Für das Volk ist das Essen der Himmel

September 4, 2017 | Author: Angela Kneller | Category: N/A
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1 Für das Volk ist das Essen der Himmel Essen und Trinken bei chinesisch-deutschen Geschäftsessen als Medium m...

Description

„Für das Volk ist das Essen der Himmel“ Essen und Trinken bei chinesisch-deutschen Geschäftsessen als Medium moderner kultureller Selbstinszenierung chinesischer Gastgeber

(Restaurant Zhong Guo Gong She in Qingdao, Foto: Verfasser)

Der vorliegende Artikel basiert auf einer Masterarbeit, die der Verfasser 2010 am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg geschrieben hat.

Weihua LI

Am Bergsteig 10 81541 München

[email protected] +49 (0)176 6257 4325

III

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis.................................................................................................................................. III Abkürzungsverzeichnis........................................................................................................................VII 1.

Einleitung ..........................................................................................................................................1 1.1. „Für das Volk ist das Essen der Himmel“ ................................................................................1 1.2. Zielsetzung der Arbeit ................................................................................................................5 1.3. Quellen und Methoden...............................................................................................................5

2.

Essen und Trinken als kultureller Handlungsrahmen ..................................................................7 2.1. Nahrung – „nicht nur Hungerstiller“ .......................................................................................7 2.2. Essen und Trinken als kulturelles System ................................................................................8 2.3. Tolksdorfs Modell zur strukturalistischen Nahrungsforschung...........................................10

2.3.1.

Nahrungsmittel ....................................................................................................................12

2.3.2.

Kulturelle Technik ...............................................................................................................14

2.3.3.

Soziale Situation – Zeit und Raum ......................................................................................14

2.4. Zur Rahmenbedingung des Arbeitsthemas ............................................................................15 2.4.1.

Die Provinz Shandong .........................................................................................................16

2.4.2.

Die Shandong-Küche...........................................................................................................17

2.4.3.

Zeitliche Rahmenbedingung ................................................................................................21

2.4.4.

Situation Geschäftsessen......................................................................................................22

3.

Ablauf eines Geschäftessens ..........................................................................................................25 3.1. Vorbereitung .............................................................................................................................25

3.1.1.

Die Einladung ......................................................................................................................25

3.1.2.

Büffet versus „ à la carte“ ....................................................................................................25

3.1.3.

Auswahl des Restaurants .....................................................................................................26

3.1.4.

Séparée.................................................................................................................................26

3.1.5.

Runder Tisch versus langer Tisch ........................................................................................27

3.1.6.

Die Tischordnung.................................................................................................................28

IV

3.2. Bestellung .................................................................................................................................. 29 3.2.1.

Wer bestellt? ........................................................................................................................ 29

3.2.2.

Wird der Gast nach seinem Wunsch gefragt?...................................................................... 30

3.2.3.

Speisekarte versus „Speiseausstellung“............................................................................... 31

3.2.4.

Die Kunst des Bestellens..................................................................................................... 32

3.2.5.

„Entschuldigen Sie bitte für das bescheidene Essen!“ ........................................................ 34

3.2.6.

Quantität und Qualität ......................................................................................................... 34

3.3. Das Trinken von Alkohol ......................................................................................................... 36 3.3.1.

„Wie der Steuermann für die Seefahrt, ist das Alkoholtrinken für die Freundschaft!“ ....... 36

3.3.2.

„Bai Jiu“ - der chinesische Schnaps .................................................................................... 36

3.3.3.

Das Einschenken ................................................................................................................. 38

3.3.4.

Das Anstoßen - „Ganbei“ versus „Prost“ ............................................................................ 39

3.3.5.

Rhythmus des Trinkens ....................................................................................................... 39

3.3.6.

„Trinkt man mit einem gleichgesinnten Freund, so sind tausend Gläser Schnaps zu wenig!“ ......................................................................................................................................... 40

3.3.7.

Die Kunst des Ablehnens..................................................................................................... 41

3.4. Tischreden und Trinksprüche ................................................................................................. 43 3.5. Essstäbchen............................................................................................................................... 45 3.5.1.

Entstehung der Essstäbchen ................................................................................................ 45

3.5.2.

Essstäbchen als „harmonischer Transport“ von Nahrungsmitteln ....................................... 47

3.5.3.

Essstäbchenkultur – eine Kultur des ganzheitlichen Denkens............................................. 48

3.6. Das Essen................................................................................................................................... 50 3.6.1.

Wann und wie beginnt das Essen?....................................................................................... 50

3.6.2.

Nachlegen als Ausdruck der Gastfreundlichkeit.................................................................. 51

3.6.3.

Gesprächsthemen................................................................................................................. 52

3.6.4.

Symbolischer Charakter der Gerichte.................................................................................. 53

4.

Essen und Trinken als Medium kultureller Selbstinszenierung chinesischer Gastgeber ........ 57 4.1. Essen und Trinken als kontinuierlicher Träger der chinesischen kulturellen Identität..... 57

4.1.1.

Essen als Ausdruck des Nationalgefühls ............................................................................. 57

4.1.2.

Die historischen Grundzüge des nationalen Selbstbewusstseins......................................... 58

V

4.1.3.

Die Kulturbrüche Chinas .....................................................................................................60

4.1.4.

Essen und Trinken als kontinuierlicher Träger des nationalen Selbstbewusstseins.............62

4.2. Inszenierung des wir-orientierten Weltbildes und der damit verbundenen Werte.............66 4.2.1.

Die Wir-Orientierung beim Geschäftsessen in China ..........................................................66

4.2.2.

Der Fluss ist viel wichtiger als der Tropfen - Das wir-orientierte Weltbild in der chinesischen

Kultur 5.

..........................................................................................................................................69

Zusammenfassung und Ausblick ..................................................................................................71

Bibliographie ......................................................................................................................................... IX Abbildungsverzeichnis.......................................................................................................................... XI Tabellenverzeichnis ..............................................................................................................................XII

VII

Abkürzungsverzeichnis

Abb.

=

Abbildung

Aufl.

=

Auflage

bzw.

=

beziehungsweise

d.h.

=

das heißt

f.

=

folgende Seite/n

Hrsg.

=

Herausgeber

n. Chr.

=

nach Christus

Nr.

=

Nummer

S.

=

Seite

Tab.

=

Tabelle

u.a.

=

unter anderem

usw.

=

und so weiter

v.a.

=

vor allem

v. Chr.

=

vor Christus

Vgl.

=

Vergleich

vs.

=

versus

z.B.

=

zum Beispiel

z.T.

=

zum Teil

1

1. Einleitung 1.1. „Für das Volk ist das Essen der Himmel“1 Nichts ist einem Chinesen so wichtig wie das Essen. Nichts wird in China noch häufiger thematisiert als das Essen und Trinken. Nichts bereitet einem Chinesen mehr Freude als eine reichliche Mahlzeit. Nichts ist so kontinuierlich wie die chinesische Küche, die als roter Faden die ganze chinesische Kulturgeschichte durchzieht. Und auf nichts kann ein Chinese so stolz sein als auf die chinesische Kochkunst. „Als die Menschen noch in wärmenden Fellen und schützendem Schilfgeflecht durch die Gegend streunten, soll ein göttlicher Kaiser namens Fu Xi auf sie zugetreten sein und ihr Treiben geordnet haben. Er soll ihnen das Jagen mit Netzen und Reusen beigebracht haben. [...] Auf jene ordnende Ur-Gottheit folgte der göttliche Landmann Shen Nong, der um das Jahr 2800 v. Chr. gelebt haben soll. Er brachte die Jäger zur Ruhe, in dem er aus einem Holzstecken den ersten Pflug formte. [...] Bald nannten sie ihn Ackerbaugott, denn er soll ihnen auch das erste Rodungsfeuer entzündet haben.“2 Auf diese Volksüberlieferung lässt sich die gesamte Geschichte der chinesischen Esskultur zurückführen. Der Jagdgott „Fu Xi“ und der als der erste Agronom, Botaniker, Apotheker und Koch verehrte „Shen Nong“ sollen den Vorfahren der Chinesen die ersten Erfahrungen für den Umgang mit Nahrungsmitteln beigebracht haben, die sich von dem der Tiere unterschieden. Seit diesem Moment „kochten sie (chinesische Ur-Einwohner) sich Hirse in gebrannten Tontöpfen und schmeckten den faden Brei mit Salz ab.“ 3 Damit ist der Vorhang der über 5000 Jahre langen chinesischen Esskultur aufgezogen, die auch die gesamte chinesische volkskundliche Geschichte gesteuert und durchzogen hat.

1

Altes, heute noch allgemeinbekanntes chinesisches Sprichwort. Vgl. auch Zhao, 2009: „Für das Volk ist

das Essen der Himmel“ 2

Frank, 1992, S. 26

3

Frank, 1992, S. 26

2

Schon im Altertum wurde in China dem Essen eine zentrale Bedeutung eingeräumt. Die erste Landwirtschafts- und Kochenzyklopädie entstand bereits im Jahr 533 n. Chr.4 Die schriftliche Aufzeichnung der Rezepte war ein unübersehbares Zeichen, dass die kulturelle Stellung des Essens schon damals anerkannt worden ist. Das Essen genießt in China eine fast religiöse Stellung. Es ist mehr als Sattwerden und reines Lebensgefühl. „Für das Volk ist das Essen der Himmel“, lautet ein altes chinesisches Sprichwort. Jeder nur denkbare Versuch, die Bedeutung des Essens für Chinesen in einer noch kompakteren und noch bildhafteren Formulierungsart zu erläutern, würde hier vermutlich gleich scheitern. Dabei geht es nicht nur um die Tatsache, dass jeder Mensch von der Natur her essen und trinken muss, um weiter als Mensch existieren zu können. Viel interessanter sind für uns die kulturellen und sozialen Wertigkeiten des Essens, die als das „Unsichtbare“ hinter dem Spruch stecken. Wissenswert ist in diesem Zusammenhang: „Die Verehrung des Himmels war (in der früheren Zeit) ausschließliches Privileg des Kaisers. Der Kaiser gilt als der ‚Sohn des Himmels’, der Himmel aber der Beschützer des Thrones und des kaiserlichen Hauses.“5 In der Zeit, in der selbst der Kaiser sich nur als der „Sohn des Himmels“ verstand, war das Essen als „Himmel des Volkes“ für die chinesische Kultur das A und O. Auch Konfuzius6 war vor zweieinhalb Jahrtausenden die fundamentale Bedeutung des Essens klar. „Essen und Trinken, (Liebe zwischen) Mann und Frau, das sind die zwei grundlegendsten Bedürfnisse der Menschheit überhaupt“, so sprach der Meister. Er sah im Essen und Trinken die Instinktfunktion für die Existenz und in der Liebe zwischen Mann und Frau das Bedürfnis nach Wohlbefinden und Fortpflanzung. Ein anderer Philosoph namens Gaozi7, der sich sein ganzes Leben lang hauptsächlich der Fragestellung über die

4

„Qi Min Yao Shu“: von Jia Sixie, Wei-Dynastie (6 Jh. n. Chr.)

5

Schlilling, 1971, S. 70

6

Chinesischer Philosoph (*551, †479 v. Chr.) der Östlichen Zhou-Dynastie

7

Chinesischer Philosoph der Periode der Streitenden Reiche (475-221 v. Chr.), genaue Lebzeit unbekannt

3

Ureigenschaften des Menschen gewidmet hat, fasste seine Meinung anhand einer Metapher zusammen, in der die Natur des Menschen dem des Wassers gleicht. „Die Natur des Menschen ist nichts anderes als das fließende Flusswasser. Liegt die Mündung im Osten, so fließt es nach Osten. Liegt die Mündung im Westen, so fließt es nach Westen.“8 Wie hier die Himmelsrichtung für die Wasserströmung, so bedeutend sind auch die Ureigenschaften für einen Menschen. Das Gute oder das Böse wird niemandem in die Wiege gelegt. Trotzdem räumte der Philosoph ein, dass es etwas Unveränderliches gibt, das tief in jedem Menschen steckt, nämlich „das Essen und der Amor“. Es ist festzustellen, dass sowohl Konfuzius, als auch Gaozi die elementare Funktion des Essens als physische und biologische Bedürfnisbefriedigung anerkannt haben. Aber was zu ihrer Zeit als Kenntnis noch fehlte, ist die soziale und kulturelle Dimension des Essens, die eigentlich von einer größeren Bedeutung ist. Essen und Trinken ist in jedem Bereich der chinesischen Gesellschaft fest verankert. Es gibt kaum ein Gebiet, in dem das Essen nicht präsent ist. Aber aufgrund unserer unmittelbaren Nähe zu diesem völlig alltäglichen und „natürlichen“ Handeln hat sich vieles, das ursprünglich mit dem Essen zu tun hatte, mit der Zeit verselbstständigt. Auch der zunehmende Sprachwandel und die hochkomplexen Verflechtungen verschiedenster Disziplinen sorgen seit Jahrtausenden für einen Normalisierungsprozess, der das Essen und Trinken für einen „Ottonormalverbraucher“ immer unsichtbarer macht. Doch man muss nur einen Blick hinter die heutigen Sprachkulissen werfen, um das Unsichtbare wieder zu sehen. Jeder von uns hat eine unvermeidbare Nähe zu Essen und Trinken. Das Thema Essen ist fast universal als Metapher einsetzbar. Wer in China als Beamter tätig ist, darf sich vom „Beamtenessen“ ernähren. Wer als erfolgreicher Kaufmann arbeiten will, muss sein „Abakus-Essen“ zu genießen wissen. Hat man die Ehre, einen wissenschaftlichen Beruf auszuüben, lebt man dann von seinem „Stift-Essen“. Man ist erschrocken, wenn man 8

Internetquelle: Hudongbaike-Enzyklopädie

4

„einen Schreck gegessen hat“. Steht man vor Schwierigkeiten, so muss man die Zähne zusammenbeißen und „das Bittere runterschlucken“. Man hat das Gefühl, „Kraft gegessen“ zu haben, wenn man überfordert ist. Jemand, der in einen Prozess verwickelt ist, muss „den Prozess fressen“. Ein überall gerngesehener Mensch „isst viel Duft“. Er „lacht süß“ und „schläft duftend“ in der Nacht. Ein Pechvogel dagegen müsste jeden Tag „bitteres Wasser trinken“ und fühlt sich dabei „säuerlich im Herzen“. Auch vielen chinesischen Weisheiten, die die „Wege“ des Lebens erläutern, liegt das Essen und Trinken zugrunde. Man braucht eigentlich nicht viel zu hinterfragen, um zu begreifen, warum „ein gemalter Pfannkuchen den Hunger nicht stillen kann“ oder warum „ein Mann, der sich satt gegessen hat, das Gefühl eines Hungrigen nie versteht“. Setzt man sich ein unrealistisches Ziel, ist es nichts anderes, als wenn „eine Kröte vom Schwanfleisch träumt“. Und während in Deutschland „alles Gute ein Ende hat“, gibt es für Chinesen „kein Bankett auf der Welt, das ewig dauert“. Auch im sozialen Leben dreht sich vieles um das Essen. Während des Enkulturalisierungsprozesses hat sich das Ernährungssystem im Vergleich zu anderen kulturellen Systemen stärker in der Gesellschaft verankert. Begegnet ein Chinese beim Spaziergang seinem Nachbarn, ist es gang und gäbe, höflich zu fragen: „Hast du schon gegessen?“. Dabei geht es nicht wirklich um die Frage, ob sein Nachbar tatsächlich schon gegessen hat. Trifft man sich mit seinen Geschäftspartnern zu einer wichtigen Verhandlung, beginnt das Gespräch vielleicht auch mit derselben Frage: „Haben Sie schon gegessen?“ Aber damit ist nicht eine Essenseinladung gemeint. Diese routinierte Höflichkeitsfloskel im chinesischen Alltag gilt in China rein als Begrüßungsformel. Eine gegenseitige Nachfrage, ob man überhaupt etwas zum Verspeisen hat, ist von der Intention her nicht viel anders als die Frage, ob es einem gut geht. Denn dieser Spruch war aus einer Zeit, in der nicht jeder genügend zum Essen hatte. Immer wieder rückt das Essen in der Gesellschaft in China in den Mittelpunkt. Egal ob beim Umzug, bei Hochzeit, beim Kennenlernen, bei Verabschiedung, beim Wiedersehen oder beim Geschäft, das Essen stellt fast immer ein Bindemittel dar, das alle und alles verbindet.

5

1.2. Zielsetzung der Arbeit Wie aus der Überschrift zu entnehmen ist, stellt sich die vorliegende Arbeit die Aufgabe, eine kulturwissenschaftliche Analyse über das chinesisch-deutsche Geschäftsessen durchzuführen. In der Einleitung wird die Bedeutung des Essens in der chinesischen Kultur erläutert. Im Kapitel II werden die verwendeten theoretischen Grundlagen dargestellt und die Rahmenbedingungen des Themenfeldes eingegrenzt. Im Kapitel III wird der Ablauf eines üblichen chinesisch-deutschen Geschäftsessens in China empirisch skizziert. Im vierten Kapitel wird versucht, die kulturellen Selbstinszenierungen des chinesischen Gastgebers während eines Geschäftsessens aus kulturwissenschaftlicher Perspektive herauszuarbeiten und die dahinter stehenden kulturellen Wertigkeiten und Prozesse zu analysieren. Das letzte Kapitel dient dazu, die Ergebnisse und Erkenntnisse der Arbeit kurz zusammenzufassen.

1.3. Quellen und Methoden Die vorliegende Arbeit stützt sich in erster Linie auf die Arbeitserfahrungen des Verfassers während seiner neunjährigen Tätigkeit beim Auswärtigen Amt der bayerischen Partnerprovinz Shandong in Nordchina und bei der Repräsentanz des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie ebenfalls in Shandong. Dank der engen und persönlichen Kontakte mit der bayerischen und der chinesischen Wirtschaft konnte er zwischen 1998 und 2007, bevor er das Aufbaustudium der Vergleichenden Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg begann, als Diplomat, Wirtschaftsförderer und Dolmetscher an zahlreichen chinesisch-deutschen Geschäftsessen teilnehmen und dabei empirische Beobachtungen durchführen. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse und Reflexionen sind zum größten Teil bei den Interviewgesprächen, die er zwischen Februar und Mai 2009 in China und München durchgeführt hat, bestätigt worden. Insgesamt wurden sechs qualitative Interviewgespräche vom Verfasser durchgeführt. Drei

6

davon werden transkribiert9 und in der vorliegenden Arbeit als empirische Materialien verwendet. Darüber hinaus werden noch eine Reihe von sekundären Video-, Audio- und schriftlichen Materialien eingesetzt

10

. Zusätzlich wurde in der Arbeit noch

kulturwissenschaftliche Sekundärliteratur verwendet, die im Anhang aufgelistet ist.

9

Siehe Anhang (Nr. 1 - 3); Bei chinesischen Transkriptionen werden nur die Stellen ins Deutsche übersetzt,

die inhaltlich mit der vorliegenden Arbeit relevant sind. 10

Siehe Anhang (Nr. 4 - 6)

7

2. Essen und Trinken als kultureller Handlungsrahmen Bevor wir zum Thema chinesisch-deutsches Geschäftsessen kommen, muss zuerst geklärt werden,

von

welchem

Essen

hier

gesprochen

wird

und

von

welchen

kulturwissenschaftlichen Grundlagen auszugehen ist.

2.1. Nahrung – „nicht nur Hungerstiller“11 Unsere biologische Abhängigkeit von Nahrungsmitteln hat die Nahrungsaufnahme unverzichtbar gemacht. Was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen. Mit Hilfe dieser einfachen Aussage ließe sich die gesamte Geschichte der menschlichen Esskultur reduzieren. „Ernährung ist die Aufnahme von Nahrungsstoffen, die ein Organismus zum Aufbau seines Körpers, zur Aufrechterhaltung seiner Lebensfunktionen und zum Hervorbringen bestimmter Leistungen in verschiedenen Lebenslagen benötigt. Ernährung ist eine Voraussetzung für die Lebenserhaltung jedes Lebewesens.“12 Diese Art Versuch der Definition beschreibt die Ernährung ausschließlich auf der physiologischen Ebene und betrachtet die Nahrung als rein materielle Güter. Sie ist, auch aus Perspektive der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung, auf keinen Fall nichtssagend, denn ein physiologisch nicht existierender Mensch könnte auch nicht ein sozialer Mensch sein. Trotzdem erscheint uns die Definition des Essens nur als notwendige organische Bedürfnisbefriedigung viel zu eindimensional.

Wesentlich interessanter für die

ethnologische

Zusammenhänge

Nahrungsforschung

sind

die

zwischen

der

Nahrungsaufnahme und den sozialen Bestimmungen, also die „gesellschaftliche Relevanz“.13 Es besteht kein Zweifel, dass Speisen unter allen Kulturgütern des Alltags die kurzlebigsten und vergänglichsten sind. Aber „mit allen anderen Erzeugnissen des

11

Benker, 1996

12

Wikipedia, 2009, Ernährung

13

Vgl. Tolksdorf, 1976

8

Menschen hat Nahrung gemein, dass sie mehr ist, als ihr reales Aussehen und ihre Funktion verrät: sie ist nicht nur Hungerstiller und erhaltendes Lebensmittel.“ 14 Erst mit diesem Verständnis könnte es gelingen, viele Phänomene mit ihren Sinnbildern harmonisch zu verbinden. Typische Beispiele hierfür sind etwa der Apfel vom Baum der Erkenntnis, das 1000 Jahre alte, aber trotzdem knusprige Landbrot,15 die chinesischen Teigtaschen als klassisches Abschiedsessen oder die langen Nudeln als Begrüßung. Also es bleibt festzuhalten: „Die Nahrung ist verbunden mit Normen für die Befriedigung primärer Existenzbedürfnisse, aber auch für die Ausübung sekundärer Kulturformen, wie Kommunikation, Geselligkeit, die Heraushebung festlicher Ereignisse, die Gewährung von Gastfreundschaft und vieles andere mehr.“

16

2.2. Essen und Trinken als kulturelles System “Die Verhaltensformen bei den täglichen Mahlzeiten lassen sich im Grunde gar nicht isoliert betrachten, weil die Mahlzeiten zugleich immer mit anderen Daseinsformen untrennbar verbunden sind und ein ‚phénomène total’ (Marcel Mauss) darstellen. Das Essen geht weit über den bloßen Akt des Verzehrs hinaus und wirkt noch weiter, wenn dieser physische Vorgang an sich längst beendet ist. Alle

Mahlzeiten

sind

daher

Teile

umfassender

gesellschaftlicher

Verhaltensformen.“17 Vergleichen wir die Nahrungsaufnahme der Tiere und des Menschen, so können wir zwei völlig unterschiedliche Charaktere feststellen. Tolksdorf spricht in diesem Zusammenhang von einem „geschlossenen Instinktkreis“ und „einem offenen Informationssystem, das tradiert und erlernt wird“.18 Während bei Tieren die Nahrungsaufnahme vom Instinkt fürs Überleben beschränkt und gesteuert wird, geht es bei einem Menschen eher darum, wie er 14

Vgl. Benker, 1996, S.9

15

Vgl. Benker, 1996, S.13

16

Teuteberg, 1997, S. 14

17

Teuteberg, 1997, S. 14

18

Vgl. Tolksdorf, 1976, S. 67

9

seine physiologischen Bedürfnisse mit sozio-kulturellen Werten kombinieren und optimieren kann. Der Mensch als soziales Wesen hat das instinktive Niveau längst verlassen und kann sich ein unterschiedliches, höheres Informationssystem leisten als das der Tiere. Wir bezeichnen das menschliche Informationssystem als offenes System, weil es als historisches System tradiert wird und sich mit der Zeit verändert. Die menschliche Nahrungsaufnahme hat einen starken Systemcharakter. Es wird nicht irgendwann, irgendwo, irgendwie, zu irgendeinem Anlass, mit irgendjemandem und irgendwas gegessen und getrunken, sondern es folgt bestimmten Regeln. „Die Ernährung ist eine Form sozialen Handelns und die Nahrung ein relativ kurzlebiges Gut, dessen kulturelle Bedeutung vor allem darin liegt, dass sie bei verschiedensten

Anlässen

menschlicher

Begegnung

als

Ausdrucks-

und

Kontaktmittel dient [...] Gemeinsame Mahlzeiten haben oft rituellen, auch rechtlichen Charakter.“19 Dabei können wir feststellen, dass Ernährung einen Handlungsrahmen darstellt, der den Zusammenhang zwischen dem Individuum und der Gesellschaft herstellt und unser Verhalten durch gesellschaftliche Einflüsse formt. Es sind die Normen und Konventionen der Gesellschaft, die unsere Erfahrungen vermitteln und unsere Handlungen prägen. An diesem Enkulturalisierungsprozess kommt kein sozialer Mensch vorbei. Ein leicht zu verstehendes Bespiel wäre in dem Zusammenhang die Nahrungsauswahl und ihre konventionellen Kombinationen. Niemand verbietet einem „normalen“ Menschen, Pommes mit Garnelen oder Weißwurst mit Spagetti zu essen. Es ist auch nicht der Geschmacksfaktor, der das untersagt, sondern das sind die tradierten Essgewohnheiten. Wenn wir mit unserem Gedanken einen Schritt weiter gehen, müssen wir uns eigentlich nicht über folgenden Spruch wundern: „Chinesen essen alles, was vier Beine hat, außer Tische und Stühle; alles, was fliegt, außer Flugzeuge; alles, was schwimmt, außer U-Boote“. Diese Aussage besagt lediglich, dass sich Chinesen an einer extrem breiten Auswahl genießbarer Nahrungsmittel orientieren. Und dies ist weniger das Ergebnis der biologischen Entwicklung, sondern eher der Einfluss der sozio-kulturellen Konventionen. 19

Gerndt, 1997, S. 96-97

10

Zugleich hat der kulturale Regelcharakter der Ernährung für das Individuum eine wichtige Orientierungsfunktion. Er bietet ihm soziale Geborgenheit und stellt dessen Integration in die Gesellschaft sicher. Von der Auswahl der Nahrungsmittel, über ihre Zubereitung und Verspeisung, bis hin zu der Einordnung der Wertigkeiten, orientiert sich das Individuum ausschließlich an den ihm zugänglichen kulturell tradierten und erlernten Methoden. Es bleibt also festzuhalten, das Ernährungsverhalten gilt als soziales und historisch vermitteltes Verhalten. Was man isst und wie man isst, hängt nicht von den grundlegenden biologischen und physiologischen Bedürfnissen ab, sondern von den sozio-kulturellen Einflüssen.

2.3. Tolksdorfs Modell zur strukturalistischen Nahrungsforschung20 Um den Zusammenhang zwischen Natur (hier die Ernährung) und Kultur, oder wie Tolksdorf formulierte, „die Bindung der Ernährung an den Gesamtkontext der sozialen Erscheinungen“, systematisch zu erkennen, ist die Anwendung von Strukturen notwendig. Verschiedene Nahrungsforscher wie Tolksdorf, Bringéus, Verdier, Douglas, Halliday, Lévi-Strauss, Richards, Tokarev und Wiegelmann21 haben eine Fülle von theoretischen Ansätzen versucht. Sie reichen vom biokulturellen, über kulturhistorischen, bis hin zum semiotischen Ansatz.22 Weil die verschiedenen Theorien zahlreiche Überschneidungen und zum Teil Widersprüche miteinander haben, versuchte Tolksdorf 1972 mit seinem strukturalistischen Ansatz einen generellen Ansatz zu entwickeln. „Der Strukturalismus geht davon aus, dass es bestimmte Strukturen gibt, die dann aber von jeder Gesellschaft unterschiedlich interpretiert werden.“23

20

Vgl. Tolksdorf, 1976

21

Ulrich Tolksdorf: Ein systemtheoretischer Ansatz in der ethnologischen Nahrungsforschung, 1972;

Bringéus: Probleme und Methoden ethnologischer Nahrungsforschung in Lichte; Yvonne Verdier: Repas Bas-Normands; Mary Douglas: Deciphering a Meal; M.A.K. Halliday: Categories oft the Theory of Grammar; Claude Lèvi-Strauss: Mythologica I-III; Audrey Richards: Hunger and work in a savage tribe; a functional study of nutrition among the Southern Bantu; S.A. Tokarev: Von einigen Aufgaben der ethnographischen Erforschung der materiellen Kultur; Günter Wiegelmann: Alltags- und Festspeisen 22

Vgl. Keller, 2005, S. 32-34

23

Keller, 2005, S. 33

11

Dieser Ansatz konzentriert sich auf die Gemeinsamkeiten der Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesellschaft, ohne aber die Individualität und die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten der jeweiligen Gesellschaften zu vernachlässigen. Daher eignet er sich sehr gut zur Feststellung der gesellschaftlichen Relevanz der Ernährung. In Anlehnung an Wiegelmann geht Tolksdorfs Modell von der „Mahlzeit“ als komplexe Grundeinheit aus, die sich der Mensch mit Hilfe der Kultur als eine Umwelt schafft. Sie liefert dem Menschen einerseits Normen und Werte für das Handeln und bietet ihm andererseits Orientierung und Geborgenheit in der Gesellschaft. „Mahlzeit“ ist hier, anders als auf der rein materiellen Ebene, ein in allen Sozialgruppen und Gesellschaften gleichermaßen vorhandenes System, das man in „Speise“ und „Situation“ zerlegen kann. Der Konstituent „Speise“ lässt sich dann in „Nahrungsmittel“ und ihre „kulturelle Technik“ unterteilen, mit der diese für den menschlichen Verzehr zubereitet wird. Es handelt sich dabei darum, was und wie gegessen wird. Der zweite Hauptkonstituent „Situation“ steht hier als ein umfassender Sammelbegriff für „sozialen Kontext“, „soziale Umgebung“, „Milieu“ oder ähnliche Begriffe. Unter „Situation“ versteht man die soziale Verzehr-Situation, die in „Zeit“ und „Raum“ zu gliedern ist. Bei diesem Punkt wird Wert gelegt, wann, wo und in welcher Rahmenbedingung der Verzehr von Nahrungsmitteln stattfindet. Mit folgendem Stammbaumschema von Tolksdorf kann die Zusammengehörigkeit der verschiedenen Konstituenten deutlich gemacht werden.

12

Mahlzeit

Speise

Nahrungsmittel

Situation

Kulturelle Technik

Gesellschaftliche Wertigkeit der Nahrungsmittel

Zeit

Raum

Gesellschaftliche Wertigkeit der Zeit

Gesellschaftliche Wertigkeit der kulturellen Technik

Gesellschaftliche Wertigkeit des Raumes

Abb. 1: Tolksdorfs Modell zur strukturalistischen Nahrungsforschung

2.3.1. Nahrungsmittel24 Nicht alles, was essbar ist, definieren wir als Nahrungsmittel, zumindest wenn es sich nicht um extreme Überlebenssituationen handelt. Bevor die Spanier im 16. Jahrhundert die Kartoffel nach Europa eingeführt haben, war die „Papa“ 25 für die einheimischen Südamerikaner schon ein wichtiges „Nahrungsmittel“. Lange Zeit galt sie in Europa trotz ihrer schnellen Verbreitung aber nur als eine botanische Zierpflanze, deren (oberirdischen) Früchte giftig sind. Erst Generationen später wurde sie, teilweise auch dank politischer Bemühungen (wie z.B. die Propagandafeldzüge von Friedrich dem Großen in Preußen26), wegen ihres hohen Ertrags und ihrer Wetterbeständigkeit ins Ernährungssystem der Europäer integriert. In der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung werden Nahrungsmittel auf keinen Fall aufgrund ihrer Materialität nur als „materielle Güter“ behandelt, sondern sie gehören eindeutig zu „geistigen Gütern“. Ein essbares „Produkt“ wird erst dann zu einem 24

Vgl. Tolksdorf, 1976

25

Bezeichnung für „Kartoffel“ bei den Inkas

26

*1712, †1786

13

„Nahrungsmittel“, sobald ihm ein sinnvolles „Wertprädikat“ 27 gegeben wird. Und der Wertmaßstab wird nicht von jemand anderem vorgegeben, sondern von uns Menschen festgelegt. Rosenblüten sind essbar, bedeuten aber trotzdem für die meisten kein Nahrungsmittel, weil sie in dem heutigen Ernährungssystem noch kein sinnvolles Wertprädikat besitzen. Gehen wir einen Schritt zurück und nehmen wir an, dass es doch jemanden gibt, der Rosenblüten gerne isst, gehören sie trotzdem nicht zu Nahrungsmitteln, zumindest nicht zu Massennahrungsmitteln. Denn die kulturelle Selektion der Nahrungsmittel ist zwar von Individuum zu Individuum verschieden, hängt aber nicht von der Absicht des individuellen Essers ab. Sie ist eingebettet in die kollektiven gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Wenn man den Blickwinkel ein wenig erweitert und die verschiedenen Kulturen betrachtet, erscheint dies im internationalen Kontrast noch deutlicher: die Selektion der Nahrungsmittel ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Sie ist nicht anthropologisch, sondern sozio-kulturell bedingt. Während die Skorpione für Chinesen eine begehrenswerte Delikatesse sind, bleiben sie für Leute vieler anderen Gesellschaften definitiv außerhalb des Ernährungssystems. Je nach dem Aufwand der Zubereitung vor unserem Verzehr können wir alle Nahrungsmittel in „einfache“ und „komplexe“ Nahrungsmittel unterteilen. Ein anderes Kriterium, das ist auch das Sinnvollere und Interessantere für die kulturwissenschaftliche Nahrungsforschung, ist die Differenzierung der Nahrungsmittel anhand ihrer Wertigkeiten. Für einen chinesischen Bauern hat die Süßkartoffel wohl bei weitem nicht so viel Wert wie ein Weizenbrot. Als das Massennahrungsmittel während der Hungersnot erinnert die Süßkartoffel schnell an die bitterarmen Zeiten, die viele Chinesen vor ca. vier Jahrzehnten noch miterlebt haben28. Ein deutliches Kontrastbild ist aber, dass die Süßkartoffel in vielen Metropolenstädten heutzutage wieder hoch im Kurs steht. Für die städtischen Einwohner ist die Verbindung zwischen diesem Nahrungsmittel und der historischen Erinnerung relativ lose. Stattdessen rücken bei der Bewertung der Wertigkeit eher der

27

Vgl. Lautmann, 1971, S. 26 f.

28

Drei Jahre Hungersnot in China von 1959 bis 1961

14

Gesundheitsaspekt oder die Seltenheit der Nahrungsmittel in den Mittelpunkt. 2.3.2. Kulturelle Technik29 Auch die kulturelle Technik darf in der Nahrungsforschung nicht vernachlässigt werden. Sie ist eine „kategoriale Deskription“ verschiedener Garmethoden. Je nachdem, wie wir das Nahrungsmittel verändern, können wir uns eine Matrix der Zubereitungsmethoden vorstellen, die von waschen, schälen, schneiden, marinieren, einlegen, über kochen, dämpfen, blanchieren, schmoren, bis hin zu sieden, anbraten, frittieren, backen usw. reicht. Weiter betrachtet stellt die kulturelle Technik eine Klassifikation unterschiedlicher Wertigkeiten der verwendeten Techniken dar. Nicht nur jedem Nahrungsmittel, sondern auch jeder Zubereitung ist in einer Kultur immer eine entsprechende Wertvorstellung zugeschrieben. Ob diese positiv oder negativ, hoch oder niedrig ist, hängt vom jeweiligen sozio-kulturellen und historischen Hintergrund ab. Ein gutes Beispiel, das Tolksdorf immer wieder verwendet hat, ist die klassische Kombination von Bratwurst mit Pommes frites oder

Bockwurst

mit

Kartoffelsalat

oder

umgekehrt,

die

mehr

oder

weniger

„tabuisierte“ Kombination von Kochfleisch mit Pommes frites in der deutschen Küche. Als Ursache wies Tolksdorf darauf hin, dass das Frittieren und das Kochen in der Matrix deutlich unterschiedliche Wertigkeiten besitzen und daher als „binäre“ Paare nicht zusammenpassen. Weitere typische binäre Paare in der kulturellen Technik sind z.B. „schnell (zuzubereiten)“ – „langsam (zuzubereiten)“, „einfach“ – „umständlich“ oder „teuer“ – „günstig“. 2.3.3. Soziale Situation – Zeit und Raum Da wir das Essen und Trinken als kulturelles Handlungssystem sehen, muss es unbedingt in einem Kontext, d. h. in einer sozialen Situation, gehandhabt werden. Ohne soziale Situation ist in der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung eine Speise nicht denkbar und eine Mahlzeit nicht fassbar. In Anlehnung an Lévi-Strauss besteht nach Tolksdorf die soziale Situation aus einem sozialen Raum und einer sozialen Zeit. Unter sozialer Zeit versteht Tolksdorf lebensgeschichtliche Situationen. Da „Zeit“ an sich 29

Vgl. Tolksdorf, 1976

15

sowohl über eine lineare, als auch über eine zyklische Dimension verfügt, zählen zur sozialen Zeit nicht nur Zeiten wie etwa morgens und abends, sondern auch die sich wiederholenden Anlässe, wie z. B. Weihnachten, Neujahrsfest, traditionelles Frühlingsfest in China oder sonstige Zeiten wie Kindheit, Studentenzeit, Auslandszeit usw. Ohne diese sozial-zeitliche Rahmenbedingung kann die Wertbesetzung einer Mahlzeit nicht richtig gemessen werden. Eine Essenseinladung vom Geschäftspartner am Sonntagabend in Deutschland entspricht, besonders im Hinblick auch auf die religiöse Zeitstrukturierung in Europa, sicherlich einer ganz anderen Wertschätzung als in China. Umgekehrt soll man die Situation auch nicht unterschätzen, wenn man in China am Tag des traditionellen Frühlingsfestes von seinem Geschäftspartner zu einem Essen nach Hause eingeladen wird. Auch die Wertigkeit, die hinter dem Verzehr-Ort steckt, soll nicht übersehen werden. Zwischen einem luxuriösen Restaurant und einer schlichten Stube, oder einem VIP-Separee und der Lounge, zwischen einem traditionellen chinesischen runden Tisch und einem modernen eckigen Tisch oder zwischen einem kitschigen und seriösen Ambiente liegen Welten. Die freie Auswahl ermöglicht dem Gastgeber einen großen Spielraum, sich individuell zu inszenieren.

2.4. Zur Rahmenbedingung des Arbeitsthemas Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, das chinesisch-deutsche Geschäftsessen als einen kulturellen Handlungsrahmen zu betrachten und es als Mittel der Selbstinszenierung des chinesischen Gastgebers genau unter die Lupe zu nehmen. Weil es sich dabei um ein fast zu breites und vielschichtiges Themenfeld für eine Masterarbeit handelt, hat eine Eingrenzung des Themas eine große Notwendigkeit. Denkt man an die geographische und demographische Dimension des Landes30, so fallen eine ganze Menge von Verschiedenheiten auf. Das sind vor allem die Unterschiede zwischen der Stadt und dem Lande, zwischen der Majorität31 und den 55 ethnischen 30

Fläche: 9,60 Mio. Km2; Bevölkerung: 1,33 Mrd. (2009)

31

Han-Nationalität (ca. 92% der Chinesen, 2009)

16

Minderheiten, zwischen den sozialen Milieus sowie zwischen den 34.170 Städten und Gemeinden. Oder blickt man auf die über 5000 Jahre lange Kulturgeschichte Chinas und die komplexen Wandelprozesse, ist es auch nicht möglich, von „einer typischen chinesischen Küche“ oder „einem typischen chinesisch-deutschen Geschäftsessen“ zu sprechen. 2.4.1. Die Provinz Shandong Fokus der vorliegenden Arbeit ist die ostchinesische Provinz Shandong, in der der Verfasser seine empirischen Erfahrungen im Bereich Esskultur gesammelt hat. a) Einst deutsches Pachtgebiet, heute bayerische Partnerprovinz Als die Heimat von Konfuzius ist die Provinz Shandong eine der wichtigsten Wiegen der chinesischen Kultur. Auf einer Halbinsel an der Ostküste und am Unterlauf des Gelben Flusses gelegen, ist die Region von einem milden Monsun-Klima begünstigt und gilt als der „Gemüsekorb Nordchinas“. Die Provinz hat eine Fläche von rund 153.000 km2 und eine

Abb. 2: Provinz Shandong

Einwohnerzahl von 88 Mio. Ähnlich wie der Freistaat Bayern hat sich die Provinz Shandong in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer stark landwirtschaftlich geprägten Region zu einem HighTech-Standort entwickelt, der sich insbesondere durch sein produzierendes Gewerbe auszeichnet. Es sind viele Faktoren, die Shandong und Deutschland verbinden. Zwischen 1897 und 1914 ist der östliche Teil der Provinz (Halbinsel „Kiautschou“) ein deutsches Pachtgebiet gewesen. Seit der Aufnahme der offiziellen partnerschaftlichen Beziehung zwischen dem Freistaat Bayern und der Provinz Shandong sind enge Kontakte in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur entstanden, deren Erfolg wir heute dem Weitblick des damaligen

17

Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß32 zu verdanken haben. b) Shandonger - Bayern in China Wichtig für die enge Verbindung sind auch die Menschen, die die Kontakte lebendig halten. Oft können sich chinesische und deutsche Geschäftspartner schnell einigen, dass Shandonger im gewissen Maße „Bayern in China“ sind. Als Parallele wird oft genannt, dass Shandonger fleißig, ehrlich und offen sind, wie die Bayern in Deutschland. Vielleicht so ehrlich, dass sie fast stur sind. Wenn ein Shandonger eine Flasche Schnaps schaffen kann, sucht er sich keine Ausrede, um weniger trinken zu müssen. Sicherlich handelt es sich hier um Stereotypenbilder, die selektiv, subjektiv und verallgemeinert sind. Aber solche Bilder kommen nicht von ungefähr. Sie sind nützliche Orientierungen in vereinfachter Form für unsere Kenntnisse. Die ehrliche „Trinkmoral“ hat ihren Grund. Denn das Alkoholtrinken wird in China weniger als eine Art Kraftmessen der Trinkfestigkeit gesehen, sondern mehr als eine Ehrerbietung betrachtet. Die Wertschätzung entsteht dadurch, dass man sich mit dem Viel-Trinken, einschließlich seines Körpers und seiner Gesundheit, für die Freundschaft „opfert“. Da die Trinkfestigkeit von Person zu Person aber unterschiedlich ist, ist die absolute Menge des Alkohols nicht das Entscheidende für die Bewertung der Wertschätzung. Entscheidend ist die Bereitschaft, bis zu seiner persönlichen Obergrenze zu trinken, bis man wirklich nicht mehr weiter kann. Im Kapitel 3 wird dieser Punkt noch weiter vertieft. 2.4.2. Die Shandong-Küche Wie oben ausgeführt, herrscht in China eine bunte Küchenlandschaft. Nicht nur die unterschiedlichen Milieus und die insgesamt 56 ethnischen Nationalitäten haben verschiedenartige Küchen, sondern auch die 34 Provinzen und autonomen Gebiete sind geprägt durch regionale Küchentraditionen. Um eine relativ übersichtliche Struktur zu schaffen, werden die Küchen in China je nach Einteilungskriterien in drei, vier, acht oder

32

*1915, †1988. Ministerpräsident des Freistaates Bayern von 1978 bis 1988

18

zehn Hauptküchenrichtungen eingeteilt33. Die Einteilung in 8 Küchenrichtungen ist am gängigsten, zu denen die Shandong-, die Sichuan-, die Jiangsu-, die Zhejiang-, die Guangdong-34, die Hunan-, die Fujian- und die Anhui-Küche zählen. Eine Küchenrichtung allein ist an sich schon ein komplexes und selbständiges Ernährungssystem, das über spezielle Alleinstellungsmerkmale an Zutaten, Zubereitungen, Essgewohnheiten, -sitten und Wertvorstellungen verfügt. Nach außen erfolgen ständig Austausch und Verflechtungen mit anderen Küchenrichtungen. Aufgrund dieser hohen Komplexität ist es schwierig, einen generellen Ansatz für alle Küchenrichtungen auszuarbeiten. Doch wenn man die Merkmale generalisiert, werden häufig folgende Eigenschaften zugeschrieben: Küchenrichtung

Kernregion

Merkmale

Intensiver Geschmack. Viel Shandong

Mitte- bis

Sojasoße, Lauch, Ingwer und

Ostshandong

Knoblauch. Viel Meeresfrüchte, Brühe und tierische Eingeweiden.

Scharf und pikant durch Sichuan

Chengdu und

Sichuan-Pfeffer und Peperoni.

Chongqing

Vielfältiger, zum Teil extremer und skurriler Geschmack.

Beispiele der Spezialitäten

Karpfen süß-sauer. Gedämpfte Jakobsmuscheln mit Glasnudeln.

Scharfe Fleischstreifen mit Fischgeschmack. Scharfe Hühnerfleischwürfel mit Erdnüssen. Scharf-pikanter Feuertopf.

Zeitaufwendiges Schmoren und

Jiangsu

Yangzhou,

Dämpfen. Leichter Geschmack.

Mandarinfisch in

Suzhou und

Großer Wert auf die Ästhetik der

Eichhörnchenform.

Nanjing

Form und den originalen

Schildkröten-Brühe.

Geschmack der Speisen. Zhejiang

Hangzhou,

Zart, weich, fein, ohne Fettgefühl.

Süßwassergarnelen mit

33

Vgl. Li, Chunguang, 2008, S. 158

34

Der Provinzname „Guangdong“ wird in fremdsprachiger Literatur oft „Kanton“ genannt.

19

Ningbo,

frischen Teeblättern.

Shaoxing Extrem große Auswahl an

Guangdong

Guangzhou,

Zutaten. Viel Wild und

„Phönix-Krallen“ (Hühnerkra

Chaozhou

Meeresfrüchte. Frittieren,

llen). Hühnerfleisch

und

Dünsten, Schmoren und Eintopf

kantonesischer Art mit

Dongjiang

als wichtigste

knuspriger Haut.

Zubereitungsmethoden. Scharf, pikant. Viel Peperoni und Hunan

Changsha

Sojabohnenpaste. Intensiver, oft öliger Geschmack.

Fuzhou, Fujian

Quanzhou und Xiamen

Wild und Meeresfrüchte. Viel Bambussprossen und Brühe.

Viele Süßwasserfische und

Anhui

Wuhu, Anqing

–muscheln. Viel Geflügel. Überwiegend Schmoren, Dämpfen oder Dünsten als Kochmethoden.

Geschmorte Haifischflossen mit Hühnerfleisch.

„Buddha springt über die Mauer“35. Muscheln in Hühnerbrühe.

Mit Schinken geschmorte Schildkröte. Geräuchertes Hühnerfleisch. Maroni mit Schiitake-Pilzen.

Tab. 1: Die acht Hauptküchenrichtungen Chinas

Zu den 8 Küchenrichtungen Chinas gehört jedoch nicht die Peking-Küche, weil diese aufgrund der politisch und kulturell zentralen Position Pekings in der chinesischen Geschichte viele Elemente aus anderen Küchenrichtungen aufgenommen hat und deswegen schwer in das gesamte Küchensystem einzuordnen ist. Aber umgekehrt hat die Peking-Küche, insbesondere die kaiserliche Küche, alle anderen Küchenrichtungen tief beeinflusst. Die kaiserliche Küche der Qing-Dynastie36 hat die Komplexität und die Luxuriösität der chinesischen Esskultur auf die Spitze getrieben. Eine Beschreibung aus der Zeit des

35

Mehr über dieses Gericht siehe 3.6.4

36

Qing-Dynastie: 1644-1911 n. Chr.

20

Kaisers Qianlong37 zeigt, wie das jährliche kaiserliche Bankett38 ablief, zu dem sowohl Vertreter der damaligen Herrscher Mantschuren, als auch der Han-Chinesen eingeladen wurden. „Das kaiserliche Bankett besteht aus 6 Mahlzeiten, die in drei Tagen in Folge einzunehmen sind. Insgesamt gibt es 320 Gänge, darunter 169 kalte und warme Gerichte, 124 Kuchen und Teigwaren, die sich nicht wiederholen. Alle Köstlichkeiten werden serviert in farbigem Porzellangeschirr mit dem Motiv „langes Leben“ aus dem Porzellan-Mekka Jingdezhen. Dazu werden hochelegante Silbergeschirre benutzt. Das Bankett findet in einem vornehmen majestätischen Ambiente mit streng gehaltenen Zeremonien statt und wird mit virtuoser Musik umrahmt. Alte Tugenden und Traditionen sollen dadurch präsentiert werden. Die Gäste werden von umsichtigen Bedienungen so verwöhnt, dass sie zum Schluss das Bankett nicht mehr verlassen wollen.“39 Das kaiserliche Bankett gilt als Gipfel der luxuriösen Inszenierungen in der Geschichte der chinesischen Küche und prägt bis heute noch den Umgang von Chinesen mit dem Essen. Angesichts der großen Vielfalt der chinesischen Küchen ist es sinnvoll, unseren Blickwinkel auf eine Küche zu fokussieren. Wenn es in der vorliegenden Arbeit bei „Essen“ und „Geschäftsessen“ nicht anders bemerkt wird, geht man von der Shandong-Küche aus. Die Shandong-Küche ist stark geprägt durch drei regionale Küchenrichtungen: die konfuzianitische Küche im Westen, die Jinan-Küche in der Mitte und die Küche der Ostküstenregion. Die konfuzianistische Küche zeichnet sich durch die feinsten und arbeitsund zeitintensivsten Zubereitungen aus. Diese ist vergleichbar mit der kaiserlichen Hofküche, in der die Gaumenfreude der Esser und die Feinheit der Küche keine Grenzen kennen. Soja-Soße und Brühe sind Hauptbestandteil der Jinan-Küche, während die Küche der Ostküstenregion überwiegend mit Meeresfrüchten zubereitet wird. 37

*1711, †1799 n. Chr.

38

Auf Chinesisch: „Man Han Quan Xi“

39

Vgl. Li Chunguang, 2008

21

2.4.3. Zeitliche Rahmenbedingung Wir erleben gerade ein China, das „sich neu erfindet“ und dessen „neues Denken die alten Rahmen sprengt“.40 Angesichts des eingeschränkten Umfangs der vorliegenden Arbeit ist es schwer möglich, sowohl die historische, als auch die gegenwärtige Perspektive genau unter die Lupe zu nehmen und die hochkomplexen Wandelprozesse und Kontinuitätslinien zu analysieren. Aus diesem Grund wird lediglich der gegenwärtige Zeitrahmen berücksichtigt. Seit mehr als 30 Jahren befindet sich China in einer Zeitperiode ständiger Entwicklungen. Die langsame Evolution von einer kommunistischen Nachkriegsgesellschaft zu einem neuen politischen System führt zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Wendepunkt dieser Entwicklung war die Politik der „Reform und Öffnung nach außen“, die Deng Xiaoping 41 1978 auf der dritten Plenartagung des 11. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas eingeführt hat. Als „Chefarchitekt“ der chinesischen Reformpolitik und der „sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung“ wird er heute noch sehr verehrt. Statt ganz groß ideologisch zu argumentieren, war Dengs Leitspruch 1962: „Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist. Hauptsache, sie fängt Mäuse.“ 42 Mit diesem Leitgedanken verschob sich der Schwerpunkt Chinas von den politischen Kampagnen langsam zur wirtschaftlichen Entwicklung. Dank dieser Strategie erleben heute Chinesen in allen Bereichen ein atemberaubendes Wachstum. „Der einst marode Betrieb ist in ein profitables Unternehmen verwandelt worden, das drittgrößte seiner Art weltweit. Es hat seine Herausforderungen und Krisen klug gemeistert und sein wirtschaftlicher Erfolg wird weltweit anerkannt.“43 Auf der kulturellen Ebene ist heute die Zeit, in der sich die 10-jährige „Große Proletarische

40

Naisbitt, 2009, S. 6 und S. 9

41

*1904, †1997

42

Vgl. Anhang 6, Audiodatei (Jan-Phillip Senker)

43

Naisbitt, 2009, S. 7

22

Kulturrevolution“44 von der historischen Bühne verabschiedet hat. Doch wie langwierig diese sich noch auf die Nationalpsyche und die inneren Werte auswirkt, ist nicht konkret zu messen. Mao fing über Nacht an, das Alte auszurotten und niederzureißen. Was vorher als richtig gegolten hatte, galt nachher nicht mehr. Dies führte zu Angst, Verzweiflung und kulturellen Verlusten. „In China gibt es eine uralte kulturelle Tradition, die aber durch Krieg und eben auch durch die Kulturrevolution in einem großen Maße zerstört wurde. Und ich spreche jetzt weniger von den materiellen Verlusten. Die kann man durch Neuaufbau wieder ausgleichen. Das eigentlich Besorgniserregende ist der Verlust an inneren Traditionen, die in uns Menschen drin stecken. Das Schöne, das in uns Menschen schlummert, wurde zunichte gemacht. Und an seine Stelle ist nicht genug Neues getreten, so dass man manchmal richtig verzweifelt ist.“45 Auch 30 Jahre später zeigt die Kulturrevolution ihre Nachwirkungen, in neuer Form und mit neuem Charakter. Auf den ersten Blick ist vieles im Umbruch. Ist Wandel sichtbar, lebt die Kontinuität auch weiter, selbst wenn vieles durch „Kulturbrüche“ weggewischt worden ist. Das Wesentliche des Chinesentums lebt in neuen Trägern, wie z. B. Essen und Trinken, weiter. 2.4.4. Situation Geschäftsessen Neben den Konstellationen „Zeit“ und „Ort“ ist unsere Perspektive noch stark von der konkreten „Verzehr-Situation“ abhängig. Da zu viele Variablen die Forschungsarbeit ins Grenzenlose treiben könnten, fokussiert sich die vorliegende Arbeit bewusst auf eine bestimmte Verzehr-Situation. Beobachtet und analysiert werden hier in erster Linie Geschäftsessen am Abend in China, zu denen chinesische Gastgeber deutsche Geschäftspartner einladen. Meist versteht man unter einem Geschäftsessen ein Treffen mehrerer Interessenspartner in einer Lokalität. Oftmals ist ein Geschäftsessen ein „Geschäft nach dem Geschäft“. Es handelt sich um eine Auslagerung und Verlängerung von Geschäftsgesprächen. 44

1966-1976

45

Vgl. Anhang 4

23

Spannungen, die im normalen Geschäftsalltag entstehen, werden in dieser Situation deutlich entschärft. Eine psychologisch angenehme Atmosphäre begünstigt die Bereitschaft, sich bei vielen Themen zu öffnen. „Das gemeinsame Essen ist eine wichtige Fortsetzung der Verhandlungen am offiziellen Verhandlungstisch. Dies gilt auch dann, wenn über die sachlichen Themen selbst gar nicht gesprochen wird.“46 Im Gegensatz zu einem Privatessen steht der geschäftliche Aspekt nach wie vor im Vordergrund. Oft ist dieser in der chinesischen Kultur nicht sichtbar. Besonders bei der Pflege langfristiger Kontakte verschmelzen private und geschäftliche Esssituationen scheinbar sehr eng zusammen. Die kritische Hinterfragung, ob es „mehr Schein als Sein, oder mehr Sein als Schein“ ist, sollte dabei vergessen werden. Der ursprüngliche Geschäftszweck wird kunstvoll versteckt; jedoch wissen alle Teilnehmer, wo das „Ausgeblendete“ genau liegt. Besonders in China gehört das Geschäftsessen als „fester Bestandteil zur Abwicklung von Geschäften“.47 Es stellt nicht nur eine zusätzliche Gelegenheit für die Intensivierung des Geschäftskontaktes und der Selbstinszenierung dar, sondern viel mehr hat sich das gemeinsame Essen im chinesischen Geschäftsalltag als ein subjektives Urteilskriterium der Kooperationsbereitschaft durchgesetzt. „Vor zwei, drei Jahren hatten wir unsere (chinesischen) Geschäftspartner zu Besuch in Deutschland, […] da hatten wir uns nur inhaltlich zusammengesetzt und uns nicht weiter gekümmert. Jetzt im Nachhinein wird uns vorgeworfen, dass wir uns nicht bemüht haben, weil wir sie nicht zum Essen eingeladen haben. […] das hat jetzt schon Auswirkungen. Mir war damals nicht bewusst, dass das so wichtig ist. […] Wo ich jetzt hier bin (in China), sehe ich das auch, wie die Chinesen ihre Partner behandeln.“48 Hierbei handelt es sich um die erlebten Erfahrungen eines Deutschen, der in China 46

Kotte, 2007, S. 25

47

Vgl. Kotte, 2007, S. 25

48

Kotte, 2007, S. 25

24

arbeitete und sich nicht mit den hohen Erwartungshaltungen der chinesischen Partner im Vorfeld auseinander gesetzt hatte.

25

3. Ablauf eines Geschäftessens Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich auf kulturwissenschaftliche Beobachtungen des Verfassers und lehnen sich an sekundäre Interviewmaterialien und Literatur an. Diese sind im Anhang aufgelistet. Hauptaugenmerk wurde dabei auf die Vorbereitung, die Bestellung, das Trinken von Alkohol, die Tischreden und Trinksprüche, das Essstäbchen und das Essen gelegt.

3.1. Vorbereitung 3.1.1. Die Einladung Viele Einladungen zum Essen in China werden verbal ausgesprochen. Hochoffizielle Anlässe oder eine Vielzahl von Gästen machen die schriftliche Form notwendig. Die mündliche Form der Einladung ist alldem vorzuziehen, da sie mehr persönliche Wärme übermittelt und die Wertschätzung des Gastes verstärkt. Eine schriftliche Form wird hingegen oft als kühl und unpersönlich wahrgenommen, wobei diese natürlich wesentlich verbindlicher ist. Sie stellt eine große Erleichterung für den Gastgeber dar. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Geschäftsessen in China im Vergleich zu deutschen Gewohnheiten sehr früh beginnen kann. Unerfahrene deutsche Gäste empfinden es vielleicht eher ungewöhnlich, zum Mittagessen gegen 11:30 Uhr oder zum Abendessen gegen 17:30 Uhr geladen zu werden. Im Allgemeinen spielt die Bekleidung eine untergeordnete Rolle. Wenige Ausnahmesituationen erfordern eine Kleiderordnung, die vom Gastgeber schriftlich oder mündlich angekündigt wird. Im Grunde genommen wird ein Geschäftsessen in China nicht an Kleidung scheitern. 3.1.2. Büffet versus „ à la carte“ Die Kriterien für ein „gutes Lokal“ sind subjektiv und individuell unterschiedlich. Doch wenn man viele Geschäftsessen genauer betrachtet, sind ein paar allgemeine Grundzüge zu erkennen. In China gilt das Büffet als etwas Primitiveres, Fastfoodmäßiges, egal wie

26

luxuriös und reichlich es sein mag49. Im Vergleich zu einem klassischen Essen „à la carte“ kommt die Art und Weise des Büffets bei Chinesen relativ schlecht an. Ein Grund dafür könnte sein, dass das Essen beim Büffet nicht ofenfrisch zubereitet wird. Ein weiterer Grund dafür mag sein, dass der Chinese viel Wert auf Service legt. Andererseits fehlt bei einem Büffet der gemeinsame zeitliche und räumliche Rhythmus, an dem sich alle Gäste orientieren können. Eine fortwährende Unruhe, die durch das Nachlegen von Essen entsteht, beeinträchtigt die Kommunikation und das „Wir-Gefühl“. 3.1.3. Auswahl des Restaurants Aufgrund der großen Anzahl konkurrierender Restaurants verschiedener Küchenrichtungen und Stile hat ein Gastgeber in China oft eine immense Auswahl an Lokalitäten. Oft hat der Gastgeber die „Qual der Wahl“. Sobald er ein Wunschbild ins Auge gefasst hat, kann er meist davon ausgehen, dass er sein, für diese Einladung, maßgeschneidertes „Traumlokal“ schnell findet, ohne sich auf ein bestimmtes „Stammrestaurant“ fixieren zu müssen. Der Preis ist für viele Gastgeber ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Restaurants. Um den Status des Gastgebers zu repräsentieren und die besondere Wertschätzung gegenüber dem Gast zum Ausdruck zu bringen, wird oft ein teueres Restaurant bevorzugt. Hausmannsküchen, egal wie schmackhaft sie sein mögen, oder kleinere Restaurants werden meistens von Anfang an ausgeschlossen. 3.1.4. Séparée Ein Séparée innerhalb des Restaurants wird in den meisten Fällen bevorzugt. Offene Räume und große Tische finden oft wenig Anklang. In einem Séparée ist man selbst bei sensiblen oder intimen Gesprächsthemen ungestört unter sich. Zusätzlich hebt die räumliche Enge eines Séparées das „Wir-Gefühl“ hervor. Oft verfügt ein Séparée über viele weitere Funktionen, wie z.B. Toilette, Fernseher, Karaoke-Anlage usw. Die Situation im geschlossenen Raum erinnert an Essen in familiärer Atmosphäre und verstärkt schnell das Gefühl der Gemeinsamkeit.

49

Vgl. Interview Nr. 3

27

Darüber hinaus steht noch eigenes Bedienungspersonal nur für diesen Raum zur Verfügung. Auch die Dekorationen, die Möblierung, die musikalische Umrahmung sind von Séparée zu Séparée unterschiedlich. Jeder Raum trägt einen speziellen Namen. Das alles ermöglicht dem Gastgeber, „seine“ Einladung möglichst an seinen individuellen Vorstellungen zu orientieren, um sich optimal zu repräsentieren und seinen Gästen eine besondere Wertschätzung zukommen zu lassen. 3.1.5. Runder Tisch versus langer Tisch Auch die Form des Tisches spielt für die Selbstinszenierung des Gastgebers bei einem Geschäftsessen in China eine wichtige Rolle. Präferiert wird meistens ein runder Tisch. Eindeutige Vorteile liegen auf der Hand: Alle Beteiligten haben die gleiche Entfernung zur Tischmitte. Das trägt zur Erleichterung der Kommunikation beträchtlich bei. Die unsymmetrische Sitzordnung und der unterschiedliche Abstand der Gäste zueinander machen eine Kommunikation an einem langen, eckigen Tisch sehr schwierig. Viele runde Tische sind zusätzlich mit einer kreisförmigen Drehplatte aus Glas oder Holz ausgestattet. Die Speisen werden hierauf angerichtet. Die Drehscheibe ist besonders bei einer großen Anzahl von Gästen vorteilhaft.

Abb. 3: Runder Esstisch mit Drehscheibe

In „Teamarbeit“ wird die Platte je nach Bedarf im Uhrzeigesinn gedreht. So ist es problemlos möglich, jedem Gast den Zugriff auf noch entfernte

Speisen

geometrische

runde

zu

gewähren.

Form

wird

in

Die der

chinesischen Kultur hochgeschätzt. Sie gilt als großartig, flexibel.

harmonisch,

allmächtig

und

Abb. 4: Geschäftsessen am runden Tisch

28

3.1.6. Die Tischordnung Um den Gästen der chinesischen Tradition entsprechend eine besondere Achtung zu erweisen, arrangiert der Gastgeber häufig eine Tischordnung. Viele Grundregeln finden sich in diversen Ratgeberliteraturen: „Dem Ranghöchsten gebührt auch hier der beste Sitzplatz. Eine Orientierung kann z.B. die Faltung der Servietten bieten: Die für den Hauptgast oder den VIP sind anders gefaltet. Falls alle Servietten gleich gefaltet sind, gilt auch hier: Der Hauptgast schaut mit dem Gesicht zur Tür. Bis die besten Folgeplätze besetzt sind, kann es dauern: Jeder möchte aus Höflichkeit dem anderen den Vortritt lassen.“50 In vielen Situationen werden im Vorfeld Namensschilder für die Sitzordnung vorbereitet. In anderen Fällen wird meistens der ranghöchste Gastgeber die Plätze nach seinem Ermessen verteilen.

Ranghöchster Gast

Ranghöchster Gastgeber

Dolmetscher

2. Gast

6. Gast (Drehplatte in der Mitte) 5. Gastgeber

3. Gastgeber 5. Gast

4. Gast

4. Gastgeber Co-Gastgeber / 2. Gastgeber

3. Gast

Tür Abb. 5: Tischordnung an einem runden Tisch am Beispiel von einem Geschäftsessen in China von 12 Personen

Generell gilt bei der chinesischen Tischordnung, dass die rechte Seite ranghöher ist als die linke Seite. Wenn wir den ranghöchsten Gastgeber nun als Referenzpunkt nehmen, erhält 50

Kotte, 2007, S. 27

29

üblicherweise der ranghöchste Gast den Platz rechts und der zweitwichtigste Gast den Platz links neben ihm. Dem Hauptgastgeber gegenüber sitzt der zweitwichtigste Gastgeber, der in China auch „Co-Gastgeber“ genannt wird. Üblicherweise ist dies der Platz mit dem Rücken zum Eingang. Der Co-Gastgeber übernimmt auch die Aufgabe des Bezahlens. Rechts und links neben ihm sitzen jeweils der drittwichtigste und der viertwichtigste Gast. Nachdem die Hauptgäste und -gastgeber ihre Plätze eingenommen haben, werden die anderen aufgefordert, im Uhrzeigersinn Platz zu nehmen. Eine erfahrene Bedienung beginnt immer von dem ranghöchsten Gast, über den Gastgeber, weiter im Urzeigersinn mit dem Einschenken der Getränke. Die Runde endet am letzten Platz rechts neben dem ranghöchsten Gast. Oft ist das der Platz für den Dolmetscher.

3.2. Bestellung 3.2.1. Wer bestellt? Es ist nicht übertrieben, die Bestellung bei einem Geschäftsessen in China als eine große Kunst zu bezeichnen. Anders als in Deutschland bestellt hier nicht jeder für sich selbst. Die Vorstellung mit der eigenen Portion für sich selbst existiert hier von Anfang an nicht. Stattdessen wird das ganze Essen in der Regel von einer einzigen oder von mehreren Personen für alle bestellt. Jeder isst von jedem Servier-Teller, egal wer die Initiative zur Bestellung des Gerichtes gegeben hat. Die Trennung von „deinen“ und „meinen“ Speisen bei einem gemeinsamen Essen existiert in der chinesischen Vorstellung nicht. Dies wäre als eine Art Disharmonie zu sehen, die der Freundschaft und dem „Wir-Gefühl“ schaden könnte. In der Regel wird die Aufgabe des Bestellens vom chinesischen Gastgeber gerne übernommen. Sind mehrere Personen auf der Gastgeberseite anwesend, herrscht unter ihnen ein stillschweigendes Einvernehmen bei der Bestellung. Oftmals geht aus formellen Gründen die Aufforderung zur Bestellung an den ranghöchsten Gastgeber, der gerne dafür die Verantwortung übernimmt. Im Grunde genommen hat nur er den konkreten Überblick über das, was er inszenieren will: den Symbolcharakter, die Reihenfolge der Gerichte, die

30

Qualität und Quantität, die Preiskategorie usw. Die Bestellung stellt eine große Herausforderung für den Gastgeber dar. Die große Kunst hierbei ist, alle Gäste zufriedenzustellen,

jedoch

ohne

sie

mit

direkten

Fragen

zu

„belästigen“.

Fingerspitzengefühl ist auf jeden Fall Voraussetzung für einen guten Gastgeber in China. 3.2.2. Wird der Gast nach seinem Wunsch gefragt? Aus Höflichkeit fragt der chinesische Gastgeber manchmal seine Gäste nach deren Wünschen. Dabei ist stark zu differenzieren, ob es sich wirklich um eine ernsthafte Nachfrage, oder lediglich um eine rhetorische Frage handelt. „Den Vorschlag des Gastgebers anzunehmen“51 könnte die einfachste Strategie des Gastes sein. Aufgrund der großen Auswahl an Speisen und der Vielfältigkeit der Zubereitungsmethoden in der chinesischen Küche ist es vielleicht nicht verkehrt, sich immer überraschen zu lassen. Die Vorstellung von „Lieblingsgerichten“ existiert in China selten. Sicherlich kann der Gast „böse Überraschungen“ im Vorfeld vermeiden, in dem er dem Gastgeber sein „Tabu-Essen“ rechtzeitig vor Ort erklärt. Individuelle Tabus aus medizinischen und geschmacklichen Gründen wie Knoblauch, Meeresfrüchte, Fleisch usw. werden meistens respektiert. Noch geschickter wäre es, wenn der Gast das „Spiel der Rhetorik“ aktiv mitmacht und zum Schluss sinnvolle Ergänzungsideen einbringen würde, nachdem der chinesische Gastgeber das gesamte Menü fast fertig zusammengestellt hat. Aber die Kunst ist eher geeignet für „fortgeschrittene“ ausländische Gäste, da hierbei umfassende Kenntnisse über die Vorstellung eines „idealen“ Essens des chinesischen Gastgebers vorausgesetzt werden. Folgende Aspekte, die auf die Ausgewogenheit der Speisenwahl achten, sollen berücksichtigt werden: kalt und warm, schnell und langsam, appetitweckend und sättigend, rot und grün, trocken und flüssig, Fleisch und Gemüse, Damen- und Herrenspeisen und die verschiedenen symbolischen Bedeutungen der einzelnen Gerichte. Die oben beschriebene dominante Art des Gastgebers wird in der chinesischen Kultur nicht als unhöflich empfunden. Ganz im Gegenteil ist es ein Ausdruck seiner Gastfreundlichkeit und seiner Kompetenz, den Wünschen seiner Gäste durch seine alleinige Initiative zu 51

Vgl. Interview Nr. 3

31

entsprechen. 3.2.3. Speisekarte versus „Speiseausstellung“ Deutsche Gäste müssen sich nicht wundern, wenn sie in den Restaurants in China keine Nummern für die einzelnen Gerichte finden, was allerdings in europäischen China-Restaurants gang und gäbe ist. Nicht selten gibt es in chinesischen Restaurants eine Theke, die alle Speisen entweder als Modell, als Schautafel oder aus frischen Zutaten exemplarisch darstellt. Diese Art von Zusammenstellung

ist

aus

repräsentativen

Gründen häufig im Eingangsbereich oder unmittelbar

nach

dem

Eingangsbereich

Abb. 6: Speisen auf der Bestellungstheke

platziert. Im Vergleich zur klassischen Speisekarte vermittelt sie ein schnelleres, plastischeres und direktes Informationsbild. Frische Meerestiere und Fische finden sich meist lebend am Ende der Theke in Aquarien, da tiefgefrorenen Lebensmitteln in der chinesischen Küche eine geringere Wertigkeit beigemessenen wird. „Gemüsestand“ und „Aquarium“ gehören heutzutage zu festen Elementen moderner und größerer Restaurants in China. Sie sind nicht nur ein demonstratives Werk für den Status des Restaurants, sondern auch eine angenehme Erleichterung bei der Entscheidung des Kunden. Darüber hinaus wagen viele moderne

Restaurants

eine

offene

Küche

einzurichten, um die Sinne der Gäste noch mehr anzuregen.

Abb. 7: Aquarium in einem Restaurant

Viele Gastgeber fordern gerne ihre deutschen Gäste auf, beim Bestellen mitzukommen. Der Gastgeber persönlich kümmert sich um eine kulinarische Führung durch den

32

Bestellungsbereich. Sie gehen gemeinsam durch den reichhaltig gedeckten „Speisenwald“, machen Zwischenstopps, wenn Erklärungsbedarf besteht. Mit viel Geduld und Liebe zum Detail wird erklärt und diskutiert: von Entstehungsgeschichten, Anekdoten und Sitten, über Zubereitungen, medizinische Wirkungen der TCM 52 , bis hin zu Assoziationen und Symbolbedeutungen. Für den Gastgeber ist das oft ein Moment des Stolzes. Er beobachtet die Begeisterung der Gäste beim Bestaunen der chinesischen Esskultur, selbst wenn so manche exotische Überraschungen einem Schreck gleichen.53 3.2.4. Die Kunst des Bestellens Es besteht kein Zweifel, dass hundert chinesische Gastgeber hundert Wege finden, um ihre Selbstinszenierung effizient und maximal zu verwirklichen. Doch interessant ist zu hinterfragen, wohin diese Wege letztendlich führen. Beim Essensbestellen in China wird die gesamtheitliche Balance gesucht und die Harmonie angestrebt. Die Zusammenstellung eines Menüs ist nichts anderes als die Suche nach der idealen Balance. Auch der Gesundheitsaspekt gewinnt heutzutage bei einem Geschäftsessen immer mehr an Bedeutung. Aufgrund der kontinuierlichen Verbesserung des Lebensstandards in den letzten Jahrzehnten in China befindet sich unsere Vorstellung über das „ideale gute“ Essen in einem dramatischen Wandel. Gesundheit wird heute häufiger beschworen als je zuvor. Begriffe wie „gesundes Leben“, „Essen als Medizin“, „Schönheit durchs Essen“ sind in der modernen Gesellschaft ein Mythos geworden. Während bei einer Einladung vor 20 Jahren das Fleisch noch eine der beliebtesten Ausdrucksformen für Status und Wohlstand war, sind in der heutigen Gesellschaft nicht die sattmachenden, sondern die gesundheitsorientierten Speisen auf dem Siegeszug. Eine Wertigkeitsverschiebung von den klassischen Fleischspeisen zu Gemüse und Fisch ist deutlich zu beobachten. Das nachfolgende populäre, ironische Gedicht, welches in China mündlich überliefert wird, bringt die Gäste beim Geschäftsessen immer wieder zum Lachen und macht den Wandel deutlich: 52

Abkürzung für „Traditionelle Chinesische Medizin“

53

Vgl. Interview Nr. 3

33

„Gerade haben wir (Bauern) es geschafft, Fleisch zu essen, fangt ihr (Städter) wieder an, Gemüse zu essen. Gerade haben wir es geschafft, uns Zucker zu leisten, fangt ihr an, Zucker auszuscheiden54. Gerade haben wir es geschafft, eine Frau zu heiraten, fangt ihr wieder an, ledig zu bleiben. Gerade haben wir die Algen den Schweinen zum Fressen gegeben, fangt ihr wieder an, sie als hochwertige Delikatesse zu schätzen.“55 Mit „wir“ ist im Gedicht das chinesische Bauernmilieu gemeint, das Schwierigkeiten hat, mit dem Lebensstil und der Lebensphilosophie städtischer Bewohner Schritt zu halten. Mit einfachen Beispielen aus dem Alltag macht das Gedicht deutlich, dass sich die Vorstellungen der Chinesen gerade in der Zeit des schnellen Wirtschaftswachstums in dramatischen und z. T. radikalen Wandelprozessen befinden. Gesundem Essen und gutem Essen werden heute neue Inhalte und Werte verliehen. Auf den Gesundheitsaspekt wird von vielen Gastgebern beim Bestellen geachtet. Seetang und Bananen sollen die Darm- und Magenfunktion stärken. Tofu, Tomaten und Fisch zusammen könnten den Blutdruck senken. Wer unter dermatologischen Problemen leidet, soll die Kombination von Gurken, Tomaten und Auberginen essen. Selbst die chronische Zuckerkrankheit könnte durch regelmäßige Einnahme von Lammdarm, Rippen und Sellerie erleichtert werden. Hingegen gibt es auch tabuisierte Essenskombinationen, die unbedingt vermieden werden sollen. Solche Kombinationen könnten entweder zu einer Lebensmittelvergiftung führen, oder sie zerstören langfristig die Ausgewogenheit der „Kälte“ und der „Wärme“ im Körper. Dazu zählen beispielsweise die schlechten Kombinationen von Kaki und Gans, Kürbis und Lammfleisch, Erdnüssen und Gurken oder Sesam mit Hühnerfleisch. Spinat und Tofu zusammen sind zwar lecker, schaden aber den Wirbelsäulen und Bandscheiben. Es mag sein, dass Schubeck in seiner Kochsendung auch die medizinischen Wirkungen der Speisen erklärt. Ein deutlicher Unterschied hierbei ist aber, dass die chinesische Perspektive mehr auf die ganzheitliche Balance des Körpers fokussiert ist, während die 54

Diabetes

55

Vgl. Interview Nr. 3

34

europäische eher auf den westmedizinischen und chemischen Sichtwinkel verweist. 3.2.5. „Entschuldigen Sie bitte für das bescheidene Essen!“ Interessant ist bei einem Geschäftsessen in China auch das Statement des Gastgebers. Nicht selten erlebt man in China die Situation, dass sich der Gastgeber plötzlich für sein „bescheidenes Essen“ entschuldigt, während der deutsche Gast gerade das üppige Essen bestaunt. In seltenen Fällen handelt es sich hierbei wirklich um das schlechte Gewissen des Gastgebers. Eher ist es ein Ausdruck seiner Bescheidenheit und Höflichkeit gegenüber seinem Gast. Ursprung dieser Höflichkeitsfloskel waren die armen Zeiten, in denen ein Gastgeber tatsächlich nicht in der Lage war, seinen Gast mit einem reichlichen Essen zu verwöhnen. Aber in der heutigen Zeit, mit dem immer verbesserten Wohlstand in der Stadt, spielt noch eine andere Nationalpsyche mit: Dass selbst ein „bescheidenes Essen“ in China im internationalen Vergleich überdurchschnittlich üppig und raffiniert ist, ist gerade das Gegenteil von einer Selbsterniedrigung. Ein gewisser Nationalstolz des Gastgebers steckt dahinter. 3.2.6. Quantität und Qualität Seegurken und Abalonen56 sind die Perlen der chinesischen Küche. Außerdem zählen zu der Hitliste noch Bärentatze, Haifischflossen und Schwalbennest. Aber nicht nur die Qualität, sondern auch die Quantität ist ein wichtiger Punkt, dessen Bedeutung bei einem Geschäftsessen in China nicht zu vernachlässigen ist. Die Idee der europäischen Weisheit „Frühstücke wie ein Kaiser, iss zu Mittag wie ein König und zu Abend wie ein Bettler“ ist den meisten Chinesen nicht fremd. Denn auch in der chinesischen Kultur gibt es einen vergleichbaren Spruch: „Frühstücke gut. Iss zu Mittag viel und zu Abend wenig“.57 Jedoch wird diese Weisheit bei Essenseinladungen in China kaum eingehalten. In der Regel wird immer viel mehr bestellt, als die Gäste aufessen können.

56

Eine Art Seemuschel, auch „Seeohren“ genannt

57

Ein allgemein bekannter chinesischer Spruch

35

Das hat vor allem mit der „Gesichtswahrung“ des Gastgebers zu tun. Denn leere Teller auf dem

Tisch

bedeuten

nichts

anderes

als

einen

„Gesichtsverlust“.

Mit

dem

„Übrigbleiben“ werden nicht nur die Gastfreundlichkeit, sondern auch die Macht und der Wohlstand repräsentiert. „Die reich gedeckte Tafel diente zu allen Zeiten der Demonstration des eigenen Wohlstandes, der Sitte und Bildung eines Hauses, des Glücks einer Familie. Der Gast kann die ‚Wirklichkeit’ des Gastgebers prüfen, d.h. die Potenz seiner Tafel nach Quantität und Qualität.“58 Essen ist für Chinesen schon längst nicht mehr lediglich ein einfaches Mittel zum Sattwerden. Es hat fast noch eine „religiöse Bedeutung“.59 Auch die Anzahl der bestellten Speisen hat eine Symbolfunktion, die nicht gering geschätzt werden soll. Es gehört für den Gastgeber fest dazu, seine Glückwünsche auch in die Zahlen zu „verschlüsseln“. Auf diese Art und Weise drückt er seine Glückwünsche aus, ohne großartig verbal und ideologisch erklären zu müssen. Üblicherweise werden Zahlen wie „sechs“, „acht“ oder „neun“ als besonders glückverheißende Zahlen wahrgenommen. Die Zahl „sechs“ klingt von der Aussprache her ähnlich wie „Glück“, „acht“ wie „Reichtum“. Zusätzlich gehören die beiden zu den geraden Zahlen, die in der chinesischen Astrologie generell als Glückszahlen geschätzt sind. Ausnahme ist die Zahl „vier“, die wegen der lautlichen Ähnlichkeit leicht mit „Tod“ assoziiert werden könnte. „Neun“ ist zwar keine gerade Zahl, ist aber die höchste überhaupt, die unter den einstelligen Zahlen zu erreichen ist. Darüber hinaus wird „neun“ gleich wie „langlebig, langwierig oder ewig“ ausgesprochen. Aus dem Grund bieten beispielsweise neun Gerichte gute Möglichkeiten, das Anliegen des Gastgebers, wie z.B. „lange Zusammenarbeit“, „langes Leben“ oder „ewige Freundschaft“, zu artikulieren.

58

Benker, S. 14

59

Vgl. Interview Nr. 1

36

3.3. Das Trinken von Alkohol 3.3.1. „Wie der Steuermann für die Seefahrt, ist das Alkoholtrinken für die Freundschaft!“ Das Trinken von Alkohol ist während eines chinesischen Geschäftsessens am Abend sehr populär. „Ohne Alkohol, kein Bankett!“60 Dies gilt zumindest für Nordchina. Es wäre sicherlich leichtsinnig, zu versuchen, die chinesische und die europäische Trinkkultur mit ein paar Worten direkt zu vergleichen. Aber was zumindest die Quantität und die Intensität anbelangt, scheint die Stellung des Alkoholtrinkens in China viel ernsthafter und höher eingestuft zu sein als in der europäischen Trinkkultur. „Wie der Steuermann für die Seefahrt, so das Alkoholtrinken für die Freundschaft!“,61 so lautet ein allgemein bekannter chinesischer Spruch, der oft bei einem Geschäftsessen zu hören ist. 3.3.2. „Bai Jiu“ - der chinesische Schnaps Die üblichsten Alkoholsorten in China sind vor allem Getreideschnaps, Bier und Wein. Darüber hinaus gibt es noch eine große Anzahl von verschiedenen regionalen Spezialitäten, wie

z.B.

der

Reisschnaps

in

Südchina,

der

Barley-Schnaps

in

Tibet,

der

Pferdemilch-Schnaps in der Inneren Mongolei und der Kräuterschnaps in Qingdao usw. Schnaps heißt in der chinesischen Sprache „Bai Jiu“, was wortwörtlich als „weißer Alkohol“ zu übersetzen ist. In China wird er vorwiegend aus Weizen oder Sorghum gebrannt. Der Alkoholgehalt liegt in der Regel zwischen 38 und 72 Prozent. Hoher Alkoholgehalt gehört zu den wichtigsten Kriterien, um die Qualität eines Schnapses zu beurteilen. Das Wort „Mao Tai“, das viele ausländische Gäste als Oberbegriff für alle chinesischen Schnäpse verwenden, sorgt bei der Kommunikation oft für Missverständnis. Denn für Chinesen ist es eine bestimmte Schnaps-Marke, die „Mao Tao“ heißt. Der „Mao Tai“–Schnaps ist einer der hochwertigsten und teuersten Schnapssorten in China, die es gibt. Sein Preis im Restaurant liegt heutzutage bei ca. 60 Euro pro Flasche aufwärts. 60

Ein allgemein bekannter chinesischer Spruch

61

Ein allgemein bekannter chinesischer Trinkspruch, Vgl. auch Interview Nr. 3

37

Die Entstehung des Schnapses in China ist auf die Xia-Dynastie

(2.

zurückzuführen.

Jahrtausend Du

Kang,

v.

Chr.)

Erfinder

62

des

Schnapsbrennens, taufte dieses Getränk auf den Namen „Jiu“. Die drei Wasserpünktchen im linken Teil des Schriftzeichens sollen auf die flüssige Form des Schnapses verweisen, während der rechte Teil, ein Ersatzzeichen für „Häuptling“, 63 den Laut geben soll.

Abb. 8: Das chinesische Schriftzeichen für „Alkohol“

Denn „Häuptling“ klingt auf Chinesisch stimmlich ähnlich wie das Zwitschern von Vögeln, die einer Legende nach Du Kang bei der Schnapserfindung inspiriert haben sollen.64 In der chinesischen Kultur und Geschichte wird dem Schnaps oft ein durchaus positiver Charakter wie „heldenhaft“, „männlich“ oder „hochtalentiert“ zugeschrieben. Im Roman „Geschichten vom Liangshan-Moor“ beschrieb der Autor Shi Naian den Helden Wu Song, der 18 große Schüsseln Schnaps auf einmal ausgetrunken hat. Der Mut und die Kraft, die ihm der Schnaps gegeben hat, waren so stark, dass er danach einen wilden Tiger mit bloßen Fäusten totgeschlagen hat, der ihn fressen wollte.65 Seit der Tang-Dynastie (7.-10. Jh.)66 ist das Alkoholtrinken auch in der Gelehrtenwelt als ein positives Attribut hoch im Kurs. Die acht berühmtesten Dichter67 zu dieser Zeit waren ausnahmslos alle berühmte „Trinker“. Von der Bevölkerung wurden sie als die sogenannten „acht Schnapsgötter“ verehrt. Li Bai68, der Bekannteste von ihnen, konnte erst seinen grandiosen literarischen Schöpfergeist frei entfalten, nachdem er betrunken war. Ihn beschrieb sein Zeitgenosse Du Fu (712-770) in einem Gedicht: 62

2070-1600 v. Chr.

63

„Häuptling“ auf Chinesisch: „酋“

64

Vgl. Li Chunguang, 2008, S.17

65

Vgl. „Geschichte des Essens“, S.123-124

66

618-907 n. Chr.

67

Li Bai, He Zhizhang, Li Jin, Li Shizhi, Cui Zongzhi, Su Jin, Zhang Xu, Jiao Sui

68

701-762: Chinesischer Dichter der Tang-Zeit

38

„Nach 10 Liter Schnaps schöpfte Li Bai 100 Gedichte und schlief danach in einem Lokal in Changan 69 ein. Er lehnte die Aufforderung des Kaisers ab, mit dem kaiserlichen Schiff zurückzufahren, und antwortete darauf, ‚Exzellenz, ich bin Gott des Schnapses.’“70 In 170 von seinen insgesamt 1050 Gedichten hat er das Thema Schnapstrinken hochgepriesen. Sein Zeitgenosse Du Fu, der insgesamt 1400 Gedichte hinterlassen hat, hat in mehr als 300 Gedichten das Thema Trinken behandelt. In der Regel fragt der chinesische Gastgeber am Anfang höflich, was der Gast trinken möchte. Abgesehen von den wenigen Gastgebern, die sich mit der westlichen Trinkkultur gut auskennen, versuchen die meisten immer, ihre Gäste zum Vieltrinken zu animieren. Manche Gastgeber geben nicht auf, auch wenn der Gast sich bereits für Bier oder Wein entschieden hat. Empfohlen wird hierbei oft, Schnaps, Bier und Wein gleichzeitig zu probieren. Das Bier als „flüssiges Brot“ wird irgendwie als nicht intensiv genug wahrgenommen, um für eine ideale Trinkstimmung zu sorgen. Auch der Wein ist hierfür nicht unbedingt stark genug, um wahre Freundschaft auf die traditionelle Weise zum Ausdruck zu bringen. Im Grunde genommen versucht der Gastgeber dabei immer zu entscheiden, wo es lang geht. 3.3.3. Das Einschenken Anders als in Europa wird in China nicht erwartet, dass man sich selbst ein- oder nachschenkt. Das wäre ein Zeichen für einen schlechten Gastgeber, der sich nicht gut um seinen Gast kümmern kann. Ein charmanter Gastgeber schafft immer, so umsichtig zu sein, dass der Gast während des ganzen Essens ein volles Glas zum Trinken hat. Diese Aufgabe übernimmt er entweder persönlich, oder er gibt sie weiter an seine untergeordneten Kollegen oder den Kellner. Anders als beim Tee soll beim Alkoholtrinken das Glas voll eingeschenkt werden.

69

Heutige Xia’an-Stadt, Hauptstadt der Shaanxi-Provinz

70

Vgl. Li Chunguang, 2008, S. 90

39

3.3.4. Das Anstoßen - „Ganbei“ versus „Prost“ Sind alle Gläser gefüllt, beginnt das Anstoßen. Das Start-Signal gibt der Gastgeber, in dem er sich erhebt und üblicherweise eine kurze Tischrede hält. Im Anschluss daran wird das Essen mit einem gemeinsamen Anstoßen eröffnet. Einige Details sind dabei zu beachten: „Als besondere Respektbekundung gegenüber einer älteren oder übergeordneten Person wird das Glas beim Anstoßen mit zwei Händen gehalten, wobei die eine Hand das Glas normal hält, während die andere Hand mit der Handfläche nach oben unter

den

Glasboden

gehalten

wird.

Eine

weitere

besonders

höfliche

Respektbekundung ist es, darauf zu achten, dass man das eigene Glas beim Anstoßen etwas niedriger hält als das Glas des Gegenübers.“71 Die Kunst des Anstoßens fängt schon mit der Sprache an. Beim Anstoßen sagt man in China: „Ganbei“. Dem Äquivalenzprinzip zugunsten wird das Wort beim Geschäftsessen meistens vom Dolmetscher als „Prost“ übersetzt. Aber es ist gut zu wissen, dass das Wort genauer genommen etwas anderes bedeutet. Ursprünglich bedeutet „Ganbei“ „das Glas leeren“ oder „auf Ex trinken“. Die freie Interpretation als „Prost“ ist ein neues sprachliches Phänomen, das erst seit Jahrzehnten immer mehr Akzeptanz findet. Da das Wort einen großen Spielraum zwischen „anstoßen und einen Schluck kosten“ und „anstoßen und austrinken“ hinterlässt, sorgt es oft für gute Stimmung. Wie bei einem Tauziehen wird oftmals von Gastgeber und Gast freundlich hin und her diskutiert, ob das Anstoßen ein chinesisches oder ein deutsches „Ganbei“ ist. Es bedarf feinem Fingerspitzgefühl, um richtig einschätzen zu können, was der Gastgeber genau gemeint hat. 3.3.5. Rhythmus des Trinkens Am Anfang des Essens schlägt der Gastgeber oft vor, das Glas drei Mal gemeinsam zu erheben. Um ein Vorbild zu sein, trinkt er sein Glas freiwillig in einem Zug aus. Danach hebt er das Glas hoch und kippt um, um zu beweisen, dass kein Tropfen übrig blieb. Damit ist der Standard der „Trinkmoral“ festgelegt. Erwartet wird, dass jeder Gast mindestens genau so viel trinkt wie er. Nach einer kurzen Pause ist der Co-Gastgeber dran. Um den

71

Vgl. Internetquelle Prochina: Knigge beim Alkohol trinken in China

40

ranghöchsten Gastgeber nicht in den Schatten zu stellen, reduzieren sich seine Anstöße auf zwei Mal. Danach beginnt die Phase des individuellen Anstoßens. Um den Respekt zu zeigen, aber auch aus taktischen Gründen wollen alle von der Gastgeberseite mit dem ranghöchsten Gast trinken. Wenn ihm diese Taktik des Gastgebers nicht bewusst ist, wird er zum Schluss deutlich mehr trinken müssen als die Gastgeberseite insgesamt. Den richtigen Rhythmus soll der Gastgeber während des Trinkens nicht aus dem Auge verlieren, um ein unfallfreies Geschäftsessen zu gestalten: „Eine hilfreiche Regel beim Alkoholtrinken lautet: ‚Schnell drei Gläser, langsam drei Gläser. Nicht zu schnell und nicht zu langsam wieder drei Gläser’. Die ‚drei’ ist in diesem Kontext keine konkrete Zahl, sondern steht für eine bestimmte Summe von Gläsern. Es könnten beispielsweise auch sechs Gläser sein. Die Geschwindigkeit soll ein Gastgeber gut im Griff haben, damit die Gäste sich trotz des Vieltrinkens sich immer noch wohl fühlen. Am Anfang soll das Trinken relativ dynamisch sein. Für gute Stimmung und Repräsentation der Herzlichkeit soll es sorgen. Nach dieser Runde sind die Gesichter mancher Gäste vielleicht schon knallrot. Da muss man ein bisschen tolerieren und den Gästen ein wenig Zeit lassen, etwas zu essen. Danach stabilisiert sich die Geschwindigkeit wieder und man trinkt ab diesen Moment in einer eher mäßigen Geschwindigkeit weiter.“72 3.3.6. „Trinkt man mit einem gleichgesinnten Freund, so sind tausend Gläser Schnaps zu wenig!“73 Es wäre vielleicht nicht total falsch, das Trinken als eine Art Wettbewerb zu betrachten. Aber es ist sicherlich nicht ganz richtig, es mit einem gewöhnlichen Kraftmessen der Trinkfestigkeit zu vergleichen, bei dem allein die Quantität im Mittelpunkt steht. Ein interessantes Phänomen beim Geschäftsessen in China ist, dass im Vergleich zur Quantität die Bereitschaft, viel mitzutrinken, eine deutlich wichtigere Rolle spielt. Jemand, der sich die ganze Zeit „stets bemüht“ und schon nach zwei Gläsern Bier ein knallrotes Gesicht bekommt, wird mehr respektiert als ein anderer, der zwar jedes Mal konservativ mittrinkt, 72

Vgl. Interview Nr. 2

73

Ein allgemein bekannter chinesischer Spruch

41

aber nach fünf Flaschen Bier immer noch total vernünftig bleibt. Da jeder eine unterschiedliche Körperkondition hat, ist es schwierig, eine einheitliche Alkoholmenge für alle festzulegen, mit der die Wertschätzung gemessen werden soll. Das einzige Kriterium, an dem man festhalten kann, ist der Eindruck, dass man gerne so viel mittrinkt, wie man tatsächlich kann. Das Alkoholtrinken ist nicht in jeder Situation angenehm. Folgender Spruch soll beschreiben, mit welchem Gefühl man beim Trinken zu rechnen hat: „Ein halbes Pfund Schnaps tut nichts. Ab einem Pfund geht man der Wand entlang. Nach eineinhalb Pfund geht nicht der Mann, sondern die Wand.“74 Zwar ist es ein unangenehmer und leicht peinlicher Moment, aber im Nachhinein wird das Vieltrinken im Großen und Ganzen meist positiv beurteilt. Hinter dem Trinkzwang steckt der Gedanke des „Opferns“. Selbst der beste Trinker ist sich bewusst, dass zu viel Alkohol der Gesundheit schadet. Bei einem Geschäftsessen soll man zeigen, dass man für die persönliche Freundschaft, die im Geschäftsleben in China sehr groß geschrieben wird, alles „opfern“ kann. Unser Körper und unsere Gesundheit sind hierbei zu einem kulturellen Medium gemacht worden. „Sich selbst opfern“ und alles geben, soll den Willen zur Vertiefung der Freundschaft repräsentieren. Unter dem Motto: „Ist die Freundschaft tief, so schafft man es in einem Zug. Ist die Freundschaft seicht, ein kleiner Schluck reicht.“75 3.3.7. Die Kunst des Ablehnens Der Trinkzwang bedeutet aber nicht, dass der Gastgeber und der Gast einander unbedingt unter den Tisch trinken müssen. In der Regel hat ein erfahrener Gastgeber ein gutes Gespür, die individuelle Grenze eines jeden zu erkennen. Notfalls muss sich der Gast gegen den Trinkzwang wehren. Wir halten an der oben erwähnten These fest: die Quantität des Alkoholtrinkens ist für den Aufbau des Vertrauens und die Vertiefung der Freundschaft nicht das Allerwichtigste. 74

Ein allgemein bekannter chinesischer Spruch

75

Vgl. Interview Nr. 3

42

Wichtiger ist die Bereitschaft, sich für die Freundschaft zu „opfern“. D.h. die Art und Weise, wie man sich beim gemeinsamen Trinken inszeniert, spielt eine größere Rolle, als wie viel man wirklich trinkt. Das betrifft auch das Ablehnen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Mittrinken abzulehnen, ohne die harmonische Stimmung am Tisch zu beeinträchtigen. Dennoch ist eine Ablehnung in der Praxis nicht einfach. Dem Gastgeber sind bereits viele klassische Ausreden der Gäste bekannt, so dass sie nicht mehr überzeugend klingen. „Da man als Ausländer meistens mit dem Taxi oder einem Chauffeur unterwegs ist, fällt die typische Ablehnung ‚Ich muss noch fahren’ in diesem Fall aus.“ Als Präventionsmaßname erzählt oft der Gastgeber am Anfang des Essens folgende kleine Geschichte, die mit den Ausreden zu tun hat. Somit sind alle Ausreden gebannt. „Auf vier ‚gefährliche’ Gruppen muss man beim Trinken besonders aufpassen: ‚Leute mit Zöpfen’, ‚Leute mit Tabletten’, ‚Leute mit roten Wangen’ und ‚Leute mit Brillen’.“76 Damit sind gemeint: weibliche Gäste, deren Trinkfestigkeit oft unterschätzt wird; Gäste, die behaupten, dass sie gesundheitliche Probleme hätten; Gäste, die nach wenig Alkohol schnell ein knallrotes Gesicht bekommen; und Gäste, die eine zurückhaltende Erscheinung haben und trotzdem viel trinken können. Solche Gäste hinterlassen beim Alkoholtrinken ganz am Anfang einen harmlosen Eindruck. Diese Trinkgenossen sind aber gefährlich für den Gastgeber, wenn sie langsam in die „Trinkoffensive“ übergehen. Dass man eine Dame ist, Allergie hat, ein rotes Gesicht bekommt, ist keine effektive Ausrede mehr, um sich vom Trinkzwang zu schonen. Der Alkohol ist ein wichtiger Kernpunkt der chinesischen Ess- und Trinkkultur geworden. Im Alkohol liegt die Freundschaft. Beim Trinken werden Harmonie, Vertrauen und das Wir-Gefühl angestrebt. An der Art und Weise, wie man trinkt, werden Charakter und Moral des Trinkers gemessen. Dem Alkohol ist eine fast religiöse Bedeutung beigemessen. Nicht die geschmackliche Gaumenfreude, die der Alkohol bringt, macht ihn zum Mittelpunkt der Trinkkultur. Eher der Umgang des Menschen mit dem Alkohol macht ihn zu einem 76

Ein allgemein bekannter chinesischer Spruch

43

Kulturobjekt.

3.4. Tischreden und Trinksprüche Eine typische Form der Selbstinszenierung beim Essen und Trinken sind Tischreden und Trinksprüche. Tausend Tischreden haben tausend Gesichter. Die Frage ist, welche Gedanken hinter den tausend Gesichtern stehen. Viele Gastgeber sind Freunde von chinesischen Sprichwörtern: „Im chinesischen Alltag spielen die Weisheiten eine große Rolle. Das hat mich überrascht am Anfang. Als ich zum ersten Mal in China war, merkte ich, es vergeht kaum ein Gespräch, an dem nicht irgendwie ein Punkt kommt, wo eine Weisheit zitiert wird. Das ist ganz egal, ob Sie mit einem Jungen, mit einem Alten reden, oder mit einem Bürokraten. Und das ist für uns (Deutsche) eher unvorstellbar, dass man ständig mit deutschen Sprichwörtern um sich wirft.“77 Die am meisten zitierten Sprichwörter während des Essens in der Region Shandong stammen von ihrem Landsmann, Meister Konfuzius. Immer wieder bringt der Gastgeber gerne seine Herzlichkeit mit Zitaten zum Ausdruck, z.B.: „Alle Menschen innerhalb der vier Meere sind Brüder.“78 Mit „vier Meeren“ ist hier die ganze Welt gemeint. Diese chinesische Vision der Nächstenliebe hat Konfuzius vor 2500 Jahren angedacht. Sie gilt nicht nur als Leitspruch für Politik oder Militär, sondern wird auch bei geschäftlichen Begegnungen in China immer wieder thematisiert. Damit will man die Brüderlichkeit ausdrücken. Im Vergleich zu Europa können Chinesen nur einen kleineren sozialen Freiraum einnehmen. Dies ist historisch und demographisch bedingt. Dementsprechend ist die Bedeutung der Familie besonders groß und wird bei wichtigen Entscheidungen nicht selten als ausschlaggebende Orientierung genommen. Mehr als in Deutschland merkt man in China beim Geschäftskontakt den guten Willen und den Versuch, „ein persönliches, familiäres,

77

Vgl. Anhang 6: Audiodatei (Jan-Phillip Senker)

78

Von Konfuzius

44

freundliches Verhältnis herzustellen.“79 Manchmal führt der chinesische Gastgeber die Gäste durch einen kleinen verbalen Spaziergang zum chinesisch-deutschen Kulturvergleich. Er bezeichnet gerne die Shandonger als „Bayern in China“ und umgekehrt die Bayern als „Shandonger in Deutschland“ und verweist somit auf viele Parallelen. Damit wird das „Wir-Gefühl“ stark bekräftigt. Gute Geschäftsfreunde werden nicht nur als Geschäftspartner gewonnen, sondern auch als „Brüder“ in die „Geschäftsfamilie“ integriert. Unter dem Motto: Kann man menschlich miteinander und hat so viel Vertrauen wie zwischen Familienmitgliedern, kann das Geschäft nur reibungslos und erfolgreich funktionieren. Über das Geschäft muss bei Tisch nicht ausführlich geredet werden. Die zwischenmenschliche Harmonie geht dem konkreten Geschäft vor. Natürlich darf man nicht generalisieren, welcher Stil der Tischansprachen der ideale ist. Es gibt keine falsche Tischrede, sondern nur Ansprachen, die der Situation nicht entsprechen. Allgemein gesehen vermeiden viele chinesische Gastgeber, bei Tischreden oder Trinksprüchen den Anlass des Anstoßens konkret zu formulieren. „Auf einem Unternehmensempfang wird der Antritt des neuen stellvertretenden Geschäftsführers gefeiert. Sein Bruder erhebt sich mit einem Glas Schnaps und bedankte sich bei der Geschäftsführerin: ‚Ich möchte Ihnen ganz herzlich danken, dass Sie meinen Bruder zu Ihrem Stellvertreter befördert haben.’ Im Nu ist die Stimmung abgerutscht.“80 Eine zu konkrete Formulierung des Anlasses für den Trinkspruch könnte den Betroffenen in Unannehmlichkeiten stürzen. Dies könnte die Harmonie bei Tisch gefährden. Unklare Formulierungen sind dementsprechend weniger problematisch, da Chinesen unter sich die Interpretation der Nuancen nicht schwer fällt. Konkrete Themen eignen sich weniger und würden störend wirken. „Wenn die Harmonie beim Trinken funktioniert, wird das Geschäft auch genau so

79

Vgl. Interview Nr. 1

80

Song Guihua, 2009

45

gut funktionieren. Sonst wäre man nicht so offen mit dir trinken gegangen.“81 Möchte man eine Botschaft übermitteln, die einem Projekt dienlich ist, könnte man sie metaphorisch, indirekt und mit Hilfe von Weisheiten darlegen. Eine Handvoll Zitate aus der Trinkspruchsammlung eines Münchner Architekten82 soll dies verdeutlichen: „Sie wurden geboren im Land der aufgehenden Sonne, China; wir wurden geboren im Land der untergehenden Sonne, Deutschland. Wenn wir uns zusammen schließen, wird die Sonne 24 Stunden am Tag scheinen.“ „Sie müssen die Pferde langsam einspannen, wenn Sie schnell fahren wollen.“ „Wer eine Schafherde schützen will, darf keinen Wolf einstellen. Er wird sie fressen.“

3.5. Essstäbchen Viele deutsche Geschäftsleute haben in China Erfahrungen

mit

Einige

ihnen

von

Geschicklichkeit,

Essstäbchen

gesammelt.

sind

stolz

auf

ihre

andere

eher

frustriert.

Besonders praktisch sind Essstäbchen, da sie in der Regel nur eine Hand beanspruchen. Die andere Hand ist befreit. Abb. 9: Essstäbchen

Dennoch ist das Essen mit Essstäbchen in manchen Situationen anspruchsvoll, beispielsweise bei Erdnüssen, Kartoffelstreifen oder Glasnudeln. 3.5.1. Entstehung der Essstäbchen Als ein fester Bestandteil der chinesischen Kultur sind Essstäbchen seit mehr als drei Jahrtausenden nicht wegzudenken. Ist man der Meinung, dass Chinesen schon immer Essstäbchen benutzt haben, irrt man sich. Die oft gehörte Legende, Messer und Gabel spielen in der traditionellen chinesischen Esskultur keine Rolle, entbehrt jeglicher 81

Vgl. Interview Nr. 1

82

Fritz Huber, Münchner Architekt, war mehrmals in der Provinz Shandong geschäftlich unterwegs.

46

archäologischen Grundlage. Die Erfindung der Essstäbchen lässt sich auf die Frühphase der Shang-Dynastie83 vor ca. 3500 Jahren zurückführen. In der antiken Grabstätte Nummer 1005 der Shang-Ruine der Stadt Anyang 84 wurden in einer archäologischen Grabung sechs Bronze-Essstäbchen gefunden. In der Qingjiang-Ruine 85 entdeckte man Essstäbchen aus Knochen und Elfenbein aus der Shang-Zeit. In einem Grab der Stadt Xiangyun 86 wurden zwei Kupfer-Essstäbchen aus der Frühlings- und Herbstperiode 87 gefunden. Sie haben eine Länge von 28 cm und einen Durchmesser von 0,4 cm.88 Cai Yuanpei89, der ehemaliger Rektor der Universität Peking, wies 1924 darauf hin, dass die Vorfahren der Chinesen bis vor etwa 3000 Jahren auch mit Messer und Gabel gegessen hatten. Da das Messer aufgrund seines Tötungspotenzials eher an eine Waffe oder an Krieg erinnert, wurde auf dessen Verwendung langsam verzichtet. Es gab eine Zwischenphase, in der ein Zeremonienmeister verpflichtet war, die Speisen vorab mit einem Messer zu zerkleinern und anschließend an Gäste zu verteilen. Im Anschluss wurde mit Essstäbchen gegessen. Noch später wurde auf Messer und Gabel ganz verzichtet.90 „Im 7. Jahrhundert gelangten die Essstäbchen durch buddhistische Priester und Missionare aus China nach Korea und Japan. Generell kann man sagen, dass Essstäbchen in den Ländern verbreitet sind, die kulturell im Wesentlichen von China beeinflusst wurden.“91 Da Chinesisch ein bildhaftes Sprachsystem ist, das durch Piktogramme, Ideogramme oder Phonogramme die Form und den Sinn der Schriftzeichen verbindet, kann man oft auch durch eine Analyse der Schriftzeichen deren Bedeutung entschlüsseln. Das Zeichen in der

83

Ca. 17. bis 11. Jahrhundert v. Chr.

84

In der Provinz Henan

85

Stadt Changyang, Provinz Hebei

86

In der Provinz Yunnan

87

770 – 476 v. Chr.

88

Vgl. Cai, 2009, S. 11

89

*1868, † 1940, chinesischer Pädagoge und ehemaliger Rektor der Universität Peking

90

Vgl. Cai, 2009, S.11

91

Wikipedia: Essstäbchen

47

modernen chinesischen Sprache für Essstäbchen ist „Kuai (Zi)“ 92. Das Schriftzeichen besteht aus zwei Teilen: einem Nomen „Bambus“ und einem Adjektiv „schnell“. Im Altchinesischen wird Essstäbchen „Zhu“ 93 genannt, das sich aus „Bambus“ und „helfen“ zusammensetzt. Das zeigt, dass Essstäbchen klassischerweise aus Bambus hergestellt sind und als eine Hilfe zum schnelleren Essen dienen. Heutige Essstäbchen sind meistens aus Sandelholz, Bambus, Plastik oder Metall. Für besondere Anlässe oder Sammler gibt es Essstäbchen aus Jade, Jadeit oder Elfenbein mit kunstvoll geschnitzten Drachen- und Phönixmustern. Mit einer Länge von etwa 25 cm gelten sie als eine ideale Verlängerung der menschlichen Hand. Darüber hinaus, da beim Benutzen der Essstäbchen mehr als 30 Gelenke und Dutzende Muskeln involviert werden, kann

das

Essen

mit

Essstäbchen

auch

als

eine

Art

gesundheitsfördernde

„Gymnastik“ bezeichnet werden. 3.5.2. Essstäbchen als „harmonischer Transport“ von Nahrungsmitteln Auf den ersten Blick scheinen Essstäbchen sehr schlicht zu sein. Sie haben nicht das schöne Gewicht, den auffälligen Glanz und die technische Komplexität wie Messer und Gabel. Aber Essstäbchen haben viele andere Vorteile, bei denen das westliche Besteck nicht mithalten kann. Roland Barthes94 schrieb im Zusammenhang mit der japanischen Esskultur: „Die Stäbchen haben weit mehr Funktionen als jene, die Nahrung vom Teller zum Munde zu führen. Zum einen haben die Stäbchen eine hinweisende Funktion: Sie zeigen die Nahrung, bezeichnen das Stück und verleihen - durch die Auswahlgeste - Existenz. Statt dass die Nahrungsaufnahme zu einer mechanischen Abfolge geriete, bei der man sich darauf beschränkte, die Bestandteile eines Gerichts hinunterzuschlingen, bezeichnen die Stäbchen, was sie auswählen [...] und führen damit in den Nahrungsgebrauch zwar keine Ordnung, wohl aber Phantasie und so etwas wie Muße ein: in jedem Falle eine

92

Auf Chinesisch:“筷(子)”

93

Auf Chinesisch. „箸“ oder „筯“

94

*1915, † 1980. Französischer Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker

48

Tätigkeit, die nicht mehr mechanisch, sondern intelligent ist.“95 Durch die auswählende Funktion der Essstäbchen ist die Nahrungsaufnahme nicht mehr eine mechanische Operation, sondern eine innovative und intelligente Handlung des Essers geworden. Darüber hinaus sieht Barthes in Essstäbchen noch den Einklang zwischen dem Esser und den Nahrungsmitteln: „Eine weitere Funktion des Stäbchenpaares liegt darin, das Stück Speise einzuklemmen (und nicht mehr fortzureißen, wie es unsere Gabeln tun); klemmen ist übrigens noch zu stark, zu aggressiv (klemmen ist ein Wort für verschlossene kleine Mädchen, Chirurgen, Schneiderinnen und reizbare Gemüter); denn die Speise erfährt nie mehr Druck, als erforderlich ist, sie aufzuheben und zu bewegen. In der Gebärde des Stäbchens liegt etwas Mütterliches, die wohlbemessene Behutsamkeit, mit der man ein Kind aufnimmt, eine Kraft, kein Trieb. Darin liegt ein ganzes Verhalten gegenüber der Nahrung.“96 Der Einklang des Essers mit seinen Nahrungsmitteln ist, mit einem anderen Wort formuliert, die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Nahrungsmittel werden mit Essstäbchen nicht, wie bei Messer und Gabel, mit Gewalt aufgespießt und zerkleinert, sondern friedlich und schonend „transportiert“. 3.5.3. Essstäbchenkultur – eine Kultur des ganzheitlichen Denkens In der schlichten Erscheinung der Essstäbchen und dem schonenden und respektvollen Umgang

mit

Nahrungsmitteln

spiegelt

sich

auch

die

Philosophie

der

„Essstäbchenkultur“ wider. Sie ist eine Kultur des ganzheitlichen Denkens. Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, um die verschiedenen Esskulturen auf der Welt zu strukturieren. Je nach der Art und Weise, wie man Nahrungsmittel aufnimmt, lässt sich die menschliche Kultur auf drei Hauptkulturkreise unterteilen. Etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung essen mit bloßen Fingern, 30 Prozent mit Essstäbchen und die restlichen

95

Patzer: Reisen nach Japan

96

Patzer: Reisen nach Japan

49

30 Prozent mit Messer, Gabel und Löffel. Die Essstäbchenkultur wird von manchen Wissenschaftlern mit der „konfuzianistischen Kultur“, der „Reiskultur“ und der „Kultur der schwarzen Haare und gelben Haut“ gleichgestellt.97 Die Essstäbchenkultur ist eine Kultur, die die Harmonie zwischen Mensch und Himmel (Natur) und das ganzheitliche Denken in den Mittelpunkt stellt. Mit Essstäbchen werden Nahrungsmittel nicht zerstörerisch verändert, sondern lediglich selektiert und transportiert. Die Assoziation, die Natur mit Gewalt bewältigen zu wollen, fällt hier weg. Viel mehr ist dabei die Botschaft zu vermitteln, mit der Natur im harmonischen Einklang zu stehen. Nicht nur die Form der Essstäbchen erscheint total schlicht und einfach, sondern auch ihre Funktionalität ist umfassend. Bei Messer und Gabel sind die verschiedenen Funktionen wie z. B. Schneiden, Greifen, Auswählen, Aufspießen exakt geregelt. Im Vergleich dazu sind Essstäbchen bei festen Nahrungsmitteln fast universal einsetzbar. Dies entspricht genau einer Grundvoraussetzung des ganzheitlichen Denkens: Je einfacher und kompakter der Schein ist, desto tiefer und umfassender ist der Sinn. Große Komplexität lässt sich nicht durch die äußere Erscheinung erkennen. Laotse wies in seinem „Tao-te-king“ darauf hin: „Ist die Führerin des Alls in Worten anführbar, so ist es nicht die ewige Führerin. Ist ihr Name nennbar, so ist es nicht ihr ewiger Name.“98 Das ganzheitliche Denken legt viel Wert auf „nicht nur Bäume sehen, sondern auch den Wald“. Das ist eine Philosophie der unklaren, subjektiven, maßbewußten und harmonischen Vorgehensweise. Radikale Handlungen, auch seien sie für den Moment eine ideale Problemlösung, sollen in jeder Situation vermieden werden. Es gibt nicht nur „ja“ und „nein“, „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „schlecht“, sondern immer einen sogenannten „goldenen Mittelweg“. Für die Chinesen, die seit Jahrtausenden tief vom Taoismus beeinflusst werden, soll der „Mittelweg“ der ideale Weg für jede Situation sein. Das ganzheitliche Denken betont die Zusammenhänge von verschiedenen Elementen und ihr integrierendes Zusammenwirken. Ähnlich wie in der Traditionellen Chinesischen Medizin darf nichts isoliert betrachtet werden. Glück birgt Gefahr von Unglück. Ein 97

Vgl. Cai, 2009, S.6

98

Der erste Spruch von „Tao-te-king“. Vgl. Rousselle, 1985, S. 1

50

Unglück kann sich auch wieder zu einem Glück verwandeln.

3.6. Das Essen 3.6.1. Wann und wie beginnt das Essen? Nachdem der Kellner die kalten Speisen auf den Tisch gebracht und die Getränke eingeschenkt hat, wird das Essen vom Gastgeber eröffnet. Meist erhebt er sich und gibt das Startsignal. Dies wird je nach Situation und persönlicher Vorliebe des Gastgebers variiert. Entweder stößt er einmal mit allen die Gläser aktiv an, oder er versucht es mit einer Gestensprache anzukündigen. Er nimmt seine Essstäbchen in die Hand und signalisiert den Beginn des Zugreifens und des Essens. Allerdings bleiben dabei die Essstäbchen in der Luft, die Bewegung der Arme stagniert langsam. Er erhofft sich, dass das Signal auch bei seinen deutschen Gästen richtig verstanden wird. Es ist höflich, das Essen zu eröffnen. Trotzdem lässt er die Gäste als erstes anfangen. Literarisch angehauchte Gastgeber improvisieren vermutlich eine kleine Tischansprache. Worte von Konfuzius, Menzius oder anderen Persönlichkeiten werden zitiert: „Wenn Freunde von weitem her kommen, verdoppelt sich die Freude.“ oder „Ferne Freunde bringen mehr Freude.“99 Die kalten Speisen bestehen in der Regel aus vier, sechs oder acht Gerichten, da die geraden Zahlen in der chinesischen Kultur als Glückszahlen gelten. Eine Anzahl von beispielsweise sechs Speisen lässt sich auf einem runden Tisch mit Drehplatte gut und gleichmäßig verteilen. Somit hat jeder etwas zum Greifen nahe. Die kalten Gerichte sollen nur den Appetit wecken und dürfen nicht satt machen. Daher werden sie meistens in sehr kleinen Tellern oder Schüsseln serviert. Ein chinesisch-deutsches Geschäftsessen könnte beispielsweise wie folgt beginnen: Gurken-Quallen-Salat, in Salzwasser gekochte Sojabohnenschoten, geröstete Erdnüsse mit dunklem Essig, ‚Phönixkrallen’

100

in

Austernöl, bittere Melonenscheiben mit Honig und Schweineohren in Mastersoße gekocht.

99

Von Konfuzius

100

Hühnerkrallen

51

Vom Geschmack her sind diese Gerichte relativ leicht und erfrischend. Diese Geschmacksrichtung hat der Gastgeber schon beim Bestellen festgelegt. 3.6.2. Nachlegen als Ausdruck der Gastfreundlichkeit Es ist nicht selten zu erleben, dass der chinesische Gastgeber seinen deutschen Gästen Essen auf ihre Teller nachlegt. Aus hygienischen Gründen benutzt er dabei nicht seine eigenen Essstäbchen oder Löffel, sondern ein extra Paar „Vorlegeessstäbchen“, die vergleichbar mit dem Vorlegebesteck bei einer westlichen Mahlzeit, insbesondere einem Buffet sind. Mit diesem Benehmen spiegelt er die Höflichkeit eines chinesischen Gastgebers wider und präsentiert zugleich seinen Willen, die Gäste bestens zu verwöhnen. Doch es darf trotz der Ähnlichkeit nicht mit einer „Verwöhnung“ bei einem Essen in familiärem Umfang verwechselt werden, bei dem die Kinder auch von der Mutter mit dem Nachlegen verwöhnt werden. Gehen wir einen Schritt weiter ins Detail, wird der Unterschied deutlich sichtbar: Der chinesische Gastgeber legt immer wieder nach, obwohl der Gast noch reichlich zu Essen auf dem Teller hat. Hinter dem Nachlegen des Gastgebers steckt vor allem die Ehrerbietung, die er gegenüber seinen Gästen zeigen will. Ebenbürtig der Bedienung in einem Lokal legt der Gastgeber seinen Gästen Essen nach und kümmert sich um die Getränke. Durch das persönliche Handeln des Gastgebers wird sein Gedankengang „Ich diene meinen verehrten Gästen“ praktiziert. Diese Geste zollt seinen Gästen besonderen Respekt. Der Gastgeber selbst rückt in eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus hat das Nachlegen beim Essen eine lange Tradition, selbst in ärmlicheren Zeiten. In der Zeit, in der das alltägliche Sattwerden keine Selbstverständlichkeit war, zwang die Lebensmittelknappheit einen Gastgeber in China, auf sein eigenes Sattwerden zu verzichten, sofern nicht genügend Essen für alle vorhanden war. Für den Gastgeber war es eine große Herausforderung, trotz der knappen Speisevolumen eine reichliche Mahlzeit zu präsentieren. Auch der Gast wurde ins Spiel involviert. Er tat so, als ob er die Knappheit nicht spürte, um das Gesicht des Gastgebers zu wahren. Bei einem internationalen Geschäftsessen in China in der heutigen Zeit, bei dem die

52

Preiskategorie schon längst keine entscheidende Rolle mehr spielt, ist die Prägung des „Armen-Zeiten-Gedanken“ nach wie vor zu registrieren. Auch wenn ein Geschäftsessen auf der sichtbaren materiellen Ebene oft völlig neue Charaktere aufweist, ist das Wesentliche in einem Wertschätzungskonzept geblieben. 3.6.3. Gesprächsthemen Selbstverständlich steht der Geschäftszweck bei einem Geschäftsessen immer im Hintergrund. Das bedeutet aber nicht, dass er automatisch auch im Vordergrund bemerkbar ist. Wer oft in China Geschäftessen erlebt hat, wird feststellen, dass das Geschäft in der Konversation kaum thematisiert wird. Dieser Punkt ist in meinen Interviews auch immer wieder bestätigt worden. „Die

Geschäftsessen,

die

ich

(in

Shandong)

erlebt

habe,

gingen

konversationsmäßig ganz stark um das Essen selbst. Es wurde jedes Gericht erläutert. Es wurden zu jedem Gericht medizinische Hintergründe erklärt, warum das Gericht gut ist. [...] Ich denke, rund um das Essen hat eigentlich 60%, 70% die Konversation ausgemacht, also von einem ganzen Essen, das über 2 Stunden geht.“101 Auch wenn man zu anderen Gesprächsthemen kommt, handelt es sich in erster Linie eher um lockere und alltägliche Themen, die eine gute und harmonische Atmosphäre schaffen können. „Bei den chinesisch-deutschen Geschäftsessen, die ich erlebt habe, gehen die Konversationen meistens in die Richtung: ‚Sind Sie schon mal in China gewesen?’, ‚Gefällt Ihnen das Essen’ oder ‚Können Sie sich an das Wohnen und Essen hier gewöhnen?’ usw.“102 Das sind familiäre Themen, die leicht zur Schaffung eines Wir-Gefühls beitragen können. Ein anderer Gedankengang hinter diesem Phänomen hat mit dem ganzheitlichen Denken in der chinesischen Kultur zu tun. Die Logik ist hier wohl, ein Geschäft kann nur zustande

101

Vgl. Interview Nr. 1

102

Vgl. Interview Nr. 3

53

kommen, wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Partnern harmonisch funktionieren. Dementsprechend wird es einerseits als unangebracht, andererseits als unnötig empfunden, wenn man beim Essen sein Geschäftsvorhaben zu direkt „puscht“. Denn für den Erfolg des Geschäftes ist in China die zwischenmenschliche Harmonie häufig mit ein entscheidender Faktor. 3.6.4. Symbolischer Charakter der Gerichte Viele chinesische Speisen tragen einen interessanten Namen. Anders als in einem deutschen Restaurant verraten in den meisten Restaurants in China die Speisenamen nicht die genauen Zutaten und die Zubereitungsmethoden. Die Durchnummerierung der Gerichte, wie es in Chinarestaurants in Europa üblich ist, gibt es in China nicht. Manche Speisenamen sind phantasievoll und poetisch, andere sind witzig und skurril, wieder andere verweisen auf eine historisches Anekdote oder eine literarische Szene aus einem bekannten Roman. Die Vorkenntnisse über ein paar Standardgerichte werden als Teil der Allgemeinbildung vorausgesetzt. Wer als deutscher Gast trotz der sprachlichen Hilfe des Dolmetschers nach wie vor nur „Bahnhof“ versteht, darf sich gerne an seinen chinesischen Gastgeber oder das Bedienungspersonal wenden. Erfahrene chinesische Gastgeber genießen diesen Moment, in dem seine deutschen Gäste die phantasievollen, fast mystischen Namen der Gerichte bestaunen. Mit Stolz darf sich der Gast durch den Irrgarten der chinesischen Kochkunst führen lassen, von Zutaten und Zubereitung, Geschichte und Anekdoten bis hin zu den symbolischen Bedeutungen. „Buddha springt über die Mauer“ ist ein klassisches

Gericht

aus

der

Küche

der

Fujian-Provinz. Es zeichnet sich vor allem durch seine vielfältigen Zutaten, seine feine und komplexe Zubereitungsart und seinen besonderen Servierbehälter aus. Abb. 10: „Buddha springt über die Mauer.“

54

Nach „Shi Lin Guang Ji“103, einer Enzyklopädie aus der Song-Dynastie (10. – 13. Jh.) über die chinesische Alltagskultur, lässt sich die Erfindung dieses Gerichtes auf die Zeit vor der Song-Zeit zurückführen. Der Koch Zheng, der als Chefkoch für den damaligen Vizegouverneur der Provinz Fujian tätig war, verfeinerte das Rezept 1877104 noch einmal und brachte es auf bis zu ca. 30 Hauptzutaten. Darunter sind u.a. Haifischflossen, Abalonen, Seegurken, Huhn, Ente, Lammhaxe, Schweinefüsse, Taubeneier, die z.T. über zehn Stunden lang eingeweicht und geköchelt werden müssen. Eine Anekdote in der „Geschichte des Essens“ erklärte den Ursprung des Namens: Chefkoch Zheng nannte sein Gericht zuerst „Glück und langes Leben“. In seiner Rentnerzeit kochte er es auch in seinem eigenen Restaurant für private Gäste. Immer, wenn der Deckel der Servierschüssel hochgehoben wurde, breitete sich der intensive Duft sofort im ganzen Raum bis in jede Ecke aus. Unter den Gästen gab es einen Gelehrten, der improvisierte: „Wird der Topf geöffnet, kommt der Duft zu jedem Nachbar. Auch der Buddha hält es bei seiner Meditation nicht mehr aus und springt über die Mauer.“105 Daher soll der heutige Name des Gerichtes kommen. Auch bei vielen anderen Namen bedarf es der regen Phantasie eines Künstlers, um sie richtig zu verstehen. In „Füchse fliegen über den Eisberg“ findet man keine Spur von Wildfleisch, sondern kleine frittierte Skorpione, die auf frittierter, zu einem Eisberg geformter Glasnudel „schweben“. Und bei „Ameisen klettern in den Baum“ aus der Sichuan-Küche werden keine lebendigen kletternden Ameisen gegessen, sondern Hackfleisch und blanchierte Glasnudeln. Wie im Kapitel II. dargelegt wurde, ist das Essen und Trinken ein kultureller Handlungsrahmen. Für die Teilnehmer sind nicht nur die einzelnen Konstituenten wichtig, die auf der materiellen Ebene scheinbar isoliert nebeneinander stehen. Viel wichtiger sind die kulturellen Korrelationen zwischen den Konstituenten und ihrem Sinngehalt. Sie stehen als das Unsichtbare und Wichtigere dahinter. Anders gesagt, sind alle Elemente in einem

103

Autor: Chen, Yuanliang, Song-Dynastie. Vgl. Li Chunguang, 2008, S. 208

104

Qing-Dynastie

105

Vgl. Li Chunguang, 2008, S. 208

55

Essen von ihrem kulturellen Hintergrund abhängig. Sie leben von ihren Wertigkeiten und Symbolcharakteren. Teigtaschen (auf Chinesisch „Jiaozi“) werden in China häufig beim Abschied gegessen. Die geschlossene Form des Teigs ruft die Assoziation mit dem Bild „Zusammensein“ hervor. In diesem Zusammenhang symbolisiert sich der Wunsch nach dem „Wiedersehen“ mit den Gästen. Abb. 11: Teigtaschen

Darüber hinaus zählen Teigtaschen zu den unentbehrlichen Familienessen, die bei wichtigen familiären Anlässen wie z.B. zum chinesischen Frühlingsfest 106 gegessen werden. Der Name „Jiaozi“ ist eine lautliche Variation von „Jahreswechsel“ 107 im Chinesischen. Oft kommen heute auch Teigtaschen auf den Tisch eines offiziellen Geschäftsessens. Dadurch werden die traditionellen familiären Elemente auch in das Geschäftsleben geholt. Der Wunsch nach dem Wiedersehen und den emotionellen Bedürfnissen, mit den Gästen „eine Familie“ zu sein, kommt dabei stark zum Ausdruck. Eine andere Tradition, die in China häufig beim Wiedersehen praktiziert wird, ist das Nudelessen. Die lange Form der Nudel bringt den Wunsch zum Ausdruck, dass Gäste nach einer langen, strapaziösen Reise wieder „zu Hause“ herzlich willkommen sind. Auch Fisch ist ein wichtiges Glückssymbol, das bei einer Essenseinladung in China oft verwendet wird. „Ohne Fisch gibt es kein Bankett.“, heißt ein chinesischer volkskundlicher Spruch108. Aufgrund der Lautgleichheit gilt Fisch in der chinesischen Kultur als Symbol für „Überschuss“ bzw. im übertragenen Sinne für „Reichtum“. Eine zusätzliche positive Bedeutung des Fisches wird der allgemein bekannten Legende Chinas beigemessen: Ein Karpfen wird zum Drachen, wenn er über das „Drachentor“ gesprungen ist. 106

Der Erste Januar nach dem chinesischen Mondkalender

107

Vgl. Li Chunguang, 2008, S. 74

108

Vgl. Interview Nr. 2

56

Ein weiteres Argument für den positiven symbolischen Charakter des Fisches liegt in der Biologie des Wassertieres. Da Karpfen auf einmal sehr viele Eier legen können, stehen sie in der chinesischen Volkskultur auch für die Fruchtbarkeit.

Abb. 12: „Der Karpfen springt über das Drachentor.“

Der vierte Grund, der für die Symbolbedeutung des Fisches spricht, ist im Zusammenhang mit dem idealisierten Bild des Fisches für Chinesen zu verstehen. Insbesondere in der darstellenden Kunst Chinas werden Fische in verschiedenen Formen idealisiert. Sie tragen „Schuppen aus Gold und Jade“ und schwimmen so elegant wie „Päonie-Blüten im Wasser“ 109 . Oft entdeckt man bei einem Geschäftsessen feine Porzellanteller oder -schüsseln mit dem Motiv „Raum voller Gold und Jade“, in dem hauptsächlich Goldfische als Symbolträger verwendet werden.

109

Vgl. Da Qiao, 2008, S.77

57

4. Essen

und

Trinken

als

Medium

kultureller

Selbstinszenierung chinesischer Gastgeber Denkt man an das Vielzuviel-Bestellen, das Nachlegen, den Trinkzwang, die Essstäbchen oder die Symbolbedeutungen der Speisen, so wird das Essen und Trinken in China häufig als Medium der Selbstinszenierung des Gastgebers verwendet. Doch was genau wird bei einem chinesisch-deutschen Geschäftsessen inszeniert? Welche kulturellen Prozesse stehen hinter einem scheinbar „einfachen“ Essen in China? Um diese Fragen zu beantworten, reichen die Tipps der zahlreichen Ratgeberliteratur bei weitem noch nicht. Es bedarf eines Exkurses in die Entwicklungsgeschichte der chinesischen kulturellen Identität und einer genauen Betrachtung des chinesischen Weltbildes.

4.1. Essen und Trinken als kontinuierlicher Träger der chinesischen kulturellen Identität 4.1.1. Essen als Ausdruck des Nationalgefühls „In China hat das Essen und Trinken fast auch eine mythische Bedeutung. Hinter jedem Essensgang steckt eine Philosophie, ein Spruch oder sonst. [...] Jedes Gericht, jedes Tier, jede Pflanze steht als Symbol für irgendwas, das man dann in sich aufnimmt. [...] Das ist viel mehr als nur die französische art de vivre, art de cuisine, also die Kochkunst. [...] In China ist ‚gut essen’ und ‚chinesisch essen’ ein Ausdruck des Nationalgefühls.“110 Diesen Eindruck gewann Gerhard Losher 111 bei seinen erlebten Geschäftsessen in China.

Es

wird

festgestellt,

dass

Essen

und

Trinken,

zumindest

in

der

„Jetzt-Kultur“ Chinas, viel mehr ist, als nur eine elementare Befriedigung oder eine Art „Kochkunst“, die im Sinne eines kulinarischen Erlebnisses existiert. „Chinesisch essen“ und „Chinese sein“ gehören eng zusammen. Vor allem im „richtigen

110

Vgl. Interview Nr. 1

111

Vgl. Interview Nr. 1

58

chinesischen Essen“ liegt das nationale Selbstbewusstsein. Das Bewusstsein sozialer Zugehörigkeit, das wir „kollektive Identität“ nennen, beruht auf der Teilhabe an einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Gedächtnis112. Essen und Trinken sind in China Träger der kollektiven Identität; das war und ist kein Zufall. Aus mindestens zwei Gründen ist es als ein geeignetes Medium für die chinesische kulturelle Identität der breiten Bevölkerung anzusehen: Erstens ist Essen und Trinken etwas Alltägliches. „Die Mittel, die für diese Inszenierung erforderlich sind, sind auch in ärmlichen Verhältnissen irgendwie zugänglich.“113 Zweitens ist es das Kulturelement, das sich seit Jahrtausenden wie ein roter Faden durch die gesamte chinesische Kultur zieht. Auch die zahlreichen Kulturbrüche in der chinesischen Geschichte, wie beispielsweise die Bücherverbrennung vor mehr als zwei Jahrtausenden oder die Kulturrevolution vor drei Jahrzehnten, überlebte die Esskultur der breiten chinesischen Bevölkerung fast unbeeinträchtigt. In diesem Zusammenhang müssen wir uns, für unser Verständnis, eine weitere Frage stellen: Warum ist gerade die Esskultur DER zentrale und kontinuierliche Träger der kollektiven Identität der breiten Bevölkerung in China geworden? Warum NICHT die Architektur, die Opernkunst, die Kleidung oder die Medizin? Hierfür ist ein Blick in die Entwicklungsgeschichte des nationalen Selbstbewusstseins notwendig. 4.1.2. Die historischen Grundzüge des nationalen Selbstbewusstseins Vom 3. Jh. v. Chr. bis Mitte des 19. Jh. n. Chr. ist China im wahrsten Sinne des Wortes „das Reich der Mitte“ gewesen. Im Jahr 221 v. Chr. vereinigte der König von Qin 114 das Land und gründete das erste Kaiserreich Chinas. „Damit war im Jahr 221 v. Chr. die jahrhundertealte Utopie Wirklichkeit geworden: ‚Alles unter dem Himmel’ war wieder

112

Vgl. Jan Assmann, S. 139

113

Vgl. Interview Nr. 1

114

Qin Shihuangdi: *259, †210 v. Chr.

59

unter einem Herrscher vereint.“115 Der erste Kaiser, der in den westlichen Ländern vor allem durch seine Terrakottenarmee bekannt ist, hat eine Reihe von Reformen und Normregulierungen durchgeführt. Er vereinheitlichte das chinesische Währungs-, Schriftund Eichsystem. Er baute ein funktionierendes Beamtensystem auf und begann um 220 v. Chr. den planmäßigen Ausbau der Chinesischen Mauer. Sie sollte die Nordgrenzen des Reiches gegen marodirende Nomadenstämme absichern. Dieser historische Moment hat das Zugehörigkeitsgefühl der Chinesen wesentlich verstärkt. Von nun an bis ins 19. Jahrhundert genoss China einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und große außenpolitische Stabilität. „Das Land boomte gewissermaßen in sich selbst. ‚Wir besitzen bereits alles’, sagte Kaiser Qianlong 1792 dem verdutzten englischen Gesandten Lord McCartney, als dieser im Auftrag von König George III. mit dem chinesischen Hof Handelsrechte aushandeln sollte.“ 116 Das starke nationale Bewusstsein ist deutlich sichtbar. Auch im geistigen Leben bildeten sich schon in der vorchristlichen Zeit einige Religionen und philosophische Schulen, die mit einander konkurrierten, sich gegenseitig ergänzten oder harmonisierten. Eine eindeutige Staatsreligion gab es und gibt es in China nicht. Die breite Bevölkerung war und ist von einer Mischung aus Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus beeinflusst. Die Gedankengüter gehen entweder von der strengen Hierarchie der gesellschaftlichen Ordnung aus, oder sie betonen das Zurückziehen aus dem irdischen Erscheinungsbild. Somit waren sie in der chinesischen Geschichte ein stabilisierender Sektor für jede Dynastie. Dieser Sektor hat auch zur Erhaltung der kollektiven Identität als Chinesentum positiv beigetragen. Doch in der jüngsten Geschichte erlebte das Reich der Mitte immer wieder Niederlagen. Nicht zu vergessen ist vor allem die Wir-Krise im 17. Jahrhundert, als die Mandschuren117

115

Wikipedia: Qin Shihuangdi

116

Frank Sieren, S. 59

117

Ein Volk nördlich von China; Herrscher der Qing-Dynastie (1644-1912); Heute ein ethnische Minderheit

im Nordosten Chinas

60

die damaligen Chinesen der Ming-Dynastie118 besiegt haben. Auf deren Basis wurde eine Fremdherrschaftsdynastie der Mandschu gegründet. Die Mandschuisierung war nicht nur ein militärischer und politischer Niederschlag für das damalige Chinesentum, sondern stellte gleichzeitig die chinesische Identität erneut119 in Frage: „Das Verhältnis des einzelnen Chinesen zu seinem Chinesentum war seit jeher in der Regel nicht besonders ausgeprägt. Nicht ohne Einfluss blieb das Selbstverständnis der literarisch gebildeten Elite, die sich über Bildung und Kultur definierte und dieses Selbstverständnis namentlich durch die Erfahrungen von Fremdherrschaft in Nordchina nachhaltig bekräftigt hatte [...] (Daher gab es) den Widerspruch zwischen der Privatperson, dem Menschen, einerseits und dem Menschen als soziales, politisches Wesen, als Chinesen eben, andererseits. Dieser Chinese

findet

die

Vertrautheit

mit

sich

selbst

in

der

historischen

Rekonstruktion.“120 Nennenswert ist sicherlich auch der Niederschlag Chinas im Ersten Opiumkrieg (1840-1842) gegen die Briten. „Als Ergebnis des Kriegs wurde China zur Öffnung seiner Märkte und insbesondere zur Duldung des Opiumhandels gezwungen. [...] Das seit Menschengedenken währende Bewusstsein der eigenen Überlegenheit gegenüber den ‚Barbaren’ (Sinozentrismus) wurde nicht zuletzt durch die Leichtigkeit, mit der die britischen Truppen China besiegten, nachhaltig erschüttert.“121 Der Gedanke der großen Nation und das nationale Selbstbewusstsein wurden problematisch. 4.1.3. Die Kulturbrüche Chinas Auf den ersten Blick zeigt die lange chinesische Kulturgeschichte eher kontinuierliche und stabile Entwicklungszüge. Doch hinter diesem Schein stehen dramatische Wandelprozesse, 118

1368-1644

119

Die mogolische Yuan-Dynastie (1279-1368) war die erste Fremdherrschaft in China.

120

Schmidt-Glintzer, 2000

121

Wikipedia: Erster Opiumkrieg

61

teilweise sogar radikale Wendepunkte in der Geschichte, die die Gesellschaftsordnung, die Wertvorstellungen und die religiösen Anschauungen der Menschen von heute auf morgen verändert haben. a) Bücherverbrennung und Gelehrten-Hinrichtung von Qin Shihuangdi Dies fing schon an mit dem ersten Kaiser Qin Shihuangdi (3. Jh. v. Chr.)122, der in westlichen Ländern vor allem wegen des Bauens der Großen Mauer und seiner Terrakotta-Armee sowie der Vereinheitlichung von Münzen, Maßen/Gewichten und Schriften bekannt ist. 221 v. Chr. beendete er als der erste Kaiser Chinas die „Zeit der Sieben Streitenden Reiche“ und gründete somit zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte eine einheitliche Kaiserdynastie, die Qing-Dynastie. Kaum 8 Jahre später nach seinem Machteingriff fand es der Kaiser dringend notwendig, jegliche Kritik an seiner Regierungsform zu unterbinden. Er sah in den diversen Lehren, die es damals unter den Gelehrten gab, eine große Gefahr für seine Regierung und die weitere Vereinheitlichung des Landes auf der geistigen Ebene. In seinen Augen war die damals weitverbreitete konfuzianistische Schule ein riesiges Hindernis für sein großes Projekt der Einigung. 213 v. Chr. fing er an, sämtliche Bücher verbrennen zu lassen, insbesondere Bücher der konfuzianistischen Schule und historische Aufzeichnungen, die vor der Einigung oder nicht vom Reich Qi stammten. Im folgenden Jahr wurden 460 Gelehrte von ihm hingerichtet. Diese Maßnahmen haben den Einigungsprozess forciert, was historisch und militärisch gesehen positiv gewesen ist. Aber für die kulturelle Welt stellten sie einen großen Verlust an Traditionen dar. Die Tradition der Debatte wurde gefährdet. Die kulturelle Kontinuität und die Grenze zwischen „richtig“ und „falsch“ wurden über Nacht stark in Frage gestellt. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Kontinuität moralischer Richtlinien wurde tief erschüttert.

122

*259, †210 v. Chr., Reichseiniger der ersten feudalistischen Kaiserdynastie Qin

62

b) „Das Alte muss niedergerissen werden“ – Die 10-jährige „Große Proletarische Kulturrevolution“ Auch Mao wollte die Traditionen weiterhin ausrotten. „Er will ‚das Alte’ ausrotten, den ‚Feudalismus’, den ‚Aberglauben’, die ‚Macht des Ehemanns’, des ‚Ahnentempels’, der ‚Sippe’. Er will die Macht der ‚Schutzgeister’ ausrotten und alle Götterfiguren zu Brennholz machen. Er will die Macht der Religion und die ganze feudalistische Kultur liquidieren, ganz zu schweigen von der Macht der Großgrundbesitzer. Das ‚Alte’ aber bedeutet ‚Konfuzius’, die gesamten Lebensformen und Denkweisen, die in allen ihren Erscheinungsformen vom Geiste des Konfuzius geprägt waren, einschließlich Staatsverfassung, Gesellschaftsordnung, Recht, Wirtschaft, Schulwesen und Religion. Das gesamte innere und äußere Volksleben war von den konfuzianischen Anschauungen, unbeschadet

des

immer

erneuten

Aufkommens

von

Reform-

und

Oppositionsgruppen, durchtränkt. ‚Konfuzius’ bedeutet daher für Mao, wie er selbst sagt, den ‚Heiligen der feudalen Klasse’, der ‚das Volk in Ketten hält und ausbeutet’.“123 Die Kulturrevolution wischte vieles weg - Religion, Literatur, Kunst und Rituale -, eigentlich alles, was mit Bourgeoise und Konfuzianismus zu tun hat. Das betrifft die Peking-Oper, die Malerei, die Architektur, die Literatur usw. Es war ein Versuch, zurück zur „Kultur der Bauern und der Arbeiter“ zu kehren. Das Einzige, das kaum von der Kulturrevolution berührt wurde, war das Essen und Trinken der breiten Bevölkerung. 4.1.4. Essen

und

Trinken

als

kontinuierlicher

Träger

des

nationalen

Selbstbewusstseins a) Die Bedeutung des Essens im chinesischen Altertum In der Volksüberlieferung beginnt die Geschichte der chinesischen Esskultur mit einer Legende. Man schrieb das Jahr ca. 2800 v. Chr. In dieser Zeit sollen zwei göttliche Kaiser gelebt haben. Der Jagdgott Fu Xi brachte den Menschen „das Jagen mit Netzen und 123

Schilling, 1971, S. 126

63

Reusen bei“. Der göttliche Landmann Shen Nong entzündete das erste Rodungsfeuer, formte „aus einem Holzstecken den ersten Pflug“ und zeigte den ehemaligen Nomaden, wie man „einen Wasserbüffel oder ein Rind für sich arbeiten“ lässt. Er soll alle Pflanzen auf der Welt probiert haben, um deren Eigenschaften bestimmen zu können.124 „Die Apotheker entdeckten in ihm den göttlichen Botaniker und die Köche verneigten sich vor ihm als göttlichem Spender des Herdfeuers. [...] So kochten sie (die Chinesen) sich Hirse in gebrannten Tontöpfen und schmeckten den faden Brei mit Salz ab.“125 Die Kochkunst wurde kontinuierlich verbessert. „Da in zahlreichen Landstrichen Bäume fehlten, entstand aus der Not eine Tugend: Fleisch und Gemüse wurden kleingeschnitten, um sie mit wenig Holz schneller braten oder garen zu können.“126 Das

kurze

Anbraten

von

kleingeschnittenen

Zutaten

ermöglicht

neben

der

Energieeinsparung auch gleichzeitig, dass die „fünf Geschmäcker“ (sauer, süß, bitter, scharf und salzig) besser in die Zutaten gelangen. Im Jahr 533 n. Chr. entstand die erste Landwirtschafts- und Kochenzyklopädie in China, die den Titel „Die wichtigsten Techniken für die allgemeine Wohlfahrt des Volkes“ 127 trägt. In diesem zehnbändigen Werk, das in der nördlichen Wei-Dynastie128 erschienenen ist, hat der Verfasser129 die Techniken der Land- und Forstwirtschaft, der Gartenkunst, der Seidenraupen- und Viehzucht, der Kochkunst, des Schnapsbrennens usw. systematisch dokumentiert. Im Vergleich zur europäischen Esskultur begann die schriftliche Dokumentation um knapp ein Jahrtausend eher: „Unter den Kulturgütern des Alltags (in Europa), wie Haus, Möbel, Keramik oder 124

Vgl. Frank, 1992, S. 26

125

Frank, 1992, S. 26

126

Frank, 1992, S. 26

127

Auf Chinesisch: „Qi Min Yao Shu“

128

386-534 n. Chr.

129

Jia, Sixie: Agronom, Kulturwissenschaftler (Sprichwörtersammler), Bürgermeister und Kochexperte in

der Nördlichen Wei-Dynastie

64

Kleidung, sind Speisen die kurzlebigsten, die vergänglichsten. Von römischen Rezepten und mittelalterlichen Überlieferungen für höfische Kreise abgesehen, wurden sie bis ins 15. Jahrhundert nicht schriftlich festgehalten, sondern mündlich weitergegeben.“130 Die schriftliche Fixierung der Rezepte und der Zubereitungsmethoden war ein deutlicher Beweis, dass man die zentrale Bedeutung des Essens in der Zivilisationsgeschichte schon damals offiziell anerkannt hat. Wie im Punkt 2.4.2 bereits erwähnt, war der Höhepunkt der chinesischen Esskultur die kaiserliche Küche, insbesondere die der Qing-Dynastie vom 17. Jh. bis Anfang des 20. Jh. „An die hundert Hauptgerichte verteilten sie auf fünf große Tafeln. Stunden zuvor waren diese Berge von Speisen in der kaiserlichen Viktualienkammer von 400 Köchen, deren Rang dem eines Kreisbeamten entsprach, zubereitet und anschließend warmgestellt worden. [...] Das alles konnte nur so glanzvoll in Szene gesetzt werden, weil hinter der Bühne ein verästeltes Ministerium namens ‚Amt für den Speisedienst’ einen Hedonismus in Reinkultur inszenierte.“ Die kaiserliche Küche war sicher kein direkter Maßstab für die Küche der breiten Bevölkerung. Aber als Gipfel der Luxuriösität und des Inszenierungspotentials hat sie die Grenze des Vorstellungsvermögens der Bevölkerung maßgeblich geprägt, die man in der chinesischen Esskulturgeschichte überhaupt erreichen konnte. Die Selbstverständlichkeit der Wichtigkeit des Essens wird noch einmal unterstrichen. b) Essen und Trinken als kontinuierlicher Träger des nationalen Selbstbewusstseins Es gibt viele verschiedene Gebiete in der chinesischen Alltagskultur. Man müsste sich fragen, warum gerade das Essen für die Selbstinszenierung der kollektiven chinesischen Identität die Rolle eines besonders geeigneten Mediums spielt, und das schon seit Jahrtausenden. Zum einen ist Essen und Trinken für die breite Bevölkerung etwas Alltägliches und Unverzichtbares. Abgesehen von der Art und Weise, von der Qualität und Quantität, sind 130

Benker, 1996

65

die Mittel und Ressourcen, die hierfür notwendig sind, für jeden zugänglich. Zum anderen ist es ein Ergebnis der Kulturbrüche, die China in der früheren, aber auch in der jüngsten Geschichte erlebt hat. Sowohl die Bücherverbrennung vor mehr als 2000 Jahren, als auch die „Große Proletarische Kulturrevolution“ vor 30 Jahren waren ein heftiger Schlag für die Kontinuität vieler Kulturformen. Ihre Spuren sind unübersehbar. „Was an Kunstschätzen und alten Büchern in Flammen aufging, lässt sich nicht abschätzen.“ Zahlreiche Kulturstätten wie Klöster, Schulen und Opern wurden in kurzer Zeit zu Ruine umgewandelt. „An der Restaurierung zerstörter Tempel wird zum Teil noch heute gearbeitet.“131 Noch gravierender und nachhaltiger als die materiellen Zerstörungen ist die Folge der Kulturbrüche im geistigen Leben der Chinesen. Generationen wurden und werden von diesem nachhaltigen Schock beeinflusst. Mit der Zerschlagung der „Vier Alt“ wurden „alte Ideen, alte Sitten, alte Kultur und alte Gebräuche“ ausgerottet, was zu einer tiefsten innerlichen Orientierungslosigkeit und Angst der breiten Bevölkerung geführt hat. „Das menschliche Leid, das sie mit sich brachte, der Verlust des Vertrauens in den Nächsten, die Erfahrung von Gewalt und Brutalität“132 waren der Dauerschock, der Generationen von Chinesen prägen wird. Während der zahlreichen Kultureinbrüche Chinas haben nicht die Bildung, auch nicht die Religion, nicht der Konfuzianismus, nicht zahlreiche Kultureinbrüche als kulturelle Errungenschaft überlebt, sondern die Esskultur. Für die breite Bevölkerung ist das Essen und Trinken schon immer ein alltägliches Mittel der Selbstinszenierung gewesen. Auch Mao verstand sich als Feinschmecker und Kenner der chinesischen Esskultur. Er legte viel Wert auf die medizinischen Wirkungen des Essens und auf die Gesundheit. Er leistete mit einigen kulinarischen Erfindungen von ihm selbst einen Beitrag zur Bereicherung der chinesischen Esskultur. „Vom 16. Dez. 1949 bis 04. März 1950 stattete Mao der ehemaligen Sowjetunion zum ersten Mal einen offiziellen Besuch ab. Er wusste, dass zu dieser Zeit eine 131

Vgl. Chen, 2006, S.58

132

Vgl. Chen, 2006, S. 58

66

Knappheit an frischem Gemüse und Obst in der Sowjetunion herrschte und ließ deswegen eine große Menge an Chinakohl, Lauch, Bambussprossen, Birnen usw. selbst mitnehmen. Allein vom hochwertigen chinesischen grünen Tee hatte er eine Tonne im Gepäck. Mao hatte selbst die Gewohnheit, jeden Tag grünen Tee zu trinken. Außerdem hielt er Tee für ein angebrachtes Staatsgeschenk, das China genug repräsentieren kann.“133 Essen und Trinken stellt für Chinesen ein Medium der Wir-Identität dar. Mit „gut essen“ und „chinesisch essen“ identifizieren sie sich als richtige Chinesen. Wenn sich heute ein Chinese an das Altertum und das damit verbundene Selbstbewusstsein zu erinnern versucht, bleibt meistens primär nur noch die Esskultur vorhanden. Das breite Spektrum von Selbstinszenierungsmöglichkeiten, das es in Europa durch die kulturelle Entwicklung in den letzten Jahrhunderten gibt, ist in China heutzutage nicht mehr auf einer vergleichbaren Ebene (Weise) vorhanden. Das luxuriöse Essen und repräsentative Essen, dem sowohl im privaten als auch im Geschäftsleben ein hoher Rang beigemessen wird, ist der Punkt, auf den man stolz sein kann.134 Im Rahmen eines Geschäftsessens, bei dem auch deutsche Gäste anwesend sind, bietet das Essen und Trinken dem chinesischen Gastgeber eine gute Inszenierungsgelegenheit, seine Nationalgefühle und seine Verbindung zum Chinesentum zu repräsentieren.

4.2. Inszenierung des wir-orientierten Weltbildes und der damit verbundenen Werte Ein chinesisch-deutsches Geschäftsessen ist zugleich eine Begegnung zweier Weltbilder. Hier prallen zwei unterschiedliche Weltvorstellungen aufeinander. Dies macht sich bemerkbar, wenn wir einen Blick auf die Selbstinszenierung des chinesischen Gastgebers werfen, auch wenn diese zum größten Teil im Unterbewusstsein statt findet. 4.2.1. Die Wir-Orientierung beim Geschäftsessen in China Die Darlegung des Geschäftsessens durchzieht im Grunde die ganze Masterarbeit. Um 133

Internetquelle: Institut für Mao-Forschung

134

Vgl. Interview Nr. 1

67

Wiederholungen zu vermeiden, bedarf es daher nur einer kurzen Herausstellung ausgewählter Aspekte. a) Essstäbchen Essstäbchen sind nicht gleich Essstäbchen. Neben der Identitätsfunktion, die oben bereits analysiert wurde, sind Essstäbchen hier auch ein starker Ausdruck des Wunsches nach Harmonie. Als „harmonischer Transport von Lebensmitteln“135 gilt das Essstäbchen als einer der wichtigsten Träger der chinesischen Lebensphilosophie. b) „Trinkt man mit einem gleichgesinnten Freund, so sind tausend Gläser Schnaps zu wenig.“ Denkt man an die Trinksitte in China, so kommt man an dem Stichwort „Trinkzwang“ nicht vorbei. Auf der einen Seite wird auf die Quantität geachtet, wieviel man, insbesondere als Gast mittrinkt. Viel wichtiger ist auf der anderen Seite die Bereitschaft, freiwillig häufig und viel mitzutrinken. Das Trinken wird in diesem Zusammenhang weniger als ein Kraftmessen der Trinkfestigkeit betrachtet, sondern mehr als eine Bereitschaft, sich für die Zusammenarbeit zu opfern. Die traditionellen Werte, wie z.B. Freundschaft, Harmonie und Brüderlichkeit, die in China häufig auch im Geschäftsleben eine große Rolle spielen, werden bei einem Geschäftsessen sehr groß geschrieben. In China wird von der „Trinkmoral“ gesprochen. Für viele Geschäftsleute ist die Trinkmoral zugleich auch ein Prüfstand für das gesamte Persönlichkeitsbild. Wenn man „mit einem gleichgesinnten Freund“ trinkt, so würden „tausend Gläser Schnaps“ zu wenig sein. Hierbei ist der Hintergedanke, dass man für die Freundschaft bereit sein soll, sich selbst zu opfern. Dazu zählen die Zeit, die Gesundheit usw. Durch die „Opferrolle“ wird die besondere Wertschätzung gegenüber seinem Geschäftspartner zum Ausdruck gebracht. c) Trinksprüche Auch bei genauerer Betrachtung der Trinksprüche kann man feststellen, dass der Wir-Gedanke und der Wunsch nach Harmonie und Zugehörigkeit dabei stark zum Ausdruck kommen.

135

Cai, 2009

68

„Wenn Freunde von weit her kommen, verdoppelt sich die Freude. “136 Konkrete Geschäftsanliegen werden oft sowohl bei Konversationen, als auch bei Trinkansprachen bewusst vermieden. Stattdessen tauchen bei einem Geschäftsessen in China immer wieder Stichwörter wie „Brüder“, „Freunde“ oder „Freude“ in den Trinkansprachen auf. Die höheren kulturellen Wertigkeiten, die man hierdurch erzielt, gelten im Vergleich zu einer konkreten Projektinformation im Geschäft als umfassender, nachhaltiger, ganzheitlicher und daher auch wirksamer. d) Symbolischer Charakter des Essens Wichtig bei einem Geschäftessen ist auch die Verwendung der Symbolcharaktere des Essens und des Ambientes. Die Nahrungsmittel und die Einrichtungen werden in diesem Zusammenhang nicht mehr als materielle Gegenstände gesehen, sondern als Träger von kulturellen Bedeutungen instrumentalisiert. Der Fisch steht für „Überfluss“, Schildkröte für „langes Leben“, Drache für „Karriere“ und Teigtasche für „gute Reise“. Auch mit dem runden Esstisch mit der Drehplatte wird das Zusammenwirken, die Vollkommenheit oder die harmonische Lebensphilosophie praktiziert. Der Gastgeber greift gerne bei jeder Gelegenheit auf die kulturellen Bedeutungen der Speisen zurück, um den Respekt und die Wertschätzung gegenüber seinem Gast zu zeigen. e) Das Bestellen Als letztes Beispiel möchte ich zum Schluss das Bestellen noch einmal kurz erwähnen. Im Vergleich zu einem Geschäftsessen in einer europäischen Region, ist jeder Beteiligte für seine eigene Portion verantwortlich. Dieses Verhalten wird bei einem Geschäftsessen in China stark vermieden. Die einzelnen Teilnehmer sind NICHT als isolierte Individuen zu betrachten. Hier wird meistens von einer einzigen Person, oft dem ranghöchsten Gastgeber, für alle bestellt. Mit Hilfe des runden Tisches, der Drehplatte und der Vorlegeessstäbchen dürfen alle Teilnehmer auf alle Servierteller zugreifen. Durch das kollektive Besitzen aller Nahrungsmittel wird die Grenze zwischen „deinem“ und „meinem“ überwunden.

136

Von Konfuzius

69

4.2.2. Der Fluss ist viel wichtiger als der Tropfen - Das wir-orientierte Weltbild in der chinesischen Kultur Versucht man die oben teilweise aufgeführten Details in einem chinesisch-deutschen Geschäftsessen zu bündeln, so scheinen alle diese Selbstinszenierungen in einem zentralen Punkt zu münden, nämlich dem chinesischen Weltbild. Seit Jahrtausenden steht im Mittelpunkt der chinesischen Kultur ein wir-orientiertes Weltbild. Die chinesische Kultur gleicht einem Fluss, in dem der Fluss das Ganze ist. Die Individuen sind die Tropfen, also die Bestandteile, die den Fluss füllen.137 Der Tropfen hält den Fluss für das Wichtigere und räumt ihm eine höhere Priorität ein. Dies gilt sowohl im Verhältnis zwischen einem Individuum und dem Staat, als auch in einem kleineren Kreis wie z.B. bei einem Geschäftsessen. Anders als in der deutschen Kultur, die vor der Romanisierung ursprünglich auf Stamm und Sippe ausgerichtet war und eine starke Wir-Orientierung aufwies, später aber durch die Romanisierung im Früh-Mittelalter von der römischen Ich-Orientierung geprägt wurde, hat sich das Weltbild in China über Jahrtausende kaum geändert.138 „In den davorliegenden 3000 Jahren der chinesischen Geschichte gab es eigentlich wenig Raum für das Individuum. Das Individuum war praktisch auf seine Rolle im Familienverband beschränkt. Das hat durchaus sehr starke historische Wurzeln, dass in China die Familie heute noch so viel beachtet wird.“139 Diese traditionelle Einstellung zur Familie, die Wertvorstellungen, die mit der Familie verbunden sind, führen weiterhin dazu, dass das Individuum sich selbst einen niedrigeren „Ich-Wert“ und der Gesellschaft einen viel höheren „Wir-Wert“ einräumen muss. Als im vierten Jh. v. Chr. in Europa Diogenes zu Alexander dem Großen sagte: „Geh mir ein wenig aus der Sonne“140, gab Konfuzius zur ähnlichen Zeit141 auf die Frage des Königs, wie kann man ein Land erfolgreich regieren, die Antwort: 137

Vgl. Interview Nr. 1

138

Vgl. Interview Nr. 1

139

Anhang 4

140

Vgl. Wikipedia: Diogenes von Sinope

141

5.-6. Jh. v. Chr.

70

„König wie König (behandelt), Untertan wie Untertan! Vater wie Vater, Sohn wie Sohn!“142 Auch in der Philosophie und Ethik wird die Wir-Orientierung immer wieder betont. Ordnung und Harmonie prägen als zwei fundamentale Bedürfnisse das chinesische Denken. Edel kann der Mensch dann sein, wenn er sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet: „Den Angelpunkt zu finden, der unser sittliches Wesen mit der allumfassenden Ordnung, der zentralen Harmonie vereint“, das sah Konfuzius als das höchste menschliche Ziel an. „Harmonie und Mitte, Gleichmut und Gleichgewicht“143 galten für ihn als das Höchste, das Erstrebenswerte. In diesem Zusammenhang fuhr Konfuzius fort: „Ein junger Mensch soll in der Familie ehrfürchtig und gehorsam gegenüber seinen Eltern sein. Außer Haus begegne er den Menschen so, wie sich ein jüngerer Bruder gegenüber seinem älteren Bruder verhält, mit Achtung und Aufrichtigkeit; er sei durchdrungen von Liebe zu allen und eng mit dem Guten verbunden.“144

142

Von Konfuzius. Vgl. Moritz, 2003

143

Von Konfuzius. Vgl. Moritz, 2003

144

Moritz, 2003, S.6

71

5. Zusammenfassung und Ausblick Essen und Trinken ist nicht nur eine Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse, sondern ein Kulturprozess. Bei einem chinesisch-deutschen Geschäftsessen in China hat das Essen für den Gastgeber einen starken Selbstinszenierungscharakter. Auf der einen Seite werden die gegenwärtige kulturelle Identität und das kollektive Selbstbewusstsein des chinesischen Gastgebers inszeniert, da das Essen ein zentraler kultureller Träger ist, der die Kulturbrüche überwinden konnte. Auf der anderen Seite versucht der Gastgeber, sein wir-orientiertes Weltbild zu inszenieren und die damit verbundenen Werte beim Geschäftsessen zu realisieren. Essen und Trinken ist ein unerschöpfliches Thema für kulturwissenschaftliche Forschungen. Der begrenzte Umfang der vorliegenden Masterarbeit lässt eine noch umfangreichere Ausführung nicht zu. Auf einige Aspekte musste daher verzichtet werden. Es bleibt das Anliegen, bei einer späteren kulturwissenschaftlichen Forschungsarbeit diese Thematik weiter zu vertiefen.

IX

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Qin Shihuangdi (Stand 12.12.2009): http://de.wikipedia.org/wiki/Qin_Shihuangdi#Erster_Kaiser_von_China Erster Opiumkrieg (Stand 12.12.2009): http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Opiumkrieg

Diogenes von Sinope (Stand 03.01.2010): http://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

XI

Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Tolksdorfs Modell zur strukturalistischen Nahrungsforschung ..................... 12 Quelle: In

Anlehnung

an

Tolksdorf,

Ulrich

(1976):

Strukturalistische

Nahrungsforschung. Abb. 2: Provinz Shandong................................................................................................ 16 Quelle: http://www.planetware.com/i/map/CHN/china-shandong-province-map.jpg (Stand: 01.01.2010) Abb. 3: Runder Esstisch mit Drehscheibe....................................................................... 27 Fotograph: Weihua Li Datum und Ort: 11.02.2009, in Qingdao Abb. 4: Geschäftsessen am runden Tisch........................................................................ 27 Fotograph: Weihua Li Datum und Ort: 05.11.2007, in Qingdao Abb. 5: Tischordnung an einem runden Tisch am Beispiel von einem Geschäftsessen in China von 12 Personen .................................................................................... 28 Quelle: Eigene Abbildung Abb. 6: Speisen auf der Bestellungstheke ....................................................................... 31 Fotograph: Weihua Li Datum und Ort: 03.04.2009, in Qingdao Abb. 7: Aquarium in einem Restaurant.......................................................................... 31 Fotograph: Weihua Li Datum und Ort: 03.04.2009, in Qingdao Abb. 8: Das chinesische Schriftzeichen für „Alkohol“ .................................................. 37 Quelle: http://www.ooopic.com/pic_286648.html (Stand: 20.01.2010) Abb. 9: Essstäbchen .......................................................................................................... 45 Quelle: http://pic.nipic.com/2007-12-03/2007123192948136_2.jpg

XII

(Stand: 21.09.2009) Abb. 10: „Buddha springt über die Mauer.“ .................................................................. 53 Quelle: http://www.nipic.com/show/1/55/6b81ed460419ea46.html (Stand: 15.07.2009) Abb. 11: Teigtaschen.......................................................................................................... 55 Fotograph: Weihua Li Datum und Ort: 26.09.2009, in Regensburg Abb. 12: „Der Karpfen springt über das Drachentor.“ ................................................. 56 Quelle: http://pic1.nipic.com/2008-11-24/20081124145432753_2.jpg (Stand: 22.01.2010)

Tabellenverzeichnis Tab. 1: Die acht Hauptküchenrichtungen Chinas .......................................................... 18 Quelle: In Anlehnung an Li, Chunguang (2008): Die Geschichte des Essens

XIV

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