in der amerikanischen Gesellschaft geführt, aus dem die USA aber momentan nicht herauskommt.« Zudem hat sich auch der Wechsel der politischen Spitzen beider Länder positiv auf ihr Verhältnis ausgewirkt. Trotzdem bleibe die damalige Ablehnung Deutschlands den Amerikanern im Gedächtnis. Hinzu kommt in der jüngsten Zeit der Konflikt um Libyen, der für die beiderseitigen Beziehungen wieder einen Rückschlag bedeutete. Auch vor diesem Hintergrund bietet die Dokumentation eine Orientierung, welche Bedeutung die Geschehnisse nach 9/11 heute noch haben. Durch die Tötung Osama Bin Ladens am 2. Mai 2011 hat das Buch zudem neue Aktualität gewonnen. Nicht zuletzt ist es ein Hilfsmittel für eine erst zehn Jahre zurückliegende Begebenheit, von der es noch immer nur wenige offizielle Informationen gibt, deren Zusammenhänge aber nicht in Vergessenheit geraten sollten. Anne Ploetz

Günther Heydemann / Jan Gülzau (Hg.): Konsens, Krise und Konflikt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen im Zeichen von Terror und Irak-Krieg. Eine Dokumentation 2001-2008, (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1094), Bonn 2010.

Die am Programm teilnehmenden Schülerinnen, LehrerInnen, Studierenden und das Organisations-Team von »Europa macht Schule« auf der Leipziger Abschlussveranstaltung im Mai 2010.

Studierende holen Europa ins Klassenzimmer M

it dem Programm »Europa macht Schule« wollen Studierende der Universität Leipzig durch ihr freiwilliges Engagement aktiv, »von unten«, zum europäischen Austausch und Zusammenhalt beitragen. Ihr Ziel ist es, Europa ins Klassenzimmer zu holen. Dazu werden jedes Jahr an den Leipziger Hochschulen eingeschriebene Gaststudierende aus ganz Europa gesucht, die Lust haben, gemeinsam mit Leipziger SchülerInnen an einem Projekt zu ihrem Heimatland zu arbeiten. Leipzig ist einer von deutschlandweit 30 Hochschulstandorten, an denen »Europa macht Schule« vertreten ist. Die zentrale Koordination übernimmt der 2006 gegründete gleichnamige Verein. Die Schirmherrschaft trägt der amtierende Bundespräsident Christian Wulff, nachdem bereits sein Amtsvorgänger Horst Köhler diese übernommen hatte. Zum ersten Mal durchgeführt wurde das Programm im Jahr 2006/2007 zunächst in Frankfurt/Main, Bonn und Heidelberg. Leipzig ist als Standort seit 2008/09 mit dabei. Derzeit kümmern sich in Leipzig sechs Studierende der Universität Leipzig um den Programmablauf. Bis November besteht die Hauptaufgabe darin, Studierende und Schulen für das Programm zu begeistern. Dann endet die offizielle Anmeldefrist und das erste Treffen zwischen LehrerInnen und Studierenden findet statt: Absprachen werden getroffen und ein

Termin für den Schulbesuch vereinbart. Von November bis Mai haben die SchülerInnen und Studierenden Zeit, gemeinsam ihr Projekt auf die Beine zu stellen. Der Höhepunkt sind die Abschlussveranstaltungen, auf denen die verschiedenen Projekte präsentiert werden. Nach dem ersten Leipziger Jahr mit einem italienischen und zwei französischen Projekten erweiterte sich die europäische »Palette« im Programmjahr 2009/10 mit insgesamt sieben Projekten auch nach Osten: Eine Grundschulklasse lernte ungarische Erfinder kennen, eine andere übte den türkischen Tanz »Zeybek« ein. Auch dieses Jahr war es spannend: So haben zwei Studierende aus Russland ein anspruchsvolles Projekt umgesetzt: Zusammen mit den Schülern einer siebten Klasse haben sie die Kurzgeschichte »Der Name mit Pferd« von Anton Tschechow als Theaterstück einstudiert und schließlich bei der diesjährigen Abschlussveranstaltung aufgeführt. Ziel des Programmes ist es, Europa für eine junge Generation ein Gesicht zu geben und ihr einen ersten Kontakt mit seiner kulturellen Vielfalt zu ermöglichen. Toleranz soll gefördert werden, um Europa für die Zukunft ein festes Fundament zu geben. Verena Richter/ Saskia Wenzel vom Verein »Europa macht Schule« und Studentinnen der Universität Leipzig

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Forschung

Zu Unrecht vergessen: Hugo Münsterberg Leipziger Wundt-Doktorand, Harvard-Professor und erster Filmtheoretiker hat vor 95 Jahren eine Theorie des neuen Mediums Film publiziert

Repro: Universitätsarchiv

m April 1916 publizierte der ehemalige Leipziger Doktorand Wilhelm Wundts und spätere Harvard-Professor Hugo Münsterberg die erste wissenschaftlich fundierte Theorie des neuen Mediums Film »The Photoplay – a Psychological Study«. Eine sehr vielseitige, große internationale Karriere, die in Leipzig 1885 ihren Ausgang genommen hatte, endete früh nach rasantem fachlichem Aufstieg. Er starb am 16. Dezember 1916 während seiner Samstagsvorlesung am Radcliffe College im Alter von 53 Jahren. In einem kleinen Forschungsprojekt wurden erstmals die im Leipziger Universitätsarchiv bewahrten Primärquellen in den Kontext der internationalen Forschung gestellt, erste Ergebnisse im Mai 2011 publiziert und im September 2010 auf der Tagung der »German Studies Association« in den USA vorgestellt.

Hugo Münstberg, schon lange ein angesehener Hochschullehrer in Harvard, bittet 1911 seinen Doktorvater Wilhelm Wundt, ihm einen Ruf an die Universiät Leipzig zu verschaffen.

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Foto:Wikipedia

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Hugo Münsterberg

Münsterberg profilierte sich in seiner Heidelberger Habilitationsschrift »Die Willenshandlung« (1888) mit 25 Jahren gegen seinen Leipziger Lehrer und Doktorvater Wundt und etablierte zwischen 1892 und 1916 die angewandte, experimentelle Psychologie in den USA mit dem von ihm geschaffenen Labor an der Harvard-Universität. Er leitete 1910/11 den Aufbau des preußischen Amerika-Instituts in Berlin, war Berater der US-Präsidenten Wilson und Roosevelt; er legte mit seinen Forschungen die Grundlagen für die Filmwissenschaft und die Medienpädagogik und betrieb mit den Produzenten und den ersten Stars des neuen Mediums Film anwendungsorientierte Forschung. Als Deutscher, der gegen den Kriegseintritt der USA polemisierte, wurde er in den USA marginalisiert, was über mehrere Jahrzehnte anhielt. Aber er wurde in den USA weit früher wieder entdeckt als in Deutschland, auch in Leipzig. Marginalisierung und Vergessen in Deutschland über neun Jahrzehnte waren unter anderem durch das fachliche Zerwürfnis zwischen Doktorvater und Doktorand in Leipzig begründet: Wundt ließ Münsterberg per Gutachten die Dissertation (1882) für die Druckfassung erheblich zu einem Torso verkürzen und den Teil zur »Willenshandlung« herausnehmen. Der Doktorand hätte sich damit auf das ureigenste Gebiet seines Doktorvaters begeben, der eine Willenstheorie entwickelt, sich dabei ebenfalls an Darwin angelehnt hatte und sich in einem fachlichen Streit mit dem Göttinger Psychologen Julius Baumann befand. Das Verhältnis Wundts zu Münsterberg blieb aufgrund ihres fachlichen Streits immer distanziert, wie die späteren Schriftwechsel zwischen Leipzig und den USA belegen. Dennoch und obwohl er in den USA im frühen 20. Jahrhundert zu den führenden Hochschul-

lehrern zählte, »bewarb« Münsterberg sich 1911 in einem sehr persönlichen Brief bei Wundt um die Professor für Pädagogik an der Philosophischen Fakultät der Alma Mater Lipsiensis. Weit über seine Zeit reichte Münsterbergs filmästhetischer Ansatz hinaus: Er begriff das neu entstehende Medium Film auch didaktisch und ökonomisch. Vor allem aber anerkannte er es als Kunstform – als die meisten Künstler und Wissenschaftler es noch negierten oder gar bekämpften. Er stellte es als solche konsequent in einen psychologischen Wahrnehmungskontext und nahm damit letztlich auch jüngere psychoanalytische Deutungen, etwa von Jean-Louis Baudry und Christian Metz vorweg. Münsterberg war also der Pionier der theoretischen Analogie zwischen Traum und Film. Er stellte den aktiven Prozess der Aneignung filmästhetisch hervorgerufener Wirklichkeit in einem subjektiven Aufmerksamkeitsspiel heraus und betonte den subjektiven, konstruktiven Charakter dieses Spiels, der im Zuschauer liegt. Auch bei der wissenschaftlichen Untersuchung des gegenwärtig stattfindenden Übergangs zum

digitalen und zum stereoskopischen Kino kann man an Münsterberg anknüpfen (vgl. die im Leipziger Universitätsverlag soeben erschienene Publikation zum »Digitalen Dispositif Cinéma«). Hugo Münsterberg war ein sehr kreativer, Fächergrenzen überschreitender, integrativer Forscher mit einer starken Anwendungsorientierung. In der heutigen Universität wäre das schier unglaubliche Volumen seiner Drittmittel-Einwerbungen durchaus willkommen. Hugo Münsterberg soll der Leipziger Film- und Medienwissenschaft zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2013 den international bekannten Namen leihen: Hugo Münsterberg-Institut für Filmwissenschaft und digitale Medien. Prof. Dr. Rüdiger Steinmetz, Professur für Medienwissenschaft und Medienkultur an der Universität Leipzig und Mitglied des Medienrats der Sächsischen Landesmedienanstalt

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Foto: Ulrich Eisenecker

Forschung

Ein Softwaremodell im Virtual Reality Labor des Instituts für Wirtschaftsinformatik.

Software sehen und verstehen J

eder von uns nutzt Software in seinem täglichen Leben, sei es im Auto, in der Forschung und im Studium oder beim Entspannen mit einem Computerspiel. In einer Hinsicht unterschiedet sich Software erheblich von den uns umgebenden Dingen der Welt: Sie ist immateriell und besitzt keinen Körper. Software kann man nicht sehen und man kann mit ihr nicht physisch interagieren. Zwar wird Software üblicherweise in Form so genannter Quellprogramme entwickelt, doch diese verhalten sich zum Programm, welches auf einem Rechner ausgeführt wird, ungefähr so, wie ein Notenblatt zur gespielten Musik. Die Softwareentwicklung ist daher eine abstrakte und anspruchsvolle Aufgabe. Hinzu kommt, dass Softwaresysteme immer umfangreicher und komplexer werden. Außerdem müssen häufig vorhandene Systeme, die vor Jahren oder Jahrzehnten entwickelt wurden und gar nicht oder nur mangelhaft dokumentiert sind, untersucht und verstanden werden, um sie weiter zu entwickeln oder durch neu zu entwickelnde Systeme abzulösen. Die Informatik und die Wirtschaftsinformatik stellen hierfür hoch entwickelte Methoden und Techniken zur Verfügung. Allerdings befinden sich diese in der Regel auf immer höheren Abstraktionsebenen und ändern nichts am immateriellen Charakter von Software. Ganz entscheidende Fähigkeiten des Menschen zur Erkundung und Orientierung in der ihn umgebenden physischen Welt werden in der Softwareentwicklung bislang nicht hinreichend genutzt. Von herausragender Bedeutung zur Wahrnehmung und Erkundung unserer Umgebung ist die visuelle Wahrnehmung. Auf ihr bauen unsere Bewegungen und die manipulative Interaktion mit materiellen Gegenständen auf. Haben wir auf diese Weise eine Struktur, beispielsweise den Aufbau eines Gegenstandes oder einen Weg durch eine Stadt, erst einmal begriffen, ist dieses Wissen nachhaltig in unserem Kopf verankert. Aus diesem Grund wollen wir mit der Visualisierung von Software das Erkennen und Verstehen von Struktur, Verhalten und Entwicklungshistorie von Software und mit ihr verbundenen

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Artefakten wesentlich erleichtern. Da die Visualisierungsmöglichkeiten und die Informationsdichte auf zwei Dimensionen beschränkt sind, setzen wir dreidimensionale Darstellungen und Virtual Reality ein. Die Forschungsarbeiten verlaufen entlang zweier Stränge: Erstens werden die technischen Möglichkeiten zur Visualisierung in 3D und Virtual Reality (weiter)entwickelt und in den Softwareentwicklungsprozess integriert. Zweitens gilt es, passende körperliche Metaphern zu finden, zu realisieren und ihre Eignung zur Durchführung bestimmter Aufgaben in der Softwareentwicklung und ihrer Übereinstimmung mit der Erwartung der Bearbeiter/innen und der menschlichen Kognition zu evaluieren. Von Anfang an steht die Forschungsgruppe zur dreidimensionalen Softwarevisualisierung in engem Kontakt mit Interessenten aus Wissenschaft und Praxis. Zu diesem Zweck werden in unregelmäßigen Abständen Workshops und Vorführungen durchgeführt. Zwar haben die bisher entwickelten Werkzeuge noch nicht die nötige Reife für einen Einsatz in der Industrie und es fehlen insbesondere noch wichtige Erkenntnisse zu geeigneten körperlichen Metaphern, doch vermitteln die Rückmeldungen der Interessenten wichtige Impulse für die weiteren Forschungsarbeiten. Das notwendige theoretische Fundament erarbeiten derzeit drei Doktoranden in ihren Dissertationen und Konferenzbeiträgen. Einige ergänzende Fragestellungen werden auch in studentischen Abschlussarbeiten untersucht. In erster Linie schlagen diese jedoch die Brücke zur Praxis. Beispielsweise wird in einer Arbeit eine Produktlinie für multimediale Präsentationen zur Softwarevisualisierung in 3D und Virtual Reality erstellt, und eine andere Arbeit dient der Entwicklung einer web-basierten Anwendung, über welche interessierte Anwender Modelle oder Quellcode ihrer Software auf einen Server laden und anschließend unterschiedliche Visualisierungen im Internet-Browser betrachten können. Prof. Dr. Ulrich Eisenecker, Dipl.-Wirtsch.-Inf. Richard Müller, Dipl.-Wirtsch.-Inf. Pascal Kovacs, Dipl.-Wirtsch.-Inf. Jan Schilbach

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m Rahmen des Förderprogrammes »Validierung des Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung – VIP« fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den nächsten drei Jahren die Bioenergieforschung an der Universität Leipzig. Prof. Dr. Christian Wilhelm vom Institut für Biologie, der Initiator des Vorhabens, wird ein interdisziplinäres Forschungskonsortium mit den Universitäten Bremen und Karlsruhe koordinieren, das 1,5 Millionen Euro erhält, um eine neuartiges Verfahren zur Herstellung von Biomethan zu entwickeln. Das Forschungsprojekt startete Anfang April und läuft bis Ende März 2014. Der Förderanteil für die Universität Leipzig beträgt ca. 630.000 Euro. Bisher wird Biomethan durch die Vergärung von Biomasse erzeugt. »Dieser Weg ist wenig effizient und steht mit der Nahrungsmittelerzeugung in Konflikt«, erklärt Wilhelm. Der Vorteil des neuen Ansatzes besteht nun darin, dass Algen auf Biofilmen Photosynthese betreiben und dabei organischen Kohlenstoff bilden, der sofort ausgeschieden wird. Dieses Ausscheidungsprodukt wird dann sofort fermentiert und zu Methan umgesetzt. Im Vergleich zu herkömmlichen Technologien kann der Flächenertrag für Methan um das Zehnfache gesteigert werden. Das wäre ein Durchbruch in der Umwandlung von solarer Energie in einen speicherbaren Energieträger.

Fotos: Institut für Biologie

Projekt für hocheffiziente Methanherstellung gestartet

Entwicklungsvorstufe für einen Algenbiofilmreaktor zur Methanherstellung.

Die Abteilung Pflanzenphysiologie der Universität Leipzig wird dabei den Prozess der Metaboliterzeugung optimieren, das Sächsische Institut für Angewandte Biotechnologie (SIAB) die Fermentationsprozesse an das neue Konzept anpassen. Das Institut für Umweltverfahrenstechnik der Universität Bremen soll die bioverfahrenstechnische Seite der Prozesskopplung entwickeln und das Institut für Bio- und Lebensmitteltechnik, Bereich Bioverfahrenstechnik, des Karlsruher Instituts für Technologie wird dafür ein neues Reaktorkonzept umsetzen. Der ehemalige Leiter des Deutschen Biomasseforschungszentrums Leipzig, Prof. Dr. Martin Kaltschmitt, konnte für das Vorhaben als Innovationsberater gewonnen werden. MR

»Humor macht gesund« – Projekt zum Wissenschaftsjahr gewonnen

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umor macht gesund.« Mit einem Konzept unter diesem Titel gewann ein Team um Tabea Scheel von der Universität Leipzig den Wettbewerb »Was macht gesund?« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und zählt damit zu den insgesamt 15 Gewinnern. Die Studierenden vom Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie von Prof. Dr. Gisela Mohr erhalten somit 10.000 Euro für die Umsetzung dieses Projektes im Wissenschaftsjahr 2011 – Forschung für unsere Gesundheit. »Humor ist ja nicht gleich Humor. Es gibt positiven und negativen Humor – und egal welcher, Humor hat einen bedeutenden Einfluss auf die Gesundheit«, erklärt die Psychologin und Doktorandin Tabea Scheel den mit Mario Csonka, Master-Student der Psychologie, gefundenen Ansatz. In einem Projekt für 15bis 17-jährige Jugendliche will sie zunächst schriftliche Befragungen zu Verständnis und der Erfahrung von Humor durchführen. »Wir wollen dabei nicht zuletzt auch die Forschung selbst erlebbar machen«, erklärt sie. »Und wir wollen zeigen, dass verschiedene Humorstile das Lernen beeinflussen, mit Fehlerorientierung zusammenhängen und Wohlbefinden oder Stresserleben beeinträchtigen oder fördern.«

Wie wichtig Humor im Schulkontext, sowohl aus der Perspektive der Schüler, aber auch aus der Perspektive der Lehrer ist, zeigen die Humorforschungen bereits heute: Lernen wird durch positiven Humor verbessert, er fördert Aufmerksamkeit und die Freude am Lernen. Mit ihrem Forschungsansatz will Tabea Scheel weitergehenden Fragen nachgehen, und unter anderem Mobbingtendenzen in den Klassen mit den dominierenden Humorstilen auswerten oder überhaupt Humorstil und Wohlbefinden zueinander deuten. Das Projekt startet am 1. Juni 2011 und wird bis zum Dezember dieses Jahres abgeschlossen werden. Die Entscheidung zum Wettbewerbserfolg war getragen von einer sechsköpfigen Jury aus Kommunikationsprofis und Wissenschaftlern, die die 15 besten Projektideen zur Vermittlung der Gesundheitsforschung auswählte. Gesucht waren kreative und originelle Ideen für öffentlichkeitswirksame Formate, die zeigen, welche Forschungsaktivitäten rund um die Gesundheit Studierende in Deutschland beschäftigen. MR

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Personalia

Neu berufen

Prof. Ulrich Veit

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ie Professur für Ur- und Frühgeschichte hat Ulrich Veit seit dem 1. Januar 2011 inne. Er forscht insbesondere zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie, »die sich mit der Geschichte jener frühen Zeiten befasst, für die schriftliche Überlieferungen fehlen«, erklärt er. »Quellen bilden materielle Relikte, die sich über die Jahrtausende im

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ls Johannes Quaas im Alter von 16 Jahren als Segelflieger den Wolken ein ganzes Stück näher kam und lernte, die Thermik zu nutzen, stand sein Berufswunsch fest: Er wollte Meteorologe werden. Dieses Ziel verfolgte der gebürtige Rheinländer von diesem Moment an sehr geradlinig. Er studierte zunächst in seiner Heimatstadt Essen Physik und danach in Köln Meteorologie. »Das war von vornherein so geplant, denn das Grundstudium Meteorologie ist dem der Physik sehr ähnlich«, sagt der 37-Jährige, der zum 1. April als Professor für Theoretische Meteorologie an die Fakultät für Physik und Geowissenschaften der Universität Leipzig berufen wurde. »Ich finde es nach wie vor faszinierend, dass man das Wetter vorhersagen kann«, sagt Quaas, der in seiner Forschung allerdings die längeren Zeiträume durch Computersimulation betrachtet. Konkret analysiert er den Einfluss der Wolken auf den Klimawandel. Der Schwerpunkt seiner Dissertation, die er am renommierten Pariser Klimafor-

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Boden erhalten haben und vornehmlich bei Ausgrabungen geborgen werden.« Für die Archäologie der »Kelten« (zweite Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr.) interessiert sich Veit besonders und hat hier auch Grabungen vorgenommen. Die Herausforderdung »ein kleines Fach an einer so großen Universität im Kanon mit zahlreichen anderen Fächern vertreten zu können«, zog den 51-Jährigen von Tübingen nach Leipzig. »Ich möchte den Studierenden ein gut strukturiertes und anspruchsvolles Angebot bieten, das sie auf eine wissenschaftliche oder praktische Tätigkeit möglichst gut vorbereitet«, so der gebürtige Esslinger. Auch sei ihm wichtig, sein »sehr kleines Fach sichtbar zu machen und zu halten«. Veit setzt dabei auf Kooperationen mit anderen Disziplinen und der Denkmalpflege. Nach dem Studium der Ur- und Frühgeschichte, Geologie, Anthropologie und Ethnologie legte der Wissenschaftler 1989 in Münster seine Promotion »Siedlungsbestattungen im zentraleuropäi-

Prof. Dr. Johannes Quaas schungszentrum geschrieben hat, war dabei die Frage nach dem Einfluss von Verschmutzungspartikeln auf die Wolken und damit auf den Klimawandel. Im Rahmen des »Emmy Noether«-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) forschte er 2004/2005 am Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie in Hamburg zu der Frage, wie

schen Neolithikum« vor. Mit einem DFGStipendium forschte er anschließend auch in Cambridge. Die Habilitation »Frühe Gesellschaftsordnungen in Mittel- und Nordeuropa: Studien zur Sozialarchäologie des Neolithikums und der vorrömischen Metallzeit« folgte 1999. Wissenschaftliches Aufsehen erregte Veit bereits als Studierender Mitte der 80er Jahre – mit einem Aufsatz in der renommierten Zeitschrift »Saeculum«. »Meine allererste Publikation, die unter anderem dazu führte, dass ich Post bekam, in der ich als Professor angeredet wurde«, erinnert er sich. Den Professor fesseln neben der Arbeit seine Familie, Bewegung in der Natur und die Beschäftigung mit der jüngeren europäischen Geistes- und Kulturgeschichte. »Außerdem versuche ich, mir als Kontrast zum rückwärtsgerichteten Blick meiner Arbeit einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart und ihre – ebenso faszinierenden wie irritierenden – Veränderungen zu bewahren.« KH sich in den Wolken Regen bildet und hielt sich dafür auch zwei Monate zu wissenschaftlichen Arbeiten in Kanada auf. Im zweiten von der DFG geförderten Jahr erforschte er 2005/2006 beim britischen Wetterdienst die gleiche Problematik, aber nun mit Hilfe von Beobachtungsdaten von Satelliten. »Ich habe nun eine Professorenstelle für theoretische Meteorologie und befasse mich mit den Aspekten des Klimawandels aus Sicht der globalen Klimamodellierung«, sagt Quaas, der bis Ende März am MPI in Hamburg eine »Emmy Noether«-Nachwuchsgruppe geleitet hat. Im Juni wird er dort seine Habilitation abschließen. Den Studierenden in Leipzig will er seine Forschungsergebnisse und seinen Enthusiasmus vermitteln. »Meteorologie geht weit über die Wettervorhersage hinaus. Es geht um das Verständnis der Atmosphärenphysik«, sagt Quaas. Der Segelfliegerei will der junge Professor, der mit seiner Frau demnächst ein Kind erwartet, treu bleiben. SH

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ie Fakultät für Physik und Geowissenschaften trauert um ihren ehemaligen Hochschullehrer, Professor em. Dr. habil. Werner Holzmüller. Er ist am 26. Februar 2011 im Alter von 98 Jahren gestorben. Professor Holzmüller, der am 15. Dezember 1912 in Leipzig geboren wurde, hatte von 1932 bis 1937 in Leipzig Physik studiert. Hier wurde er 1937 bei Peter Debye in Leipzig promoviert und habilitierte sich 1941 an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität. Neben seinem Doktorvater Debye zählten zu seinen akademischen Lehrern Werner Heisenberg, Friedrich Hund, August Karolus und Ludwig Schiller, in der Mathematik Leon Lichtenstein, Ludwig Otto Hölder und Bartel Leendert van der Waerden und in der Chemie Karl Bonhoeffer. 1942 wurde er als Dozent an die Technische Hochschule Aachen berufen. 1947 bis 1952 beschäftigte er sich in Gorki (Nishni Nowgorod, UdSSR) mit der Entwicklung magnetischer Werkstoffe für die Hochfrequenztechnik. Im Jahre 1952 wurde er zum Professor für Experimentelle Physik an die Universität Leipzig berufen. Unter seiner Leitung entwickelten sich Forschungsschwerpunkte zur

Polymerphysik und zum Festkörpermagnetismus. Davon zeugt eine große Zahl von Diplomarbeiten und Dissertationen. 1959 bis 1966 leitete er das Institut für Physik und Physikalische Chemie der Hochpolymeren der Deutschen Akademie der Wissenschaften in der Permoserstraße. Verschiedene Bücher, die nach seiner Emeritierung im Jahr 1977 veröffentlicht wurden, belegen seine große Schaffenskraft bis ins hohe Alter hinein. Herr Professor Holzmüller hat sich große Verdienste bei der Entwicklung der physikalischen Forschung und Lehre an der Universität Leipzig erworben und zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter der Nationalpreis der DDR 1959. Zu seinem 95. Geburtstag ehrte die Fakultät für Physik und Gewissenschaften ihren ehemaligen Hochschullehrer mit einem Festkolloquium. In Würdigung seiner großen Verdienste wurde er 1978 zum Ehrensenator der Universität Leipzig ernannt. Die Fakultät wird sein Andenken in großer Dankbarkeit und in allen Ehren bewahren. Prof. Dr. Dieter Michel, Prof. Dr. Jürgen Haase

Foto: Dieter Michel

Physik-Fakultät trauert um Prof. Holzmüller

Professor Holzmüller zu seinem 98. Geburtstag am 15. Dezember 2010

Nachruf für Prof. Dr. Hans Rohleder

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ie Fakultät für Mathematik und Informatik trauert um ihren langjährigen Kollegen Herrn Prof. Dr. rer. nat. habil. Hans Rohleder. Er verstarb 81-jährig nach längerer Krankheit am 21. Januar dieses Jahres. Nach seinem Physikstudium an der TH Dresden im Jahre 1952 war er Assistent am Institut für Angewandte Mathematik der TH Dresden und am Institut für Mathematische Logik der HumboldtUniversität zu Berlin. 1957 promovierte er an der TH Dresden mit einer Arbeit über die Theorie einiger Klassen elektrischer Schaltungen und war danach unter N. J. Lehmann Assistent am Institut für Maschinelle Rechentechnik der TU Dres-

den. Hier habilitierte er sich 1962 mit der Arbeit »Untersuchungen zur Schaltalgebra«. Im gleichen Jahr erfolgte der Ruf an die Karl-Marx-Universität Leipzig als Professor mit Lehrauftrag für Maschinelle Rechentechnik und als Direktor des Rechenzentrums. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Rechenzentrum zu einer Dienstleistungseinrichtung für die Universität und Betriebe der Region. Als aus ihm 1964 das Institut für Maschinelle Rechentechnik hervorging, wurde Hans Rohleder dessen Direktor. 1969 erfolgte seine Berufung zum ordentlichen Professor für Mathematische Kybernetik und Rechentechnik und Direktor der Sektion Rechentechnik und Datenverarjournal Universität Leipzig 3/2011

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Personalia

beitung. Mit deren Umwandlung in das Organisations- und Rechenzentrum der Universität, wechselte er 1973 mit seiner Forschungsgruppe an die Sektion Mathematik. Bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1994 war er ein engagierter Hochschullehrer des Mathematischen Instituts der Universität Leipzig. Hans Rohleder ist Mitbegründer der Theorie der Schaltnetze als Anwendung der Mathematischen Logik. Auf diesem

Gebiet erschienen von ihm 40 Beiträge in referierten Journalen. Er betreute mehr als 100 Diplomarbeiten und 12 Dissertationen. Seine Lehrtätigkeit umfasste u.a. Vorlesungen zur Mathematischen Logik, Schaltalgebra, Rechentechnik, Theorie der Programmierung sowie den Mathematischen und logischen Grundlagen der Informatik an Hochschulen in Leipzig, Dresden, Halle, Ilmenau und Merseburg. Nicht zu vergessen ist sein großer

persönlicher Einsatz bei der Anwendung der Informatik in der Praxis, u.a. in Projekten zur Bibliographie- und Satzautomatisierung. Sein Tod bedeutet für die Fakultät einen schmerzlichen Verlust und wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Dr. Jürgen Janassary

Nachruf für Ehrendoktor Prof. Dr. Kurt Dehnicke ie deutsche akademische Chemie hat einen großen Hochschullehrer und Forscher und die Universität Leipzig einen ihrer Ehrendoktoren verloren: Am 16. Januar 2011 verstarb in Marburg/ Lahn im 80sten Lebensjahr Prof. Dr. Dr. h. c. Kurt Dehnicke. Er war und blieb seiner Alma mater Lipsiensis trotz erlittenen Unrechts und Ungemachs, das ihm Mitte der 1950er Jahre in Leipzig aus vorgeschobenen politischen Gründen zugefügt worden war und ihn zum Wechsel nach Stuttgart zwang, treu. Zwischen den Machtbereichen über die Systemgrenzen des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs hinweg war und blieb für ihn das einende Band seine geliebte Wissenschaft, die Anorganische Chemie, und ihr renommiertes gesamtdeutsches Publikationsorgan, die »Zeitschrift für anorganische und allgemeine Chemie«, deren Redaktion er über Jahrzehnte mit vorstand. Kurt Dehnicke, 1931 in Köln geboren, 1937 in Leipzig eingeschult, war Connewitzer Urgestein. Studien- und Diplomandenjahre der Schalk- und Frohnatur, hier bei Prof. Dr. Leopold Wolf in den Chemischen Instituten, sind in einigen Ausschnitten in »Chemie an der Universität Leipzig. Von den Anfängen bis zur Ge-

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Foto: Fakultät für Chemie und Mineralogie

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genwart« reflektiert. Er war seit 1967 Ordinarius für Anorganische Chemie an der Philipps-Universität Marburg. Wegzeichen aus seinem Leben sind: Synthesen und Strukturaufklärungen von Halogenaziden, Pseudohalogeniden, Organometall- und Koordinationsverbindungen, die zum Grundbestand

der Anorganischen Chemie gehören, und erfolgreiche Erforschung der Chemie des Berylliums als Emeritus seit 1999; Unermüdliches Wirken für die akademische Frauenförderung; Ehrenpromotion 1996 in Anerkennung seines wissenschaftlichen Gesamtwerkes und seiner tatkräftigen Unterstützung bei der Hochschulerneuerung in Leipzig; Gründer des »Marburger Chemikums« im Jahre 2005, einer vorbildhaften Motivations- und Ausbildungsstätte für Kinder, Jugendliche und allgemein an Naturwissenschaften Interessierte. Bei all seinen Vorhaben, die er unermüdlich und leidenschaftlich durchsetzte, war es ihm immer wichtig gewesen, nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen dabei zu sein, denn dann hat man auch die Kraft, schwierige Projekte zu meistern und Menschen für das Mittun zu begeistern, so das Credo aus dem Munde Dehnickes anlässlich seiner Ehrung mit dem »Historischen Stadtsiegel der Universitätsstadt Marburg« am 30. November 2010. Prof. Dr. Evamarie Hey-Hawkins, Prof. Dr. Eberhard Hoyer, Prof. Dr. Lothar Beyer, Fakultät für Chemie und Mineralogie

KURZ GEFASST Der Fakultätsrat der Philologischen Fakultät hat auf seiner Sitzung am 2. Mai 2011 einen neuen Prodekan gewählt: Prof. Dr. Marcus Deufert vom Institut für Klassische Philologie und Komparatistik hat das Amt in Nachfolge von Prof. Claus Dr. Altmayer übernommen. Universität Leipzig wird familienfreundlicher: Durch die Renovierung der Mensa mussten studierende Eltern einige Monate auf einen Wickelplatz auf dem Campus in der Jahnallee verzichten. Nun ist dem durch das Institut für Förderpädagogik Abhilfe geschaffen. Durch eine Materialspende des Vereins Studentische Eltern Leipzig e.V. konnte eine Wickelecke eingerichtet werden. Christian Keller, Chef bei den Studentischen Eltern, freut sich: »Unsere Universität kommt nun endlich ins Rollen. Neben dem neuen Wickeltisch freut uns besonders die neue Offenheit mancher universitärer Einrichtung für unsere Ideen.« Ausdrücklich lobt er dabei auch die Aussagen der neuen Rektorin Prof. Dr.Beate Schücking, dass die Universität familienfreundlicher und damit attraktiver für Studierende und Mitarbeiter werden soll.

Doktoranden der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Evamarie Hey-Hawkins waren zu Gast am Institut für Anorganische Chemie in Graz: Im Rahmen des 600-jährigen Jubiläums der Universität Leipzig im Jahr 2009 hatte die KarlFranzens-Universität Graz, Partnereinrichtung unserer Universität, Stipendien für Nachwuchswissenschaftler aus Leipzig für einen Forschungsaufenthalt in Graz bereitgestellt. Aus der Arbeitsgruppe Hey-Hawkins waren daraufhin vier DoktorandInnen der Chemie – Susann Stockmann, Souvik Pandey, Julian Pritzwald-Stegmann und Paul Neumann, allesamt Mitglieder strukturierter Doktorandenprogramme an der Research Academy Leipzig – für je sechs Wochen in der Partnereinrichtung für einen Forschungsaufenthalt zu Gast. Souvik Pandey, Doktorand in der Graduiertenschule BuildMoNa, hat anlässlich des achten European Workshop on Phosphorus Chemistry, der mit der von

Prof. Dr. Evamarie Hey Hawkins koordinierten COST Action PhoSciNet verbunden ist, außerdem einen Posterpreis des Verlags Wiley erhalten.

Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Inhaber der Professur Fachdidaktik Geschichte am Historischen Seminar, ist als Mitglied der deutsch-israelitischen Schulbuchkommission ernannt worden. Die im Jahr 2010 ins Leben gerufene deutschisraelische Kommission untersucht Geschichts-, Geographie- und Sozialkundeschulbücher beider Länder insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Darstellung des jeweils anderen Landes und im Hinblick auf gemeinsame zukünftige Herausforderungen in einer globalisierten Welt. Die Darstellung des Holocaust und seiner Erinnerung in den Bildungsmedien beider Länder spielt ebenfalls eine zentrale Rolle in der Arbeit der Schulbuchkommission. Diese wird vom Auswertigen Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Prof. Dr. Dr. Georg Schuppener vom Institut für Germanistik ist in den wissenschaftlichen Beirat der Breslauer Zeitschrift »Germanica Wratislaviensia« aufgenommen worden.

Dr. Anita-Mathilde Schrumpf ist der Theodor-Frings-Preis 2011 der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und der Universität Leipzig zugesprochen worden. Sie wurde damit für ihre von Prof. Dr. Dieter Burdorf vom Institut für Germanistik betreute Dissertation über »Rhythmische Verfahren in Hölderlins Elegien 1800/01« ausgezeichnet, die von der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig im Sommersemester 2010 mit dem Prädikat »summa cum laude« angenommen worden ist. Der Theodor-Frings-Preis wird seit 1995 in Anerkennung hervorragender Leistungen auf dem Gebiet der Germanistik verliehen. Die Arbeit »Epidemiology of Depression in Old Age – Results of the Leipzig Longitudinal Study of the Aged (LEILA 75+)« der Autoren Melanie Luppa, Claudia Sikorski, Dorothea Buechtemann,

Tobias Luck und Steffi G. Riedel-Heller des Institutes für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) wurde auf dem 13. Internationalen Kongress der International Federaton of Psychiatric Epidemiology (IFPE) in Taiwan mit einem Posterpreis ausgezeichnet.

Beim 3. Sächsischen Biotechnologietag des Biotechnologisch-Biomedizinischen Zentrums der Universität Leipzig (BBZ) und des Biotechnologischen Zentrums der TU Dresden (BIOTEC) Anfang Mai in Dresden hat Dr. Constance Chollet vom Institut für Biochemie der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie den ersten Preis für ihr Poster über die Entwicklung von Medikamentenkonzepten gegen Adipositas gewonnen. Die Französin ist Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und arbeitet seit Januar 2009 an der Universität Leipzig in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Annette Beck-Sickinger. Ihre Forschung ist Teil des EU-Projekt »Gastrointestinale Peptides in Obesity (GIPIO), in dem Forscher die Eigenschaften von Peptidhormonen im Magen-Darm-Trakt und ihre Wirkung bei der Entstehung von Adipositas untersuchen. Die Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit dem Peptidhormon Ghrelin, das in der Magenschleimhaut produziert wird und den Appetit anregt. Ziel ist es, dieses Hormon biochemisch zu verändern, um die appetitanregende Wirkung zu schmälern und eine Gewichtszunahme zu verhindern und sogar rückgängig zu machen.

Für ihre Untersuchungen in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) im Rahmen der Graduiertenschule HIGRADE zum Thema »Zusammenhang zwischen der Exposition während der Schwangerschaft, regulatorischen T-Zellen im Nabelschnurblut und der Entwicklung atopischer Erkrankungen im ersten Lebensjahr des Kindes« sind Denise Hinz und Prof. Jan-Christoph Simon von der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Leipzig auf der 16. Leipziger Zytometrie-Tagung mit einem Poster-Award ausgezeichnet worden. journal Universität Leipzig 3/2011

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Die Geschichte der Universität Leipzig Die Jubiläumsausgabe in fünf Bänden im Schuber

Am 2. Dezember 2009 beging die Universität Leipzig den 600. Jahrestag ihrer Gründung. Der seitdem faktisch ununterbrochene Lehrbetrieb gestattete, zu diesem Jubiläum aus der Perspektive von zurückgelegten 1200 Semestern den Blick in die Vergangenheit mit der Diskussion der Zukunftsaussichten der Alma mater Lipsiensis zu verbinden. Unter Leitung des Historikers Manfred Rudersdorf präsentiert die Kommission zur Erforschung der Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte nach intensiver mehrjähriger Arbeit eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Universität Leipzig, die den gegenwärtig gültigen höchsten wissenschaftlichen Maßstäben folgend und auf einer ausgedehnten Literatur- und Quellenrecherche basierend eine Darstellung der Entfaltung der Universität, ihre Einbindung in die nationale und internationale Wissenschaft, ihren Lehrbetrieb, ihre Verwurzelung in der Stadt sowie ihre weltweite Ausstrahlung in einem beeindruckenden Spektrum zu zeigen vermag. Der Leser gewinnt umfassende Einsichten in Höhen und Tiefen einer sechs Jahrhunderte umfassenden Entwicklung des Forschungs- und Lehr■

betriebs, findet ebenso Wissenswertes über berühmte Angehörige der Universität wie über weniger bekannte Persönlichkeiten, wird mit der Baugeschichte der Hohen Schule vertraut und lernt das vielfältige Netzwerk kennen, das die Universität Leipzig heute auszeichnet. Die nunmehr geschlossen edierte „Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009“ liegt in geprägten Leinenbänden vor. Jeder Band ist mit einem Schutzumschlag versehen. Ein Schuber bildet den festlichen Rahmen dieser insgesamt 5.200 Seiten umfassenden Edition. Der Bezug dieser Schmuckausgabe ist ebenso möglich wie die Abnahme einzelner Bände. Detaillierte Angaben zu Ausstattung, Umfang und Preisen sind unter www.univerlag-leipzig.de abrufbar, auf Wunsch wird ein Flyer zugesandt. ■

■ Weitere Informationen können zudem jederzeit unter [email protected] erbeten werden.

Ihr Leipziger Universitätsverlag

Leipziger Universitätsverlag

Heft 4/2011 · www.uni-leipzig.de /journal

Sport Uni Leipzig startet durch

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Beim Leipziger Firmenlauf 2011.

Sport und Bewegung – Kulturgut, Bildungsinhalt, Gesundheitsfaktor Foto: Swen Reichhold

Soeben wurde auf der Berliner »Hasenheide« der Gründung des ersten Turnplatzes im Jahre 1811 durch Friedrich Ludwig Jahn gedacht. Die sogenannte Turnbewegung ist damit nunmehr 200 Jahre alt und kann als ein Ausgangspunkt unserer heutigen vielfältigen Sportund Bewegungskultur angesehen werden. Unter dem Motto »Sport für alle« ist eine Angebotsstruktur entstanden, die in Sportvereinen ebenso wie bei privaten Anbietern nachgefragt wird. Das gilt für alle Leistungsniveaus, für die gesamte Lebensspanne (vom Säuglingsschwimmen bis zum Sport für Hochbetagte), für beide Geschlechter, für alle sozialen Gruppierungen. Sport meint auch nicht nur Wettkampf und Leistungsvergleich, wie es der Mediensport nahelegt, sondern ist für viele, wenn nicht für die Mehrheit der Sporttreibenden, insbesondere eine Quelle von Spaß und Freude, ein Mittel zur sozialen Kontaktpflege und ein Beitrag zur Gesundheitsförderung. In der englischsprachigen Terminologie wird daher unterschieden zwischen sports zum einen und exercise zum anderen, was im Deutschen in etwa mit den Begriffen Sport und Bewegung umschrieben werden kann. Diese Vielfalt der Inhalte und Ziele des Sporttreibens spiegelt sich auch in den Beiträgen des vorliegenden Journals wider. Aus dem Bereich des leistungs- und wettkampforientierten Sports werden die unerwünschten Nebenwir-

kungen von Sport (Verletzungen) ebenso angesprochen wie juristische Streitfragen der Sportübertragungen im Fernsehen und trainingswissenschaftliche Fragestellungen am Beispiel des Frauenfußballs. Die hohe Bedeutung gesundheitsorientierten Sports findet sich in mehreren Beiträgen, in denen präventive und rehabilitative gesundheitliche Wirkungen (Krebs, Adipositas, Herz-KreislaufFunktionen, Kognitionen) besprochen werden. Schließlich wird in den Beiträgen des Journals auch deutlich, dass Bewegung und Sport in unterschiedlichen Kontexten (Kletterwald, Firmenlauf, Hochschulsport) und Altersgruppen (Kinder, Erwachsene, Ältere) stattfindet. So vielfältig wie das vorliegende Journal ist auch das Fach Sportwissenschaft und seine Forschung. Dies zeigt sich sowohl bei der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) mit ihren elf Sektionen und elf Kommissionen, die das gesamte Spektrum sportwissenschaftlicher Forschung und Lehre repräsentieren. Es findet sich auch in der Sportwissenschaftlichen Fakultät wieder, die mit ihren derzeit zwölf Professuren und dazu gehörigen Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die vielfältigen Fragestellungen von Sport und Sportwissenschaft in Forschung und Lehre bearbeitet. Nach der jahrzehntelangen Dominanz des Leistungs- und Wettkampfsports in den Zeiten der Deutschen Hochschule für Körperkultur hat sich die Sportwissenschaftliche Fakultät inzwischen zunehmend Fragestellungen des Gesundheits-, Schul- und Breitensports zugewendet, ohne den Leistungs- und Wettkampfsport zu vernachlässigen. Fast 20 Jahre nach Gründung der Fakultät ist sie damit in der Mitte der Sportwissenschaft und mit ihren Kooperationen zu anderen Fakultäten in der Mitte der Universität angekommen. Prof. Dr. Dorothee Alfermann, Prodekanin der Sportwissenschaftlichen Fakultät und Präsidentin der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs)

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UniVersum Rektorin feierlich ins Amt eingeführt.

Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig Herausgeber: Rektorin der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl.-Journ. Katrin Henneberg, Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected] Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected] Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000 Titelbild: Swen Reichhold Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei: Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected] Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 10.06.2011 ISSN 1860-6709

Bootcamp des Projektes AlmaWeb. 5 Shannon Cain, Autorin und Picador Gastprofessorin über ihren Aufenthalt in Leipzig. 6 Arthur Conan Doyle – seine unbekannte Seite.

Erste Karrierewoche des Career Centers – positive Bilanz.

Teil vier der Serie zur Ausstellung »Brisante Begegnungen«.

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»Braille-Tag in Deutschland« findet im September auf dem Campus 10 Augustusplatz statt. »Gender-Kritik«-Reihe lädt ein.

Studentenwerk feiert 20-jähriges Jubiläum. / Gedenken an Sprengung der Universitätskirche. Leipziger Public Relations Studenten e.V. ist Bestandteil der Ausbildung in Kommunikationsmanagement/PR.

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Titelthema

Einblicke in die Sportwissenschaftliche Fakultät.

Einem Schriftsteller auf der Spur 15

Frauenfußball: weltweit einzigartiges Forschungsprojekt für mehr Schnelligkeit auf dem Platz. 16 Medienrechtsexperte Prof. Dr. Christoph Degenhart im Interview zu Sportübertragungsrechten. 18 Sport als Medikament bei Adipositas-Erkrankungen.

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Foto: Wikipedia

Impressum

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Leipziger Anglistik beleuchtet die unbekannte Seite von Arthur Conan Doyle – dem Kämpfer für Empire und Elfen, dem Sportler, Spiritisten und Autofan.

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Inhalt

Körperliche Aktivität und Herzerkrankungen.

Foto: Swen Reichhold

Uni und Sport

Stammzellentheraphie für Sportverletzungen.

Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe widmet sich dem Sport. Dabei berichten wir Wissenswertes aus der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, ebenso Beiträge aus der Medizin und Rechtswissenschaft rücken in den Fokus. Un nicht zuletzt spielt auch das Thema Freizeitsport eine wichtige Rolle. Lesen Sie mehr zu alldem ab

Ein Erfahrungsbericht vom Leipziger Firmenlauf.

Alumni im Porträt: Kletterwaldchef Steffen Cramer.

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Foto: Swen Reichhold

Die Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate A. Schücking (hier mit den neuen Prorektoren Prof. Dr. Claus Altmayer, Prof. Dr. Matthias Schwarz und Prof. Dr. Thomas Lenk, v.l.n.r.), ist am 31. Mai feierlich in ihr Amt eingeführt worden.

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Die Angebote des Hochschulsports.

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Uni-Mitarbeiter und ihre sportlichen Hobbys.

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Sportpsychologie: Fähigkeit zu Multitasking schwindet im Alter.

Investitur

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Erziehungswissenschaftliches Projekt bringt Kinder in Bewegung. 28 Guter Geist: Markus Wulftange ist Sporttherapeut für krebskranke 29 Kinder.

Forschung

Chemie: neue Methode zur ökologischen Schädlingsbekämpfung. 30 Millionenförderung für PolymerForschung. 31

Foto: Swen Reichhold

Fakultäten und Institute

Jubiläum am 1. Juli 2011 Das Studentenwerk Leipzig wird 20 Jahre alt. Nach zwei erfolgreichen Jahrzehnten wurde im Juni auch das letzte vollständig sanierte Wohnheim offiziell übergeben. Hier: Blick in ein bewohntes Apartment im Wohnheim Talstraße 12a.

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Afrikanisten verabschieden Swahili-Lektor Abdilatif Abdalla. 32 Tutoren als authentische Wissensvermittler.

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Eine weitere Perspektive auf das Institut für Wirtschaftspolitik. 35

Brisante Begegnungen Kurz gefasst Personalia

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Zur Podiumsdiskussion zum Thema »Weltoffene Leipziger Universität – Welche Handlungsstrategien brauchen wir?« hatte die Rektorin (Mitte) Prof. Dr. Angela Friederici (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften), Prof. Dr. Jürgen Jost (Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften), Dr. Wilhelm Krull (links, Volkswagenstiftung) und Prof. Dr. Svante Pääbo (rechts, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie) eingeladen.

Rektorin feierlich ins Amt eingeführt D

ie Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate A. Schücking, ist am 31. Mai 2011 feierlich in ihr Amt eingeführt worden. Sie erhielt von ihrem Amtsvorgänger und Interimsrektor Prof. Dr. Martin Schlegel die Amtskette überreicht und sprach vor etwa 450 Gästen im Hörsaal 9 im Hörsaalgebäude am Campus Augustusplatz über ihre Zukunftsvorstellungen für die Leipziger Universität. Ausgehend vom Leitmotto »Aus Tradition Grenzen überschreiten« stellte sie die aus ihrer Sicht aktuell zu überschreitenden Grenzen für die Leipziger Universität dar. Die Alma mater solle sich weiterentwickeln, um künftig wieder eine führende Rolle unter den deutschen Universitäten einzunehmen, so Schücking. Einen Grenzbereich, den es zu überwinden gelte, stellte sie bezugnehmend auf die »nationale Begrenzung« fest. Ein wichtiges Ziel sei es, die Öffnung der Universität weit über die Grenzen Europas hinaus zu forcieren und den Anteil von zehn Prozent ausländischer Studierender an der Gesamtstudentenzahl deutlich zu erhöhen. »Diese große und traditionsreiche Universität weiter zu entwickeln, ist eine Aufgabe, der ich mich gerne und mit Enthusiasmus gestellt habe«, sagte die Rektorin. Im Anschluss diskutierte sie mit ihren Podiumsgästen zum Thema »Weltoffene Leipziger Universität – Welche Handlungsstrategien brauchen wir?« Zur Diskussion eingeladen hatte die Rektorin: Prof. Dr. Angela Friederici (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften), Prof. Dr. Jürgen Jost (Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwis-

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senschaften), Dr. Wilhelm Krull (Volkswagenstiftung) und Prof. Dr. Svante Pääbo (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie). »Eigentlich lässt sich die Antwort auf die Frage nach einer noch weltoffeneren Universität auf eine Formel bringen. Die Universität muss für Studierende aus der ganzen Welt attraktiv werden und gleichzeitig ihre Studierenden für die ganze Welt fit machen", erklärte Pääbo. Friederici plädierte deutlich dafür, an der Universität Leipzig wissenschaftliche Schwerpunkte zu setzen, »und zwar aus der Mitte der Wissenschaftler heraus«. Für diese Schwerpunktsetzung gelte es dann, Anreize zu bilden. Die Rektorin fragte Prof. Dr. Jürgen Jost nach seinen Eindrücken von Erfahrungen mit Strukturen für die Wissenschaft. Der Mathematiker riet dazu, gemeinsam fachübergreifend wissenschaftliche Fragen und auf diese Art neue Kooperationen sowohl innen als auch nach außen zu entwickeln: »Wir brauchen Persönlichkeiten, die motivieren und die Wissenschaftler wie Studierende gleichermaßen mitziehen«, unterstrich Jost. In ihrem Schlusswort sagte die Rektorin, sie habe durch die Diskussion wichtige Anregungen für ihre Arbeit in den kommenden Jahren bekommen. Es müsse eine Kommunikationskultur entstehen, in der Pläne entwickelt werden, die dann von internen und externen Experten diskutiert werden. Die Universität müsse mehr englischsprachige Angebote unterbreiten und zugleich die deutsche Kultur und Sprache pflegen. Susann Huster

Foto: AlmaWeb

Rund 60 Mitarbeiter der Universität lernten bei den Bootcamp-Workshops das Campus Management System der Datenlotsen kennen.

Bootcamp des Projektes AlmaWeb beflügelt Austausch zwischen Universität und Software-Anbieter V

on Mitte Mai bis Anfang Juni wurde im Rahmen des hochschulweiten Projektes AlmaWeb ein sogenanntes Bootcamp (to boot, engl. starten) ausgerichtet. An diesem breiten Wissensaustausch nahmen rund sechzig Vertreter der Fakultäten, der Zentralverwaltung, des Rechenzentrums, des Projektes sowie mehrere Mitarbeiter des gewählten SoftwareUnternehmens Datenlotsen teil. In teilweise mehrtägigen Workshops wurden einerseits die Teilnehmer mit dem Campus Management System der Datenlotsen vertraut gemacht, andererseits erhielten die Datenlotsen einen tiefen Einblick in den Aufbau und die Abläufe der Alma mater Lipsiensis. »Hinter uns liegen elf Tage intensiven Arbeitens, die angefüllt waren mit einem vertieften Kennenlernen des Datenlotsen-Projektteams und der Software in Kombination mit den Besonderheiten und Spezifika der Prozesse an unserer Universität. Durch die große Fülle der Diskussionsbeiträge, Anregungen und Kommentare konnten wir äußerst wertvolle Hinweise für die weitere Projektarbeit gewinnen«, erklärt Gesamtprojektleiter Dr. Gunnar Auth. Diesen positiven Eindruck bestätigt auch Bootcamp-Teilnehmerin Kathrin Tolksdorf vom Prüfungsamt der Medizinischen Fakultät: »Das AlmaWeb-Bootcamp war eine sehr gute Gelegenheit sowohl mit den Datenlotsen als auch dem Projektteam im persönlichen Austausch Fragen, Probleme und künftige Aufgaben zu besprechen. Diese Kommunikation hat allen Beteiligten durchaus den Blick geschärft für die weiteren Schritte. Gleichzeitig hat der Kontakt zu den Kollegen der verschiedenen Fakultäten interessante Einblicke über den Tellerrand ermöglicht.« Die Arbeit an der Bedienungsoberfläche habe sie technisch von der Handhabbarkeit des Systems überzeugt und sie sei sich sicher, wenn die Hinweise der mit Modellierung und Administration bisher befassten Kollegen der Universität und

Fakultäten zu Optimierungsmöglichkeiten umgesetzt würden, werde das neue System von Konsens statt von Skepsis getragen. Dem Projektteam hat das Bootcamp einmal mehr gezeigt, dass die Standardfunktionen des Campus Management Systems bereits ein breites Spektrum der definierten Anforderungen abdecken. Das System hat in den Workshops eine große Flexibilität sowie eine breite Vernetzung der Aufgaben für die Verwaltung von Studium und Lehre bewiesen. Klar herausgestellt haben sich jedoch auch die vielfältigen Herausforderungen, die die flächendeckende Einführung eines standardisierten Campus Management Systems an der Universität mit sich bringt. »Wir konnten uns im Bootcamp davon überzeugen, dass das System der Datenlotsen fast alles kann. Die Aufgabe besteht nun in einer intelligenten Synthese aus Machbarem und zwingend Nötigem«, resümiert Bootcamp-Teilnehmer Werner Reutter, Prüfungsamtsleiter der Fakultät für Mathematik und Informatik. »Die Erfahrung lehrt, dass zu viele voreingestellte Details in einem System die Handhabung erschweren und vor allem kaum Sonderfälle zulassen.« Bedenken wie diese kennt auch das Projektteam. Wie sollen künftig Prozesse an der Universität Leipzig gestaltet werden? Personendaten, Prüfungsleistungen, Moduldaten – wie können diese bestehenden Daten in das neue System migriert werden? Welchen Zeitraum wird dies in Anspruch nehmen? Dieser Vielzahl an Herausforderungen werden sich nun die Teilprojekte annehmen, die im Juli 2011 starten sollen. In deren Feinplanung werden sämtliche Erkenntnisse des Bootcamps einfließen. Virginie Michaels www.uni-leipzig.de/almaweb

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Fotos: Shannon Cain

UniVersum Forschung

Leipziger Bilder, die sich der Autorin eingeprägt haben.

Vom Klopfen auf Tischen I

n diese schöne Stadt auf der anderen Seite des Erdballs kam ich aus der schönen Stadt, in der ich lebe. Vom Fenster meines Apartments mit Blick über einen schönen Park hörte ich Jubelgeschrei: freudig, spontan, in plötzlichen Ausbrüchen. Es war diese Art des Geschreis, von der man hofft, sie an einem späten Samstagnachmittag aus einem öffentlichen Park zu vernehmen. Ich streifte einen Pullover über und folgte dem Sound. Eine Gruppe Amerikaner war mit einem schwedischen Spiel beschäftigt, bei dem man Holzstückchen auf andere Holzstückchen wirft. Sie gaben mir Wein in einem Plastikbecher und steckten mich in eine der Mannschaften, und ich warf ein Holzstückchen auf ein anderes Holzstückchen und schmiss es um und jubelte zur Feier auf diese schöne Stadt auf der anderen Seite unseres schönen Erdballs. An einem Donnerstagnachmittag fand ich mich in der Thomaskirche ein, als der Organist gerade probte. Die Geschichte dieses Ortes nahm mich völlig ein. Welche Schönheit diese Wände gesehen haben. Ich saß auf der Kirchenbank, schloss meine Augen und weinte. Touristen starten mich an. Nicht wissend um die Verkehrsregeln für Fahrradfahrer fuhr ich falsch und wurde beinahe von einem Auto angefahren. Mir wurde gesagt, dass die Deutschen hinterm Steuer schnell wütend werden. Dass sie ungeduldig hupen, dass sie ihre Fäuste zeigen, dich verfluchen. Auf dem Gesicht dieses Fahrers, der mich ohne Schuld fast überfahren hatte, lag ein Schrecken, ein Schock, Schuld. Erleichterung. Am Muttertag fuhr ich mit meinen Fahrrad in einen großen, erstaunlich herrlichen Park. Ich fuhr den Fluss entlang, auf und ab, fuhr rings um die Wiesen, die mit Freunden und Decken gefüllt waren. Menschen mit Hunden, Kinder auf Rollschuhen. Ich hielt an einem Biergarten an, diesem Ort, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte, diesem Ort, bei dem man an dickbäu-

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chige Männer in Lederhosen und vollbusige Kellnerinnen mit kräftigen, durch überdimensionierte Bierkrüge trainierten Oberarmen denkt. Der Tag war wunderschön. In dem weißen Pavillon spielte ein Klarinettist Duke Ellington. Kinder hopsten in einer Hüpfburg herum. Ich ging auf das glänzend weiße Klo. Auf ein kleines Regal hatte dort jemand eine frische rote Tulpe in einer weißen Keramikvase gestellt. Als ich mein erstes Seminar beendete, begannen die Studenten auf die Tische zu klopfen. Der Raum füllte sich mit dem Geräusch von auf Holz klopfenden Knöcheln, so, als ob sich eine Menschenmenge vor meiner Tür versammelt hatte und fröhlich um Einlass bat. »Was bedeutet das?«, fragte ich erschrocken. »Was tut ihr?« Sie grinsten vergnügt: Die neue Dozentin war ratlos! »Wertschätzung zeigen«, erklärten sie mir. Das Wetter bringt mich durcheinander. In der schönen Stadt, in der ich lebe, kommt der Sommer und bleibt. In dieser schönen Stadt auf der anderen Seite des Erdballs kommt der Sommer und zieht wieder ab. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich habe nur leichte Pullis und Sommerkleider mitgebracht. Ich gehe also in ein Kaufhaus, um mir einen vernünftigen Regenmantel zu kaufen und komme nach Haus mit einer protzigen Lederjacke. Das passiert mir wieder und wieder: Ich brauche Anweisungen, brauche Hilfe, brauche jemanden, der mir den Weg erklärt. »Sprechen Sie Englisch?«, frage ich: den Angestellten in der Bäckerei, den Kellner, den Studenten auf der Straße. Sie sind verlegen. Sie zucken mit den Schultern, vermeiden Blickkontakt. Ein wenig, sagen sie, fast entschuldigend, mit beunruhigten Gesichtern. Ich schmunzle, stelle meine Frage. Fließend, hilfsbereit und freigiebig antworten sie. Shannon Cain , Autorin und Picador Gastprofessorin im Sommersemester 2011; Übersetzung: Gordon Florenkowsky

Darwin und die Elfen Eine Konferenz über den unbekannten Conan Doyle eben Edgar Allan Poe gilt Arthur Conan Doyle (1859-1930) als der Vater der Detektivliteratur. Man verwechselt ihn gern mit seinem Detektiv Sherlock Holmes, so lebensnah war dieser gestaltet. Aber er wurde dem Autor auch lästig. Als er ihn schließlich in der Schweiz verschwinden ließ, trug London Trauer; zehn Jahre später musste Doyle ihn wiederauferstehen lassen. Die Leipziger Anglistik wollte sich nicht mit dem Klischee des Krimiautors zufriedengeben und widmete sich auf einer Konferenz am 20. und 21. Mai 2011 dem unbekannten Doyle: dem Kämpfer für Empire und Elfen, dem Sportler, Spiritisten und Autofan – er war der erste britische Autor, der wegen überhöhten Tempos einen Strafzettel bekam. Daneben schrieb er ein kaum ausgelotetes Werk, das historische Romane und Dokumentarwerke, Pamphlete gegen die Unterdrückung der Schwarzen im Kongo und Science Fiction umfasst. Auf der Tagung wurde beschlossen, die Erwähnung des Namens Sherlock Holmes mit einem Euro Strafgebühr zu ahnden. Die anwesenden Sherlockianer waren nicht amüsiert, das Publikum schon. Ein Schwerpunkt war Doyles bekanntestes Werk außerhalb des Holmes-Kanon, der Abenteuerroman »The Lost World« (1912). Es wurde nicht nur ein Vorbild für »Jurassic Park«, sondern auch als Film der erste, der je an Bord eines Flugzeugs gezeigt wurde. Wie kein anderer wurde der Roman vom Darwinismus geprägt. 1917 hatten zwei Mädchen angeblich Elfen fotografiert, die Öffentlichkeit war gespalten. Doyle schrieb sogleich ein Buch zu ihrer Verteidigung: »The Coming of the Fairies«. Jahrzehnte nach seinem Tod gaben sie zu, eine Fälschung fabriziert zu haben; sie hatten Sir Arthur nicht verletzen wollen. Eine Kunsthistorikerin zeigte einen neuen Rahmen auf, indem sie die Vorgänge als Teil des entstehenden Surrealismus interpretierte. Doyle, der als Arzt am Burenkrieg teilnahm, war möglicherweise der erste, der einen Roman über die Geiselnahme westlicher Touristen durch islamistische Kämpfer im Sudan schrieb – ein Vergleich zu Churchills Afrikareportage von 1899 war hier aufschlussreich. 1913 sah Doyle künftige Luftkriege voraus, wie eine phantastische Geschichte über einen Dschungel der Lüfte zeigt. Sherlock Holmes stattete dann doch der Konferenz einen Besuch ab – in Gestalt seines Widersachers Dr. Moriarty, dem berühmten Mathematiker, der in zahlreichen Zeitreisegeschichten fortlebt. Die Referenten kamen aus Schottland, Polen und Deutschland, und auch der wissenschaftliche Nachwuchs der Leipziger Anglistik war gut vertreten. Eine Doktorandin stellte abschließend den miserablen Zustand des Hauses Undershaw in Surrey vor, in dem Doyle seine wichtigsten Werke schrieb. Undershaw könnte symbolisch ste-

Foto: Wikipedia

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Sir Arthur Conan Doyle im Jahr 1913.

hen für die geringe Wertschätzung, die derzeit Doyles Werk zu Teil wird. Wegen der Popularität seines Detektivs wird er zu Unrecht für trivial gehalten. Die erwähnte Strafgebühr wurde dem Undershaw Trust gespendet. Die Vorträge werden im »Inklings Jahrbuch« erscheinen. Prof. Dr. Elmar Schenkel, Professor für Englische Literaturwisschenschaft am Institut für Anglistik

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Fotos: Swen Reichhold

UniVersum

Flyer des Career Centers zum Berufseinstiegstag.

Eine Studentin am Infostand.

Berufsorientierung im Studium Erste Karrierewoche des Career Centers kam gut an – 2.500 Interessierte

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it 2.500 Besuchern zieht das Career Center der Universität Leipzig eine positive Bilanz der ersten Karrierewoche. Unter dem Motto »Vorausschauen mit Weitblick, Orientieren mit Einblick, Starten mit Durchblick« hatten die Studierenden Anfang Mai eine Woche lang die Möglichkeit, sich rund um die Themen Praxisorientierung und Berufseinstieg zu informieren. Mit dem Ziel, Studierende dafür zu sensibilisieren, sich bereits während des Studiums auch beruflich zu orientieren und sich Perspektiven zu eröffnen, wie es nach dem Studium weitergehen könnte, bot die Woche ein vielfältiges Angebot. »An einer Universität mit überwiegend Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften, bei welchen es häufig nicht so klar definierte Berufsfelder gibt, wie zum Beispiel bei Medizinern oder Lehramtsstudierenden, ist es wichtig, Anregungen zur Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken, Schwächen und beruflichen Vorstellungen zu geben. Wir bieten dabei ein Stück weit Hilfe zur Selbsthilfe, nehmen jedoch niemandem die Verantwortung für die eigene Berufswegplanung ab«, so Prof. Dr. Claus Altmayer, Prorektor für Bildung und Internationales sowie Projektleiter des Career Centers. Insgesamt gab es an den fünf Tagen über 30 Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Info-Stände, Exkursionen und mit der Wirtschafts- und Industriekontakte Leipzig (WIKLeipzig) auch eine Absolventenmesse. Höhepunkt der Woche war der »Berufseinstiegstag«. Hier konnten die Studierenden jede Menge Fragen zur beruflichen Orientierung, zum Bewer-

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bungsprozess, zu Auslandsaufenthalten, zu freiberuflicher Arbeit oder zum Arbeitsrecht klären. BewerbungsunterlagenChecks, eine Bewerbungsfoto-Aktion und die Gelegenheit, in der Info-Lounge bei Kaffee und Kuchen mit Referenten ins Gespräch zu kommen, sorgten für ein abwechslungsreiches Programm. Außerdem haben die WIK-Leipzig, die Exkursionen zum Umweltforschungszentrum und zu den Firmen Pluspol interactive und Spreadshirt viel Raum für persönliche Gespräche mit Praktikern geboten. Großen Andrang gab es zur Podiumsdiskussion mit Personalmanagern zum Thema »Als Geisteswissenschaftler(in) in die Wirtschaft?« in der Universitätsbibliothek Albertina. Personalverantwortliche diskutierten darüber, auf welche Qualifikationen und Fähigkeiten sie bei Bewerbern besonders achten. So werden neben dem notwendigen Fachwissen Soft Skills wie Kommunikations- und Teamfähigkeit immer wichtiger. Nach ihrem ganz persönlichen Resümee gefragt, erklärt Sandra Engels-Rottleb, Politikstudentin an der Universität: »Die Angebote des Career Centers waren sehr hilfreich. Ich habe in dieser Woche wirklich viele Anregungen mitgenommen und Unsicherheiten dagelassen. Das ist doch sehr gut.« Bianca Stur www.uni-leipzig.de/careercenter

Brisante Begegnungen Ausstellung: Der SFB 586 präsentiert Ergebnisse in Hamburg*

Teil 4/6

Im Ägyptischen Museum – Georg Steindorff – der Universität Leipzig finden sich zahlreiche Objekte, die den sogenannten Pfannengräber-Leuten (Pangrave) zugeschrieben werden – eine der aufschlussreichsten Gruppen der nubischen Kulturgeschichte. Dabei handelt es sich um Nomaden, deren ursprünglicher Lebensraum wohl die östliche Wüste Nubiens war. Mit dem Ende des Mittleren Reichs (um 1700 v. Chr.) lassen sich deren temporäre Ansiedlungen in kleinen Gruppen im Niltal belegen. Als Grund für ihr Streben in das Niltal wird eine ökonomische Krise vermutet. Ihre Gräberfelder umfassen meist nicht mehr als 20 Bestattungen, die sich punktuell von Mittelägypten bis in das südliche Unternubien antreffen lassen. Die Form der Pfannengräber ist an der Oberfläche nicht oder nur durch einen kleinen Steinkreis markiert. Ihre flachen, runden Grabgruben gaben der Kultur ihren Namen.

Zeichnung: J. Helmbold-Doyé

Mit der Abschlussausstellung »Brisante Begegnungen« bietet der Sonderforschungsbereich (SFB) 586 »Differenz und Integration« ab dem 17. November 2011 im Hamburger Museum für Völkerkunde einen Einblick in seine zehnjährige Forschungsarbeit. Kuratiert wird die Exposition »Brisante Begegnungen« von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan. Am SFB 586 sind neben der Universität Leipzig die Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, das Institut für Länderkunde, das Helmholtz-Institut sowie das Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung beteiligt.

Foto: M. Wenzel

Zeugnisse von Wüsten nomaden in Leipzig

Inv.-Nr. 4223, Ägyptisches Museum Leipzig Georg Steindorff Aniba, Friedhof N, Grab 60.

Das Grabinventar zeigt die Charakteristika nomadischer Kulturen. Es umfasst zumeist nur wenige, auch im Alltag verwendete Objekte wie Keramikgefäße, Lederbehälter, Schmuck, Toilettenartikel und Steinwerkzeuge. Häufig wurden Bukranien (Tierschädel) im Kreis um das Grab herum oder in separaten Gruben abgelegt. Die zuvor entfleischten Bukranien wurden vielfach mit ornamentalen Mustern in rot, schwarz und weiß dekoriert. Die Zusammensetzung dieser Depots ist nahezu konstant: zirka 75 Prozent Ziegen, 20 Prozent Schafe und fünf Prozent Rinder – ein Verhältnis, das in etwa die Mischung der realen Herden widerspiegeln dürfte. Im Zuge der geplanten Ausstellung werden in enger Zusammenarbeit mit dem Ägyptischen Museum einige dieser Objekte zu besichtigen sein. So findet sich unter den Stücken auch ein Tonnapf (Höhe 12,2 cm; ∅16 cm), der in dem nubischen Ort Aniba, zirka 230 Kilometer südlich von Assuan, bereits 1914 von Georg Steindorff im Nordfriedhof gefunden wurde. Dieser lag zusammen

* Kuratiert von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan

mit weiteren Beigaben, wie Keramikgefäßen und Schmuck, in dem einfachen Grubengrab Nr. 60. Es handelt sich um ein typisches Artefakt der Pangrave-Kultur, das aus Nilton handgefertigt und in einer offenen Grube gebrannt wurde. Durch Oxydationsund Reduktionsvorgänge während des Brennens sind die Innenseite und der äußere Rand geschwärzt, die sonstige Oberfläche auf der Außenseite ist hingegen in einem dunklen Rot gestaltet. Vor dem Brand wurde in die Randaußenseite ein Muster eingeritzt, das aus Diagonalen besteht. Die glänzende Oberfläche ist das Resultat der Politur des Gefäßes mit einem Kiesel. Jana Helmbold-Doyé und Anne Seiler, Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im DFG-Projekt »Das Gräberfeld S/SA in Aniba: Strukturen und Realitäten der ägyptischen Präsenz in Unternubien vom Mittleren Reich bis in die Dritte Zwischenzeit« (Universität Leipzig/Humboldt-Universität zu Berlin)

Gefördert von

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Foto: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V./A. Friese

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Lesendes blindes Mädchen.

Wissen und Teilhabe für blinde Menschen Im September findet der Weltkongress zur Blindenschrift »Braille21« statt

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ugänglicher, bezahlbarer, sichtbarer – so soll die Zukunft der Brailleschrift aussehen: Mit diesem Ziel lädt die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) in Kooperation mit der Universität Leipzig zum »Braille-Tag in Deutschland« (27.9.2011) sowie anschließend zum Weltkongress »Braille21« (28.-30.9.2011) auf den Campus am Augustusplatz ein. Thema der Veranstaltung, an der sich der Fachbereich Buchwissenschaft (Prof. Dr. Siegfried Lokatis) des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik (Dr. Friederike Beyer) des Instituts für Förderpädagogik beteiligen, sind die Chancen und Herausforderungen der Punktschrift heute und in der Zukunft. Schirmherrin des Projekts ist Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Weltkongress Braille21 Das Kongressprogramm eröffnet Dr. Judith Dixon. Die Amerikanerin besitzt als Referentin für Kundenbeziehungen beim »National Library Service for the Blind and Physically Handicapped« in Washington umfangreiches Wissen über die Brailleschrift und Bibliotheken für blinde und sehbehinderte Menschen. In ihrem Vortrag wird Judith Dixon über die Chancen und Herausforderungen von Bibliotheken und Bildungsträgern für blinde Menschen sprechen. Essentiell ist dabei ihre Vision, dass für alle blinden Menschen jedes Buch zu jeder Zeit verfügbar sein soll. Seit ihrer Erfindung ist die Brailleschrift unersetzbar für Bildung, Berufstätigkeit und gesellschaftliche Teilhabe blinder Menschen. Zu Beginn konnte sie lediglich manuell hergestellt werden. Heute, im digitalen Zeitalter, wird an den Computer eine Braille-Zeile angeschlossen. Und auch die Übertragung größerer Texte für Bücher und Zeitschriften erfolgt compu-

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tergestützt. »Braille21« wird sich innovativ und kritisch mit den Entwicklungen der Brailleschrift im 21. Jahrhundert auseinandersetzen, damit sie heute und zukünftig ein lebendiges Medium bleibt. Der internationale Kongress bietet für die Teilnehmer ein einzigartiges Forum zum Austausch und zur Diskussion. Fachexperten aus über 30 Ländern werden referieren. So entstehen neue Forschungsprojekte; Initiativen werden gestartet und Synergien erzeugt. Braille-Tag in Deutschland »Braille21« ist nicht nur ein Fachkongress zur Brailleschrift. Anwender und Interessierte sind eingeladen, am 27. September den »Braille-Tag in Deutschland« zu erleben. Das Programm umfasst Vorträge, Einsteiger-Workshops und zahlreiche Mitmachaktionen – sowohl zum Reinschnuppern als auch für Experten. Ein besonderes Highlight ist der Erlebnisgang der Christoffel-Blindenmission auf dem Augustusplatz, der Blindheit für sehende Menschen erfahrbar macht. Interessierte können sich außerdem an einer Punktschriftschreibmaschine selbst ausprobieren und an der Station »Mein Lieblingstext in Braille« verstehen, wie die Schrift der Sehenden in die Blindenschrift umgewandelt wird. Die Abschlussveranstaltung »Braille goes Germany« beschließt den Tag mit einer abwechslungsreichen Show, die spannende Inhalte zur Brailleschrift in Ausbildung, Beruf und Freizeit verspricht. Jenni Schwan, Michael Wallies www.braille21.net www.dzb.de

»Gender-Kritik«-Reihe auf der Zielgeraden Abschlussveranstaltungen zur Leipziger Christopher-Street-Day-Woche und zu Alltagssexismen m fünften Jahr Geschlecht an der Universität Leipzig diskutieren: Mit diesem Anspruch und Ziel kann das Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (FraGes) im Sommersemester 2011 mit der transdisziplinären Vortragsreihe »Gender-Kritik« erneut aufwarten. Bereits innerhalb der seit 2007 erfolgreichen Durchführungen der Reihe bezeugte uns ein reges Publikumsinteresse, dass es lohnenswert ist, die interdisziplinäre Geschlechterforschung stetig an der Universität Leipzig voranzutreiben. Seit seiner Gründung 2001 sieht sich das FraGes als universitärer Bestandteil differenzierter Forschung und akademischer Lehre. Gegenwärtig fokussiert sich der Blick auf die »GenderKritik«-Reihe, die im April startete und im Zwei-Wochen-Takt noch bis zum 14. Juli die Köpfe interessierter Geschlechterforscher sowie zu weiterführenden Diskussion anregen möchte. In der Eingangssitzung luden wir zusammen mit Filmwissenschaftler und Queertheoretiker Tim Stüttgen mit seinem Thema »Post Porn Politics« zu einem spannenden und noch recht jungen Bereich der Queer-Theory ein. Stüttgen veranstaltete auf diesem Gebiet 2006 bereits das gleichnamige Symposium, welches 2010 auch als Reader erschien. In seinem Beitrag theoretisierte er queere Pornographie und Sexarbeit als subkulturelle Phänomena einer alternativen Produktion von Vorstellungen von Subjektivität, Körperartikulation und Sexualität. Im Mai referierte die lesbisch-feministische Polyamorie– Aktivistin Gwendolin Altenhöfer. Die Ethnologin und Mitherausgeberin der »Krake« stellte in Erweiterung der »GenderKritik«-Sitzung mit Robin Bauer und Gesa Mayer im April dezidiert lebenspraktische Perspektiven nicht-monogamer Lebens-, Liebes- und Beziehungsformen vor. Die enorme Publikumsresonanz bei beiden Sitzungen lässt vermuten, dass der Bereich der Heteronormativitätskritik verstärkt auch von einer kritischen Auseinandersetzung mit Mononormativtät ergänzt wird. Der gesellschaftlich tabuisierten und medizinisch problematisierten Thematik um geschlechtliche Uneindeutigkeit widmete sich der im Mai gezeigte Film »Intersexuell – zwischen den Geschlechtern. Von der Schwierigkeit weder Mann noch Frau zu sein« von Thorsten Niemann (2002). In der anschließenden Diskussion wurde die Brisanz der Situation intergeschlechtlicher Menschen weiterführend erörtert.

Foto: Stefan Hopp

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Referentin Gwendolin Altenhöfer zur zweiten Gender-Kritik Sitzung Anfang Mai 2011.

Mitte Juni reisten wir »[...] ins Europa der Geschlechtsbestimmer« und erörterten gemeinsam mit Max Schochow »Geschlechterdiskurse im 18. Jahrhundert«. Pünktlich zur FiFa Frauen-Weltmeisterschaft griff die Sportsoziologin Petra Tzschoppe Ende Juni den aktuellen Diskussionsstand zur Geschlechterordnung im Sport auf und ging auf Beispiele von Normierung und Diskriminierung im Sport (»Du kickst ja wie ein Mädchen.«) ein. Veranstaltungstipps: Anlässlich der Leipziger ChristopherStreet-Day-Woche vom 2. bis 9. Juli 2011 veranstalten wir am 7. Juli in Kooperation mit dem Gleichstellungsbeauftragten und dem Referat für Gleichbestellung und Lebensweisenpolitik des StudentInnenrates der Universität Leipzig eine Podiumsdiskussion zum Thema »Quo Vadis Community? Rein in die Szene oder Rückzug ins Private?«. Der diesjährige Abschlussvortrag am 14. Juli wird von Marion Gemende gehalten und nimmt »Alltagssexismen im Kontext von Migration, Geschlecht und Gleichstellung« in die Kontroverse. Wann: 19 bis 21 Uhr; Wo: Hörsaal 2010, Geisteswissenschaftliches Zentrum (GWZ), Beethovenstraße 15. Britta Borrego und Uta Beyer www.uni-leipzig.de/~frages/

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Studentenwerk Leipzig feiert 20-jähriges Bestehen

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as Studentenwerk Leipzig, zuständig für die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Betreuung der rund 37.000 Studierenden am Hochschulstandort Leipzig, ist am 1. Juli 2011 zwanzig Jahre alt geworden. Das Studentenwerk Leipzig hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem erfolgreichen Dienstleister entwickelt, bei dem der soziale Auftrag – die Studierenden der sieben Leipziger Hochschulen bei einem erfolgreichen Studium zu unterstützen – im Vordergrund steht. Es gestaltet mit vielfältigen Angeboten den Alltag der Studierenden mit. Neben den Hauptarbeitsbereichen Studentisches Wohnen, Verpflegung in Mensen und Cafeterien und Ausbildungsförderung nach dem BAföG-Gesetz bietet die Einrichtung auch verschiedenste Beratungs- und Serviceleistungen an. Dazu gehören Angebote zur psychologischen Beratung, die Rechtsberatung, eine Jobvermittlung und nicht zuletzt die Sozialberatung. Die Betreuung spezieller Studierendengruppen – dazu gehören Studierende mit einer Behinderung, ausländische Studierende und Studierende mit Kind – ist ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich des Studentenwerkes. Leistungen wie das Semesterticket, die finanzielle Unterstützung von Kulturprojekten sowie der Betrieb von Kindereinrichtungen sind ebenfalls Bestandteil der langen Liste an Angeboten. »Die Studierenden sind nicht nur unsere Kunden, sondern unsere Partner, indem sie die Inhalte unserer Arbeit mit-

gestalten«, sagt Dr. Andrea Diekhof, Geschäftsführerin des Studentenwerkes Leipzig. Dies sei unter anderem durch den Verwaltungsrat gewährleistet, dem Aufsichtsgremium des Studentenwerkes, das zur Hälfte aus Studierenden besteht und derzeit einen studentischen Vorsitzenden hat. »Auch wenn das Studentenwerk Leipzig einen hohen Anteil seiner Mittel selbst erwirtschaftet, werden doch einige Angebote, wie beispielsweise die Sozialberatung, direkt über den Semesterbeitrag der Studierenden finanziert«, so Diekhof weiter. »Nur für das Mensaessen erhält das Studentenwerk noch finanzielle Mittel vom Freistaat – 2011 insgesamt 1,5 Millionen. Euro. Aber auch hier ist der studentische Anteil an der Grundfinanzierung aufgrund der stark gesunkenen Landeszuschüsse inzwischen sehr hoch.« In den Mensen des Studentenwerkes werden täglich rund 10.000 Essen gekocht, daneben vermietet das Studentenwerk mehr als 5.000 vollständig sanierte Wohnheimplätze. Das zuletzt dazu gekommene Wohnheim in der Talstraße 12a wurde am 6. Juni 2011 offiziell übergeben. Die Sanierung des 1890 erbauten, denkmalgeschützten Gebäudes in Zentrumsnähe erfolgte komplett aus Eigenmitteln des Studentenwerkes. Auch die Mensa Jahnallee steht nach zwei Jahren des Umbaus und der grundlegenden Sanierung kurz vor der Wiedereröffnung, die voraussichtlich Mitte Juli stattfindet. Angela Hölzel

Gedenken an die Universitätskirche m 30. Mai jährte sich zum 43. Mal die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli. Aus diesem Anlass hatten die Rektorin Prof. Dr. Beate A. Schücking und der Erste Universitätsprediger Prof. Dr. Rüdiger Lux zu einer Gedenkveranstaltung in das Leibnizforum im Innenhof des Campus Augustusplatz eingeladen. »Von Wunden in Herzen und Hirnen« durch die Sprengung der Kirche im Jahr 1968 sprach der Erste Universitätsprediger, nachdem die Rektorin betont hatte, dass sie schon nach kurzer Zeit in Leipzig sehr wohl verstanden habe, wie wichtig die Erinnerung an die Paulinerkirche für Leipzig und die Alma mater sei. Die Sprengung der Kirche sei nicht nur ein schändlicher Akt der Machtdemonstration gewesen, damit sei es um die Beseitigung der letzten Bastion einer bürgerlichen Bildungskultur gegangen, so Lux weiter. »Die Kanzel der Paulinerkirche war der letzte Ort der öffentlichen freien Rede«, betonte er. Erst an dem Tag, an dem Leipzigs Universitätsgebäude-Ensemble am Augustusplatz fertig gebaut sei, würden auch die Wunden der Vergangenheit geheilt sein. Lux stellt sich den Neubau als Forum des Trialogs für Wissenschaft, Kunst und Religion, in dem keiner für sich allein das Sagen haben soll, vor. Das neue

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Foto: Manuela Rutsatz

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Ansprache von Prof. Dr. Rüdiger Lux, Erster Universitätsprediger.

Hauptgebäude der Universität wird zu Beginn des Sommersemesters 2012 bezugsfertig, das Paulinum wird noch etwas länger dauern. KH

Mit Eigeninitiative und Verantwortung in die PR-Branche m Jahr 1994 wurde in Leipzig der bundesweit erste Universitätslehrstuhl für Public Relations (PR) eingerichtet. Zahlreiche Auszeichnungen belegen, dass sich Leipzig als Standort für Wissenschaft und Ausbildung im Bereich Kommunikationsmanagement/PR einen Namen gemacht hat. Fester Bestandteil dessen ist der LPRS (Leipziger Public Relations Studenten e.V.). 2004 gründeten sieben Studierende des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig den LPRS mit dem Ziel, eine praxisnahe Ergänzung zum Studienangebot zu schaffen und einen Beitrag zur optimalen Hochschulausbildung zu leisten. In dem ständig wachsenden Verein gilt bis heute der Leitgedanke: »Mehr wissen, mehr kennen, mehr können.« Bei Veranstaltungen werden eigene Netzwerke mit PR-Fachleuten aufgebaut und gepflegt. Vereinsmitglieder lernen von deren Expertise und Erfahrung und überzeugen sie von der Qualität der Leipziger PR-Lehre. »Der LPRS trägt als eine äußerst aktive studentische Vereinigung, die sich auch vorbildlich um die Alumni-Arbeit kümmert, viel zum fruchtbaren Zusammenhang von Wissenschaft und Kommunikationspraxis bei. Er hat viel dafür getan, das Netzwerk zwischen Universität und Praxis am Leben zu erhalten und immer wieder neu zu beleben«, äußert sich Prof. Dr. Günter Bentele, Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Öffentlichkeitsarbeit/Public Relations, über den Verein. Die Vereinsarbeit lebt von den Ideen der Mitglieder. Jeder kann sich einbringen, ausprobieren und viele neue Erfahrungen sammeln: Pressemitteilungen schreiben, Newsletter und Broschüren konzipieren und realisieren sowie verschiedene Veranstaltungen planen, organisieren, durchführen und evaluieren. Außerdem liegt es an den Mitgliedern, den Verein strategisch zu führen sowie Fördergelder zu akquirieren. So erwerben die aktiven Mitglieder neue Kompetenzen und können diese ausbauen. Der Höhepunkt jedes Vereinsjahres ist das »LPRS>>Forum«, zu dem Studierende, Alumni, Wissenschaftler und hochkarätige Branchenvertreter zu einer Podiumsdiskussion mit einem aktuellen Thema des Kommunikationssektors geladen werden. Im April diesen Jahres diskutierten Wolfgang Tiefensee (MdB), Elisabeth Schick (Leiterin Unternehmenskommunikation, BASF SE), Jens Jessen (Ressortleiter Feuilleton, Die Zeit) und Friedhelm Hengsbach (Sozialethiker) zum Thema: »Einstimmig dafür. Mehrheitlich dagegen. Kommunikation im Konflikt mit der Gesellschaft«. Die PR-Ausbildung an der Universität Leipzig hat zahlreiche Absolventen hervorgebracht. Heute sind in vielen namhaften Agenturen, Unternehmen, Verbänden und Non-governmental

Foto: Tobias Tanzyna

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Elisabeth Schick (Leiterin Unternehmenskommunikation, BASF SE), Jens Jessen (Ressortleiter Feuilleton, DIE ZEIT), Peggy Hoy (Moderatorin und LPRS-Alumna), Friedhelm Hengsbach (Sozialethiker) und Wolfgang Tiefensee (MdB) auf dem 6. LPRS>>Forum (v.l.n.r.).

organizations (NGOs) Leipziger PR-Alumni anzutreffen. Der LPRS bringt sie beispielsweise beim jährlichen Treffen wieder zusammen und ermöglicht ihnen den Austausch untereinander und mit Studierenden. Aus den sieben studentischen Gründern ist ein lebendiger Verein mit rund 150 Mitgliedern geworden. Unterstützt wird der LPRS durch branchenbekannte Beiräte und Förderer. Kreativität, außeruniversitäres Engagement, Fachwissen und die interdisziplinäre Denkweise der Mitglieder werden auch zukünftig den Verein prägen. Interessierte Studierende sind jederzeit willkommen. Judith Krause, Mitglied im LPRS e.V. und Studentin im Master Communication Management www.lprs.de

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Foto: Swen Reichhold

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Sechs sportliche Schwerpunkte A

uf dem Campus Jahnallee befindet sich die sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig. Etwa 1.300 Studierende lernen und forschen dort an sechs Instituten, die sich interdisziplinär mit Themen rund um den Sport beschäftigen. »Die Lehr- und Forschungsgebiete der Professuren erstrecken sich von der Bewegungs- und Trainingswissenschaft über den Gesundheitssport und Public Health, die Sportbiomechanik, das Sportmanagement, die Sportmedizin und Prävention, die Sportpädagogik, die Sportphilosophie und -geschichte, die Sportpsychologie bis zu Sport und Umwelt«, erklärt Prof. Dr. Ulrich Hartmann, Leiter des Instituts für Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportarten II. Wer zu uns kommt, um Sportwissenschaften zu studieren, wird theoretisch und praktisch umfassend ausgebildet. Um sportpraktische Inhalte zu vermitteln, besitzt die Fakultät zahlreiche Einrichtungen: Hallen für verschiedene Spielsportarten, Geräteturnen, Fechten, Gymnastik, Judo, Boxen, Fitness und Kraftübungen. Außerdem gibt es eine Leichtathletikanlage, eine eigene Schwimmhalle mit angrenzendem Schwimmkanal sowie Anlagen für den Wasserfahrsport, Rudern beispielsweise. Für eine effiziente Forschung gibt es Labore, etwa für Biomechanik, Sportpsychologie und Gesundheitssport. Neu hinzu kommen wird ein humanphysiologisches Labor für die Trainings- und Leistungsdiagnostik. Die Forschungsaktivitäten und -schwerpunkte der Sportwissenschaftlichen Fakultät sind sehr vielfältig und reichen von grundlagen- und anwendungsorientierten, sportartspezifischen Ansätzen bis zu interdisziplinären und internationalen Projekten in unterschiedlichen Teildisziplinen mit zum Teil interessanten Anknüpfungspunkten zu den profilbildenden Forschungsbereichen der Universität Leipzig. Eine wichtige Maxime ist die Effektsteigerung von und durch Sport beziehungsweise körperliche Bewegung – sei es im Bereich Rehabilitation, Unterricht an Schulen oder auch im Bereich Training und Leistungssport. »Sport ist eben nicht nur die Ertüchtigung selbst, Sport hängt genauer betrachtet mit psychischer Motivation, mit physiologischen Vorgängen im Körper, mit Biomechanik der Muskeln und des Skeletts, mit Gesundheit und Krankheit, mit Lernen, Wirtschaft, Freizeit und mit kulturellen und Umweltaspekten zusammen«, erklärt Hartmann. »Das alles beforschen und lehren wir.« Eine Juniorprofessur widmet sich zum Beispiel der Interaktion von Sport und Umwelt, etwa wie Landschaftsschonung trotz Expansion von Wintersportgebieten gelingen kann. Andere Bereiche beschäftigen sich damit, wie Bewegungsabläufe verschiedenster Sportarten im Detail funktionieren und wie diese am besten analysiert und optimiert werden können. So können die Wissenschaftler beispielsweise verschiedene Gangstile analysieren, um herauszufinden, »was da schief läuft«, um zu korrigieren.

Hartmann selbst ist seit Jahren im Leistungssport tätig. Als ausgebildeter Biologe und Sportwissenschaftler forscht, entwickelt, lehrt und verbessert er Trainingsanwendungen und -methoden auch für den Spitzensport. Durch wettkampfbegleitende Stoffwechseluntersuchungen und entsprechende Trainingsanpassungen versucht er unter anderem, die Athleten zu einer höheren Leistungsfähigkeit zu führen. China, wo er mehrere Gastprofessuren wahrnimmt, ist eines seiner nächsten Reiseziele, später im Jahr steht in Brasilien eine Fortbildung von wissenschaftlichem Personal zur Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro an. So vielfältig und international wie die Forschung und Lehre der Fakultät sind auch die späteren Tätigkeitsfelder der Absolventen. Ein Großteil, etwa ein Viertel aller Studierenden, wird Sportlehrer(in), ein weiteres Viertel wird im Bereich Fitness, Prävention und Rehabilitation tätig. Die Anderen finden ihren Weg im Leistungssport, in der Sportartikelindustrie, in der Forschung oder auch im Sportmanagement. Sandra Hasse

Die sportwissenschaftliche Forschung in Leipzig blickt auf eine über 100-jährige Tradition zurück. Das erste Sportinstitut der Universität entstand im Jahr 1906 und war stark praxisorientiert ausgerichtet. Erst im Jahr 1925 kam mit der ersten deutschen Professur für Sportwissenschaften, der Professur für Didaktik der Leibesübungen, eine intensive Forschungsarbeit und das Promotions- und Habilitationsrecht hinzu. An der 1950 gegründeten Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) wurden in der Zeitspanne bis 1990 etwa 18.000 Sportlehrer und Trainer für verschiedenste Tätigkeitsfelder ausgebildet. Die Sportwissenschaftliche Fakultät wurde 1993 neu gegründet. Heute gibt es sechs Institute – Allgemeine Bewegungs- und Trainingswissenschaft und die beiden Institute für Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportarten I und II, Gesundheitssport und Public Health, Sportmedizin und Prävention, Sportpsychologie und Sportpädagogik. Sie alle arbeiten regional, national und zum Teil international mit anderen Forschungseinrichtungen, Schulen und auch Sportverbänden zusammen – zum Beispiel mit dem Olympiastützpunkt Leipzig und dem Deutschen Turner-Bund.

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Auf dem Weg zu mehr Schnelligkeit Leipziger Wissenschaftler entwickeln mit einem weltweit einzigartigen Forschungsprojekt erstmalig ein klares Anforderungsprofil im Mädchen- und Frauenfußball

Auch eine Blutentnahme im 15-Minuten-Takt während der 90-minütigen Großuntersuchung, hier durchgeführt von Trainingswissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Hartmann, ließen die Damen der ersten und zweiten Mannschaft vom 1. FC Lokomotive Leipzig im Dienste der Wissenschaft bereitwillig über sich ergehen.

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rauenfußball kann noch schneller werden, davon sind Wissenschaftler der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig überzeugt. Wie das gehen könnte, untersucht Nachwuchswissenschaftlerin Vanessa Martinez Lagunas in ihrer Doktorarbeit. Seit 2008 absolviert die ambitionierte Mexikanerin ihr Promotionsstudium in Leipzig und forscht am Institut für Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportarten II. Der Schwerpunkt der 29-Jährigen liegt auf Untersuchungen zur Entwicklung eines physiologischen Anforderungsprofils im Frauenfußball. Ihren Aufenthalt finanziert sie sich durch ein Stipendium der mexikanischen Organisation CONACYT, die dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) vergleichbar ist. Neben ihrer Tätigkeit an der Uni arbeitet sie zudem sehr engagiert in der FIFA-Trainerausbildung des Frauen- und Mädchenfußballs sowie als Assistenz-Trainerin beim DFB (U17/U16, Juniorinnen). Zum Zeitpunkt des Interviews war Martinez Lagunas zu einem Fußballlehrer-Lehrgang außerhalb Leipzigs unterwegs. Auf dem internationalen »World Congress on Science & Football 2011« in Nagoya, Japan, hat sie mit ihrem Forschungsthema kürzlich den 1. Preis für den besten Beitrag gewonnen. Zum Fußballfrauentraining liegen weltweit keine wissenschaftlichen Ergebnisse aus Analysen von Atemtechnik, Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe, Herzfrequenz oder Laufwegen vor. »Ein physiologisches und konventionelles Anforderungsprofil im Frauenfußball ist gar nicht vorhanden. Höchste Zeit, das zu ändern«, dachte auch Prof. Dr. Ulrich Hartmann, Direktor des Instituts für Bewegungs- und Trainingswissenschaft II, der mit großem Interesse Martinez Lagunas‘ Promotion, die im Sommer 2012 fertig werden soll, betreut. Möglich wurde diese erst durch die gestiegene Popularität des Frauenfußballs in den letzten Jahren. »Mit unseren Untersuchungen sind wir international die Ersten und hoffen, mit den Ergebnissen die körperlichen Reserven der Spielerinnen zukünftig richtig aktivieren und nutzen zu können«, sagt er. Zur Erkenntnisgewinnung dienten dabei unter anderem auch neueste technische Methoden wie GPS, um Laufwege nachzuvollziehen und zu messen, welche Kilometerzahl eine Spielerin im Verlauf eines Spiels zurücklegt. Martinez Lagunas, die von 1999 bis 2004 mexikanische Fußballnationalspielerin war und heute noch beim 1. FC Lokomotive Leipzig als Trainerin aktiv ist, hat ihre Probandinnen, die Erst-

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Die ehemalige mexikanische Nationalspielerin Vanessa Martinez Lagunas, die sich auch in der Sportwissenschaft mit Leidenschaft ihrer Fußballliebe widmet, überprüft bei einer Probandin den korrekten Sitz des Atemgas-Analysegeräts.

und Drittliga-Kickerinnen von Lok, für Ihre Feldforschungen schnell gewinnen können. Für die 90-minütige Großuntersuchung im August letzten Jahres verkabelt und mit einem sogenannten Spirometer (Atemgas-Analysegerät) sowie Puls- und Herzfrequenzmesser ausgestattet war auch Elisabeth Hohmann von der zweiten Mannschaft. Trotzdem, dass die kostbare Technik beim Spielen ein kleines bisschen hinderte, gab sie alles für den Belastungstest. »So habe ich auch für mich persönlich herausgefunden, wo ich noch abrufbares Leistungspotential habe«, sagt die 24-Jährige, die drei Mal pro Woche trainiert, selbst Sportwissenschaften studiert und derzeit an ihrer Diplomarbeit im Zusammenhang mit ’der Qualität von GPSMesssystemen schreibt. »Ich fand die ganze Prozedur im Feldversuch ganz klasse, sie hat mein wissenschaftliches Interesse im Sportbereich auf jeden Fall noch verstärkt«, schwärmt sie. Zum 1. FC Lok wechselte die gebürtige Eisenacherin im Jahr 2009, um ihre Leistungen zu steigern und eine neue Herausfor-

Fotos: Swen Reichhold

Die Spielerinnen, auf dem Foto ist Elisabeth Hohmann bereits ausgestattet, trugen für die Felduntersuchung ein sogenanntes Spirometer, das Parameter des Gasstoffwechsels überträgt. Die Datenlogger zum Speichern der ermittelten Werte hatten die Fußballerinnen in einem flachen Mini-Neoprenrucksack auf dem Rücken, im T-Shirt war ein GPS-Sender versteckt, der die Laufwege und Geschwindigkeiten aufzeichnete.

derung zu suchen. Das »Miteinander im Mannschaftssport und das sich gegenseitige Mitziehen« habe sie schon von Beginn an begeistert und zum Fußball gebracht. Heute findet sie: »Beim Frauenfußball ist der sportliche Aspekt noch sehr viel größer als bei den Männern, da er weniger kommerzialisiert ist. Wenn ich sehe, wie hart gekämpft wird, ist das ein großes sportliches Aushängeschild. Der männliche Körper bringt zwar günstigere Voraussetzungen mit sich, aber in Eleganz und Technik stehen wir in nichts nach.« Und die Zuschauerzahlen seien, gerade in Deutschland, sehr gestiegen, was auch gut sei für die derzeit hier laufende Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Die Resultate des von Martinez Lagunas über einen Zeitraum von zwei Jahren intensiv vorbereiteten Forschungsprojekts »können generell ein effizienteres und individualisiertes Konditionstraining befördern«, ist Hartmann überzeugt, der als Professor der TU München in Kooperation mit dem FC Bayern München in der Vergangenheit bereits mehrere Projekte

zur Talentsuche im Fußball leitete. »Wir haben die gängigen Tests zur Leistungsdiagnostik bei Fußballerinnen, die bislang nur auf dem Laufband im Labor stattgefunden haben, in Frage gestellt und neue Verfahren im Feld angewandt«, erklärt der 58-Jährige weiter, der sich schwerpunktmäßig mit Leistungsphysiologie und -diagnostik und muskulärer Anpassung auch in den Sportarten Rudern, Eislaufen, Leichtathletik und Kampfsportarten beschäftigt und in Kooperation mit verschiedenen Sportverbänden arbeitet. »Die Messungen mittels Spirometrie lassen nun beispielsweise auch Rückschlüsse auf die Art und Weise des Energiestoffwechsels zu.« Für die Zukunft wünscht sich der Sportwissenschaftler aber nicht nur noch schnelleren Frauenfußball auf der Grundlage der Leipziger Studie, sondern auch noch mehr Offenheit seiner im Leistungssport traditionsreichen Fakultät gegenüber internationalen Forschungsprojekten und Kooperationen. Katrin Henneberg journal Universität Leipzig 4/2011

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Foto: Karin Kranich

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»Kommerzielle Veranstaltungen müssen nicht gebührenfinanziert werden« Prof. Dr. Christoph Degenhart

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portliche Großereignisse sind stark kommerzialisiert und werden auch durch die Medien gewinnbringend vermarktet. Dass sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten stets erfolgreich um wichtige Sportübertragungsrechte bemühen, wird vom Verband Privater Rundfunk und Telemedien e.V. (VPRT) stark kritisiert – jüngst nach dem Kauf des Fußball-Länderspiel-Pakets der ARD für geschätzte 175 Millionen Euro, zu dem neben den Begegnungen der Frauen-Nationalmannschaft auch die der Frauen-Bundesliga und die Spiele der 3. Liga gehören. Der VPRT verurteilt eine zu expansive Ausweitung der Sportberichterstattung, welcher die Privaten bedroht, denn die Übertragungsrechte von Fußball-Länderspielen gehören in Deutschland zu den wichtigsten Fernsehrechten überhaupt. Nachdem sich das ZDF erst vor wenigen Monaten die Champions League gesichert hat, haben Privatsender wie RTL oder Sat1 nur noch die Chance auf die Rechte für die Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft zur EM 2016. National kommen bald die begehrten Rechte für Pokal und Bundesliga auf den Markt. Die Journal-Redaktion hat Prof. Dr. Christoph Degenhart, Direktor des Instituts für Rundfunkrecht der Juristenfakultät, ehemaliges Mitglied des Medienrats der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien und Richter am Sächsischen Verfassungsgerichtshof Mitglied um seine Expertenmeinung zu den Vorwürfen des VPRT gegenüber ARD und ZDF gebeten. Frage: Inwiefern halten Sie die Kritik des VPRT für gerechtfertigt respektive haltlos? Prof. Dr. Christoph Degenhart: Mir scheint sie im Grundsatz berechtigt. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten finanzieren sich durch Gebührengelder, die zwangsweise erhoben werden. Ab 2013 muss voraussichtlich jeder Gebühren zahlen, auch wenn er gar nicht Fernsehen schaut. Das heißt aber: Die Beitragserhebung muss durch die Leistung gerechtfertigt sein, die ARD und ZDF für die Allgemeinheit erbringen.. Dabei ist die Frage, was die Anstalten erbringen müssen. Das

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entscheidende Problem hierbei ist: Das Bundesverfassungsgericht sagt zu Recht, dass Leistungen erbracht werden müssen, die die Privaten so nicht leisten können, weil sie auf Werbung angewiesen sind. Deshalb gibt es den im Grundsatz berechtigten Einwand gegen Übertragungen des Spitzensports wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele in ARD und ZDF. Dies sind kommerzielle Veranstaltungen, die nicht unbedingt durch Gebührengelder finanziert werden müssen, zumal das bisher – zumindest in der Champions League oder beim Boxer – auch private Sender geleistet haben. Ein zweiter entscheidender Einwand: Es werden etwa in der Fußballbundesliga horrende Summen umgesetzt und Gehälter jenseits von gut und böse gezahlt. Kann es Aufgabe von ARD und ZDF sein, dies mit Gebührengeldern zu subventionieren ? Warum bestehen ARD und ZDF auf die teuren Sportübertragungsrechte? Sie argumentieren damit, dass sie in allen Bevölkerungsschichten wahrgenommen werden müssten, wozu sie auch diese massenattraktiven Angebote bräuchten.

Nun redet der VPRT von einer wirtschaftlichen Bedrohung und der Gefahr der Monopolbildung, die das Verhalten der Öffentlich-Rechtlichen mit sich bringe, da Werbeeinnahmen in entsprechenden Größenordnungen von den Privaten nicht erzielt werden könnten. Sehen sie auch diese Gefahren? Dass das wirklich eine wirtschaftliche Bedrohung der Privaten oder aktuell die Gefahr der Monopolbildung bedeutet, daran habe ich meine Zweifel, kann das aber langfristig auch nicht ausschließen, aber klappern gehört natürlich auch zum Handwerk. Die Privaten müssen sich ebenfalls dem Wettbewerb stellen. Aber wenn sich die andere Seite eben Gebühren bequem refinanzieren kann, ist das kein Wettbewerb zu gleichen Bedingungen.

Zahlen ARD und ZDF dadurch, dass Sie die Privaten überbieten müssen, unverhältnismäßig viel Geld für Sportübertragungsrechte? Das wird bestritten, aber wenn mehrere Bieter vorhanden sind, treiben die Gesetze des Marktes den Preis üblicherweise in die Höhe.

Kann der Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen solche teuren Einkäufe rechtfertigen? ARD und ZDF sehen die rechtliche Grundlage in ihrem Programmauftrag. Ob dieser so weit reicht, bezweifle ich. Es kommt meines Erachtens darauf an, dass dem Publikum überhaupt bestimmte Inhalte geboten werden. Aber ob ein Fußballspiel nun bei der ARD läuft oder auf Sat1, ist dem Zuschauer eigentlich egal, solange es im Free-TV ist. Beim Poker um Pokal und Bundesliga gehören ARD/ZDF wieder zu den Favoriten. Woher rührt das? Einerseits sind die Anstalten zahlungskräftig, da sie sich durch Gebühren refinanzieren können. Andererseits ist über die Jahrzehnte auch ein Beziehungsgeflecht etwa mit dem

Deutschen Fußball-Bund (DFB) entstanden, in dem die Beteiligten ja in multiplen Rollen agieren: So war zum Beispiel Günter Netzer, ein ehemaliger Profi, der auch beim Rechtehandel mitmischt, lange Zeit in maßgeblicher Stellung im öffentlichrechtlichen Fernsehen tätig, als eine Art Co-Moderator und sogenannter Experte. Die Öffentlich-Rechtlichen werden auch für ihre Expansion im Internet seit Jahren scharf kritisiert. Daran konnte der 2009 in Kraft getretene 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, der die rechtlichen Grundlagen präzisieren sollte, nicht viel ändern. Ist vor diesem Hintergrund die Gebühr für alle, welche Expansionen unterstützt, überhaupt gerechtfertigt? Das sehe ich kritisch. Im Internet fühlt sich ja vor allem auch die Presse, die hier versucht Gewinne zu erzielen und auch erzielen muss, weil sie eben nicht auf Gebühren zurückgreifen kann, an den Rand gedrängt. Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview führte Katrin Henneberg.

»Sport ist das wirksamste Medikament« G

ewichte stemmen oder Langstrecke laufen – was lässt Bauchfett am effektivsten schmelzen? Um diese Frage geht es im Forschungsprojekt von Prof. Dr. Matthias Blüher, Experte für krankhaftes Übergewicht am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig. Für die ersten zehn freiwilligen Testpersonen hat das Training vor einigen Wochen bereits begonnen. Es gibt Situationen, in denen ein Verlust ein großer Gewinn sein kann. Zum Beispiel dann, wenn krankhaft übergewichtige Menschen an Bauchumfang, also an Bauchfett, verlieren. Bauchspeck ist nicht niedlich oder ein vermeintliches Zeichen für Gemütlichkeit, wie es so oft positiv formuliert wird. Bauchspeck ist ein großes Problem. Denn Betroffene haben nicht nur mit einem enormen Umfang zu kämpfen, sondern erkranken in der Folge auch häufiger an Diabetes oder Arterienverkalkung als Menschen, die etwa zu viel Fett an den Oberschenkeln haben. Studien haben gezeigt, dass Kraft- und Ausdauertraining den menschlichen Stoffwechsel positiv beeinflussen, indem sie zum Beispiel erhöhte Zucker- und Fettwerte im Blut senken. »Sport ist ein Medikament, insbesondere bei Adipositas«, sagt Blüher. »Ohne geht es nicht in der Behandlung.« Er und sein Team wollen nun herausfinden, welche Trainingsform das Bauchfett schneller einschmilzt: Kraft- oder Ausdauertrai-

ning? Dafür sollen insgesamt 200 Probanden ins kostenlose Training geschickt werden. Kombiniert wird das Training mit einer moderat kalorienreduzierten Ernährungstherapie. »Wir wollen unseren Patienten die beste Therapiemöglichkeit empfehlen können«, so Blüher. Das ist das Ziel. Zehn übergewichtige Freiwillige haben mit dem »personal training« bereits begonnen. Ein »personal training« ist es deshalb, weil die Probanden eine eigene Trainerin, Dr. Stefanie Lehmann, haben, die sie betreut und begleitet. Bevor es jedoch an die Langhantel oder auf das Fahrrad geht, wird ein Bodycheck gemacht: »In Magnet-Resonanz-Tomografie-Untersuchungen können wir sehen, wie viel Bauchfett die Person hat. Wir messen den Grundumsatz, also wie viele Kalorien eine Person verbrennt, und wir testen ihre Leistungsfähigkeit. Aus diesen Ergebnissen entwickeln wir dann ein maßgeschneidertes Sportprogramm«, erklärt Blüher. Zwei Jahre dauert das Training insgesamt. Dann liegen erste wissenschaftliche Erkenntnisse zur Trainingseffektivität vor. »Unsere Probanden aber sehen schon viel schneller Ergebnisse. In regelmäßigen Abständen machen wir Untersuchungen mit ihnen, und sie werden schnell eine Leistungsverbesserung feststellen. Daraufhin kann das Sportprogramm neu angepasst werden. Das motiviert.« Carmen Brückner

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Bewegung macht’s Körperliche Aktivität und Herzerkrankungen enn Prof. Dr. Gerhard Schuler von der Klinik für Innere Medizin/Kardiologie des Herzzentrums Leipzig von Sport spricht, meint er alltägliche Aktivität. »Schon viele kleine körperliche Aktivitäten addieren sich im positiven Sinne: Treppensteigen, Erledigungen zu Fuß, abends eine kleine Runde mit dem Fahrrad«, sagt der Mediziner. Bereits Studien aus den 70er Jahren würden belegen, dass körperlich aktive Menschen weniger Probleme mit koronaren Erkrankungen hätten. Heute beschäftigen weitergehende Fragen: Warum wirkt körperliche Aktivität? Was sind die wichtigsten Mechanismen im Körper? Der wichtigste: die Funktion des Endothels, der innersten Wandschicht von Lymph- und Blutgefäßen. »Das Endothel wirkt wie eine Tapete, die den gesamten Gefäßquerschnitt im Körper auskleidet. Jedes Blutgefäß hat innen diese Schutzschicht. Ihre Aufgabe ist es, den Blutstrom von der Gefäßwand zu trennen, damit keine Gerinnungsvorgänge stattfinden.« Er und sein Team haben jetzt herausgefunden, dass das Endothel zusätzlich noch eine Aufgabe hat: »Es ist das wichtigste endokrine Organ. Von allen Organen im Körper produziert es die meisten Hormone, der wichtigste Botenstoff ist Stickoxid.« Dieser würde die Weite des Gefäßes regeln. »Wenn das Endothel also sehr viel Stickoxid produziert, kann viel Blut durchfließen, der Blutdruck sinkt – und umgekehrt.« Aber welche Faktoren beeinflussen die Stickoxid-Produktion? Hier schließt sich der Kreis zur körperlichen Aktivität. Wer regelmäßig trainiert, hat einen besseren Blutfluss, der Blutdruck sinkt und das Herz wird entlastet. Körperliche Aktivität sei zudem das beste Antihypertonikum – der zweite Punkt bei Patienten mit angina pectoris (Engstellen, die nicht mehr genügend Blut durchlassen) und Brustschmerzen, erläutert der Kardiologe. »Wenn diese Patienten ein regelmäßiges

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Training beginnen, sinken die Beschwerden merklich innerhalb von vier Wochen.« Das Endothel sorge dafür, dass über Umgehungskreisläufe das verschlossene Areal wieder mit mehr Blut versorgt würde und folglich keine Schmerzen mehr auslöse. Täglich müssten mindestens ein bis zwei Stunden Bewegung sein, um deren therapeutische Breite auszunutzen. Die Erkenntnisse zur Wirkung von Bewegung haben auch in der Behandlung zu Veränderungen geführt: »Früher wurden Patienten nach einem Infarkt fälschlicherweise sechs Wochen lang flach hingelegt, weil man Angst hatte vor der Herzwandruptur. Aber schon am ersten Tag nach dem Infarkt kann man Patienten allmählich mobilisieren.« Ein einmal eingetretener Schaden ließe sich zwar auch durch körperliches Training nicht mehr beheben. »Trotzdem lässt sich Skelettmuskulatur leistungsfähiger machen.« Molekulare Mechanismen werden im Herzzentrum noch tiefergehend untersucht. »Ein Gebiet, mit dem wir uns beschäftigen, sind Unterschiede bei Herzinfarktpatienten. Manche Patienten erleiden, wenn ein Herzkranzgefäß zumacht, einen riesigen Infarkt. In der Folge haben sie eine sehr eingeschränkte Lebensdauer. Dann gibt es wiederum andere, die merken fast gar nichts, haben auch keine große Infarktnabe.« Die Erklärung sei: »Diese Patienten habe eine ausgeprägte Kollateralisierung, es haben sich Umgehungskreisläufe gebildet, die das verschlossene Gefäß ersetzen. Unsere Vermutung ist, dass körperliche Aktivität das Kollateralwachstum fördert.« Dazu laufen gerade Vergleichsstudien mit Patienten. Gute Ergebnisse zeichnen sich unter den Trainingsgruppen bereits ab. Diana Smikalla, Katrin Henneberg

Foto: Swen Reichhold

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Foto: Antje Ferrier/BBZ Leipzig

Dr. Ronny Schulz mit dem in Leipzig entwickelten Bioreaktor, in dem zur Züchtung von zellbasierten Knorpelersatz die Belastungsverhältnisse eines Gelenkes simuliert werden.

Stammzelltherapie für verletzte Sportlerknie I

n Deutschland werden jährlich rund 5.400 akute Verletzungen von Kniegelenkknorpeln behandelt. Häufigster Verletzungsgrund sind Sportunfälle, etwa beim Fußballspielen oder Skifahren. Die bisherige Behandlung erfolgt mit Knorpelzellen, die aus gesunden Knorpelarealen entnommen werden. »Für die Patienten bedeutet die heute übliche Therapie einen zweifachen operativen Eingriff, bei dem ein gesunder Gelenkknorpel verletzt werden muss, um einen geschädigten zu behandeln«, beschreibt Dr. Bastian Marquaß, Unfallchirurg am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). Die bisherige Therapie zu verbessern, ist das Ziel einer Arbeitsgruppe um Marquaß und Dr. Ronny Schulz. Unterstützt durch das Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM) entwickeln sie am Lehrstuhl für Zelltechniken und angewandte Stammzellbiologie von Prof. Dr. Augustinus Bader am Biotechnologisch-Biomedizinischen Zentrum (BBZ) stammzellbasierte Knorpeltransplantate. Als klinischer Partner begleitet Prof. Dr. Christoph Josten von der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Wiederherstellungs- und Plastische Chirurgie des UKL die Studie. Die Idee, die sie verfolgen, klingt einfach: Körpereigene Stammzellen eines Patienten werden aus dem Beckenkamm entnommen und in ein Hydrogel eingesetzt, das als Gerüst für die zu Knorpelgewebe heranwachsenden Stammzellen dient. »In einem Bioreaktor entsteht so binnen zwei Wochen funktionelles körpereigenes Knorpelgewebe, das anschließend dem Patienten an die verletzten Gelenkareale transplantiert werden kann«, erläutert Schulz, Biochemiker am BBZ, das Verfahren. Das eingesetzte Bioreaktorsystem ist eine Eigenentwicklung der Leipziger. Es wurde in den letzten Jahren mit mehreren Partnern optimiert. Durch ein externes Magnetfeld verändern sich im Innern des Bioreaktors die Druckverhältnisse so, dass sie der Belastung in einem sich bewegenden Gelenk ähneln. Das fördert die Differenzierung der Stammzellen zu ausgereiften Knorpelzellen.

Zurzeit laufen aufwendige Prüfungen, wie sich die implantierten patienteneigenen Stammzellen im Körper verhalten, das heißt, ob sie lebenslang differenzierte Knorpelzellen bleiben und am Ort ihres Einbaus im Kniegelenk residieren. Es werden erstmalig in dieser Form hohe Sicherheitsstandards eingehalten. So wurden nicht nur die Herstellung der Knorpelimplantate sondern auch das Großtiermodell zur Simulation und Heilung der Knorpelschäden unter den Richtlinien zur Qualitätssicherung der Good Laboratory Praxis (GLP) entwickelt. Eine wirkliche Herausforderung, wenn man bedenkt, dass jeder kleinste Arbeitsschritt standardisiert ablaufen und detailliert dokumentiert werden muss. Dazu Frau Prof. Gabriela Aust, Mentorin des TRM-Vorhabens: »Wir bedanken uns bei den Partnern der Abteilung Zelltechniken am FraunhoferInstitut für Zelltherapie und Immunologie, die das Projekt begleiten und sichern. Als Kliniker oder Naturwissenschaftler kann man zu Beginn der Idee nicht ermessen, welche Berge an zusätzlichen Untersuchungen und Vorschriften bewältigt werden müssen, um die Hürde, Überführung des Zelltherapeutikums in die Praxis, erfolgreich zu nehmen.« Erste Ergebnisse der aktuell laufenden präklinischen Studie stimmen zuversichtlich. Die Einheilung der Transplantate in die Gelenke verläuft sehr gut. »Wir erhoffen uns mit dieser Methode eine geringere Belastung für den Patienten und gleichzeitig eine höhere Qualität des regenerierten Knorpels verglichen zu den herkömmlichen Therapien«, resümiert Marquaß. Die ersten klinischen Studien sind in Abhängigkeit von den laufenden Untersuchungen in vier bis sechs Jahren geplant. »Dann würden sich die vielen Jahre intensiver Forschung, die zur Etablierung des Modells – was initial auch von PD Dr. Pierre Hepp, Leiter des Bereichs Arthroskopische Chirurgie/Sportverletzungen am UKL, begleitet wurde – und zur Entwicklung des Knorpelzelltherapeutikums nötig waren, auch für die Patienten auszahlen«, stimmen Schulz und Marquaß überein. Manuela Lißina-Krause journal Universität Leipzig 4/2011

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Foto: Swen Reichhold

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5.400 Läufer beteiligten sich am Leipziger Firmenlauf 2011.

Universität ist sportlichste Leipziger Firma S

portliche Alma mater: Zum diesjährigen Leipziger Firmenlauf am 7. Juni stellte die Universität mit 304 Läufern aus der Verwaltung und den Fakultäten das größte Team und bekam dafür den Preis als sportlichste Leipziger Firma. Sie platzierte sich damit ganz knapp vor dem Universitätsklinikum, für das 301 Läufer an den Start gegangen waren. Das Sport-Event hatte in diesem Jahr so viele Firmenläufer angezogen wie noch nie. Ursprünglich sollten laut Veranstalter maximal 5.000 Teilnehmer für den Fünf-Kilometer-Lauf rund um die Red-Bull-Arena zugelassen werden. Am Ende waren es 5.400, unter ihnen auch die Rektorin der Universität, Prof. Dr. Beate Schücking. Noch ein Gruppenfoto auf der Treppe an der Festwiese, dann zerstreute es die Läufer der Universität mit ihren weißen TShirts in alle Winde: In kleinen Gruppen liefen sie zum Start, vor dem sich eine riesige Menschentraube gebildet hatte. Aufgeregtes Stimmengewirr, dann der Startschuss. Langsam setzte sich die Läuferschar in Bewegung. Ziemlich rasch trennte sich dann allerdings die Spreu vom Weizen: Vorn rannten die ambitionierten »Leistungsläufer«, etwas weiter hinten die Gelegenheitsläufer und am Schluss die Spaßläufer und Walker. Freude hatten an diesem warmen sommerlichen Abend sicherlich die meisten Sportler, auch wenn einige die ersten zwei Kilometer – angespornt durch die Anfeuerungsrufe der Zuschauer an der Strecke – offenbar doch etwas zu schnell an-

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gegangen waren und stark ins Schnaufen kamen. So mussten unter anderem die Firmenläufer des Leipziger Porsche-Werks und der Dekra einen Zwischenstopp einlegen. Wieder andere rempelten ihre etwas langsameren Mitläufer im Eifer des Gefechts auch schon mal von hinten kräftig an, um ins begehrte Vorderfeld zu gelangen. Alles in allem aber ging es sportlichfair zu. Schon nach etwa 20 Minuten waren die Ersten im Ziel, andere brauchten deutlich länger. Aber das war an diesem Abend nicht das Entscheidende. Die gute Stimmung, der Teamgeist und der Spaß am gemeinsamen Laufen standen im Vordergrund. Neben der schnellsten Chefin, dem schnellsten Chef oder der schnellsten Sekretärin wurde auch das kreativste Lauf-Outfit gekürt. Diesen Sonderpreis holte sich das Team des Neurologischen Rehabilitations-Zentrums Leipzig, das im Zebras-Look an den Start gegangen war. Wer die fünf Kilometer hinter sich gebracht hatte, konnte sich anschließend auf ein alkoholfreies Bier oder ein erfrischendes Wasser freuen. Die Firmengrüppchen fanden sich auf der Festwiese allmählich wieder zusammen, werteten den Lauf aus und ließen sich von anderen Kollegen, Freunden oder der Familie feiern. Susann Huster

Steffen Cramer studierte von 1989 bis 1995 Sport an der Universität Leipzig. Im Anschluss war er dort tätig als Honorardozent, war freibruflich unterwegs als Produkttrainer für Hersteller von Outdoorbekleidung und hat mit verschiedenen Geschäftspartrnern drei Unternehmen aufgebaut: die B&S Sportcamps GbR, die Kletterwald Leipzig GbR und die Indoor-Kletterwald Mitteldeutschland GmbH. Mit dem Indoor-Kletterwald hat er den ersten seiner Art in Europa geschaffen.

»Niemals stehenbleiben« Erst Studium, dann Karriere – Alumni der Universität Leipzig im Porträt: diesmal Steffen Cramer, mehrfacher Unternehmer und Kletterwaldchef

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er Steffen Cramer danach fragt, wie er zum Kletterwald kam, staunt nicht schlecht, denn eigentlich habe er Höhenangst, sagt der 43-Jährige. Das hindert den Leipziger trotzdem nicht daran, ein Überflieger zu sein, denn er hat das geschafft, wovon andere lieber die Finger lassen: Er hat gleich mehrere Unternehmen gegründet. Mit Erfolg. »Mach dein Hobby zum Beruf, dann brauchst du nicht auf Arbeit zu gehen«, sagt der sympathische Visionär. »So war meine Vorstellung und so lebt sich das auch. Ich hab' noch nie 'ne Bewerbung geschrieben«. Er ist dann lieber gleich Chef geworden und hat in seinen gut laufenden Unternehmen heute 45 Mitarbeiter – etwa 30 arbeiten im Kletterwald Leipzig am Albrechtshainer See, alle anderen im neuen Indoor-Kletterwald Mitteldeutschland im Einkaufszentrum Nova Eventis in Güntersdorf. Mit riesigen 1.700 Quadratmetern Fläche ist er der europaweit erste seiner Art. In beiden Parks testen heute täglich bis zu 300 Erwachsene und Kinder ihre eigene Kraft und Balance, indem sie Hindernisstrecken in bis zu 13 Metern Höhe zwischen den Baumwipfeln überwinden. Die ganze Geschichte begann mit Cramers Liebe zum »Draußensein« und vor allem zum Sport, den er im Jahr 1989 an der Universität Leipzig begann zu studieren, aufgrund der Wendezeit auch noch etwas ausgedehnter als ursprünglich gedacht. Er war Leistungssportler im Radfahren, belegte aber auch eine Menge Zusatzkurse wie Kanu und Ski. Und dann sei er so reingerutscht in die Selbstständigkeit, war nach Abschluss Honorardozent an der Sportwissenschaftlichen Fakultät und gründete mit einem Kommilitonen die erste Firma: B&S Sportcamps. Sie boten Skicamps für die Wintersaison an.

»So war immer was los und nie Langeweile. Im Sommer war ich für die Uni tätig und für verschiedene Hersteller von Outdoorbekleidung als Produkttrainer. Im Winter ging es in die Berge.« Bis zu dem einen Sommerurlaub im September 2006 in Frankreich, in dem ihn seine zwei Kinder in einen Kletterwald schleppten. »Ich war total euphorisch. In Deutschland, zumindest in unserer Region, gab’s sowas nicht«, betont Cramer. Und als er dann, weil es der Zufall so wollte, im selben Urlaub beim Bergwandern noch auf einen seiner ehemaligen Sportkommilitonen von der Universität Leipzig, Karsten Möller, traf und ihm davon erzählte, war die Sache beschlossen. Schon im April 2007 wollten die beiden den ersten Kletterwald im Raum Mitteldeutschland eröffnen. »Wir haben alles parallel gemacht, um unser Ziel zu erreichen«, so Cramer, »rumtelefoniert, Ämter abgeklappert, den Bürgermeister angemailt und letztendlich den Bauauftrag erteilt, bevor wir überhaupt die Baugenehmigung hatten. Volles Risiko.« Der Kletterwald Leipzig ist heute zu einem wichtigen Teil der Leipziger Naherholungsangebote geworden. »Doch niemals stehenbleiben«, rät Cramer denen, die ihr Glück mit der Selbstständigkeit probieren wollen, »immer überlegen, was man will, immer weiterdenken und vorauseilen.« Den Kampf für die Umsetzung einer nächsten Vision hat er im Jahr 2010 dann ja auch noch einmal aufgenommen. »Eines Morgens beim Aufstehen, da hab ich genau vor mir gesehen, wie der zweite Kletterwald, ein Indoor-Kletterwald vor allem für die Herbst- und Wintersaison, werden soll.« Er hatte ihn geträumt. Sandra Hasse

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Von Aerobic bis Zumba Hochschulsportangebot lockt wöchentlich 10.000 Studierende Studienfächer von A bis Z« – unter anderem mit diesem Angebot wirbt die Universität Leipzig für sich. »Da können wir locker mithalten«, schmunzelt Sigrun Schulte, Leiterin des Zentrums für Hochschulsport der Alma mater Lispsiensis. Und in der Tat, von A wie Aerobic bis Z wie Zumba reicht die Liste der Kurse, die angeboten werden oder wurden. »Eigentlich stand nur der Motorsport bisher nicht zur Wahl, und das wird wohl auch so bleiben müssen«, lächelt sie. Beliebt ist das Hochschulsportangebot bei den Studierenden, so beliebt, dass dem Andrang schier nicht mehr Herr zu werden ist. »10.000 Studierende sind jede Woche beim Hochschulsport aktiv, 10.000 bis 14.000 weitere stehen auf unseren Wartelisten«, sagt die Powerfrau, die mit sichtlichem Vergnügen ihrer Arbeit nachgeht. »Ja, ich habe meinen Traumjob gefunden.« Dass es ihr nicht möglich ist, auch den wartenden Interessenten einen Platz in einem der 350 Kurse anzubieten, liegt daran, dass die vorhandenen Hallenkapazitäten einfach nicht ausreichen. Schon fast ein wenig neidisch schaut Schulte nach Dresden, wo den Studierenden zahlreiche Übungsstätten ganztägig angeboten werden können. »Das geht hier nicht, weil das sportwissenschaftliche Institut die Hallen und Plätze natürlich für die Ausbildung braucht«, sagt sie. Zudem haben eine Reihe von Leipziger Vereinen das Recht, auf den universitätseigenen Anlagen zu trainieren, was andernorts nicht der Fall ist. Aber Schulte ist keine, die sich lange beklagt. »Mit dem sportwissenschaftlichen Institut gibt es eine tolle Zusammenarbeit, der größte Teil unserer Übungsleiter kommt von dort«, berichtet sie. Zu einem Drittel sind es Akademiker, zu zwei Dritteln Studierende, die als Übungsleiter beim Hochschulsport fungieren. Gerade für die Sportstudenten hat das Engagement einen doppelten Vorteil: Zum einen sind sie professionelle Ausbilder, zum anderen können sie sich als Übungsleiter auch praktisch ausprobieren. Etwa 200 Übungsleiter bieten pro Semester Kurse an. Neben dem Kursangebot wird der Hochschulsport auch anderweitig im Universitätsalltag sichtbar, etwa beim alljährlichen Tanzfest, bei der Hochschulsportgala, der Auszeichnungsveranstaltung für die erfolgreichsten Sportler, dem Universitäts-Sommer-Sportfest oder wenn »Uni im Boot« aufs Wasser einlädt – aktuell wieder am 9. Juli von 9 bis 17 Uhr auf dem Wasser, in Kanus und Ruderbooten, und ebenfalls an verschiedenen Stationen an Land. Wenngleich der Hochschulsport vor allem dem Breitensport dient, wird auch das Kapitel Wettkampfsport großgeschrieben. An Deutschen Hochschulmeisterschaften nahmen im vergangenen Jahr 154 Studierende teil und errangen allein 18 Goldmedaillen. Bei den Weltmeisterschaften der Studierenden holte sich der Gewichtheber Markus Krümmer eine Silber- und eine Bronzemedaille. Doch nicht nur als Heimstatt von Teilnehmern spielt der Hochschulsport eine bedeutende Rolle, auch als Ausrichter wichtiger Wettkämpfe tritt er auf. »Zwei bis drei

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Sigrun Schulte leitet das Zentrum für Hochschulsport.

Hochschulmeisterschaften richten wir im Jahr aus«, berichtet Schulte. In diesem Jahr unter anderem die Deutsche Hochschulmeisterschaft im Handball, Lohn dafür, dass das Leipziger UniMänner-Team im vergangenen Jahr den Titel holte. Aber nicht nur Studierende, auch Mitarbeiter der Universität sind beim Hochschulsport dabei. Für sie gibt es sogar vier Sonderkurse, nämlich den Ausgleichssport, die Fitnesswoche in Kärnten und den Fußball. Hinzu kommen spezielle Angebote für Mitarbeiter und Studierende mit Kindern, bei denen vor allem der Schwimmkurs nachgefragt wird. Doch auch die anderen Kurse, bei denen die Kleinen mittun können, treffen auf Rieseninteresse. Gefragteste Angebote sind der Gesundheits- und der Fitnesssport, wo – im Gegensatz zu vergleichbaren Kursen in privaten Institutionen – der Frauenanteil bei über 50 Prozent liegt. »Grund dafür ist die besondere Atmosphäre, die in unseren Kursen herrscht«, erklärt Schulte. Diese ist auch der Grund dafür, dass sich die männlichen Studierenden und die Übungsleiter bei den Hochschulsportkursen sehr wohl fühlen. »Sie lernen sich gegenseitig besser kennen, als es anderswo möglich wäre.« Dies gilt nach ihren Worten übrigens auch für die vielen ausländischen Studierenden, die Kurse belegen. Eine Besonderheit des Hochschulsports sei die Möglichkeit, Trends aufzugreifen und deren Akzeptanz zu testen. »Kanupolo oder auch Frisbee haben sich über den Hochschulsport durchgesetzt«, weiß Schulte zu berichten. Was auch für die Sportart mit Z gelten mag: Beim Zumba wird lateinamerikanische und internationale Musik kombiniert und zum Workout eingesetzt. Womit auch das geklärt ist. Jörg Aberger www.hochschulsport-leipzig.de

Fotos: Zentrum für Hochschulsport

Pyramide der Akrobatik-Kursteilnehmer bei der diesjährigen Hochschulsportgala.

Drei Fragen an Andreas Nareike, Kursleiter Akrobatik … Frage: Wie »verrückt« muss man sein, um sich für Akrobatik zu begeistern, und was für Leute machen den Kurs? Andreas Nareike: Die Leute, die unseren Kurs besuchen, wollen sich oft einfach neben dem Studium sportlich betätigen und schnuppern in verschiedene Angebote. Es kommen aber auch immer welche, die früher schon etwas mehr oder weniger Ähnliches gemacht haben, etwa Voltigieren oder Turnen. Manchmal sind auch Tänzer dabei. Der Einstieg in Partnerakrobatik ist auch eher sanft. Man kann sich langsam und nach seinen Fähigkeiten steigern.

Drei Fragen an Capoeira-Trainerin Marcela de Oliveira-Kluge … Frage: Wie gefährlich ist Capoeira? Marcela de Oliveira-Kluge: Capoeira ist so gefährlich wie jeder andere Kampfsport auch. Viele Leute denken, dass es sich um einen reinen Tanz handelt, aber es ist ein Kampftanz. Dabei kommt es – wie bei anderen Kampfsportarten auch – bis hin zum Vollkontakt. Was unterscheidet die an der Uni angebotene Capoeira vom brasilianischen Original? In Brasilien ist das Training viel härter und aggressiver. Die brasilianischen Capoerista sehen mehr das Kampfelement im Vordergrund, während wir eher an das sportliche und die tänzerischen Elemente denken. Unsere Teilnehmer sind sehr diszipliniert, auch das unterscheidet sie von manchen Brasilianern, die Capoeira machen. Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Capoeira ausüben zu können? Viel Energie und die Lust, etwas Neues auszuprobieren. Auch wenn das Training anstrengend ist, ich hatte schon Kinder als Schüler und auch Menschen jenseits der 40, die Capoeira machten. Viele reizt es auch, durch den Sport etwas über die brasilianische Kultur zu erfahren, und es gibt sogar Teilnehmer, die beim Sport die portugiesische Sprache lernen wollen.

Kraft, Balance, Körpergefühl – was macht den besonderen Reiz der Akrobatik aus? Natürlich macht es immer Spaß, Kraft und Körpergefühl zu entwickeln. Das Besondere für mich ist aber, dass man miteinander etwas macht, nicht gegeneinander. Man muss sich aufeinander einstellen und zusammen an einer Figur arbeiten. Die Technik ist zwar im Prinzip immer die gleiche, trotzdem hängt alles auch sehr stark vom Partner ab. Ein zweiter Punkt ist, dass es wie beim Turnen oder Tanzen auch immer um Ästhetik geht. Wie viel Übung steckt dahinter, um so auftreten zu können, wie es bei der Hochschulsport-Gala zu sehen war? Die Figuren an sich sind eigentlich nicht so schwer. Teilnehmer an unserem Kurs können nach einem halben Jahr schon vieles davon. Etwas mehr und regelmäßiges Training ist aber nötig, um die Figuren auch flüssig und fehlerfrei zu verbinden. Bei einer längeren Abfolge kann es passieren, dass sich die kleinen Fehler »zwischendurch« aufsummieren und dann einfach alles zusammenfällt. Wenn man gute Voraussetzungen mitbringt und schon vorher Sport getrieben hat, kriegt man das nach einem Jahr ganz gut hin.

Capoeira-Vorführung bei der diesjährigen Hochschulsportgala.

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Foto: privat

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Prof. Dr. Petra Wagner mit ihrem dreijährigen Sohn.

Prof. Dr. Matthias Müller auf Trekkingtour, hier vor ein paar Jahren in Nepal Richtung Everest und Annapurna.

Laufen, Radeln, Gleitschirm-Fliegen Viele Antworten auf die Gretchenfrage: »Nun sag, wie hast du's mit … dem Sport?«

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issen Sie, ob ihr Labor-Gegenüber oder der Mensch in Nachbarbüro regelmäßig Sport treibt? Ob er sich vielleicht längst zu Aktivitäten durchringen konnte, derentwegen Sie noch zögern? Das Universitäts-Journal stellte die Gretchenfrage: Nun sag, wie hast du's mit … dem Sport? Das Fazit: die wenigsten waren um eine Antwort verlegen. Bei den Sportwissenschaftlern gingen wir an den Start und begegneten – wie nicht anders zu erwarten – dem ersten positiven Beispiel: »Mich kann man regelmäßig auf verschiedenen Laufstrecken am Cospudener See treffen, mit Mann und Kind«, erzählt Prof. Dr. Petra Wagner (Sportwissenschaftliche Fakultät, Institut für Gesundheits- und Public Health): »Mein Mann ist ebenfalls in der Sportwissenschaft zu Hause, da kann man ein bisschen Kondition also voraussetzen. Und unser kleiner Sohn begleitet uns auf dem Laufrad und wenn er nicht mehr kann im Fahrradanhänger. Wir joggen so zwischen sechs und zehn Kilometern.« Für den Weg zur Arbeit, das sind etwa zehn Kilometer, benutzt die Professorin inzwischen überwiegend das Auto, »weil ich tagsüber häufiger für verschiedene Ereignisse mit Eleganz repräsentieren muss«. Wenn die Zeit, Termine und Wetter passen, steige ich aber lieber aufs Fahrrad und nutze die Tour durch den Auenwald zur Uni. Meine dritte Leidenschaft ist das Rudern, das habe ich mal im Hochleistungssport betrieben. Ich habe noch immer ein Boot und erkunde mit meiner Familie damit gern die Gegend.« Dr. Yve Stöbel-Richter, Wissenschaftlerin in der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Fakultät für Medizin, erinnert sich: »Mit Anfang/Mitte 20 habe ich vor allem sehr dynamischen Sport

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betrieben: Jazz-Dance, Aerobic, Tennis und Schwimmen. Als ich dann vor 15 Jahren mit meinem ersten Sohn schwanger war, habe ich nach etwas anderem gesucht. Am meisten sagte mir Kundalini-Yoga zu, eine Form des Yoga, die nicht nur die körperliche Fitness anstrebt, sondern eine ganzheitliche Lebensphilosophie darstellt. Eine alltagstaugliche Variante mit festen Abläufen, die man erlernt: Einstimmung, Set mit einem bestimmten Schwerpunkt, Entspannung, Meditation und Abschluss. Ich fand 1995 eine der wenigen Yoga-Lehrerinnen, die es damals in Leipzig gab und ließ mich von ihr unterrichten. Relativ schnell wollte ich mehr über Yoga erfahren. Ich habe 1997 eine Yogalehrerinnenausbildung absolviert und konnte seitdem mein Wissen und meine Erfahrungen mit Yoga und Meditation an viele Menschen weitergeben. Seit einigen Jahren gebe ich aus Zeitgründen nur noch vereinzelt Unterricht.« Andreas Rosch, Gärtner in Botanischen Garten, muss sich mitunter fragen lassen, ob seine Arbeit nicht schon anstrengend genug sei und warum er dann noch in der Mittagspause, wenn seine Kollegen mal die Beine ausstrecken, die Laufschuhe schnürt. »Aber beim Laufen werden ganz andere Muskelgruppen beansprucht als bei der gärtnerischen Arbeit, und ich komme am Ende der Pause entspannt zurück«, sagt der 45-Jährige, der seit 1989 an der Uni arbeitet. Vor einigen Jahren bekam er Lust zu laufen und betreibt diesen Sport seitdem regelmäßig - in der Mittagspause, an den Wochenenden und nach Feierabend im Auwald. »Zwei- bis dreimal pro Woche muss man schon aufbrechen, sonst bringt es keinen Effekt«, erklärt Rosch, den auch das mieseste Wetter nicht von dieser Regelmäßigkeit abhalten kann. Wenn er Lust hat, startet er auch mal

bei dem einen oder anderen Wettbewerb, so beispielsweise für die Uni beim Firmenlauf Leipzig, wo er die 5.000 Meter in 20 Minuten absolvierte. Es irrt, wer nun denkt, das sei für Andreas Rosch genug. Im Winter greift er zusätzlich noch zum Tischtennisschläger, im Sommer paddelt er mit Frau und Tochter im Kanadier über Leipzigs Gewässer. In Sachen Vielfalt ganz oben stand bei unserer nicht repräsentativen Mini-Umfrage jedoch Prof. Dr. Matthias Müller (Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie): Er fliegt Gleitschirm, fährt wie ein Wilder Ski, absolviert lange Strecken Rennrad, nimmt an Marathons teil oder ist oft mit dem Kajak unterwegs. In den Bergen unternimmt er Trekkingtouren, auch mal längere wie vor ein paar Jahren in Nepal Richtung Everest und Annapurna. Drängt sich natürlich die Frage auf, was macht er wann und wie organisiert er das alles? »Das hängt natürlich immer davon ab, wie viel Zeit ich habe. Sehr gut abschalten kann ich beim Laufen und Fahrrad fahren. Oftmals ist es sehr viel besser, wenn ich am Schreibtisch einen Durchhänger habe, einfach mal für eine Stunde die Laufschuhe

anzuziehen und eine Runde zu laufen, als zu versuchen den Artikel oder den Antrag oder was auch immer, weiter zu bearbeiten. Danach fühle ich mich in aller Regel frisch und es geht sehr viel leichter weiter. Die andere Situation ist einfach die, dass es Wochenende ist, die Sonne scheint und ich weiß, dass ich Zeit habe, mehrere Stunden mit dem Fahrrad oder mit dem Kajak unterwegs sein zu können. Das ist einfach Klasse, insbesondere wenn man früh morgens startet, wenn beim Kajak-Fahren noch niemand auf dem Wasser ist und man die Natur für sich alleine hat. Das sind sehr schöne und belohnende Momente.« Auf den Einwand, dass einige dieser Leidenschaften als ziemlich risikoreich gelten, entgegnet Müller: »Tatsache ist, dass durch die lange Ausbildung, die man durchlaufen muss, bevor man seine Lizenz zum ‚freien’ Fliegen bekommt, man die möglichen Gefahren einzuschätzen lernt. Wie bei allem werden die Dinge erst dann gefährlich, wenn man das Gehirn ausschaltet. Nur wer den Respekt verliert, wird leichtsinnig - egal bei was.« Marlis Heinz

Sportpsychologie: Fähigkeit zum Multitasking schwindet im Alter

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inen Parkplatz zu suchen und gleichzeitig auf den Verkehr zu achten, wird im Alter immer schwieriger«, sagt Prof. Dr. Dorothea Alfermann. Die Sportpsychologin der Universität Leipzig hat sich gemeinsam mit ihrer Doktorandin Katja Linde mit der Frage befasst, ob und wie Sport die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen fördern kann. Linde hat ihre Doktorarbeit zu diesem Thema gerade eingereicht. Bekannt ist, dass die Fähigkeit zum Multitasking mit fortgeschrittenem Alter geringer wird. Dies könnte unter anderem an dem Nachlassen der Konzentrationsfähigkeit liegen. Bisher gibt es allerdings wenige Studien, ob und wie bestimmte Sportarten die Konzentrationsfähigkeit von Senioren verbessern. Linde hat deshalb im Rahmen ihrer Dissertation 70 Menschen im Alter zwischen 60 und 75 Jahren vier Monate lang in ein spezielles Trainingsprogramm eingebunden. Die erste Gruppe schwitzte zweimal pro Woche etwa 60 Minuten bei einem Kraft- und Ausdauertraining, die zweite schärfte ausschließlich bei kognitiven Übungen – sogenanntem Gehirnjogging – die Sinne, die dritte Gruppe erhielt eine Kombination aus körperlichem und kognitivem Training und die vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe. »Im Ergebnis habe ich festgestellt, dass nur das körperliche Training nachhaltig die Konzentrationsleistung fördert«, so die Diplom-Psychologin. Auch drei Monate nach dem Ende der Studie und damit auch nach dem Ende der regelmäßigen Bewegungsphase hätten die Teilnehmer des Kraft-Ausdauer-Trainings in den Konzentrationstests im Vergleich zu den Senioren der anderen beiden Gruppen besser abgeschnitten als vor Beginn des Trainings. Auch bei den Teilnehmern, die ihre kognitiven Fähigkeiten geschult haben, sei eine Verbesserung sichtbar gewesen. Dieser Effekt habe jedoch nicht länger angehalten. »Die Untersuchung

der Nachhaltigkeit dieses Effekts ist neu«, sagt Prof. Alfermann. Zudem gebe es bisher wenige Studien zu diesem Thema, in die die Kombination von kognitivem und Bewegungstraining mit einbezogen wurde. Im höheren Erwachsenenalter lassen der Professorin zufolge die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen spürbar nach. Untersuchungen hätten ergeben, dass langjährige sportliche Aktivitäten Demenzerkrankungen am Lebensabend zumindest hinauszögern können. Allerdings warnt die Leiterin des Instituts für Sportpsychologie und Sportpädagogik vor allzu großen Erwartungen älter werdender, sportlicher Menschen: »Auch diejenigen, die Sport machen, bauen ab, aber offenbar weniger stark.« Katja Linde hat bei ihren Probanden, die sich vorher nur moderat sportlich betätigt haben, nach gewisser Zeit eine regelrechte Begeisterung für die Bewegung beobachtet. »Die gute Nachricht ist, dass man auch im Alter noch mit dem Sport beginnen kann«, sagt die 28-Jährige, die mit den Teilnehmern ihrer Studie regelmäßig Krafttraining betrieben hat und anschließend durch den Clara-Zetkin-Park gewalkt ist. Besonders empfehlenswert seien für Senioren Disziplinen wie Schwimmen, Fahrradfahren, Walking, Fitness und Ski-Langlauf. Älteren Sport-Einsteigern raten die beiden Fachfrauen aber in jedem Fall, vor der ersten Trainingseinheit einen Arzt zu konsultieren. Katja Linde untersucht auch nach der Abgabe ihrer Dissertation weiter die Effekte des Sports auf die psychische Gesundheit. Aktuell interessiert sich die junge Psychologin für die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf depressive Verstimmungen. Susann Huster journal Universität Leipzig 4/2011

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Foto: Nina Taubert

Titelthema

»Begegnung mit einem Baum« im Projekt aus dem Bereich Grundschuldidaktik Sport der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät.

Projekt optiSTART bringt Kinder in Bewegung V

iele Kinder haben bereits im Vorschulalter Probleme mit der Koordination oder neigen zu Übergewicht. Dieser Tendenz hat das Modellprojekt optiSTART den Kampf angesagt. Die Idee für die im Jahr 2006 ins Leben gerufene Initiative stammt von dem Dozenten für Grundschuldidaktik Sport der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, Dr. Gunar Senf, und Dr. Karoline Schubert vom Gesundheitsamt der Stadt Leipzig. Ziel dieses sachsenweit einzigartigen Projektes war es, Lehrer und Erzieher in verschiedenen Modulen so zu schulen, dass sie fünf- bis elfjährigen Kindern auf spielerische Art Bewegung und gesunde Ernährung näher bringen können. Im August läuft optiSTART nach der zweiten Förderphase aus. Dr. Gunar Senf und sein Sohn David Senf, der seit 2006 Koordinator des Projektes ist, zogen deshalb eine Bilanz der vergangenen sechs Projektjahre. Alles begann mit neun Leipziger Kindertageseinrichtungen, sechs Grundschulen mit Hort und einer Förderschule. Für deren Erzieher und Lehrer wurden im Rahmen des Projekts zwölf Unterrichtsmodule entwickelt, zwischen denen sie wählen konnten. Die Inhalte reichten nach den Worten von David Senf von Bewegungskursen wie ausdauerorientierten Staffelspielen und Bumerangwerfen über Hindernisturnen bis hin zu Ernährungskursen, in denen die Pädagogen lernten, wie Sie mit den Kindern in der Schul- oder Kita-Küche gesunde Spieße und Vitamin-Cocktails für den Schulalltag oder Kinderfeste zubereiten. »Wir reden immer von Bewegung, nicht von Sport, weil dieser immer so einen Vergleichsaspekt hat, mit dem wir

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nicht jeden erreichen«, erklärt David Senf, der selbst Diplomsportlehrer ist. Diese Schulungen hätten Fachleute der Erziehungs- und der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität geleitet. Die Kurse zu gesundem Essen und Trinken seien von Fachfrauen für Kinderernährung gegeben worden. »Es ging dabei viel ums Kosten, Schmecken und Riechen. Das machen Kinder gern«, sagt David Senf. Schüler der dritten Klasse hätten bei ihren entsprechend geschulten Lehrern den Ernährungsführerschein des AID abgelegt. Nach 2009 habe das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, das dieses Projekt bis dahin mit 300.000 Euro finanziert hatte, die Folgeförderung von optiSTART an die Bedingung geknüpft, dieser Idee mehr Nachhaltigkeit zu verleihen. »Wir haben uns dann auf 20 neue Grundschulen und Horte konzentriert, weil wir gemerkt haben, dass der Bedarf da besonders groß ist«, berichtet David Senf. Die Coachings für die Pädagogen seien individuell an die Bedingungen der jeweiligen Schule angepasst worden, da einige gar keine Turnhalle oder auch keine voll ausgestattete Schulküche haben. Es gab in den Modulen unter anderem Tipps für verschiedene, originelle Bewegungsspiele oder Ideen für eine gemeinsame, gesunde Vespermahlzeit. Zudem seien angehende Kita-Erzieherinnen im Rahmen ihrer Ausbildung ein Jahr lang in einem Wahlpflichtfach mit allen Modulen vertraut gemacht worden. Von 2009 bis 2011 stellte der Bund für diese zweite Phase noch einmal 170.000 Euro zur Verfügung. Auch wenn das Projekt im August ausläuft, soll die Idee von optiSTART erhalten bleiben. »Wir wollen in den Fortbildungskatalog der Bildungsagentur rein«, sagt Gunar Senf. Die Chancen dafür stünden gut. Schon jetzt hat optiSTART seine Spuren in den Leipziger Kitas und Schulen hinterlassen. In vielen Einrichtungen gehört beispielsweise ein gesundes Frühstück dank des Engagements der Pädagogen längst zum Alltag. Auch die Einstellung vieler Kinder zum Thema Sport und gesunde Ernährung habe sich – wie jährliche Befragungen der Projektinitiatoren ergaben – sehr zum Positiven gewandelt. Susann Huster

Foto: UKL

Der 44-jährige ehemalige Fußballprofi beim Klettern mit Patient Fabian.

Der Gute Geist Markus Wulftange arbeitet als Sporttherapeut für krebskranke Kinder und Jugendliche

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ermine? Nein, Termine kann Markus Wulftange mit den Teilnehmern seiner Angebote nicht immer wirksam vereinbaren. »Entweder fühlen sie sich nicht gut, haben keine Lust, was ich akzeptiere, oder die Ärzte sagen mir, dass wegen schlechter Blutwerte keine sportliche Betätigung möglich ist, obwohl dies vorgesehen war«, berichtet er. Der 44-Jährige nimmt im Universitätsklinikum eine ganz besondere Aufgabe wahr: Er macht Sporttherapie – mit Kindern und Jugendlichen, die an Krebs erkrankt sind. »Natürlich muss man auf die kleinen und schon etwas größeren Patienten ganz individuell eingehen«, sagt der DiplomSportlehrer. Er nimmt sich Zeit, die Kinder und auch ihre Eltern kennenzulernen, bevor er mit ihnen in die Therapieräume unterhalb der Kinderonkologie geht und vorstellt, was dort alles genutzt werden kann. Spiel- und Sportgeräte vom einfachen Ball über eine Tischtennisplatte bis hin zu einem Sandsack zum Boxen, all das kann Wulftange einsetzen, um mit den Kindern zu arbeiten. Lustig sieht das Ergometer im Miniformat aus, auf dem die Patienten radeln können. »Einem Mädchen habe ich das Teil mit auf Station genommen, und die Kleine hat ein Spiel gespielt, bei dem sie Briefe schrieb, die sie dann als Postbotin natürlich mit dem Rad ,ausfahren‘ musste«, erzählt er. Beim Spiel habe das Kind gar nicht gemerkt, dass es sich sportlich betätigte. Immer geht Wulftange auf diese Art und Weise auf die Wünsche und Möglichkeiten der Kinder ein. In einem Therapieraum stehen Würfel und Hocker aus Holz. »Hier bauen wir gemein-

sam kleine Hindernisparcours und vor allem die Kleinen haben riesigen Spaß, wenn sie den überwinden, ohne den Boden zu berühren.« Andere Altersgruppen gehen lieber an die Tischtennisplatte oder das Tischfußballspiel, das sie an Wochenenden auch allein mit ihren Eltern benutzen dürfen, schlagen auch schon einmal auf den Sandsack ein – »das kann helfen, den Frust, der im Klinikalltag schnell entstehen kann, abzubauen«, sagt Wulftange. Der ehemalige Fußballprofi, der unter anderem für den VfB Leipzig in der 2. Bundesliga spielte, hat das Sporttherapieangebot am Universitätsklinikum von Grund auf aufgebaut. Im Zweitstudium Sozialarbeit studierend, schrieb er seine Diplomarbeit zum Thema »Bewegungsorientierte Rehabilitation bei krebskranken Kindern«. Die Personalkosten für die psychosozialen Angebote trägt der Verein Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig, wobei Wulftange einen Teil der dafür notwendigen Mittel unterdessen selbst einwirbt. Fest in seinem Jahresplan sind dabei zum Jahresbeginn ein Benefizkonzert im Gewandhaus sowie im Sommer ein Benefiz-Fußball-Turnier, zu dem er regelmäßig Altstars aus seiner Profizeit einlädt, die Geld für die psychosozialen Projekte der Kinderkrebsstation bringen. Eine ganze Reihe von Firmen hat er inzwischen mit ins Boot holen können, die sich mit Sponsorenleistungen an den Aktivitäten beteiligen. »Natürlich werben die damit, aber das ist in meinen Augen ein legitimes Anliegen.« Selbst Vater von vier Kindern, spricht der Sporttherapeut mit sichtlicher Begeisterung von seiner Tätigkeit in der Kinderklinik. Mit nach Hause nimmt er die Gedanken daran aber in der Regel nicht. »Es ist eine sehr intensive Arbeit, aber auch eine dankbare Aufgabe«, sagt er. Was natürlich nicht ausbleibt ist, dass er auch am Abend oder am Wochenende hin und wieder mit Sponsoren und Mitstreitern telefoniert. Denn das Projekt Sporttherapie soll schließlich weiterlaufen. Jörg Aberger journal Universität Leipzig 4/2011

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Foto: Alexey Sergeev/Texas A & M University

Forschung

Ein Gurkenkäfer bei der Zerstörung einer Mohnblüte.

Chemiker entwickeln neue Methode zur ökologischen Schädlingsbekämpfung C

hemiker der Universität Leipzig haben im Internationalen Jahr der Chemie 2011« eine neue und effektive Methode zur Herstellung synthetischer Lockstoffe zum Bekämpfen schädlicher Käfer in der Landwirtschaft entwickelt. Der Arbeitskreis von Prof. Dr. Christoph Schneider vom Institut für Organische Chemie erforschte in den vergangenen drei Jahren in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt eine innovative Synthesestrategie, mit der wesentlich schneller und einfacher als bisher künstliche Lockstoffe für sogenannte Käferfallen produziert werden können. Die Doktoranden Christian Weise und Matthias Pischl nutzten dieses Verfahren zur Synthese des geschlechtsspezifischen Lockstoffes (Pheromons) Vittatalacton, worüber sie kürzlich im angesehenen Fachjournal »Chemical Communications« berichteten. Durch die synthetisch hergestellten Lockstoffe wer-

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den Schädlinge wie der Gurkenkäfer, der jedes Jahr erhebliche Ernteausfälle besonders in der nordamerikanischen Landwirtschaft verursacht, sehr spezifisch angezogen und so auf besonders umweltverträgliche Weise ausgeschaltet. Dadurch gelangen auch keine Schadstoffe in die Pflanze. Die bisherigen Methoden zur Herstellung dieser künstlichen Käferpheromone waren wesentlich langwieriger und komplizierter als das neue Verfahren vom Team um Schneider, das auch für Synthesen in größerem Stil geeignet ist. Gespart werden Energie, Chemikalien, Lösungsmittel, Zeit, Abfall und anderes. Da diese Lockstoffe nur in Spuren in den Käfern vorkommen, ist eine synthetische Herstellung für die landwirtschaftliche Nutzung unerlässlich und gleichzeitig eine interessante Alternative zur klassischen Schädlingsbekämpfung. Susann Huster

Foto: Wikipedia

Die Konformation von Polymeren spielt auch in Spinnenseide die entscheidende Rolle. Dies ist eine der Fragestellungen des SFB/TRR 102.

Millionen für Polymer-Forschung G

roßer Erfolg für die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und die Universität Leipzig: Mit rund sieben Millionen Euro fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in den kommenden vier Jahren ein Projekt zum Thema »Polymere unter Zwangsbedingungen«. Den neuen Transregio-Sonderforschungsbereich (SFB/TRR 102) hat die DFG Ende Mai bewilligt. Beteiligt ist auch das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik in Halle. Fehlgefaltete Proteine werden bei Krankheiten wie Alzheimer und Creutzfeldt-Jacob beobachtet. Doch wie kommt es dazu? Verklumpte Proteine trüben die Augenlinse beim grauen Star. Wieso bilden sich die Klumpen? Die Fäden von Spinnen haben außerordentliche mechanische Eigenschaften. Was ist die Ursache auf molekularer Ebene? »Bei diesen Prozessen gibt es wahrscheinlich viele Gemeinsamkeiten mit der Strukturbildung in Polymeren – die wollen wir besser verstehen«, sagt MLU-Physiker Prof. Dr. Thomas Thurn-Albrecht der zukünftige Sprecher des SFB/Transregio. Sein Stellvertreter, Prof. Dr. Friedrich Kremer von der Universität Leipzig, ergänzt: »Die Polymere unterliegen Zwangsbedingungen, das führt zu vielfältigen Konsequenzen auf mikroskopischer und makroskopischer Skala.«

Polymere sind allgegenwärtig. »Alle Kunststoffe bestehen aus Polymeren, aber eben auch Proteine und unsere DNA – vereinfacht gesagt alles, was an uns Menschen weich ist«, führt Thurn-Albrecht aus. »Es handelt sich um ein Material, das weder fest noch flüssig ist, mit einem außerordentlich breiten Eigenschaftsprofil. Die einzelnen Bausteine können sich organisieren, dadurch entstehen wieder neue Eigenschaften.« Die molekulare Ordnung und Beweglichkeit, die in Polymeren oft stark eingeschränkt sind, wollen die Forscher analysieren und kontrollieren, um so die Eigenschaften dieser Materialien besser zu verstehen. »Dieser Erfolg unterstreicht einmal mehr die wichtige Rolle der Naturwissenschaften im Forschungsprofil unserer Universität. Wir freuen uns, mit diesem Projekt gemeinsam mit der Universität Halle im Zukunftsbereich Polymerforschung intensiv weiter forschen zu können«, erklärte Prof. Dr. Beate A. Schücking, Rektorin der Universität Leipzig. An den SFB-Projekten sind Physiker, Biophysiker und Chemiker aus Halle und Leipzig beteiligt. In einem integrierten Graduiertenkolleg wollen sie ihre Erfahrung im Bereich der weichen Materie systematisch an Doktoranden weitergeben. Dr. Manuela Rutsatz journal Universität Leipzig 4/2011

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Foto: John Njenga Karugia.

Forschung und Institute Fakultäten

Abdilatif Abdalla (Mitte) in der Kaffeepause des Symposiums, welches ihm zu Ehren und anlässlich seiner Verabschiedung von Institut für Afrikanistik veranstaltet wurde.

Kwaheri heißt Auf Wiedersehen I

nsgesamt 15 Jahre lehrte Abdilatif Abdalla als Lektor für Swahili am Institut für Afrikanistik, nun tritt er seinen Ruhestand an. Abdilatif Abdalla kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Schon als junger Mann war er nach der Unabhängigkeit Kenias in der Opposition aktiv. Er äußerte sich vor allem in Schriften gegen die Regierung, woraufhin er 1968 zu rund drei Jahren Einzelhaft verurteilt wurde. Hier entstanden weitere politische Schriften, wie zahlreiche Gedichte, die er in dem Buch »Sauti ya Dhiki« (»Stimme der Bedrängnis«) veröffentlichte. Nach seiner Entlassung kam er nach einem längeren Arbeitsaufenthalt in Tansania 1979 nach London, wo er zunächst für den BBC World Service arbeitete und anschließend als Geschäftsführer und Chefredakteur des Magazins Africa Events fungierte. Im Oktober 1995 kam er an die Universität Leipzig, wo er die Sprache Swahili, Literatur und Kultur der Swahiliküste unterrichtete. Dabei gelang es ihm immer wieder, die Studierenden für seine Sache zu gewinnen. »Abdilatif Abdalla ist ein begeisternder Mentor. Auf subtile Art und Weise und durch seine Persönlichkeit gelingt es ihm, Interesse zu wecken. Dabei war es ihm immer wichtig, seine Studenten zu begleiten und zu betreuen«, so Prof. Dr. Rose-Marie Beck, Professorin für Afrikanische Sprachen und Literaturen am Institut. In der Tat begegnet Abdilatif Abdalla den Studierenden auf Augenhöhe und schätzt

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ihre Meinung obschon des Alters- und Erfahrungsunterschieds sehr. Er betont, dass die Studierenden ein wichtiger Grund gewesen seien, in Leipzig zu bleiben. Diese Verbindung spiegelte sich auch in der emotionalen Verabschiedung wider, für die viele Ehemalige extra anreisten. Um Abdilatif Abdalla als Person und seine Verdienste für das Institut zu ehren, organisierte das Institut für Afrikanistik ein Symposium. Hier trafen sich die Größen der Swahili-Literatur, Kultur und Wissenschaftsszene. Als Ehrengast wurde der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong‘o empfangen. Beide verbindet eine lange Freundschaft und zahlreiche biografische Parallelen. »Das Symposium hat auf eine bestimmte Art und Weise die Persönlichkeit Abdilatif Abdallas hervorgehoben und die spezielle Kombination von Politik, Poetik und Bildung, die er verkörpert, betont«, bewertet Professorin Beck die Veranstaltung rückblickend. Die Tagung sei außergewöhnlich gewesen, da die Beiträge teilweise sehr persönlich waren und gleichzeitig Bezug auf wissenschaftliche Reflexionen oder politisches Geschehen nahmen. Für die nähere Zukunft möchte Abdilatif Abdalla zunächst den Ruhestand genießen. In Kenia selbst wolle er nicht direkt politisch aktiv werden. Doch sicherlich wird man in irgendeiner Form von ihm hören. Uta Steinwehr

KURZ GEFASST Prof. Dr. Hans Wilhelm Rauwald und Prof. Dr. Stefan Dhein haben für Ihre Studie zu den molekularen Wirkungen des Herzgespanns am Herzen den Sebastian Kneipp Preis 2011 bekommen. Prof. Dhein und Prof. Rauwald erhielten diese Auszeichnung für ihre Arbeiten zu den Wirkungen der Arzneipflanze Leonurus cardiaca, zu Deutsch Herzgespannkraut, die seit der Antike gegen Herzrhythmusstörungen in der Volksmedizin eingesetzt wurde, ohne dass es tiefere wissenschaftliche Erkenntnisse zu Inhaltsstoffen und molekularen Wirkungen gab. Der Preis wurde insbesondere für die Arbeit »Cardiac and Electrophysiological Effects of Primary and Refined Extracts from Leonurus cardiaca L. (Ph.Eur.)«, publiziert in Planta Med. 2010, verliehen. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Joachim Thiery, ist Mitte Mai mit großer Mehrheit zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) gewählt worden. Damit wird er im Januar 2012 das Amt vom scheidenden Präsidenten Prof. Dr. Lackner von der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität übernehmen. Prof. Dr. Joachim Mössner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie, ist zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin gewählt worden.

Nach der Wahl von Prof. Dr. Matthias Schwarz zum Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung wurde er von den Pflichten des Dekans der Fakultät für Mathematik und Informatik entbunden. Für die verbliebene Dauer der Wahlperiode bis 2013 wählte der Fakultätsrat Prof. Dr. Hans B. Rademacher zum Dekan und Prof. Dr. Gerik Scheuermann zum Prodekan. Auf dem diesjährigen Weltkongress für Minimalinvasive Kinderchirurgie in Prag hat Andreas Oberbach, Assistenzarzt der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie der Universität Leipzig, den wissenschaftlichen Nachwuchspreis erhalten. Oberbach wurde aus rund 400

Kongressteilnehmern aus über 50 Nationen ausgewählt. Es handelt sich dabei um die höchste Auszeichnung für Nachwuchswissenschaftler aus diesem Bereich.

Prof. Dr. Marius Grundmann, Physiker der Universität Leipzig, hat am 15. April den Leipziger Wissenschaftspreis 2011 von der Stadt Leipzig, der Universität Leipzig und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften bekommen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde in einem Festakt im Alten Rathaus zu Leipzig in Anwesenheit der Sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer, verliehen. Der Preis wird alle zwei bis drei Jahre vergeben. »Ich danke für diesen Preis und betrachte diesen auch als einen Meilenstein für die Forschungsarbeit in den letzten zehn Jahren«, sagte Grundmann.

Multielektrodenarray

Im Rahmen des Programmes »Innovation in der Medikamentenentwicklung« fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Plattform IMAS – Impedancebased Multiarray Screening, ein Verbundprojekt aus dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg, der Technischen Universität Ilmenau, dem Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung in Magdeburg und der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Andrea Robitzki am Biotechnologisch-Biomedizinischen Zentrum (BBZ) der Universität Leipzig. Das Projekt wurde nun vom BMBF zum Projekt des Monats Mai 2011 gewählt. Der Verbund fokussiert die Erforschung neuer Chip-Technologien zur schnellen, eindeutigen und zuverlässigen Testung von Wirkstoffen und Therapieformen für chronisch neurodegenerative Erkrankungen.

Beim 57. Kongress der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie in Aachen sind Dr. Sigrun Holze, Dr. Dennis Prokofiev, Dipl.-Psych. Lutz Gansera, Prof. Dr. Udo Rebmann, Prof. Dr. Stephan Roth, Prof. Dr. Elmar Brähler, Prof. Dr. Michael C.Truß und Prof. Dr. Jens-Uwe Stolzenburg im April mit dem Posterpreis 2011 ausgezeichnet worden. Anfang Juni bekamen sie die Urkunde. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe aus Medizinern, Soziologen und Psychologen berichtete über die Ergebnisse einer großen deutschlandweiten Studie zur Lebensqualität von Patienten nach Prostatakrebsoperationen. Benno Meier hat gemeinsam mit anderen Forschern einen besonderen Beitrag in dem renommierten »Journal of Magnetic Resonance« veröffentlicht, denn der Editor aus Israel hat ihn für das Cover der Fachzeitschrift für magnetische Resonanz ausgewählt. »Das ist ein schönes Zwischenergebnis meiner Arbeit«, sagt der 26-jährige diplomierte Physiker, der an seiner Dissertation »HöchstfeldMagnetresonanz moderner Materialien« arbeitet. Im kommenden Jahr soll sie fertig sein. Anfang Juni hat Frau Prof. Dr. Handan Arkin-Olgar von der University of Ankara bei Prof. Dr. Wolfhard Janke vom Institut für Theoretische Physik als »Experienced Humboldt Fellow« für 18 Monate ihre Forschungsarbeit begonnen.

Mit einer Fördersumme von etwa 2,5 Millionen Euro unterstützt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für weitere drei Jahre ein von Wissenschaftlern der sächsischen Universitäten in Leipzig, Dresden und Chemnitz initiiertes Forschungsvorhaben. Die Forschergruppe »From Local Contraints to Macroscopic Transport« um Sprecher Prof. Dr. Frank Cichos von der Universität Leipzig, die bereits seit dem Jahr 2007 von der DFG unterstützt wird, beschäftigt sich mit Transportprozessen in komplexen nanostrukturierten Materialien.

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Foto: Swen Reichhold

Fakultäten und Institute

Authentische Wissensvermittlung durch Tutoren

Foto: Jan Woitas

Tutorin Julia Glade findet E-Learning unheimlich spannend.

Tutor Lorenz Uxa vermittelt Wissen an Kommilitonen in der LernKlinik.

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orenz Uxa kennt das Erfolgsrezept der studentischen Tutoren: »Es ist einfach mehr Nähe da. Bei uns haben die Studierenden keine Hemmungen, Fragen zu stellen. Außerdem kennen wir die Schwierigkeiten beim Lernen aus eigenem Erleben.« Der 24-jährige Medizinstudent ist einer von 25 Tutoren, die an der LernKlinik der Universität Leipzig ihr selbst erst vor kurzem erworbenes Wissen über die medizinische Praxis an Kommilitonen weitergeben. Genau das macht die Tutoren, die oft genau so alt sind wie die Studierenden in ihren Kursen, so authentisch. Auch Julia Glade gehört zu den Studierenden, die ihren Wissensvorsprung an andere weitergeben. Die 24-Jährige studiert Medienpädagogik am Institut für Kommunikationsund Medienwissenschaft und ist seit einem Jahr als Tutorin in einem Projekt für E-Learning tätig. Sie und Uxa sind für den Leiter der »Fakultätsübergreifenden Tutor/innen-Qualifizierung« an der Universität Leipzig, Michael Hempel, Musterbeispiele: »Das Besondere ist, dass sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten nicht nur an Studierende, sondern auch an neue Tutoren weitergeben. Solche Train-theTrainer-Systeme etablieren wir in möglichst vielen Fachbereichen«, berichtet Hempel. Gemeinsam mit seinen Kollegen von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, von der die Initiative für die Tutorenausbildung ausging, gibt er Kurse für Tutoren und sorgt dafür, dass deren Qualität stimmt. Hempel und sein Team haben eigens für die Fachbereiche von Glade und Uxa spezifische Angebote wie das Train-the-Trainer-

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System entwickelt. Das hat in der LernKlinik mehrere Stufen: Teilnahme am Tutorium, didaktisch-methodische Ausbildung, Hospitation bei erfahrenen Tutoren, Durchführung des eigenen Tutoriums, Fortbildung zum Tutoren-Trainer und schließlich die Ausbildung neuer Tutoren. Uxa, der selbst natürlich auch noch für sein Studium büffeln muss, findet dieses System sehr effektiv: »Nicht jeder Tutor muss das Rad neu erfinden, sondern kann vom Wissen der Vor-Tutoren profitieren«, sagt der junge Mann, der seinen Kommilitonen an Simulatoren in der LernKlinik beibringt, wie man Blut abnimmt, einen Patienten abhört und vieles mehr. Für Uxa ist der »Nebenjob« als Tutor eingebettet in eine Stelle als studentische Hilfskraft. Das Projekt E-Learning ist für Julia Glade Teil des Studiums. Die Masterstudentin bietet den Online-Kurs begleitend zu den Lehrveranstaltungen an. »Ich finde E-Learning unheimlich spannend, vor allem den didaktischen Aspekt«, sagt sie. Aktuell nutzen etwa 60 ihrer Kommilitonen diese Chance zur zusätzlichen Wissensvermittlung und -festigung. Glade beantwortet Fragen ihrer Mitstudenten, ist Ansprechpartnerin, wenn es Probleme beim Lernen gibt, und trifft sich mit ihren Kursteilnehmern nicht nur in der virtuellen, sondern auch regelmäßig in der realen Welt. Susann Huster

Eine weitere Perspektive auf das Institut für Wirtschaftspolitik D

as Institut für Wirtschaftspolitik gehört zu den ersten In- verpflichtend ist. Etliche Publikationen der letzten Jahre sind stituten, die an der Universität Leipzig nach 1989 gegrün- unter dieser Prämisse verfasst worden. Die Motivation für eine det worden sind. In der Tradition der Kölner Schule der Volks- kritische Erörterung der Praxis der Sozialen Marktwirtschaft wirtschaftslehre stehend, lenkte Reinhold Biskup als erster wurde durch die jüngste Weltwirtschaftskrise noch verstärkt. Institutsdirektor die Schwerpunkte in Lehre und Forschung Das personell mit einigen Institutsmitgliedern verbundene von Anfang an auf ordnungspolitische Grundsatzthemen mit »Leipziger Forschungsseminar Politik und Wirtschaft« hat den beiden zentralen Säulen »Europäische Integration« und das Krisenphänomen zu einem Kernthema seiner Arbeit ge»Soziale Marktwirtschaft«. Zahlreiche Initiativen wissen- macht und 2010 mit der Buchpublikation »Bubbles, Schocks schaftspolitischer Art fallen in die Zeit der Aufbauphase. Die und Asymmetrien. Ansätze zu einer Krisenökonomik« ein Zwi1994 gegründete Leipziger Wirtschaftspolitische Gesellschaft schenergebnis geliefert. leistete einen beträchtlichen (auch finanziellen) Beitrag zur Ein Nebenprodukt der historischen Forschung ist der BeiEinrichtung des Lehrstuhls für Bankwesen, von dem dieser trag »Wirtschaftswissenschaften« zur gerade erschienenen bis heute profitiert. Besondere Erwähnung verdient jenes fünfbändigen Geschichte der Universität Leipzig. dem Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und PoliÖkonomische Theoriegeschichte und Evolutorische Ökonotik dienende und Studierende einbeziehende Forum, das als mik sind darüber hinaus ein fester Bestandteil der Lehre mit »Zermatter Symposion« zu einem dem Ziel, den Studierenden eine Qualitätssiegel wurde, für dessen Perspektive auf ihr Fach zu ersorgfältige Pflege auch der Nachfolger öffnen, die Einseitigkeiten und m m ra Rolf H. Hasse sorgte. Dogmatik vermeidet. Das ist ein og pr »Das Forschungs Das Forschungsprogramm »Soziwesentlicher Punkt angesichts af t‹ ale Marktwirtschaft« wurde rasch des insbesondere in der Volks›Soziale Markt wir tsch ein Anziehungspunkt und ist es bis wirtschaftslehre entbrannten ie nz A n w urde rasch ei heute geblieben. Die erste an der neu »Neuen Methodenstreits«, in bis gegründeten Fakultät verteidigte Hadem sich nicht nur ein Streit um hungspunkt und ist es bilitationsschrift (ausgezeichnet mit alternative Forschungsansätze, « n. be heute geblie dem Wolfgang-Ritter-Preis) sowie mehsondern auch ein Generationenrere Promotionsarbeiten belegen das. streit widerzuspiegeln scheint. Besonderer Wert wurde stets darauf Zum Methoden- und Theorigelegt, dass sich die Soziale Marktwirtenpluralismus gibt es bei dem schaft an ihrer theoretischen Fundierung messen lassen muss derzeitigen Stand der volkswirtschaftlichen Theorie, die alles und nicht an wirtschaftspolitisch gerade in Mode gekommenen andere als ein homogenes und logisch geschlossenes Gebilde Slogans. Die dabei entstandene Expertise wird in einem kürz- darstellt, allerdings kaum eine ernsthafte Alternative. Gleichlich durch die Konrad-Adenauer-Stiftung eingerichteten Pro- wohl hinterlässt der Dissens Spuren, die auch im Institut für motionskolleg geschätzt, in das mit Rolf H. Hasse und Friedrun Wirtschaftspolitik nicht zu übersehen sind. Der Wechsel von Quaas gleich zwei Leipziger Professoren berufen wurden. Auch der ordnungspolitischen Grundlagenforschung hin zu einem die Konzeption und Herausgabe der inzwischen in zwölf Spra- wesentlich engeren Gegenstandsbereich, der Währungspolichen übersetzten Publikation »Lexikon Soziale Marktwirt- tik, ist seit der Übernahme des Instituts für Wirtschaftspolitik schaft« ist maßgeblich mit dem Institut für Wirtschaftspolitik durch Gunther Schnabl unverkennbar, wie auch sein Beitrag im in der Amtszeit seines zweiten Direktors verbunden. Universitätsjournal (Heft 2/2011, S.16) unter Ausblendung der Die Forschung wird derzeit durch zwei weitere Wissen- noch vorhandenen Breite der Forschungsarbeit am Institut für schaftsgebiete gestützt – ökonomische Theoriegeschichte Wirtschaftspolitik belegt. und evolutorische Ökonomik. Alfred Müller-Armack, anlässlich dessen 100. Geburtstags das Institut eine internationale Prof. Dr. Friedrun Quaas vom Institut für Wirtschaftspolitik Konferenz durchführte, hat die Soziale Marktwirtschaft als der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hat diesen Beitrag eine »offene Stilidee« konzipiert, wodurch die Anwendung in Ergänzung zum Schwerpunktthema »Marktchancen – der historisch-evolutorischen Methode unter Beachtung der Verbindungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft« Bedingungen des Wandels für die Systemstabilität geradezu geschrieben. journal Universität Leipzig 4/2011

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Titelthema Personalia

Neu berufen us der Schweiz, genauer aus Fiesch in den Walliser Alpen, kam der Veterinärmediziner Iwan A. Burgener zum 1. April 2011 auf die neu eingerichtete Professur für die Innere Medizin der Kleintiere. »Die Professur entspricht genau meinem Profil. Mit der Inneren Medizin von Kleintieren beschäftige ich mich bereits seit vielen Jahren intensiv«, so der Professor. Dieses Fach als Erstberufung aufzubauen, sei eine vielversprechende Option: »Es ist sehr reizvoll, dieses Gebiet neu zu gestalten und eigene Ideen in Lehre und Forschung schnell und gezielt umsetzen zu können.« Professor Burgener hat an der Universität Bern Veterinärmedizin studiert mit dem ursprünglichen Ziel, als Tierarzt tätig zu werden. Nach dem Studium promovierte er in der Neuroimmunologie in Bern. Danach schloss sich ein rotierendes Internship (Universität Bern) und eine Residency in Innerer Medizin Kleintiere in Bern und den USA (Baton Rouge, Louisiana) an, welche er mit den Diplo-

Prof. Dr. Mathias Faßhauer

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wischen Wunsch und Wirklichkeit liegen manchmal Welten. Bei Mathias Faßhauer ist das anders. Er lebt den Traum, den er schon als kleiner Junge hatte. Er hat sich den Naturwissenschaften verschrieben, ist Arzt geworden und seit Anfang Juni Professor für Endokrinologie der Adipositas am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum

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Swen Reichhold

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Prof. Dr. Iwan A. Burgener

men des American (ACVIM) und European (ECVIM-CA) College of Veterinary Internal Medicine beendete. Schließlich erwarb Burgener noch den PhD an der Universität Bern und habilitierte sich dort im Bereich der caninen und felinen Gastroenterologie. Für seine neue Aufga(IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig. »Untersucht werden in den Studien zum Fettgewebe die Veränderungen der Botenstoffe, die von Fettzellen produziert werden und die zu Adipositas und ihren Folgeerkrankungen führen«, erklärt Faßhauer. Diese Botenstoffe, auch Adipokine genannt, beeinflussen beispielsweise die Appetitkontrolle oder die Glukoseaufnahme in Muskeln und Fett. Im Fokus seiner Forschung steht momentan ein spezielles Adipokin, das sogenannte adipocyte fatty acid-binding protein. Der Forscher und sein Team wollen die Funktion dieses Proteins entschlüsseln. Relevant ist das deshalb, weil dieses Adipokin im Verdacht steht, das Risiko krankhaft übergewichtiger Menschen zu erhöhen, an Diabetes mellitus, dem metabolischen Syndrom und an Atherosklerose zu erkranken. Der Adipositas-Experte erforscht außerdem, welche Rolle verschiedene Adipokine bei Diabetes und Bluthochdruck in der Schwangerschaft sowie bei Nierenfunktionsstörungen spielen.

be hat der Schweizer einiges vor: Unter anderem möchte er ein europäisch und amerikanisch anerkanntes dreijähriges Residency Programm für Graduierte einrichten, das es noch kaum in Deutschland gibt. »Dieses Programm hebt die Qualität der Ausbildung von Graduierten für eine klinische und akademische Laufbahn erheblich«. Auch in der Forschung hat der soeben 40 gewordene Burgener einiges vor: Vor allem die Gastroenterologie, beispielsweise entzündliche Darmerkrankungen bei Kleintieren ähnlich dem »Morbus Crohn« beim Menschen, sowie die Endokrinologie stehen im Mittelpunkt seines Forschungsinteresses. Auch in seiner Freizeit geht es neben Tennis und Squash um den Hund: Mit seinem ungarischen Vizsla »Seeley« hat Iwan A. Burgener sein ganz persönliches tägliches Anti-Stress-Programm gefunden. Und da so ein Hund nicht gern fliegt, geht es auf Reisen v.a. mit dem Auto durch Europa. M.R.

Mathias Faßhauer ist gerade einmal 37 Jahre alt. Als er zum Professor ernannt wurde, war er sogar noch 36. Wie man es so schnell so weit bringt? Mit Fleiß und Disziplin, aber auch mit Leidenschaft. »Als Kind wollte ich nie Lokführer oder so etwas werden. Ich habe mich schon immer für Medizin und Naturwissenschaften interessiert«, erzählt er. »Arzt stand immer auf meiner Berufswunschliste.« Als Leistungskurs im Abitur wählte er Chemie und studierte anschließend Medizin. »Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.« Ein Privileg. Im Studium entdeckte der gebürtige Hallenser sein Interesse für die Stoffwechselmedizin. Seitdem ist die Endokrinologie sein Spezialgebiet. Während eines Forschungspraktikums an der Harvard Medical School in Boston forschte er mit Fettzellen. »Fettzellphysiologie ist sehr spannend und es gibt eine Menge ungelöster Fragen«, sagt Faßhauer. Aus diesen Bereichen entwickelte sich nun sein vorrangiges Forschungsprojekt: die Endokrinologie der Adipositas. Carmen Brückner

ei einem Auslandsstudium an der Universität in Jerusalem 1995 wurde seine Leidenschaft fürs Hebräische geweckt: Dieses Jahr war für Prof. Dr. Alexander Deeg prägend. »Ich fand das so faszinierend und herausfordernd«, sagt er. Damals lernte er Neuhebräisch und tauchte in die jüdischen Gesetzestraditionen ein. Diese Faszination hat den heute 39-Jährigen nicht mehr losgelassen. Zum 1. März wurde er als Professor am Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig berufen und will unter anderem die in Jerusalem gesammelten Erfahrungen in seine Arbeit an der Alma mater einbringen. Der gebürtige Oberfranke studierte an der Universität Erlangen Theologie und war nach seinem Abschluss von 1998 bis 2000 als Vikar in einer kleinen Kirchgemeinde tätig. Dann zog es Deeg zurück an die Universität Erlangen, wo er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Lehrstuhl für Praktische Theologie unter anderem wieder mit der jüdischen Predigt und der Frage befass-

Foto: Randy Kühn

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Prof. Dr. Alexander Deeg te, was die evangelischen Theologen davon lernen können. »Das war eine spannende Forschungsarbeit. Bisher hatte sich christliche Theologie nie mit Predigten im Judentum beschäftigt«, sagt er. Von dieser Motivation angetrieben, initiierte er gemeinsame Seminare zur Predigt für Juden und Christen. Mit seinem Doktorvater Prof. Dr. Martin

Nicol bemühte sich der moderne Christ in Pfarrerfortbildungen, den oftmals in der Gesellschaft als leicht verstaubt geltenden Predigten in den evangelischen Kirchen ein etwas anderes Image zu geben. »Die Predigtrede muss mutiger, biblischer und kreativer werden«, ist Prof. Deeg überzeugt. Nach seiner Habilitation zum evangelischen Gottesdienst wechselte Deeg im Herbst 2009 in die Lutherstadt Wittenberg, wo er ein Zentrum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für evangelische Predigtkultur aufbaute. Knapp eineinhalb Jahre später folgte er dem Ruf nach Leipzig. »Ich habe unendlich viel Spaß an der Arbeit mit Studierenden«, sagt Prof. Deeg. Bei den angehenden Theologen will er die Lust wecken, inmitten unserer Gesellschaft und ihrer Herausforderungen kritisch und leidenschaftlich von Gott zu reden. Auch die Lust an der Sprache spiele dabei eine wichtige Rolle. Deshalb hat Deeg eine Kooperation mit dem Deutschen Literaturinstitut angeschoben. S.H.

Nachruf für Prof. Dr. Hans Wußing (1927–2011) Nach langer schwerer Krankheit ist der emeritierte Ordinarius für Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften und ehemalige Direktor des Karl-Sudhoff-Instituts Prof. Dr. Hans Wußing am 26. April verstorben. Wußing hat in Leipzig Mathematik, Physik und Chemie studiert und wurde 1957 mit einer Arbeit »Über Einbettungen endlicher Gruppen« promoviert. Im gleichen Jahr trat er als Assistent in das Karl-Sudhoff-Institut ein und widmete sich von da an der historischen Dimension der Mathematik. 1966 erfolgte die Habilitation über die Genese der Gruppentheorie im 19. Jahrhundert. Ab 1967 leitete Wußing im Sudhoff-Institut die Abteilung für Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften, die Berufung auf den entsprechenden Lehrstuhl erfolgte 1970. Von 1977 bis 1982 war er Direktor des Instituts.

Im Zentrum von Wußings universitärem und wissenschaftsorganisatorischem Engagement stand die Werbung für die Wissenschaftsgeschichte. Er konnte es als persönlichen Erfolg verbuchen, dass die Geschichte von Mathematik, Physik, Chemie und Biologie obligatorischer Bestandteil der Lehrerausbildung wurde. Mehr als 200 Publikationen stammen aus seiner Feder, darunter zahlreiche Bücher. Fast bis zuletzt hat er an Neuauflagen, Aktualisierungen, Überblicksdarstellungen und Handbüchern gearbeitet. Sein monumentales zweibändiges Werk »6000 Jahre Mathematik« wurde 2009 abgeschlossen; zudem leitete Wußing 1967-1998 die Redaktion der Zeitschrift für Geschichte der Naturwissenschaften, Technik und Medizin (NTM). Ab 1981 war Prof. Hans Wußing Ordentliches Mitglied der Académie Internationale d’Histoire des Sciences und

wurde 1984 als Ordentliches Mitglied in die Sächsische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Dort war er bis 1998 Vorsitzender der Kommission für Wissenschaftsgeschichte und begleitete maßgeblich das 2004 abgeschlossene Langzeitvorhaben »J. C. Poggendorff Biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften«. 1993 erhielt Wußing den renommierten Kenneth O. May-Preis der Internationalen Kommission für Geschichte der Mathematik (ICHM). Die Universität und insbesondere das Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften nimmt Abschied von einem ebenso kundigen wie liebenswürdigen Kollegen, der auch im Ruhestand dem Haus persönlich verbunden blieb und seine Erfahrung zur Verfügung stellte. Prof. Dr. Dr. Ortrun Riha

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junge kunst aus leipzig David Borgmann Mona Broschar Patrick Eicke Martin Groß Viola Große Stephan Jäschke Robert Kotsch Romy Kroppe Daniel Krüger Markus Liehr Natacha Lin Selma van Panhuis Marleen Sukale Lydia Wahrig Konrad Walkow Felix Zocher Studierende der Hochschule für Grafik & Buchkunst aus den Fachklassen von: Astrid Klein Ingo Meller Herbert C. Ottersbach Annette Schröter 30. juni  – 4. september otto-schill-straße 4 a 04109 leipzig dienstag, donnerstag bis sonntag, feiertage 10 —18 uhr mittwoch 12 — 20 uhr www.kunsthalle-sparkasse.de sparkassenkunden haben freien eintritt in die kunsthalle.* *gilt nicht für veranstaltungen

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Heft 5/2011 · www.uni-leipzig.de/journal

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Swen Reichhold

Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in der Grimmaischen Straße.

Mit Energie ins Studium! Seit über 600 Jahren investieren junge Studierende, Hochschullehrer und Wissenschaftler ihre Energie in die heute mehr als 140 Disziplinen der Universität Leipzig. Auch die Zahl der Studieninteressierten ist in den vergangenen Jahren gestiegen – für das Wintersemester 2011/2012 gingen mehr als 31.000 Bewerbungen und damit rund ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor ein. Auch das Ausbildungsangebot hat sich seit dem Einläuten der Energiewende im Bereich der erneuerbaren Energien an unserer Alma mater kontinuierlich erhöht. Erneuerbare Energien gelten als Zukunftsbranche. Ihr Ziel ist die nachhaltige Energieversorgung (durch Sonnenenergie, Windenergie, Wasserkraft oder Bioenergie). Das verfolgen Leipziger Experten in verschiedenen Fakultäten der Universität ebenso wie interdisziplinär und in Zusammenarbeit mit anderen hochkarätigen Forschungseinrichtungen: So suchen Physiker und Chemiker, die ihre Kompetenzen im 2011 gegründeten Virtuellen Institut für Energieforschung (VIER) gebündelt haben, etwa nach innovativen Lösungen für die Photovoltaik-Industrie und forschen an noch viel weitergehenden Sprunginnovationen. Zu den Schwerpunkten der Vattenfall Europe Professur für Energiemanagement und Nachhaltigkeit am Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement gehört es, das Konzept des sogenannten »Smart Grids« – die Vision eines anpassungsfähigen Netzes, das die Probleme mit dem Ausbau erneuerbarer Energien zu lösen verspricht – da-

raufhin zu untersuchen, welche technischen und regulatorischen Elemente in Abhängigkeit vom Netzausbau geschaffen werden müssen. Auch die techno-ökonomische Optimierung dezentraler Energiesysteme steht in Fokus. An Alternativen zu fossilen Energieträgern (Öl, Kohle, Erdgas) und Kernbrennstoffen forscht ebenso das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und arbeitet vor allem in den Bereichen Bioenergie und bei volkswirtschaftlichen Fragen rund um Umwelt und Energie eng mit der Universität Leipzig zusammen. Gemeinsam nähern sich die Experten der Frage, wie eine stark auf erneuerbare Energien ausgerichtete Energieversorgung aussehen könnte und welche Rahmenbedingungen diese braucht. Und nicht zuletzt ist das Institut für Informatik mit der Projekt EUMONIS an einem innovativen Verbundforschungsvorhaben beteiligt, welches an der Verbesserung regenerativer Energieanlagen arbeitet. Voller positiver Energien stecken auch die anderen Einrichtungen und Projekte, über die in dieser Ausgabe des Journals berichtet wird: wie die Research Academy Leipzig, deren erfolgreiche Nachwuchsförderung nicht nur den Promovierenden selbst, sondern der ganzen Universität zu Gute kommt oder das Forschungsvorhaben einer Gruppe von Wissenschaftlern am Paul-FlechsigInstitut für Hirnforschung, der ein wichtiger Schritt bei der Erforschung der Alzheimer-Krankheit gelungen ist. Durch den jüngsten Bewerberansturm werden am 12. Oktober 2011 wieder deutlich mehr als 6.000 Erstsemester an unserer Universität immatrikuliert. Sie können nicht nur ihre Wissensspeicher an modernen Orten des Studiums füllen, sondern auch noch woanders reichlich Energien tanken: zum Beispiel in den unzähligen Kultur- und Sportstätten, die die bunte und lebendige Universitätsstadt Leipzig zu bieten hat. Prof. Dr. Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig

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Foto: Swen Reichhold

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Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig Herausgeber: Rektorin der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl. Journ. Katrin Henneberg, Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected] Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected] Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000 Titelbild: Swen Reichhold Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei: Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected] Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 19.09.2011 ISSN 1860-6709

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Erfolgreiche Nachwuchsförderung in der Research Academy/ Reihe »Junge Wissenschaft und Praxis«. Drei Fragen an Prof. Dr. Matthias Schwarz, Leiter der Research Academy.

Ehrendoktorwürde an Geoffrey Burnstock verliehen.

Studium universale fragt im Wintersemester nach der Zeit.

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Die neue Picador-Gastprofessorin Porochista Khakpour. 10 Sonntagsgespräche finden wieder statt / Masterurkundenverleihung in Kairo.

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HDS tagt zu interdisziplinären Perspektiven guter Lehre / Hochschuldidaktisches Zertifikatsprogramm für sächsische Hochschullehrer startet. 12 Fotoausstellung zeigt Taiwan.

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Teil fünf der Serie zur Ausstellung »Brisante Begegnungen«. 14 Azubi-Tage stellen im November Berufe an der Uni vor / Tag der Promovierenden.

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Repro: Universitätsarchiv Leipzig

Impressum

Universität Leipzig auf hochkarätig besetzter GAIN-Tagung in den USA vertreten.

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Foto: HAEL YXXS 2011

Ein Drittel mehr Studienbewerber an der Universität Leipzig.

Foto: (c) BMU, Brigitte Hiss

Inhalt

Mehr Öko statt lange Leitung

Titelthema Prof. Dr. Marius Grundmann über Erneuerbare Energie.

Interview mit Prof. Dr. Daniela Thrän, Sprecherin des Departments für Bioenergie am UFZ.

Das Titelthema dieser Ausgabe widmet sich der Energie. Die aus unterschiedlichen Bereichen der Universität Leipzig zusammengetragenen Beiträge zeigen, welchen Beitrag die Forschungsschwerpunkte verschiedener Institute, Fakultäten und Einrichtungen zum künftigen, nachhaltigen Energiemix leisten können.

Wirtschaftswissenschaftliche Aspekte einer verstärkt dezentralen Energieversorgung. Neue Konzepte zur Steigerung kommunaler Energieeffizienz.

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Foto: Sebastian Stoppe

Beispielhafte Nachwuchsförderung Die zahlreichen Promotionsprogramme und weiteren Angebote für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Leipzig bescheren der Research Academy Leipzig anhaltenden Erfolg.

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Alumni-Interview mit Energieexperte Dr. Dirk Bessau. EUMONIS optimiert regenerative Energieanlagen. Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit.

Das Studium universale beschäftigt sich im Wintersemester 2011/12 mit dem Thema Zeit. Die interdisziplinäre Vorlesungsreihe gibt es inzwischen 20 Jahre.

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Ikone des Muckracking Der investigative amerikanische Journalist Joseph Lincoln Steffens starb im vergangenen August vor 75 Jahren – und war Student bei Wilhelm Wundt in Leipzig.

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Forschung

Hohe Artenvielfalt in Ökosystemen nicht ersetzbar.

Wichtiger Schritt in der Alzheimer-Forschung gelungen. Vortragsreihe blickt auf die Zeit

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Fakultäten und Institute Ehrung zum 75. Todestag des amerikanischen Journalisten Joseph Lincoln Steffens.

Kombiniertes PET/MRT-System für die Leipziger Universitätsmedizin eingeweiht. Jura-Prof. Cord Meyer hielt Antrittsvorlesung zu Stellvertreterstreiks.

Brisante Begegnung Kurz gefasst Personalia

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Foto: Christian Hüller

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Zahlreiche Interessenten besuchten den Studieninformationstag 2011.

Ein Drittel mehr Studienbewerber D

ie Zahl der Studieninteressenten an der Universität Leipzig war in diesem Jahr deutlich höher als in der Vergangenheit. Bis zum Ende der Einschreibefrist am 15. September gingen mehr als 31.000 Bewerbungen ein, wie Dr. Klaus Arnold vom Studentensekretariat der Universität Leipzig sagte. Dies ist ein Drittel mehr als im vergangenen Jahr, als 21.500 Bewerbungen registriert wurden. Vor allem aus den westlichen Bundesländern sei die Resonanz wesentlich höher gewesen als im vergangenen Jahr. Von 7.752 habe sich die Bewerberzahl auf über 15.200 erhöht. Auch etwas mehr junge Menschen aus den östlichen Bundesländern und aus dem Ausland hätten ihr Interesse an einem Studium an der Alma mater bekundet. Zurückzuführen sei dieser Trend unter anderem auf die Aussetzung der Wehrpflicht. »Der Zuwachs der männlichen Bewerber aus dem Osten ist um zehn bis 20 Prozent gestiegen«, erklärte Arnold. Durch den Ansturm auf die Universität Leipzig würden am 12. Oktober 2011 voraussichtlich auch mehr junge Menschen als im Vorjahr feierlich immatrikuliert. In 2010 waren es deutlich mehr als 6.000 Erstsemester. Für dieses Jahr rechnet Arnold mit einem leichten Anstieg. Da noch nicht alle Bewerbungen bearbeitet wurden, könne er noch keine genaue Zahl nennen.

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Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung sei der Anstieg von Neueinschreibungen aus den alten Bundesländern. Dadurch werde der demographisch bedingte Rückgang durch weniger Schulabsolventen aus den neuen Bundesländern mehr als kompensiert. Ein Anstieg der Bewerberzahlen, der direkt auf die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen zurückzuführen ist, lässt sich Arnold zufolge nicht erkennen. Nahezu in jedem westlichen Bundesland habe sich die Zahl der Bewerber im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Bereits seit mehreren Wochen vergeben sind die Studienplätze in den Fächern mit Numerus Clausus (NC), bei denen sich über 23.000 junge Menschen auf die 1989 Plätze beworben haben. »Psychologie war hier der Renner«, sagte Arnold. Auf die 75 Studienplätze seien 3.663 Bewerber gekommen. Besonders begehrt gewesen seien auch die Studiengänge Kommunikationswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Lehramt (zum Beispiel im Fach Deutsch). Bei den nicht zulassungsbeschränkten Studienfächern sei Rechtswissenschaft mit Abstand am beliebtesten gewesen, gefolgt vom ebenfalls sehr beliebten Fach Geschichte. Susann Huster

Foto: Swen Reichhold

Besserer Informationsfluss über den Atlantik Universität Leipzig auf hochkarätig besetzter GAIN-Tagung in den USA vertreten Der Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung, Prof. Dr. Matthias Schwarz, gehörte zum exklusiven Teilnehmerkreis des Treffens.

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ie Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Jobchancen für junge Postdoktoranden sowie Gespräche mit hochrangigen Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft standen im Mittelpunkt einer hochkarätig besetzten Konferenz vom 2. bis 4. September 2011 in San Francisco (USA). Die Universität Leipzig wurde auf dieser Jahrestagung des Netzwerks GAIN (German Academic International Network) vom Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung, Prof. Dr. Matthias Schwarz, vertreten. Ein Ziel des Treffens im exklusiven Teilnehmerkreis war es, derzeit in den USA arbeitende deutsche Wissenschaftler für eine spätere Forschungstätigkeit in Leipzig zu interessieren. Die Alma mater gehörte zu den 25 führenden deutschen Universitäten, die in San Francisco vertreten waren. Bei individuellen Gesprächen wurden wertvolle Kontakte geknüpft, berichtete Schwarz, der von der Qualität der dort versammelten etwa 300 Wissenschaftler beeindruckt war. »Es fiel auf, dass Lebenswissenschaften wie Biologie und Medizin stark, die Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen kaum vertreten waren«, sagte der Prorektor. Er habe an jedem der drei Konferenztage zahlreiche Gespräche am Rande verschiedener Workshops geführt, sich mit Postdoktoranden und wichtigen Vertretern anderer deutscher Universitäten unterhalten. Auf einem der Workshops hat Schwarz selbst die Universität Leipzig im Podium präsentiert. Ein wichtiges Thema war dabei unter anderem das Mentoring für junge Nachwuchswissenschaftler gewesen. »Das ist ein Karriereberater – ein relativ neues Thema, das an anderen Universitäten schon mehr ausgebaut ist als bei uns«, sagte Schwarz, der den jungen Wissenschaftlern aus seiner eigenen Erfahrung berichten konnte:

Von 1997 bis 1999 war er als Assistant Professor an den Universitäten von Stanford und Chicago tätig. Durch ein breites wissenschaftliches Netzwerk schaffte er erfolgreich den Schritt zurück nach Deutschland, wo er nach einem Jahr im Leipziger Max-Planck-Institut im Jahr 2000 als Mathematik-Professor an die Universität Leipzig berufen wurde. Ein weiterer Schwerpunkt der Gespräche in San Francisco war die Einbindung von Nachwuchswissenschaftlern in die Lehre. Diskutiert wurde dabei unter anderem die Frage, inwieweit Fortgeschrittene als Promotionsbetreuer tätig sein dürfen. »Es gibt zu wenig qualifizierte Stellen für Nachwuchswissenschaftler«, betonte der Prorektor, für den Tagungen wie diese zum Aufbau wissenschaftlicher Netzwerke unschätzbar wichtig sind. Das zeigte sich auch bei einem Empfang im deutschen Generalkonsulat in der kalifornischen Stadt. Dort bot ihm eine Mitarbeiterin an, künftig Wissenschaftlern der Universität Leipzig bei ihren Aufenthalten in den USA nützliche Kontakte zu vermitteln. Organisiert wurde die Jahrestagung vom Netzwerk GAIN – einer Gemeinschaftsinitiative, der unter anderem die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutschen Akademischen Austauschdienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Hochschulrektorenkonferenz angehören. GAIN dient als Forum zur Vernetzung deutscher Wissenschaftler in Nordamerika und als Plattform für einen besseren Informationsfluss über den Atlantik. Im kommenden Jahr wird sich die Universität Leipzig nach den Worten von Prof. Schwarz wieder auf der Jahrestagung präsentieren, die dann in Boston stattfinden wird. SH

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Reihe »Junge Wissenschaft und Praxis« Seminar der Research Academy Leipzig beschäftigte sich mit dem Thema »Wissensgesellschaft und Expertentum«

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eit ihrem Bestehen organisiert die Research Academy mit Unterstützung der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung und der Heinz-Nixdorf-Stiftung im Rahmen der Universitas-FörderInitiative die Seminarreihe »Junge Wissenschaft und Praxis« in Leipzig. Am 24. und 25. Juni kamen dafür zirka 40 Promovierende im Breitenfelder Hof im Leipziger Norden zusammen, um sich mit erfahrenen Forschern über ein Thema interdisziplinär auszutauschen. In diesem Jahr drehte sich alles um »Wissensgesellschaft und Expertentum«. Die Wissenschaftler aus Leipzig und von anderen Universitäten beschäftigten sich aus theoretischer und praktischer Perspektive mit diesem Thema. Prof. Dr. Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, stellte die grundsätzliche Frage nach der Bedeutung der Begriffe »Wissen«, »Gesellschaft« und »Universität« und welchen Herausforderungen letztere aktuell gegenüber steht. Thematisch daran anschließend referierte Dr. Dagmar Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung über das schwierige Verhältnis zwischen Unternehmen und Wissenschaft. Sozialen und virtuellen Räumen in der Wissensgesellschaft widmeten sich Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, Prof. Dr. Sebastian Lentz vom Leibniz-Institut für Länderkunde und Andreas Möllenkamp. Andere Aspekte der Wissensgesellschaft standen bei den Vorträgen um die Entwicklung der Bioökonomie (Prof. Dr. Thomas Hirth, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik), über den Umgang mit dem Klimawandel (Ulrike Heine, Universität Gießen) und die Rolle evidenzbasierter Medizin für die Arzt-Patienten-Beziehung (Prof. Dr. Wieland Kiess, Universitätsklinikum Leipzig) im Mittelpunkt. Einer der Höhepunkte war ein von der Doktorandenvertretung der Research Academy sowie von der Internationalen Doktorandeninitiative organisierter Round Table mit internationalen Promovierenden zum Thema »Brain Drain«. Über die anregenden Vorträge und anschließenden Diskussionen hinaus wurde auch 2011 der informelle Austausch am Freitagabend sowie in den gemeinsamen Pausen gepflegt. Karoline Darmüntzel, Kathleen Schlütter

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Ein angeregter Austausch von Promovierenden und Wissenschaftlern fand beim Seminar »Junge Wissenschaft und Praxis« statt.

Erfolgreiche Nachwuchsförderung D

ie Research Academy Leipzig bündelt Promotionsprogramme und greift den klassischen, fachübergreifenden Akademiegedanken auf – Evaluation im Herbst 2011 Franka S. Schaebs schätzt die Atmosphäre in ihrem Graduiertenprogramm sehr: »Mit den anderen Promovierenden kann man sich interdisziplinär austauschen, man lernt über den Tellerrand hinaus zu schauen, und wir greifen uns auch motivierend unter die Arme.« Seit Herbst 2009 ist Schaebs Doktorandin der International Max Planck Research School »Human Origins«, einem Gemeinschaftsprojekt des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Leipzig. Dieses und andere Programme zur strukturierten Graduiertenausbildung sind zusammengefasst in der Research Academy Leipzig. Prof. Dr. Martin Schlegel rief sie 2006 als damaliger Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs zusammen mit den Sprechern der einzelnen Promotionsprogramme ins Leben. Die Academy soll für die gesamte Universität die Organisation international ausgerichteter Graduiertenprogramme zentral und effizient steuern. Doch die Bedeutung der Academy geht darüber hinaus. »Uns war wichtig, ein Fo-

Foto: Kristin Baumert

Drei Fragen an … den Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung und Leiter der Research Academy Leipzig, Prof. Dr. Matthias Schwarz

rum zu schaffen, das zwischen etablierten Forschern und den bestqualifizierten Promovierenden eine Lerngemeinschaft auf Zeit herstellt«, so Schlegel. Mit der Gründung der Academy gehöre man deutschlandweit zu den ersten Universitäten, die eine fakultätsübergreifende Einrichtung für Promotionsprogramme gründete. Heute besteht die Research Academy aus dem Graduiertenzentrum (GZ) Mathematik/Informatik und Naturwissenschaften, dem GZ Lebenswissenschaften und dem GZ Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Zentren setzen sich aus einzelnen Klassen zusammen, etwa die Graduiertenschule BuildMoNa oder das Graduiertenkolleg »Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik«. Auch die Research School, in der Schaebs Mitglied ist, gehört dazu. Ihre Dissertation schreibt Schaebs über entwicklungsabhängige Schwankungen in Testosteron- und Cortisolleveln von männlichen Weißschulterkapuzinern. Um sich auch außerhalb ihres Faches weiterzuentwickeln, hat die Doktorandin schon diverse Angebote aus dem Fächerübergreifenden Qualifizierungsprogramm der Research Academy in Anspruch genommen. Das sind etwa Workshops zum wissenschaftlichen Schreiben und Publizieren, zu Rhetorik und Präsentationstechniken, zum Zeit- und Selbstmanagement oder zu Intercultural Communication. »Ein gutes Konzept und eine gute Möglichkeit sich weiterzubilden und dazuzulernen«, so Schaebs. Die Research Academy greift hier den klassischen Akademiegedanken auf. »Promovierende aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kommen hier zusammen und tauschen sich

Frage: Was leistet die Research Academy für den wissenschaftlichen Nachwuchs? Prof. Dr. Matthias Schwarz: Ein besonderer Aspekt unter vielen liegt in den Angeboten an Infrastruktur. Gerade am Anfang helfen wir den Doktoranden, sich in der ersten Promotionsphase zu orientieren: Was muss ich für die Promotion erbringen? Wo bekomme ich Unterstützung? Wer hilft mir bei Fragen? Hier sind die Mitarbeiter der Research Academy die zentralen Ansprechpartner für Promovierende, die Rat suchen. Hinzu kommen dann spezielle Angebote wie unsere Kleinkindbetreuung durch eigene Tagesmütter. Wir möchten damit einen Beitrag leisten, Familie und wissenschaftliche Karriere zu verbinden. Die Research Academy wird demnächst evaluiert. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung? Wir haben in den letzten fünf Jahren eine Einrichtung geschaffen, welche in der Qualifizierung von wissenschaftlichem Nachwuchs eine deutschlandweit wichtige Entwicklung mitträgt. Als Gründungsmitglied von UniWiND steht die Universität Leipzig mit ihrer Research Academy hier in der vordersten Reihe und kann sich über die positive Sichtbarkeit sehr freuen. Diese Entwicklung umfasst die Integration der strukturierten Graduiertenprogramme und diese Struktur wird nun bewertet. Die Research Academy hat durchaus auch das Potential sich zu einer Struktur weiterzuentwickeln, die für alle Promovierenden und promovierten Nachwuchswissenschaftler in Leipzig offen ist. Die Kompetenzschule ELSYS stellt ein solches offenes Angebot einer umfassenden Serviceeinrichtung innerhalb der Research Academy dar. Welchen Nutzen hat die Universität von der Research Academy? Die Research Academy ist das Gütesiegel für die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Die hier in den strukturierten Programmen und der Kompetenzschule vermittelten Qualifikationen werden neben der wissenschaftlichen Exzellenz von späteren Arbeitgebern immer intensiver nachgefragt. Natürlich wird die primäre Leistung und Qualität zunächst und vor allem von den einzelnen strukturierten Promotionsprogrammen – den im harten Wettbewerb eingeworbenen Graduiertenkollegs, Internationalen Promotionsprogrammen et cetera – getragen. Aber auch umgekehrt erleben wir immer stärker bei entsprechenden Begutachtungen, wie sich die Research Academy mit ihren zusätzlichen Strukturen und als Gütesiegel sehr hilfreich bewährt. Ihre Außenwirkung wirkt positiv auf die Universität als Ganzes zurück. Vielen Dank für das Gespräch. Interview: Sebastian Stoppe

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Ehrendoktorwürde für Geoffrey Burnstock D

ie Medizinische Fakultät hat die Ehrendoktorwürde an Professor emeritus Geoffrey Burnstock, Präsident des Autonomic Neuroscience Centre an der Royal Free & University College Medical School in London verliehen. Er gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftler und Wegbereiter bei der Erforschung von Signalwegen im Organismus. Anlass für die höchste akademische Ehrung, die eine Fakultät vergeben kann, sind Burnstocks epochale Entdeckungen, die bis heute Auswirkungen auf die medizinische Forschung haben. Er hat grundlegend die Sichtweise auf neurochemische Signalübertragungen verändert. Der Begriff »purinergic signaling« wurde von ihm geprägt. Er beschreibt die Bedeutung von ATP (Adenosintriphosphat), das innerhalb der Zelle der Energiespeicherung dient, aber aus der Zelle herausströmend als Botenstoff zwischen einzelnen Zellen wirkt. Im Nervensystem werden solche chemische Substanzen als Neurotransmitter bezeichnet. Durch seine Entdeckung wurde auch das Verständnis für Signale mit Auswirkungen auf den Blutkreislauf, im Sekretierungs- und Immunsystem geschärft ebenso wie für neurodegenerative Krankheiten. Auf diesem Gebiet gehört er zu den meist zitierten Forschern weltweit. Burnstocks Darstellung dieser Vorgänge hatte in den 70er Jahren für viel Aufsehen und kontroverse Diskussionen gesorgt. Seine Hypothese wurde viele Jahre von (inter)nationalen Wissenschaftlern abgelehnt, bis ihm schließlich der Beweis für deren Stichhaltigkeit gelang. Indem er unterschiedlichste Forscher zusammenführte, gehört er zu den Wegbereitern eines multidisziplinären Ansatzes in der biologischen Forschung. Er vereinigte Pharmakologen und Molekularwissenschaftler

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Fertig promoviert ist Franka S. Schaebs in ein bis zwei Jahren, schätzt sie. Später möchte sie am liebsten weiterhin in der Forschung tätig sein, kann sich aber auch vorstellen für den Tier- und Naturschutz zu arbeiten. Schlegel hat die Verantwortung mittlerweile an Prof. Dr. Matthias Schwarz übergeben, seinen Nachfolger im Amt des Prorektors. Und für die Research Academy steht in diesem Herbst die Evaluation an. Die Academy stehe für eine erfolgreiche Nachwuchsförderung. »Ihre Außenwirkung und Präsenz wirkt auf die Universität als Ganzes«, ist sich Schlegel sicher. Karoline Darmüntzel, Sebastian Stoppe

Foto: Steffi Engel

aus. Das erweitert den Horizont ungemein«, ist Schlegel der Meinung. Mit der jüngsten Einrichtung an der Research Academy, der Kompetenzschule »Employability and Leadership Skills for Young Saxon Researchers« (ELSYS), öffnet sich die Academy nun auch jenen Promovierenden in Leipzig, die nicht in einem strukturierten Programm sind. Sie will Promovierende gerade im Hinblick auf ihre spätere Karriere weiterbilden. »Das letzte Jahr hat gezeigt, dass Promovierende eine Anlaufstelle wie die Kompetenzschule dringend brauchen. Für sie ist es essentiell, auch während des Forschens für ihre Doktorarbeit nicht den Blick in die Zukunft zu verlieren«, sagt Schlegel.

Prof. Dr. Beate Schücking und Prof. Dr. Joachim Thiery überreichten Professor emeritus Geoffrey Burnstock im Juli die Promotionsurkunde und Ehrenmedaille.

ebenso wie Elektrophysiologen, Biochemiker und -physiker. Weil er zum Medizinstudium nicht zugelassen wurde, begann der 82-jährige Brite seine Laufbahn am Londoner Kings College mit einem Studium der Theologie, Mathematik und Physik, gefolgt von einem Abschluss in Zoologie. Nach ersten Erfahrungen gelang ihm der Quereinstieg in die Medizinforschung in den Bereichen Physiologie und Pharmakologie. Er nimmt bis heute eine Vielzahl von Ämtern wahr und begleitet zahlreiche Forschungsarbeiten, so auch die in Leipzig. Die Verbindung zur Medizinischen Fakultät besteht darin, dass Burnstocks Erkenntnisse den Impuls für die Forschergruppe »Neuronale und gliale P2-Rezeptoren/ Molekulare Grundlagen und funktionelle Bedeutung« gegeben haben. Deren Ziel ist es unter anderem, die Bedeutung und das internationale Ansehen der deutschen Forschung zu purinergen Mechanismen zu stärken und das unter besonderer Beachtung des zentralen Nervensystems. Die Vielzahl an relevanten Ergebnissen mündete jüngst in einer Förderverlängerung bis 2013. Anlässlich seiner Auszeichnung hat Burnstock in einem sehr persönlichen Vortrag über die Mühen berichtet, bis die purinerge Hypothese von anderen Wissenschaftlern akzeptiert wurde. Die Laudatio hielt der ehemalige Direktor des Leipziger Rudolf-Boehm-Institutes für Pharmakologie und Toxikologie, Prof. em. Peter Illes. Er war Gründer und erster Sprecher der Forschergruppe in Leipzig. Anke Gutschale/ Diana Smikalla

Verweile doch, … Studium universale fragt im Wintersemester nach der Zeit

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Verweile doch, du bist so schön!«; rief der Doktor Faust, weil er die Zeit anhalten wollte. Wir sind eher zerrissen: Auch wir würden gern den Augenblick retten und genießen, zugleich zieht uns ein Sog fort, der Sucht genannt werden kann – die Beschleunigung. Wenn einem die Bälle, so sagt der Jongleur, zu hoch laufen, dann hilft nur eins: langsamer werden. Angesichts der sich spiralförmig fortschraubenden Finanzkrisen und zunehmender burn-outs sollten wir diese Maxime ernst nehmen und die Vorgänge in uns und um uns verlangsamen. Die Beobachtung und Analyse solcher Vorgänge kann ein erster Beitrag zur Entschleunigung sein. Das Studium universale will eben dies im neuen Semester tun, indem es nach der Zeit fragt – und bringt uns in die schwierige Lage, die schon der Kirchenvater Augustinus vor 1.600 Jahren im 11. Buch seiner Bekenntnisse formulierte: »Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht […] Jene beiden Zeiten also, Vergangenheit und Zukunft, wie kann man sagen, dass sie sind, wenn die Vergangenheit schon nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?« So fragen wir in diesem Semester nach den zeitlichen Bedingungen unseres Daseins, des geschichtlichen wie biologischen, des globalen wie ethnischen. Wie funktioniert eigentlich eine Uhr? Wie erfahren australische Aborigines die Zeit? Was ist die Zeit in der Physik und wie sieht eine literarische Zeitmaschine aus? Wie erleben wir private und kollektive Zeitenwenden? Ist Verlangsamung die Lösung oder nicht vielmehr: die angemessene Zeitform zu finden?

Fremden, widmete sich dem Chaos und Spiel, der Arbeit, Ernährung und Bildung. Wissenschaft selbst wurde 2000 und im Jubiläumsjahr 2009 thematisiert. Ein großer Erfolg war die Reihe über den Weltraum, in der uns der erste Deutsche im All besuchte (Sigmund Jähn) und zu erfahren war, warum die Amerikaner den Mond in diesem Jahrzehnt nicht mehr erreichen werden. »Verweile doch …«, möchte man nach vielen Vorträgen sagen, und dieser Wunsch kann teilweise erfüllt werden, denn die meisten sind in den Universitätsschriften veröffentlicht worden. Seit Neuerem erscheinen die Publikationen des Studium universale im Peter Lang Verlag, bislang zu den Themen Wasser, Glück und Geheimnis. Ein Band über Grenze und Selbstbefragung der Wissenschaft ist in Vorbereitung. Prof. Dr. Elmar Schenkel, Leiter des Studium universale und Professor für Englische Literaturwissenschaft am Institut für Anglistik

Motiv: HAEL YXXS 2011, Internet: www.hlxx.de

20 Jahre Studium universale

Die Ringvorlesung im Wintersemester 2011/12 ist zudem ein Ereignis, das von der Zeit gesegnet ist: Wir feiern zwanzig Jahre Bestehen des Studium universale an der Universität Leipzig! 1991 trat es mit dem Anspruch an, Wissenschaft ohne Ideologie zu betreiben, zumal nach der Wende immer wieder versucht werden sollte, unter dem Deckmantel des Studium universale die alte Lehre zu praktizieren. Unter der Leitung der Ägyptologin Elke Blumenthal entwickelte sich über die Jahre eine Reihe, in der die Disziplinen zu Worte kamen, in der gestritten und gelernt wurde und die eine Ausstrahlung auf das geistige Leben in der Stadt gewann. Zugleich wurde das Studium universale, das von 2000 bis 2005 vom Mineralogen Klaus Bente geleitet wurde, zu einem Schaufenster der Universität für die Stadt. Hier konnte man sich erkundigen: Worüber denken Wissenschaftler derzeit nach, wie verarbeiten sie – jenseits der aktuellen Tagespolitik – die großen gesellschaftlichen, technischen und ästhetischen Fragen. Die erste Reihe begann mit einem Gongschlag: »Was ist der Mensch?« Danach fragte man nach der Vergangenheit und dem journal Universität Leipzig 5/2011

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Die iranisch-amerikanische Autorin Porochista Khakpour ist in diesem Semester Gastprofessorin der Universität Leipzig.

Die Bindestrich-Autorin I

n diesem Wintersemester wird die Picador-Gastprofessur am Institut für Amerikanistik zum elften Mal besetzt. Porochista Khakpour, eine iranisch-amerikanische Autorin, wird in Leipzig zu Gast sein. Die junge Autorin wurde 1978 in Teheran geboren und wuchs in der Nähe von Los Angeles auf. Nach Stipendien für Writing- und Creative Arts-Seminare an der John Hopkins Universität und der Sewanee Writers Conference veröffentlichte Porochista Khakpour 2007 ihren Debut-Roman »Sons and other flammable objects« mit breiter Anerkennung in literarischen Kreisen und großem Erfolg. Der Roman wurde als »New York Times Editor´s Choice« ausgezeichnet. Aufgrund ihrer lebendigen Darstellung der Charaktere, ihrer präzisen, klaren Sprache und der Gleichzeitigkeit aus Humor und Melancholie gilt sie als ein Ausnahmetalent. Ihr Schreiben nutzt die Autorin zur Überwindung von Stereotypen, um so eine neue Perspektive auf die iranische Kultur zu eröffnen. Im Roman geht es um einen jungen, im Iran geborenen Mann, der nach New York auswandert. Dort versucht er, sich vollständig von seinen iranischen Wurzeln zu lösen, stellt jedoch fest, dass der Iran ihn nicht loslässt und er ein Mann mit zwei Kulturen, ein Bindestrich-Amerikaner, bleibt. Die Autorin rückt wie in Marjane Satrapi‘s »Persepolis« die Innenansichten und Vielschichtigkeit der »fremden« Kultur mehr in den Mittelpunkt, weg von stereotypen Außenansichten, mit der Besonderheit, sich auf eine männliche Hauptfigur zu fokussieren.

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Porochista Khakpour veröffentlichte zahlreiche andere Arbeiten (Essays, Kolumnen und Rezensionen) unter anderem in der New York Times, Los Angeles Times sowie in Poets and Writers. In den USA gab sie bereits Kurse in Creative Writing und Literatur an verschiedenen Universitäten, zuletzt an der Santa Fe University of Arts and Design. Im Rahmen der Picador-Gastprofessur bietet sie an der Universität Leipzig zwei Seminare für Studierende an: »The Hyphenated American: Contemporary American Immigrant Narratives«, eine exemplarische Einführung in die amerikanische Literatur immigrierter Autoren und das praxisbezogene Seminar »Workshop in Short Literary Prose«. Die 2006 eingerichtete Picador-Gastprofessur am Institut für Amerikanistik ist in einer Zusammenarbeit der Universität Leipzig, dem DAAD (Deutschen Akademischen Austauschdienst), dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und dem amerikanischen Picador-Verlag entstanden. Petra Scheunemann Live-Tipp: Wer Porochista Khakpour live erleben möchte, hat dazu am 28. November 2011 die Möglichkeit. In der Skala, Schauspiel Leipzig, wird die Autorin um 20 Uhr eine Lesung mit anschließendem Gespräch halten. Der Eintritt zu dieser Lesung in englischer Sprache ist frei.

Foto: Christian Hüller

Foto: Glenn Koenig

UniVersum

Sonntagsgespräche finden wieder statt Hamburger Historiker Karl-Heinz Roth am 6. November zu Gast

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as »Sonntagsgespräch« nimmt im Wintersemester seine Arbeit wieder auf. Rektoratswechsel und Terminschwierigkeiten unserer Gäste hatten unserem kleinen Unternehmen eine Verschnaufpause verordnet. Nun geht es weiter. Theodor W. Adornos Überzeugung »Wenig übertreibt, wer den neuzeitlichen Begriff der Vernunft mit Kritik gleichsetzt« dient unserer Reihe weiterhin als Leitstern. Wir laden an zwei Sonntagen des jeweiligen Semesters intellektuelle Zeitgenossen ein, die aktuelle gesellschaftliche Themen in unkonventioneller Weise zuspitzen, um neue Erkenntnisse und Einsichten zu vermitteln. Richtig am Platz ist also, wer sich in seinen Meinungen irritieren lassen, im besten Fall klüger werden will. Im Wintersemester wird zunächst der Hamburger Historiker Karl-Heinz Roth zu Gast sein. Er spricht am 6. November zum Thema »Die globale Krise – von unten« – und hat in seinen letzten Büchern »Der Zustand der Welt« (2005) und »Die globale Krise. Band 1« (2009) eine vergleichende Betrachtung der Krisenzyklen des 19. und 20. Jahrhunderts vorgenommen und diese Perspektive mit der Frage verknüpft, wie die Objekte der aktuellen Krise zu Subjekten einer eigenständigen Politik werden können.

Am 29. Januar 2012 wird Jürgen Krysmanski, emeritierter Professor für Soziologie der Universität Münster, über »Die Reichen und die Superreichen« reden. Angesichts der sogenannten Schuldenkrise gerät ein wenig aus dem Blick, wer der Nutznießer der Politik der letzten zwei Jahrzehnte war und ist. Diesen Oligarchen, Plutokraten und Superreichen ist Krysmanski seit langem auf der Spur, zuletzt in seinem großen Buch »Hirten und Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen (2009). Von den Ergebnissen dieser Spurensuche wird er berichten. Der Ort bleibt der gleiche: Die Veranstaltungen finden wie bisher ab 12 Uhr im Geschwister-Scholl-Haus der Universität Leipzig, Ritterstraße 8-10, statt. Ebenso die Absicht: Universitäten praktizieren den öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Freimut und Ausdruckskraft, Mündigkeit und Kritikfähigkeit bilden unverzichtbare Facetten einer demokratischen Subjektivität. Das »Sonntagsgespräch« wird weiterhin seinen Beitrag zu dieser Haltung leisten. Ulrich Brieler, Wissenschaftlicher Leiter des Sonntagsgesprächs

Masterurkunden in Kairo verliehen S

eit drei Jahren gibt es den gemeinsamen Masterstudiengang »Deutsch als Fremdsprache im arabisch-deutschen Kontext«. Viele bürokratische, logistische und finanzielle Hürden wurden genommen, ehe die ersten Studierenden sich einschreiben konnten, viel konzeptuelle Arbeit steckt im Studiengang, der Sprach- und Kulturmittler im deutsch-arabischen Kontext ausbilden soll. Angeboten wird der Studiengang vom Exzellenzzentrum für Deutsch und Arabisch als Fremdsprache an der Pädagogischen Fakultät der Ain-Schams-Universität Kairo – mit über 200.000 Studierenden eine der größten Universitäten weltweit – und dem Herder-Institut der Universität Leipzig. Im Herbst 2010 war es bereits soweit: Die ersten Absolventen beendeten erfolgreich ihr Masterstudium. Für März dieses Jahres war die feierliche Verleihung der Masterurkunden geplant, doch dann kam nichts Geringeres als eine Revolution dazwischen. Besorgt und hoffnungsvoll fieberten in Kairo und Leipzig Studierende wie Lehrende während des »ägyptischen Frühlings« mit, am Ende machte sich Erleichterung über den Erfolg der Demokratiebewegung breit. In einer feierlichen

Zeremonie Ende Mai überreichte die Generalsekretärin des DAAD, Dr. Dorothea Rüland, zusammen mit dem ehemaligen Vize-Präsidenten der Ain-Schams-Universität, Prof. Dr. Mohammed El Tayeb, und seinem Nachfolger, Prof. Dr. Mohammed Salama, die ersten Masterurkunden. Die Studiengangsleiter, Prof. Dr. Iman Schalabi (Kairo) und Prof. Dr. Christian Fandrych (Leipzig) betonten in ihren Ansprachen den intensiven Austausch auf allen Ebenen, der die Grundlage des gemeinsamen Studiengangs ist. Seine Qualität wird auch durch die enge Kooperation mit wichtigen Partnerinstitutionen, wie dem Goethe-Institut und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, gesichert. Der DAAD fördert ihn sowohl finanziell wie personell. »Ich wünsche mir, dass dieses Beispiel eines bikulturellen Studiengangs Schule macht. Hier gibt es in der neuen ägyptischen Gegenwart noch enorm viel Potenzial«, sagte Dr. Christian Hülshörster, Leiter der Gruppe Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten beim DAAD in Bonn. Prof. Dr. Christian Fandrych, Herder-Institut der Philologischen Fakultät

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HDS tagt zu interdisziplinären Perspektiven guter Lehre – Anmeldung noch möglich

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ehrende an Universitäten und Hochschulen stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie sollen sowohl Experten ihres Fachs als auch didaktische Talente in der Lehre ihrer Disziplin sein. Seit der Bologna-Reform wird den Studien- und Lehrbedingungen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt, die Umstellung der Studiengänge ging allerdings mit erhöhten Anforderungen in Lehre und Studium einher. Einzelne Lehrende, Institute, Fakultäten und Hochschulen reagieren – in der Reform der Reform – mit vielfältigen Ideen zur Verbesserung der Studienbedingungen vor Ort. Die identifizierten Probleme stellen sich in einigen Fällen als fächerübergreifende Herausforderungen dar, andere wiederum haben fachspezifische Ursachen. Genauso finden sich auch die Lösungswege hin zu einer erfolgreichen Lehrpraxis im Austausch innerhalb und zwischen den Disziplinen. Die in Dresden stattfindende 2. HDS-Jahrestagung »Inter::Disziplinäre Perspektiven guter Lehre« am 4. November 2011, in Kooperation mit der TU Dresden, dient als Forum, um erprobte Konzepte zu verbreiten, bestehende Ansätze zu diskutieren und neue Ideen zu generieren. Damit richtet sie sich an alle Lehrenden sächsischer Hochschulen und lädt dazu

ein, Wissen und die eigenen Erfahrungen zu teilen und gemeinsam im Sinne eines »shift from teaching to learning« weiterzuentwickeln. Dr. Johannes van Keulen (Universität Utrecht) führt mit seinem Vortrag zum Thema »Gute Hochschuldidaktik muss fachübergreifende und fachspezifische Aspekte der Lehre berücksichtigen« in die Tagung ein. In sechs Sitzungen werden fachbezogene und -übergreifende Aspekte aus der Lehrpraxis in den Blick genommen. Studentische Berichterstatter werden die verschiedenen Diskussionen anschließend auf einer abendlichen Abschlussveranstaltung vorstellen. Gerahmt wird die Tagung durch den Markt der Möglichkeiten, der Gelegenheit bietet, sich über neue Formate des Lehrens und Lernens zu informieren, bestehende Netzwerke und Institutionen in Sachsen kennenzulernen und mit Akteuren der Hochschuldidaktik ins Gespräch zu kommen. Eine Anmeldung ist noch bis zum 31. Oktober 2011 möglich unter: Benjamin Engbrocks, Hochschuldidaktisches Zentrum Sachsen www.hochschuldidaktik-sachsen.de

Hochschuldidaktisches Zertifikatsprogramm für sächsische Hochschullehrer startet

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m Wintersemester 2011/12 startete das hochschuldidaktische Zertifikatsprogramm für Lehrende an sächsischen Hochschulen. Das Hochschuldidaktische Zentrum Sachsen (HDS) bietet Hochschullehrern damit die Möglichkeit, in einem strukturierten und umfassenden Qualifizierungsprogramm die eigene Lehrkompetenz weiterzuentwickeln. Nach der erfolgreichen Pilotphase von hochschuldidaktischen Angeboten 2010 bieten das HDS und die kooperierenden Hochschulen in diesem Jahr mehr als 40 Seminare für Lehrende in Sachsen an. In drei Modulen werden grundlegende didaktische Kompetenzen vermittelt sowie der Einsatz von innovativen Lehr-Lern-Formaten in der Hochschullehre ermöglicht und gefördert. Nach einer individuellen Weiterbildungsberatung können die Lehrenden im Zertifikatsprogramm nicht nur aus einem vielfältigen Seminarangebot auswählen, sondern hospitieren auch in Lehrveranstaltungen ihrer Kollegen und nehmen an kollegialen Beratungsrunden teil. Das Zertifikatsprogramm des HDS bietet eine an bundes-

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weiten und internationalen Standards orientierte hochschuldidaktische Qualifizierung. Es ist berufsbegleitend konzipiert und richtet sich vorrangig an Doktoranden/-innen, wissenschaftliche Mitarbeiter/-innen, Juniorprofessoren/-innen, Neuberufene sowie Lehrbeauftragte, steht jedoch prinzipiell allen Lehrenden sächsischer Hochschulen offen. Die Anmeldungen hierzu laufen derzeit. Das Hochschuldidaktische Zentrum Sachsen (HDS) hat den Auftrag, mit seiner Arbeit zur Verbesserung der Hochschullehre in Sachsen beizutragen. Es wird als (erste) gemeinsame zentrale Einrichtung von insgesamt dreizehn Hochschulen in Sachsen betrieben und finanziell von den Hochschulen und dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst getragen. Die Geschäftsstelle des HDS hat ihren Sitz an der Universität Leipzig. MR www.hochschuldidaktik-sachsen.de

VIII. Leipziger Universitätsmusiktage Die malerische Bagua-Teeplantage in den Bergen des Landkreises Nantou ist ein beliebtes Reiseziel von Teefreunden.

Taiwan in Leipzig Fotoausstellung zum Thema »100 Jahre Republik China« ab Oktober im Hörsaalgebäude

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us Anlass des hundertsten Geburtstags der Republik China (Taiwan) präsentiert die Taipeh Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland – offizielle Repräsentanz des Landes – vom 17. Oktober bis 14. November 2011 die sehenswerte Fotoausstellung »100 Jahre Republik China« an der Universität Leipzig. Interessierte Besucher können anhand der vierzig ausgewählten Schwarzweiß- und Farbfotografien eine Reise durch die vergangenen hundert Jahre der Republik China erleben. Die Ausstellung spiegelt das ganze Spektrum der historischen Entwicklung der Inselrepublik wider – von ihrer Gründung im Jahr 1912 über die Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur heutigen hochindustrialisierten Markwirtschaft und ersten Demokratie Asiens. Die beeindruckenden Bilder zeigen die Anfänge als armes Agrarland, die späteren wirtschaftlichen und technologischen Errungenschaften und vielfachen Leistungen auf unterschiedlichen kulturellen Gebieten. Außerdem vermittelt die Schau einen kurzen Eindruck von den einzigartigen Naturschönheiten, der Ureinwohnerkultur und den verschiedenen Festen in Taiwan. Die Ausstellung wird von Prof. Dr. Clart und Herrn Dr. Wulien WEI, Repräsentant der Taipeh Vertretung, am 17. Oktober um 17.30 Uhr im Hörsaalgebäude (1. Etage) auf dem Campus Augustusplatz der Universität Leipzig eröffnet. Red.

20. November bis 02. Dezember 2011 PROGRAMM 20.11. 11:15 Uhr 20.11. 18:00 Uhr 22.11. 20:00 Uhr 22.11. 21:00 Uhr 23.11. 18:00 Uhr 23.11. 19:30 Uhr 24.11. 19:00 Uhr 25.11. 20:00 Uhr

26.11. 20:00 Uhr 27.11. 11:15 Uhr 02.12. 20:00 Uhr

Nikolaikirche: Universitätsgottesdienst Thomaskirche: Bach, h-Moll Messe Alte Börse: Medizinerkonzert Reformierte Kirche: Orgel und Percussion Thomaskirche: Universitätsvesper am Paulineraltar Zimeliensaal: Kammermusik der Physik und Geowissenschaften Alter Senatssaal: Kammermusikabend des LUO Mendelssohnsaal GWH: Liederund Klavierabend mit Werken von Franz Liszt (Wolf Matthias Friedrich, David Timm) Liveclub Telegraph: Jazzomatics und Mud Mahaka Nikolaikirche: Universitätsgottesdienst Audimax: Jazznacht zum Dies academicus www.unimusiktage.de

Wir bedanken uns für die Unterstützung: Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e. V.

Brisante Begegnungen Ausstellung: Der SFB 586 präsentiert Ergebnisse in Hamburg*

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Mit der Abschlussausstellung »Brisante Begegnungen« bietet der Sonderforschungsbereich (SFB) 586 »Differenz und Integration« ab dem 17. November 2011 im Hamburger Museum für Völkerkunde einen Einblick in seine zehnjährige Forschungsarbeit. Kuratiert wird die Exposition »Brisante Begegnungen« von Prof. Dr. Annegret Nippa und Dr. Andreea Bretan. Am SFB 586 sind neben der Universität Leipzig die Martin-Luther-Universität HalleWittenberg, das Institut für Länderkunde, das Helmholtz-Institut sowie das Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung beteiligt. Im Nilsudan werden Immigranten aus dem Norden, die verachtete Tätigkeiten wie Altmetallverarbeitung, Müllsammeln oder Hausieren ausüben, Halab (Aleppiner) genannt. In ländlichen Gegenden ziehen sie als orientalische Zigeuner oder Dienstleistungsnomaden mit Eseln und Zelten umher, in städtischen Räumen können sie aber auch sesshaft werden und für ihre Gewerbe als Grob- oder Blechschmiede feste Werkstätten eröffnen. Dann ist nur noch zum Erwerb der Rohstoffe (in der Regel Metallschrott) Mobilität wichtig; die Fertigprodukte des handwerklichen Recycling werden auf den nächsten Markt gebracht und meist von besser gestellten Händlern aufgekauft.

Ein Beispiel für das Umwandeln von Altstoffen in Gebrauchsgegenstände ist der abgebildete Blechkocher (kânûn oder mangad), wie er sich in nahezu jedem Haushalt am Nil findet, der sich keinen westlichen Lebensstandard leisten kann. Das Ausgangsmaterial sind weggeworfene Blechdosen, die der

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Foto: Bernhard Streck

Recycling bei sudanesischen Wanderhandwerkern

Ein Blechkocher, wie er sich in nahezu jedem Haushalt am Nil findet, der sich keinen westlichen Lebensstandard leisten kann.

Halab-Schmied (samkarî) auf einem der zahlreichen Müllplätze aufgelesen und in seine Werkstatt gebracht hat. Hier wird mittels Blechschere, Schneideisen, Hammer und Amboß (oft ein Stück Eisenbahnschiene) der Werkstoff zubereitet und per Falztechnik (dusra) in die gewünschte Form gebracht. Der letzte Arbeitsschritt ist das Flechtwerk aus Blechstreifen, auf dem später die Holzkohle glühen wird, um die Speisen in Pfanne oder Topf zum Kochen zu bringen. Das handwerkliche Recycling der sudanesischen Halab ist eine typische Tätigkeit des Informellen Sektors. Sie ist volkswirtschaftlich notwendig für die elementare Versorgung der Millionen, die die Statistiker unterhalb der Armutsgrenze ansiedeln. Sie schlägt sich aber in keiner ökonomischen Bilanz nieder. Die Blechschmiede der Halab, die noch keine registrierten Werkstätten anmieten, zahlen nur Verbrauchssteuern – etwa für Zucker, Tee oder Lampenöl. Ihre Rohstoffe sind gratis, ihre Arbeit

wird weder gemessen noch kontrolliert und ihr Absatz verläuft unterhalb der fiskalischen Wahrnehmung. Alle Transaktionen geschehen schriftlos, und die wirtschaftlichen Beziehungen gründen einzig auf persönlichem Vertrauen. Diese (Sub-)Kultur verbindet die sesshaft gewordenen Handwerker der Stadt mit ihren mobileren Kollegen und Verwandten auf dem Lande. Im Informellen Sektor reichen die hergebrachten Umgangsformen des Traditionellen Sektors (auch Subsistenzsektor) bis in die unmittelbare Nähe des Modernen Sektors, der auch Entwicklungssektor genannt wird. Prof. Dr. Bernhard Streck, Emeritus des Instituts für Ethnologie »Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt«, Eröffnung der Ausstellung am 17. November 2011 um 19 Uhr im Museum für Völkerkunde Hamburg, Dauer bis 20. Mai 2012. Öffnungszeiten: Di bis So 10 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

Azubi-Tage stellen Berufsbilder vor Universität Leipzig informiert über Ausbildungsplätze

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ie alljährlichen Azubi-Tage finden am 9. und 10. November 2011 – jeweils ab 14 Uhr – im Foyer des Hörsaalgebäudes statt. Dabei werden alle Berufsfelder präsentiert, in denen im kommenden Jahr die insgesamt 17 Ausbildungsplätze vergeben werden. Ausbilder und Auszubildende veranschaulichen Besuchern hier gemeinsam ihr jeweiliges Berufsbild. Die Aktionstage bieten reichlich Gelegenheiten, Berufe aus unterschiedlichsten Bereichen kennenzulernen: wie etwa Biologie- und Physiklaboranten, Mediengestalter, Fachinformatiker, Feinwerkmechaniker, Gärtner, aber auch Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste sowie Fachangestellte für Bürokommunikation. Dabei liegt der Schwerpunkt auf einer praxisnahen Darstellung: Arbeitsplätze werden nachgestellt sowie Büros, Werkstätten und Labors eingerichtet, um Interessierten einen möglichst realistischen Einblick in den Berufsalltag zu gewähren. Desweiteren informieren Azubis und Ausbilder aufgrund eigener Erfahrungen praxisnah über ihre genauen Tätigkeitsfelder und geben einen lebendigen Eindruck, wie die Ausbildung gestaltet wird und welche Anforderungen sie stellt. Alle Ausbildungsberufe werden im dualen System nach dem Berufsausbildungsgesetz ausgebildet und vermitteln eine gute Grundlage für den weiteren beruflichen Werdegang, auch

außerhalb des universitären Ausbildungsbetriebes. Aber zunächst wird den Azubis nach Abschluss ihrer Ausbildung für zwölf Monate eine Weiterbeschäftigung an der Universität Leipzig garantiert. Diese Zeit können die Absolventen nutzen, sich im beruflichen Alltag zu bewähren und die gelernten Kenntnisse noch stärker zu vertiefen. Die Universität Leipzig als zweitälteste Hochschule Deutschlands mit durchgehendem Lehrbetrieb genießt über die Jahrhunderte hinweg großes Ansehen. Dabei ist sie nicht nur Forschungsstätte und Bildungseinrichtung für Studierende und Wissenschaftler, sondern bietet jungen Menschen auch spannende wie vielfältige Berufsausbildungsangebote. Ebenso im Internet können sich Interessenten über die Ausbildungsberufe und den Bewerbungsprozess informieren. Bewerbungsschluss für die im Jahr 2012 zu vergebenden Ausbildungsplätze ist der 12. Dezember 2011. Red. www.zv.uni-leipzig.de/universitaet/stellen-undausbildung/berufsausbildung

Intellektuelles Nomadentum der Nachwuchswissenschaftler Podiumsdiskussion zum Tag der Promovierenden 2011 fragt nach den Berufschancen

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eine gute Botschaft hat Prof. Dr. Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer, den 5800 Nachwuchswissenschaftlern an der Universität Leipzig am »Tag der Promovierenden 2011« überbracht: Angesichts drohender Stellenkürzungen bieten die sächsischen Hochschulen »für Akademiker nicht die beste Perspektive« für den Einstieg in die Berufswelt. Lenk skizzierte zu Beginn einer Podiumsdiskussion das Dilemma, das sich Promovierenden spätestens nach Abschluss ihrer Promotion offenbart: Viele wollen in der Region bleiben, doch der Arbeitsmarkt bietet ihnen dafür zu wenige Chancen. Zu der Diskussion mit dem Titel »Promoviert und bleiben?! Perspektiven für den hochqualifizierten Nachwuchs auf dem sächsischen Arbeitsmarkt« hatte im Juni der PromovierendenRat (ProRat) gemeinsam mit der Kompetenzschule ELSYS eingeladen. Anlass der gut besuchten Podiumsdiskussion im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig war das einjährige Bestehen des ProRats, der ersten gewählten Interessenvertretung Promovierender an einer deutschen Hochschule. Unter der Moderation von Prof. Dr. Matthias Schwarz, Prorektor für Forschung und Nachwuchsförderung, gingen Benjamin Bigl (ProRat-Sprecher), Prof. Dr. Ulrich Brieler (Stadt Leipzig), Dr. Thomas Feist (MdB, CDU Leipzig), Kevin Heidenreich (DIHK,

Berlin), Prof. Dr. Michael Kölmel (Filmaufbau Leipzig GmbH) und Anita Lauter (Comparex Deutschland AG, Leipzig) der Frage nach den Berufschancen Promovierter nach. Bigl sah die Promovierenden nur mangelhaft versorgt. Die Perspektiven in der Wissenschaft fehlten: Als wissenschaftlicher Mitarbeiter werde man nach kurzer Zeit nicht weiterbeschäftigt und Qualifizierungsstellen nach der Promotion gebe es kaum. Er kritisierte zudem das geringe Engagement der Wirtschaft und forderte mehr Promotionsstipendien ein. Nahezu einig waren sich die Podiumsgäste darin, dass die Promotion eine Zeit der Entbehrungen sei. Schwarz sprach vom »intellektuellen Nomadentum, das man als Wissenschaftler durchstehen muss«. Während die Wirtschaftsvertreter mehr Praxisnähe der Promovierten anmahnten, stellte Brieler die »umstandslose Nützlichkeit« der Promotion infrage. Feist betonte, dass ein Job in der Wissenschaft für Promovierte nur ein Weg von vielen ist. Sie würden nur genügend Lust und Ausdauer benötigen, um einen Job zu finden. Sebastian Heinisch www.prorat.uni-leipzig.de

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Foto: Solarion AG

Titelthema

Flexible Solarzelle aus Kupferindiumgalliumselenid.

Erneuerbare Energie E

nergie – als Begriff in der heute gebräuchlichen Form erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebildet – ist weder zu erzeugen noch zu zerstören. Selbst wenn sich Materie und Antimaterie gegenseitig vernichten, zeugt ein kurzer Blitz von diesem Ereignis und trägt die Energie als Licht gemäß der berühmten Einstein‘schen Formel E=mc2 davon, wie es in der physikalischen Anfänger-Vorlesung (die seit der Bologna-Reform Modul PH-DP-EP4 heißt) Generationen von Physik-Studenten demonstriert wird. Warum dann Aufhebens um etwas, was bei jedem Prozess erhalten bleibt? Hierzu muss man sich vergegenwärtigen, dass nicht alle Energieformen gleichwertig sind, dies auch eine Erkenntnis schon aus dem 19. Jahrhundert. So ist es beispielsweise relativ leicht, elektrische Energie in Wärmeenergie zu verwandeln (Toaster), aber physikalisch unmöglich, Wärmeenergie vollständig in elektrische Energie zu verwandeln. Daher hat sich eine Industrie (»Ölmultis«, Energieversorger) gebildet, die uns Energie in leicht verwertbarer Form (Benzin, Strom) bereitstellt. Auch dies »kostet« wieder Energie; so hat ein Liter Benzin, der hier vielleicht ein Auto 15 Kilometer (km) weit antreibt, bereits seinerseits eine 13.000 km lange Reise von den Ölfeldern am Persischen Golf hinter sich. Bis vor kurzem wurde der Energiebedarf eines Menschen ausschließlich von der Sonne gedeckt: Pflanzen, Pflanzenfresser und Pflanzenfresserfresser als Nahrung, Holz und andere Biomasse als Brennstoff, Wind und Wasserkraft. Die im Mittelalter begonnene Kohleförderung befeuerte die industrielle Revolution und stellt den Einstieg in die Nutzung fossiler Energieträger dar, der mit der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnenden Nutzung des Erdöls und der seit 1980 verstärkten Nutzung von Gas ein starkes Wachstum erlebte. Der weltweite Energiebedarf steigt ständig, wenn auch nicht mehr exponentiell. Im Mittel verbraucht ein Deutscher etwa 130 Kilowattstunden (kWh) industriell bereitgestellter Energie pro Tag, die Menschen auf der Erde insgesamt 400.000.000.000 kWh am Tag. Es kann darüber gestritten werden, wie lange genau noch fossile Energieträger zur Verfügung stehen und mit welchen Belastungen die Umwelt noch zurechtkommen kann oder muss (unter anderem CO2-Problematik, Ölpest, fragwürdige Fördermethoden), mittelfristig wird die Menschheit die Sonnenenergie wesentlich stärker nutzen müssen.

Eine direkte Nutzung der Sonnenenergie kann mit photovoltaischen Elementen erfolgen. In diesen werden Lichtquanten von der Sonne auf der Erde in einem Halbleiter absorbiert und tragen zu einem Photostrom bei, der sofort technisch genutzt oder in das Energieverteilungsnetz eingespeist werden kann. Pro Sekunde wandelt eine ein Quadratmeter (m2) große Solarzelle etwa 1.000.000.000.000.000.000.000 Lichtquanten in elektrische Energie um. Die dabei auftretenden quantenmechanischen Prozesse sind mittlerweile gut verstanden und beherrscht. Im Laufe eines Jahres stellt eine solche ein Quadratmeter große Zelle etwa den Tagesbedarf eines Deutschen (siehe oben) bereit. Neben einer großen Umwandlungseffizienz von Lichtenergie in elektrische Energie – typisch 15 bis 20 Prozent (%), bisher maximal gut 40%, möglicherweise bis 60% – stehen heutzutage Energieaufwand und Kosten für Materialien und Fertigung im Vordergrund. An diesem entscheidenden Punkt energetisch günstiger Materialien und Prozesse arbeiten Physiker und Chemiker der Universität Leipzig, die dieses Jahr ihre Aktivitäten im Virtuellen Institut für Energieforschung (VIER) gebündelt haben, eng mit der lokalen Photovoltaik-Industrie zusammen. Mit Q-Cells SE, Thalheim wurden Zellen aus kostengünstigem Silizium untersucht und ein neues bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Korngrenzen entdeckt. Es macht selektiv gerade die Grenzen zwischen kristallinen Bereichen sichtbar, die für die Energieumwandlung ungünstig sind und deshalb vermieden werden müssen. Mit der Solarion AG, Leipzig werden Dünnschicht-Solarzellen aus Kupferindiumgalliumselenid (CIGS) gemeinsam untersucht. Ein kürzliches Ergebnis war die Optimierung der Schichten mit Natrium als Spurenelement, das strukturelle und elektrische Eigenschaften günstig beeinflusst. Mittlerweile werden insgesamt drei Promotionen an der Leipzig School of Natural Sciences (Graduiertenschule BuildMoNa) von Solarion finanziert. Im VIER wird aber an noch viel weitergehenden Konzepten gearbeitet, die auf quantenmechanischen Effekten, sogenannten kohärenten Prozessen, beruhen, bei denen keine nutzbare Energie verloren geht. Bevor diese Sprunginnovationen jedoch in industrielle Produktion gehen, ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Prof. Dr. Marius Grundmann, Direktor des Institut für Experimentelle Physik II und VIER

Insgesamt verbrauchen die Menschen auf der Erde 400.000.000.000 . Kilowat tstunden am Tag

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Foto: UFZ

»Bioenergie bleibt der erneuerbare Energieträger Nummer eins« Am UFZ wird untersucht, wie Biomassenutzung die lokalen ökologischen Effekte nachhaltig verbessern kann

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rneuerbare Energien erleben einen starken Aufwind, die sinnvolle Nutzung von Flächen und Biomasse rückt immer stärker in den Fokus von Wissenschaft und Wirtschaft. Grüne Alternativen werden für die weltweite Energiebilanz und die gleichzeitig steigende Nachfrage immer wichtiger. Daniela Thrän, Sprecherin des Departments für Bioenergie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig erklärt, wie das UFZ den Herausforderungen nachhaltiger Energieversorgung mit verschiedenen Forschungsschwerpunkten begegnet – und hier auch mit der Uni Leipzig zusammenarbeitet. Frage: Wie hat sich die Bedeutung des Themas Energie in den vergangenen Jahren entwickelt? Daniela Thrän: In Deutschland und Europa ist der Energieverbrauch in den letzten Jahren kaum gestiegen und regenerative Energien fassen zunehmend Fuß. 75 Prozent der erneuerbaren Energien basieren auf Biomasse. Es gibt sehr große Erfolge bei der Technologieentwicklung, aber auch neue Fragestellungen, zum Beispiel wie eine nachhaltige Nutzung von Energiepflanzen erreicht werden kann, welche gesetzlichen Regelungen und Anreizsysteme dies unterstützen können. Weltweit nimmt die Energienachfrage zu, und der Zugang zu Energie ist nicht überall selbstverständlich. Die Herausforderungen einer nachhaltigen Energieversorgung sind entsprechend größer. Gleichzeitig verfügen viele Regionen über große Potenziale zur Nutzung von Biomasse, Sonnenenergie und Windkraft. Überall eine große Herausforderung stellt der Verkehrsbereich dar, wo regenerative Energien auch den Umstieg auf andere Antriebssysteme – wie zum Beispiel Elektroautos – notwendig machen beziehungsweise zwingend auf Biokraftstoffe angewiesen sind: Der Flugverkehr stellt weltweit den am stärksten wachsenden Energieverbraucher dar. Was sind die aktuellen Schwerpunkte der Energieforschung am UFZ, wie ist der aktuelle Stand? Am UFZ werden die mikrobiologischen Prozesse des Biogasprozesses untersucht, um künftig aus dem nachwachsenden Rohstoff mehr und schneller Energie zu gewinnen. Weiterhin stehen die Umweltauswirkungen der Erneuerbaren Energien und insbesondere der Bioenergienutzung im Zentrum der Forschungen. Hier baut das UFZ auf langjährige Erfahrung mit Landnutzungsmodellen, ökologischen Bewertungsansätzen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen auf und

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UFZ-Professorin Daniela Thrän.

kooperiert mit dem Deutschen BiomasseForschungsZentrum (DBFZ). Außerdem befasst sich das UFZ mit der Frage nach Wegen zu einer dezentralen, weitgehend erneuerbaren Energieversorgung in verschiedenen Gesellschaftsmodellen für Mitteldeutschland 2050. Was bedeutet die Energiewende für das UFZ, welche Folgen hat das für konkrete Forschungen etwa zur Landnutzung, zur biologischen Vielfalt oder Gewässerqualität? Die Energiewende hat den Umstieg auf erneuerbare Energien beschleunigt. Bioenergie aus heimischen Rohstoffen, aber auch aus Importen erhält damit zumindest in den nächsten zwanzig Jahren eine starke Bedeutung. Entsprechend werden die Effekte auf die Landnutzung, die Biodiversität und Gewässerqualität sowohl für Mitteldeutschland als auch in den Biomasse exportierenden Ländern erwartet – und müssen möglichst frühzeitig abgeschätzt, bewertet und in Richtung einer nachhaltigen Nutzung gestaltet werden. Die Forschungen des UFZ erhalten damit einen höheren Stellenwert. Hier geht es nicht nur darum, Gefahren aufzuzeigen sondern auch Lösungen, wo Biomassenutzung die lokalen ökologischen Effekte verbessern kann. Dies könnte zum Beispiel durch den Anbau von Holz auf Gewässerrandstreifen erreicht werden. In welchen Bereichen arbeiten das UFZ und die Universität Leipzig zum Thema Energie eng zusammen – was ist der gegenseitige Nutzen dieser Kooperation? UFZ und Uni kooperieren vor allem in den Bereichen Bioenergie und bei volkswirtschaftlichen Fragen rund um Umwelt und Energie. Gemeinsam nähern sie sich damit der Frage, wie kann eine künftige, stark auf erneuerbaren Energien ausgerichtete Energieversorgung aussehen und welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, um sich dieser zu nähern. Durch die Kooperation werden die Blickwinkel auf diese komplexe Fragestellung erweitert: Das UFZ bringt die ökologischen, die Uni vor allem die ökonomischen Aspekte ein. Durch die Verbindung zum DBFZ können außerdem die Aspekte der Bioenergiebereitstellung mit berücksichtigt werden. Das heißt: In Sachen Bioenergie verdichten wir die Kompetenz am Standort Leipzig in deutschlandweit einmaliger Weise. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Katrin Henneberg

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Smart Grids und Smart Markets Wirtschaftswissenschaftliche Aspekte einer verstärkt dezentralen Energieversorgung

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u den zentralen energiepolitischen Zielen, die die Bundesregierung in ihrem neuen Energiekonzept für das Jahr 2050 niedergelegt hat, gehören die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent (%) gegenüber 1990 sowie die Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien im Bereich der Stromerzeugung auf 80 %. Die Umsetzung dieser Ziele erfordert nicht nur erhebliche Investitionen in Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung. Darüber hinaus müssen durch Infrastrukturinvestitionen und durch die Anpassung der Energiemärkte die technologischen und regulatorischen »Enabling Conditions« geschaffen werden, die die Integration erheblicher, teilweise fluktuierender Strommengen aus dem Bereich der regenerativen Stromerzeugung – zum Beispiel durch Photovoltaik- und Windkraftanlagen – erlauben. Zu den in diesem Kontext immer wieder zitierten Konzepten gehören die sogenannten »Smart Grids«: die Vision eines anpassungsfähigen Netzes, das scheinbar alle Probleme, die mit dem zukünftigen Ausbau der erneuerbaren Energien verbunden sind, zu lösen verspricht. Sieht man genauer hin, so erkennt man schnell, dass das »Grid« (das Netz, und seine Leitungen) alleine dies nicht leisten wird. Es sind nicht die Stromleitungen, die – gleich einem lebenden Organismus – adaptiv stärker werden, wenn sich Investoren dazu entschließen große Photovoltaikanlagen zu installieren. Was ist dann so faszinierend am »Smart Grid«? Es sind die Anlagen am Ende der Leitungen: Die, die durch ihre fluktuierende Einspeisung Probleme verursachen können, zum Beispiel die Photovoltaikanlagen und die, die diese Fluktuationen glätten können: flexible einsetzbare dezentrale Anlagen, zum Beispiel Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit Wärmespeicher, stationäre Batteriespeicher, die Batterien unserer zukünftigen Elektrofahrzeuge und das preisgesteuerte Lastmanagement. Aber auch ein Batteriespeicher alleine ist noch lange nicht »smart«. »Smart« wird das Gesamtsystem erst, wenn die gerade beschriebenen Puffer, unter Rückgriff auf eine dafür erforderliche IT-Infrastruktur, stets optimal an die fluktuierende Einspeisung angepasst werden oder sich von sich aus anpassen. Ersteres kann dann erfolgen, wenn die Anlage zu einem virtuellen Kraftwerk gehört und extern gesteuert wird; letzteres dann, wenn der Batteriespeicher die Informationen erhält, die er braucht, damit er in Schwachlastzeiten Strom aufnimmt und in Spitzenlastzeiten wieder abgibt. Aber das Wissen alleine reicht nicht. Der Betreiber der Anlage muss für ein entsprechendes Verhalten auch belohnt werden – dadurch, dass er den Schwachlaststrom billiger beziehen und den Strom zu Spitzenlastzeiten teuer verkaufen kann. Bei einer zunehmenden Marktdurchdringung der erneuerbaren Energien reicht es hierfür nicht mehr aus, tageszeitab-

hängige Tarife einzuführen. Der Betrieb des Speichers muss streng genommen nicht auf die Last an sich, sondern auf die sogenannte Residuallast (Last abzüglich der Einspeisung der erneuerbaren Energien) ausgerichtet werden. Aber auch zeitlich variable, die Residuallast widerspiegelnde Strompreise reichen nicht aus. Wir brauchen darüber hinaus regional aufgelöste Preise (Preiszonen, oder die Einführung eines »Nodal Pricing«-Regimes), die temporäre Netzengpässe deutlich werden lassen. Es ist etwa gut vorstellbar, dass in Zukunft bedingt durch die vielen Solaranlagen der Strom in Bayern zur Mittagszeit so billig ist, dass er von den dort installierten Energiespeichern aufgenommen und erst später, wenn die Netze dies erlauben, an das bundesdeutsche Netz abgegeben wird. Bedingt durch den starken Ausbau der erneuerbaren Energien wird es immer dann, wenn diese Anlagen sehr viel Strom produzieren, zu besonders niedrigen, unter Umständen sogar negativen Preisen im Spotmarkt kommen. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten MeritOrder-Effekt der erneuerbaren Energien. Dieser Effekt beeinträchtigt nicht nur die Direktvermarktung des regenerativ erzeugten Stroms. Er verschlechtert auch die Wirtschaftlichkeit von konventionellen Anlagen zur Spitzenlastdeckung, die sich bisher über die Strompreise zur Mittagszeit refinanzieren konnten. Die Stimmen werden deshalb lauter, die es für notwendig erachten, den Spotmarkt durch einen Kapazitätsmarkt zu ergänzen. In einem solchen System würde nicht nur der gelieferte Strom, sondern auch bereits die prinzipielle Fähigkeit in Spitzenlastzeiten »einspringen zu können« vergütet werden. Die Frage, welche technischen und regulatorischen Elemente des »Smart Grids« in Abhängigkeit vom Ausbau der erneuerbaren Energien wann (2015, 2030 oder erst 2050) geschaffen werden müssen, gehört zu den Forschungsschwerpunkten der am Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement angesiedelten Vattenfall Europe Professur für Energiemanagement und Nachhaltigkeit. Unser Lehrstuhl beschäftigt sich darüber hinaus mit der techno-ökonomischen Optimierung dezentraler Energiesysteme, der agentenbasierten Modellierung kommunaler Energiesysteme (vgl. den Beitrag zum Kooperationsprojekt mit der Stadt Delitzsch in diesem Heft), der Analyse und Modellierung nationaler Strommärkte unter Klimaschutzrestriktionen sowie – auf globaler Ebene – mit der integrierten Modellierung des globalen Klimawandels. Prof. Dr. Thomas Bruckner, Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement

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Steigerung kommunaler Energieeffizienz »

Gemeinsam auf dem Weg in die energieeffiziente urbane Moderne«, so lautet der Titel eines Projektes, dessen Kooperationsvereinbarung im Beisein des sächsischen Staatsministers für Umwelt und Landwirtschaft, Frank Kupfer, des Oberbürgermeisters der Stadt Delitzsch, Dr. Manfred Wilde, sowie des Prorektors für Entwicklung und Transfer der Universität Leipzig, Prof. Dr. Thomas Lenk am 17. August 2011 zwischen der Stadt Delitzsch und dem Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement der Universität Leipzig unterzeichnet wurde. Fünf Jahre dauert die Umsetzungsphase des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit mehr als drei Millionen Euro geförderten Projektes an. Es soll einen richtungsweisenden Beitrag zum Entwurf kommunaler Klimaschutzstrategien leisten, die im Einklang mit den ehrgeizigen energiepolitischen Zielen der Bundesregierung stehen. Delitzsch gehört bundesweit zu den fünf beispielhaften Städten, die sich mit innovativen Konzepten im Wettbewerb »Energieeffiziente Stadt« durchsetzen konnten. Das Projektkonsortium besteht aus der Großen Kreisstadt Delitzsch, den Technischen Werken Delitzsch, dem Leipziger Institut für Energie, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig (UFZ), der KEM Kommunalentwicklung Mitteldeutschland GmbH und der Forschungsstelle für Kommunale Energiewirtschaft der Universität Leipzig. Die Leitung hat Prof. Dr. Thomas Bruckner, Inhaber der Vattenfall Europe Professur für Energiemanagement und Nachhaltigkeit der Universität Leipzig, inne. Vom BMBF ausgezeichnet wurde das Projekt für seinen Ansatz zur Entwicklung von Energieeffizienzstrategien für Städte sowie für die eng verzahnte Kooperation von Wissenschaft und Praxis. Ein wesentliches Ziel besteht darin, ein agentenbasiertes Computermodell zu erstellen, das erstmalig die städtische Entwicklung im Kontext steigender Klimaschutzanforderungen unter Berücksichtigung technischer, ökonomischer und sozialgeografischer Aspekte zu beschreiben vermag. Die Ergebnisse fließen in die Arbeit eines in Delitzsch wirkenden »Energieeffizienzmanagers« ein, der vor Ort die Umsetzung der gemeinsam erarbeiteten, akteursbezogenen Strategien auf der Ebene der Stadtteile realisieren, zielgruppenspezifische Informationsveranstaltungen durchführen und ein Netzwerk mit Praxispartnern bilden wird. Die Forschungsstelle Kommunale Energiewirtschaft, eine Stiftung der Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft (VNG) und der Stadtwerke Leipzig, wird durch den Aufbau eines regionalen Netzwerks eine wichtige Multiplikatorfunktion im Projekt übernehmen. Mit ihrer Hilfe sollen zukünftig alle Gemeinden in Mitteldeutschland betreut und geschult werden, die ebenfalls ein Interesse an der Umsetzung der vorbildhaften Konzepte haben. T. Bruckner, A. Schulze, R. Steinbach

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Foto: Pressestelle Stadt Delitzsch

Die Große Kreisstadt Delitzsch und die Universität Leipzig erproben innovative Konzepte

Der Oberbürgermeister der Stadt Delitzsch, Dr. Manfred Wilde, der Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft, Frank Kupfer, und Prof. Dr. Thomas Bruckner, Universität Leipzig (v.l.n.r.).

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Foto: privat

»Menschen sind keine Maschinen« Erst Studium, dann Karriere – Alumni der Universität Leipzig im Porträt: diesmal Dr. Dirk Bessau, Manager im Zeichen der Nachhaltigkeit

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n seinem Leben dreht sich alles um Energien und Nachhaltigkeit. Dr. Dirk Bessau ist Geschäftsführer des Berliner Unternehmens GASPOOL. Mit seinen Mitarbeitern bilanziert er die Ein- und Ausspeisemengen für einen Großteil des deutschen Gasnetzes und sorgt als Marktgebietsverantwortlicher so auch dafür, dass dem Verbraucher immer genügend Gas zur Verfügung steht. »Ein Energieträger mit dem wir die Brücke schlagen von den traditionellen Energiequellen wie Kohle und Öl hin zu den regenerativen«, meint Bessau, »denn bis spätestens 2050 muss die Veränderung der Energiewirtschaft hin zur CO2-Freiheit gelungen sein.« Der 40-jährige Volkswirt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Umbau der Energiemärkte und dem nötigen Innovationsmanagement. Begonnen hat das in Leipzig 1992, mit einem VWLStudium an der Universität. Der gebürtige Karlsruher hatte sich aufgrund der guten Kontakte in den Osten – denn seine Mutter kommt aus dem Leipziger Umland – dafür entschieden. »Das traditionelle Flair und die gleichzeitige Aufbruchsstimmung haben mich und meinen besten Freund fasziniert«, sagt er begeistert. Schon damals gab es Unipartnerschaften und die Möglichkeit; mit einem Erasmus-Austauschprogramm für einige Zeit ins Ausland zu gehen. »Das waren ganz wichtige Bausteine für meinen Lebenslauf. Ich war in Konstanz und Lund, Schweden. Ich kann nur jedem raten, diese internationalen Erfahrungen zu sammeln. Man lernt außergewöhnliche Situationen zu meistern, sich in anderen Kulturkreisen neu kennen und sich wieder selbst zu hinterfragen.« Nach Studienabschluss konnte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Finanzen der Universität Leipzig starten. »Hier habe ich meine Basiskompetenzen ausgebaut, beispielsweise Projektmanagement, Präsentationstechniken, Gesprächsführung und Zeitmanagement gelernt. Das war ganz wichtig. Ganz egal in welchem Bereich, das sind die Dinge, die mich heute weiterbringen.« Da fiel neben der Promotion dann auch der Start in einem »richtigen« Unternehmen leichter. Es war die Zeit der Liberalisierung des Strommarktes. Mit der innomic GmbH boten Bessau und vier weitere Kollegen damals Beratungen im Bereich Innovationsmanagement für ostdeutsche Energieunternehmen an. Er war danach acht Jahre bei den Stadtwerken Flensburg. Ziel sei es damals schon gewesen, bis 2050 die Energieversorgung im Raum Flensburg komplett CO2-frei zu gestalten, von der Kohle über das weniger CO2emittierende Gas auf Biomasse- und Windenergie umzustellen.

Dr. Dirk Bessau studierte von 1992 bis 1997 an den Universitäten Leipzig, Lund und Konstanz. Er war anschließend Unternehmensberater für Innovationsentwicklung in der Energiewirtschaft und promovierte parallel am Institut für Finanzen der Universität Leipzig. Mit seiner langjährigen Tätigkeit im Management der Stadtwerke Flensburg und Flensburger Förder Energie GmbH half er beim Umbau des Energiemarktes mit und ist heute – nach seiner einjährigen Tätigkeit als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Windernergie – Chef der GASPOOL Balancing Services GmbH Berlin.

»Besonders herausgefordert und interessiert hat mich dabei auch immer die Führung und die Zusammenarbeit mit Menschen«, sagt Bessau. Und ergänzt schmunzelnd: »Das Tollste an Menschen ist, dass sie keine Maschinen sind, und das Schwierigste ist, dass sie keine Maschinen sind. Auch hier zählt für mich Nachhaltigkeit. Ich halte es für meine Pflicht, so zu führen, dass Mitarbeiter ihre Motivation behalten, sie zu fordern, aber vor Überforderung zu schützen. Sozialkompetenz, glaube ich, wird immer wichtiger werden im Bereich Führung, denn beim heutigen Spezialisierungsgrad kann man die fachlichen Dinge einfach nicht mehr im Detail beherrschen, man ist angewiesen auf motivierte Mitarbeiter und ein gut funktionierendes Team.« Um diese Ansprüche noch weiter auszubauen, wechselte er 2010 als Hauptgeschäftsführer ins Management des Bundesverbandes Windenergie. »Das war aber nicht meins«, sagt er ganz deutlich. »Die Entscheidungswege waren mir zu lang und zu schwer, es gab zu viele Instanzen in der Zusammenarbeit.« Seine Konsequenz: Ein Wechsel zum Marktgebietsverantwortlichen GASPOOL. Sein großes Ziel sei es nun, das Unternehmen aufzubauen und für den europäischen Energiemarkt zu etablieren. Privat, sagt er aber, sei bereits das Beste erreicht. »Meine Frau, unsere zwei Kinder und ich haben gerade den Umzug nach Berlin gemeistert und wir befinden uns als Familie nun wieder an einem gemeinsamen Ort. Der größte Wunsch ist also schon erfüllt.« Sandra Hasse www.alumni.uni-leipzig.de

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EUMONIS optimiert regenerative Energieanlagen Institut für Informatik an innovativem Verbundforschungsprojekt beteiligt it dem Projekt EUMONIS ist die Universität Leipzig an einem innovativen Forschungsprojekt im Bereich der optimierten Instandhaltung und Betriebsführung regenerativer Energieanlagen beteiligt. Das Verbundvorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und vom Projektträger Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt e.V. (DLR) betreut. Ziel des Vorhabens ist, bei integrierter Betrachtung der drei Energiebereiche Wind, Solar und Biomasse, eine informationstechnologische (IT) Lösung zu entwickeln, welche die Wartung, Instandhaltung und den Betrieb regenerativer Energieanlagen optimiert. Innerhalb des ersten Projektjahres konnten bereits umfangreiche Erfahrungen für die Ausgestaltung einer ITLösung gesammelt werden. Detaillierte Prozesslandkarten, anwendungsnahe Use Cases und erste Machbarkeitsstudien dienen als grundlegende Dokumentation und Anforderungsspezifikation für die konkrete Lösungsentwicklung. Zu den größten Her au s f or der u n gen zählen die hohe Heterogenität eingesetzter IT-SysteKonzept der EUMONIS-Plattform me innerhalb einer Energieanlagenart und insbesondere bei unterschiedlichen Energieanlagenarten und unter Beteiligung unterschiedlicher Rollen an einem solchen Wartungs- und Instandhaltungsprozess. Demzufolge steht das Konsortium nicht nur vor der Herausforderung, eine konkrete Implementierung umzusetzen, sondern es müssen vielmehr Zugriffsberechtigungskonzepte, standardisierte Datenaustauschformate und Schnittstellen sowie eine generische plattformunabhängige Gesamtarchitektur entwickelt werden. In diesem Zusammenhang ist die Einbindung der unterschiedlichsten Unternehmenspartner sowie des Deutschen Instituts für Normung (DIN) ein entscheidender Erfolgsfaktor für das

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Vorhaben. Zugleich sollen auch die Erfahrungen und existierende Lösungen aus anderen Bereichen wie etwa dem Maschinenbau auf deren Übertragbarkeit hin überprüft werden. Die ersten Ergebnisse des Projektes zeigen auch deutlich, dass insbesondere die Dezentralität von regenerativen Energieanlagen und die damit oftmals einhergehende geringe Größe der Anlagen (bis hin zu Anlagen von Privathaushalten) eine hohe Anforderung an die Lösung stellt. Demzufolge muss die zu entwickelnde Lösung auch für sehr wenige oder sehr kleine Anlagen skalieren und trotzdem robust und sicher sein. Neben den anlagentypischen Herausforderungen erfordern insbesondere die sich stetig ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen beispielsweise in der Bioenergiebranche ein sehr flexibles und anpassbares Ergebnis. Die Universität Leipzig als wissenschaf tlicher Partner besitzt insbesondere die Aufgabe der konzeptionellen Entwicklung einer Lösung unter Ber ück sicht ig ung existierender Standards und unter Zuhilfenahme aktueller Forschungsergebnisse dieser Domäne. Darüber hinaus wird die Universität Leipzig die Entwicklungspartner auch aktiv bei der Implementierung eines IT-Systems unterstützen. Eine effektive Bearbeitung des Projektes wird durch weitere Partner in Leipzig unterstützt, zu denen auch das Institut für Angewandte Informatik e.V. zählt. Ideen und Ergebnisse des Verbundvorhabens werden regelmäßig in breiter Öffentlichkeit wie der Hannover Messe 2011 präsentiert und diskutiert. Darüber hinaus können aktuelle Entwicklungen auf der Webseite des Projektes www.eumonis. org nachverfolgt werden. Dr. Martin Böttcher, Institut für Informatik Grafik: Institut für Informatik

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Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit A

ls Gradmesser für eine zukunftsfähige ökonomische Entwicklung gilt deren Vereinbarkeit mit ökologischen Belangen. Diese Entwicklung stellt gegenüber Zeiten ungebrochener Wachstumsideologien einen Fortschritt dar, allerdings wird im Positivsummenspiel von Ökologie und Ökonomie die soziale Dimension von Nachhaltigkeit kaum berücksichtigt. Zu einem vollständigen Begriff von Nachhaltigkeit gehört jedoch nicht nur der Verzicht auf irreversible Ausbeutung natürlicher Ressourcen, sondern auch die Inklusion inter- und intra-generationeller sozialer Aspekte. Intergenerationengerechtigkeit verlangt den Verzicht auf unumkehrbare Entscheidungen zu Lasten zukünftiger Generationen. Intragenerationengerechtigkeit richtet sich auf die Beziehungen von Arm und Reich in und zwischen Gesellschaften. Im Streben nach fairem Zugang zu Ressourcen betont dieser Ansatz den Kampf gegen Armut. Das heißt, soziale Nachhaltigkeit kann erreicht werden, wenn die Gesellschaftsmitglieder selbstbestimmt leben, ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, Zugang zu Systemen sozialer Sicherheit haben und Möglichkeiten gesellschaftlicher Partizipation bestehen, so dass soziale Innovationen oder neue Arbeitsformen entwickelt werden können. Bislang fließt der soziale Ausgleich kaum in den ökologisch dominierten Nachhaltigkeitsdiskurs ein. Individuen spielen allenfalls als Konsumenten eine Rolle, die sich Umweltbewusstsein leisten (können). Geringverdiener können dagegen kaum vermeiden, dass ihr Kaufverhalten als Anreiz für Billigproduktionen dient. Und brandrodende Kleinbauern in Afrika sind zu arm, um ihr Tun zugunsten global nachhaltigeren Handelns zu unterlassen. Hier wird die zentrale Bedeutung der sozialen Charakteristika von Nachhaltigkeit deutlich. Sie stärker zu berücksichtigen, heißt nicht, ökologisches Wirtschaften noch zusätzlich mit sozialen Anforderungen zu überfrachten. Vielmehr lässt sich ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit nur erreichen, wenn auch die sozialen Voraussetzungen dafür erfüllt sind, dass individuellen Entscheidungen Nachhaltigkeitskriterien zugrunde gelegt werden können. Sozialer Nachhaltigkeit zur Durchsetzung zu verhelfen, ist allerdings eine schwierige Aufgabe. Ein Ansatz zur Lösung besteht in der Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe. Dieses Prinzip bestimmte sozialpolitische Debatten der 1980er Jahre und erhält gegenwärtig neue Aktualität. Damals wie heute war damit die Idee eines garantierten Grundeinkommens verknüpft. Der Vergleich zeigt, dass auch für ein Grundeinkommen Kriterien sozialer Nachhaltigkeit gelten: Es soll ein sozio-kulturelles Minimum für alle Bürger garantieren und gesellschaftliche und politische Partizipation ermöglichen. Das heißt, die sozialpolitische Erweiterung individueller Handlungsspielräume kann Nachhaltigkeit fördern. Solche Berührungspunkte vermeintlich unverbundener

Themen treiben die Wissenschaft an. Zu den Foren für spannende Diskussionen gehört der Studiengang »Joint International Master in Sustainable Development« an der Universität Leipzig. In den Seminaren kommt es immer wieder zu fruchtbaren Auseinandersetzungen über globale und lokale Nachhaltigkeit. Aber auch im Rahmen des EU-Projektes »Revitalisation of Urban River Spaces« habe ich Gelegenheit, Fragen sozial und ökologisch nachhaltiger Stadtentwicklung zu verfolgen. Beide Arbeitsfelder bieten Chancen, die soziale Dimension nachhaltigen Wirtschaftens weiter zu entwickeln. Prof. Dr. Sylke Nissen, Professorin für Soziologie mit den Arbeitsbereichen Stadtsoziologie und Europasoziologie

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Foto: Alexandra Weigelt

Forschung

Das Grasland-Biodiversitäts-Experiment in Jena untersucht den Einfluss von Artenreichtum auf verschiedene Ökosystemfunktionen. Verschieden gedüngte und gemähte Teilflächen der 80 Plots (20 x 20 Meter groß) lieferten einen Datensatz für die Publikation in »Nature«.

Hohe Artenvielfalt in Ökosystemen nicht ersetzbar D

er Einfluss der Biodiversität, also der Artenvielfalt, ist nicht nur mit Blick auf die Gewährleistung einzelner Funktionen und Dienstleistungen von Ökosystemen hoch. Eine jüngst in »Nature« veröffentlichte Studie belegt, dass vor allem die zeitgleiche Funktion einer großen Vielzahl von Ökosystemprozessen durch eine stabile, möglichst hohe Artenvielfalt erhalten werden kann. 84 Prozent, so das Ergebnis der Gesamtstudie, der untersuchten 147 Wiesenarten sind mindestens einmal für die Sicherung einer Ökosystemfunktion notwendig. An der Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Michel Loreau aus Kanada, waren Ökologen von elf verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen, darunter Dr. Alexandra Weigelt von der Universität Leipzig, beteiligt. Die Leipziger Biologin hat die Studie mit der höchsten Anzahl an Pflanzenarten, 60 Graslandarten, eingebracht und wertete ihre im »JenaExperiment« einer Forschergruppe unter Leitung der Universität Jena erhobenen Daten für dieses Projekt aus. Weltweit wurden insgesamt 17 Graslandstudien zusammengetragen und auf die Notwendigkeit von Biodiversität für die Multifunktionsfähigkeit von Ökosystemen hin ausgewertet. Alexandra Weigelt steuerte Daten bei, in der die Interaktion zwischen

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Biodiversität und landwirtschaftlicher Intensivierung – durch Düngung und Mahd – untersucht worden ist.

Quantität für Qualität

»Gerade auch aus der Perspektive des Naturschutzes sind diese Ergebnisse höchst relevant«, analysiert Weigelt. Die Ergebnisse zeigten sehr deutlich, dass selbst weniger häufige Graslandarten für das Gesamt-Ökosystem unersetzlich sind. »In der Auswertung konnten wir eindeutig feststellen, dass nicht nur die dominanten Arten für die Funktion der jeweiligen Ökosystemprozesse hochrelevant sind.« Mit Blick auf den Klimawandel und die permanenten Veränderungen der Lebensgrundlagen in der Natur zeigt die Nature-Studie daher, dass eine möglichst stabile und hohe Artenvielfalt für eine bessere Dienstleistungsfähigkeit des Ökosystems Natur für den Menschen sorgt. Quellenangabe: Nature: High plant diversity is needed to maintain ecosystem services. DOI: 10.1038/nature10282 Dr. Manuela Rutsatz

Wichtiger Schritt in Alzheimer-Forschung gelungen W

issenschaftlern des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung der Universität Leipzig ist ein bedeutender Schritt bei der Erforschung der noch immer unheilbaren Alzheimer-Krankheit gelungen. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Steffen Roßner hat gemeinsam mit Experten der Hallenser Biotechnologie-Firma Probiodrug um Prof. Dr. Hans-Ulrich Demuth einen Mechanismus aufgeklärt, durch den krankhafte Proteinablagerungen in den Hippocampus von Alzheimer-Patienten gelangen. Der Hippocampus ist der Teil des Gehirns, der für das Lernen und das Gedächtnis verantwortlich ist. Durch die neuen Erkenntnisse, die kürzlich in der renommierten internationalen Fachzeitschrift »Acta Neuropathologica« (Hartlage-Rübsamen et al. (2011) Glutaminyl cyclase contributes to the formation of focal and diffuse pyroglutamate (pGlu)-Ab deposits in hippocampus via distinct cellular mechanisms. Acta Neuropathol. 121, 705-719) veröffentlicht wurden, könnte dieser Krankheit künftig durch noch zu testende Medikamente vorgebeugt werden. Auch eine wirksame Behandlung in einem sehr frühen Stadium von Alzheimer sei dadurch möglich, sagte Roßner. Die Hirne von Alzheimer-Patienten sind unter anderem durch krankhafte Ablagerungen sogenannter Amyloid-Peptide gekennzeichnet. Diese mikroskopisch sichtbaren Aggregate sind in Hirnstrukturen, die für Lernen und Gedächtnis wichtig sind, nachweisbar. Wird zu viel von diesen Peptiden gebildet oder werden sie zu langsam abgebaut, reichern sie sich im Hirngewebe an, verklumpen und bilden schließlich die von Alzheimer beobachteten Ablagerungen. Allerdings werden Amyloid-Peptide auch im gesunden Hirn gebildet, wo sie wichtige Funktionen besitzen. Im Gegensatz dazu lassen sich im Hirn von Alzheimer-Patienten krankhafte Formen dieser Peptide nachweisen, die verstärkt verklumpen, schwer abbaubar und neurotoxisch sind. Die Wissenschaftler haben in ihrer zweijährigen Forschungsarbeit herausgefunden, dass dieses bösartige Amyloid über Nervenfasern in den Hippocampus gelangt. »Wir haben die Transportprozesse in Echtzeit beobachtet«, erklärte der Hirnforscher. Zudem fanden sie heraus, dass das Enzym Glutaminyl-Zyklase für verschiedene Formen dieser Ablagerungen verantwortlich ist. »Es ist das erste Mal, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten der Zusammenhang zwischen diesem Enzym und dem bösartigen Amyloid nachgewiesen wurde.« Ziel ist es nun, das Enzym durch die Verabreichung zielgerichteter Wirkstoffe zu hemmen, um die Bildung des bösartigen Amyloids und der krankhaften Ablagerungen zu verhindern. Die Entwicklung und Testung dieser Wirkstoffe läuft bereits bei den Hallenser Kooperationspartnern.

Als nächster Schritt müsse in klinischen Studien getestet werden, »wie gut die entsprechenden Medikamente vom Körper aufgenommen werden, wie gut sie im Gehirn wirken und welche Nebenwirkungen sie haben«. Das neue Medikament müsste sehr frühzeitig verabreicht werden – etwa bei der vererbbaren Form der Erkrankung, bei der Nachkommen von Patienten in jedem Fall Alzheimer bekommen werden. Betroffene seien oft bereit, an solchen Studien mitzuwirken. »Eigentlich darf man nur medikamentös behandeln, wenn jemand krank ist«, so der Experte. Mit den aktuellen Forschungen wurde der von den Hallenser Kollegen entwickelte Therapieansatz validiert. Damit könne die Entstehung einer besonders aggressiven Form der Amyloid-Peptide verhindert werden ohne die für den gesunden Menschen wichtige Funktion der »normalen« Amyloid-Peptide zu beeinträchtigen. Susann Huster

Foto: Dr. Maike Hartlage-Rübsamen

Ablagerungen krankhafter Amyloid-Peptide im Hippocampus. Eine Art der krankhaften Amyloid-Ablagerungen besitzt die Form und Größe von Nervenzellen und ist mit dem Enzym Glutaminyl-Zyklase (QC) assoziiert (A). Eine andere Variante bösartiger Amyloid-Aggregate besitzt nicht die zellähnliche Form und weist keine Anlagerungen des Enzyms QC im Hippocampus auf (B). Diese Ablagerungen entstehen durch Transport aus anderen Hirngebieten in Nervenfasern und ausschleusen im Hippocampus.

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Fakultäten und Institute

Foto: University of California, Berkeley

Zum 75. Todestag von Joseph Lincoln Steffens Amerikanischer Journalist und Ikone des Muckraking – Student bei Wilhelm Wundt in Leipzig Joseph Lincoln Steffens im Jahr 1889

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nter der Ägide des Journalism Department der New York University listeten Juroren 1999 die 100 besten Arbeiten des amerikanischen Journalismus des 20. Jahrhunderts. Auf der Rangliste die Namen von Bob Woodward und Carl Bernstein (Watergate), Seymour Hersh (My Lai), John Reed, Ida Tarbell, Hannah Arendt und auf einem vorderen, sechsten Platz Joseph Lincoln Steffens (6. April 1866 bis 9. August 1936, »The Shame of the Cities« 1904). Mitchell Stephens (Chairman of the N.Y.U. Department of Journalism) sagt in der New York Times zur Auswahl: »You can see the 20th century understanding itself through its journalism«. Steffens hatte sich neben Ida Tarbell, Upton Sinclair und einem weiteren Dutzend engagierter Journalisten in der Progressive Era einem aufdeckenden, gesellschaftskritischen Journalismus verschrieben. Als Muckraker (Begründer des investigativen Journalismus) haben sie einen geachteten Platz in der Geschichte des amerikanischen Journalismus. Steffens erfährt gut ein Jahrzehnt nach den »Millennium Rankings« eine weitere Würdigung. Im September 2010 setzt ihn eine der ältesten amerikanischen Wochenzeitungen, The Nation, auf den sechsten Platz einer Liste der »Fifty Most Influential Progressives of the Twentieth Century«. Im August 1889 kam Steffens das erste Mal nach Europa. Über Hamburg, Berlin und Heidelberg gelangte er nach Leipzig, wo er bei Wilhelm Wundt Psychologie studierte und sich für das Wintersemester 1890/91 einschrieb. Zusammen mit seinem deutschen Freund Johann Krudewolf, den er in Heidelberg kennengelernt hatte, bezog er im Petersteinweg Quartier. Mit der deutschen Philosophie und dem hiesigen Universitätssystem kam Steffens bereits während seines Studiums der Geschichte in Berkeley in Kontakt. Sein Interesse galt vor allem der Ethik und ihrer wissenschaftlichen Begründung, nicht zuletzt aus praktischen Erwägungen der eigenen Lebensführung. Bei Wundt hoffte er Antworten auf seine ethisch-moralischen Fragen zu bekommen. Wundt, der 1875 auf einen Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde, entwickelte die experimentelle Psychologie als ein Forschungsprogramm, das internationale Ausstrahlungskraft entfaltete und Gelehrte aus aller Welt, auch aus den USA, nach Leipzig führte. In Leipzig hörte Steffens etwa im Wintersemester 1890/91 bei Wundt im Seminar für experimentelle Psychologie »Logik und Wissenschaftliche Methodenlehre» sowie Völkerpsychologie und im darauf folgenden Semester Psychologie bei Wundt

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und Theoretische Nationalökonomie bei Lujo Brentano. Steffens war als der »amerikanische Herr«, so die Bezeichnung seiner Wirtin, für die damalige Zeit kein Exot. Eine Reihe von namhaften amerikanischen Wissenschaftlern hatten in Leipzig studiert, so Austin Scott, der spätere Präsident der Rutgers University in New Brunswik, und John William Bergess, der Begründer der Political Science an der Columbia University. In seinen Memoiren ist die Leipziger Zeit überschrieben mit »Music, Science, Love«, was darauf schließen lässt, dass Steffens Interesse nicht ausschließlich der Wissenschaft galt. So gehörten zu seinen Favoriten Konzerte im Gewandhaus, im Seminar von Wundt wird er wenig später seine erste Ehefrau kennenlernen. Gleichzeitig kann man bei ihm eine latente Desillusionierung erkennen, die mit seinen persönlichen Erwartungen an die Ethik zu tun hat, die aber auch auf eine differenzierte Sicht auf das deutsche Universitätssystems schließen lässt. Er lobt es hinsichtlich der Lern- und Lehrfreiheit, kritisiert es aber wegen seiner Praxisferne. Seine Heidelberger akademischen Eindrücke fasst er in der Überschrift zusammen »There is no Ethics«. Er suchte nach einer wissenschaftlichen Grundlage für eine Ethik, die im Sinne von Spencer eine evolutionäre Verhaltenslehre begründen sollte und Maßstäbe für richtiges Verhalten bot. Bei Wundt hofft er beides zu finden, wissenschaftliche Basis und praktischen Nutzen einer wissenschaftlichen Ethik. Nach dem zweiten Semester gab er aber auf. Zuviel Experiment und zu wenig Praktikabilität. Auch sein Vorhaben, das Studium mit einer Dissertation abzuschließen, verwarf er aus Zeitgründen. Dem Drängen des Vaters auf baldigen Abschluss seiner wissenschaftlichen Studien gibt er nach, erreicht über Paris und London 1892 New York und beginnt dort bei der New York Evening Post seine journalistische Karriere. Er schreibt über New Yorker Slums, aber auch über die Wall Street, wechselt als Managing Editor zu McClure’s Magazine und beginnt hier eine Artikelserie über kommunale Korruption. Artikel, die 1904 im Buch »The Shame of the Cities« zusammengeführt wurden und seinen Ruhm als Muckraker mitbegründen. 1931 erschien eine viel beachtete Autobiographie. 1936 ist Joseph Lincoln Steffens in Carmel, Kalifornien gestorben. Dr. Dieter Koop, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften, Dr. Gerhard Piskol, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft

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Der Zyklus-Checker Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – warum reagiert mein Körper genau so? Viele Befindlichkeiten hängen mit den hormonellen Schwankungen im Laufe eines weiblichen Zyklus zusammen. Aber welche Frau weiß schon genau, ob ihr Zyklus gesund ist oder wann genau sie fruchtbar ist. Nur die wenigsten kennen sich damit aus. Damit kann jetzt Schluss sein. Die Universitätsfrauenklinik entwickelte unter Leitung von Prof. Henry Alexander einen Kunststoffring mit integriertem hochpräzisem Messsensor, der vaginal platziert rund um die Uhr Temperaturdaten aufzeichnet. Aus den Ergebnissen lässt sich mittels eines Lesegerätes genau abbilden, in welcher Zyklusphase Frau sich befindet. Gerade für Kinderwunschpaare ist der richtige Zeitpunkt für die Zweisamkeit ausschlaggebend. Praktisch ist dabei auch die einfache Anwendung: jede Frau kann OvulaSens selbstständig platzieren und auch wieder entnehmen. Spürbar ist der kleine Ring dabei kaum. Das Leipziger Projekt hat im Frühjahr eine eigene Firma, die VivoSensMedical GmbH, gegründet. Der Kunststoffring OvulaSens soll 2012 auf den Markt kommen. Der Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS) greift dem jungen Unternehmen finanztechnisch und beratend unter die Arme. Der Venture Capital Geber ist eine Initiative des Freistaates Sachsen, die durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung unterstützt wird. Mit einem Gesamtvolumen von 60 Mio. EUR investiert der TGFS in Unternehmensgründungen und junge Unternehmen aus dem Hochtechnologiebereich. Neben der Zufuhr von Eigenkapital bietet der TGFS

Daniel Hübner Ansprechpartner TGFS im Wirtschaftsraum Leipzig

die Erfahrung der Investmentmanager, welche in den letzten 14 Jahren mehr als 100 Unternehmen begleiteten. Ab dem Spätherbst startet die VivoSensMedical GmbH mit der Unifrauenklinik Leipzig eine weitere Testreihe, die ergänzende Erfahrungen und Bedürfnisse der Frauen mit OvulaSens zusammentragen wird. Für die Dauer eines halben Jahres erhalten die Frauen interessante Infos rund um ihren Zyklus sowie eine monatliche Zyklusauswertung. Das junge Unternehmen freut sich auf zahlreiche weibliche Unterstützung. www.ovulasens.com Ansprechpartner: Daniel Hübner [email protected] www.tgfs.de

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Foto: Stefan Straube

Fakultäten und Institute

Während einer Untersuchung mit dem neuen Großgerät.

Revolution in der molekularen Bildgebung Kombiniertes PET/MRT-System für die Leipziger Universitätsmedizin im September eingeweiht

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eutschlandweit werden nur drei vollintegrierte, für realsimultane Messungen geeignete Ganzkörper-PET/MRTSysteme von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für den klinischen Anwendungstest gefördert. Die Leipziger Universitätsmedizin konnte mit ihrem Antrag als einziger Standort in Ostdeutschland überzeugen. Anlass für die sächsische Wissenschaftsministerin, Prof. Dr. Sabine von Schorlemer, die neue Gerätegeneration feierlich einzuweihen. Das Großgerät für die molekulare Bildgebung vereint erstmals Magnetresonanztomographie mit Positronen-EmissionsTomographie und bietet dadurch eine beeindruckende bildliche Detailvielfalt. Mit ihm wird es möglich sein, völlig neue Einsichten in Krankheitsgeschehen und Vorgänge im Körper zu gewinnen. Der Leipziger »Biograph mMR« wird von der DFG mit 3,5 Millionen Euro und von der Max-Planck-Gesellschaft mit 500.000 Euro gefördert. Prof. Dr. Harald Schwalbe, Vorsitzender des Apparateausschusses der DFG erklärte: »Die DFG unterstützt in Großgeräteinitiativen die Entwicklung und Evaluation von innovativen Instrumenten und Methoden. Die Gruppe in Leipzig, ein Team aus Universität und Max-PlanckInstitut, hat einen herausragenden Förderantrag mit besonders spannenden Anwendungen im Neuro-Bereich, aber auch in der Onkologie und Kardiologie, vorgelegt.« Schon beim Klinikbau vor fünf Jahren hatte der Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin, Prof. Dr. Osama Sabri, die zukunftweisende Entwicklung im Blick. Was das System so besonders macht ist, dass sich erstmals Ganzkörper-MRT

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und PET, aufeinander abgestimmt in einem Gerät ergänzen. »Physikalisch-technisch ist dieses Hybridsystem ein Meilenstein der multimodalen molekularen Bildgebung«, erläuterte Prof. Dr. Bernhard Sattler, leitender Medizinphysiker. »Es ist gelungen, die Elektronik der sehr empfindlichen PET-Detektortechnik so weiter zu entwickeln, dass sie auch in einem sehr starken Magnetfeld korrekt funktioniert. Die Patienten werden beim MRT-Teil der Untersuchung keiner ionisierenden Strahlung ausgesetzt, was besonders in der Kinderheilkunde von großer Bedeutung ist.« Die Max-Planck Gesellschaft hat sich an der Geräteförderung beteiligt, weil sie die einmalige Chance gesehen hat, in Leipzig ein international führendes Zentrum für molekulare Neurobildgebung zu etablieren. Prof. Dr. Arno Villringer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften: »Für viele Fragen in der Kognitionsforschung ist es extrem spannend, molekulare Prozesse direkt mit der Hirnaktivität in Verbindung zu setzen. Jetzt können wir zum Beispiel die Hirnaktivität messen, während ein Patient Bilder von ungesunden Nahrungsmitteln sieht, und gleichzeitig Vorgänge an den Rezeptoren für die Botenstoffe Serotonin und Dopamin erfassen, um so deren Einfluss auf das Essverhalten zu erforschen. Außer zur Übergewichtsforschung wollen wir das Gerät auch für Studien zur Entstehung von Demenz und der Reaktion des Gehirns auf Stress und hormonelle Belastung einsetzen.« Diana Smikalla

Foto: Jan Woitas

KURZ GEFASST

Das Präsidium der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina/Nationale Akademie der Wissenschaften hat Prof. Dr. Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns im Juli 2011 zum Mitglied gewählt. Damit werden die wissenschaftlichen Leistungen und die Persönlichkeit der Direktorin der Klinik für Vögel und Reptilien geehrt. Ihre Schwerpunkte umfassen Erkrankungen der Ziervögel und des Nutzgeflügels, nichtinvasive Diagnostik, Antiinfektiva in der Vogelmedizin, Einfluss von Haltung und Zucht auf Vogelkrankheiten und Tierschutz. Anerkennenswert sind die Anzahl und Themenbreite der von ihr initiierten Forschungsprojekte sowie die Vielfalt der wissenschaftlichen Kooperationen im Inund Ausland. »Die Veterinärmedizinische Fakultät ist auf diese außerordentlich ehrenvolle Würdigung durch die weltweit berühmte, über 350 Jahre alte Akademie stolz«, gratulierte Prof. Dr. Karsten Fehlhaber, bislang einziges Mitglied der Leopoldina für die Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig. Zwischen der Universität Leipzig und der Salahaddin Universität in Erbil (Kurdistan) besteht eine neue Hochschulkooperation. Wichtigstes Ziel ist der Aufbau einer Deutschabteilung an der Salahaddin Universität. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hatte dazu aufgefordert, sich um eine entsprechende finanzielle Förderung zu bewerben. Das Herder-Institut konnte mit seinem Konzept für den Aufbau der Deutschabteilung und einem grundständigen Deutsch-alsFremdsprache-Studiengang überzeugen und wird zunächst bis Ende 2013 vom DAAD mit insgesamt 269.711,90 Euro gefördert.

Prof. Dr. Wolfgang Höpken, Inhaber des Lehrstuhls für Ost- und Südosteuropäische Geschichte am Historischen Seminar, wurde im Mai 2011 in die Kommission für südosteuropäische Geschichte bei der Göttinger Akademie der Wissenschaften sowie im September 2011 als stellvertretender Beiratsvorsitzender von BAYHOST (Bayerisches Hochschulzentrum für Mittel-, Ost- und Südosteuropa) gewählt.

Prof. Dr. Friedrich Kremer vom Institut für Experimentelle Physik I ist mit dem Wolfgang-Ostwald-Preis der Deutschen Kolloidgesellschaft ausgezeichnet worden. Er erhielt die alle zwei Jahre vergebene Ehrung im September 2011 auf der Konferenz der European Colloid and Interface Society (ECIS) und der Deutschen Kolloidgesellschaft. Prof. Dr. Joseph Claßen von der Klinik und Poliklinik für Neurologie ist neuer Sprecher des Profilbildenden Forschungsbereichs IV »Gehirn, Kognition und Sprache«. Der Mediziner löst den Biologen Prof. Dr. Rudolf Rübsamen ab. Die Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät und Frauenbeauftragte des Universitätsklinikums PD Dr. Katarina Stengler wurde in den Gleichstellungsbeirat des Sächsischen Staatsministeriums – und darin als Vertreterin der Universität Leipzig für den Bereich Wissenschaft – berufen. Der Beirat besteht aus rund 40 Personen aus Wissenschaft, Kultur, Gleichstellung und Politik.

Die 1367 gegründete Universität Pecs (Ungarn) hat den Mathematik-Didaktiker und Direktor des Instituts für Grundschulpädagogik Prof. Dr. Michael Toepell zum »Honorary University Professor« sowie den Grundschulpädagogen Dr. Matthias Heimann zum »Honorary Associate Professor« ernannt. Damit haben die langjährigen Kontakte zur Pädagogischen Fakultät Illyés Gyula Föiskolai Kar in Szekszard bei Pecs eine besondere Würdigung erfahren.

Emeritus Prof. Dr. Peter Illes vom Rudolf-Boehm-Institut für Pharmakologie und Toxikologie hat in Würdigung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und seines Einsatzes für die deutsch-italienischen

Wissenschaftskontakte den »Giuliana Fassina Award« des Italienischen Purine Clubs erhalten.

Prof. Dr. Rüdiger Lux wird in der Kategorie »Beste Predigt« den »Predigtpreis 2011« des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG erhalten. Der evangelische Theologe lehrt Altes Testament und erhielt die Auszeichnung für seine VaterunserPredigt, die er am 3. Oktober 2010 in der Leipziger Nikolaikirche hielt. Mit dem im Jahr 2000 erstmals vergebenen Preis will der Verlag die Redekunst in Kirchen fördern. Die Preisverleihung findet am 16. November 2011 in der Bonner Schlosskirche (Universitätskirche) statt. Den mit 10.000 US-Dollar prämierten »Human Factor Forschungspreis 2011« konnten die Leipziger Mediziner Prof. Dr. Jürgen Meixensberger, Prof. Dr. Gero Strauss und Prof. Dr. Andreas Dietz für eine Gemeinschaftsarbeit aus einem DFG-Projekt zum Thema Automatisierung in der Chirurgie – zusammen mit dem Berliner Prof. Dr. Dietrich Manzey – entgegennehmen.

Prof. Dr. Elisabeth Burr, Inhaberin der Professur Französische, frankophone und italienische Sprachwissenschaft, wurde auf dem internationalen Kongress Digital Humanities 2011 »Big Tent Digital Humanities« erneut zur Vorsitzenden des Standing Committee for Multi-Lingualism and MultiCulturalism der Alliance of Digital Humanities Associations (ADHO) gewählt. Die ADHO ist der weltweite Dachverband der in verschiedenen Regionen der Welt basierten Fachgesellschaften für Digitale Geisteswissenschaften. Das von Burr geleitete Komitee setzt sich zum Ziel, innerhalb der scientific community ein Bewusstsein für Fragen der Mehrsprachigkeit und für Unterschiede in den (akademischen) Kulturen zu fördern und Richtlinien für den Umgang mit ihnen in Bereichen wie Begutachtung von Vortrags- und Publikationsvorschlägen, Ausrichtung von Konferenzen, Herausgabe von Fachzeitschriften und Buchreihen et cetera zu fördern. Prof. Dr. Georg Vobruba vom Institut für Soziologie wurde in das Executive Committee der European Sociological Association (ESA) gewählt. Seine Amtszeit beträgt zwei Jahre.

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Honorarprofessor Cord Meyer bei seiner Rede.

Antrittsvorlesung zu Stellvertreterstreiks Honorarprofessor und Arbeitsrechtler Cord Meyer beschäftigt unter anderem der Unterstützungsarbeitskampf

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m Juni 2011 hielt der Honorarprofessor für Arbeitsrecht, Dr. Cord Meyer, seine Antrittsvorlesung an der Juristenfakultät der Universität Leipzig. Sein Thema waren aktuelle Stellvertreterstreiks der Bahngewerkschaften sowohl im DeutscheBahn-(DB)-Konzern als auch bei den privaten Wettbewerbern. Anlass insbesondere der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) war deren Forderung nach bundesweit einheitlichen Arbeitsbedingungen bei allen Eisenbahnverkehrsunternehmen. Stellvertreterstreiks haben sich infolge 2007 geänderter Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts zu sogenannten Unterstützungsstreiks entwickelt. Danach kann eine Gewerkschaft einen Arbeitgeber trotz bestehender Friedenspflicht bestreiken, um einen anderen Arbeitskampf zu unterstützen. Erforderlich ist dabei nur eine Nähe-Beziehung zwischen dem Arbeitgeber im Haupt- und dem Arbeitgeber im Unterstützungsarbeitskampf. Diese kann nach Vorstellung des Bundesarbeitsgerichts aus wirtschaftlichen, branchenmäßigen, regionalen oder auch informellen Kontakten der Arbeitgeber abzuleiten sein. In der Presse ist dabei weithin als unverständlich aufgegriffen worden, warum die GDL etwa den DB-Konzern bestreikte, obwohl sie dessen Arbeitsbedingungen bei den Wettbewerbern durchsetzen wollte. Hier fehlte es zum einen am legitimen Kampfziel, weil der DB-Konzern quasi zur Erfüllung der zentralen Streikforderung bereit war. Zum anderen mangelte es an einer Nähebeziehung zwischen dem DB-Konzern und seinen Konkurrenten, die etwa jüngst noch Entscheidungen vor dem Bundesgerichtshof im Vergaberecht zulasten des DB-Konzerns erstritten hatten. Als zulässige Variante des Unterstützungsstreiks konnten hingegen Streiks gegen arbeitnehmerlose Gesellschaften im DB-Konzern gewertet werden, die sich ohne Bindung an die

im DB-Konzern geltenden Tarifverträge an Ausschreibungen im Nahverkehr beteiligen sollten. Hier fehlte es zwar an einem Hauptarbeitskampf, weil die Gesellschaften als Ziel der Streiks selbst keine Arbeitnehmer beschäftigten, die von der Gewerkschaft hätten zum Streik aufrufen können. Deshalb war es gerechtfertigt, quasi stellvertretend andere Gesellschaften im DB-Konzern zu bestreiken, um auch in den arbeitnehmerlosen Unternehmen zu Tarifverträgen zu gelangen. Kritisch setzte sich der Referent mit dem Streikaufruf einer Gewerkschaft an Mitglieder einer Konkurrenzgewerkschaft auseinander. Dies vor dem Hintergrund, dass sowohl der Unterstützungsstreik einer anderen Gewerkschaft als auch der im Hauptarbeitskampf eine Übereinkunft beider Gewerkschaften über die Zahlung von Streikgeld voraussetzt. Überdies würde ein Gewerkschaftsmitglied die Loyalität gegenüber seiner Gewerkschaft verletzen, wenn er Kampfziele einer konkurrierenden Gewerkschaft unterstützt. In der Praxis sei daher zu beobachten, dass solche Streikaufrufe an Mitglieder einer Konkurrenzgewerkschaft eher dazu dienen, deren Mitglieder abzuwerben. Abschließend diskutierte der Referent die wettbewerblichen Aspekte der Streiks, von denen etwa im Raum Leipzig die Mitteldeutsche Regiobahn und die Veolia Verkehr Sachsen-Anhalt betroffen waren. Zweifel insbesondere an einem Kampfziel bundesweit einheitlicher Arbeitsbedingungen für alle Lokführer resultieren etwa aus unterschiedlichen Einsatzformen oder regionalen Lebenshaltungskosten sowie Kostenvorteilen eines DB-Konzerns gegenüber den Konkurrenten. Letztlich könne ein tarifpolitischer Alleinvertretungsanspruch einer Gewerkschaft zu einem Monopol führen, dessen Preis letztlich der Kunde zahlen müsse. Red. journal Universität Leipzig 5/2011

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Titelthema Personalia

Foto: privat

Neu berufen

Prof. Dr. rer. nat. Anja Hilbert

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erschiedene psychosoziale Belastungen können dazu beitragen, dass Essstörungen und langfristig sogar eine Adipositas entstehen. Essanfälle, wie zum Beispiel die sogenannte Binge-Eating-Störung, und ihre Behandlung sind Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. rer. nat. Anja Hilbert (44), die zum 1.

September 2011 dem Ruf der Universität Leipzig als Professorin für Verhaltensmedizin / Ernährungspsychologie an das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen gefolgt ist. Ihre neue Aufgabe beschreibt Hilbert so: »In der Krankheitsgeschichte von Menschen mit Essanfällen zeigen sich gehäuft psychosoziale Risikofaktoren wie zum Beispiel Vernachlässigung, Überforderung, Missbrauch oder ein gestörtes Essverhalten in der Familie wie regelmäßiges Überessen. In Leipzig möchten wir herausfinden, ob die sogenannte kognitiv-behaviorale Therapie erwachsenen und jugendlichen Patienten mit der Binge-Eating-Störung helfen kann, ihr Essverhalten und ihre Gefühle besser zu regulieren und somit ihr Körpergewicht zu normalisieren.« Prof. Dr. Michael Stumvoll, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums unterstreicht: »Eine so erfahrene Therapeutin und international bekannte Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Essstörungen wie Frau Professor Hilbert gewonnen zu haben, ist ein echter Coup

für das IFB. Psychische Störungen spielen in der Entstehung krankhaften Übergewichts eine überaus große Rolle.« Das IFB unterhält mehrere Forschungsprojekte im psychologisch-psychiatrischen Bereich an der Universitätsmedizin Leipzig. Die gebürtige Cellerin arbeitete von 2003 bis 2004 im Weight Management Center der Washington University in St. Louis (USA) und leitete von 2005 bis 2009 eine Marburger Nachwuchsforschergruppe zum Thema Adipositas. Als assoziierte Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie leitete sie danach die Akademie für Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter und das Beratungs- und Therapiezentrum des Instituts für Familienforschung und -beratung in Fribourg (Schweiz). Hilbert studierte Psychologie an den Universitäten Freiburg i. Br., Marburg und Nancy (Frankreich), sie promovierte und habilitierte an der Philipps-Universität Marburg. Die Neu-Leipzigerin entspannt sich am besten bei Jazzmusik, bei Gartenarbeit und,wenn es die Zeit erlaubt, beim Segeln. DG

Nachruf für Prof. Dr. phil. habil. Martin Erbstößer Am 24. Juni 2011 verstarb der Mediävist Prof. Dr. phil. habil. Martin Erbstößer. Geboren am 28. Juli 1929 in einer Arbeiterfamilie in Markkleeberg, studierte er nach dem Besuch der Arbeiter- und Bauern-Fakultät (1948-1950) von 1950 bis 1954 Geschichte und Pädagogik an der Universität Leipzig. Über eine wissenschaftliche Assistenz (1954-1957) und Oberassistenz (1957-1961) avancierte er 1961 zunächst zum Dozenten und 1975 zum ordentlichen Professor für Geschichte des Feudalismus an der Sektion Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. Bereits seine Promotion zum Thema »Ideologische Probleme des mittelalterlichen Plebejertums« (1960) und seine Habilitation »Sozialreligiöse Strömungen im späten Mittelalter« (1970) erregten 32

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die Aufmerksamkeit der internationalen Fachwelt. Als Schüler der renommierten Mittelalterforscher Heinrich Sproemberg (1889-1966) und Ernst Werner (1920-1993) wurden seine zahlreichen Bücher zu Themen der mittelalterlichen Geschichte und Häresiologie alsbald zu Bestsellern auf dem europäischen Buchmarkt. Übersetzungen seiner Werke ins Englische, Französischen und Japanische trugen zu seiner Popularität auch jenseits der Grenzen Deutschlands bei. Als begeisterter und begeisternder Hochschullehrer prägte er mehrere Generationen von Studierenden und jungen Wissenschaftlern. Freunde, Kollegen und Schüler werden ihm und seinem herausragenden Lebenswerk ein ehrendes Andenken bewahren. Prof. Dr. Sabine Tanz

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m Sommersemester 2011 übernahm Marco Frenschkowski seine »Professor für Neues Testament unter besonderer Berücksichtigung der Religionsgeschichte der hellenistisch-römischen Welt« am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft der Theologischen Fakultät. Der 51-Jährige hat Evangelische Theologie und Gräzistik in Mainz und Tübingen studiert, promovierte in Mainz zum Thema »Offenbarung und Epiphanie« (1994) und legte seine Habilitation zum Thema »Q-Studien« (2001) vor. Vor seinem Ruf nach Leipzig lehrte der Vater zweier erwachsener Kinder an verschiedenen Universitäten. »Daneben war ich Pfarrer im Rhein-Main-Gebiet mit besonderen Dienstaufträgen, unter anderem im ökumenischen und interreligiösen Bereich«, ergänzt der gebürtige Hamburger. Er publizierte unter anderem Beiträge zu zahlreichen Nachschlagewerken und schrieb daneben auch populäre Bücher (wie »Heilige Schriften«, 2007 über die heiligen Texte der Religionen), die »wie ich zu meinem Vergnügen sagen darf, recht erfolgreich sind«, so Frenschkowski. Seine Spezialgebiete sind das antike Christentum, besonders das Neue Testa-

adrenalin. Entscheidend sind die Fragen, welchen Einfluss diese Substanzen auf Appetit und Sättigung haben und inwieweit Essen dazu dient, Stressgefühle abzubauen oder sich zu belohnen. Die zentralen Untersuchungsmethoden sind die Positronen-Emmissions-Tomografie (PET) und die Single-PhotonenEmissions-Tomographie. Sie machen die Aktivierung dieser NeurotransmitterSysteme und neuronalen Strukturen in bestimmten Gehirnarealen sichtbar und quantitativ erfassbar. Hesse studierte und promovierte in Leipzig; er habilitierte zum Thema der molekularen Neurobildgebung bei psychischen Störungen. Forschung und klinische Praxis gehen bei ihm Hand in Hand; denn bereits seit 2002 ist er Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums. Der Facharzt interessiert sich nicht nur für die farbenfrohen PET-Bilder, er greift auch selbst zu Farbe und Pinsel. Besonders die Schnittstellen zwischen den Neurowissenschaften und der bildenden Kunst findet Hesse spannend. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und ment, im Kontext seiner religiösen und kulturellen Umwelt. »Daneben habe ich auf religionswissenschaftlichem Gebiet gearbeitet, etwa über neue religiöse Bewegungen und überhaupt Religionen der Gegenwart, oder über die Geschichte der Magie. Aber das Neue Testament ist mein primäres Fachgebiet.« Daneben beteiligt sich der Theologe an der Herausgabe und Kommentierung (klassischer) phantastisch-imaginativer Literatur und hat dazu Bücher und Studien publiziert. »Das wurde zu mehr als einem Hobby, und ich versuche es mit Mühe einzuschränken«, erklärt er. Denn ihn interessieren auch Bibliotheken, unheimliche Filme, alle Arten religiöser Gemeinschaften, antike Literaturen und Sprachen oder gelegentlich die Abgründe der menschlichen Seele, aber »nicht unbedingt in dieser Reihenfolge«. »Mein Fach ist eine Stimme im Dialog der Wissenschaften über alle gesellschaftlich wichtigen Fragen. Theologie ist auch die kritisch-akademische Instanz für die Kirchen. Die Gesellschaft braucht eine mündige, reflektierte Religion, um nicht Fundamentalismen, religiösem Kitsch oder einem kümmerlichen

Foto: privat

nfang Juli erhielt Privatdozent Dr. Swen Hesse (41) die Berufungsurkunde zum Professor für Molekulare Neurobildgebung der Adipositas am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen. Das IFB profitiert in der Neurobildgebung von der guten Forschungsinfrastruktur und -dichte der Neurowissenschaften in Leipzig. Außerdem bieten die interdisziplinär angelegte Forschung des IFB und die Verzahnung mit der Klinik einen optimalen Rahmen für Hesses Studien. Der gebürtige Sachse wird den Forschungsbereich Neurobildgebung der Adipositas maßgeblich ausbauen. Diese Bildgebung nimmt eine Schlüsselposition ein, da sie für andere IFB-Forschungsbereiche, wie Verhaltensmedizin, Fettgewebe oder Adipositastherapien, von großer diagnostischer Bedeutung ist. »Wir untersuchen, ob und in welchem Maße Störungen zentraler Neurotransmitter an der Entstehung von Essstörungen und Adipositas beteiligt sind«, so Hesse. Zu den Neurotransmittern gehören zum Beispiel das »Glückshormon« Serotonin oder das »Stresshormon« Nor-

Prof. Dr. Swen Hesse

Künstlern versucht er in der eigenen Malerei eine Brücke zu schlagen. Diese Musestunden sind derzeit aber eher selten, denn sein 17 Monate alter Sohn und der Hausbau der Familie halten ihn auf Trab. DG

Foto: privat

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Prof. Dr. Marco Frenschkowski

Atheismus auf den Leim zu gehen.« Ein elementares Anliegen für Frenschkowski ist die Integration der Theologie in die Diskussionen und dialogischen Prozesse der Gesamtuniversität. KH journal Universität Leipzig 5/2011

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Titelthema

zeichnung in sachsen 29. september 2011 – 22. januar 2012 otto-schill-straße 4 a. 04109 leipzig dienstag, donnerstag bis sonntag, feiertage 10—18 uhr mittwoch 12—20 uhr sparkassenkunden haben freien eintritt in die kunsthalle.* *gilt nicht für veranstaltungen

www.kunsthalle-sparkasse.de

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Heft 6/2011 · www.uni-leipzig.de/journal

e rBüch l a Spezi

r tipps Literatu 1 201

Geschlechterforschung Wissenschaft und Gender an der Uni Leipzig

Geschlechterforschung – Wissenschaft und Gender an der Uni leipzig Die Universität debattiert, beispielsweise in der Diskussion um die endgültige Grundordnung, auch um Gender-Fragen: Was heißt eigentlich Gender Mainstreaming? Wenden wir dieses Prinzip an – und wenn ja, wie und wo? Das Schwerpunktthema dieser Journal-Ausgabe liefert Details zu diesem Querschnittsthema, die sicherlich auf breites Interesse stoßen, und hoffentlich manche dazu anregen, sich »gender-mainstreamed« einmal die »Geschlechter-Brille« auf die Nase zu setzen und alles unter dem Aspekt Mann – oder Frau zu betrachten. Der Einfluss der sozialen Geschlechtsrolle kann überall verortet werden – in jedem Fall von den Sozial- und Geisteswissenschaften bis zur Medizin (siehe hierzu auch der Beitrag aus der Medizin in dieser Ausgabe). Dabei stellt sich auch die Frage: Gibt es ihn eigentlich noch, den Kampf der Geschlechter? Sicherlich ja. Auch wenn er wohl nicht so mar tialisch ausgetragen wird, wie man sich einen »Kampf« bildlich vorstellt. Vielmehr sind es heute Reibungen, die durch Forderungen seitens der Frauen sowie der Männer entstehen, die dieses Thema bewusst forcieren. Diese Reibungen entstehen beispielsweise, wenn man sich die Verteilung der Professuren an Universitäten allgemein, aber eben auch an unserer Leipziger Universität, einmal anschaut: Warum haben wir einen zwar wachsenden, aber dennoch auffallend kleinen Anteil an Professorinnen? Können wir es uns leisten in der Riege der 14 Dekane nur eine Dekanin zu haben? Ist diese Situation allein Ausdruck qualitativer Eignungsmerkmale? Nicht allein, denke ich. Vielmehr sind sie auch Ausdruck einer jahrhundertewährenden männerdominierten Wissenschaftskultur, die es weiterhin für Frauen zu öffnen gilt. Nach den vielen Jahren, seit Frauen an Universitäten studieren und erfolgreich abschließen, in denen sie vielfach in verschiedenen Studiengängen die Mehrheit bilden, sollte es nun auch häufiger zum Aufstieg kommen. Zu verhindern, dass dieser Aufstieg allein aufgrund des Geschlechts nicht zustande kommt, vermag bereits das Gesetz. Doch darüber hinaus sollten wir alle darum kämpfen, ein offenes Klima und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle zu entwickeln und unseren Teil für eine gleichberechtigte Entwicklung für alle Angehörigen der Universität zu leisten.

Prof. Dr. Beate A. Schücking Rektorin

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Mitteilungen und Berichte für die Angehörigen und Freunde der Universität Leipzig Herausgeber: Rektorin der Universität Leipzig, Ritterstraße 26, 04109 Leipzig Chefredaktion und V.i.S.d.P.: Dr. Manuela Rutsatz Redaktion: Dipl. Journ. Katrin Henneberg Telefon: 0341 97-35024 Telefax: 0341 97-35029 E-Mail: [email protected]

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder. Gestaltung, Herstellung und Anzeigen: wpunktw kommunikation und werbung gmbh Telefon: 0341 2267070 E-Mail: [email protected]

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Druck: Messedruck Leipzig GmbH Auflage: 10.000

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Titelbild: Fotolia Das Journal kann gegen Übernahme der Versandkosten bezogen werden bei: Leipziger Universitätsverlag GmbH Oststraße 41, 04317 Leipzig Telefon/Fax: 0341 9900440 E-Mail: [email protected] Die Redaktion behält sich vor, eingesandte Artikel zu redigieren und zu kürzen. Bei unverlangt eingesandten Manuskripten besteht keine Gewähr für einen Abdruck. Der Nachdruck von Artikeln ist gestattet, sofern die Quelle angegeben wird. Ein Belegexemplar an die Redaktion wird erbeten. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 18.11.2011 ISSN 1860-6709

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Im Porträt: DAAD-Preisträger Richard Adu-Gyamfi.

SFB 586 zeigt in Abschlussausstellung nomadische Lebenswelten aus 5.000 Jahren. Picador-Gastprofessorin beschreibt ihre Erfahrungen mit Deutschland und in Leipzig. Ausstellung: Antikenmuseum ist »Fälschern auf der Spur«. Ausstellung: Albertina zeigt NS-Raubgut. / UB-Kurs für Handschriftenkultur.

Alte Kunst im neuen Bau am Augustusplatz: die Fresken des Dominikanerklosters.

Jubiläum der Freunde und Förderer der Universität. / Erstes Unifamilienfrühstück. Guter Geist: BuildMonaKinderbetreuerin Christina Kny.

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Rückblick auf die Feierliche Immatrikulation.

FraGes zu Geschlechterforschung und Gender-Kritik. Thema Gleichstellung: Interview mit Georg Teichert. Erfolg im Beruf als Frage des Geschlechts.

Foto: privat

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Nachwuchsforscher trafen Nobelpreisträger 23 Nobelpreisträger und 566 junge Forscher aus 77 Ländern haben sich in Lindau am Bodensee ausgetauscht. Mit dabei waren auch Carolin Wagner (Doktorandin; physikalische Fakultät) und Dr. John Heiker (Post Doc; Department für Innere Medizin). Ihr Erfahrungsbericht ist zu lesen auf Seite 33

inhalt

Foto: Peggy Hamfler/mephisto 97.6

rektorinnen diskutierten über Frauen in der Wissenschaft Erstmals zusammen auf einem Podium diskutierten am 24. November die Leipziger Hochschulrektorinnen Prof. Dr. Ana Dimke von der HGB Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking von der Universität Leipzig und Prof. Dr. Renate Lieckfeldt von der HTWK Leipzig (v.l.n.r.) mit dem Gleichsstellungsbeauftragten Georg Teichert zum Thema »women in science – (K)Ein Karrieremodell?!« und fragten nach den Karrieremöglichkeiten von Frauen in der Wissenschaft. Die Veranstaltung in der Frauenkultur Leipzig war eine Kooperation des Gleichstellungsbüros und des Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung (FraGes). »In ungezwungener Atmosphäre gewährten die Rektorinnen Einblicke in ihre ganz persönlichen Entwicklungswege, zeigten generelle Problempunkte auf und stellten Lösungsvarianten vor«, sagte Georg Teichert, Zentraler Gleichstellungsbeauftragter.

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Männer in »Frauenberufen«. Zum ethischen Umgang mit Intersexualität im Sport.

Geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin.

Forschung

200-jähriges Jubiläum Die Reproduktion zeigt eine zeitgenössische Ansicht des jungen Johann Christian August Heinroth (1773 – 1843), erster Hochschullehrer für »Psychische Theyrapie«. Im Oktober feierte die Universität 200 Jahre psychiatrische Forschung und Lehre an der Uni Leipzig.

Repro: Uni-Archiv

Frauen in Führungspositionen: Interview mit Prof. Monika Harms.

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Leibniz-Professor Dirk K. Morr aus Chicago lehrt und forscht in der Physik. Weltkongress für Regenerative Medizin.

Fortschritte in der MRT-Bildgebung. KMW erhält Forschungspreise.

Spezial: Büchertipps für Fachlektüre.

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Foto: Uta Schilling

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abschlussausstellung des SFB 586 Die Aufnahme zeigt Dachkranz und Dachstäbe einer kasachischen Jurte in der Westmongolei. Mit rund 400 weiteren Exponaten eröffnete am 17. November im Hamburger Museum für Völkerkunde die Ausstellung »Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt« zum Abschluss der Forschungsarbeiten des SFB 586 »Differenz und Integration«.

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Psychatrie-Jubiläum.

Präventionsprojekt »Kein Täter werden«. / Bericht vom Nobelpreisträgertreffen in Lindau.

Brisante Begegnungen Kurz gefasst personalia

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Foto: Swen Reichhold

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Blick in den Großen Saal des Gewandhauses zu Leipzig bei der diesjährigen Begrüßung der neuen Studierenden.

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eit über 6.000 Erstsemester sind am 12. Oktober an der Universität Leipzig feierlich immatrikuliert worden. Rektorin Prof. Dr. Beate A. Schücking begrüßte die Neuankömmlinge im Gewandhaus zum Auftakt des akademischen Jahres 2011/2012. Die Sprecher des StudentInnenRates und dessen Referates ausländischer Studierender hießen den akademischen Nachwuchs ebenso willkommen wie die Geschäftsführerin des Leipziger Studentenwerks, Dr. Andrea Diekhof. Die Festrede hielt Professor Dr. Reinhold Grimm, Vorsitzender des Akkreditierungsrats und Mitglied des Hochschulrats der Universität Leipzig. In der akademischen Feierstunde wurden zudem der Wolfgang-Natonek-Preis, der Theodor-Litt-Preis und der Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) verliehen. Ersterer geht an Studierende, die hervorragende Leistungen erbringen und sich ebenso durch gesellschaftliches Engagement hervorheben. Die Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig zeichnete Patric Maurer aus. Er hat 2009 die tierärztliche Vorprüfung mit sehr guten Noten abgeschlossen. Sein besonderes Engagement zeigt sich in einer beeindruckend umfangreichen Nutzung zusätzlicher Qualifikationsangebote im Rahmen von fakultativen Kursen und Praktika – etwa in landwirtschaftlichen Betrieben, phar-

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mazeutischen Unternehmen, an der Biomedizinischen Einrichtung des University College Dublin oder im öffentlichen Veterinärwesen an der European Veterinarian Education, Research and Industry. In besonderer Weise wurden seine Initiativen gewürdigt, die Veterinärmedizinische Fakultät auf nationaler und internationaler Ebene zu vertreten. Mit dem Theodor-Litt-Preis für Lehrende, die sich über das beruflich zu erwartende Maß hinaus in Lehre und Studierendenbetreuung engagieren, ehrte die Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Dr. Jürgen Ronthaler. Er gehört seit 1976 der Universität an – zunächst als Studierender, später als wissenschaftlicher Assistent. Nach seiner Promotion 1984 ist er bis heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anglistik an der Philologischen Fakultät beschäftigt. Die Fülle seines universitätsweiten überaus großen Engagements zeige seine enge Verbundenheit mit der Universität Leipzig, hieß es zur Begründung. Er wirke maßgeblich an der Präsenz und Entwicklung der Universität auf verschiedenen Ebenen in herausragender Weise mit. Der mit 1.000 Euro dotierte DAAD-Preis, mit dem jährlich die Leistungen ausländischer Studierender gewürdigt werden, ging an Richard Adu-Gyamfi aus Ghana (siehe folgender Artikel). Susann Huster

Foto: Ines Christ

Richard Adu-Gyamfi aus Ghana.

SEPT-Student Richard Adu-Gyamfi ist der diesjährige DAAD-Preisträger A

ls er im Internet las, dass Leipzig Bach-Stadt ist, war Richard Adu-Gyamfi begeistert. »Johann Sebastian Bach ist meine Leidenschaft«, sagt der 29-Jährige aus dem westafrikanischen Ghana. Zu Beginn des Wintersemesters wurde der Student der Universität Leipzig mit dem DAAD-Preis ausgezeichnet, mit dem jedes Jahr die besonderen Leistungen ausländischer Studierender gewürdigt werden. In der Begründung hieß es unter anderem, er engagiere sich sowohl im Rahmen seines Studiums als auch in gesellschaftlichen Bereichen in beeindruckender Weise. In diesem Zusammenhang hat der Thomas-Kantor und Komponist Bach eine wichtige Bedeutung für ihn, denn Richard Adu-Gyamfi spielt seine Stücke auf der Orgel – und das nicht nur zum Üben. Der Student, der sich das Klavier- und Orgelspielen hauptsächlich selbst beigebracht hat, spielt inzwischen auf einem als professionell zu bezeichnenden Niveau – und begleitet als Organist von Zeit zu Zeit die Gottesdienste in der Leipziger Propsteikirche. »Ich habe in Bonn angefangen Stunden zu nehmen, hier habe ich mein Spiel verbessert«, meint Richard Adu-Gymafi dazu bescheiden. Im Juni 2009 kam er nach Deutschland und lebte zunächst vier Monate in der Stadt am Rhein. Dort hat er nicht nur Deutsch gelernt, sondern auch einen der wichtigsten Unterschiede zwischen Ghana und der Bundesrepublik: »Pünktlichkeit ist hier sehr wichtig. Wenn man sich für 8 Uhr verabredet, ist man 8 Uhr da. In Ghana kommt man 8.30 Uhr – ungefähr«, meint der Student lachend. Im Oktober 2009 begann er sein Studium in Leipzig, inzwischen hat er das internationale MBA-Programm

»Small Enterprise Promotion and Training« (SEPT) fast abgeschlossen. Er hat es dabei als großen Vorteil empfunden, sich mit Kommilitonen von fünf Kontinenten austauschen zu können und mit ihnen gemeinsam zu lernen. »Es war auch schön, mit den Dozenten zu diskutieren, das Verhältnis untereinander war sehr gut.« Neben seinem Studium hat sich der Stipendiat des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes (KAAD) in der Katholischen Hochschulgemeinde engagiert. Der Austausch zwischen deutscher und ghanaischer Kultur schloss dabei gelegentlich auch das Kulinarische ein. »Ich habe für meine Freunde gekocht und sie für mich. Und auch wenn ich Einiges aus der Heimat vermisse: Kartoffelsalat oder Bratwurst mit Sauerkraut sind sehr lecker«, kann Richard Adu-Gyamfi der deutschen Küche durchaus etwas abgewinnen. Und auch die Sache mit dem Wetter nimmt der zuvor konstant 30 Grad Celsius gewohnte Afrikaner mit Humor: »Ich mag den Schnee. Und das Beste ist: Man sieht mich sofort«, sagt er und deutet auf sein dunkles Gesicht, in dem ein breites Lachen strahlt. Richard Adu-Gyamfi hofft, in Deutschland im Anschluss an das Master-Programm auch noch seine Doktor-Arbeit schreiben zu können, bevor er irgendwann nach Ghana zurückkehrt. Dort würde er gern als Dozent an der Kwame Nkrumah University of Science and Technology in der Stadt Kumasi arbeiten, wo er von 2001 bis 2005 im Bachelor-Studiengang Verlagswesen studiert hat. Ines Christ

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Brisante Begegnungen ausstellung: Der SFB 586 präsentiert ergebnisse in hamburg

Teil 6/6

Foto: Dr. Carl Rathjens

und eine regionale Breite von Nordafrika über Europa bis Asien. Am von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Forschungsverbund des SFB 586 sind die Universität Leipzig und die MartinLuther-Universität Halle-Wittenberg beteiligt sowie das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig.

50 Forschungsprojekte aus 15 Disziplinen

Zwei Kamelstatuetten aus Ton (sabäisch al-Djawf, Jemen), Museum für Völkerkunde Hamburg.

Lebenswelten aus 5.000 Jahren abschlussausstellung »Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt« des SFB 586 im Museum für Völkerkunde hamburg eröffnet Ob in Marokko, im Sudan, in der Mongolei oder in Kasachstan: »Nomaden hinterherzukommen ist über die Sprache hinaus ein sehr komplexes Unterfangen«, sagt Prof. Dr. Jörg Gertel, Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) 586 »Differenz und Integration« und Professor für Arabistik an der Universität Leipzig. Monate und sogar Jahre hätten Ethnologen oder Geographen deshalb mit nomadischen Gesellschaften gelebt. »Wenngleich ihre Lebensformen immer wieder totgesagt werden, sind sie noch sehr präsent und ein eigentlich sehr erfolgreiches Modell.« 6

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Quintessenz aus zehnjähriger Forschung Mit rund 400 Exponaten bietet die Ausstellung »Brisante Begegnungen – Nomaden in einer sesshaften Welt« im Museum für Völkerkunde Hamburg Besuchern seit dem 17. November 2011 die Gelegenheit, vielfältige Eindrücke nomadischen Lebens von der Vergangenheit bis heute zu sammeln. Der SFB 586 präsentiert in seiner Abschlussausstellung die Quintessenz seiner über zehnjährigen, interdisziplinären Forschungsarbeit. Die umfasst einen zeitlichen Rahmen von nahezu 5.000 Jahren

In den über 50 Forschungsprojekten aus 15 Disziplinen untersuchten auch Archäologen, Historiker oder Orientwissenschaftler nomadische Lebenswelten in unterschiedlichen zeitlichen Epochen »und immer auch Beziehungen zu sesshaften Gesellschaften, mit denen Nomaden stets im regen Austausch standen«, unterstreicht Prof. Dr. Annegret Nippa. Die Direktorin des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig kuratierte mit ihrer Mitarbeiterin Dr. Andreea Bretan die Ausstellung, für die die DFG fast 980.000 Euro Fördermittel bereit stellte. Mit großem Engagement haben die Ethnologinnen Leihgaben aus aller Welt zusammengetragen, die gemeinsam mit Schätzen aus den Archiven des Hamburger Museums Forschungsergebnisse für Besucher anschaulich machen.

Neues Format präsentiert ergebnisse

»Für uns ist das heute Abend ein ganz besonderes Format, unsere meist nur in Textform vorhandenen Erkenntnisse über diese Ausstellung und die ebenfalls gestartete internationale Konferenz sichtbar zu machen«, sagte Jörg Gertel zur Eröffnung. »Ich bin jetzt schon von den kleinen Ausschnitten der Ausstellung beeindruckt, die ich vorab gesehen habe, und davon, dass ich in nur zehn Minuten vier verschiedene Dinge gelernt habe«, so Prof. Dr. Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, in ihrem

Fotos: Paul Schimweg

Foto: Paul Schimweg

den sich deshalb Spannungen zwischen nomadischen und sesshaften Menschen, zwischen verschiedenen Kulturen, Wirtschaftsweisen und politischen Strukturen. Und die Ausstellung erzählt Geschichten, wie moderne Nomaden mit ökologischen und technologischen Entwicklungen problemlos mithalten.

Zu sehen in der Ausstellung: die »Hornmütze« einer verheirateten Frau aus dem 19. Jahrhundert (Inarisámen – Paatsjoki, Inari, Finnland), Lappland-Expedition Julius Konietzko 1912. Museum für Völkerkunde Hamburg.

Grußwort. Mit der Exposition werde die viele Ländergrenzen überschreitende Forschungsarbeit des SFB 586 noch einmal besonders herausgehoben. Seine Fülle von Einzelprojekten und nicht zuletzt, dass es die vielen sogenannten kleinen Fächer zusammenbringe, mache das Projekt ganz besonders. Dr. Hans-Dieter Bienert von der DFG betonte den hohen Transfer von Wissen in die Breite Öffentlichkeit, den die Schau ermögliche: »Es ist der DFG ein großes Anliegen, gerade für die Geisteswissenschaften den Blick zu öffnen.«

Meist friedliche Begegnungen

In der Exposition begegnen sich etwa mit Karakulschafen handelnde Nomaden aus Usbekistan und ein Hamburger Oberbürgermeister im Persianer-Pelz.

Oder eine alte römische Einbürgerungsurkunde zeigt auf, dass die aktuelle Debatte um Migration und Integration kein Phänomen der Neuzeit ist. »Schon immer hat das Fremde existiert, schon immer waren Gesellschaften aus vielfältigen Kulturen und Lebensweisen zusammengesetzt, die Differenz und Integration ständig neu aushandeln mussten«, so Annegret Nippa. Im Mittelpunkt der Schau stehen friedliche Koexistenzen, wie auf Handelsplätzen. Am Rande werden auch kriegerische Auseinandersetzungen aufgezeigt. »Wichtig an diesen Begegnungen sind bestimmte Prinzipien, die in regionaler Breite und historischer Tiefe in verschiedenen Variationen immer wieder auftauchen«, erläutert Andreea Bretan. In mehreren Themenblöcken wiederfin-

Pferdeprunkgeschirr, mit Türkisen besetzt, Bochara-Technik aus dem 19. Jahrhundert, vermutlich. Turkmenen – Iran. Museum für Völkerkunde Hamburg: Schenkung Paul Rickmers.

Konzept mit nomadischem Gedanken »Auch die Art der Präsentation soll dem Gedanken des Nomadischen entsprechen. Die Besucher wandern deshalb durch das Haus und erleben das Thema in seiner Flexibilität und in seiner journal Universität Leipzig 6/2011

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Foto: Andreea Bretan

Syrische Beduinen tränken ihre Schafe auf der Frühjahrsweide. Die jungen Männer der Familie sind zumeist die Hirten. Die Hirtenarbeit ist körperlich anstrengend und bisweilen gefährlich: Die jungen Männer ertragen Kälte, Regen und müssen Angriffe wilder Tiere von den Schafen abwehren. Syrien, 2006.

Grundbedingung, der Mobilität«, erklärt Annegret Nippa das Ausstellungskonzept. So sind die Exponate auch in den Räumen der Dauerausstellung auf insgesamt fast 1.000 Quadratmetern verteilt. »Denn Nomadismus ist mit verschiedenen Stationen und Orten des Lebens verbunden und dabei eng mit sesshaften Kulturen verflochten.« Andreea Bretan ergänzt: »Ein weiteres Prinzip war es zu zeigen: Nomaden finden sich auch dort, wo man sie nicht erwartet, an überraschenden Orten und manchmal auch da, wo sie stören. Aber Nomaden finden sich immer zurecht.« Multimediastationen erlauben es ebenso wie einzelne Exponate zum Anfassen, sich in Kleidungsstücke, Gefäße, Felle, Teppiche, einen transportablen Webstuhl oder Techniken der Käse- und Butterherstellung zu vertiefen. In einzelne Stationen können Besucher selbst hineinschlüpfen – so etwa in ein syrisches Beduinenzelt oder in den Nachbau einer historischen Karawanserei, die einst als wichtige Pausenstation für den Postdienst diente. Spannend sind hier nicht 8

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zuletzt die zu hörenden syrischen Gesänge und Märchen, die ebenso wie ein lebensgroßes Kamel, Ziegen oder Schafe aus Plüsch auch die jüngsten Besucher begeistern dürften.

internationale Fachtagung

Am 17. November fand ebenfalls die Eröffnung der internationalen Tagung »From Nomadic Empires to Neoliberal Conquests« (Vom Nomadenreich zur neoliberalen Übermacht), anlässlich des Abschlusses der Forschungsarbeit des SFB 586 bis zum 20. November in Hamburg organsiert, statt. Neben der Ausstellung bot die Tagung das entsprechende Wissenschaftsforum, zu dem über 80 Wissenschaftler aus der ganzen Welt angereist waren. »Es ging uns um wichtige und aktuelle Fragen, etwa: Welche Formen der Herrschaft und welche gesellschaftliche Ordnung kennen wir, welche waren historisch erfolgreich und warum sind andere gescheitert? Auch stehen Fragen um Eigentumsrechte im Fokus: Wenn weltweit immer weiter privatisiert wird,

wie ist der Umgang mit unserer Umwelt langfristig zu bewerten? Wer hat heute die Verfügungsgewalt über das Land, das wir bewirtschaften? Warum gelangt es in immer weniger Hände?«, so Jörg Gertel. Über die Ziele der Tagung sagt Prof. Dr. Jürgen Paul von der MartinLuther-Universität Halle-Wittenberg, stellvertretender Sprecher des SFB, weiter: »Auf der Konferenz haben wir die Entwicklung der Nomaden im Verhältnis zur sesshaften Gesellschaft nachvollzogen. Wir wollten zeigen, wie sich die Bewegungsfreiheit von Nomaden im Laufe der letzten 1.000 Jahre zunehmend begrenzt hat. Ziel war es natürlich auch, die Ergebnisse des Sonderforschungsbereichs mit der Nomadenforschung außerhalb des SFB zusammenzubringen und mit einigen der weltweit führenden Nomadenforschern zu diskutieren.« Die Rektorin der Universität Leipzig lobte zur Konferenzeröffnung die Signifikanz und Interdisziplinarität des SFB: »In Deutschland existieren wenige solcher Forschungszentren für die sogenannten kleinen Fächer, aber die Themen Differenz und Integration werden immer wichtiger. Der SFB hat sich mit einem sehr hohen Level an Internationalität etabliert und berücksichtigt dabei auch viele Länder, die für gewöhnlich nicht so sehr im Fokus der Forschung stehen. Wenngleich die Arbeit des Sonderforschungsbereichs Mitte nächsten Jahres endet, wurden viele Strukturen in und um Leipzig geschaffen, von denen wir alle noch viel Nutzen haben werden. Ich hoffe, dass alle Beteiligten mit ihren erfolgreichen Arbeiten fortfahren werden.« Katrin Henneberg Lese-Tipps: Annegret Nippa (Hrsg.): Kleines ABC des Nomadismus. Leipzig: Gutenberg Verlag und Druckerei GmbH 2010. / Jörg Gertel und Sandra Calkins (Hrsg.): Nomaden in unserer Welt. Bielefeld: Transcript Verlag 2011.

Foto: Glenn Koenig

Porochista Khakpour, Autorin und Picador Gastprofessorin im Wintersemester 2011/2012.

Ein wahrer Höhepunkt in meinem Leben Es mag wohl für die meisten überraschend klingen, aber als der Zeitpunkt kam, in der Highschool eine Fremdsprache zu wählen, die man dann doch etliche Jahre zu lernen hatte, wählte ich Deutsch. Überraschend, da ich heute – abgesehen von »Ich habe keine Ahnung« – absolut nichts mehr weiß. Ich erinnere mich an unser altes 70er-Jahre-Lehrbuch »Unsere Freunde« und dessen Geschichten über einen spindeldürren, bayrischen Jungen namens Alois und die Behauptungen, dass die Deutschen eine Menge Leberkäse essen würden. Das waren allerdings nicht die Gründe dafür, dass ich Deutsch gewählt hatte, sondern weil es die Wahlsprache all der trendigen Außenseiter, Punks und Chaoten war; einer Gruppe zu der ich – eine Einser-Streberin – nicht gehörte, mir aber verzweifelt vorstellte, vielleicht in einem anderen Leben in ihren Kreis aufgenommen zu werden. Ich entschied mich für Deutsch und lernte nichts – dank Frau Evans (einer enthusiastischen Frau

aus dem mittleren Westen, die thematische Trainingsanzüge trug, die man besser im Reich der Pyjamas gelassen hätte) und ihren Einsen für »Fleiß«. Ich sah schon das Unabwendbare kommen: jahrelanges Generve, weil ich kein Spanisch gewählt habe, wie all diese ausgeglichenen California-Kids. Schnitt – zwei Jahrzehnte später. Plötzlich zogen all die interessanten Menschen, die ich in meiner Stadt New York kannte, nach Berlin. Das war der neue, coole Ort für die trendigen Außenseiter, Punks und Chaoten, die nun zu Galeristen, Musikern und Modedesignern herangewachsen waren. Einen Freund nach dem anderen verlor ich in Brooklyn an Berlin. Dann, letzten Frühling, als ich hierher eingeladen wurde, wuchs das alte Angstgefühl: Was, wenn alles schrecklich werden würde? Stell dir die Peinlichkeit bei den Mittagessen mit den – natürlich unglaublich angesagten und AvantgardeBrillen tragenden – Kollegen vor, bei denen sie mich fragen würden, wie ich Deutschland finde und ich erröten würde und mit den Achseln zucken und wahrscheinlich ein bisschen heulen. Ich stellte mir meine Studenten vor, die alle wie »Sid and Nancy«-Statisten aussähen und meine kitschigen amerikanischen Witze mit Mitleid ertrügen. Ich stellte mir vor, diesen Essay unter dem Motto zu schreiben: »Sorry, Deutschland, ich bin es nicht wert.« All das belegt wohl, dass ich ein Wackelkandidat für die deutsche Zuwendung war. Ein kluger Hair-Metal-Mann hat mal gesagt »love bites/love bleeds« (Liebe beißt, Liebe blutet.) Ich habe eine Version davon (Womöglich muss man ja wirklich für die Liebe bluten und gebissen werden?) in meiner frühen Liebesbeziehung mit Leipzig durchlebt. Gelandet bin ich mit einem Knall. Einige Augenblicke, nachdem ich am Leipziger Hauptbahnhof angekommen war, brach ich zusammen. Ich hatte eine Beule an meinem Kopf ignoriert, die sich einen Tag vor meinem Abflug zu einem Geschwür entwickelte, und ich ignorierte die Ärzte in den USA, die mir nahegelegt hatten, doch besser nicht zu fliegen und nun hatte ich den Salat. Im Krankenwagen machte ich mir große Sorgen, an Selbsthass zu verenden, währenddessen mir die Worte »Siehst du, Deutschland hasst mich« durch den Kopf sausten. Dieser Film wurde aber durch die junge Krankenschwester unterbrochen, die an meiner Seite stand und sang, bis ich mich wieder beruhigte. Für diese Das-Glas-ist-halbleer-Göre war es ein Omen, dass in all dem Bösen, das ich auf meinem Weg bis dahin erfuhr, ein Quäntchen des unerwarteten Glücks lag. In meinen ersten Wochen in Deutschland sah ich nichts außer Krankenhäusern und Ärzten. Tägliche Wundreinigung der Kopfhaut mit Zahnarztinstrumenten. Denk an all die Klischees, die zum Schmerz gehören und multipliziere sie mit einer Million. Dennoch war ich geblendet vom Licht am Ende des Tunnels: Die Schönheit der deutschen Doktoren ist das Eine. Sie sehen tatsächlich so aus, als ob sie die Ärzte in einer Fernsehserie spielen würden. Aber sie waren auch sehr freundlich und geduldig und zeichneten Diagramme und machten Witze und schienen es auch so zu meinen, wenn sie mich mit der Youwill-survive-Diskoschnulze beruhigten: Mädchen, du wirst es schon überleben. journal Universität Leipzig 6/2011

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Selbst der Tag der OP verwehrte sich dagegen, so schlecht zu sein, wie er sich anhört. Florian Bast, Dozent und Programmkoordinator am Institut, war als Übersetzer geködert worden und im Operationssaal heißt das, sich OP-Bekleidung anzuziehen. Er hielt meine Hand, als sie Stücke meiner Kopfhaut entfernten und wieder zusammen nähten. Er hielt mich auf dem Laufenden über seine ambitionierte Doktorarbeit über einen obskuren afroamerikanischen Science-Fiction-Autor. Das Ganze war wild-traumatisch und dennoch: intellektuelles Geschwätz bekennt sich zu Blut und Eingeweiden. Mit anderen Worten: ich habe es trotz allem fertig gebracht, mich in den paar Wochen zu bessern. Ich hab mich verliebt in das neblige, romantische Leipzig mit seinen filmreifen Parks,

mittelalterlichen Kirchen und modernen Cafés, in den Mix aus Gründerzeit und Plattenbau, in die Geister von Goethe, Bach und Wagner! Das Beste aber ist, dass meine Studenten und Kollegen die großherzigsten, pulsierendsten und intelligentesten Menschen sind, denen ich jemals begegnet bin. Ein wahrer Höhepunkt in meinem Leben. So, Deutschland, ich hab dich im Sprachunterricht ausgetrickst, hab dich für den Verlust meiner Freunde verantwortlich gemacht, ich blutete in deinen Krankenhäusern, und jetzt kann ich sagen: I am a believer – du hast mich überzeugt. Porochista Khakpour, Autorin und Picador Gastprofessorin im Wintersemester 2011/2012, Übersetzung: Gordon Florenkowsky

Fälschern auf der Spur arum werden Fälschungen ausgestellt? Sie besitzen keinen guten Ruf. Wenn festgestellt wurde, dass ein Kunstwerk nicht echt ist, dann ist es nichts wert, oder doch? Es wird nicht oft versucht, diesen Hintergrund zu verstehen. »¿Teuer und nichts wert? Fälschern griechischer Keramik auf der Spur« lautet der Titel der aktuellen Sonderausstellung im Antikenmuseum. Die Schau zeigt neben Exponaten aus dem eigenen Haus auch 42 Fälschungen griechischer Vasen aus dem Fundus des Akademischen Kunstmuseums der Universität Bonn. Laut Dr. Hans-Peter Müller, Kustos der Antikensammlung, und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Jörn Lang bietet »die Ausstellung die Gelegenheit, auch Fälschungen griechischer Keramik als kulturgeschichtliches Phänomen wahrzunehmen«. Sie seien Lehrstücke für Studierende, Archäologen und Besucher. Im Vergleich mit den Originalen schärfen sie den Blick für antike Keramik. Umgekehrt setzt das Erkennen von Fälschungen eine gute Kenntnis der echten Stücke voraus. In Gegenüberstellungen soll verdeutlicht werden, worin sich die Nachbildungen von in der Antike gefertigten Keramiken unterscheiden. Um den antiken Vorbildern möglichst nahe zu kommen, mussten sich die Betrüger mit technischen, ikonographischen und stilistischen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Eine genaue Betrachtung der griechischen Vasen, ihrer Herstellungsprozesse und Bilderwelten veranschaulicht dies. »Das gedankliche Konzept der Fälschung ist immer ein historisches und unlösbar mit der Sammlung, Dokumentation und Erforschung einer Gattung verbunden«, erklären Lang und Müller. Sie geben weiter an, dass entscheidende Ursachen der Entstehung von Keramikfälschungen eine wachsende Sammlungstätigkeit, die massenhafte Verbreitung griechischer Vasen im Klassizismus und der aufblühende Kunstmarkt des 18. Jahrhunderts waren. Mit dieser Tatsache sahen sich Sammler und Gelehrte gleichermaßen konfrontiert. Die Schwindler wollten große Prestigemuseen und vermögende Sammler täu-

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Foto: Antikenmuseum der Universität Leipzig/Marion Wenzel

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Durch Abnutzungsspuren an der Oberfläche wirkt die gefälschte Doppelhenkelschale wie echt. Allerdings hat der Fälscher übersehen, dass bei antiken Gefäßen dieser Art die Henkel übereinander stehen und nicht über Kreuz versetzt sind. (Bonn, Akademisches Museum der Universität)

schen. Nach Lang und Müller wurden »Fälschungen von geschickten Restauratoren, Kopisten oder Töpfern hergestellt, die sich aus Freude an ihren eigenen Fähigkeiten und mit der Aussicht auf zusätzliche Gewinne auf das Fälschen einließen«. Michéle Decho Die Sonderausstellung »Teuer und nichts wert? Fälschern griechischer Keramik auf der Spur« ist noch bis zum 22. Januar 2012 geöffnet. Öffnungszeiten: Di bis Do, Sa und So 12 bis 17 Uhr www.uni-leipzig.de/antik

Universitätsbibliothek stellt NS-Raubgut aus ihren Beständen aus

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Foto: UBL

nde November eröffnete in der Bibliotheca Albertina die Ausstellung »NSRaubgut in der Universitätsbibliothek Leipzig«, die die Ergebnisse des seit zwei Jahren laufenden Projektes zur Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der Universitätsbibliothek dokumentiert. Das Projekt wurde vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung/ -recherche gefördert. Über 12.500 Bände wurden seit 2009 mit Hilfe von Archivalien aus dem hauseigenen Archiv

Bereich, Menschen jüdischer Herkunft, Freimaurer, Freidenker oder Zeugen Jehovas. Einzelne Personen, wie der lokal bekannte kommunistische Widerstandskämpfer Karl Ferlemann, dessen komplette Bibliothek beschlagnahmt und an die Leipziger Universitätsbibliothek (UBL) geliefert wurde, werden exemplarisch vorgestellt. Bibliotheksdirektor Prof. Ulrich Johannes Schneider unterstreicht die Themenvielfalt der Ausstellung, die alle gesellschaftlichen Bereiche – Parteien, Religionsgemeinschaften, Vereine – dokumentiert. Man könne es »eine Enzyklopädie der Beraubten« nennen, was die Besucher erwartet, einen durch einmalige Tiefe und Breite ausgezeichneten historischen Rückblick in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Polizeizugangsliste.

überprüft. Eine wichtige Quelle waren die gesonderten Zugangsbücher der durch die Geheime Staatspolizei Leipzig überwiesenen beschlagnahmten Literatur. Bei rund 6.000 Titeln bestätigte sich der Verdacht auf eine unrechtmäßige Erwerbung. 1.455 Bücher geben durch handschriftliche Einträge, Stempel oder Exlibris Hinweise auf deren Vorbesitzer. Die Schau zeigt einen Teil der gefunden Bücher und geht auf das Schicksal ihrer rechtmäßigen Besitzer ein. Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten waren Personen und Organisationen aus dem kommunistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen

Ein einführender Abschnitt informiert über die UB in der Zeit des Nationalsozialismus und dokumentiert unter anderem die Ausgrenzung jüdischer Bibliotheksbenutzer. An die rechtmäßigen Eigentümer erinnern biographische Skizzen ergänzt durch Fotos und historische Dokumente. Kathy Weigand, Susanne Seige Die Ausstellung ist bis zum 18. März 2012 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. http://nsraubgut.ub.uni-leipzig.de

Alfried KruppSommerkurs für Handschriftenkultur an der UB An der Universitätsbibliothek Leipzig (UBL) fand im Herbst 2011 der erste Sommerkurs für mittelalterliche Handschriften mit 20 Teilnehmern statt. Der Kurs, der vom Handschriftenzentrum der UBL in Kooperation mit dem Mediävistenverband durchgeführt wurde, ist der erste von fünf Sommerkursen für die Schrift- und Textkultur von der Antike bis zur Moderne, den die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung bis 2015 unterstützt. Die UBL, nach Heidelberg die zweitälteste wissenschaftliche Bibliothek Deutschlands, hat einen umfangreichen Bestand an Handschriften, der sämtliche historischen Text- und Schriftformen seit der Antike abdeckt. Mit diesem Potential und dem wissenschaftlichen und Fachpersonal sind alle Voraussetzungen für den Unterricht in Handschriftenkunde sowie in allen Formen der Literatur- und Buchgeschichte gegeben. Die Alfried Krupp-Sommerkurse richten sich an Studierende in Master- und Promotionsstudiengängen, unterstützen die universitäre Ausbildung von Historikern durch interdisziplinäres Arbeiten und sind für Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftler attraktiv. Thematische Schwerpunkte künftiger Kurse sind die Antike, das Mittelalter, die Neuzeit, Orientalische Schriftkulturen sowie Sammlungs- und Bibliothekskunde. Seit 2001 ist die UBL Sitz eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Handschriftenzentrums zur Erforschung und Erschließung mittelalterlicher Handschriftenbestände in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dagmar Heinicke

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Kunst für den neuBau Teil 1 unserer Serie aus der Kustodie

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ie Kustodie verwaltet den Kunstbesitz der Universität. Für den neuen Campus hat die vom Rektorat berufene »Kunstkommission«, unter Leitung des Kustos Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen, ein Konzept für die Einbringung von Kunstwerken in den Neubau erarbeitet. Mittels Werken der Kunstsammlung aus verschiedenen Epochen werden in Form von fünf Erinnerungskomplexen wesentliche Aspekte der Universitätsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart veranschaulicht. Diese Serie soll einzelne Sammlungskomplexe immer dann vorstellen, wenn der Einbau der Kunstwerke in den neuen Campus abgeschlossen ist und sie der Öffentlichkeit erstmals präsentiert werden können. Als Erstes stellen wir die Fresken des Dominikanerklosters vor, die sich im Übergang vom Hauptgebäude zum Hörsaalgebäude befinden und am 2. Dezember zum Dies Academicus erstmals zu besichtigen waren.

Die spätmittelalterlichen Wandbilder aus dem Dominikanerkloster St. pauli Von den frühen Universitätsbauten findet sich im Leipziger Stadtbild heute kaum mehr eine Spur. Umso bedeutender ist es, dass einige wenige bauliche Überreste als Zeugen der Frühzeit der Universität bis heute erhalten blieben und im Neubau für die zukünftigen Benutzer zugänglich sein werden. Von dem mittelalterlichen Dominikanerkloster, das sich ab 1229 auf dem heutigen Areal des Universitätscampus befunden hat, sind kurz vor 1900 im Zuge des Abrisses der alten Universitätsbibliothek eine Anzahl von Fresken geborgen worden. Größere Teile des 1539 säkularisierten und in der Folge von der Universität Leipzig genutzten Dominikanerklosters muss12

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Blick in den Gang.

ten ab dem 19. Jahrhundert schrittweise neuen Universitätsgebäuden weichen. 1836 entdeckte man in einem alten Kreuzgang im Bereich des Bibliotheksgebäudes, auch als »Mittelpaulinum« bezeichnet, spätmittelalterliche Wandbilder, die bereits im 16. Jahrhundert übertüncht worden waren. Die Malereien wurden zwischen 1868 und 1870 durch den Semperschüler Oskar Mothes freigelegt, es folgten verschiedene Restaurierungen. Als das Gebäude 1898 abgerissen wurde, konnten die Malereien mitsamt den sie tragenden Backsteinmauern geborgen werden. Die Wandmalereien entstanden vermutlich in zwei Gestaltungsphasen im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts beziehungsweise im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Sie zeigen Szenen aus dem Marienleben, die Kreuzigung Christi, Heiligenlegenden sowie Stammbäume von männlichen und weiblichen Angehörigen des Dominikanerordens. Der männliche Dominikanerstammbaum erstreckte sich über drei Wandfelder, von denen im Neubau nur eines gezeigt werden kann (siehe Abbildung: Enthüllung des Dominikanerstammbaums). Im Zen-

trum befand sich der heilige Dominikus, aus dem Schoß des Ordensgründers entsprangen Äste mit Blättern und Blüten, aus denen wiederum Halbfiguren prominenter Dominikaner hervorwachsen (siehe Abbildung: Detail Dominikanermönch). Ein Teil der Wandbilder kann auf die Frühgeschichte der Universität bezogen werden. Der Darstellungsmodus der Bildzyklen der Heiligen Katharina und Barbara zeigt eine Kombination von Bildszenen und Textzeilen, die sich mit der Übersetzertätigkeit lateinischer Texte an der Universität in Verbindung bringen lässt. Die Legende der heiligen Katharina von Alexandrien zum Beispiel wird in neun einzelnen Bildern, die in drei Reihen angeordnet sind, erzählt (siehe Abbildung: Detail, Die Bekehrung der Kaiserin durch Katharina). Die Fresken sind von unschätzbarem kunsthistorischen Wert, handelt es sich doch um die einzigen figürlichen Wandmalereien Leipzigs aus dem Mittelalter und den größten Zyklus mittelalterlicher Wandmalerei in ganz Sachsen. In der Nachkriegszeit waren die Mauerfragmente notdürftig im Keller der Universitätsbibliothek gelagert. Der Zustand der Malereien verschlechterte sich zunehmend, bis in den 1980er Jahren erste Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden konnten. In den 1990er Jahren folgte eine Sicherung der übrigen Malereien, die teilweise im Jahr 2000 Aufstellung im Zimelienkeller der Universitätsbibliothek fanden. In den Jahren 2005 bis 2009 wurden die Fresken mit modernsten Methoden erneut restauriert und für die Neuaufstellung vorbereitet: Restaurator Albrecht Körber aus Dresden, der bereits seine Diplomarbeit an der dortigen Hochschule für Bildende Künste den Leipziger Wandbildern widmete, entfernte Salz und störende Überzüge und verbesserte so die Lesbarkeit der Szenen. Die Finanzierung sicherten eine Zuwendung der Ernst von Siemens Kulturstiftung in München in Höhe von

Enthüllung eines Wandfragments, das einen Dominikanerstammbaum zeigt.

60.000 Euro sowie Fördermittel des Freistaates und der Denkmalpflege. Das bis zu 40 Zentimeter starke, tonnenschwere Mauerwerk, bestehend aus spitzbogigen Wandfeldern mit einer Breite von 3,50 Metern, musste in den Neubau transportiert werden, bevor die Türen fertiggestellt wurden. Gemauert auf Sockel, zieren sie einen Gang, der Hauptgebäude und Hörsaalgebäude verbindet (siehe Abbildung: Blick in den Gang). Damit erinnert die Anordnung an die ehemaligen Kreuzgänge des Klosterkomplexes. »Mit den Fresken sind besonders wichtige Kunstwerke der Klosterzeit nach gut einem Jahrhundert auf den Universitätscampus zurückgekehrt«, freut sich Universitätskustos Privatdozent Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen. Dr. Simone Schulz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Kustodie

Fotos: Kustodie/Marion Wenzel

Detail Bekehrung der Kaiserin durch Katharina.

Detail Dominikanermönch.

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UniVersum

Foto: Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V.

Förderer und Freunde der Universität begingen Jubiläum

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Erstes Unifamilienfrühstück übertraf alle Erwartungen Mit unerwartet großem Andrang fand am 29. Oktober 2011 das erste Unifamilienfrühstück von Universität Leipzig, dem Verein »Studentische Eltern e.V.« und dem Studentenwerk Leipzig, das die Bewirtungskosten übernahm, in der Mensa am Park statt. Das Interesse der rund 300 Studierenden mit ihren Kindern hat die Erwartungen der Organisatoren weit übertroffen. Eine Fortsetzung der Veranstaltung, zu der die Rektorin Prof. Beate Schücking; Dr. Andrea Dieckhof, Geschäftsführerin des Studentenwerks, sowie Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, die jungen Familien begrüßten, ist deshalb schon in Planung. 14

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Übergabe der Ernennungsurkunde zur Stiftungsprofessur an Prof. Frank Dehn (links).

zu. So soll besonders die Einrichtung von Deutschlandstipendien zugunsten begabter Studierender gefördert werden. Sie werden gemeinsam durch Bund und Wirtschaft finanziert und sollen einen anspruchsvollen Hochschulabschluss ermöglichen. Der Vorsitzende der Vereinigung, Senator e.h. Peter Krakow, berichtete über Mitgliederzahlen und geförderte Projekte. Der Vereinigung gehören 278 Einzelmitglieder und 54 Firmen- und Körperschaftsmitglieder an. Im Durchschnitt der letzten 20 Jahre wurden jährlich zirka 285.000 Euro an Spenden und Mitgliedsbeiträgen eingenommen, die in verschiedene Projekte der Universität Leipzig flossen. Im Rahmen der Veranstaltung wurde Prof. Frank Dehn von der Rektorin und Hartmut Bunsen, Präsident des Sächsischen Unternehmerverbandes e.V., die Ernennungsurkunde auf die Stiftungsprofessur »Multifunktionale Konstruktionswerkstoffe« an der Fakultät für Chemie und Mineralogie überreicht. Diese Professur wird durch den Sächsischen Unternehmerverband gefördert. Dr. Karin Hämmer

Foto: Benjamin Bigl

it nahezu 4,9 Millionen Euro hat die Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V. in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten etwa 850 Projekte gefördert – darunter Kinderuniversität, Seniorenkolleg, Sonntagsgespräch, Campusführungen, den Firmenlauf 2011 sowie eine Vielzahl wissenschaftlicher Projekte in Fakultäten und Zentralen Einrichtungen. Am 30. Oktober 2011 beging die Vereinigung das 20-jährige Jubiläum seiner Neugründung. Die Vereinigung wurde bereits 1920 unter dem Vorsitz von Verlagsbuchhändler Hofrat Dr. Arthur Meiner (1865-1952) gegründet. Nach 1945 aus politischen Gründen aufgelöst, konnte sie erst nach der Wende unter Vorsitz des damaligen Mitglieds des Sächsischen Landtages Walter Christian Steinbach neu gegründet werden. Anlässlich dieses Ereignisses luden die Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Beate Schücking, und Senator e.h. Peter Krakow neben den Mitgliedern der Vereinigung Vertreter der Stadt und der Universität Leipzig sowie der regionalen Wirtschaft zu einem Festakt in die Bibliotheca Albertina ein, beim dem auch Oberbürgermeister Burkhard Jung anwesend war. Er überbrachte die besten Wünsche der Stadt Leipzig für eine weiterhin konstruktive Zusammenarbeit zwischen Stadt, Universität und Vereinigung. Leipzig brauche den Zuzug besonders vieler junger Leute mit akademischem Hintergrund. Die Festrede wurde von Dr.-Ing. Mathias Reuschel, Geschäftsführer und Vorsitzender der S&P Gruppe und Präsident des Vereins zur Förderung des Mittelstandes in der Leipziger Region »Gemeinsam für LEIPZIG«, gehalten. Er betonte den hohen Bildungsauftrag der Gesellschaft und die Notwendigkeit von Investitionen in Forschung, Bildung und Erziehung auch mit den Worten: »Wir brauchen starke Universitäten«. Reuschel sicherte dabei die Unterstützung durch die regionale Wirtschaft

Foto: Swen Reichhold

Die flexible Kinderbetreuerin der Graduiertenschule BuildMoNa, Christina Kny, beim Spielen mit Laura und Anton.

Guter Geist christina Kny betreut mit hingabe die Kinder der BuildMoNa-Doktoranden

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ormale Arbeitstage gibt es für Christina Kny nicht. Manchmal erfährt sie erst eine Stunde vorher, dass sie gebraucht wird. Die 33-Jährige hat einen ungewöhnlichen Job: Sie ist flexible Kinderbetreuerin an der Graduiertenschule BuildMoNa der Universität Leipzig. Tatsächlich ist Flexibilität etwas, das sie dafür unbedingt braucht. Die gelernte Heilerziehungspflegerin betreut seit zwei Jahren den Nachwuchs der jungen BuildMoNa-Doktoranden in einem eigens dafür eingerichteten Zimmer im Physik-Gebäude in der Linnéstraße. Dadurch wird den jungen Wissenschaftlern ermöglicht, ihre Doktorandenzeit trotz und mit dem Nachwuchs möglichst kurz zu halten. Christina Kny geht zu den Kindern nach Hause, wenn sie krank sind, betreut sie, wenn die Tagesmütter und Kindergärten Urlaub haben. Aber auch, wenn die Eltern längere, wichtige Labormesszeiten haben, und sie fährt mit zu Tagungen und Konferenzen. Sie pflegt Kontakte zu den Tagesmüttern oder Kitas ihrer Sprösslinge, holt sie dort ab und ist so lange für sie da, wie sie gebraucht wird – auch mal abends oder am Wochenende. Manchmal nimmt sie die Kinder auch mit nach Hause. Begonnen hat alles mit Laura, die damals sechs Wochen alt war. Schnell kam Henry zur Betreuung hinzu und etwas später Johannes, Clara und Anton. Inzwischen ist Anton nicht mehr der Jüngste. Henry hat eine Schwester, Tamara, bekommen. Anfangs war es ungewöhnlich, dass Kinder in einer wissenschaftlichen Abteilung der Universität betreut werden. Doch war die Nähe zu den Eltern wichtig, denn das Kinderzimmer ermöglicht auch in Ruhe zu stillen und zu windeln.

»Das Schöne ist, dass wir inzwischen einfach dazu gehören!«, sagt Kny. Im Kinderzimmer gibt es alles, was zum Spielen, Malen und Basteln gebraucht wird. Die langen Gänge bieten sich wunderbar zum Laufen lernen, Bobbycar und Laufrad fahren an. Kny konnte von den »BuildMoNa-Kindern« lernen, wie man mit Kreisel und Legosteinen oder mit Schirm und Ball experimentieren kann. Und gemeinsam mit einer Mutter durften die Kinder anschauen, wie das Trockeneis im Wasser verdampft. Die offenen Türen laden ein, in den Büros vorbeizuschauen, und immer wieder kommt es auch vor, dass die Großen im Kinderzimmer eine kleine Arbeitspause machen und alle gemeinsam mit der elektrischen Eisenbahn spielen. »18 Kinder gibt es bei den BuildMoNa-Doktoranden, die meine Hilfe in Anspruch nehmen können, und zwei weitere Kinder sind unterwegs«, berichtet Kny, die selbst noch keinen Nachwuchs hat. Allerdings sind die BuildMoNa-Kinder längst »ein bisschen auch zu meinen Kindern« geworden, sagt sie. Derzeit betreut sie acht von ihnen regelmäßig. Die vom Bund und dem Freistaat Sachsen finanzierte Stelle für die flexible Kinderbetreuung der Doktoranden war bereits im ersten Förderantrag der Graduiertenschule vorgesehen. »Flexible Childcare« ist auch wieder ein Punkt im kürzlich eingereichten Fortsetzungsantrag von BuildMoNa im Rahmen der zweiten Runde der Exzellenzinitiative. Susann Huster

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Interdisziplinäre Geschlechterforschung und Gender-Kritik zentrum für Frauen und Geschlechterforschung FraGes berichtet

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ie Kategorien sex (biologisches Geschlecht) und gender (kulturelles/soziales Geschlecht) dienen in der Geschlechterforschung als zentrale Begrifflichkeiten und beschreiben eine Diskontinuität, bei der die Geschlechtsidentität eines Menschen mit seiner biologischen Verfasstheit nicht zwangsläufig übereinstimmt. In der Abkopplung der Termini voneinander und der Definition von sex als einer ebenfalls zivilisatorisch kanonisierten Größe zur Herstellung und Stabilisierung von Machtverhältnissen beginnt mit der Identitätskritik Judith Butlers (»Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity«, 1990) eine Diskussion um die Aufhebung vordiskursiver, anatomischer Konstanten und natürlicher Annahmen um ein heterosexuelles Begehren als kulturell erzeugte Effekte. Diese lösen sich in ein Konzept der Einschreibung von Geschlecht durch ständige Wiederholung von geschlechtstypischen Handlungen, von eingespielter Gestik, Mimik und dem Tragen normgerechter Kleidung auf, wobei die Option auf Veränderung der Identität durch die Lückenhaftigkeit des Systems bereits impliziert ist, da keine Reproduktion identisch verläuft und somit die vermeintliche Stabilität genderkritisch unterwandert werden kann. Mit dem Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Leipzig – dem FraGes, das seit 2001 soziokulturelle Veränderungen der Kategorie Geschlecht interdisziplinär erforscht, verbinden sich für Studierende, Promovierende und Lehrende Gedanken an die Gender-Kritik, die das Zentrum in einer Veranstaltungsreihe in jedem Sommersemester fachübergreifend organisiert. Hierzu lädt das FraGes insbesondere NachwuchswissenschaftlerInnen als Vortragende ein, die sich im Rahmen spezifischer Projekte mit aktuellen Fragestellungen der Genderforschung, auch transmedial mit Film und Performances, befassen und geschlechterpolitische Themen diskutieren. So führt die Gender-Kritik über die Erfindung des Gleichheits- und Differenzfeminismus zu Polyamorie, Intersexualität und PostPornPolitics und erweitert das interaktive Feld der Debatten durch Beiträge unter dem Titel »Handlung, Diskurs, Effekte und Affekte in der schlampigen Alltagspraxis« (Vorträge 2010 und 2011). Damit wird beabsichtigt, feministische Theoreme der Geschlechterforschung und deren Vertretung durch Judith Butler & Co. unter kontroversem Einbezug queerer, dekonstruktiver oder postkolonialer Ansätze zu pluralisieren. In der Reihe »Leipziger Gender-Kritik« des Peter Lang-Verlages erscheinen die Referate regelmäßig in Sammelbänden,

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zum Beispiel als Interdisziplinäres Kolloquium zur Geschlechterforschung (2010). Die Vortragsreihe bildet seit 2007 eine außenwirksame Konstante des FraGes, indem diese nicht nur für den akademischen Bereich interessant ist, sondern sich ebenso für ein breites Publikum öffnet, das sich für eine gesellschaftspolitische Dynamisierung und für eine Vervielfältigung wandelbarer Geschlechterentwürfe in eigenen Initiativen und Vereinen einsetzt. Anlässlich seines zehnjährigen Bestehens an der Universität Leipzig in diesem Jahr hat das FraGes, das die mitteldeutsche Wissenschaftslandschaft auf dem Gebiet der Geschlechterforschung – neben dem Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU-Berlin oder der Koordinierungsstelle Gender Studies (KoGenS) in Dresden – noch immer relativ einsam präsentiert, einen Workshop initiiert. Darin wurde über feministische Performancekunst vor allem der 1960er und -70er Jahre diskutiert, die bekannt ist für ihre Gewalt- und Machtvorführungen am weiblichen Körper und für ihre Kritik an den herrschenden Geschlechterrollen. In Übungen konnten die Teilnehmenden Genderkonstruktionen hinblicklich ihrer Solidität selbst überprüfen. Theoretische Impulse, die für den praktischen Alltag aktiviert werden können, vermittelt indes das Schlüsselqualifikationsmodul »Genderkompetenzen«. Eine interdisziplinär ausgerichtete Ringvorlesung, für die sich Lehrende über ihr Lehrdeputat hinaus engagieren, macht multiperspektivische Denkräume für die Modul-Teilnehmenden auf, indem hier Vorträge gehalten werden, die den fiktionalen Verwurzelungen reproduktiver Geschlechterdualität ebenso nachspüren wie sie aktuelle Tendenzen der Gender, Men´s und Queer Studies aufzeigen wollen und an spezifischen Lebens- und Handlungsbereichen wie dem Sport, dem politischen Diskurs, der Kunst und Pädagogik festmachen. Darüber hinaus wird der Einsatz gendergerechter Sprache diskurstheoretisch verhandelt, und es soll im laufenden Wintersemester sowohl nach einem weiblichen Schreiben als »écriture feminine« im literarischen System gefragt werden, wie auch gegenderte Erinnerungskulturen im dazugehörigen Seminar aufgedeckt werden können. Zur 6. Fachtagung des FraGes wurden Anfang November heutige Männerrollen, die von gering verdienenden Männern, Hausmännern und sich in weiblich dominierten Berufsfeldern definierenden Männern freiwillig oder zwangsläufig übernommen wurden, analytisch durchkreuzt und diskutiert. Die Veranstaltung hat Strukturen aus der Mitte der Gesellschaft in den Blick genommen, die nach wie vor altherkömmliches Ge-

Flyermotiv des »Professorinnenprogramms«, das vom 23. November bis 2. Dezember 2011 an der Universität Leipzig stattgefunden hat. Abbildung und grafische Gestaltung: Katharina Zimmerhackl, 2011

schlechterverhalten belohnend anerkennen. Es wurden gleichermaßen halsstarrige makropolitische Hintergründe sowie persönliche Umstände betrachtet, die diesen ambivalent motivierten Rollenstatus begründen können. Der Männerforscher Thomas Gesterkamp hat »Die Krise der Kerle« (2008) als ein Unbehagen der Geschlechter in Bezug auf die Passungenauigkeit oftmals ungewohnter Alltagsaufgaben beobachtet, während mitunter aktiv gelebte Emanzipation beider Geschlechter durch den Dokumentarfilm »Meine Frau zahlt!« (zdf-Reihe 37°, 2010) von Sibylle Trost augenfällig geworden ist und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz von Sonja Sobiraj (siehe Artikel in dieser Ausgabe) statistisch ausgewertet und psychologisch interpretiert wurde. Die Ausdehnung transparenter Kooperationsbeziehungen zu den Fakultäten der Universität Leipzig und darüber hinausgehend zu nationalen und internationalen Gender-Instituten zielt daraufhin ab, ein entgrenztes Gender-Netzwerk in Mittel-

deutschland sowie europaweit langfristig zu installieren, woran das FraGes im kommenden Jahr intensiv weiterarbeiten wird. Für die praktische Umsetzung von Lebensweisen fördernden Gleichstellungsstandards, die Verbesserung von Möglichkeiten der Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche sowie für die Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses will sich das FraGes zudem dauerhaft in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Gleichstellungsbeauftragen, den Gleichstellungsbeauftragten der Fakultäten und mit dem Referat für Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Leipzig sowie im Einvernehmen mit den städtischen Vereinen einsetzen. Außerdem sollen neue Forschungsprojekte erarbeitet und an diesjährige Veranstaltungskooperationen, beispielsweise an das eben stattgefundene »Professorinnenprogramm«, angeknüpft werden. Uta Beyer und Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt, Direktorin des Zentrums für Frauen und Geschlechterforschung der Universität Leipzig

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Foto: Swen Reichhold

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Georg Teichert

»Flexible Kinderbetreuung ist richtig, aber nichts Neues« Georg Teichert, zentraler Gleichstellungsbeauftragter der Universität leipzig, über die moderne Weiterentwicklung von Gleichstellung, aktuelle entwicklungen in seinem referat und die Facetten seiner arbeit »Dass Leipzig in nationalen Netzwerken wahrgenommen wird, dass man über uns diskutiert und auch genauer hinschaut«, sieht Georg Teichert als großen Erfolg neben der reinen Gleichstellungsarbeit an. Nach gut einem Jahr im Amt hofft der 25-Jährige, im Januar 2012 das neue Gleichstellungskonzept der Universität Leipzig durch die Gremien bringen zu können. Frage: Sind Sie mit dem Stand der Gleichstellungsarbeit zufrieden? Georg Teichert: Zu den forschungsorientierten Gleichstellungstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben wir uns im Frühjahr bekannt und unser Zwischenbericht wurde bei DFG auch sehr positiv aufgenommen. Maßnahmen wie etwa die Qualifizierung der dezentralen Gleichstellungsbeauftragten ließen sich relativ leicht umsetzen. Das Thema Kinderbetreuung steht auf der Tagesordnung, wodurch wir unter anderem den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs hoffentlich ab 2013 mit einer Kita gezielt fördern können. Beim den Themen Berufungspolitik und Novellierung der Berufungsordnung sind wir gut vorangekommen. 2010 sind 35 Prozent aller Rufe an Frauen ergangen. Ebenso haben wir es geschafft, dass das Thema Gleichstellung im Senat in den Fokus gerückt ist. 18

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Wo liegen Problemfelder? Eines der dringlichsten ist unsere technisch noch einzurichtende Homepage, was uns sehr unter den Nägeln brennt, weil wir jede Woche Beschwerden erhalten, dass man uns entweder nicht findet oder es keinen vernünftigen Auftritt gibt. Aber natürlich gibt es innerhalb der verschiedenen Gremien nach wie vor Skeptikerinnen gegenüber Gleichstellungsarbeit. Deren Anzahl hat sich allerdings im letzten Jahr deutlich verringert. Nach einem Jahr muss ich leider auch feststellen, dass die Vielfältigkeit der Aufgaben sowie die Ansprüche von innerhalb und außerhalb der Universität an das Gleichstellungsbüro, bei nahezu nicht vorhandener personeller Unterstützung, kaum noch zu erfüllen sind. Würden Sie mir bitte die aus Ihrer Sicht diskussionswürdigen Punkte in der aktuellen Gleichstellungsarbeit benennen? Der Begriff des Diversity Managements ist sehr umstritten, weil er weg geht von der reinen Frauenförderung und ursprünglich als ökonomisches Konzept in den USA entwickelt wurde. Auch Familienpolitik und Familienfreundlichkeitsbestrebungen werden gerade von Frauenbeauftragten aus den westlichen Bundesländern teilweise abgelehnt, und damit

nicht als Auftrag von Gleichstellung angesehen. Weiterhin sind Begriffe wie Management und Ressourcennutzung negativ besetzt. Dadurch ist es ganz normal, dass Ängste entstehen: Wir sind mitten in der Debatte um die Ökonomisierung von Hochschulen und Wissenschaft. Nichtsdestotrotz befassen sich an der Uni im Moment die Wenigsten so intensiv wie wir mit der aktuellen Forschung und Diskussion um Diversity. Wir müssen noch viel Aufklärungsarbeit über die konkreten Inhalte leisten, um Bereitschaft für Diversity Policies und auch GenderMainstreaming zu schaffen.

Was spricht für Diversity Management/Diversity Policies? Wir denken hierbei immer auch an Drittmittelprojekte. Gutachter schauen natürlich auf bestimmte Schlagwörter – und Diversity Management oder Gender-Mainstreaming sind Schlagwörter, die ziehen und die man auch lesen will. Es reicht mittlerweile nicht mehr aus, beim Thema Gender nur über Kinderbetreuung zu reden. Wir werden deshalb neben dem Gleichstellungskonzept dem Senat auch ein Diversity-Konzept vorlegen. Es geht uns darum, die Universität zukunftsfähig zu gestalten und Grundlagen für die Einwerbung von Drittmitteln zu schaffen. Für mich ist dies auch die Zukunft von Gleichstellungsarbeit, weil wir uns neben der reinen Frauenförderung weiterentwickeln müssen. Inwiefern arbeiten Sie bei Drittmittelanträgen zu? Für das geplante Biodiversitätszentrum wurden wir um Unterstützung bei der Antragstellung gebeten und haben viele Anmerkungen gemacht, die sehr positiv aufgenommen wurden. Es gibt auch die Möglichkeit, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusätzliche Mittel für innovative Projekte zu beantragen. Das muss sich aber erst noch etablieren. Problem ist: Wir werden noch zu selten gefragt. Man kann zum hundertsten Mal von flexibler Kinderbetreuung schreiben, was richtig ist, aber nichts Neues. Oft lassen sich aber ganz gezielt Programme entwickeln, zum Beispiel Stipendien für den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen oder Mentoring-Netzwerke zu unterstützen.

Welche Ihrer Beratungsangebote werden hingegen häufig genutzt? Im großen Teil geht es hier immer noch um die Vereinbarkeitsproblematik von Studium oder Beruf und Familie. Auch das Thema Pflege von Angehörigen nimmt zu. Wir beraten ebenso zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz, zum Thema Diskriminierung, Mobbing oder auch zum Transsexuellengesetz. Ebenso sitze ich aber auch als Mitglied in der Haushaltskommission und gemeinsam mit dem Gleichstellungsausschuss entwickle ich gerade Indikatoren für die Bewertung von Erfolgen in der Gleichstellungsarbeit. Unsere Arbeit ist sehr breit aufgestellt und geht quer durch alle Statusgruppen der Universität, das bietet fast jeden Tag etwas anderes. Hatten Sie dabei im letzten Jahr besonders tolle Erlebnisse? Ich bin glücklich über viele positive Ereignisse, vor allem im Zusammenhang mit den Menschen, denen man hier hilft – mit

einem Stipendium oder bei ihrer Vereinbarkeitsproblematik. Es ist ebenfalls toll, dass wir am 29. Oktober das erste Familienfrühstück zusammen mit dem Studentenwerk hinbekommen haben und wir statt 100 erwarteten, über 300 große und kleinere Gäste begrüßen durften. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Katrin Henneberg

Vom Gender-Mainstreaming zum Diversity Management – Herr Teichert, was heißt das genau? Es existieren für beide Vokabeln keine adäquaten deutschen Begriffe. In der Fachwelt sind diese Termini gesetzt. Sie bedeuten im Wesentlichen:

Gender-Mainstreaming als europäisches Konzept zur Chancengleichheit beruht auf der Theorie, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt und man sich diese bewusst machen muss, um Diskriminierung zu vermeiden. Das zielt vor allem auf strukturelle Prozesse in öffentlichen Einrichtungen und Verwaltungen, um hier zum Beispiel bestimmen zu können, wieviel Geld für Frauen, Männer und Weiterbildung nach Geschlecht ausgegeben wird – also ein analytischer, empirischer Ansatz, um herauszufinden, wie Geschlechter bevoroder benachteiligt werden um eine gewisse Gleichberechtigung herzustellen. Diversity Management als Konzept stammt aus der Wirtschaft. Unternehmen wollen damit die Potentiale unterschiedlicher Kundengruppen beziehungsweise Mitarbeiter – bei Kriterien wie ethnische Herkunft, Religion, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft usw. – nutzen, um markt- beziehungsweise zielgruppenorientierte Produkte herzustellen und damit sozusagen Gewinnoptimierung zu betreiben. An Hochschulen geht man dazu über, Diversity Management oder Polocies unter einem demokratischeren, faireren Gesichtspunkt zu sehen, aber trotzdem zu akzeptieren, dass die genannten Kriterien entscheidend für den Wunsch sind zum Beispiel zu studieren oder dafür, was man studiert oder auch dafür wie lange das Studium dauert usw. Diversity Management an Hochschulen geht davon aus, dass unterschiedliche Ausgangslagen und Verläufe beim Studium herrschen. Aktives Diversity Management ist eigentlich die moderne Weiterentwicklung von Gender-Mainstreaming, was Gleichberechtigung hervorrufen will. Diversity Management strebt dazu einen Kulturwandel an der Einrichtung an: Es soll über die sogenannte Normalitätskultur nachgedacht werden, mit der Folge, alles als »normal« zu akzeptieren. KH

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Foto: Ines Christ

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Eine Medizinstudentin in der Lernklinik der Universität Leipzig – Das Ungleichgewicht zwischen der Mehrheit von Frauen unter den Medizinstudierenden und der Minderheit von Ärztinnen in leitenden Positionen untersucht die »karmed-Studie«.

Erfolg im Beruf – Noch immer eine Frage des Geschlechts? S

ie verdienen meist weniger als ihre männlichen Kollegen und sind in Führungsetagen oft die Ausnahme – Frauen haben im Beruf noch immer nicht die gleichen Chancen wie Männer. Das gilt für die Privatwirtschaft ebenso wie für die Wissenschaft oder die Medizin. Zwei aktuelle Längsschnittstudien der Universität Leipzig, die vom Förderbereich »Frauen an die Spitze« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) unterstützt werden, gehen diesem Problem auf den Grund: »Führung und Aufstiegskompetenz« ist das Projekt der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie überschrieben, die unter der Leitung von Prof. Gisela Mohr steht. Mit Karriereverläufen und -brüchen bei ÄrztInnen während der fachärztlichen Weiterbildung befasst sich die »karmed-Studie«, die unter Federführung von Prof. Dorothee Alfermann vom Institut für Sportpsychologie und -pädagogik läuft.

Woher rührt der gender gap

In der karmed-Studie werden die Berufswege von ÄrztInnen in Deutschland untersucht. Ausgangspunkt ist der sogenannte gender gap, also das Ungleichgewicht zwischen der Mehrheit von Frauen unter den Studierenden der Medizin und der Minderheit von Ärztinnen in leitenden Positionen. In der Literatur wird als Hauptgrund hierfür das Thema der (Un-)Vereinbarkeit von ärztlichem Beruf und Familie diskutiert, die nach wie 20

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vor mehr Frauen als Männer betrifft. Dem gehen die Sozialwissenschaftlerinnen im qualitativen Teil der Studie an der Universität Leipzig genauer nach: Dazu werden Interviews und Gruppendiskussionen mit ÄrztInnen und ihren Beziehungspartnern im Abstand von 18 Monaten geführt. Die Auswertung erfolgt im Hinblick auf mögliche strukturelle Benachteiligungen für Ärztinnen im Vergleich zu Ärzten und deren subjektive Bedeutung für den beruflichen Lebensweg. Hinterfragt werden unter anderem Arbeitszeiten, Teilzeit- und Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die institutionellen Rahmenbedingungen sind zwar formal gleich, aber nach wie vor in ihrer Anwendung und Wirkung unterschiedlich. »Von Ärztinnen wird im Gegensatz zu Ärzten erwartet, dass sie bei Elternschaft die Zuständigkeit für die Kinderbetreuung übernehmen«, sagt Prof. Alfermann. Teilzeitoptionen seien fast ausschließlich für Frauen vorgesehen und gelten als Karrierehindernis. »Schwangere Ärztinnen erfahren teilweise Diskriminierung, vor allem durch Vorgesetzte«, erklärte Dr. Katharina Rothe, die ebenfalls an der Studie beteiligt ist: »Dies ist vor allem möglich, da der Zugang zu Optionen beruflichen Fortkommens in der direkten Entscheidungsmacht der Vorgesetzten liegt – es bestehen ausgeprägte Abhängigkeitsverhältnisse an den Kliniken.«

Wie chefs die berufliche Weiterentwicklung beeinflussen können Das Verbundprojekt »Aufstiegskompetenz von Frauen. Entwicklungspotentiale und Hindernisse« wird in Kooperation mit der Universität Hamburg realisiert. Im Leipziger Teilprojekt beschäftigen sich die Mitarbeiter der Arbeits- und Organisationspsychologie mit der Frage, durch welche Verhaltensweisen Führungskräfte die berufliche Entwicklung gerade weiblicher Nachwuchsführungskräfte gezielt fördern können. In Interviews und Vorstudien wurde zunächst das Konzept des aufstiegsförderlichen Führungsverhaltens entwickelt. In einer Längsschnittbefragung von über 1.000 Mitarbeitern verschiedener Wirtschaftsunternehmen wurde dann der Einfluss des aufstiegsförderlichen Führungsverhaltens auf Karriereindikatoren wie Aufstiegskompetenz, Berufserfolg und Zufriedenheit mit dem Berufserfolg getestet. Bei der Einschätzung des aufstiegsförderlichen Führungsverhaltens und den Karriereindikatoren durch die TeilnehmerInnen fanden sich, wie erwartet, Geschlechterunterschiede: Frauen gaben im Vergleich zu Männern etwas seltener an, dass ihre berufliche Karriere von ihren Chefs durch die Delegation verantwortungsvoller Aufgaben und direkte Karriereunterstützung gefördert werde. »Das Ermöglichen fa-

milienfreundlicher Arbeitszeiten durch Vorgesetzte stand überraschenderweise in keinem direkten Zusammenhang zu Karriereindikatoren, sondern ist eher eine Voraussetzung dafür, dass aufstiegsförderliches Führungsverhalten wirksam ist«, sagt Prof. Gisela Mohr. Wenn nur wenig Flexibilität gewährt wird, kann aufstiegsförderliche Führung kaum wirken. Viel Flexibilität dagegen verstärkt deren Wirkung auf die Karriereentwicklung.

Fazit

Zusammenfassend zeigt sich in beiden Projekten, dass den direkten Vorgesetzten eine entscheidende Rolle beim Fördern des weiblichen Führungskräftenachwuchses zukommt. »Diese Tatsache sollte allen Führungskräften daher besonders bewusst gemacht werden. Zudem sollten Chefs ihren Mitarbeiterinnen verstärkt Aufgaben geben, an denen sie wachsen können«, so die Forscher. Aufstiegswilligen Mitarbeiterinnen empfehlen sie zudem, diese Aufgaben bewusst einzufordern und sich ihre karriereförderliche Arbeitsumwelt auch selbst zu schaffen. Sabine Korek, Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie, und Kathleen Pöge, Institut für Sportpsychologie

»Wir sind auf einem guten Weg« »Hochqualifizierte Frauen haben im Bereich der öffentlichen Hand heute faire Chancen auf Führungspositionen«, ist Prof. Monika Harms, Vorsitzende des Hochschulrates der Universität Leipzig und bis Ende September 2011 Generalbundesanwältin beim Bundesgerichtshof, überzeugt. Was die Juristin über eine Frauenquote oder geschlechtsspezifische Führungsstile denkt, erzählt Sie im Interview. Frage: Was sind Hindernisse, vielleicht gerade zu Beginn Ihrer Amtszeit, die Ihnen als Generalbundesanwältin begegnet sind aus der Tatsache heraus, dass Sie eine Frau sind? Prof. Monika Harms: Es gab keine Hindernisse, im Gegenteil, ich wurde mit der größten Zuvorkommenheit und dem größten Respekt behandelt.

Würden Sie eine Frauenquote an der Universität Leipzig, insbesondere unter den Professorinnen, begrüßen – wenn ja, warum oder wenn nein, warum nicht? Nur Frauenquote reicht nicht! Wenn sich qualifizierte Frauen bewerben, dann haben sie heute schon sehr gute Chancen (siehe unsere Rektorin!)

Foto: Jan Woitas

prof. Monika harms über Frauen in Führungspostionen Sehen Sie geschlechtsspezifische Unterschiede in den Führungskompetenzen von Frauen und Männern? Es gibt Unterschiede im Führungsstil, die aber sehr differenziert zu werten sind und sich »mal gut«, »mal weniger gut« erweisen! Frauen sind nämlich keine besseren Menschen.

Was sollte sich an den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wie verändern, um insgesamt mehr Chancengleichheit zu erhalten? Wir sind auf einem guten Weg. Man sollte weniger reden, statt dessen handeln und die vorhandenen Chancen nutzen, so wie es viele Frauen schon tun, zum Beispiel in der juristischen Fakultät, bei den Veterinären, den Medizinern oder den Pharmazeuten. In diesen Studiengängen gibt es heute schon mehr Frauen als Männer. Diese Frauen werden sich morgen in Führungspositionen wiederfinden. Vielen Dank für das Gespräch. Interview: Katrin Henneberg

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Foto: Swen Reichhold

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Ein Altenpfleger der Diakonie Leipzig.

Was sind das für Männer in »Frauenberufen«? W

as sind das für Männer, die in sogenannten Frauenberufen arbeiten? Wer sind diese Floristen, Altenpfleger und Erzieher? Laut den Ergebnissen des abgeschlossenen DFGForschungsprojektes »Salutogenetische Bedeutung des Geschlechtsrollenselbstkonzeptes: Determinanten psychosozialer Gesundheit in geschlechtsuntypischen Berufsfeldern« der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie haben viele dieser Männer sowohl maskuline, als auch feminine Kompetenzen, um ihren Berufsalltag zu meistern. Die Wissenschaftlerin und Doktorandin Sonja Sobiraj berichtet aus den Erkenntnissen einer umfangreichen Studie. Sie nahm Männer in den Blick, die mit weniger als 20 Prozent eine Minderheit in ihrem Berufsfeld ausmachen: Alten- und Krankenpfleger, Floristen, Grund- und Förderschullehrer, Erzieher und Frisöre wurden mit der anonymisierten Umfrage zu ihrem Selbstbild und ihrem Wohlbefinden in der frauendominierten Arbeitswelt befragt. Zusätzlich wurde jeweils eine direkte Kollegin des befragten Mannes in die Umfrage einbezogen, um das soziale Arbeitsumfeld von Männern in Frauenberufen näher zu beleuchten. Die Forschungsergebnisse stützen die Idee vom »modernen Mann« in unserer Gesellschaft: Viele der befragten Männer schreiben sich selbst weibliche Kompetenzen zu. Sie wissen aber gleichsam ihre männliche Seite im Berufsleben hervorzuheben. »Sie sind einerseits typisch männlich und messen sich beispielsweise gerne mit anderen, andererseits aber auch typisch weiblich und somit sehr hilfsbereit«, erklärte die Psychologin. Diese Identifikation mit sowohl männlichen als auch weiblichen Eigenschaften ist gut für das eigene Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Auch die Bewertung der eigenen Arbeitsaufgaben als weiblich und männlich kann als Bereicherung für diese Männer angesehen werden: So ist man(n) nicht auf geschlechtsstereotype Sichtweisen beschränkt und schafft sich Raum für die eigene

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Entwicklung. Dieser Umstand sollte es für Männer eigentlich leichter machen, sich für einen Frauenberuf zu entscheiden. Der bundesweite Boys Day bietet seit diesem Jahr eine gute Möglichkeit, besonders junge Männer auch für frauendominierte Berufsfelder zu interessieren. Wichtig ist vor allem, dass die jungen Männer mitbekommen, dass auch bisher unbeachtete Berufsfelder durchaus zur eigenen Person passen können. Wieso nicht Grundschullehrer werden, wenn man(n) Spaß an der Vermittlung von Wissen hat oder Florist, wenn einem die kreative Gestaltung mit Materialien gut liegt? »Auftretende Probleme für Männer in Frauenberufen hängen häufig mit dem beruflichen Umfeld, also Kollegen, Kunden oder Vorgesetzten zusammen. Es kann vorkommen, dass sich die Männer aufgrund ihres Geschlechts wenig akzeptiert oder zurückgewiesen fühlen, was ihr Wohlbefinden bei der Arbeit verringert«, erklärt Sobiraj. Hier gelte es, frühzeitig Konflikte aufzudecken und anzugehen, um derartige Probleme zu bewältigen. »Denn Männer können eine zusätzliche Bereicherung für Betriebe und Einrichtungen sein, zum Beispiel als männliche Rollenvorbilder für Kinder oder zusätzliche Fachkräfte im Dienstleistungs- und Gesundheitssektor." Umso spannender wäre es nun, diese Prozesse weiter zu forcieren und in die Praxis zu tragen. Der Transfer der Ergebnisse wäre beispielsweise durch Informations- und Beratungsangebote für Männer und interessierte Betriebe – wie Krankenhäuser, Ausbildungsstätten, Schulen – möglich: »Je früher Männer über Potentiale und Möglichkeiten frauendominierter Berufsfelder aufgeklärt werden, desto eher können neue Blickwinkel bei der Berufswahl eingenommen werden«, erklärte die Psychologin, »und gleichsam wichtig ist es, jenen Männern, die sich bereits für einen frauendominierten Beruf entschieden haben, den Rücken zu stärken«. Und Vielfalt am Arbeitsplatz beginnt unter anderem beim Vorhandensein von mehr als nur einem Geschlecht. Dr. Manuela Rutsatz

Eindeutig zweideutig zum ethischen Umgang mit intersexualität im Sport

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m Sommer 2009 beherrschte ein Name die Schlagzeilen der Sportberichterstattung und darüber hinaus. Die Rede ist von Caster Semenya. Ausschlaggebend für das große Medieninteresse war allerdings nicht nur ihr Sieg in 800-Meter-Lauf anlässlich der »12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften berlin 2009™«, sondern nichts weniger als ihre Identität wurde infrage gestellt. Die damals 18-jährige Läuferin war unter Verdacht geraten, gar keine Läuferin zu sein. Es mehrten sich Zweifel an ihrer geschlechtlichen Identität. Neben ihrer sportlichen Überlegenheit galt der öffentlichen Meinung ihre äußere Erscheinung als weiterer »Beleg« dafür sie sei keine »Frau«. Betrachtet man die geschlechtliche Identität gerade nicht – wie in der Laienmeinung sonst üblich – als binär codiert (entweder Mann oder Frau), also nicht als rein anatomische Ausprägung, sondern unter anderem auch als genetisch und hormonell bedingt (von gesellschaftlichen Einflüssen ganz zu schweigen), dann wird verständlich, dass Zuordnungen nicht immer eindeutig durchführbar sind. Ambivalenzen in den drei vorgenannten Ausprägungen bezeichnet man als »Störung der Geschlechtsentwicklung«, aber auch der Terminus »Intersexualität« findet Verwendung. Zurück zu Läuferin Caster Semenya. Einmal unter Verdacht geraten, sie sei regelwidrig in der Gruppe der Frauen gestartet, sah sie sich in der Folge mit der Forderung nach einem »Geschlechtstest« konfrontiert, obwohl jene Eindeutigkeit durch einen solchen Test bekanntermaßen nicht zu haben ist.

Derartige Geschlechtstest sind allerdings in der Geschichte des Olympischen Sports keine Neuheit. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es »Verdachtsfälle«, hingegen erst in den 1960er Jahren wurden Frauen systematisch und zwangsweise von Sportmedizinern auf ihre Weiblichkeit hin untersucht. Seit den Olympischen Spielen von Sidney (2000) hat aber auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) erkannt, dass derartige Tests nicht nur bedeutungslos sind, sondern auch aus ethischer Sicht höchst problematisch. Sportethisch gesehen ist dieser Fall aber auch von Relevanz, weil er zum einen die Debatte um die Würde des Athleten/der Athletin neu befeuert hat. So wird beispielsweise im Hochleistungssport die Abgabe von Urinproben vor Zeugen bei Dopingkontrollen als ähnlich würdeverletzend angesehen. Zum anderen liefert die Geschlechterdebatte auch weiteren Diskussionsstoff für die Frage nach der Fairness bestimmter Klassifizierungen im Sport. So sind gewisse traditionelle Kategorisierungen – insbesondere die Einteilung Mann/Frau (zum Beispiel in Sportarten wie Bogenschießen) – neu zu überdenken. Darüber hinaus sind im Falle von Caster Semenya offensichtlich sensible Daten widerrechtlich an die Öffentlichkeit gelangt, die auf die ahnungslose Athletin verstörend wirken mussten. Auch das Recht auf Nichtwissen – wie es die Bioethikerin Ruth Chadwick propagiert – könnte in Caster Semenyas Fall verletzt worden sein. Das heißt, es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob die Sportlerin nicht ein Recht gehabt hätte, über ihre geschlechtliche Identität nicht näher medizinisch aufgeklärt werden zu wollen. Caster Semenya durfte nach hitziger öffentlicher Debatte ihre Siege und Medaillen, die sie als Frau errungen hat, rechtmäßig behalten und ist mittlerweile Sportstudentin an der »University of Pretoria« (Republik Südafrika). Dr. Arno Müller, Jun.-Prof. für Sportphilosophie und Sportgeschichte

Foto: Wikipedia Commons

Literatur-Tipp: Im Zusammenhang mit der Fairness-Thematik erscheint von Jun.-Prof. Dr. Arno Müller in Kürze folgender Beitrag: »Fairness – die Moral im Sport«. In: C. Kröger u. W.-D. Miethling (Hrsg.): Sporttheorie in der gymnasialen Oberstufe. Schorndorf: Hofmann (in Druck).

Zweifel an der geschlechtlichen Identität von Läuferin Caster Semenya sorgten für öffentliche Debatten um die Würde von Athleten und die Fairness im Sport.

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Geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin Unterschiedliche Krankheitsverläufe und Therapien bei Männern und Frauen

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rauen und Männer sind verschieden – das gilt für Gesundheit und Krankheit, für biologische und psychosoziale Aspekte, für Lebensbedingungen und Gesundheitsverhalten. Dieses Wissen ist nicht neu, dessen Berücksichtigung in der Prävention, Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen aber keinesfalls selbstverständlich und kaum etabliert. Dramatisch wird es dort, wo daraus falsche Diagnosen, fehlindizierte Behandlungen und, im schlechtesten Fall, erhöhte Sterblichkeit für eines der beiden Geschlechter resultieren. Geschlechtsspezifische Einflussfaktoren können auf verschiedenen Ebenen definiert werden: So müssen Unterschiede zwischen Frau und Mann bei der Entstehung von Erkrankungen und deren Verlauf genauso berücksichtigt werden, wie in der Diagnostik und Therapie. Zudem gilt es, gender-sensible Risiko- und Schutzfaktoren bei einzelnen Erkrankungen zu beachten. Auch wenn es in diesem Bereich noch viele weiße Flecken gibt, bewirken belastbare Forschungserfolge ein allmähliches Umdenken.

Diagnose herzinfarkt Erfolgreiche geschlechterspezifische Forschung in der Medizin zeichnet sich seit einigen Jahren im kardiovaskulären Bereich ab. Während seit langem bekannt ist, dass sich ein Herzinfarkt bei Männern und Frauen unterschiedlich äußert und Frauen deshalb in den vergangenen Jahren vielfach unterdiagnostiziert und -behandelt blieben, wird das Wissen um die andersgeartete Symptombeschreibung von Herzinfarkt-Beschwerden bei Frauen mittlerweile stärker berücksichtigt. Das führt zu einer frühzeitigeren Diagnostik und entsprechend adäquat einsetzender Therapie. Unter der Leitung der international renommierten Wissenschaftlerin Prof. Vera Regitz-Zagrosek wird im Institut für Geschlechterforschung der Charité Berlin ein Fokus auf Herzerkrankungen gelegt. Hier werden etwa Geschlechterunterschiede bei der Herzinsuffizienz nach KoronararterienBypass-Operationen am Herzen untersucht. Studien der letzten Jahre konnten zeigen, dass Frauen sowohl hinsichtlich der Mortalität als auch der Morbidität eine schlechtere Prognose nach bestimmten Bypassoperationen haben als Männer, aber allein medizinische und biologische Erklärungen hierfür nicht ausreichen. Deshalb werden zunehmend auch psychosoziale Aspekte, wie etwa das jeweils zur Verfügung stehende (familiäre) Unterstützungspotential im Erholungsverlauf einer solchen Erkrankung untersucht – dies kann bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich sein.

Beispiel Diabeteserkrankung

Ebenfalls geschlechterabhängige Unterschiede sind bei der Diabeteserkrankung bekannt. So widmet man sich hier unter anderem der Frage, warum Frauen bei gleicher Behandlung oft weniger gute Zielwerte bei Lipiden, Blutzucker oder Blutdruckwerten erreichen und damit prognostisch oft ungünstigere Krankheitsverläufe zeigen.

Bereich arzneimitteltherapie

Krankhafte Veränderungen am Herzen mit geschlechtsabhängigen Symptomen, können bei einer Herzkatheter-Untersuchung festgestellt werden

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Im Zusammenhang mit geschlechterspezifischer Medizin ist der große Bereich der Pharmakotherapie zu nennen, wobei es sowohl in der Wirkung als auch in der Verteilung und Verstoffwechslung von Arzneimitteln große Unterschiede gibt. Da bei klinischen Anwendungsstudien aufgrund der potentiell teratogenen (kann Fehlbildungen beim Embryo hervorrufen) Wirkung von Arzneimitteln Frauen im gebärfähigen Alter nicht einbezogen werden, müssen allerdings die oben erwähnten Unterschiede bei der späteren Empfehlung zu Dosierung, Einnahme et cetera in stärkerer Weise berücksichtigt und für Frauen frühzeitig unerwünschte Arzneimittelwirkungen und angemessene Arzneimitteldosierungen ermittelt werden. Hier besteht Handlungs-und Optimierungsbedarf.

Buchtipp:

adipositas, Depression und Demenz Auch bei weiteren großen Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Depression und Demenz müssen geschlechtsspezifische Besonderheiten verstärkt Berücksichtigung finden. So werden auch im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Leipziger Großforschungsprojekts »IFB AdipositasErkrankungen« in verschiedenen Teilprojekten geschlechtsspezifische Aspekte gezielt untersucht, wie etwa der Zusammenhang zwischen Adipositas, Geschlecht und spezifischen strukturellen wie auch funktionellen Hirnveränderungen. Nach Studienlage ist in Deutschland jede vierte Frau, aber nur jeder achte Mann an einer Depression erkrankt. Dies allein auf biologische Unterschiede zurückzuführen, wäre zu kurz gegriffen. Vielmehr müssen geschlechtsabhängige Gesundheitsdeterminanten und -konzepte, typisch männliche oder weibliche Rollenzuweisungen und -erwartungen sowie gesellschaftlich etablierte, ebenfalls geschlechtsabhängige Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit in die Erklärungen einbezogen werden. Wissenschaftliche Projekte könnten hier zum Beispiel überprüfen, inwiefern sich geschlechterabhängige Gesundheitskonzepte auf die unterschiedliche Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen – hier konkret Hausarztkonsultationen oder im Falle der Depression Psychiater- und Psychotherapeutenkontakte – auswirken. Dies wiederum hätte konkrete Implikationen für das zukünftige Versorgungsmanagement, in dem unterschiedliche Erwartungen, Bedürfnisse, aber auch Hürden und Barrieren berücksichtigt werden würden.

Unterschiedliche lebensphasen

Wesentlich ist auch, stärker auf die natürlichen Lebensphasen von Frauen und Männern in der medizinischen Forschung und Versorgung zu achten. Aufgrund der geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsprofile wird im höheren Alter der Fokus zwangsweise mehr auf die Gesundheit und Krankheit von Frauen gelegt werden müssen. Themen, die sich hier aufdrängen, sind relevante Komorbiditäten, wie etwa Herz-Kreislaufkrankheiten und psychische Störungen oder eine erhöhte Pflegebedürftigkeit.

zusammenfassung

Zusammenfassend sind vor allem Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen und bei denen wir sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in der Diagnose, in den Symptomen und in der Therapie sehen, für eine geschlechterdifferente Forschung bedeutsam und bedürfen einer interdisziplinären Kooperation. Deshalb ist es ein Ziel der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums Leipzig, sich dem Thema vermehrt zuzuwenden und es im besten Fall institutionell zu etablieren. PD Dr. med. Katarina Stengler, Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Fakultät und der Universitätsklinikums Leipzig sowie Leiterin der AG »Gender- und geschlechtsspezifische Forschung in der Medizin«

Intimmodifikationen – Spielarten und ihre psychosozialen Bedeutungen Kosmetische Intimoperationen gehören nach der Studie »Körperwelten 2020« zu den erfolgversprechendsten Märkten der nächsten Jahre. Wie immer man diese Prognose bewerten mag, sie verweist auf die steigende Bedeutung von Intimmodifikationen. Der Ein Sammelband von Ada Borkenhagen und Elmar Brähler verspricht einen umfassenden Blick auf dieses höchst intime Thema und widmet sich den verschiedenen Spielarten wie Intimpiercing, Intimtattoo, Schamhaartrimming oder kosmetische Genitalchirurgie und ordnet diese Praxen hinsichtlich ihrer psychosozialen Bedeutung ein. Neben dem aktuellen Trend kosmetischer Genitalchirurgie in den westlichen Ländern werden ebenso die traditionellen Praktiken weiblicher Genitalverstümmelung als Formen der Anpassung und Normierung untersucht. Auch die männlichen Varianten genitaler Körpermodifikation, wie die rituelle Beschneidung oder das männliche Genital- und Play-Piercing, werden in ihrer individuellen sowie kulturellen Bedeutung ausführlich dargestellt. Durch die Vorstellung des aktuellen Forschungsstandes der verschiedenen Intimmodifikationspraxen wird fundiertes wissenschaftliches Hintergrundwissen zu einem bisher von der medizinpsychologischen Forschung eher vernachlässigten Feld geschaffen. Der Band bietet einen interessanten Einblick in ein naturgemäß eher verstecktes Gebiet der kulturellen Entwicklung und viel Material zum Nachdenken über das kulturelle Verhältnis, das wir zu unseren Körpern haben. MD Prof. Ada Borkenhagen (Universität Magdeburg) und Prof. Elmar Brähler (Universität Leipzig) (Hrsg.): Intimmodifikationen. Spielarten und ihre psychosozialen Bedeutungen. Gießen: Psychosozial-Verlag 2010. 19,90 Euro.

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Physiker lehrt auf Leibniz-Professur

Foto: Swen Reichhold

Forschung

Prof. Dr. Dirk K. Morr

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ren Forschungsinstituten der Region«, erklärt der 44-jährige gebürtige Duisburger. Sachsen, so sagt er, sei ein ausgezeichneter Wissenschaftsstandort mit mehreren »weltführenden Forschungsinstituten«. Auch seine Familie – Morr ist mit einer Linguistin verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren – ist von dem Aufenthalt in Leipzig begeistert. Schon bald nach seinem Studium, das er 1993 an der Freien Universität Berlin abschloss, zog es den Physiker in die USA. Im Jahr 1997 promovierte er an der University of Wisconsin – Madison. Danach war er an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten als Postdoc tätig, bevor er 2001 zunächst als Assistant- und später als Full-Pro-

Grafik: Dirk K. Morr

irk K. Morr ist stets darauf bedacht, komplizierte physikalische Phänomene für die breite Öffentlichkeit optisch gut verständlich darzustellen. »Ich versuche, Zusammenhänge aufzudecken«, sagt der renommierte Physiker, der seit dem 1. Oktober an der Universität Leipzig als Leibniz-Professor lehrt und forscht. In den kommenden Monaten wird er an der Fakultät für Physik und Geowissenschaften mit Prof. Dr. Jürgen Haase und anderen Physikern zusammenarbeiten. Morr ist an der University of Illinois in Chicago auf dem Gebiet der theoretischen Festkörperphysik tätig. »Für mich bietet die Professur eine gute Gelegenheit, Kontakte zu vertiefen und Kollegen kennen zu lernen – auch in ande-

Komplexität ensteht, wenn nanoskalige Systeme (a) beginnen miteinander wechselzuwirken (b).

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fessor in Chicago lehrte und forschte. Haase, den er seit 1997 kennt, sprach Morr auf die Leibniz-Professur an der Alma mater an. Morr war von dem Gedanken begeistert, reichte seine Unterlagen ein und bekam im Frühjahr von Rektorin Prof. Dr. Beate Schücking die Einladung an die Universität Leipzig. Seine Antrittsvorlesung hielt er am 9. November zum Thema nanoskalige Systeme. Darin präsentierte er einen neuen Ansatz zum Verständnis komplexer Systeme in der Festkörperphysik. »Wir wollen verstehen, wie Komplexität entsteht, wenn man Atome in nanoskaligen Strukturen zusammenführt«, erklärt Morr. Diese Erkenntnis sei beispielsweise bedeutsam für die Entwicklung neuer, energiesparender Materialien. Prof. Morr forscht – auch in Leipzig – unter anderem an der Weiterentwicklung von Hochtemperatur-Supraleitern, die beispielsweise für den effektiven Transport von Energie benötigt werden. »Es ist eine Herausforderung zu verstehen, wie sie funktionieren«, sagt er. Momentan bestehe das Problem darin, dass Hochtemperatur-Supraleiter immer stark herunter gekühlt werden müssen,

um sie nutzen zu können. »Das Ziel ist, dass Supraleiter irgendwann einmal bei Raumtemperatur funktionieren«, erläutert der Leibniz-Professor, der auch maßgeblich an der Planung der 2010 eröffneten Wissenschaftsausstellung »Science Storms« am Museum of Science and Industry in Chicago – dem größten Wissenschaftsmuseum der USA – beteiligt war. »Wir haben Naturereignisse wie einen Tornado oder eine Sandlawine ins Museum gebracht, um den Besuchern physikalische Prinzipien anschaulich zu vermitteln«, erklärt Morr. In diesem Rahmen hält der Leibniz-Professor auch öffentliche Vorträge, um das Interesse für die Wissenschaft zu wecken. Das Zentrum für Höhere Studien (ZHS) besetzt zweimal jährlich die Leibniz-Professur mit international bekannten Gastwissenschaftlern aus dem Ausland jeweils für ein Semester. Prof. Morrs Professur endet am 31. März kommenden Jahres. Susann Huster

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und 1.000 Wissenschaftler, Mediziner und Unternehmen aus mehr als 40 Ländern haben sich vom 2. bis 4. November auf der World Conference on Regenerative Medicine in Leipzig getroffen. Prof. Dr. Frank Emmrich, Direktor des Translationszentrums für Regenerative Medizin (TRM) der Universität Leipzig, war zum wiederholten Mal die treibende Kraft hinter der Veranstaltung. »Mit der Weltkonferenz gelingt es uns, Leipzig als Standort der Regenerativen Medizin international bekannt zu machen und Mitteldeutschland als starke Forschungsregion auf diesem Gebiet zu präsentieren«, betont der Immunologe. Doch was genau steckt hinter dem Begriff Regenerative Medizin? Die Grundidee dieses Medizinbereiches ist es, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stimulieren und für die Reparatur geschädigter Organe oder Gewebe zu nutzen. In diesem Zusammenhang spielen zum Beispiel Stammzellen und die Entwicklung von (Stamm-)Zelltherapien eine große Rolle. In einem bemerkenswerten Vortrag stellte der italienische Forscher Prof. Dr. Michele De Luca Ergebnisse einer klinischen Langzeitstudie vor, in der bei über einhundert Patienten die Regeneration der Hornhaut des Auges durch den Einsatz von patienteneigenen Stammzellen enorm verbessert wurde. Innerhalb der Regenerativen Medizin werden aber auch Fragen nach der Optimierung von medizinischen Implantaten und Biomaterialen gestellt. Veränderte Oberflächenstrukturen von metallenen Knochenimplantaten sowie deren Besiedelung mit Zellen vor der Implantation in Patienten verbessern das stabile Einheilen dieser Geräte, so das Fazit des Vortrages von Prof. Dr. Gordon Blunn vom University College London. Neben internationalen Gästen präsentierten auch Wissenschaftler der Region ihre Forschungsergebnisse auf der Konfe-

Foto: Fraunhofer IZI/Michaela Grahn

Leipzig als Treffpunkt für Regenerative Medizin

Prof. Dr. Frank Emmrich überreichte den mit 4.000 Dollar studierten Abstract-Preis des israelischen Unternehmens Pluristem Therapeutics an Matthias Jung (r.).

renz. So stellte Susan Hetz vom TRM Leipzig Ergebnisse einer präklinischen Studie vor, in der sie zeigen konnte, dass Vorläuferzellen des Enterischen Nervensystems zur Behandlung von Darmerkrankungen beitragen können. Matthias Jung, der unterstützt durch das TRM Leipzig an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg forscht, erhielt den mit 4.000 Dollar verbundenen Abstract-Preis des israelischen Unternehmens Pluristem Therapeutics. Mit seiner Arbeit über den Einfluss von MikroRNA auf die Herstellung von induziert pluripotenten Stammzellen und deren Differenzierung in pankreatische Zellen setzte er sich dabei gegen über 140 weitere Einreichungen durch, die in der engeren Wahl bewertet wurden. Manuela Lißina-Krause journal Universität Leipzig 6/2011

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Foto: ESMRMB

Forschung

Nobelpreisträger Prof. Richard Ernst.

Rasante Fortschritte in der MRT-Bildgebung D

ie Magnetresonanztomographie (MRT) ist eines der wichtigsten Verfahren zur bildgebenden Diagnostik und Kontrolle zahlreicher Erkrankungen. Jährlich werden in Deutschland rund sechs Millionen Menschen mittels MRT untersucht. Welche Möglichkeiten die MRT-Bildgebung beispielsweise in der Krebsdiagnostik oder für die grundlegende Erforschung weiterer Krankheiten bietet, waren Themen der 28. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für MRT in der Medizin und Biologie (ESMRMB). Sie ist in diesem Bereich die bedeutendste europäische Gesellschaft für Grundlagenforschung und klinische Wissenschaft. Ihre Jahrestagung fand erstmals in Leipzig statt und erfreute sich mit mehr als 1.300 teilnehmenden Ingenieuren, Wissenschaftlern und Ärzten beachtlicher Resonanz. In über 750 Vorträgen, wissenschaftlichen Postern und Diskussionsforen wurden neueste Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert. Beispielhaft seien neuartige Verfahren in der Gefäßdiagnostik erwähnt, die ohne Kontrastmittel arbeiten, oder die Diffusionsbildgebung, von der sich Ärzte versprechen, krankhafte Stoffwechselvorgänge im Frühstadium sichtbar machen zu können. Nobelpreisträger Prof. Richard Ernst eröffnete die dreitägige Veranstaltung am 6. Oktober 2011 im Congress Center Leipzig und erhielt die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft. Der Schweizer nahm 1991 die Nobel-Auszeichnung im Bereich Che-

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mie für seine Arbeiten zur Entwicklung der hochauflösenden magnetischen Kernresonanz-Spektroskopie entgegen. In seinem Eröffnungsvortrag gab er einen Rückblick auf die Anfänge der MRT und ihre Pioniere. In Leipzig sind damit renommierte Namen verbunden, wie Felix Bloch, Werner Heisenberg, Artur Lösche und Harry Pfeifer. Kongresspräsident Prof. Thomas Kahn, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Leipzig und Direktor des Magnetresonanzzentrums der Universität Leipzig, bewertete die MRT als eine der vielseitigsten diagnostischen Methoden in der Medizin. Durch die Entwicklung von MRT-Geräten mit sehr hoher Magnetfeldstärke sind bisher unerreichte hochauflösende Darstellungen der Struktur und der Funktion des Gehirns möglich geworden. »Doch die vielen, daran anknüpfenden Entwicklungen in Klinik und Technik zeigen, dass ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. Das vor kurzem in Leipzig eingeweihte, kombinierte Positronen-Emissions-Tomographie (PET)/MRT-Ganzkörper-System weist den Weg in die Zukunft.« Die nächste Jahrestagung findet im Oktober 2012 in Lissabon statt. Bereits am 22./23. September werden die Leipziger Uniklinik gemeinsam mit der Johns Hopkins Universität und der Harvard Medical School das »9. Interventional MRI Symposiums« in Boston veranstalten. Diana Smikalla

Foto: EUPRERA

Die Preisträger Linke, Nothhaft, Dühring (v.l.n.r.).

»Leipzig is a PR academic powerhouse« institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft hat europäische Forschungspreise erhalten

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as Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig hat seine Innovationskraft beim diesjährigen Kongress der europäischen PR-Forschung in Leeds (Großbritannien) unter Beweis gestellt. Die Preise für die europaweit beste Dissertation und den besten, im Peerreview-Verfahren evaluierten Konferenzbeitrag gingen an die von den Professoren Günter Bentele und Ansgar Zerfaß geleitete Abteilung für Kommunikationsmanagement und Public Relations. Dr. Howard Nothhaft wurde für die europaweit beste Dissertation im Forschungsfeld mit dem EURERA-Dr.-GünterThiele-Ph.D.-Award gewürdigt. Anne Linke und Lisa Dühring erhielten den Best-Paper-Award, der von der europäischen Forscherorganisation EUPRERA gemeinsam mit dem Institute for Public Relations aus den USA vergeben wird. Die Tatsache, dass beide Auszeichnungen erstmals an das gleiche Institut gingen, wurde in der Berichterstattung zum Kongress umgehend kommentiert: »Leipzig is a PR academic powerhouse.« Die Dissertation »Kommunikationsmanagement als professionelle Organisationspraxis. Theoretische Annäherung auf Grundlage einer teilnehmenden Beobachtungsstudie« von Nothhaft, der inzwischen als Assistenzprofessor an der Lund University (Schweden) tätig ist, befasst sich mit dem Kommunikationsmanagement als professioneller Praxis in Organisationen. Auf Grundlage einer teilnehmenden Beobachtungsstudie wurde gezeigt, wie oberste Kommunikationsverantwortliche

ihre Rollen wahrnehmen und wie das Verhältnis von Unternehmensführung und Kommunikation im Zeitalter allgegenwärtiger medialer Aufmerksamkeit gestaltet wird. Der Beitrag »Steering through turbulence: Developing a framework for managing social media communications« von Anne Linke und Lisa Dühring befasst sich mit der Frage, wie die Integration von Social-Media-Kommunikation in vorhandene Planungs- und Umsetzungsprozesse des Kommunikationsmanagement gelöst werden kann. Hierzu verknüpfen die Forscherinnen kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse mit Controlling-Konzepten und entwickeln ein besonders überzeugendes Analyseraster. Die jährlich im Herbst durchgeführte EUPRERA-Konferenz mit Teilnehmern aus über 20 Ländern gilt als zentrale Plattform für die PR-Wissenschaft in Europa. Neben der Vorstellung und Diskussion von Forschungsbeiträgen geht es auch um die Initiierung transnationaler Forschungsprojekte und den Austausch mit Vertretern der Kommunikationspraxis. Der Kongress 2011 wurde von der Leeds Metropolitan University ausgerichtet. Gastgeber der nächsten Konferenzen sind die Universitäten Instanbul, Barcelona, Bordeaux und Oslo. Im Jahr 2004 wurde die Veranstaltung gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Leipzig durchgeführt. Red.

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Spezial

Tipps für eine spannende Fachlektüre: Ursprung und Behandlung der Krankheiten. causae et curae. Ortrun Riha (Direktorin des Karl-SudhoffInstituts für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften) (Übers.): Ursprung und Behandlung der Krankheiten. Causae et curae. Beuron: Beuroner Kunstverlag 2011. 19,90 Euro.

Kinder- und Jugendstimme Michael Fuchs (Leiter der Sektion für Phoniatrie und Audiologie der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Leipzig) (Hrsg.): Kinder- und Jugendstimme. Berlin: Logos Verlag 2011. 34 Euro.

Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation Michael Tomasello (Direktor der Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Honorarprofessor am Institut für Psychologie der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie): Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2011. 15 Euro.

Frequency Dictionary German – häufigkeitswörterbuch Deutsch Uwe Quasthoff (Professor der Abteilung Automatische Sprachverarbeitung am Institut für Informatik), Sabine Fiedler (Professorin am Institut für Anglistik), Erla Hallsteinsdóttir (Univ. Odense, Däne Dänemark)(Eds.): Requency Dictionary Ger German – Häufigkeitswörterbuch Deutsch. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011. 22 Euro.

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Hildegard von Bingen (1098-1179) war nicht nur eine bedeutende Mystikerin, sie hat auch zwei Werke zur Heilkunde geschrieben. Das erste davon, das die Krankheiten des Menschen mit dem Sündenfall in Zusammenhang bringt, liegt nun in einer neuen Übersetzung vor, die erstmals auf der modernen lateinischen Ausgabe beruht. »Causae et curae« entwirft eine umfassende Anthropologie, die menschliche Abgründe und Leidenschaften einschließt, weist aber auch konkrete Wege auf – zu gesunder Lebensführung, Ordnung der Emotionen und nicht zuletzt zur Behandlung körperlicher Leiden. Durchaus aktuell ist die Betonung der kosmischen Auswirkungen allen Handelns, was den Menschen in die Verantwortung nimmt, nicht nur für sich, sondern für die gesamte Schöpfung.

Zwischen den Sprech- und Singstimmen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gibt es in der täglichen Kommunikation und beim Singen zahlreiche Wechselwirkungen: Erwachsene können gute oder schlechte stimmliche Vorbilder sein: in der Familie, in Kindertagesstätte und Schule, im Gesangsunterricht und im Chor, aber auch in den Medien. Von ihnen hängt ab, ob es das Kind lernt, sich stimmlich differenziert und Inhalten und Emotionen entsprechend zu äußern. Denn nur so verfügt es für seine Kommunikation und später für den Beruf über gute stimmliche Ausdrucksmittel. Erwachsene können auch von Kindern lernen: von ihrer Neugier für das Ausprobieren der eigenen Stimme oder ihrer (hoffentlich) unvoreingenommene Freude an der Vielfalt der vokalen Äußerung. Bleibt zu fragen: Was sagt die Kinderstimme über Bedürfnisse und Wünsche? Gelingt es uns, darauf zu hören? Verschiedene Spezialisten dokumentieren allgemeinverständlich den aktuellen Wissenstand. Menschen sprechen – im Gegensatz zu allen anderen bekannten Lebewesen auf diesem Planeten. Gestützt auf empirisches Material aus der Primaten- und Säuglingsforschung und die einflussreichsten Theorien der Sprachphilosophie präsentiert der Autor ein mehrstufiges Modell der Sprachentwicklung in individual- wie auch artgeschichtlicher Perspektive. Zentrale Gelenkstelle in diesem Modell sind Gesten, die sich im Zuge der Herausbildung sozialer Kooperation unter Primaten evolutionär entwickelt haben. In diesen erkennt Tomasello die Urformen der menschlichen Sprache. Um von diesen Vorformen zu einer komplexen sprachlichen Kommunikation zu gelangen, bedarf es allerdings noch einer weiteren, exklusiv menschlichen Voraussetzung: einer »psychologischen Infrastruktur geteilter Intentionalität«. Diese sorgt dafür, dass Menschen ihre Wahrnehmungen und Absichten untereinander abstimmen und zum Bezugspunkt ihres gemeinsamen Handelns machen können.

Der erste Band der Reihe »Frequency Dictionaries – Häufigkeitswörterbücher« widmet sich der deutschen Sprache und enthält die 1.000 häufigsten Wortformen in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit sowie die 10.000 häufigsten Wortformen in alphabetischer Reihenfolge. In einer sprachstatistischen Analyse werden unter anderem Wort- und Buchstabenhäufigkeiten, die Wortlängenverteilung sowie die Wortstruktur untersucht. Die beiliegende CD-ROM enthält Häu Häufigkeitslisten für 1.000.000 Wortformen. Diese Daten stehen ohne jede Beschränkung zur weiteren Nutzung zur Verfügung. Damit wendet sich die Reihe nicht nur an Linguisten, sondern zum Beispiel auch an Entwickler von Software zur Sprachverarbeitung.

Die Journalredaktion bittet um Verständnis, dass nur eine Auswahl der eingesandten Buchvorschläge von zahlreichen Mitarbeitern der Universität Leipzig berücksichtig werden konnte.

diesjähriges Bücher-Spezial

Der Band dokumentiert die wohl wichtigste Tagung anlässlich des 200. Geburtstags von Robert Schumann. In 30 Aufsätzen werden Robert Schumann als Persönlichkeit, seine Werke sowie deren Wirkung und Rezeption von den bedeutendsten Schumann-Forschern in zahlreichen Facetten gut verständlich dargestellt. Die Themen sind annähernd chronologisch angeordnet und reichen von Schumann als dem jungen Literaten bis zu übergreifenden Themen wie seiner politischen Einstellung, antisemitischen Strömungen und kunstreligiösen Tendenzen, die ein erhebliches Konfliktpotential enthalten. Ein Schwerpunkt liegt selbstredend auf den Kompositionen, bei denen folgenreiche Neuentdeckungen zu verzeichnen sind. Abgeschlossen wird der Band von rezeptionsgeschichtlichen Beiträgen über zeitgenössische Komposition, über Schumann-Bilder in verschiedenen Ländern und Zeitaltern sowie in modernen Medien wie Film und Fernsehen. Die anregende und gelegentlich provokative Sammlung hat bereits anregend auf die SchumannForschung gewirkt.

Maggi in Guinea-Bissau. über das Brühwürfelphänomen in Westafrika. Manfred Stoppok (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie): Maggi in Guinea-Bissau. Über das Brühwürfelphänomen in Westafrika. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011. 20 Euro.

Jahrbuch für öffentliche Finanzen 2011 Sammelband: Jahrbuch für öffentliche Finanzen 2011. Schriften zur öffentlichen Verwaltung und öffentlichen Wirtschaft, Band 222. Berliner Wissenschaftsverlag. 78 Euro.

Schumann Umschlag offen

01.02.2011

14:09 Uhr

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robert Schumann Helmut Loos (Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft am Institut für Musikwissenschaft) (Hrsg.): Robert Schumann. Persönlichkeit, Werk und Wirkung. Leipzig: Gudrun Schröder Verlag 2011. 50,- Euro. ISBN 978-3-926196-57-6

SCHUMANN

ROBERT

Das Jahrbuch von rund 25 Autoren aus Finanz-, Politik- und Rechtswissenschaft sowie der Verwaltungspraxis, unter anderem Thomas Lenk, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen und Public Management und Prorektor für Entwicklung und Transfer, ist in der dritten Ausgabe erschienen. Der Länderfinanzbericht analysiert alle sechzehn Haushalte des Jahres 2010 vom Entwurf bis in den Vollzug. Zudem wird die Bundes- und Gemeindeebene in den Blick genommen und so die Gesamtlage des öffentlichen Haushaltswesens transparent. Behandelt werden auch die Kontroversen der föderalen Finanzpolitik. Mehrere Autoren widmen sich den Entwicklungen auf EU-Ebene, von der kaum bekannten Verschuldungspraxis bis hin zu neuen europäischen Koordinierungspflichten. Mit dem Fokus auf der Haushaltswirtschaft der Länder schließt der Band die Lücke zwischen dem Finanzbericht des Bundes und dem Gemeindefinanzbericht des Städtetages durch eine unabhängige, wissenschaftliche Publikation.

Elmar Schenkel (Professor am Institut für Anglistik und Leiter Studium universale) und Nadja Anne Kroker (Hrsg.): Die Macht des Verborgenen: Über das Geheimnis in Kunst, Natur und Politik. Frankfurt am Main: Peter Lang 2010. 39,80 Euro.

S C H U M A N N . Persönlichkeit, Werk und Wirkung

Brühwürfel zählen längst zu den klassischen Markenartikeln, die unseren Alltag seit mehr als einem Jahrhundert begleiten. Das gilt auch für andere Regionen der Erde. Denn der Brühwürfel gehört zu jenen Produkten, die im Zuge der Globalisierung ihren Weg um die gesamte Welt gefunden haben. Als selbstverständliche Zutat in den Küchen von Guinea-Bissau hat er sogar einen eigenen Namen: »gusto« (Geschmack). Die vorliegende Ethnographie beschreibt den Weg, den der Maggi-Würfel in Europa und bis in die Küchen Guinea-Bissaus nahm. Sie analysiert die verschiedenen Nutzungsarten und Kombinationen und den lokalen Diskurs zu Fragen des richtigen Essens. Einerseits wird »gusto« für eine unverzichtbare Zutat gehalten, andererseits gilt der Brühwürfel für eine Bedrohung der lokalen Koch- und Küchentraditionen. Im Für und Wider widerspiegelt sich auch eine Auseinandersetzung um die Veränderbarkeit von Traditionen.

Die Macht des Verborgenen: über das Geheimnis in Kunst, Natur und politik

R O B E R T

Zwischen dem Anwesenden und dem Abwesenden gibt es einen fortwährenden Machtkampf. Auf den ersten Blick erscheint das Sichtbare stärker und präsenter zu sein als das Unsichtbare. Doch das Verborgene hat eigene Strategien. In diesem Band, der aus dem Studium universale entstanden ist, wird die Macht des Geheimen in vielfacher Hinsicht gedeutet: aus der Sicht der Politikwissenschaft ebenso wie aus der der Biologie, der Medizin, der Kunst- und Kulturgeschichte oder mit den Mitteln des Filmes und der modernen Kunst. So sind die Höhle und der Mond, wie ein Architekturhistoriker und ein Literaturwissenschaftler zeigen, in unserer Kultur immer Garanten des Geheimen gewesen. Die Geschichte der englischen Literatur kann ebenfalls als eine Geschichte der Geheimnisse erzählt werden. Mit der Macht des Verborgenen, so dokumentiert dieser Band, ist allenthalben zu rechnen – ob in Gesellschaft, in individuellen Beziehungen oder in Lebensvorgängen.

Persönlichkeit, Werk und Wirkung

Bericht über die Konferenz

Leipzig 2010 herausgegeben von Helmut Loos

Wir wünschen Frohe Weihnachten und ein glückliches Jahr 2011!

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Fakultäten und institute

Psychische Erkrankungen – 200 Jahre Forschung und Lehre in Leipzig

Foto: Franziska Henkel

Am 21. Oktober 1811 wurde Johann Christian August Heinroth aufgrund einer Weisung des sächsischen Königs Friedrich August I. auf den außerordentlichen Lehrstuhl für »Psychische Therapie« an der Universität Leipzig berufen. Damit war er in diesem Fach der erste akademisch bestellte Hochschullehrer der westlichen Welt und der Anfangspunkt der Universitätspsychiatrie gesetzt. Ein bedeutsames Datum nicht nur für die Medizingeschichte, sondern vor allem ein Meilenstein für die Entwicklung von Lehre, Forschung und Patientenbetreuung in der Psychiatrie und Nervenheilkunde. Der Leipziger Arztsohn Johann Christian August Heinroth (1773 - 1843) studierte ab 1791 an der Universität seiner Geburtsstadt Medizin. Nach praktischen Erfahrungen im städtischen Krankenhaus St. Jakob, das sich zeitgleich zum Universitätsklinikum entwickelte, und einer Italienreise erwarb er 1805 die Lehrberechtigung an der Medizinischen Fakultät und den Doktorgrad. Seitdem bürgte der Seelenheilkundler für regelmäßigen studentischen Unterricht in Psychiatrie. Weiterhin begann er, Publikationen vorzulegen. Er mauserte sich also mit als erster Hochschullehrer überhaupt zum Vollzeitpsychiater. Günstige Voraussetzungen für den Leipziger Lehrstuhl schufen eine allgemeine Universitätsreform und die Entstehung des sächsischen Irrenversorgungssystems. Damit entstand überhaupt erst der Bedarf für eine fundierte, irrenärztliche Ausbildung. Im deutschsprachigen Raum sollte der Leipziger Lehrstuhl für Jahrzehnte einzigartig bleiben. Weitere entstanden erst in den 1840er Jahren in Berlin, Erlangen und Jena.

Prof. U. Hegerl (Direktor Psychiatrie), Prof. A. Kersting (Direktorin Psychosomatik), Dr. H. Steinberg (Histor. Archiv Psychiatrie).

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Heinroth war ein stark vom lutherischen Spätpietismus beeinflusster Mensch. Sein Heilungskonzept enthält Vorannahmen heutiger psychotherapeutischer Verfahren. Er führte den Begriff des »Psychosomatischen« in die medizinische Weltliteratur ein. Seine Neufassung des Depressionsbegriffes und eine frühe Beschreibung manisch-depressiver Erkrankungen war wegweisend. Für PD Dr. Holger Steinberg vom Uni-Archiv für Leipziger Psychiatriegeschichte wurde Heinroth bislang verkannt. »Bedeutende, anthropologische Aspekte seines Werkes sind aufgrund seiner theologisch verbrämten Ansichten lange nicht wahrgenommen worden. Tatsächlich muss dieser engagierte Mann als bedeutender Wegbereiter angesehen werden und das mit internationaler Wirkung. Ein Glücksfall für Leipzig.« »Psychiatrische Erkrankungen werden auch heute noch von manchen zwischen Einbildung und persönlichem Versagen eingeordnet«, sagt der aktuelle Leiter der Leipziger Einrichtung, Prof. Dr. Ulrich Hegerl. »Oft wird von ,seelischen‘ Erkrankungen gesprochen und diese den Körperlichen gegenübergestellt, obwohl Psychische selbstverständlich auch Erkrankungen des Körpers, genauer des Gehirns sind und für die Seele eher der Pfarrer zuständig ist«, meint Hegerl. »Die vor 200 Jahren gestartete Entwicklung und Gleichstellung ist noch nicht abgeschlossen.« An der Leipziger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie stehen mit drei Stationen und einer Tagesklinik 88 stationäre Behandlungsplätze sowie ambulante Behandlungsmöglichkeiten unter anderem mit Spezialambulanzen für Affektive Störungen, Zwangsstörungen und Gedächtnisstörungen zur Verfügung. Von der Leipziger Klinik werden drei große europäische Forschungsprojekte koordiniert, die zum Ziel haben, depressiv Erkrankte besser zu versorgen und Suizide zu verhindern. Ein von der Europäische Kommission mit 1,8 Millionen Euro gefördertes Projekt mit dem Namen PREDI-NU entwickelt für Erkrankte mit leichteren Depressionen ein internetbasiertes Selbstmanagementprogramm. Es wird in Kooperation mit ausgewählten Hausärzten und verwandten Berufsgruppen erprobt. Längerfristig soll es in Deutschland und Europa dazu beitragen, Versorgungsdefizite zu reduzieren. Um Suizidverhinderung durch gemeindebasiertes Eingreifen geht es bei OSPI-Europe, das von der Europäischen Kommission mit drei Millionen Euro gefördert wird. Dazu gehört auch das »Leipziger Bündnis gegen Depression«. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland mehr als 9.600 Suizide registriert (Verkehrstoten 4.470). Nach Schätzung von Prof. Hegerl sind 90 Prozent der Suizide auf eine psychiatrische Erkrankung zurückzuführen. Diana Smikalla

»Kein Täter werden« – Präventionsprojekt gestartet

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as Netzwerk des erfolgreichen Berliner Forschungs- und Präventionsprojekts »Kein Täter werden«, das Männern mit pädophiler Neigung therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht bietet, hat seit Oktober eine weitere Anlaufstelle in Leipzig. Die Kinderschutzstiftung Hänsel + Gretel und Sachsens Sozialministerium unterstützen das Projekt zunächst bis Ende 2012. Ziel ist es, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Kinderpornografie bereits im Vorfeld zu verhindern. Männer, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien bei sich feststellen, aber keinesfalls Übergriffe begehen wollen, können sich für eine Therapie in der Abteilung für Sexualmedizin der Universitätsmedizin Leipzig melden. Das Vorhaben orientiert sich am gleichnamigen Pilotprojekt, das es seit 2005 an der Berliner Charité und anderen Orten gibt. »Die Arbeit unserer Kollegen aus Berlin, Kiel und Regensburg zeigt bereits, dass dieses Therapieangebot Menschen mit pädophiler Neigung dabei helfen kann, keine Übergriffe auf Kinder zu begehen«, so Prof. Henry Alexander, Leiter der Leipziger Projektambulanz. »Tätertherapie ist der beste Opferschutz«,

sagte Christine Clauß, Sachsens Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, bei der Eröffnung. Ihr Ministerium finanziert das Leipziger Angebot deshalb mit etwa 100.000 Euro pro Jahr. Und weil jede verhinderte Tat ein Kind schützt, ist auch die Kinderschutzstiftung Hänsel + Gretel seit Jahren mit im Boot. Sie übernimmt nun auch die Therapie von potenziellen Tätern in Sachsen. Sie integriert verhaltenstherapeutische und sexualmedizinische Ansätze, die die Möglichkeit einer medikamentösen Unterstützung beinhalten. Das Motto der begleitenden Öffentlichkeitskampagne lautet: »Damit aus Fantasien keine Taten werden!« Professor Alexander erklärt: »Betroffene Männer sollen die Botschaft erhalten: Du bist nicht schuld an Deinen sexuellen Gefühlen, aber Du bist verantwortlich für Dein sexuelles Verhalten! Es gibt Hilfe! Werde kein Täter!« Jens Wagner www.kein-taeter-werden.de Telefonhotline: 0341 97-23958

Nachwuchsforscher trafen Nobelpreisträger am Bodensee

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ducate. Inspire. Connect« – unter diesem Motto finden seit über 60 Jahren die Nobelpreisträgertreffen in Lindau statt. Vom 26. Juni bis 1. Juli 2011 trafen sich 23 Nobelpreisträger und 566 junge Forscher aus 77 Ländern in der Stadt am Bodensee. In diesem Jahr widmete sich das Treffen den Themen Medizin und Physiologie. Die Tradition wurde 1950 von zwei Lindauer Ärzten ins Leben gerufen, um Kollegen nach den Kriegsjahren einen Wiedereinstieg in die Forschung zu ermöglichen. Vom Grafen Lennart Bernadotte unterstützt, entwickelte sich ihr Vorhaben zu einem weltbekannten Forum für den Wissensaustausch zwischen Nobelpreisträgern und jungen Wissenschaftlern. Im Mittelpunkt des 61. Nobelpreisträgertreffens stand die Weltgesundheit, die auch ein wichtiges Anliegen der Bill-&Melinda-Gates-Stiftung ist. Deshalb wurde der Microsoft- und Stiftungsmitgründer Gates bei der Eröffnungszeremonie in den Ehrensenat der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen aufgenommen. Auf dem Programm standen wissenschaftliche Vorträge der Nobelpreisträger. Es wurden Entdeckungen und Erfindungen vorgestellt, die heute aus dem wissenschaftlichen Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Oliver Smithies beispielsweise stellte anschaulich seinen Laboralltag anhand seiner auch für ihn heute kaum noch zu entziffernden Laborbucheinträge dar. Ada E. Yonath sowie Thomas A. Steitz berichteten, wie die Aufklärung der Struktur des Ribosoms zum Verständnis der Wirkweise di-

verser Antibiotika beitrug, auf deren Basis diese Medikamente auch heute noch verbessert werden. Den Abschluss dieser Vortragsreihe bildete Christian de Duve mit dem Appell an sein junges Publikum, der Bedrohung des Weltfriedens durch Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit ins Auge zu sehen und dieser Gefahr entschlossen entgegen zu wirken. Später gab es die Gelegenheit, die Vortragenden individuell in lockerer Runde kennen zu lernen. Dort wurde »off the record« gefragt und diskutiert. Die Senior Scientists gaben viele persönliche Erfahrungen und Anekdoten an ihre Kollegen weiter. Im Rahmenprogramm berichtete Nobelpreisträger Peter Agre über die Entwicklungen der Malariaforschung. Dazu waren neben den Teilnehmern auch Lindauer Bürger geladen. Diese Veranstaltungen boten Gelegenheiten, Preisträger sowie viele Nachwuchswissenschaftler und Studenten in entspannter Atmosphäre zu treffen. Auch nutzten viele Teilnehmer die Chance, sich die Insel Lindau anzusehen. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal herzlich bei der Leipziger Vertrauensdozentin für das Organisationskomitee der Lindauer Nobelpreisträgertagungen (Chemie), Frau Prof. Evamarie Hey-Hawkins, bedanken, dass sie uns für die Teilnahme vorgeschlagen hat. Es war eine wissenschaftlich und persönlich bereichernde Woche. Carolin Wagner (Doktorandin; physikalische Fakultät) und Dr. John Heiker (Post Doc; Department für Innere Medizin)

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Technologiegründerfonds Sachsen finanziert Anbieter für e-Vorlesungen Die Lecturio GmbH, eine Ausgründung der Handelshochschule (HHL), ist ein Internetdienstleister, der sich auf die interaktive Bereitstellung von audiovisuellen Lehrveranstaltungen fokussiert. Dazu werden Hochschulvorlesungen, spezielle Trainings und Expertenvorträge aufgezeichnet und als Wissenspool für Unternehmen, Studenten und Autodidakten in Form von orts- und zeitunabhängigen e-Vorlesungen auf der Plattform www.lecturio.de zur Verfügung gestellt. Angeboten werden neben einer Vielzahl kostenfreier Vorlesungen auch umfangreiche Repetitoren der Wirtschaftswissenschaften (Lecturio-WiWi), Medizin (Lecturio-Med) und Rechtswissenschaften (Lecturio-Law). Letztere können entweder einzeln oder als Paket erworben werden. Im Bereich Medizin und Jura sind jeweils Vorbereitungskurse für das 1. und 2. Staatsexamen (bzw. Physikum und Hammerexamen) verfügbar. Weitere Bereiche werden in den nächsten Jahren sukzessive erschlossen. Daneben bietet Lecturio auch einer Reihe von Unternehmen und Hochschulen eine Softwarelösung an, um e-Vorlesungen selbst zu erstellen und eigenen Mitarbeitern oder Kunden verfügbar zu machen – beispielsweise als Weiterbildung oder Ergänzung eines bestehenden Seminarangebots. Die Mittel zum Aufbau des Unternehmens stammen vom Technologiegründerfonds Sachsen (TGFS), der seit 2008 an Lecturio beteiligt ist. Der Einstieg des TGFS ermöglichte die Entwicklung

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Lecturio bietet den Lesern des Leipziger Universitätsjournals mit dem beigefügten Coupon einen Rabatt auf Repetitorien im Bereich Medizin an.

Daniel Hübner Ansprechpartner TGFS im Wirtschaftsraum Leipzig

des Portals, der dahinter liegenden Systemarchitektur und die Akquise und Erstellung der mittlerweile über 3.000 Stunden eVorlesungen. Der Technologiegründerfonds Sachsen, ein Wagniskapitalfonds, dessen Mittel vom Freistaat Sachsen, den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und von regionalen Sparkassen Sachsens stammen, investiert mit einem Gesamtvolumen von 60 Mio. EUR in Unternehmensgründungen und junge Unternehmen aus dem Hochtechnologiebereich. Ansprechpartner: Daniel Hübner [email protected] www.tgfs.de

KURz GEFASST Die Landesrektorenkonferenz (LRK) hat Prof. Beate A. Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, zur neuen Vorsitzenden gewählt. Die sächsische Rektorenkonferenz könne die inhaltliche Diskussion zur Hochschulentwicklung in Sachsen hochschulübergreifend führen und somit gemeinsame Interessen vertreten, so Schücking. Zum 1. Dezember löste sie den bisherigen LRK-Vorsitzenden, Prof. Dr.Klaus-Jürgen Matthes von der TU Chemnitz, ab. Pirmin Stekeler-Weithofer, Professor für Theoretische Philosophie, wurde erneut zum Präsidenten der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (SAW) gewählt. Er ist seit 1998 Ordentliches Mitglied der Philologischhistorischen Klasse der SAW und wurde im Dezember 2008 erstmals Präsident der SAW. Zum neuen Sekretar der Philologisch-historischen Klasse wurde Prof. Wolfgang Huschner vom Historischen Seminar gewählt. Stellvertretender Sekretar wird Prof. Hans-Ulrich Schmid vom Institut für Germanistik. Beide treten ihr Amt zum 01. Januar 2012 an.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat Prof. Stefan Troebst vom Institut für Slawistik/ GWZO Mittel zur Durchführung des Forschungsvorhabens »Heroischer Nationalismus: Der sudetendeutsche ,Kameradschaftsbund‘ in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und die Konstruktion sudetendeutscher Identität« bewilligt. Das Projekt wird von Wilfried Jilge M. A. koordiniert. Überdies hat der Präsident des Sächsischen Landtages, Dr. Matthias Rößler, Troebst in das Kuratorium des neu gegründeten »Forum Mitteleuropa beim Sächsischen Landtag« berufen. Den Human-Factors-Preis 2011 und damit 10.000 US-Dollar Forschungsgelder hat ein Team aus Ärzten und Forschern der TU Berlin und der Universität Leipzig für eine Studie erhalten, die erstmals detailliert die Vorteile und den Nutzen der navigierten Chirurgie untersucht. Beteiligte der Leipziger Medizinischen Fakultät waren Prof. Andreas Dietz, Direktor

der HNO-Klinik, Prof. Jürgen Meixensberger, Direktor der Klinik für Neurochirurgie, Prof. Gero Strauss, Leiter der Gruppe Medizintechnik, und Stefan Müller, in der Facharztausbildung zum HNO-Chirurg. Prof. Wieland Kiess, Direktor der Uniklinik für Kinder und Jugendliche, ist zum Präsidenten der Europäischen Gesellschaft für Pädiatrische Endokrinologie (ESPE) gewählt worden. Anlässlich dessen wird die Fachgesellschaft im September 2012 in Leipzig tagen. Erwartet werden rund 3.000 Teilnehmer aus 90 Nationen.

Die weltweit größte Fachgesellschaft der bariatrischen Chirurgie, die American Society for Metabolic and Bariatric Surgery, hat Prof. Edward Shang vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen als ersten Europäer zum International Fellow ernannt. Seit 1983 fördert die Gesellschaft die Forschung, Behandlung und Fortbildung in der bariatrischen Chirurgie, den wissenschaftlichen Austausch und Maßnahmen gegen Adipositas.

Der mit 600.000 US-Dollar dotierte Forschungspreis der James McDonnell Foundation wurde an PD Dr. med. Dorothee Saur, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Neurologie, verliehen. Der Preis ist nicht nur eine Anerkennung ihrer hochrangigen Arbeit im Bereich der Reorganisation und Plastizität bei Patienten mit Aphasie nach einem Schlaganfall. Ihr Projekt »Funktion, Dysfunktion and Reparatur von Sprachnetzwerken« wird außerdem für bis zu sechs Jahre gefördert.

Fünf Absolventen der Technischen Chemie, Verfahrenstechnik und Biotechnologie wurden im September mit den DECHEMA-Studentenpreisen ausgezeichnet. Damit werden hervorragende fachliche Leistungen bei kurzer Studiendauer gewürdigt. In der Technischen Chemie legte Dipl.-Chem. Björn Reinhard mit der Herstellung neuer poröser Sintermaterialien die Grundlage für

die Entwicklung einer neuen Materialklasse für Katalyse, Sensorik oder biologische Prozesse. Prof. Dietger Niederwieser, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie des Universitätsklinikums, wurde zum Ehrenmitglied der Austrotransplant, der österreichischen Gesellschaft für Transplantation, Transfusion und Genetik, ernannt. Anfang der 1990er Jahre stand Niederwieser der weltweit renommierten Wissenschaftsvereinigung selbst vor. Seit 1998 hier, hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Leipzig zu einer international beachteten Einrichtung, sowohl bei der Behandlung als auch der Forschung, entwickelt hat.

Seit Juni 2011 und bis Ende 2012 arbeitet Prof. Handan Arkin-Olgar von der Ankara University dank eines HumboldtForschungsstipendiums für erfahrene Wissenschaftler in der AG von Prof. Wolfhard Janke vom Institut für Theoretische Physik. PD Dr. Stefan Hallermann, Carl-Ludwig-Institut für Physiologie, wird im Rahmen des Heisenberg-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 900.000 Euro gefördert. In den letzten Jahren hat er die schnelle Informationsverarbeitung in unserem Gehirn untersucht und sich dabei auf die hochfrequente Kommunikation zwischen Nervenzellen konzentriert. Seit November 2011 leitet er eine Arbeitsgruppe am European Neuroscience Institut in Göttingen.

Bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Namenkunde e. V. wurde ihr Gründer und langjähriger Vorsitzender, der Slavist Prof. Ernst Eichler, verabschiedet. Der Romanist Prof. Dieter Kremer (Leipzig) und der Germanist Prof. Albrecht Greule (Regensburg) wurden als neue Vorsitzende gewählt. Der Leipziger Universitätsverlag präsentierte zudem das von Prof. Karlheinz Hengst und Dr. Dietlind Kremer (Institut für Slavistik) edierte Handbuch »Familiennamen aus fremden Sprachen im Deutschen«. journal Universität Leipzig 6/2011

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personalia Titelthema

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eit dem 1. Oktober hat Prof. Dr. med. vet. habil. Peggy Gabriele Braun die Professur für Lebensmittelhygiene und Verbraucherschutz der Veterinärmedizinischen Fakultät inne. Insbesondere beschäftigt sich die gleichzeitige Direktorin des Instituts für Lebensmittelhygiene mit der Mikrobiologie und Technologie von Lebensmitteln tierischen Ursprungs. »Ich möchte mich dabei weiterhin für eine moderne, ambitionierte Lehre und Fortbildung einsetzen, um die Nachwuchsgewinnung im Bereich Veterinary Public Health zu sichern«, so die Tiermedizinerin. Durch Studierendenaustausch, die Bearbeitung von Verbundprojekten und die Etablierung des Forschungsschwerpunktes »Alternative Technologien-Lebensmittelmikrobiologie« will sie zudem die (inter-)nationale Vernetzung ihrer Fakultät erhöhen. Nach ihrem Studium an der Universität Leipzig promovierte die heute 43-Jährige hier im Jahr 1995, es folgte die Habilitation mit Erhalt des Wissenschaftspreises im Jahr 2003. Danach

wurde die vorherige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Veterinärmedizin zur Hochschuldozentin für Milchkunde am Institut für Lebensmittelhygiene bestellt. Schon seit den frühen 90ern blickt Braun auf zahlreiche Aufenthalte an Universitäten und bei Organisationen im In- und Ausland zurück. Nach Stationen in Europa, den USA, Kanada und dem Ruf an die LMU München kehrte sie stets gern an ihre Heimatuniversität zurück und erklärt warum: »Leipzig schätze ich als Messe-, Handels- und Kulturstadt und unsere Universität verbindet Tradition mit moderner Lehre. Die Veterinärmedizinische Fakultät ermöglicht mit einem Campus, auf dem nahezu alle Institute und Kliniken lokalisiert sind, zudem eine enge Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen.« Neben Forschung und Dienstleistung hat für die Professorin auch künftig die Arbeit mit den Studierenden Priorität: »Ich möchte sie auf die Tätigkeiten in unserem Bereich vorbereiten und dabei das Wissen über Urproduktion, Herstel-

oger Berger hat sich seinen Optimismus bewahrt, blickt allerdings sehr realistisch auf die Welt. Der Soziologe kennt die Abgründe menschlicher Charaktere, denn soziale Dilemmata – die schweren Entscheidungen zwischen Moral und Egoismus – stehen im Mittelpunkt seiner Forschungen. Der sympathische Schweizer befasst sich unter anderem mit dem Verhalten von Menschen in brisanten Momenten: Wie reagiert der Mensch, wenn er die Möglichkeit hat, sich anonym auf Kosten eines anderen zu bereichern? Der Professor testet Probanden unter anderem in dieser Situation. »Der Fokus meiner Forschungen ist ganz klar das reale Verhalten«, sagt der 42-Jährige, der seit Anfang Oktober als neu berufener Professor am Institut für Soziologie der Universität Leipzig tätig ist. Berger betreibt soziologische Grundlagenforschung. Meist geht es dabei um das Kooperationsverhalten von Menschen in Verlustsituationen und die Frage, ob sie sich von ihrem Gegenüber ausnutzen lassen oder selbst den anderen ausnut-

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Foto: Randy Kühn

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prof. Dr. roger Berger

zen. »Ich denke, die meisten verhalten sich oft nur dann moralisch, wenn ihnen mögliche Sanktionen drohen«, berichtet er von den Ergebnissen seiner zahlreichen sozialen Experimente. Erfahrungen damit hat der Vater dreier Kinder bereits an mehreren Stationen seiner beruflichen Laufbahn gesammelt. Leipzig ist für den Soziologen kein Neu-

Foto: privat

Neu berufen

prof. Dr. peggy Gabriele Braun lung der Produkte bis zum Verzehr von Lebensmitteln tierischen Ursprungs verzahnen.« Für aktuelle Probleme wie Lebensmittelinfektionen, Tierschutzaspekte, die Wertschöpfung von Lebensmitteln oder Übergewicht beim Menschen möchte die in Plauen geborene Wissenschaftlerin ebenfalls sensibilisieren. KH

land. Bereits 1996 kam er als Student hierher, um ein Semester an der Alma mater zu studieren, bevor er ein Jahr später sein Studium an der Universität Bern abschloss. Wenig später bekam er eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte, auf zwei Jahre befristete Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie in Leipzig. Hier schloss Berger im Juli 2003 auch sein Promotionsstudium ab. Als sein einstiger Mentor, Prof. Norman Braun, von Bern nach München an die Ludwig-Maximilians-Universität berufen wurde, folgte Berger ihm und wurde dessen Assistent. Bei Braun habilitierte er auch im Juli 2010. Immer wieder zog es den Schweizer – auch aus privaten Gründen – nach Leipzig. Im April dieses Jahres übernahm er die Lehrstuhlvertretung für Soziologie und Methodenlehre an der Universität Leipzig und ein halbes Jahr später die Professur. Um sich fit zu halten, boxt Berger regelmäßig und spielt Fußball. SH

n Deutschland ist die Zahl der Organspender zu niedrig im Vergleich zur langen Warteliste für Lebertransplantationen. Da eine Leberzelle im Kleinen kann, was die Leber als Großes leistet – warum also nicht gesunde Leberzellen in ein geschädigtes Organ hinein geben? Das Problem: Leberzellen kann man nicht wie aus Knochenmark entnehmen, züchten und einsetzen. Die Lösung: Adulte (nicht embryonale) Stammzellen aus dem Knochenmark oder aus Fettgewebe werden kultiviert, zu leberähnlichen Zellen umgepolt und für die Transplantation genutzt. Die Hoffnung ist, dass sie im Patienten ihre volle Funktionalität entfalten, denn in Tierstudien sind die Ergebnisse bereits vielversprechend. Das Ganze nennt sich Hepatozytentransplantation. An dieser Stelle kommt Prof. Bruno Christ in Spiel. Seit 2002 hat er sich auf dieses Forschungsgebiet spezialisiert. Der 55-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf im Westerwald. Nach dem Biologiestudium in Bonn und der Promotion im Bereich Hormonphysiologie

Foto: privat

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prof. Dr. Bruno christ

führte ihn sein Weg über Göttingen und die Habilitation im Fach Biochemie dann über Kopenhagen und Berlin nach Halle/ Saale. Neun Jahre lang hat er dort eine klinische sogenannte Phase I-Studie mit vorbereitet und betreut sie noch heute. Nach Leipzig führte ihn die Professur für Angewandte Molekulare Hepatologie in der Klinik für Visceral-, Transplanta-

tions-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Hier sollen neue Möglichkeiten der Zellapplikation und Indikationen für die individualisierte Zelltherapie bei Lebererkrankungen entwickelt werden. Wie kommt ein Biologe zur Medizin? Begonnen hatte alles mit Flusskrebsen. Christ suchte nach Organstrukturen und molekularen Wirkungsketten, die evolutionär zum Menschen hin führen. Danach fiel sein Interesse auf bestimmte Leberproteine, was die Tür von der Zoophysiologie in die medizinische Biochemie öffnete. Seit Mai 2011 ist er an der Universität Leipzig. Zeit, die BiologieFachkollegen zu besuchen, hatte er allerdings noch nicht. Dafür ist er an zu vielen Stellen gefragt: Bei seinen Forschungsprojekten sowie am familiären Lebensmittelpunkt noch in Göttingen. Und dann sind da auch noch die »Saitenschneider« – 4 Männer mit akustischen Gitarren, die semiprofessionell, aber mit Lust und Laune Songs und Schnulzen aus den 60er- bis 90er-Jahren spielen. DS

Nachruf für Prof. Dr. rer. nat. habil. Siegfried Hauptmann

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m 18. April 2011 verstarb der Chemiker Prof. Siegfried Hauptmann nach schwerer Krankheit kurz vor seinem 80. Geburtstag. Geboren am 23. April 1931 in Dürrhennersdorf in der Oberlausitz besuchte er die Oberschule in Löbau, schloss diese 1950 mit dem Abitur ab und begann anschließend mit dem Chemiestudium an der Universität Leipzig. Auf das Diplom 1955 folgte 1958 die Promotion bei Wilhelm Treibs. Im Jahre 1961 habilitierte er sich für Organische Chemie und wurde zum Dozenten ernannt. Es folgten 1964 die Ernennung zum Professor mit Lehrauftrag und 1969 die Berufung zum ordentlichen Professor für Organische Chemie. Seine Forschungsarbeiten sind in knapp 100 Publikationen und 25 Patenten dokumentiert. Vielen Generationen wird Hauptmann als hervorragender Hochschullehrer in Erinnerung bleiben. Konzentration auf das Wesentliche und die Kunst, Kom-

pliziertes anschaulich zu vermitteln, waren sein Gütezeichen. Dabei stellte er stets das Experiment in den Mittelpunkt und entwickelte neue Versuche zur Demonstration chemischer Sachverhalte. National und international bekannt wurde er insbesondere als Verfasser oder Mitverfasser von insgesamt elf Lehrbüchern in fast 30 Auflagen im Inund Ausland. Hervorzuheben sind die Editionen »Organische Chemie« – ein Standardwerk im deutschsprachigen Raum, »Struktur und Reaktion in der Chemie«, »Stereochemie«, »The Chemistry of Heterocycles« sowie »Starthilfe Chemie« für Nebenfächler.

Seine Kollegialität, gepaart mit Weitsicht und organisatorischem Talent, führte Hauptmann in verantwortungsvolle Funktionen der akademischen Selbstverwaltung. So leitete er von 1968 bis 1972 die neu gegründete Sektion Chemie, zwischen 1973 und 1980 wirkte er als Prorektor für Naturwissenschaften. Er pflegte intensive wissenschaftliche Kontakte im In- und Ausland. Hervorgehoben seien besonders die zu Südamerika. Von der Universität Potosi in Bolivien erhielt er die Würde eines Ehrenprofessors. Ab 1990 verwaltete er für zwei Semester eine C4-Professorenstelle an der Georg-August-Universität in Göttingen. Die Universität verliert einen verdienstvollen, hochgeschätzten Wissenschaftler, einen vielseitig gebildeten und zutiefst humanistisch geprägten Menschen, der stets in ehrendem Gedenken bewahrt bleiben wird. Horst Wilde, Christian Richter

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