Flucht, Verführung und Symptom? Auswanderung aus Südwestdeutschland nach Nordamerika im 18. Jahrhundert

March 5, 2017 | Author: Reiner Bach | Category: N/A
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1 1 Flucht, Verführung und Symptom? Auswanderung aus Südwestdeutschland nach Nordamerika im 18. Jahrhundert Da...

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Flucht, Verführung und Symptom? Auswanderung aus Südwestdeutschland nach Nordamerika im 18. Jahrhundert “Da aber das Auswandern, wenn es bedeutend ist, nicht ohne reelle Gründe Statt zu finden pflegt, so arbeitet man am besten den Ursachen desselben entgegen” – so lautet ein Lehrbuchsatz aus der universitären Beamtenausbildung

des

19.

1

Jahrhunderts.

Eine

Selbstverständlichkeit,

ein

Topos

geradezu

der

Wanderungsgeschichte wie der politischen Diskussion über Aus- und Einwanderung: Wenn Menschen ihre Heimat verlassen, dann hat das etwas zu bedeuten. Auswanderung als Alarmsignal, Auswanderung aber auch als Symptom, das verschwinden wird, wenn man seine Ursachen richtig bekämpft – diese Vorstellung war zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Edward Baumstark das zitierte verwaltungswissenschaftliche Handbuch 2

schrieb, schon ebenso verbreitet wie in der aktuellen migrationspolitischen Diskussion. Baumstark wird hier nicht zitiert, weil er ein besonders wirkungsmächtiger Staatswissenschaftler gewesen wäre oder besonders 3

originelle Wanderungstheorien entwickelt hätte – im Gegenteil. Er benutzte mit großer Selbstverständlichkeit ein Denkschema, das bereits im 18. Jahrhundert, aufgrund von Erfahrungen mit Ost- und Westwanderungen, entwickelt wurde, und das zu Baumstarks Zeit bereits Allgemeingut war. Dieses Denkschema besagt: Auswanderung ist ein Signal, das auf ‚Ursachen‘ hindeutet – und die richtige politische Antwort auf Auswanderung liegt darin, daß, wer politische Verantwortung für eine Gesellschaft trägt, sich um diese Ursachen kümmert und etwas gegen diese unternimmt. In der modernen historischen Wanderungsforschung hat das Thema der “Ursachen”, der “Gründe”, des Symptomcharakters von Auswanderung gegenüber älteren Forschungen an Gewicht verloren. Weit mehr migrationshistorische Studien beschäftigen sich mit den Problemen von Einwanderungsgesellschaften als mit solchen der Auswanderungsländer. Nicht mehr die Verhältnisse in der verlassenen

alten Heimat allein

interessieren heutige Forscher; Wanderung wird im Zusammenhang von Ländergrenzen übergreifenden Systemen, von internationalen Arbeits-, Kapital- und Gütermärkten gesehen.4 Dennoch neigen viele von uns dazu, dort, wo sie Auswanderung sehen, Probleme zu vermuten, die die Menschen aus dem Lande treiben. Man zeige zum Beispiel einem Wirtschaftshistoriker eine Landkarte von Auswanderungsgebieten: er wird vermuten, daß dieses Gebiete niedriger marginaler Arbeitsproduktivität waren. Man lese Historiker der amerikanischen Einwanderungsgesellschaft daraufhin, wie sie das von ihren Migranten verlassene Europa schildern: geknechtet, traditionalistisch, rückständig. Sozialhistoriker der deutschen Traditionslinie kommen in wenigen Schritten vom Thema Auswanderung zu denjenigen Problemen, die sie im Gefolge der großen Pauperismusdebatten des 19. Jahrhunderts als zentral erkannt haben: Erbformen, Heiratsbeschränkungen, Übervölkerung. Anderen Autoren ist der Wandel von kollektiven Mentalitäten, von Wirtschaftsgesinnungen der Subsistenz und der Profitgier wichtig: Sie glauben, daß Auswanderer von “profitorientierten” Handelsleuten und Werbern in einen Überfahrtsmarkt hineingezogen wurden, dem sie oft nicht gewachsen waren. Bloß, weil der theoretische Kontext der Migrationsforschung heute gegenüber den Auswanderungsstudien alter Schule erweitert ist, bleibt der pathologische, nach den hinter dem Symptom der Auswanderung liegenden Mißständen forschende Blick also doch präsent: Dort, wo ausgewandert wird, muß etwas los sein, das man ändern kann und soll. Es geht mir im folgenden um zwei Argumente. Erstens: Nicht in jede Wanderungsbewegung sollte man eine “Bedeutung” im Baumstarkschen Sinne hineininterpretieren. Zweitens: Das Hineininterpretieren von “Bedeutung” in Auswanderung ist ein Teil der politischen Praxis, mit der Auswanderung im Laufe der Geschichte verbunden war, seit es moderne Staatlichkeit gibt. Für beide Argumente bietet das 18. Jahrhundert ein sinnvolles Untersuchungsfeld. Einerseits sind in die zwischen dem späten 17. und dem mittleren 18.

2

Jahrhundert liegenden Anfänge der deutschen Amerikaauswanderung “Ursachen” vielfach hineininterpretiert worden, verfehlterweise. Die tatsächliche Dynamik dieser Wanderungsbewegung aus dem deutschen Südwesten vor allem nach Pennsylvania war eine ganz andere, als die Erzähler düsterer Auswanderungsdramen es darstellen. Faktoren, denen “man” hätte “entgegenarbeiten” können, spielten nur eine geringe Rolle. Andererseits hatten bereits die Auswanderer des 18. Jahrhunderts sich mit einem guten Teil der noch heute in der Forschung mitgeschleppten Deutungen herumzuschlagen: Die baumstarkianischen Deutungsmuster sind ein Produkt der Auswanderungssituation selbst. Das Problem soll im folgenden in zwei Schritten angegangen werden. Zunächst soll eine Alternative zum “baumstarkianischen” Ursachenmodell aufgezeigt werden. Am Beispiel Südwestdeutschlands und der Auswanderung in das koloniale Nordamerika wird zu zeigen sein, daß das traditionelle Ursachenmodell staatliche Handlungsmöglichkeiten suggeriert, die mit den tatsächlichen Rahmenbedingungen individueller Auswanderungsentscheidungen

wenig

zu

tun

haben.

Zudem

ist

über

die

Mentalität,

über

die

Handlungsorientierung von (potentiellen) Migranten nachzudenken, die in der traditionellen Ursachendebatte auf spezifische Weise modelliert wird. In einem weiteren Schritt soll diskutiert werden, wie die aus dem 18. Jahrhundert ererbten Deutungen in ihrem Entstehungskontext funktionierten: Daß einerseits Aussagen über die Mentalität von Migranten in einer Weise auf einzelne Beteiligte projiziert wurde, die durchaus lebensgefährlich werden konnte und objektiv unangemessen war, und daß andererseits das fürsorglich-paternalistische Ursachenmodell von Auswanderern gezielt zum eigenen Vorteil benutzt werden konnte – was zeigt, daß irren kann, wer auf es setzt.5

1.

Dynamik von Migration

Zunächst: Welchen “Ursachen” von Auswanderung hätten Staaten im 18. Jahrhundert “entgegenarbeiten” können? Gab es erfolgversprechende Strategien, um die Ursachen von Auswanderung herauszufinden und zu beheben? Ein Blick auf ein stark vereinfachtes ökonomisches Modell reicht im Grunde schon aus, um klarzumachen, wie wenig überraschend Auswanderungsentscheidungen waren, und was ggf. hätte getan werden müssen, um sie zu verhindern. In mikroökonomischer Sicht (ich greife eine Formel der Wirtschaftshistorikerin Simone Wegge auf)6 stehen potentielle Migranten beim Vergleich ihres momentalen Wohnortes mit einem möglichen Wanderungsziel vor folgender Alternative:

Option H: bleiben.

EU[W – xh + xh (1 + Zh )]

oder Option A: auswandern.

EU[W – C – xa + xa(1 + Za)].

Dabei bedeutet

EU:

subjektiv erwarteter Nutzen

W:

Ressourcen

C: Kosten eines Wohnortwechsels x:

investierte Gütermenge an Ort H oder A

Z:

Gewinn aus der investierten Gütermenge

3

In Worten: Rationale Entscheidungen für den einen oder den anderen Wohnort sind Entscheidungen dafür, etwas zu wagen, zu riskieren, ökonomisch gesprochen: Güter zu investieren – und zwar entweder zuhause oder an einem anderen Ort. In dieser Sicht “bedeutet” Auswanderung eigentlich garnichts besonderes, es ist eine individuelle Entscheidung, über deren sozialpolitischen Gründe oder Ursachen man gar nicht weiter debattieren müßte. Die Entscheidung für einen bestimmten Ort unterscheidet sich also nicht prinzipiell von anderen Investitionsentscheidungen, etwa der, einen bestimmten Beruf zu erlernen. Zugleich unterstellt dieses Modell, daß Migranten sich nicht nur dafür interessieren, ein bestimmtes Minimum zum Leben zu haben: sie streben vielmehr danach, daß es ihnen möglichst gut geht. Eine solche Modellannahme ist nicht trivial und auch nicht unumstritten: Sie unterstellt ein nutzenorientiertes, ja sogar gewinnmaximierendes Verhalten. Die Vorstellung, daß man bei der Entscheidung zur Auswanderung darüber nachdenken sollte, ob Investitionen sich lohnten, wurde bereits von Auswanderern des 18. Jahrhunderts artikuliert: “das sag ich eüch, wan es in der Schwitz einem wohl ist, so blib er wo er ist, was wil er witers; wan einer aber nicht weist, wie er sich ernehren kan, und alle Zeit notig hausen und leben muss, der ist ein Nar. Wan er auch ein wenig Gelt kan zusammen bringen, wan er nicht mit Gott und Gebätt die Reis antrittet, wan einer kan 1 oder 2 oder 3 Hundert Guldi kan ins Land bringen, der richtet mehr mit Hundert Guldi aus als by eüch mit 5 Hundert.”7 Der zitierte Auswanderer Hans Wyss zeigte eine klare Nutzenorientierung: Auswandern sollte man, wenn man davon auch wirklich etwas hatte. Ökonomisch gesprochen: es wird einerseits deutlich, daß materieller Wohlstand einen fallenden Grenznutzen aufweist, denn wenn es einem zuhause ohnehin wohl ist, braucht man nicht in eine Auswanderung zu investieren. Interessant ist Auswanderung gerade für diejenigen, die es knapp haben, die aber doch ein wenig Geld “ins Land bringen” können (x) – bei den hohen Ertragsraten Z solcher Investitionen in Amerika lohnte sich die Auswanderung gerade dann, wenn man nicht bloß “mit Gott und Gebet” auf die Reise ging. Rationale ökonomische Kalküle waren den Auswanderern des 18. Jahrhunderts also alles andere als fremd.8 Was wissen wir über die Größen Z, C, W und EU? Was wissen wir über die Entscheidungssituation von Menschen, die im Südwestdeutschland des 18. Jahrhunderts vor der Alternative standen, im Lande zu bleiben oder auszuwandern? a) Gewinnraten (Z) Betrachten wir zunächst die Chancen (Z), am einen oder anderen Ort Nutzen aus der dort getätigten “Investition” zu ziehen. Investieren: das heißt in unserem Zusammenhang vor allem, die eigene Arbeits- und Lebenszeit in Deutschland oder im kolonialen Nordamerika zu verbringen, aber auch, Land zu kaufen. Damit der Vergleich zwischen den beiden Optionen zugunsten der Auswanderung ausfällt, braucht offenbar Zh nicht extrem niedrig zu liegen, es reicht, wenn die möglichen Erträge im Zielgebiet höher sind als im Ausgangsgebiet. Auswanderungsgebiete müssen demzufolge nicht ärmer sein als ihre Umgebung, wohl aber müssen sie für potentielle Migranten geringere Chancen versprechen als das Zielgebiet. Wenn wir also eine Landkarte der Gebiete anschauen, aus denen die Nordamerikawanderer des 18. Jahrhunderts kamen (Karte 1), dann sagt uns die mikroökonomische Theorie keineswegs, daß diese Gebiete in höherem Maße als andere deutsche Regionen unter unattraktiven ökonomischen Bedingungen litten (darüber wäre allenfalls nachzudenken, wenn es sich um eine Karte der Nettowanderungsraten unter Einschluß der Binnenwanderung handelte). Sehr wohl sagt sie aber

4

aus, daß in diesen Gebieten die Erträge von Arbeit und Boden vermutlich geringer waren als in Nordamerika. Genau das war der Fall.

Karte 1: Hauptauswanderungsgebiete nach Britisch-Nordamerika Anmerkung zur Karte:

Quelle: Es handelt sich um eine korrigierte Abzeichnung von Karte 2 aus Scheuerbrandt, Arnold: Die Amerikaauswanderung aus dem Kraichgau und seinen Randbereichen im 18. Jahrhundert, in: Kraichgau. Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung, 9. 1985, S. 65–97, hier: S. 73.

Generell kann das 18. wie das 19. Jahrhundert in Mitteleuropa als Phase eines starken Wirtschafts- und Produktivitätswachstums eingestuft werden; in mittlerer Sicht lief nicht etwa die Bevölkerung der Produktion 9

(insbesondere von Lebensmitteln) davon, sondern umgekehrt. Dieses Wachstum erfolgte in Amerika und Deutschland jedoch von höchst unterschiedlichem Niveau aus. Im 18. Jahrhundert waren in Amerika 5 bis 10 Tage Männerarbeit für 100 Liter Getreide erforderlich, in Deutschland dagegen 5 bis 20 Tage.

10

In Philadelphia

bekamen selbst Gefängnisinsassen etwa 225 Gramm Fleisch täglich, ähnliche Rationen galten auch für einfache 11

Arbeiter im kolonialen Philadelphia. 12

rechnen.

In Deutschland konnte man damals mit 27 bis 55 Gramm täglich 13

Die Landpreise in Südwestdeutschland lagen in der Größenordnung von 35 Gulden pro Morgen. In

Nordamerika war noch nicht angebautes Land dagegen z.T. kostenlos zu erhalten. In Pennsylvania betrug der Preis für solches Land vor 1732 10 Pfund pro 100 acres, dann wurde er auf 15 Pfund 10 Shilling angehoben und 1765 wieder auf 5 Pfund gesenkt. Gutes kultiviertes Land in länger besiedelten Gebieten war teurer: In Chester County und der Umgebung von Lancaster kostete ein Acre in den 1740er Jahren ein bis anderthalb Pfund, das entspricht einem Preis von bis zu 10 Gulden pro Morgen – immer noch massiv unter den deutschen 14

Landpreisen.

b) Kosten (C) Wer also in den Erwerb von Land investierte – und wer die eigene Arbeitskraft einsetzte –, der konnte in Amerika also eindeutig höhere Erträge erwarten als in Europa. Zu bedenken ist freilich der Parameter C in unserer Gleichung: die Kosten der Auswanderung. Was mußte man in Kauf nehmen, aufgeben, bezahlen? Mehrere Arten von Kosten schlugen bei Auswanderern des 18. Jahrhunderts zu Buche. Steuern für die Entlassung

aus den verschiedenen Herrschaftsverbänden (Leibherrschaft, Gerichtsherrschaft, Schutz und

Schirm) betrugen zusammen bis zu einem Viertel des exportierten Vermögens. Die Überfahrtskosten lagen in der Größenordnung von 40 Gulden, bei Tagelöhnen um die 20 Kreuzer (1/3 Gulden) ein erheblicher Betrag, etwa dem Preis von einem Morgen Land entsprechend. Im 18. Jahrhundert wurden diese Kosten oft von den Kapitänen oder Reedern vorgeschossen und im Rahmen von langfristigen Gesindearbeitsverträgen – sogenannten Redemptioner-Verträgen, einer Form von Schuldknechtschaft auf Zeit – in Amerika abverdient. Es waren also begrenzte und auch finanzierbare Belastungen, die Auswanderer auf sich nahmen, obwohl die Verschuldung und Unfreiheit von Auswanderern von fürsorglichen Zeitgenossen oft mit Besorgnis und moralischen Bedenken gesehen wurde.

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Zu diesen materiellen und berechenbaren Kosten kommen solche immaterieller Art: Überfahrten waren gefährlich. Zwar wurde die Sterblichkeit auf Überfahrten von Zeitgenossen erheblich übertrieben; es besteht hier kein Grund, dem Sprichwort “Dem Ersten Tod, dem Zweiten Not, dem Dritten Brot” beizupflichten, wie es ein 15

Teil auch der neueren Forschung tut.

Von 1.000 Auswanderern starben aber immerhin 55 unterwegs an

Krankheiten und bei Schiffbrüchen; bei Kindern war die Sterblichkeit etwa doppelt so hoch. Auswanderung trotz Lebensgefahr – wir können das auf verschiedene Art deuten. Einerseits deutet das Inkaufnehmen so hoher “Kosten” darauf hin, daß die Lebensverhältnisse in Amerika ganz erheblich besser waren als in Europa. Auch heute sterben ja vor allem Menschen aus armen Ländern an unseren Grenzen. Andererseits muß die Sterblichkeit auf der Überfahrt vor dem Hintergrund einer auch im Geburtsland hohen Sterblichkeit gerade für Kinder und über den gesamten Lebenszyklus hinweg – also nicht wie heute vor allem im hohen Alter – gesehen werden. Die Überfahrt war gefährlich, aber das Leben war es immer. Schließlich hat die Überfahrtssterblichkeit nicht so sehr etwas mit festen, klar kalkulierbaren Kosten zu tun, sondern mit einer Gefahr, die das von uns den Auswanderern modellhaft unterstellte Vergleichskalkül zunichte machen konnte. Auswanderung war eine Option vor allem für diejenigen, die bereit waren, Risiken in Kauf zu nehmen; es war im Einzelfall nicht klar, ob sie sich lohnen oder vielleicht auch tödlich enden würde.

16

Die Verhältnisse auf den Schiffen waren wiederholt Gegenstand öffentlicher Debatten. Gesetze zum Schutz von Passagieren (und vor kranken Passagieren) wurden 1720, 1750 und 1765 verabschiedet; dabei wurden ärztliche Kontrollen vorgeschrieben, ein Mindestraum für Passagiere und 1765 auf Druck der philanthropischen Deutschen Gesellschaft die Garantie von 30 Tagen zur Arbeitssuche, in denen die Einwanderer vom Kapitän unterhalten werden mußten. Häufig traten Konflikte von Migranten mit Überfahrtsvermittlern, Reedern und Kapitänen auf, die von Gegnern der Migration so beschrieben wurden, als ob die Auswanderer in ihren Tod liefen. So behauptete der lutherische Pfarrer Mühlenberg 1768, daß die Auswanderer “nicht wie in vorigen Zeiten, verkauft werden können, und, so zu sagen, in ihrem Elend umkommen müssen. Dan die mit solchem Menschenhandel interessirte Herren wollen das Geld für ihre Fracht haben”.

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Schließlich stellt sich die Frage nach der Heimatbindung. Bedeutet es nicht einen großen Verlust, den Ort zu verlassen, in dem man aufgewachsen ist? In der heutigen Diskussion über Marktgesellschaft und die Grenzen des Sozialstaats spielt die Forderung nach der Mobilität der Arbeitnehmer eine große Rolle; sie steht im Gegensatz zu verschiedenen, aber miteinander verbundenen Vorstellungen, die ihren historischen Ort im 19. und 20. Jahrhundert haben. Zum einen betrifft das den für das deutsche Arbeitsrecht fundamentalen Gedanken, daß jedermann – jeder männliche Familienernährer – seinen Ort, seine “Stelle” haben muß, auf der der Unterhalt der Familie auf Dauer gesichert ist. Diese “Stellen” der entstehenden deutschen Angestellten- und Beamtengesellschaft sind von der sozialhistorischen Forschung in die Gesellschaft der Frühe Neuzeit eher zurückprojiziert als in ihr nachgewiesen worden – nur eine Minderheit der Landbevölkerung hatte Bauern“Stellen”, die zum Vollerwerb ausreichten; Heimatbindung als Konsequenz von Schollenbindung und herrschaftlich garantiertem Lebensunterhalt war also nicht die Regel. Typische Lebensläufe selbst von Beamten, Schullehrern, Pastoren enthielten lange Phasen de facto unbezahlter Arbeit. Die Mehrheit der Bevölkerung war darauf angewiesen, ihren Unterhalt aus unterschiedlichsten Quellen vom Tagelohn über das Heimgewerbe bis hin zum Almosen zusammenzukratzen.

6

Die

zweite

Vorstellung,

mit

der

Heimatbindung

als

möglicher

“Kostenfaktor”

für

die

Migrationsentscheidung ins Spiel kommen könnte, betrifft die emo tionale Bindung an den Heimatraum. Heimweh – im 18. Jahrhundert zunächst als Krankheit bei Schweizer Söldnern diagnostiziert – ist aber kein Thema, das im zeitgenössischen Schrifttum einschließlich moralisierender Warnschriften gegen die Auswanderung irgendwie thematisiert worden wäre. Weder wurde ein Verlust der Heimat in deutschsprachigen 18

Zeitungen und Volkskalendern in Pennsylvania angesprochen,

noch war “‚Sehnsucht nach der alten Heimat‘”

ein in der deutschamerikanischen Dichtung des 17. und 18. Jahrhunderts “in irgendeiner Weise wichtiges 19

Thema”.

Gerade den religiösen, am Täufertum oder am Pietismus orientierten Auswanderern des 18.

Jahrhunderts war der Gedanke fremd, das Herz an etwas so diesseitiges wie die Heimat zu hängen: gebunden fühlten sie sich nur an das Jenseits. Ein drittes Argument hat weniger mit den Heimat- und Versorgungsideologien des 19. Jahrhunderts zu tun (und trifft vielleicht auch die Lebenssituation derjenigen Menschen besser, die sich heute gegen neoliberale Mobilitätszumutungen sperren): Gerade wenn man sein Einkommen nicht aus einer festen “Stelle” bezieht und über wenig international einsetzbare, standardisierte Kompetenzen verfügt, gewinnen die persönlichen Vertrauensbeziehungen zu möglichen Auftrag- und Geldgebern (z.B. im Taglohn, bei der Übernahme kleiner kommunaler Ämter, beim Almosen) ebenso an Gewicht wie die Beziehungen im eigenen Familienkreis, die die soziale und körperliche Reproduktion erleichtern. Dieses “soziale Kapital” konnte nicht mitgenommen werden. Armut macht also nicht etwa beweglich, sondern bindet – bei den “heimatberechtigten” Almosenempfängern sogar ganz formell und von Gesetzes wegen – an den Ort. c) Ressourcen (W) und Investition (x) Betrachten wir die Größen W und x. Auswanderung ist nicht die Sache von Habenichtsen, sondern von Menschen, die etwas investieren können. Unsere Formel besagt also, daß Auswanderer nicht einfach Gütermengen vergleichen, die ihnen im einen oder anderen Land gewissermaßen kostenlos zukommen. Menschen sind nur ausnahmsweise, nur in Notlagen bloße Kostgänger ihres Landes, und Migranten sind insofern nicht einfach nur eine Entlastung des einen und Belastung des anderen “Nahrungsspielraums”. Vielmehr setzt Migration einen Bestand an Ressourcen (W) voraus, von dem ein Teil (xh bzw. xa) am alten oder am neuen Ort in der Hoffnung auf einen positiven Ertrag (Zh bzw. Za) eingesetzt wird. Wie bei den Kosten spielt hier Unsicherheit eine Rolle: ob x durch die Entscheidung zum Bleiben oder zum Fortgehen ungeschickt eingesetzt oder ganz verloren wird, hängt von der Zukunft ab; man kann es nicht sicher vorhersagen. Jedenfalls ergibt Migration, deutet man sie als Investition, ohne investierbare Ressourcen keinen Sinn. Je mehr man davon bei gegebener Ertragsrate einsetzte, umso eher lohnte sich die Auswanderung – darauf deutet schon der oben zitierte Auswandererbrief hin. 20

Nicht alle Ressourcen können überhaupt mitgenommen werden, Geld am ehesten.

Schwer zu

transportieren ist vor allem das Vertrauen und Ansehen, das man sich in einer face-to-face-Gesellschaft langfristig aufgebaut hat, das Sozialkapital. Auch Qualifikationen – Humankapital – lassen sich nur zum Teil transportieren. Vieles, was man gelernt hat, läßt sich nur in einem bestimmten Kontext einsetzen – Sprache, Arbeitstechniken, die “richtige” Form von Produkten. Die Präferenz für “ethnisch” passende Wanderungsziele und die daraus folgende Herausbildung und Persistenz “segmentierter” Arbeitsmärkte auch nach Überwindung von Sprachschranken hat also nicht unbedingt etwas mit nationalen Identitäten, Diskriminierungen und Loyalitäten zu tun, sondern einfach damit, daß zum Beispiel unter Landsleuten Arbeitsrollen in der Landwirtschaft nicht neu ausgehandelt werden müssen – deutsche Frauen etwa arbeiteten auf dem Feld,

7 21

Engländerinnen nicht.

Unbeweglich per definitionem schließlich sind Immobilien. Äcker und Häuser kann man

nicht mitnehmen. Das gilt besonders in einer feudalen Gesellschaft, in der Land nicht im frei verkäuflichen Eigentum der bäuerlichen Besitzer stand. Gebiete mit starker Position der Grundherren waren sogar dadurch gekennzeichnet, daß Bauern weder über den Boden noch über die eigene Arbeitskraft – ihr Humankapital – frei verfügen konnten; die südwestdeutschen Realteilungsgebiete, aus denen der Großteil der Auswanderer kam, waren eine Ausnahme. Karte 1 kann also auch so gelesen werden, daß sie gerade diejenigen Gebiete zeigt, in denen Bauern besonders reich mit Eigentum ausgestattet waren: mit Eigentum an dem von ihnen bebauten Land, für das sich bei der Auswanderung problemlos Käufer fanden, und mit Eigentum an ihrer Arbeit. Der Frühneuzeithistoriker Hermann Wellenreuther hat argumentiert, daß die Verteilung der Auswanderungen über größere Distanzen – negativ – “bis zu einem gewissen Grade mit der […] des Zwangsdienstes für Gesinde” übereinstimme.

22

Dort,

wo kein Anrecht der Herrschaft auf die Arbeitskraft ihrer Untertanen bestand, waren diese also am ehesten in der Lage, ihre Chancen auf einem international gewordenen Arbeitsmarkt wahrzunehmen, und dort, wo ihnen ihr 23

Land selbst gehörte, konnten sie es auch verkaufen und verlassen.

Dieselben Überlegungen legen es nahe, jung auszuwandern. Am Beispiel der Auswanderung nach Pennsylvania

ist

gezeigt

worden,

daß

das

Alter

potentieller

Migranten

einen

Einfluß

auf

die

Wanderungsentscheidung hatte: ein deutlich höherer Anteil unter den Ankömmlingen in Philadelphia als unter 24

der Bevölkerung des ländlichen Deutschlands befand sich in der Altersgruppe von 21 bis 30 Jahren. Männer, die ihren Namen schreiben konnten, migrierten vor allem in den Altersgruppen bis 30 Jahren mit höherer Wahrscheinlichkeit nach Pennsylvania als Illiteraten. Insgesamt konnten 29% der erwachsenen Männer den Treueid in Philadelphia nicht unterzeichnen, während für das deutschsprachige Mitteleuropa etwa 45% 25

Analphabeten angenommen werden können. Diese Verteilung von Alter und Alphabetisierung wird von Farley Grubb so interpretiert, daß der Erwerb von ortsspezifischem Humankapital (z.B. Ansehen) über den Lebenszyklus hinweg Auswanderungsentscheidungen negativ beeinflußte, während ortsunspezifisches Humankapital, wie es mit der Unterschriftsfähigkeit gemessen wird, die Auswanderungsentscheidung positiv beeinflußte. Das Argument einer höheren Wanderungsneigung von Personen, die ein gewisses Humankapital mitbringen konnten, kann auch zur Erklärung der ungleichen Anteile der Geschlechter an den Einwanderern herangezogen werden: Da Männer mehr verdienten, war der vom Lohngefälle ausgehende Wanderungsanreiz für sie stärker als für Frauen. Unverheiratete Männer migrierten mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit nach 26

Pennsylvania wie unverheiratete Frauen. d) Nutzenerwartungen (EU)

Unserem Modell zufolge kommt es beim Vergleich zwischen den beiden Handlungsoptionen darauf an, daß Auswanderung sich nicht nur objektiv lohnt, sondern sich auch eine entsprechende Nutzenerwartung (EU) herausbildet. Damit solche Nutzenerwartungen in größerer Zahl einigermaßen stabil herausbilden, müssen die Menschen informiert genug sein, um Vergleiche überhaupt anstellen zu können. Auch dies ist keine triviale Annahme. In der historischen Wanderungsforschung ist immer wieder betont worden, daß Auswanderer ganz übertriebene Erwartungen hatten. Dieser etwas hochmütige Blick auf Auswanderer, die dem Forscher weniger klug als er selbst erscheinen, greift die in Deutschland traditionsreiche “Doktrin vom beschränkten Untertanenverstand” (Wilhelm Dilthey) auf.

27

Ihr zufolge kam dem Blick vom gouvernementalen Zentrum aus

ein höheres Maß an objektivem Wissen zu als der Perspektive ‚von unten‘. In vielen Deutungen der frühen

8

Auswanderung nach Nordamerika wird Information über Nordamerika scharf von der über die eigene Heimat abgegrenzt; sie wird als dysfunktional und kriminell gedeutet. Skrupellose ‚Neuländer‘, professionelle Agenten, die oft überhaupt nicht in Amerika gewesen seien, hätten sich als erfolgreiche Rückkehrer ausgegeben, in Wahrheit aber im Interesse profitorientierter Rotterdamer Kaufleute unbedarfte deutsche Bauern in Scharen an sich gelockt, um sie in Amerika in die ‚weiße Sklaverei‘ zu verkaufen; sie hätten die deutschen Territorien mit Werbeschriften und gefälschten Briefen überschwemmt, mit ihrem angeblichen Reichtum geprahlt und die 28

Deutschen mit ihrer Lage unzufrieden gemacht.

Karte 2:

Reiseziele von ‚Neuländern‘, 1746–1768

Hier: Karte 2 einfügen

Anmerkung zur Karte:

Quellen: Pennsylvanische Berichte, 1746–1762, Philadelphischer Staatsbote, 1762–1768. In den Anzeigen kündigten Neuländer an, wohin zu reisen sie vorhatten, und baten um Aufträge für Brieftransport und Vollmachten. Reinzeichnung der Karte: Dr. Hans-Joachim Kämmer.

Tatsächlich entwickelte sich im 18. Jahrhundert ein Kommunikationssystem, das die protestantischen deutschsprachigen Länder im Einzugsgebiet des Rheines mit dem kolonialen Britisch-Nordamerika, v.a. Pennsylvania verband. Die Kommunikation zwischen Pennsylvania und dem deutschsprachigen Südwesten wurde durch ein Netzwerk von Rückreisenden, sog. “Neuländern”, ermöglicht, die den transatlantischen Kleinhandel, den Brieftransport, die Regelung von Erbfällen und die Vermittlung von Schiffspassagen zu ihrer Erwerbsquelle machten. Wie Karte 2 zeigt, waren dieselben Gebiete, aus denen die Auswanderer stammten, auch in dieses Netzwerk von Rückreis enden eingebettet. Unabhängig davon, ob einzelne Neuländer falsche Versprechungen machten, bedeutete das zunächst einmal eine erhebliche Verdichtung und Verstetigung von Kommunikation: nicht nur, daß dieselben Personen wieder und wieder aus Amerika nach Südwestdeutschland und in die Schweiz kamen; sie brachten auch Briefe von bereits ausgewanderten Verwandten und Nachbarn mit. Die Inhalte dieser Briefe scheinen, soweit sie faßbar sind, eine Orientierung über die Verhältnisse in Nordamerika durchaus ermöglicht zu haben, insbesondere im Hinblick auf Kosten- und Nutzenkalküle, wie sie für ein rationales Agieren auf Arbeits- und Bodenmärkten zu erwarten wären. Im 18. Jahrhundert bestand noch nicht das “prepaid-ticket-System”, das die deutsche “Ketten-Auswanderung” von Verwandtschaftsgruppen im 19. Jahrhundert kennzeichnete. Es waren also (noch) nicht so sehr Akte der persönlichen Solidarität und familialen Unterstützung, die zur Verstetigung und zur Entwicklung einer Eigendynamik von Migration

9

beitrugen, sondern einfach die Verfügbarkeit von hinreichend dichter Information. Das Neuländersystem zeigt, daß Kommunikation über den Atlantik hinweg auch in einer vormodernen ländlichen Gesellschaft durchaus gelingen konnte. Für die Möglichkeiten der zeitgenössischen Migrationspolitik und damit für die “Ursachen”, denen man allenfalls hätte “entgegenwirken” können, bedeuten unsere Überlegungen: Es gab sie kaum. Das gilt insbesondere für eine in der deutschen Forschung verbreitete Argumentationslinie, die das Recht der Bauern, ihr Land frei zu teilen, für Übervölkerung, Not und Auswanderung verantwortlich macht. Nordamerika bot im Vergleich zu den verlassenen Territorien weit höhere Ertragsraten für den Einsatz von Arbeitskraft und von Geld. Das Gefälle lag in einer Größenordnung, die durch eine fürsorgliche landesväterliche Politik keineswegs hätte beseitigt werden können – noch im späten 19. Jahrhundert lag das Lohnniveau in Europa in der Größenordnung von 50% gegenüber dem in Nordamerika.29 Die Kosten der Auswanderung – in jedem Sinne – waren erheblich, aber nicht unüberwindbar. Es gab besonders in Südwestdeutschland viele Menschen, die tatsächlich über “Kapital” im weitesten Sinne verfügten, das in Nordamerika einsetzbar war. Und es bildeten sich stabile Vorstellungen über die in Amerika erreichbaren Lebensmöglichkeiten heraus. Heutige Diskussionen darüber, wie man Auswanderung hätte verhindern können, sind also ziemlich weit abgehoben von den tatsächlich gegebenen Handlungsmöglichkeiten.

2.

Ererbte Deutungen: Grenzüberschreitende Migration und das begrenzte System Staat

Das in der deutschen staatswissenschaftlichen Tradition vorherrschende Modell ist ein anderes als das eben vorgestellte. Es geht von folgenden Prämissen aus: 1)

Der Staat ist ein System, das darauf angelegt ist, seine Mitglieder im Lande zu halten. Er tut das, indem er ein bestimmtes Subsistenzniveau ermöglicht und auch in anderen Bereichen (religiöse und politische Freiheiten) für das Notwendige sorgt. Migration bedeutet, daß dies nicht mehr funktioniert, daß z.B. der vom Staat garantierte “Nahrungsspielraum” erschöpft ist. Migration ist also ein Symptom.

2)

Die Bevölkerung ist grundsätzlich seßhafter Mentalität. Sie ist nicht am Profit orientiert – den sie überall machen könnte – sondern an ihrer standesgemäßen “Nahrung”. Daher kommt es nur dann zu Auswanderung, wenn Minimalbedürfnisse nicht erfüllt werden. M.a.W., die Ursachen von Auswanderung – Möglichkeiten, Auswanderung zu verhindern – sind artikulierbar: Sie fallen zusammen mit den Gründen, die Auswanderer zur Rechtfertigung ihrer Entscheidung anführen können. Migration fällt also tendenziell mit Flucht in eins, Flucht verstanden als begründbare, gerechtfertigte Wanderung ohne zumutbare Alternative.

3)

Wenn dieses Modell nicht paßt, wenn es keine auf fehlende Leistungen des Staates bezogenen Rechtfertigungsgründe für Auswanderung gibt, dann ist Migration als Folge von Verführung zu erklären: Auswanderer, die sich – im Zweifel ungerechtfertigte – Hoffnungen machen, entscheiden sich für eine andere Mentalität als die des heimatgebundenen, subsistenzorientierten traditionellen Bauern – für die der Moderne, der Gewinnorientierung, des Profits.

Es soll im folgenden an wenigen Beispielen gezeigt werden, daß dieses Subsistenz- und Gewinnorientierung, Mobilität und Heimatbindung gegeneinander ausspielende Modell bereits im 18. Jahrhundert – nicht etwa: adäquat war, vielmehr: Wirkung zeigte.

10

2.1 Ererbte Deutungen I: Migration als Flucht Beginnen wir mit dem Begriff der Flucht. Im 17. und 18. Jahrhundert ist von Migration als Flucht vor allem in einem Kontext die Rede, in dem es um religiöse Rechtfertigung geht. Seit der Gründung Germantowns 1683 hatten Taufgesinnte und radikale Pietisten begonnen, nach Pennsylvania überzusiedeln – teils nach Verfolgungen, aber auch in der Hoffnung, nicht mehr durch Kontakte und Kompromisse mit dem sündigen Europa ‚geärgert‘ zu werden. Viele Siedlungsprojekte auch außerhalb Pennsylvanias wurden mit religiösen 30

Argumenten legitimiert.

Die Einstufung als religiös motivierte, durch Verfolgung verursachte Auswanderung

bestimmten auch die zeitgenössische Perzeption solcher Wanderungsbewegungen weitgehend. Spektakulär war der Exodus von vermutlich ca. 13.000 Menschen aus Südwestdeutschland 1709–10, die auf Aufnahme in Britisch-Nordamerika hofften. Die Migrationswelle war eine Reaktion auf Landangebote aus South Carolina, die in Deutschland seit 1706 von Josuah Harrsch (“Kocherthal”) bekannt gemacht worden waren, und auf eine einwanderungsfreundliche Politik Großbritanniens, die sich 1709 in einem neuen, von William Penn eingebrachten Einbürgerungsgesetz niedergeschlagen hatte.

31

Auf der Flucht zu sein, verfolgt zu sein: das war

für den Pfarrer Harrsch und seine bereits 1706 nach New York übergesiedelte kleine Gruppe vor allem auch ein 32

starkes Rechtfertigungsargument beim Bitten um Almosen.

Kocherthals und seiner Gruppe Vorgehen war

nichts grundlegend Neues: ‚Kollektanten‘ für gute Zwecke, oft mit von Geistlichen ausgestellten Bettelbriefen, waren eine vertraute Erscheinung, und stellenlose Pfarrer und Schulmeister gehörten zu den häufigsten Almosenempfängern.33 Noch 1768 galten der baden-durlachischen Regierung bettelnde Emigranten – ebenso wie bettelnde Adlige, Offiziere und Pfarrer – für almosenswürdiger als andere Bettler.

34

Die Massen, die

Kocherthal 1709 folgten, bewegten sich auf dieser Spur. Auch sie wurden von der britischen Regierung und 35

zahlreichen Privatpersonen mit milden Gaben unterstützt.

Aufnahme und Unterstützung für die ‚Palatines‘

wurde immer wieder mit dem Argument gefordert, diese seien als Protestanten von ihrer katholischen Obrigkeit 36

verfolgt worden.

37

Ein Großteil

der vorgeblichen Glaubensflüchtlinge war freilich katholisch; über die

Einordnung dieser neuartigen Wanderungsform in die vertrauten Kategorien der Religionsflucht bzw. des 38

betrügerischen Bettelzuges entbrannte in England eine publizistische Debatte zwischen Tories und Whigs.

Auch in Kocherthals eigener Perspektive fielen Flucht und legitime Migration in eins. In seinem Buch 39

verlangte er, Auswanderer sollten ihre ‚Ursachen‘ auf das Genaueste überlegen.

Begierde nach Reichtum,

Hoffnung auf ein müßiges Leben und fürwitzige Neugier galten ihm als verwerflich. Nur wer “durch unglückliche Zufälle getrieben seine Nahrung und Aufenthalt anderwärtig suchen muß”, in Gefahr schwebt oder sonst von Gott zur Auswanderung geleitet wird, habe – wie der damalige Sprachgebrauch auch lautet – eine ‚rechtmäßige Ursache‘, sei also legitimiert. ‚Nahrung‘ gilt zwar auch dem Pfarrer “Kocherthal” als legitimes Ziel: aber anders als in vielen zeitgenössischen Auswandererbriefen, wo es durchaus als erstrebenswert gilt, mit seinen hundert Gulden viel auszurichten, soll man nicht nach dem Maximum an Wohlstand streben, sondern Auswanderung nur in Betracht ziehen, wenn das Existenzminimum in Gefahr ist. Diese Interpretation schränkt ‚Nahrung‘ auf Notdurft ein und versucht, dem Streben nach Eigennutz einen Riegel vorzuschieben. Subsistenzorientierung erweist sich hier als ein religiöses Prinzip, das im Gegensatz zur tatsächlichen Lebenspraxis der Adressaten stand. Die Gleichsetzung von Flucht und legitimer Wanderung findet sich auch im aktuellen Diskurs über “Fluchtursachen”. In der politischen Diskussion wird oft zwischen Flucht und Migration kein Unterschied gemacht, es werden also nahezu alle Migranten aus ärmeren Ländern zu Flüchtlingen (“Umweltflüchtlingen”, “Flüchtlingen vor Armut”) erklärt. Das ist ein sehr fragwürdiger, aber – wie wir gesehen haben – nicht neuer

11

Sprachgebrauch. Eine bedenkliche Folge dieser Ausweitung des Flüchtlingsbegriffs ist, daß die Aufnahme von Flüchtlingen als völlig unrealistische Strategie erscheint und Handlungsanstöße, die auf Aufnahme gerichtet sind, keine Chance haben. Es kursieren Prognosen von etwa einer Milliarde an “Umweltflüchtlingen” – die können gewiß nicht alle aufgenommen werden. Die Vermischung von Diskursen über die legitime Begründung von Wanderungsentscheiden bzw. Aufnahmebitten einerseits und solchen über die mögliche Steuerung von Wanderung

andererseits

hindert

die

Beteiligten

also

sowohl

daran,

die

Steuerbarkeit

von

Wanderungsbewegungen illusionslos einzuschätzen, als auch daran, den Begründungen von Aufnahmebitten gerecht zu werden. Demgegenüber bezieht sich ein enggefaßter Flüchtlingsbegriff darauf, daß jemand “aus der begründeten Furcht”

40

vor einem ihm nicht zumutbaren Schicksal aufgenommen werden will. Wie Staaten sich gegenüber

Flüchtlingen verhalten, hat also etwas mit Argumenten zu tun, nämlich damit, ob deren Furcht begründet ist. Man kann diese begründete Furcht auch wegdefinieren wie im 2. Weltkrieg die Schweizer, die nur politische Verfolgung, nicht aber rassische anerkannten, oder wie wir Deutschen zur Zeit, indem wir nichtstaatliche Verfolgung nicht anerkennen. Man bewegt sich hier aber jedenfalls in einer Dis kussion, die es mit Begründungen von Ansprüchen oder Bitten zu tun hat, und als solche nicht mit Steuerung. Tatsächlich waren (und sind) viele Migranten, auch solche aus armen Ländern (wie Deutschland es um 1700 war) nicht auf der Flucht – zu moralischen Negativurteilen sollte das keinen Anlaß geben, und die Frage der Kausalität, des möglichen “Entgegenarbeitens” und Steuerns ist damit keineswegs beantwortet. Nun sind Flüchtlinge eine Teilmenge aller Migranten, und Migration stellt für Staaten ein Steuerungsproblem dar. In dieser Sicht ergibt es Sinn – und zwar unabhängig davon, wie gut die Flüchtlinge ihre Bitten begründen – nach den “Ursachen” zu fragen. Es ist unmittelbar eingängig, daß die Politik etwas gegen die Ursachen der Migration von Flüchtlingen tun sollte. Aber soll sie auch etwas gegen die Ursachen der Migration von Nicht-Flüchtlingen tun – also derjenigen, die irreführend “Armutsflüchtlinge” genannt werden? Und kann sie das überhaupt mit sozusagen entwicklungspolitischen, nicht-repressiven Mitteln? Ersteres hängt davon ab, wen man ins Land holen will und wen nicht, und ob man die Kosten dieser Migrationsprävention tragen will. Letzteres ist eine empirische Frage, für die man etwas über die Dynamik von Wanderungsbewegungen wissen muß (lassen sich Einkommensgefälle hinreichend ausgleichen? Wie stark fallen die Transaktionskosten von Wanderung im Zuge der Wanderungsbewegung?). Die Vorstellung, daß die Leute sozusagen vor dem drohenden Verlust ihrer Subsistenz “fliehen”, daß sie also bleiben würden, wenn sie ihr traditionelles Minimum gesichert wäre, überträgt die in Deutschland traditionell – schon bei “Kocherthal” – üblichen Rechtfertigungen von Migration auf die Dynamik von Wanderungsbewegungen, die mit einer Politik der Subsistenzsicherung zu steuern nicht realistisch ist. 2.2 Ererbte Deutungen II: Migration als Verführung Neben der überkommenen Standard-Deutung “Flucht” steht bereits seit dem 18. Jahrhundert die StandardDeutung “Verführung”. Betrachten wir ein Beispiel, bei dem Migration nicht als eine Art Flucht vor anders einstweilen nicht behebbaren Umständen gesehen wurde, sondern als Resultat von Verführung und verwerflichem Profitstreben. Im Jahr 1735 verließ der sechzehnjährige Peter Inäbnit seinen Heimatort Grindelwald im Berner Oberland und zog in die britische Kolonie South Carolina. Im September 1743 - neun Jahre nach seiner Abreise - tauchte der nun 25jährige Inäbnit wieder im Berner Oberland auf, um eine Erbschaft 41

einzufordern.

Er brachte acht Briefe an Landsleute mit, hoffte auf eine Anstellung beim englischen Gesandten

12

in Bern und hatte, wo er auch hinkam, viel über Carolina zu erzählen. Dabei redete er, wie der Grindelwalder Pfarrer berichtete, “ganz moderati und nicht als ein Werber”. Darauf, daß viele seiner Zuhörer sich entschlossen, ebenfalls nach South Carolina zu ziehen, war er nicht vorbereitet, geschweige denn, daß er ihnen raten konnte, wie sie – soweit sie mittellos waren – die Reise hätten finanzieren sollen. In einem, wie sich zeigen sollte, verhängnisvollen Schritt schrieb er dem englischen Gesandten – der ihn bereits zwei Monate zuvor nicht einmal vorgelassen hatte – einen Brief, in dem er um finanzielle Unterstützung für die Auswanderungswilligen bat. Der Brief wurde aufgefangen; Peter Inäbnit wurde im Januar 1744 verhaftet und verhört. Im Februar verhörte man ihn erneut und bedrohte ihn mit der Folter, dann wurde er an den Pranger gestellt und verbannt. Er ging nach Basel, wo er Geld aus Grindelwald und einen Vetter erwartete, mit dem er zu Verwandten nach England reisen wollte. Erneut wurden im Berner Herrschaftsgebiet Briefe aufgefangen, in denen er Auswanderungswilligen Ratschläge gab. Daraufhin wurde er im März in Basel verhaftet, an Bern ausgeliefert und am 27. März 42

gefoltert.

Im Turm wurde er nach Aussagen von Mitgefangenen oft von Frauen und Männern aus dem Berner

Oberland besucht, auch las er oft in der Bibel. Am 1. April versuchte Peter Inäbnit, sich an einem Seil vom Turm herunterzulassen, dabei versagte seine Kraft, und er wurde nach 9 Uhr abends in seinem Blut liegend unter dem Turm gefunden. Zehn Stunden später starb er; man verscharrte ihn unter dem Galgen. Das Verführungsparadigma beruhte auf einer Kriminalisierung des Marktes. “Neuländer” wie Inäbnit galten Zeitgenossen und gelten auch heutigen Historikern vielfach als Kriminelle, als Lügner und Manipulatoren. Auch in neuesten Forschungen wird die besondere Markt-Gesinnung der Neuländer herausgestellt: profitorientiert, gezielt die Lockungen des neuen Landes für private Zwecke nutzend43 , womöglich – es “lassen sich solche Mißstände kaum bestreiten”44 – Briefe fälschend. Das in der deutschen Forschung gängige Neuländer-Bild stützt sich vor allem auf die Sicht eines für Massachusetts tätigen Auswanderungsorganisators, des Frankfurter Schriftgießers Heinrich Ehrenfried Luther, gegen seine professionellen Konkurrenten, aber besonders gegen die ohne staatlichen Auftrag informell agierenden Neuländer.

45

An Schärfe und zugleich an

einer gewissen fragwürdigen Plausibilität auch für die spätere Forschung gewann diese Polemik dadurch, daß Luther, Vertreter des Herzogtums Württemberg in der Reichsstadt, den Eindruck zu erwecken versuchte, als sei er selbst materiell desinteressiert, wohingegen seine Gegner skrupellose Geschäftemacher seien. Die Vorwürfe, die Luther gegen die Neuländer erhob, folgten im wesentlichen aus seiner Vorstellung, daß eine privat betriebene Vermittlung von Schiffspassagen an Auswanderer verwerflich sein müsse. Luther und 46

seine Mitarbeiter setzten dagegen auf ein obrigkeitsstaatliches Muster der Auswandererwerbung.

Die

47

Neuländer, so Luther, folgten “einem niederträchtigen und schmutzigen Interesse” ; sie bildeten eine “race de gent qui n’ont d’humain que la figure”.

48

Nur eine von Luther geleitete Kommission könne diese “unwürdige

Raçe […] entfernen, welche die Habgier der Kaufleute von Rotterdam beschäftigt und mit denen sie sich in einen schmutzigen und schändlichen Gewinnst theilen”. Hier erscheint kommerzielles “Interesse” – eben das, 49

was Luthers amerikanische Partner als legitimes “business of Merchants & Factors”

betrachteten – als von

vorneherein illegitim. Es handelte sich bei dieser Wertung um einen Topos, mit dem man das unter anderem an den Auswanderern selbst wahrgenommene Streben nach Gewinn als illegitim zu brandmarken suchte, indem man es auf einen bestimmten Menschenschlag projizierte, der dieses Streben gleichermaßen propagiere wie selbst verkörpere. Luther scheiterte mit all seinen organisatorischen Bemühungen; ironischerweise hatte sein Kampf gegen die Neuländer nur insofern Erfolg, als Luthers umfangreiche und weitgehend als Quelle erhaltene Korrespondenz das Image der Neuländer noch in der heutigen Forschung gründlich negativ prägte.

50

13

2.3 Ererbte Deutungen III: Migration als Symptom Verführung durch einen profitorientierten Menschenschlag: so wurde Migration interpretiert, wenn sie nicht gerechtfertigt erschien und im Rahmen des territorialen politisch-ökonomischen Systems keinen Sinn produzierte. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich jedoch auch ein Deutungsmuster, das Migration sinnstiftend interpretierte. Entscheidend für die Entstehung dieses Deutungsmusters war die Vorstellung, daß die Gesellschaft ein von selbst funktionierendes, im Gleichgewicht befindliches Ganzes bilde – im zeitgenössischen Sprachgebrauch: eine “Maschine”51 , in moderner demographischer Sprache: ein homöostatisches System. 52 Zu den wichtigsten Autoren, die die Gesellschaft gewissermaßen als einen Verbund kommunizierender Röhren ansahen und deshalb isolierte, bloß reaktive Maßnahmen ablehnten, gehörte Johann Heinrich Justi.53 Justi vertrat – in der Nachfolge Süßmilchs54 – die Auffassung, Bevölkerung und Nahrungsspielraum bildeten ein sich selbst regulierendes System, die Bevölkerung neige also im Grunde dazu, von selbst das richtige Maß anzustreben. Die “Balance”, die “Proportion” zwischen “Bevölkerung” und “Nahrung” war also nicht mehr wie im Frühkameralismus ein Ziel obrigkeitlichen Handelns, sie war Natur- bzw. (in Süßmilchs Worten) “göttliches Gesetz”. Also konnten Verbote nur Symptome kurieren. Als Symptom aber mußte Auswanderung ‚Ursachen‘ haben – nicht bloß weil die Entlassung aus dem Untertanenverband jeweils Rechtfertigungsgründe erforderte, sondern weil die Bewegungen der Bevölkerung als Funktion des ‚Nahrungsstandes‘ betrachtet und Eingriffsmöglichkeiten gesucht wurden, um die Bevölkerung im gewünschten Sinne positiv zu beeinflussen. Erst in diesem normativen Kontext, also wenn wir annehmen, daß ein bestimmtes, an den vorhandenen Ernährungsmöglichkeiten orientiertes Maß der Bevölkerung erstrebt werden soll, und wenn wir des weiteren daran glauben, daß dieses Maß von der Bevölkerung auch ‚von selbst‘ angestrebt wird, wird die merkwürdige Kategorie

‚Nahrungsspielraum‘

verständlich,

wie

sie

in

der

deutschen

bevölkerungssoziologischen

Migrationstheorie immer wieder betont wird – einer Theorie, die ihre Wertorientierungen wie auch ihr implizit homöostatisches Modell der Bevölkerungsbewegung aus einer direkten Fortschreibung der kameralis tischen Bevölkerungstheorie gewonnen hat.55 Tatsächlich war es Justi, der als erster Kameralist die ‚Ursachen‘ der Auswanderung – und das heißt bei ihm ganz deutlich die Möglichkeiten der Emigrationsprävention – in seine Bevölkerungstheorie integrierte. Auswanderung hatte nach Justi “drey Hauptursachen (...). Die erste und hauptsächlichste ist wohl ohne Zweifel eine üble Beschaffenheit der Regierung. (...) Die zweyte Hauptursache bestehet in dem Mangel der 56

Gewissensfreiheit (...). Die dritte Ursache der Auswanderung ist endlich der Mangel der Nahrung im Lande”.

Der Staat solle “befehlen, daß (...) diejenigen, welche in ein ander Land ziehen wollen, vorher die Ursachen anzeigen sollen.” Allerdings würden Ursachenforschung und Restriktionen allein noch “wenig Wirkung haben; so lange die Ursache nicht abgeändert ist, welche die Unterthanen zur Auswanderung geneigt macht.”

57

Positiv aufgenommen wurde Justis Bevölkerungs- und Wanderungstheorie auch in der baden58

durlachischen Regierung.

Der einflußreiche Minister Reinhard begrüßte Justis Schriften enthusiastisch,

insbesondere seine Vorstellung eines sich ohne regulierende Eingriffe von selbst einspielenden Gleichgewichts. Die Anschauung, Auswanderung müsse sich eigentlich verhindern lassen, wurde durch die Hinwendung der baden-durlachischen Regierung zur Physiokratie noch verstärkt, wie sie in der 1763 erfolgten Berufung Johann August Schlettweins, des führenden deutschen Physiokraten, in die Regierung zum Ausdruck kam.

59

Die neue Migrationstheorie wurde gegenüber den Bewohnern Dietlingens, eines Fleckens nicht weit von 60

Pforzheim, im Jahr 1769 unmittelbar praktisch. Als drei Familien - nicht anders als schon 15 andere

61

aus dem

14

Dorf - nach Pennsylvania ziehen wollten, lösten sie eine wahre Kettenreaktion politischer Fürsorglichkeit aus. Dietlingen hatte schon länger Schwierigkeiten gemacht: immer wieder hatten die Bürger von der Amtskellerei Getreide erhalten, ohne zu bezahlen. Nun sollte Land gepfändet werden, wogegen die Bürger heftig protestierten. Das Oberamt Pforzheim folgte noch der alten Migrationspolitik und befürwortete die Entlassung. Die Regierung entschloß sich jedoch, der Sache auf den Grund zu gehen. Am 22.2.1769 wurden vom Hofrat die Manumissionsgesuche des Maurers Michel Weisenbacher und der Witwe Eberlin abgelehnt; die Reise sei insbesondere mit kleinen Kindern - zu weit und gefährlich, man wolle das Emigrieren nicht “einreißen” lassen, und die “Ursache” liege ja vermutlich entweder im “Betragen des Oberamts” in der Getreideangelegenheit oder in einer “heimlichen Anwerbung”. Am 27. Februar schloß sich Johann Jacob Reinhard für den Geheimen Rat der Frage nach den “Ursachen dieses Unheils” an, und am 4.3. wurde der Dietlinger Schultheiß Bischoff befragt, “Was für Ursachen zu dieser in ansehung der gefährlichen Rayse vor diese Persohnen selbst bedencklichen emigration vorhanden, und ob nicht allenfalls durch heimliche anwerbungen, diese Leuthe dazu verleitet worden?” “Heimliche Anwerbungen” - diese Vorstellung kam der obrigkeitlichen Distanz gegenüber dem Handlungswissen ihrer Untertanen entgegen. Tatsächlich verwies der befragte Schultheiß auf den transatlantischen Händler Baisch, der sich gelegentlich in seinem Heimatort Brötzingen aufhalte. Allerdings sei dieser ein “ehrlicher Mann welcher sich mit dergleichen, seines wißens noch niemals abgegeben habe. Deßen verrichtungen bestünden haubtsächlich in Aufkaufung hiesiger Geistlicher Bücher, Meßer, Senßen pp und daß er haubtsächlich denen Leuten, die aus den hiesigen Gegenden dorthin gezogen, die ihnen anfallende Erbschaften mitnehme und überliefere.” Im übrigen entsprach die Antwort physiokratischen Erwartungen: “die schlechten felder welche durch die waßergüße so verderbt worden wären, daß die leute auf einem viertel, wovon der gute boden durch das waßer gantzlich abgeschwemmet, nicht mehr, als 4 bis 5 kleine Garben sehr magerer Früchten erhielten, möchten wohl haubtsächlich, nebstdem, daß es sehr schwer halte, die benöthigte frucht bei der Mittellosigkeit der Unterthanen, von der Kellerei Pfortzheim zu erhalten, die Ursache seyn, daß diese Leute auf solche Entschliesung gerathen”. Am 28.3. wiederholten die drei Familien ihr Auswanderungsgesuch in einer Form, die auf die neue Migrationspolitik geschickt abgestimmt war: “Wir ruffen mit unsern armen weib und unerzogenen kleinen kindern mit weinenten augen um hülfe und gnade, Euer Hochfürstlichen Durchlaucht erbarmungswürdig an (...) da wir uns aus größter armuth halben von hier weg und ins Neue Land zu ziehen entschloßen zu unsern nächsten Blutsfreunden”. Gegen den Rat des Oberamts setzte Schlettwein nun Getreideschenkungen an die drei Familien durch. Am 8.5. bekräftigte das Oberamt erneut seine traditionelle Haltung zur so hochpolitisch gewordenen Frage nach der “wahren Ursache” des “animus emigrandi”: Leute wie Weisenbacher seien “Bettler, denen auf keine weiße zu helffen ist”. Reinhard, Schlettwein und der alles entscheidende Markgraf Karl Friedrich freilich waren sich einig: Auswanderung bedeutete politischen Handlungsbedarf. Schlettwein nahm den Fall mit allerhöchster Unterstützung zum Anlaß, mit den Vorarbeiten für eine physiokratische Agrarreform in Dietlingen zu beginnen – einer Reform, die sich weitgehend in Rindviehschenkungen und der Dietlingen gegenüber seiner Umgebung privilegierenden Gewährung von Gewerbefreiheit erschöpfte.

62

Michel Weisenbacher freilich blieb

von all dieser Ursachenforschung und -bekämpfung unbeeindruckt – zwei Jahre später war er in Pennsylvania.

63

Das Beispiel zeigt, wie entstehende moderne Staatlichkeit mit der Deutung von Migration als Symptom, als Alarmsignal verbunden ist – und daß es sich dabei auch um falschen Alarm handeln konnte. Ein Staat, der sich selbst für das Ganze hält, der also seine eigenen Interessen (‚Glückseligkeit‘) für mit denen seiner Mitglieder oder Untertanen gleichsetzt, wird deren Abwanderung nicht als Ausdruck von deren vielfältigen

15

Interessen interpretieren, sondern auf seine eigene Fähigkeit beziehen, seine ‚Mitglieder‘, wie es seinem Wachstums - und Machtinteresse entspricht – durch Maximierung seiner und damit ihrer Glückseligkeit weiterhin an sich zu binden. Er wird also in seinen Deutungen Bezug nehmen auf seine Fähigkeit, Leistungen für seine Mitglieder zu erbringen – in gewissem Maße ähnlich wie eine Firma, die ihre Kunden ja auch nicht gerne verliert. Albert Hirschman hat in einer klassischen Studie argumentiert, daß “Abwanderung und Widerspruch”

64

funktionale Äquivalente sind, daß Gemeinwesen also über den Mechanismus des Protestes und der Berufung auf Werte ähnliches leisten können wie stumme, durch Abwanderung organisierte Märkte. Wer unzufrieden ist – gleich ob mit den Leistungen einer Firma oder denen eines Staates –, hat zwei Möglichkeiten: Entweder zu protestieren, oder wegzubleiben. In der Perspektive der jeweiligen Firma bzw. des jeweiligen Staates ist also vor allem eines wichtig am Wegbleiben des ‚Kunden‘: der Mißstand, gegen den der Kunde (bzw. Staatsbürger oder Untertan) vermutlich protestiert hätte, wäre er oder sie nicht weggeblieben. Wenn nun ein Staat – und im 18. Jahrhundert ist das der Fall – die ‚Glückseligkeit‘ der Untertanen unter seine eigene subsumiert, also Gegensätze zwischen seinen eigenen Interessen und denen der Untertanen nicht für möglich hält, wird er deren Abwanderung (wo nicht als irrational) ausschließlich als Reaktion auf seinen eigenen Leistungsabfall interpretieren, also als soziopolitisches Alarmsignal. Das gilt auch dann, wenn die Leistungen des Staates, die ‚Glückseligkeit‘, die er seinen Untertanen verschafft, in deren eigenem Kalkül eher zu vernachlässigen sind – aus der Sicht des Staates sind sie es ja gewiß nicht. Auch eine Abwanderung, die nicht als symbolisches Handeln intendiert ist, wird also aus staatlicher Perspektive politisch – als Äquivalent zu Widerspruch – gedeutet. Freilich: Zwar waren frühmoderne Bürokratien gezwungen, Abwanderung politisch zu interpretieren, die heutige Geschichtswissenschaft muß diese Interpretationen jedoch nicht übernehmen. Fazit In diesem Text sind vier unterschiedliche Modelle der Auswanderung im 18. Jahrhundert vorgestellt worden: (1) ein mikroökonomisches, das die individuelle Entscheidung von Auswanderern betont, ihre Ressourcen so gut es ging einzusetzen; (2) ein moralisches, das die Begründung und nicht die Verursachung von Auswanderung in den Blick nimmt; (3) ein im Grunde mentalitätshistorisches, auf “Wirtschaftsgesinnungen” und deren Kontrast und Wandel zielendes, und (4) ein gewissermaßen sozial- und bevölkerungshistorisches, das den Signalcharakter von Auswanderung in Bezug auf den “Nahrungsspielraum” betont. Die letztgenannten Deutungen stehen in einem komplementären, geradezu dialektischen Verhältnis: gerechtfertigte Wanderung ist Flucht, nicht gerechtfertigte Wanderung ist nur erklärlich, wenn man sie als Resultat von für das Opfer wie für die Gesellschaft sinnloser Verführung sieht, Sinn ergibt Wanderung nur als soziales Symptom. Mit Ausnahme der mikroökonomischen Deutung hat die heutige Migrationsforschung diese Interpretationen – Migration als Flucht, als Verführung, als Symptom – aus der Frühen Neuzeit ererbt. Zuzugestehen mag sein, daß das vorgestellte ökonomische Modell von Migration nicht unbedingt vollständig ist. Aber Erkenntnisfortschritt – das kann man von analytischen Philosophen lernen – liegt oft in den einfacheren Antworten, im wenig Überraschenden, im scheinbar Trivialen, in dem, was weniger mit Bedeutung beladen wird. In politischer Sicht sollte mit dem Begriff der Flucht nicht zu pauschal umgegangen werden. Es gab und gibt Wanderung aus gerechtfertigter Furcht, und diesen notwendigen Begriff können wir nicht gut benutzen, wenn alle Migration als Flucht stilisiert wird. In mentalitätshistorischer Sicht erscheint der Gegensatz zwischen der Subsistenzorientierung einfacher Auswanderer und der rationalen Nutzenorientierung ihrer “Verführer”, von “Neuländern” und Kaufleuten als Chimäre. In sozial- und politikhistorischer Perspektive scheint die empirische Evidenz dünn, daß die vor allem im 19. Jahrhundert öffentlich ausgefochtenen Konflikte um Erbformen,

16

Heiratserlaubnisse und das Anwachsen der Unterschichten mit den Wanderungsentscheidungen der großen Zahl kausal verbunden waren. Als selbstverständliche Erklärungsmuster sollten die Modelle “Symptom”, “Flucht” und “Verführung” von der historischen Wanderungsforschung aufgegeben werden.

1

Baumstark, Edward: Kameralistische Encyclopädie. Handbuch der Kameralwissenschaften und ihrer Literatur für Rechts- und Verwaltungsbeamte, Landstände, Gemeinde-Räthe und Kameral-Candidaten, Heidelberg 1835, S. 647.

2

Vgl. etwa Reichow, Hartmut: Zukünftige Wanderungsbewegungen und ihre Ursachen, in: Beate Winkler (Hg.), Zukunftsangst Einwanderung, München 1992, S. 45–60, hier S. 52; Bade, Klaus J.: ‚Politisch Verfolgte genießen…‘: Asyl bei den Deutschen – Idee und Wirklichkeit, in: Ders. (Hg.), Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl. München 1993, S. 410–422, hier S. 421.

3

Der gebürtige Badener und spätere preußische Abgeordnete (u.a. 1848 in der preußischen Nationalversammlung) Eduard Baumstark, 1807–1889, ist vor allem als Ricardo-Übersetzer und -Anhänger bekannt: s. Art. ‚Baumstark, Eduard‘, in: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg.), Neue deutsche Biographie, Berlin 1953, Bd. 1, S. 668f.

4

Hoerder, Dirk: Segmented Macrosystems and Networking Individuals. The Balancing Functions of Migration Processes, in: Jan Lucassen / Leo Lucassen (Hg.): Migrations, Migration History, History. Old Paradigms and New Perspectives (International and Comparative Social History, Bd. 4), Bern/Frankfurt a.M./Las Vegas 1997, S. 73–84.

5

Der Aufsatz beruht auf Ergebnissen meiner Studie Lokales Leben, atlantische Welt: Die Entscheidung zur Auswanderung vom Rhein nach Nordamerika im 18. Jahrhundert (Studien zur Historischen Migrationsforschung 7), Osnabrück 2000.

6

Diese Formulierung des Modells stammt aus Wegge, Simone: Chain reactions. Information and Nineteenth-Century European Migration. Tagungspapier bei der Konferenz “New Approaches to Migration Research: German-American in Comparative Perspective”, German Historical Institute und Texas A&M University, 22.-24. April 1997, S. 28. Der klassische ökonomische Text, in dem Migration als Investition gedeutet wird, ist Sjaastad, Larry A.: The Cost and Return of Human Migration, in: Journal of Political Economy, 70. 1962, Supplement, S. 80–93.

7

Hans Wyss, Conestoga (Pa.), aus Affoltern, Kirchengemeindearchiv Affoltern a. A., II A I 12 c.

8

Für eine Bibliographie von Auswandererbriefen im 18. Jahrhundert siehe Fertig (2000), S. 405-416.

9

Literaturüberblick bei Kopsidis, Michael: Marktintegration und Entwicklung der westfälischen Landwirtschaft 1780–1880. Marktorientierte ökonomische Entwicklung eines bäuerlich strukturierten Agrarsektors (Münsteraner Beiträge zur Cliometrie und quantitativen Wirtschaftsgeschichte 3), Münster 1996, S. 52-79.

10

Eßer, Alfred: Die Lohn-Preis-Entwicklung für landwirtschaftliche Arbeiter in Deutschland, England und Nordamerika im 18. Jahrhundert, in: Klaus Tenfelde (Hg.), Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich (Historische Zeitschrift, Sonderheft 15), München 1986, S. 101–136.

an

Verwandte

und

Bekannte,

4.11.1749,

17

11

Smith, Billy: The Lower Ithaca/N.Y. 1990, S. 98.

12

Beck, Rainer: Naturale Ökonomie. Unterfinning. Bäuerliche Wirtschaft in einem oberbayerischen Dorf des frühen 18. Jahrhunderts (Forschungshefte Bayerisches Nationalmuseum München, Bd. 11), München 1986, S. 176.

13

Zu Quellen siehe Fertig (2000), S. 86-87.

14

Lemon, James T.: The Best Poor Man’s Country. A Geographical Study of Early Southeastern Pennsylvania, Baltimore 1972, S. 57, 67–69, 87.

15

So etwa Roeber, A.G.: Von Seißen in die neue Welt, in: Wilhelm Arnold Ruopp/Otto Strübel (Hg.), 900 Jahre Seißen glei bei Blaubeura, Blaubeuren 1985, S. 178–184, hier S. 183.

16

Grubb, Farley: Morbidity and Mortality on the North Atlantic Passage. Eighteenth Century German Immigration, in: Journal of Interdisciplinary History, 17. 1987, S. 577–584, hier S. 571, Anm. 11 gibt eine Sterblichkeit von insgesamt etwa 5,5% auf der Überfahrt an, einschließlich Schiffbrüche. Für Kinder auf Überfahrten ohne Schiffbrüche bestand ein Sterblichkeitsrisiko von immerhin 9,16%, das entspricht 44% pro Jahr. In Deutschland erreichten um 1750 von 1.000 Personen 630 das Alter von 15, siehe Imhof, Arthur E.: Lebenserwartungen in Deutschland vom 17. bis 19. Jahrhundert / Life Expectancies in Germany from the 17th to the 19th Century, Weinheim 1990, Tab. 8.5.2.3.

17

Schreiben Mühlenbergs vom 7.1.1768, in: Nachricht von einigen Evangelischen Gemeinen in America, absonderlich in Pensylvanien, 10. Fortsetzung, Halle 1768, Vorbericht. Daß Auswanderer, die keine Redemptionerverträge erhielten, “umkommen” mußten, war jedoch übertrieben. Überfahrtskosten wurden nicht selten gestundet, wie aus Zeitungsanzeigen hervorgeht, in denen Reeder die Begleichung ausstehender Schulden anmahnten.

18

Benutzt wurden folgende Zeitungen und Kalender: Christoph Saur, Der Hoch-Deutsch Pensylvanische Geschichts-Schreiber, Germantown 1739, 1743–1745; Ders., Pennsylvanische Berichte, Germantown 1746–1762; Henrich Miller, Der Wöchentliche Philadelphische Staatsbote, Philadelphia 1762–1768; Christoph Saur, Der Hoch-Deutsch Americanische Calender, Germantown 1739–1748, 1751–1757; Miller, Der Neueste Calender, Philadelphia 1763–1768, 1770–1779; Benjamin Franklin/Anton Armbrüster/Johannes Böhm, Neu-eingerichteter Americanischer Geschichts-Calender, Philadelphia 1749, 1750, 1752, 1754–1756, 1763, 1764, 1768.

19

Schweitzer, Christoph: Die Herausforderung der frühen deutschamerikanischen Literatur, in: Trommler, Frank (Hg.): Amerika und die Deutschen. Bestandsaufnahme einer 300jährigen Geschichte, Opladen 1986, S. 289–299, hier S. 295.

20

Becker, Gary: Human capital. A theoretical and empirical analysis with special reference to education, 3. Auflage Chicago 1993, S. 40-51; Grubb, Farley: Colonial Immigrant Literacy. An Economic Analysis of Pennsylvania-German Evidence, 1727– 1775, in: Explorations in Economic History, 24. 1987, S. 63–76.

21

Wellenreuther, Hermann: “Germans Make Cows and Women Work”. American Perceptions of Germans as Reported in American Travel Books, 1800-1840, in: David E. Barclay und Elisabeth Glaser-Schmidt (Hg.), Transatlantic Images and Perceptions. Germany and America since 1776, Cambridge u.a. 1997, 41-64.

Sort.

Philadelphia’s

Laboring

People,

1750–1800,

18

22

Wellenreuther, Hermann: Forschungen zur Geschichte der Arbeiter in Deutschland, England und Nordamerika im 18. Jahrhundert: Der Arbeitsmarkt, in: Klaus Tenfelde (Hg.), Arbeiter und Arbeiterbewegung im Vergleich: Berichte zur internationalen historischen Forschung (Historische Zeitschrift, Sonderheft 15), München 1986, S. 63–99, hier S. 85–86.

23

Für eine ähnliche Interpretation s. Engelsing, Rolf: Bremen als Auswandererhafen 1683–1880, Bremen 1961, S. 171–174.

24

45,2% der erwachsenen (d.h. mindestens 15 Jahre alten) männlichen deutschen Einwanderer zwischen 1730 und 1754 waren zwischen 21 und 30 Jahren alt, nur 32,2% der erwachsenen männlichen Bevölkerung im westlichen Deutschland scheinen dagegen in der Dekade von 1740 bis 1749 in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 gelegen zu haben. Bei den einwandernden Frauen ist der Anteil der 26–30jährigen (20,8%) gegenüber den nur 11,9% in Deutschland ebenfalls hoch; Grubb, Farley: German Immigration to Pennsylvania, 1709 to 1820, in: Journal of Interdisciplinary History, 20. 1990, S. 417–436, hier S. 427; Imhof (1990), S. 447f. (Tab. 8.1.2.1. u. 8.1.2.2., Risikobevölkerung).

25

Grubb (1987: Literacy), S. 65.

26

Von 4.568 deutschen Einwanderern 1727 bis 1738 waren 18,1% unverheiratete erwachsene Männer, aber nur 8,0% ledige Frauen. Grubb (1990), S. 421.

27

Dilthey, Wilhelm: Das Allgemeine Landrecht, in: Erich Weniger (Hg.), Wilhelm Dilthey. Gesammelte Schriften, Leipzig und Berlin 1936, Bd. 12, S. 131–204, hier S. 197.

28

Beispiele für diese Tendenz: Brinck, Andreas: Die Auswanderungswelle in die britischen Kolonien Nordamerikas um die Mitte des 18. Jahrhunderts (Studien zur modernen Geschichte, Bd. 45), Stuttgart 1993; von Hippel, Wolfgang: Auswanderung aus Südwestdeutschland (Industrielle Welt, Bd. 36), Stuttgart 1984; Bretting, Agnes: Funktion und Bedeutung der Auswanderungsagenturen in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: dies./Hartmut Bickelmann, Auswanderungsagenturen und Auswanderungsvereine im 19. und 20. Jahrhundert (Von Deutschland nach Amerika, Bd. 4), Stuttgart 1991, S. 11–90.; dies., Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Klaus J. Bade (Hg.), Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl. München 1993, S. 135–148.

29

Hatton, Timothy J. und Williamson, Jeffrey G.: What Drove the Mass Migrations from Europe in the Late Nineteenth Century? In: Population and Development Review 20 (1994), S. 533-559, hier: S. 539.

30

Typisch etwa die Schlußformel der Informationsschrift Kurtze Beschreibung derer Landschafft Massachusetts-Bay, Speyer 1741: “allwo sie Gott nach ihrem Protestantischen Glauben ungestöret verehren mögen nach Recht und Gewissen, und sich und andere zu unterhalten und ernähren reichlich im Stande seyn.”

31

Renzing, Pfälzer in Irland, S. 34.

32

1709 wurde in der vierten Auflage von Kocherthals Werbeschrift in großen Lettern der im Juli 1708 geschriebene Brief eines J.J.W. aus London abgedruckt, der fast nur über die Geschenke berichtete, die seine mit Kocherthal nach New York reisende

19

Gesellschaft unterwegs erhalten habe. Informationsschrift Nr. 7, Kocherthal, Carolina, S. 77–80. 33

Zum weiten Spektrum von Almosenempfängern siehe etwa die Studie von TitzMatuszak, Ingeborg: Mobilität der Armut. Das Almosenwesen im 17. und 18. Jahrhundert im südniedersächsischen Raum. In: Plesse-Archiv 24 (1988), S. 9-338.

34

Gerstlacher, Carl F.: Sammlung aller Baden-Durlachischen […] Verordnungen, Bd. 2, Karlsruhe 1774, S. 94–98: General-Reskript vom 20.4.1768: “Vorschrift eines gewissen Reglement, wie sich gegen die um eine Beisteuer sich meldende ausländische Arme zu verhalten”. Danach erhielten u.a. Pfarrer, Edelleute, Offiziere, Emigranten und Konvertiten – sofern sie “dem Bettel nicht nachziehen” – 6 bis 12 Kreuzer, Kollektanten 4 bis 12 Kreuzer, und kranke Handwerker 4 Kreuzer.

35

Renzing, Rüdiger: Pfälzer in Irland. Studien zur Geschichte deutscher Auswandererkolonien des frühen 18. Jahrhunderts (Schriften zur Wanderungsgeschichte der Pfälzer, Bd. 39), Kaiserslautern 1989, S. 37.

36

Raum, Otto F.: Die Hintergründe der Pfälzer Auswanderung im Jahre 1709. Mit Ergänzungen von J. Kündiger, in: Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung, 3. 1939, S. 551–567, hier S. 554f. So forderte das Kabinettsmitglied Lord Sunderland am 4. Juni 1709 den Bürgermeister von Canterbury auf, Protestanten aus der Pfalz aufzunehmen, da sie wegen ihrer Religion verfolgt seien: Renzing (1989), S. 23. Dies war auch der Kontext, in den die deutschsprachige Öffentlichkeit die Auswanderung von 1709 einordnete: So steht die Ansiedlung der Pfälzer in Amerika in den chronikalischen Kirchenbucheinträgen des Pfarrers von Berg am Irchel gleich neben der Verfolgung von Lutheranern in Schlesien und der Ansiedlung von Hugenotten in protestantischen Ländern. Staatsarchiv Zürich E III 14.1.

37

512 von 1.770 Familien, die im Mai und Juni 1709 gezählt wurden. Siehe Knittle, Walter A.: Early Eighteenth Century Palatine Emigration, Philadelphia 1937, S. 8.

38

Nachgedruckt in Hastings, Hugh (Hg.): Ecclesiastical Records of the State of New York, Albany, N.Y. 1901–06, Bd. 3 (1902).

39

Kocherthal [=Harrsch, Josuah]: Außführlich- und umständlicher Bericht von der berühmten Landschafft Carolina […], 4. Ausg. (Frankfurt a.M. 1709, Nachdruck Neustadt a.d. Weinstraße 1983), S. 36.

40

Genfer Konvention, Art. 1. – Im Englischen wird deutlicher als im Deutschen zwischen der Flucht vor Bedrohungen (“refugee”) und der aus Gewahrsam (“fugitive”) unterschieden. Nur erstere ist hier gemeint.

41

Faust, Albert B.: Documents in Swiss Archives relating to Emigration to American Colonies in the Eighteenth Century, in: American Historical Review, 22. 1916/17, S. 89–132, hier S. 108–114. Zu diesem Fall vgl. Fertig, Georg: ‚Die mit dem Juden-Spieß so offt aus- und einfahren‘. Transatlantische Kommunikation, territoriale Bürokratie und pietistische Moral im 18. Jahrhundert, Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 27 (1998), S. 31-46.

42

“[T]orgiversir[t]”, wie der Vernehmer in einem Ergebnisprotokoll schreibt. Ein metaphorischer Gebrauch i.S. von ‚streng vernehmen‘ scheint mir für das metaphernarme Amtsdeutsch des 18. Jahrhundert eher unwahrscheinlich; das Wort “torquiversieren” (wörtlich ‚Folter drehen‘) ist in den einschlägigen Nachschlagewerken nicht nachzuweisen.

20

43

“Sich die Lockungen des ‚besten Landes für arme Leute‘ nutzbar machen” – so lautet in deutscher Übersetzung der programmatische Titel des im übrigen sehr lesenswerten Textes von Wokeck, Marianne: Harnessing the Lure of the ‚Best Poor Man’s Country‘. The Dynamics of German-Speaking Immigration to British North America, 1683–1783, in: Ida Altman/James Horn (Hg.), ‚To Make America‘. European Emigration in the Early Modern Period, Berkeley 1992, S. 204–243. Wokeck betont immer wieder, daß Kapitäne und Neuländer “profitorientiert” waren – problematisch ist daran, daß von Wokeck (und anderen Autoren) eine Ressourcen investierende, auf Erträge dieser Ressourcen zielende Handlungsorientierung nur wenigen Bevölkerungsgruppen zugeschrieben und als innovative, moderne Wirtschaftsgesinnung einfachen Migranten nicht zugetraut wird.

44

Grabbe, Hans-Jürgen: Vor der großen Flut. Die europäische Migration in die Vereinigten Staaten von Amerika 1783-1820 (USA-Studien 10), Stuttgart 2001, S. 267.

45

Heinrich Ehrenfried Luther (1700–1770), Besitzer der Schriftgießerei Egenolff, Doktor beider Rechte, württembergischer Hofrat, wurde durch Dekret vom 2.6.1733 zum Correspondenten (ständigen diplomatischen Vertreter) Württembergs in Frankfurt eingesetzt und am 9.1.1734 wieder entlassen. Nachdem sein Nachfolger Joseph Süß Oppenheimer 1738 gehenkt wurde, war Luther ab spätestens 1740 wieder im Amt, noch 1762 Correspondent. Siehe Pfeilsticker, Walther: Neues Württembergisches Dienerbuch, Stuttgart 1957–1974, § 1361 sowie Berichtigung/Ergänzung dazu; Mori, Gustav: Die Egenolff-Luthersche Schriftgießerei in Frankfurt am Main und ihre geschäftlichen Verbindungen mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Frankfurt a.M. 1926.

46

Siehe etwa die offenbar aus Luthers Umfeld stammende Informationsschrift Eine leyder wahrhaffte Traurige Geschicht und Beschreibung, Wie im nächst abgewichenen Monat Julii, dieses noch lauffenden 1754ten Jahrs, ein grosses Schiff nach WestIndien mit 468 Personen, welche von Rotterdamm in die Neue Welt abgefahren, zwischen Pensylvanien und Philadelphia aber jämmerlich untergegangen, und zerscheittert, mithin schier alle darauf befundene Seelen ein lamentables Ende genommen, o.O. 1754.

47

Luther an Waldo, 5.9.1751, in: Rattermann, Heinrich A.: Geschichte des deutschen Elements im Staate Maine. Dessen Ursprung, Entwickelung und Verfall, vom Jahre 1739 bis zur Gegenwart, in: Der deutsche Pionier, 14. 1882/83, S. 7–13, 53–62, 90– 98, 141–150, 174–188, 217–233, 266–276, 292–303, 338–361, 425–434, 464–468; 15. 1884/85, S. 74–82, 101–141, 201–210, 226–235, 267–283, 358–375; 16. 1885/86, S. 11–18, 71–77, 98–102, 195–204, 227–238, 276–281, 302–311, 349–359, hier: Der deutsche Pionier 14. 1882/83, S. 228f. Daß bei ihm selbst “Privatinteresse durchaus […] aus dem Spiele” bleibe, erklärt Luther z.B. am 23.6.1754, siehe Rattermann (1884/85), S. 374.

48

Luther an Regierungen in Darmstadt und andernorts, 14.4.1753, Staatsarchiv Darmstadt E 19 239/1a.

49

Briefentwurf Josiah Willard an Luther, 21.12.1752, Rattermann (1884/85), S. 370f.

50

In seinem Abschnitt über die Neuländer stützt sich z.B. von Hippel (1984), S. 71–78, hauptsächlich auf Luthers bei Rattermann referierte Sicht (in 39 Anmerkungen 20 Rattermann-Zitate).

21

51

Stollberg-Rilinger, Barbara: Der Staat als Maschine. Zur politischen Metaphorik des absoluten Fürstenstaats (Historische Forschungen, 30), Berlin 1986.

52

Fertig, Georg: Demographische Autoregulation in vorindustriellen Bevölkerungen, Beiträge zur Historischen Sozialkunde, 30 (2000), 93-98.

53

Justi, Johann H. von: Die Grundfeste zu der Macht und Glückseeligkeit der Staaten oder ausführliche Vorstellung der gesamten Polizey-Wissenschaft, Bde. 1–2, Königsberg 1760.

54

Süßmilch, Johann Peter: Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen, Bd. 1, 4. Aufl. Berlin 1775.

55

Köllmann, Wolfgang: Versuch des Entwurfs einer historisch-soziologischen Wanderungstheorie, in: Ulrich Engelhardt u.a., Soziale Bewegung und politische Verfassung (Festschrift Werner Conze), Stuttgart 1976, S. 260–269.

56

Justi (1760), Bd. 1, S. 257.

57

Justi (1760), Bd. 1, S. 259.

58

Reinhard, Johann Jacob: Vorrede (Fehlbindung zu Ders.: Versuch einer pracktischen Betrachtung über die Ursachen des schlechten Fortgangs verschiedener angegriffener Land-Oeconomie-Verbesserungen in rheinischen und schwäbischen Landen sambt einigen Vorschlägen, Generallandesarchiv Karlsruhe 65/1030, ca. 1767), fol. 49r–50r: “Ich habe lange eben diejenigen Gedancken gehabt die andere auch noch anhengen, nehmlich daß an hinwegziehenden Leuthen nicht viel gelegen seye, weilen das Land dannoch zurückbliebe, und daß der Bauer nichts guthes erdencken, sondern als eine Machine durch Befehle zu allem guthen angetrieben werden müsse; […] es hat Zeit, Überlegung, und eine gewisse Überwindung gekostet um die Vorurtheile abzuleegen […]. Es fehlete ehedem an guthen Schriften die hierüber ein Licht aufsteckten und mann hat Ursache dem H. v. Justi verbunden zu seyn, daß er in gar vielen Sachen deutliche und gründliche Begriffe bekannt zu machen sich die Mühe gegeben.”

59

Liebel, Helen: Enlightened Bureaucracy versus Enlightened Despotism in Baden 1750–1792 (Transactions of the American Philosophical Society, Bd. 55,5), Philadelphia 1965, S. 44.

60

Generallandesarchiv Karlsruhe 171/2791 und 229/18955.

61

Hacker, Werner: Auswanderungen aus Baden und dem Breisgau. Obere und mittlere rechtsseitige Oberrheinlande im 18. Jahrhundert archivalisch dokumentiert, Stuttgart 1980.

62

Zur physiokratischen Agrarreform in Dietlingen vgl. Liebel (1965), S. 48–51; Zimmermann, Clemens: Reformen in der bäuerlichen Gesellschaft. Studien zum aufgeklärten Absolutismus in Baden, 1750– 1790 (Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 3), Ostfildern 1983.; Schlettwein, Johann August: Vollständige und beurkundete Nachricht von der im Jahr 1770 geschehenen Einführung des physiokratischen Staatswirthschaftssystems in dem Baden-Durlachischen Orte Dietlingen und von den Wirkungen dieser politisch-ökonomischen Reformationen, in: Neues Archiv für den Menschen und Bürger, 3. 1786, S. 480–508; 5. 1788, S. 34–54.

63

Hacker (1980), Nr. 10744.

64

Hirschman, Albert O.: Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten (Schriften zur Kooperationsforschung: A, Studien, Bd. 8), Tübingen 1974.

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