Gebietsverluste, Flucht und Vertreibung

April 24, 2018 | Author: Arwed Blau | Category: N/A
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1 Ute Schmidt Forschungsverbund SED-Staat Gebietsverluste, Flucht und Vertreibung Der vom nationalsozialistischen Deutsc...

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Ute Schmidt Forschungsverbund SED-Staat

Gebietsverluste, Flucht und Vertreibung

Der vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg hat

rund

sechzig

Millionen

Menschen



entweder

in

militärischen

Kampfhandlungen oder als Zivilisten – das Leben gekostet. Unter den Toten waren, neueren Berechnungen zufolge, über 25 Millionen Sowjetbürger sowie etwa sechs Millionen Juden (darunter rund eine Million aus der Sowjetunion), die dem industriellen Massenmord in den Konzentrationslagern oder den Mordaktionen der Polizeibataillone und des Sicherheitsdienstes der SS in Osteuropa

zum

Opfer

gefallen

sind.

Auch

Polen

hat

unter

der

nationalsozialistischen Besatzungs- und Germanisierungspolitik schwer gelitten. Diese Gewaltpolitik mit ihrer Rassenideologie, ihrem Expansionsdrang und besonders dem Vernichtungskrieg im Osten schlug gegen Kriegsende und nach der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 auf Deutschland zurück.

Gebietsverluste In den Konferenzen der «Großen Drei» über die Gestaltung der künftigen Nachkriegsordnung verständigten sich die Westalliierten mit Stalin über die strittigen Grenz- und Reparationsfragen auf Kosten Deutschlands: – Stalin hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass für die UdSSR ein Verzicht auf die infolge des Hitler-Stalinpakts (August/September 1939) gewonnenen Gebiete in Ostpolen nicht in Frage kam. Der sowjetische Anspruch wurde von Roosevelt und Churchill auf der Kriegskonferenz in Teheran (November 1943) faktisch akzeptiert, ebenso eine territoriale Entschädigung Polens für die verlorenen Gebiete im Osten durch eine «Westverschiebung»,

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allerdings ohne konkrete Festlegung der zukünftigen deutsch-polnischen Grenze. – In Jalta (Februar 1945) wurde die leicht modifizierte Curzon-Linie als neue Ostgrenze Nachkriegspolens formell bestätigt. Dafür sollte Polen im Norden und Westen beträchtliche Gebietszuwächse auf Kosten Deutschlands erhalten. – Auf der Dreimächte-Konferenz in Potsdam (August 1945) wurde die neue deutsch-polnische Grenze faktisch festgelegt. Die Forderungen waren inzwischen hochgeschraubt worden, so dass nun die «früher deutschen Gebiete» östlich der Oder und der westlichen Neiße sowie die frühere Freie Stadt Danzig unter polnische Verwaltung gestellt werden sollten. Die Verwaltung NordOstpreußens mit Königsberg behielt sich die sowjetische Seite selbst vor. Wie diese Entscheidungsprozesse im Einzelnen abgelaufen sind, wäre anhand neu erschlossener russischer Quellen noch weiter zu erforschen. Wenngleich die endgültige Festlegung der polnischen Westgrenze einer späteren Friedenskonferenz vorbehalten blieb, so bedeutete der Beschluss, die deutsche Bevölkerung «aus Polen» auszuweisen, doch eine materielle Festschreibung – ein Präjudiz, das später nicht mehr revidierbar sein sollte. Bereits im Februar/März 1945 hatte die Provisorische Regierung der Polnischen Republik im Einverständnis mit Stalin Tatsachen geschaffen: In den fünf neu gebildeten Woiwodschaften Masuren, Pommern, Oberschlesien, Niederschlesien und

Danzig

wurden

polnische

Verwaltungen

eingesetzt

und

die

«wiedergewonnenen Westgebiete» faktisch in Besitz genommen. (Im Görlitzer Vertrag erkannte die DDR am 6.7.1950 die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze

an.

Die

Anerkennung

des

Gebietsverlustes

seitens

der

Bundesrepublik Deutschland war 1990 eine der wesentlichen Voraussetzungen für die deutsche Neuvereinigung.)

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Auch im Westen gab es Gebietsabtretungen: Das Saarland wurde aus dem Vier-Zonen-Deutschland herausgetrennt und schrittweise in eine Währungs- und Zolleinheit mit Frankreich überführt. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde das Saarland in zwei Etappen mit der Bundesrepublik Deutschland vereinigt. Frankreich erhielt dafür ökonomische Kompensationen. Die Gebietsverluste Deutschlands nach 1945 betrugen ca. ein Drittel des Gebiets

des

Deutschen

Reiches

in

den

Grenzen

von

1937.

Nachkriegsdeutschland umfasste 1949 ein Gebiet von 375.470 qkm mit einer Bevölkerung von 66,2 Millionen Menschen. Was den Wert der 1945 abgetrennten deutschen Ostgebiete inklusive ihrer Produktionsanlagen und Infrastruktur betrifft, so liegen hierzu bisher keine genauen Angaben vor. (Schätzungen dazu tauchten erst vor kurzem anlässlich geplanter Rückübertragungsklagen aus Kreisen von Vertriebenen [«Preußische Treuhand»] sowie über eventuelle polnische Reparationsforderungen wieder auf.) «Ausweisung», «Entmischung», «Bevölkerungstransfer» Auf der Dreimächtekonferenz in Potsdam wurde sowohl die Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches (Schlesien, Pommern, Danzig, West- und Ostpreußen oder Ostbrandenburg) als auch aus den deutschen Minderheitsgebieten der Tschechoslowakei und Ungarns beschlossen. Als Vorbild für die zwangsweise Massenumsiedlung diente den Westmächten der im Vertrag von Lausanne (1923) sanktionierte griechisch-türkische «Bevölkerungsaustausch», der trotz der Härten für die Betroffenen als Erfolgsmodell galt. Grundidee war, dass durch die «Entmischung» historisch gewachsener Gemengelagen in Ostmittel- und Südosteuropa und die Schaffung ethnisch-homogener Staaten schwelende Minderheitskonflikte beseitigt und damit der Frieden in diesen Regionen gesichert werden könne. Nicht vergessen war auch, dass die Nationalsozialisten 3

1939/40 selbst groß angelegte Aus- und Umsiedlungsaktionen in Osteuropa durchgeführt

hatten.

Seitens

der

Westalliierten

vorhandene

Bedenken

hinsichtlich eines Bevölkerungstransfers solch gigantischen Ausmaßes betrafen weniger

prinzipielle

Durchführbarkeit

als

oder

praktische die

Probleme

zu

(wie

erwartenden

die

Frage

Folgen

der dieser

Bevölkerungsverschiebung für die Aufnahmeländer in den westlichen Besatzungszonen). Churchill machte kein Hehl daraus, dass «reiner Tisch» mit den

Deutschen

gemacht

werden

solle.

Aus

seiner

Optik

war

die

Massenvertreibung eine unschöne, aber unvermeidliche Begleiterscheinung der Neuordnung Europas nach 1945. Trotz amerikanischer Vorbehalte gegen eine pauschale Massenvertreibung waren in Jalta jedoch keine Garantien für eine geordnete, humane, begrenzte und international überwachte Aussiedlung der deutschen Bevölkerung ausgehandelt worden. Mit der radikalen und brutalen Austreibung aller Deutschen aus ihren Heimatländern in Ostmitteleuropa wurde dieser Teil der deutschen Bevölkerung kollektiv, unabhängig von individuellem Verhalten oder persönlicher Schuld, für die

Verbrechen

des

NS-Regimes

haftbar

gemacht.

Ganze

deutsche

Minderheitsgruppen wurden komplett zur «Fünften Kolonne» Hitlers erklärt. Dass damit vielen Unschuldigen Unrecht getan wurde, zeigt das Beispiel vieler sudetendeutscher Sozialdemokraten und Kommunisten, die selbst aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet hatten und 1945 dennoch als Deutsche der nationalistisch aufgeheizten Vergeltung ausgesetzt waren. Erst sechzig Jahre nach Kriegsende fand sich die tschechische Regierung zu einer symbolischen Geste bereit, indem sie diesen Personen ihre Anerkennung aussprach und sich für die ihnen zugefügten Repressalien, für Internierung und Austreibung entschuldigte. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.8.05).

Flucht, Vertreibung, Deportation und Internierung

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Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmittel- und Südosteuropa am Ende des Zweiten Weltkrieges ist die größte «ethnische Säuberung» in der neueren europäischen Geschichte: Es war ein Prozess gewaltigen Ausmaßes, der sich über mehrere Jahre erstreckte und – je nach Region – in verschiedenen Phasen und Formen verlief (z.B. Flucht vor der Roten Armee, «wilde Vertreibungen», Ausweisung, Deportation, Internierung). Betroffen waren 15 bis16 Millionen Deutsche; rund 2 Millionen von ihnen kamen dabei ums Leben. Gut 9 Millionen stammten aus den deutschen Ostgebieten – unter ihnen viele Evakuierte, vor allem Frauen und Kinder, die aus den zerbombten Städten in Westdeutschland in den vermeintlich sicheren Osten gebracht worden waren –, 3,5 Millionen aus der Tschechoslowakei, 1,5 Millionen aus Südosteuropa und knapp 400.000 aus Danzig. Hunderttausende deutsche Zivilisten – darunter viele Frauen und Mädchen – wurden 1944/45 aus den Ostprovinzen des Deutschen Reiches sowie aus den Minderheitsgebieten in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien als «lebende Reparationen» oft für Jahre zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager abtransportiert. Mindestens ein Drittel von ihnen hat die Strapazen der Deportation nicht überlebt. Auch in Polen, Jugoslawien und der Tschechoslowakei gab es zahlreiche Arbeits- und Internierungslager, in denen Deutsche «interniert» waren. Das Schicksal der deutschen Zivilverschleppten – in der sowjetischen Terminologie «Mobilisierte Internierte» – ist von der deutschen Zeitgeschichtsforschung bisher kaum wahrgenommen worden. Auf diesem Gebiet sind weitere systematische und vergleichende Forschungen notwendig, die in Kooperation mit russischen Historikern und auf der Basis neu erschlossener deutscher und russischer Quellen durchgeführt werden müssten. (Das Leben in den polnischen Internierungslagern ist bisher ebenfalls noch kaum erforscht.) Ein schwieriges Kapitel sind auch die Massenvergewaltigungen am Ende des Krieges. Wie viele deutsche Frauen durch sowjetische, polnische oder 5

andere Soldaten und Milizionäre vergewaltigt wurden, wird wohl nie geklärt werden können. Für ganz Deutschland haben Forscherinnen eine Zahl von bis zu zwei

Millionen

ermittelt.

Den

größten

Anteil

daran

haben

die

Vertreibungsgebiete Ostpreußen, Ostbrandenburg, Pommern und Schlesien mit etwa 1,4 Millionen, davon 13 Prozent mit Todesfolge. Trotz der Versuche der sowjetischen Militärführung, ihre Truppen zu disziplinieren, kam es auch in der sowjetischen Besatzungszone zu Vergewaltigungen größeren Ausmaßes. (Erklärt werden diese Übergriffe teilweise dadurch, dass die disziplinierten Einheiten der Roten Armee im Krieg aufgerieben oder nach Kriegsende zurückgezogen worden waren.) Integration der Flüchtlinge in der Bundesrepublik und in der SBZ/DDR Die wirtschaftlich-soziale, politische und kulturelle Integration von fast zehn Millionen Flüchtlingen zählt zu den großen Leistungen der alten Bundesrepublik. Eine anfangs befürchtete politische Radikalisierung blieb aus. Der «Mythos der schnellen Integration» im Zuge des wirtschaftlichen Aufbaus Westdeutschlands ist allerdings durch sozialstatistische Analysen widerlegt worden. Denn Flüchtlinge und Vertriebene haben im Unterschied zum Gros der Einheimischen erst deutlich später bzw. in den folgenden Generationen vom «Wirtschaftswunder» profitieren können. Diese Gruppe der so genannten «Neubürger» war zwar sozialstrukturell keineswegs homogen. Im Vergleich zum einheimischen Bevölkerungsanteil war sie aber bis Anfang der 1960er Jahre durch eine deutlich größere materielle Verarmung und beruflich-soziale Deklassierung gekennzeichnet. Trotz der insgesamt gelungenen Eingliederung darf nicht vergessen werden, dass die Verarbeitung der Erfahrungen bei Flucht und Vertreibung sowie der Probleme des Neubeginns für viele Betroffene und vor allem für die ältere Generation ein schwieriger Prozess war.

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Neuere Arbeiten auf dem Gebiet der Flüchtlingsforschung nehmen inzwischen stärker erfahrungsgeschichtliche Aspekte sowie die Optik der Kinder und Enkel der «Erlebnisgeneration» in den Blick. Die SBZ war bis 1949 Aufnahme- wie Transitgebiet für schier endlose Flüchtlingsströme. Insgesamt nahm sie 4,3 Millionen Menschen auf. In Mecklenburg waren z.B. mehr als die Hälfte der Einwohner Vertriebene aus den Ostgebieten. Trotzdem war das Thema «Flucht und Vertreibung» in der SBZ/DDR schon bald ein Tabu. Mit Rücksicht auf die Sowjetunion und die anderen «Bruderländer» durften hier die Methoden der Ausweisung, Übergriffe der «Freunde» gegenüber der deutschen Bevölkerung oder die Erfahrung von Deportation und Zwangsarbeit nicht thematisiert werden. Die offizielle Negierung des gesamten Problems schlug sich auch im Sprachgebrauch nieder: Flüchtlinge und Vertriebene wurden als «Umsiedler» bezeichnet, bis auch dieser Begriff 1948/49 eliminiert und durch den des «Neubürgers» ersetzt wurde. Die besonderen Nöte und Probleme der Vertriebenen wurden wegdefiniert und in den Bereich der allgemeinen Sozialpolitik verwiesen. Zwar gab es partielle Eingliederungshilfen für die «Neubürger», und auch die Bodenreform sollte Flüchtlings-»Neubauern» eine neue Existenz ermöglichen. Dieser Prozess wurde jedoch durch die Zwangskollektivierung in den 1950er Jahren wieder abgebrochen. Jene Flüchtlingsfamilien, die nicht in nach Westdeutschland übergesiedelt waren, wurden vor allem durch die Arbeit in den DDR-Alltag integriert. Nach der deutschen Vereinigung zeigte sich freilich, dass sich in vielen Flüchtlingsgruppen

– unterhalb der Schwelle der verordneten

sozialistischen Integration – kulturelle Inseln und besondere Milieus erhalten haben. Seit 1989/90 treffen in der Ex-DDR die «private» und die «öffentlich erzählte» Geschichte wieder zusammen, was sich z.B. an der Aufmerksamkeit zeigte, mit der sich die Medien in den neuen Bundesländern des Themas von Flucht und Vertreibung annahmen.

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Nach 1949 wurde die große Bevölkerungsgruppe der Flüchtlinge und Vertriebenen in den amtlichen DDR-Statistiken nicht mehr gesondert erfasst, wodurch systematische, sozialstatistisch unterlegte Forschungen zur Integration der Vertriebenen in der DDR bis heute erschwert sind. Forschungen auf diesem Gebiet waren in der DDR ohnehin nur unter Einhaltung politischer Vorgaben, mit eingeschränkter Fragestellung und auf einer sehr begrenzten Archiv- und Quellenbasis möglich. Erst seit dem Zusammenbruch der DDR sind die Voraussetzungen für eine Flüchtlingsforschung gegeben, die mit modernen sozialwissenschaftlichen Methoden und vergleichender Perspektive arbeitet. Dennoch besteht auf diesem jahrzehntelang vernachlässigten Forschungsfeld noch immer ein großer Nachholbedarf.

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