Fachtag der DGSP e.v. Flucht und Asyl in Frankfurt
June 20, 2017 | Author: Sabine Böhm | Category: N/A
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1 Fachtag der DGSP e.v. Flucht und Asyl in Frankfurt Traumasensibles Arbeiten mit Flüchtlingen in der Sozialpsychia...
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Fachtag der DGSP e.V. Flucht und Asyl 15.02.2016 in Frankfurt Traumasensibles Arbeiten mit Flüchtlingen in der Sozialpsychiatrie Was können wir tun? © Manuela Ziskoven, Stuttgart 1
Zahlen Weltweit:
• Fast 60 Millionen Flüchtlinge
• Die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Uno Report, 20.06.2014 UNHCR 18.06.2015 2
Zahlen 2 • 2016: mehr als 1 Mio. Flüchtlinge in Deutschland = 1% der Bevölkerung. • Weltweit: 0,3%.
• 86% aller Flüchtlingen werden von Ländern der 3. Welt aufgenommen (Arte Reportage 05.12.15/23.12.15).
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Fakten
• Akute Kriegstraumatisierung von Flüchtlingen: 70-80%. • Posttraumatische Folgestörungen: 35-40%. (Gäbel, u.a. 2006) Zur Erinnerung:
• Nach dem 2. WK: 10 Mio. Flüchtlinge & Vertriebene in Deutschland (Ostgebiete). 4
Charakteristika von Flüchtlingen
Es sind „normale“ Menschen, die so extremen Belastungen ausgesetzt waren, dass sie alles zurückgelassen haben, um in ein friedliches Land zu kommen. Niemand verlässt Heimat und Angehörige ohne Grund.
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I) Grundlagen von Traumatisierung
1. Was sind extrem belastende Ereignisse? 2. Was bedeuten sie für den Menschen? 3. Welche Prozesse sind dabei zu beobachten? 6
Welche Erschütterung bedeutet das Erleben eines extremen Ereignisses? • Verstörung: Durcheinandersein bis zum Verlust der Ich-Grenzen (den Boden unter den Füßen verlieren). • Körperlich: Schmerzen, ev. Schock, Ohnmacht, ev. nichts mehr fühlen. • Emotionales Chaos bis hin zu Nichts-Mehr-Spüren (emotionale Betäubung). • Eine Flut von Bildern, Gerüchen, Geräuschen, Geschmack (Reizüberflutung) – „Kippen“ in Nichtsmehr-Wahrnehmen. • Verlust der Fähigkeit zur raumzeitlichen Einordnung des Geschehens – u.U. Nichts-mehr-Wissen, „Vergessen“ (Teilamnesie). nach Huber, 2005
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Trauma (griech.): Wunde, Verletzung, Bruch - in der Lebensgeschichte
Ein Trauma unterbricht die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Traumatische Ereignisse konfrontieren einen Menschen mit einer Lebensbedrohung – selbst erlebt oder als Zeuge mitangesehen. Ein Trauma bedroht die persönliche Unversehrtheit eines Menschen (Integrität). Es ist ein Ereignis einer subjektiven Bedrohungserfahrung mit existenziellen Auswirkungen und Folgen. Bei Kindern: überwältigender Schrecken oder 8 Schmerz mit Hilflosigkeit.
Für viele bedeutet das Erleben eines extrem belastenden Ereignisses zunächst einen Schock mit Gefühlen von: Ohnmacht, Hilflosigkeit, AusgeliefertSein, Verlust von Kontrolle, Verlassenheit, Verwirrung, Lähmung. Erleben Sie diese Gefühle wiederholt in extremer Form, können Sie auf Traumatisierung rückschliessen. 9
Bei einem lebensbedrohlichen Ereignis fühlen sich Menschen i.d.R. verlassen, unverstanden, tief verzweifelt, wie gelähmt sie verlieren das Vertrauen zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. 10
Traumatisierung bedeutet für viele Menschen häufig :
Opfer-Sein, Demütigung und Scham Schuldgefühle, oft Überlebensschuld (Todes-)Angst als Grundgefühl Verlust von Sicherheit, Schutz und Kontinuität Misstrauen (wenn das Trauma von „Menschenhand“ zugefügt ist)
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Gefühl der Distanz und EntfremdungGefühl, nicht mehr dazugehören, auf einem „anderen Planeten zu leben“.
Erwartung von neuen Traumata Vermindertes Interesse an Aktivitäten: Rückzugsverhalten Latente Trauer, latente Wut „Eingefrorene Zeit“ (keine Zukunftsplanung) 12
Zu unterscheiden: Trauma als objektiv lebensbedrohliches Ereignis und das subjektive Erleben eines traumatischen Ereignisses. Nicht jede/r, der ein Trauma erlebt hat, leidet an Folgestörungen (PTBS). Die Forschung geht von weniger als 1/3 aus.
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Die meisten Menschen verarbeiten ein traumatisches Ereignis allein.
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Verarbeitung von Akuttrauma in 6-12 Wochen, ohne professionelles Eingreifen. Voraussetzungen: Vorhandensein von Ressourcen, EingebundenSein in ein Geborgenheit spendendes Umfeld; Ruhe, Versorgung, äußere Sicherheit. Ende des Ereignisses.
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Übersicht: Prozesse bei Traumatisierung
Trauma NeuroBiologie: Denken u. Erinnerung blockiert
Schock, Erschütterung
Stress
Abspaltung (Verdrängen, Dissoziation) 16
Trauma = Stress (“hoch 50”) Ein traumatisches Erlebnis löst bei Vielen eine Stressreaktion aus (Schock). Körper u. Geist sind in Alarmbereitschaft → es geht um Überleben (Selbsterhaltungsinstinkt). Stressreaktionen: Kampf, Flucht, Erstarrung (Totstellreflex, Schreckstarre), Unterwerfung, instinktives Täuschungsverhalten (Mimikry) – 17 Wahrung der Fassade
Wenn keine Erholung nach einem Trauma erfolgen kann und damit Zeit und Ruhe für die Verarbeitung fehlen, bleibt der traumatische Stress im Körper bestehen → chronischer Stress. 18
Bei chronischem Stress wird das Stresshormon Cortisol nicht vollständig abgebaut der Körper bleibt in einem dauerhaft angespanntem Zustand. Cortisol wird wesentlich über Muskelaktivität abgebaut (Bewegung). Traumatischer Stress wirkt auf jede Zelle des Körpers und bleibt bei NichtVerarbeitung des Traumas unterschwellig bestehen. 19
Beisp.: Tsunami Thailand, 2004; Attentat München, Oktoberfest 1980; 2. WK, 70 Jahre danach PTBS.
Das
Trauma ist im Körper & damit leicht reaktivierbar. Die Erinnerungen können durch äußere Reize ausgelöst werden (z.B. Polizei, TV, Geräusche). 20
Wie sind extrem belastende Erfahrungen auszuhalten? a) Prozess der Abspaltung b) Veränderung in den Gehirnfunktionen: Denken und Gedächtnis
Prozess der Abspaltung Dissoziation Trauma: Hilflosigkeit und Ohnmacht → Ausgeliefertsein → Bedürfnis nach Hilfe von vertrauten Personen: (Bindungssystem ist aktiviert) –
→ Erfahrung des Alleingelassenseins: Keine Hilfe da.
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→ Panik → extreme Angst (Übererregung)
wird nicht lange ausgehalten:
→ Umschaltpunkt im Organismus zu unserer “Rettung”:
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Prozess der Dissoziation → Unterwerfung: Untererregung → Abspaltung des traumatischen Geschehens = Dissoziation
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Dissoziation Dissoziation ist ein Abwehrmechanismus während und nach dem Trauma (Schutz vor Zusammenbruch): Sich-Tot-Stellen, Gefühle abschalten.→ Die traumatische Situation wird im dissoziativem Zustand gespeichert u. ist dadurch vorerst dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich. Dissoziation ist eine Überlebensstrategie, eine Form emotionaler Betäubung, ein unbewusstes Ausblenden. 25
Auswirkungen auf Gehirnprozesse Neurobiologie
Stress u. traumatische Erinnerungen mit ihren Sinneseindrücken und Gefühlen sind „falsch“ in der Alarmzentrale (Mandelkern/Amygdala) gespeichert, bei Blockierung des Denkzentrums (Brocagebiet) und des Langzeitgedächtnisses in der linken Hemisphäre → Sprachlosigkeit. 26
Das heißt:
Erlebnisse mit existenzieller Angst werden nicht vergessen, können aber nicht in einen Gesamtzusammenhang gebracht werden, denn die notwendige Zusammenarbeit mit dem Gedächtnissystem ist gestört. Traumatische Erinnerungen werden lediglich als Gefühlszustände gespeichert, verbunden mit den damaligen körperlichen Reaktionen und Bildern. (Reddemann, 2008) 27
Psychische und soziale Auswirkungen
Das Trauma führte zur Erfahrung: „Ich konnte nichts tun.“ Hilflosigkeit. Opfer. Das Selbstwertgefühl sinkt. Man traut sich nichts mehr zu Fähigkeiten und Ressourcen sind verschüttet. Sie meiden zu Anfang fremde Menschen und ansammlungen. Gefühle von Bedrohung und 28 Angst. Keine Kontrolle. Sie ziehen sich zurück.
Wie zeigt sich Traumatisierung?
Vielfalt der Reaktionen Jeder Mensch reagiert anders Die meisten zeigen niemandem, was in ihrem Innern vorgeht. Nicht wenige verarbeiten ihre Erlebnisse allein und unbemerkt. Viele verlieren ihre innere Sicherheit.
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Andere versuchen dies zu kaschieren durch betont sicheres Auftreten. Junge Männer zeigen oft eine Fassade von Lässigkeit bis hin zu Arroganz, „das steck`ich weg“ – Bagatellisierung, Verleugnung, Verdrängung, Abspaltung, Vergessen- Wollen, aber haben auch Kraft.
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Viele glauben, dass sie durch das, was sie erlebt haben, nicht beeinträchtigt sind. Das kann viele Jahre gutgehen, bis es Situationen (Auslöser) gibt, die an das Erlebte erinnern. Jetzt: erneute politische Krisen in den Herkunftsländern. Zudem sind Flüchtlinge so eng mit ihren Familien in den Herkunftsländern verbunden, dass traumatische Erinnerungen und Sorgen allgegenwärtig sind. 31 Es ist nicht vorbei.
Grundsätze Das Erleben eines extrem belastenden Ereignisses verursacht eine tiefe psychische Verletzung. Traumatisierte Menschen sind verletzte und verletzliche Menschen. Schutzbedürftig. Traumatisierung führt zu fehlender Sicherheit, Sehnsucht nach Geborgenheit, zu zahlreichen Verlusterfahrungen und oft zu endlosem Trauern.
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Und: Traumatisierte Menschen sind auch Überlebende! (Survivors).
Dies fordert von uns Respekt vor ihrer Stärke und ihren Verlusten. 33
Mehrfache Traumatisierung (Sequentielle Traumatisierung, Keilson 1979)
Die Traumatisierung endet nicht mit dem Verlassen des Herkunftslands. • Fast immer beinhaltet die Abhängigkeit von meist kriminellen „Fluchthelfern“ wie auch die Flucht selbst, weitere Traumatisierungen. 34
II) Soziale Situation von Flüchtlingen Belastungen • Entwurzelung • Trauma aus Herkunftsland + Fluchtetappen = Sequentielle Traumatisierung (mehrere, in sich abgeschlossene traumatische Erfahrungen, die in sich ähnlich sind.) Keilson 1979.
• Leben im Asylheim, zu eng, keine Privatsphäre („Totale Institution“ ?).
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Belastungen • 2015: mehr als 600 Anschläge auf Asylheime • Isolation und Ausgrenzung • Das Asylverfahren • Die Angst vor Rückführung • Kulturschock im „Traumland“ Deutschland.
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Das ursprünglich extrem belastende Ereignis wird verstärkt • Durch die meist mehrfache Traumatisierung während der Flucht • Die Situation im Asylheim • Ihre soziale Situation in Deutschland • Die Angst vor Rückführung • Die deutsche Flüchtlingspolitik ► Existentielle Unsicherheit Alle Faktoren führen zu Retraumatisierungen und Traumaaktivierung und im Verhalten zu Passivität. 37
Die gestundete Zeit (Ingeborg Bachmann,1953) Es kommen härtere Tage, Die auf Widerruf gestundete Zeit Wird sichtbar am Horizont. …… Sieh dich nicht um, Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück Wirf die Fische ins Meer Lösch die Lupinen. Es kommen härtere Tage. 38
Asylverfahren • Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Asylverfahren werden als extrem belastend und kränkend erlebt, es wird ihnen oft nicht geglaubt, und Symptome von Traumafolgestörungen nicht verstanden. • erneute Ohnmacht und Hilflosigkeit = Retraumatisierung. • Die meisten müssen über Prozesse die Anerkennung erkämpfen. Dauer: 1-5 Jahre und mehr. – Vorbei? 39
Die Situation von Flüchtlingen Sie bleiben unter sich (Sprache). Zahlreiche Verluste: Angehörige, ihre Heimat,
ihren Status, Schutz und Geborgenheit, die Großfamilie, Tagesstruktur, ihr Vertrauen in eine „gute Welt“, Zukunft. Ihr Leben ist von einem unfassbaren Ausmaß an Ungewissheit geprägt: dürfen sie bleiben? Zukunft? Arbeit? Wer sind sie hier? Was passiert in ihrer Heimat? Wie geht es den Verwandten?
Angst
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Psychische Folgen Je
mehr Zeit sie mit Warten und allein verbringen, umso eher fangen sie an zu grübeln, sich Sorgen zu machen. Mit der Zeit entwickeln sie dauerhafte, sie selbst und andere verstörende Reaktionen: Posttraumatische Reaktionen, Verhaltensauffälligkeiten oder Depressionen. 41
Haupt-Gründe: Das traumatische Ereignis (Krieg) ist nicht vorbei. Keine Erholungsphase Soziale Traumatisierungen (retraumatisierend)
Leben in traumatogenen Strukturen ----------------------------------------------------------Soziale Traumatisierung
Ihre Symptome beziehen sie i.d. Regel auf ihre Situation 42 in Deutschland.
Kriterien der PTBS
ICD 10,
F43.1 DSM IV und V 309.81
A) Konfrontation mit außergewöhnlicher, katastrophaler Bedrohung – selbst erlebt oder beobachtet. B) Plötzlich eindringende Erinnerungen (Intrusionen) - szenisches Wiedererleben der traumatischen Ereignisse, die wie Halluzinationen erlebt werden (Flashbacks). Albträume, Körperreaktionen wie beim Trauma, u.a. 43
Kriterien der PTBS C)
Vermeidungsverhalten: alles, was mit dem Trauma zu tun hat, wird gemieden, abgeschaltet, bagatellisiert, “vergessen” (Teilamnesie) → Abflachung der emotionalen Reaktionsfähigkeit (emotionale Benommenheit oderTaubheit, Gleichgültigkeit). 44
Kriterien der PTBS D DSM V): Negative Veränderungen von Überzeugungen (Kognitionen) oder Affekten: • z.B. übersteigerte negative Überzeugungen in Bezug auf die eigene Person, andere oder „die Welt“ (z.B. ich kann nichts; vertraue niemandem; Welt = bedrohlich). • Anhaltende veränderte Gedanken über die Ursache oder die Folgen des traumatischen Ereignisses. • Negatives Gefühlserleben: Angst, Schuld, Scham. • Eingeschränkte Wahrnehmung von positiven Affekten (z.B. Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu 45 empfinden. Mangel an Freude).
Kriterien der PTBS E DSM V): Veränderungen in der Erregbarkeit: • • • • • • •
Erhöhte psychische Sensibilität und Anspannung Ein -u. Durchschlafstörungen Reizbarkeit, Ungeduld Wutausbrüche bei Nichtigkeiten, fehlende Frustrationstoleranz Leichtsinniges u. selbstzerstörerisches Verhalten Konzentrationsschwierigkeiten, übermäßige Wachsamkeit auf Gefahr Schreckhaftigkeit 46 Schmerzen.
Bewertung „PTBS-Symptome stellen einen Versuch des Organismus dar, eine Existenzbedrohung zu überstehen. Es ist keine Fehlfunktion, sondern eine gesunde, zweckdienliche Reaktion.“ (Becker, Die Erfindung des Traumas, 2006) 47
Komorbidität Die PTBS ist nicht die einzige Reaktion auf Trauma:
Komorbidität der PTBS mit: Depressionen, Angststörungen, psychotischen Episoden, BorderlinePersönlichkeitsstörung, Substanzmissbrauch, psychosomatischen Störungen, Persönlichkeitsveränderungenu. störungen, Störungen des Sozialverhaltens, Entwicklungsstörungenund verzögerungen dementielle Erkrankungen, u.a., können auftreten. 48
Bewertung Die Symptome sind keine psychische Erkrankung – eine Gleichsetzung ist unzulässig sondern Folge unermesslichen menschlichen Leids, in politischem Kontext. (Summerfield 1997)
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Trauma findet immer in einem psychosozialen, interaktiven und politischem Feld statt. Dieses kann auffangen oder verschlimmern.
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„Die traumatische Reaktion ist eine NORMALE Reaktion eines NORMALEN Menschen auf eine ABNORMALE Situation.“ (van der Kolk, 2000) Traumareaktionen sind Folgen von struktureller Gewalt und von Menschenrechtsverletzungen.
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Das Leiden… „Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muss ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?“ K.R.Eisler,1963 Begutachter von Wiedergutmachungszahlungen an KZOpfer, die nur erfolgten, wenn eine psychische Störung bzw. „schwache Konstitution“ nachgewiesen wurde. 52
Kritik an der Diagnose
Die PTBS ist ein soziales Konstrukt, ein westliches Konzept, mit (unzulässigem) universalistischem Anspruch.
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Kritik
Begrenzte Symptombeschreibung: Keine Berücksichtigung von unterschiedlichen politischen, sozialen, psychischen und kulturellen Kontexten und Bedeutungen. 54
Kritik
Soziale Folgen sind nicht thematisiert. Prozesscharakter nicht gewahrt: Traumatisierung ist ein Prozess mit verschiedenen Phasen (Keilson). Entscheidend ist, was „danach“ geschieht. Die PTBS pathologisiert und individualisiert Folgen von struktureller Gewalt. 55
• Um der sozialen Verursachung von Traumatisierung und den psychischen Auswirken Rechnung zu tragen: Begriff der Psychosozialen Traumatisierung (I.Martin-Baro1996, Adjucovic 2004,u.a.)
• Erfordert sowohl individuelle Hilfe wie Interventionen im Umfeld. 56
Wie ein Trauma bewältigt wird, ist das Zusammenspiel von: Individuum
Traumatischer Situation
Umfeld/Kontext Gesellschaft
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Schutzfaktoren • RUHE, Sicherheit, Schutz • Hoffnung, ZUKUNFT • Einbindung in haltgebende Strukturen: Familie, Freunde, Schule, Stadtteil, Arbeit • Widerstandskraft, Resilienz • Extravertiertes Temperament • Ressourcen, Beziehungen, Kontakte • Äußere und innere Sicherheit • Tagesstruktur. 58
Zur Erinnerung: 2.WK Was Menschen damals geholfen hat: • Die Zukunftsperspektive (Marshallplan) Trotz Kriegstraumatisierung – und schuld, Aufbau einer neuen Existenz (Wirtschaftswunder). • Israel 1948: Aufbau des Staates durch die Überlebenden des Holocaust. • Selbsthilfe: Kinder von Theresienstadt (S.Dann, A. Freud, 1951); Vietnam-Veteranen; 59 Kambodscha; und vieles mehr!
Elemente von Bewältigung: vertrauensvolle Beziehungen, Stärkung von Widerstandskraft, Aufbau von Ressourcen. Wissen: Psychoedukation Normalisierung (Entdramatisierung) Einbindung in Strukturen: Selbstwert Zukunft
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„Oft reichen Stabilisierung (Selbstwertstärkung) und Ressourcenarbeit aus für die persönliche Traumaverarbeitung.“ (L.Reddemann 2001)
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Bewältigung Gesellschaftliche Anerkennung des Traumas Anerkennen und Benennen des Traumas (Wiedergutmachung).
Flüchtlinge bei uns müssen ihre Not und ihre Traumatisierung beweisen wie eine Straftat. 62
Was können wir in der SP tun? • Flüchtlingsarbeit kann nicht auf Spezialeinrichtungen beschränkt bleiben. • Bundesweit: 12 Behandlungseinrichtungen, 24 Psychosoziale Beratungsstellen. • Sozialberatung: Migrations-und Flüchtlingsberatungsstellen der Freien Träger. • Bedarf an Psychotherapie 2014: 80.000 Th. laut Bundespsychotherapeuten Kammer. Durchgeführt von den Zentren: 3.600 +. 63
Besonderheiten • Traumatisierte Flüchtlinge sind in vielen Bereichen voll funktionsfähig. • Traumareaktionen (z.B. Flashbacks) sind nicht ununterbrochen präsent. • Es gibt Phasen vollständiger Symptomfreiheit. • In Stresssituationen reagieren sie häufig mit Reaktionen von „damals“.
Brauchen Flüchtlinge Psychotherapie? • Solange PTBS Abschiebehindernis ist: ja. Therapiemotivation: Angst vor Rückführung. • Wollen sie Psychotherapie? Motivation zur Bearbeitung des Ursprungstraumas entsteht häufig erst nach Asyl-Anerkennung. 65
Therapie?
Der Schwerpunkt liegt nicht auf, „was ist uns Schlimmes widerfahren“, sondern wie sind wir mit dem Schlimmen bis jetzt fertig geworden und was kann uns helfen, damit in Zukunft noch besser fertig zu werden“. Reddemann, 2001
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Traumatherapie muss „psychosoziale Arbeit“ sein, da die traumatischen Wunden ihren Ursprung in sozialen Strukturen haben und diese Wunden auch die Beziehungen zu anderen Menschen (Familie, Gemeinschaft) betreffen. (Martin-Baro 1996, u.a.) 67
Phasenspezifische sozialpsychiatrische Hilfen für Flüchtlinge (?) 1.Phase des Ankommens – in Ruhe lassen (Dörner, 2001)
• Kontaktaufnahme in Absprache mit Sozialarbeitern der Unterkunft: aufsuchend → Beziehungsaufbau (Projekt Stgt.) • Traumasensible Sozialberatung – begleitung mit Dolmetschern → Zusammenarbeit mit Flüchtlingsberatungsstellen und Ehren68 amtlichen.
2. Begleitung im Prozess der Akkulturation: Kennenlernen von Werten, Normen, Sitten→ kultursensible „Integrationsbegleiter“? + Ehrenamtliche. 3. Diagnosephase: - Feststellung traumabedingter psychischer und sozialer Reaktionen. - Prüfung der 69 Notwendigkeit einer Therapie:
Zusammenarbeit mit Behandlungs-und Beratungszentren für Flüchtlinge; niedergelass. Therapeuten, psychiatrischer Ambulanz.
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Traumata werden Menschen „von außen“ zugefügt → Chance der Linderung von außen. Traumahilfe heißt Lebensbedingungen zu schaffen, die Menschen helfen, Reaktionen auf traumatische Ereignisse aufzufangen, zu entlasten, Ruhe und Sicherheit zu gewähren, sodass Selbstheilungskräfte u. – organisation wirken können. 71
4.1 Traumasensible sozialpsychiatrische Stabilisierungsarbeit - niederschwellig
Lebenspraktische und sozialanwaltliche Hilfen (+ Hausbesuche) Tagesstruktur und Kontakt Beschäftigung und Arbeit Berufliche Reintegration Traumasensible Milieugestaltung,
stat. Bereich.
GesellschaftlicheTeilhabe (Zugehörigkeit)
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4.2 Stabilisierungsarbeit Ansatz: individuell
Selbstwertstärkung Umgang mit Stress erlernen Ressourcenaktivierung Psychoedukation (Normalisierung von Traumastressverhalten) Einbeziehung der Familie, insbesondere der Kinder.
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Exkurs: Traumatische Stresserfahrungen u. seelische Erkrankungen bei Kindern von Asylbewerbern (Ruf, Schauer, Elbert 2010)
Flüchtlingskinder in Deutschland. sind extrem belastet. Die Häufigkeit der PTBS ist im Vergleich zu dtsch. Kindern 15-fach erhöht. Ca. 20% der Kinder in Gemeinschaftsunterkünften zeigen Symptome der PTBS. Hinzu kommen die Stresserfahrungen der Eltern: Vermittlung von Angst sowie wenig kindgerechtes Erziehungsverhalten aufgrund eigener Traumatisierung. 74
Trotz des erheblichen Leidens der Kinder werden die psychischen Probleme in 95% der Fälle nicht behandelt.
Gefahr der Parentifizierung: Kinder werden in elterliche Rollen gedrängt: sie übersetzen, sie informieren, sie trösten. → Zu frühe Übernahme von Verantwortung. 75
Transgenerationale Weitergabe
Wenn die Eltern Traumata nicht verarbeiten (akzeptieren, integrieren) können, geben sie ihr Trauma unbewusst weiter an die nächste Generation.
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Womit Sie im Kontakt rechnen können: Misstrauen
Resignation/Opferhaltung Heimweh Irritationen Trauer Enttäuschungen Flashbacks Albträumen Dissoziativen Zuständen
Wut
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Krisenanfälligkeit (Vulnerabilität) • Flüchtlinge reagieren häufig stark auf äußeren Stress mit Gefühlen von Überforderung, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. • Diese Gefühle bringen die Gefühle und Erinnerungen aus der traumatischen Situation hoch und erfordern traumasensible Interventionen. 78
4.3 Stabilisierung durch die Arbeit mit Teilaspekten des Traumas Ziel: Symtomkontrolle - Umgang mit Auslösern (Trigger) - Umgang mit Flashbacks - Umgang mit dissoziativen Zuständen - Umgang mit Albträumen
Körperwahrnehmung, Achtsamkeit Affektkontrolle Selbstberuhigung, Trost Distanzierungsmethoden
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• Traumasensible Beratungs- und Sozialarbeit sollte kultursensibel und mit interkultureller Kompetenz erfolgen, mit Dolmetschern. • Planung von sozialpsychiatrischen Angeboten unter Einbeziehung der Bedürfnisse, Erfahrungen und Interessen der Betroffenen.
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→ Empowerment → Partizipation → Selbstwirksamkeit
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Zu Klären • Stabilisierende Flüchtlingsarbeit als neuer Arbeitsbereich der Sozialpsychiatrie? • Ist eine Integration in die Arbeit mit psychisch Erkrankten möglich? Oder Konflikt? • Sicherstellung der sozialpsychiatrischen Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen! • Regelung einer verbindlichen Kooperation mit Flüchtlingsdiensten. 82 • Klärung der „Fall“-Verantwortung.
Wirkungen • Trauma- und kultursensible sozialpsychiatrische Arbeit trägt zur Prävention der Entstehung und der Chronifizierung von Traumafolgestörungen bei und • wird in vielen Fällen Psychotherapie überflüssig machen. • Verhindert Psychiatriesierung • Verbessert die Lebensqualität von Flüchtlingen, indem sie Sicherheit und 83 Beziehung anbietet.
Wirkungen auf mich Erweiterung meines Horizonts: Kennenlernen des Reichtums anderer Kulturen.
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Wirkungen auf mich
Den Wert des Lebens
an und für sich zu schätzen.
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Zum Schluss:
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf traumatische Erfahrungen. Es gibt keine „Standard Reaktion“. Jeder Mensch ist in seiner Einzigartigkeit und Würde zu achten. 86
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