DIPLOMARBEIT. Angefertigt an der Fachhochschule Köln. Fachbereich Sozialpädagogik. Carmen Sofia SOMBRA DE LONGWITZ Auf dem Klemberg 13

February 7, 2016 | Author: Oldwig Bertold Boer | Category: N/A
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Anthropologische Grundlagen, Konzepte und Arbeitsweisen von Hilfsorganisationen mit arbeitenden Kindern und „Straßenkindern“ am Beispiel der Kinderrechtsorganisation MANTHOC in Peru

DIPLOMARBEIT

Angefertigt an der Fachhochschule Köln Fachbereich Sozialpädagogik

vorgelegt von: Carmen Sofia SOMBRA DE LONGWITZ Auf dem Klemberg 13 50999 Köln Matrikel-Nr. 11006166 14 im WS 2001/2002

1. Gutachterin:Frau Prof. Dr. phil. Siegrid Tschöpe-Scheffler 2. Gutachterin:Frau Dipl. Soz. Päd. Dorothea Bösebeck-Hoffmann

Vorwort

Vorwort Für mich war es selbstverständlich, dass ich während meiner Erziehung und meiner Schulzeit Hilfe und Unterstützung von meinen Eltern bekommen habe. Es war ganz natürlich, dass während meiner Entwicklung meine Eltern, die Schule und andere Institutionen (Sportverein, Pfadfinder, u.a.) mich erzogen und geleitet haben. Aber was bedeutet es für Kinder wenn für sie diese Institutionen nicht existieren?. Was heißt es für ein Kind, nach dem „Gesetz der Straße“ zu leben, in einer Umgebung, die keine Hilfestellung für das Leben bietet, sondern in der es seine Fähigkeit zum Überleben selbst entwickeln und täglich unter Beweis stellen muss? Was bedeutet für ein arbeitendes Kind das Verbot der Kinderarbeit, wenn es seinen Arbeitslohn zum Leben benötigt? Fragen dieser Art hatte ich mir schon vor acht Jahren gestellt, als ich meine Arbeit als Lehrerin an der staatlichen Grundschule No. 6065 in Villa el Salvador, einem sozialen Brennpunkt der peruanischen Hauptstadt Lima, begann. Damals schon hatte es mich fasziniert, mit den Kindern dort zu arbeiten, ihre Vielfältigkeit zu erleben, die bedrückenden Geschichten ihres Alltags zu hören und auch direkten Kontakt zu Straßenkindern und arbeitenden Kindern zu haben. Mit meiner Diplomarbeit konnte ich somit da aufsetzen, wo ich 1995 aufgehört hatte und mit ihr zwischen meiner alten Heimat Peru und meiner neuen Heimat Deutschland eine Brücke bauen, die weit über die rein fachliche Betrachtung eines Diplomarbeitsthemas hinausgeht. Viele Menschen haben mich bei der Erstellung dieser Diplomarbeit unterstützt, stellvertretend für alle sind an erster Stelle meine Eltern Sofia und Camilo zu nennen, bei denen ich mich von ganzem Herzen bedanke. Trotz der großen räumlichen Distanz, die zwischen uns liegt, waren sie immer präsent, mit Ratschlägen, Humor und vor allem mit viel Liebe. Gracias queridos Padres, por ser unos Padres maravillosos! „Gracias“ auch an meine Brüder Cesar und Martin, sowie an meine Schwester Rosmery und meinen Schwager Lars.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 2

Vorwort

Ein großes „Dankeschön“ gilt Frau Prof. Dr. phil. Tschöpe-Scheffler, meiner Betreuerin, die mich ungeachtet ihrer eigenen Situation unterstützte, motivierte und immer für mich da war. Ebenso bedanke ich mich bei Frau Dipl. Soz. Päd. Dorothea Bösebeck-Hoffmann, die trotz ihrer vielen Aufgaben die Zweitbetreuung übernommen hat. Im ersten Semester begann es mit der „Reise nach Jerusalem“ im Seminar von Jürgen Fritz, seitdem sind meine lieben „Tussen“ und ich immer wieder auf den verschiedensten Reisen in unserem alltäglichen Leben gewesen. Ich danke unserem Gott, dass er so liebe Menschen in mein Leben gesendet hat; danke Mädels, dass ihr immer für mich da seid. Ihr seid einfach toll! Mein Dank gilt ebenfalls Frau Ingrid Bockstette, die mit ihrer Erfahrung und ihren Ratschlägen immer Zeit für mich hatte – ebenso wie Tania, Philip, Thomas und Michael, deren Freundschaft ich nicht mehr missen möchte. Wer hätte anfänglich gedacht, dass mein Mann soviel Geduld hat; wer hätte gedacht, das er solche Nerven hat? Mit diesen Zeilen kann ich nicht genug ausdrücken, wie ich mich für seine Hilfe bedanke, von ganzem Herzen „Gracias Harry, mi gran amor!“ Und, „last but not least“, danke ich ganz besonders den NATs von MANTHOC! Ich dank allen Kinder, die mir die Möglichkeit gegeben haben, sie kennen zulernen und die mich so herzlich in ihre Organisation aufgenommen haben. Aber auch

dem

Führungsteam

von

MANTHOC, allen pädagogischen Begleitern,

insbesondere

der

Präsidentin Olga Riviera sowie der Nonne Ana Clara. Carmen Sofia Sombra de Longwitz

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 3

Inhaltsverzeichnis

Inhaltverzeichnis 1 Einleitung ..............................................................................9 2 „Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen ............................................................ 12 2.1

Straßenkinder............................................................................. 12

2.2

Kinderarbeit und arbeitende Kinder......................................... 14

3 Peru – Ein soziokultureller Überblick ................................ 16 3.1

Wirtschaftliche und soziale Situation Perus ........................... 16

3.2

Menschenrechtslage in Peru .................................................... 18

3.3

Machismos als gesellschaftliche Norm ................................... 19

3.3.1 Machismos – historischer Abriss ............................................ 19 3.3.2 Machismos im Familienalltag.................................................. 20

4 Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention ........ 22 4.1

Die Rechtsbereiche.................................................................... 23

4.1.1 Recht auf das Leben............................................................... 23 4.1.2 Recht auf Entwicklung ............................................................ 24 4.1.3 Recht auf soziale Sicherheit ................................................... 24 4.1.4 Recht auf Schutz .................................................................... 25 4.1.5 Recht auf Teilnahme: Partizipation ......................................... 26 4.1.6 Die Rechte der Straßenkinder ................................................ 26 4.2

Rechtliche Grundlage................................................................ 27

4.3

Die Hoffnung auf eine neue Konvention.................................. 30

5 Kinderarbeit in Peru............................................................ 33 5.1

Historischer Überblick............................................................... 33

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WS 2001/2002 Seite 4

Inhaltsverzeichnis

5.2

Die arbeitenden Kinder fordern ihr Recht zu arbeiten............ 35

5.3

Kinderarbeit darf nicht verboten werden................................. 38

5.3.1 Kinderarbeit – Pro und Kontra ................................................ 38 5.3.2 Bedeutung der Arbeit für die NATs ......................................... 44 5.3.3 Gegenwärtige rechtliche Situation in Peru .............................. 46

6 Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru................................................................... 47 6.1

Die Entstehungsgeschichte MANTHOCs................................. 48

6.2

Planung, Ziele und Sachlichkeit der Organisation.................. 50

6.2.1 Grundgedanken der Kinderbewegungen ................................ 50 6.2.2 MANTHOC – Leitlinien und Ziele............................................ 51 6.3

Aufbau der Organisation MANTHOC........................................ 53

6.4

Bildung bei MANTHOC .............................................................. 56

6.4.1 Sinn und Notwendigkeit der Bildung ....................................... 58 6.4.2 Fundamente der Bildung......................................................... 59 6.4.3 Stil der Bildung........................................................................ 60 6.4.4 Stationen der Bildung.............................................................. 60 6.4.4.1

Basisbildung ........................................................................................ 60

6.4.4.2

Methodologie ....................................................................................... 62

6.4.5 Ziele der Bildung..................................................................... 62 6.4.5.1

Primäre Bildung ................................................................................... 62

6.4.5.2

Fortgesetzte Bildung: .......................................................................... 62

6.4.5.3

Spezifische Bildung: ............................................................................ 63

6.4.6 Bildungsbeispiel...................................................................... 63 6.5

MANTHOC-Kinder und der Protagonismus des Volkes ......... 65

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WS 2001/2002 Seite 5

Inhaltsverzeichnis

6.5.1 Grundlage des integralen Protagonismus............................... 65 6.5.2 Quelle und Bestandteile des Protagonismus .......................... 66 6.5.3 Protagonismus und Kinderbewegungen ................................. 68 6.6

Programme bei MANTHOC ....................................................... 70

6.6.1 Nationales Schulprogramm von MANTHOC........................... 70 6.6.2 Das Programm „ProNATs“...................................................... 76 6.6.3 Das „Häuser-Programm“......................................................... 80 6.6.4 Die Arbeitsprogramme von MANTHOC .................................. 86 6.6.4.1

Erstellung von Karten .......................................................................... 87

6.6.4.2

Bedrucken von Shirts .......................................................................... 92

6.6.4.3

Recycling Papierbearbeitung .............................................................. 98

6.6.4.4

Die MANTHOC-Bäckerei................................................................... 103

6.6.4.5

Kerzenproduktion .............................................................................. 105

6.6.5 Vorschläge zu weiteren pädagogischen Programmen.......... 107 6.7

Ansätze der sozialpädagogischen Praxis bei MANTHOC .... 109

6.8

Schule und Arbeit .................................................................... 110

6.9

Meine Wahrnehmung von MANTHOC .................................... 113

7 Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit ..... 115 7.1

Liz .............................................................................................. 115

7.2

Silver ......................................................................................... 118

8 Interview mit 16 MANTHOC-Kindern ............................... 121 8.1

Ziele und Aspekte des Interviews........................................... 121

8.1.1 Ziele ...................................................................................... 121 8.1.2 Methodologische Aspekte..................................................... 122 8.2

Umfang des Interviews............................................................ 122

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WS 2001/2002 Seite 6

Inhaltsverzeichnis

8.2.1 Das Umfeld ........................................................................... 122 8.2.2 Struktur des Fragebogens .................................................... 123 8.3

Ergebnisse der Fragebogenaktion ......................................... 124

8.3.1 Persönliche Charakteristika und Gruppenverhalten der Kindern Manthocs .............................................................................. 124 8.3.2 Die arbeitenden Kinder auf dem Großmarkt „La Victoria“ ..... 126 8.3.3 Die

arbeitenden

Kinder

im

Haus

„Franco

Macedo

Cuenca_Manthoc“ ................................................................ 127

9 Straßenkinder und Kinderarbeit ...................................... 131 9.1

Ursprung des Begriffs „Straßenkinder“ ................................ 131

9.2

Pädagogische Ansätze............................................................ 132

9.3

Kinderarbeit.............................................................................. 134

9.4

Differenzierung zwischen „Labour“ und „Work“ .................. 138

9.4.1 Kinderarbeit gleich Ausbeutung? .......................................... 139 9.4.2 Ursachen für Kinderausbeutung und Handlungsmaxime...... 140

9.5

9.4.2.1

Makro-Ebene ..................................................................................... 141

9.4.2.2

Mikro-Ebene ...................................................................................... 142

Die Arbeit auf der Straße als Lehre für das Leben................ 143

9.5.1 Arbeitende Kinder in Cusco, Peru – ein Fallbeispiel ............. 144 9.5.2 Kinderarbeit erlangt eine positive Bedeutung ....................... 146

10 Entstehung der Kinderorganisationen ............................ 148 10.1 Soziale Transformationsprozesse.......................................... 149 10.2 Beschränkung der Organisationen arbeitender Kinder ....... 152 10.2.1 Erklärungen der Kinder ......................................................... 153 10.2.2 Wie verstehen die arbeitenden Kinder ihre Organisation?.... 155

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 7

Inhaltsverzeichnis

11 Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen .......................... 157 11.1 Staatliche Organisationen für Kinder und Jugendliche ....... 158 11.1.1 Nationale Initiativen .............................................................. 158 11.1.2 Regionale Initiativen ............................................................. 160 11.1.2.1

Hilfe für Kinder................................................................................... 160

11.1.2.2

Die Schutzhütten ............................................................................... 161

11.2 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO’s) ........................... 162 11.2.1 Caritas .................................................................................. 163 11.2.2 „Comain“ und „La Casa de los Petisos“ ................................ 165 11.2.3 IPEC ..................................................................................... 165 11.2.4 MNNATSOP ......................................................................... 166

12 Resumee............................................................................ 169 Anhang.................................................................................... 172 Verzeichnisse ......................................................................... 197 Abbildungsverzeichnis ..................................................................... 197 Tabellenverzeichnis .......................................................................... 200 Literaturverzeichnis .......................................................................... 202 Quellenverzeichnis ........................................................................... 209 Personenverzeichnis/Interviewpartner ........................................... 209 Abkürzungsverzeichnis .................................................................... 210

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 8

Einleitung

1 Einleitung Vor einem Jahr hörte ich, dass Tania Faller im Rahmen des Seminars „Kinder ohne Kindheit“ an der FH Köln über ihre Erfahrungen mit der peruanischen Kinderbewegung MANTHOC (Movimiento de Adolescentes y Niños Trabajadores Hijos de Obreros Cristianos) referieren werde. Auch wenn Tanias Vortrag nur kurz war, hatte mich das Gehörte so berührt, dass ich danach persönlichen Kontakt zu Tania suchte und mehr über MANTHOC erfahren wollte. Tania und ich trafen uns häufig, sie erzählte von ihren Erlebnissen, von der Arbeit mit den Kindern, von den ökonomischen Problemen der Kinder und von MANTHOC. Sie erzählte von dem Kampf der Organisation um Anerkennung, von der Begeisterung der Kinder für ihre Arbeit und dem Stolz auf „ihre“ Organisation. Ihre Erzählungen berührten mich, ich fühlte mich immer wieder an meine Zeit als Lehrerin in Peru erinnert und wollte mehr über die Kinder wissen, wollte die Arbeitsweise, Strukturen und die Hintergründe genauer kennen lernen und verstehen, wissen, wie eine Kinderrechtsorganisation arbeitet und welche Probleme sie hat. Ich wollte der Frage nach den soziokulturellen Gründen für ein Leben auf und in der Straße nachgehen, wollte wissen was diese Kinder bewegt und wie sie sich fühlen und sich selbst sehen. Zur Beantwortung all dieser Fragen gebe ich in dieser Arbeit zuerst eine Definition der Begriffe „Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ und einen kurzen Überblick über das Land und die soziokulturelle Situation Perus. Als weitere Rahmenbedingung in dieser Thematik erläutere ich ebenfalls die Kinderrechte lt. der UN-Kinderrechtskonvention, die auf die Arbeit der Kinderrechtsorganisationen einen starken Einfluss ausüben. Ohne sie wäre die nachfolgende Betrachtung von MANTHOC und anderen NGOs1 unvollständig und auch unverständlich. Der Arbeit und der Organisation von

1

NGO ⇒ Non Governmental Organisation (NichtRegierungsOrganisation)

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 9

Einleitung

MANTHOC ist der Hauptteil dieser Arbeit gewidmet, wobei meinen persönlichen Erfahrungen und der Situation und der Wahrnehmung einzelner betroffenen Kinder ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird. Als Einleitung zu dem eigentlichen Schwerpunkt meiner Diplomarbeit stelle ich Überlegungen und Positionen zur Kinderarbeit und zu Straßenkinder gegenüber. Dabei geht es darum, die Arbeit von Kindern in vielfältigen sozialen und kulturellen Kontexten und ihre positiven wie negativen Aspekte zu erkennen und zu beurteilen. Wichtige Faktoren dabei sind u. a. die Wahrnehmung der arbeitenden Kindern als ökonomische und soziale Subjekte, die wichtige Beiträge für ihre Familie und die Gesellschaft leisten. Die im Laufe der Zeit entstandenen nationalen Kinderbewegungen wie z. B. MANTHOC debattieren mittlerweile offen über die Kinderarbeit, ihren Realitätsbezug, ihre Rolle in der Gesellschaft und die formale Daseinsberechtigung. Sie haben die weltweiten Debatten durch internationale Zusammenarbeit und Präsenz dahingehend beeinflussen können, dass Kinderarbeit im internationalen Kontext mit neuen Augen gesehen wird. In der Sozialbewegung der arbeitenden Kinder Perus spielt der Protagonismus der Kinder eine entscheidende Rolle, u.a. unter dem Aspekt, was Kinder könnten wenn ihnen die von Erwachsenen beherrschte Gesellschaft nicht länger Steine in den Weg legte. Er manifestiert darüber hinaus den Anspruch der NATs2, nicht nur vor Gefahren und Risiken beschützt zu werden, sondern auch als Kinder in der Gesellschaft eine wesentliche Rolle zu spielen. In diesem Zusammenhang steht auch die sehr wichtige Frage, wie arbeitende Kinder mehr Beachtung erreichen könnten und wie die Erwachsenen, die mit den Kindern verbunden sind, dazu beitragen können. Während meiner Zeit bei MANTHOC kamen alle bisher genannten Punkte zur Sprache. Um sie aber auch aus der Sicht der NATs zu erfahren, habe ich

2

„NATs“ (Niños adelescentes trabajadores): Art und Weise, wie sich die Arbeitenden Kinder Perus selbst bezeichnen. Die Arbeitenden Kinder identifizieren sich mit diesem „Titel“ und nennen sich selbst voller Stolz so.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 10

Einleitung

viel Zeit direkt mit ihnen verbracht. Die NATs von MANTHOC arbeiten und gehen zur Schule, daher interessierte ich mich insbesondere für die Erziehungsproblematik, Gesundheit, und ihre Charakteristika. Um das zu erkennen, brauchte ich von ihnen Informationen, insbesondere über ihre Familienverhältnisse und das soziale Umfeld sowie die Problematiken auf ihren Arbeitsplätzen. Hierzu führte ich Interviews mit insgesamt sechzehn Kindern, die an zwei verschiedenen Arbeitsstellen tätig sind. Die Ergebnisse sind in diese Arbeit eingeflossen, alle Antworten und die gesamte Auswertung der Interviews sind dem Anhang beigefügt.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 11

„Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen

2 „Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen 2.1 Straßenkinder Die Begriffe „Straßenkinder“ und „Kinderarbeit“ werden heute im Zusammenhang mit den Länder der sog. „Dritten Welt“ gerade in den europäischen Ländern oft in einem Atemzug genannt und mit Verhältnissen assoziiert, deren gemeinsame Nennung durchaus in Frage gestellt werden muss. Es handelt sich dabei vielmehr um zwei Phänomene, deren Ursachen, Strukturen und Wahrnehmung von Kontinent zu Kontinent anders gesehen werden. In Westeuropa setzt man den Begriff „Straßenkinder“ eher mit „Beziehungsarmut“ gleich, wogegen er in Südamerika eher als „Materielle Armut als Defizit“ verstanden wird. UNICEF unterscheidet zwischen „Kindern auf der Straße“ (Niños en la calle) und „Kinder der Straße“ (Niños de la calle).3 Zu der ersten Gruppe werden die Kinder gerechnet, die noch Kontakt zu ihrer Familie haben und die sich nur zeitweise auf der Straße aufhalten, während die Kinder der zweiten Gruppe gänzlich auf die Straße angewiesen sind und „Straßenkinder“ genannt werden. Nach Helene Zuber sind „Straßenkinder [...] meist Waisen lebender Eltern, ... die in irregulären Situation[en] leben“4. Diese Definition ist jedoch nicht klar, weil viele Kinder noch Kontakt zu ihre Familie haben. Roggenbuck seinerseits unterscheidet zwischen „bedürftige“ und „verlassene Minderjährigen“. Die „bedürftigen Kinder“ haben Eltern, die aber nicht über finanzielle Mittel

3

Vgl. von Dücker; Die Kinder der Straße - Überleben in Südamerika. Frankfurt/M., 1992, S. 51; ebenfalls: Christel Adick, Straßenkinder und Kinderarbeit: Sozialisation theoretische, historische und kulturvergleichende Studien, Frankfurt/M. 1998, S. 11

4

Zuber, Helene, Straßenkinder – ein Report, Hamburg, 1992

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 12

„Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen

verfügen um für sich und die Kinder zu sorgen. „Verlassene Minderjährige“ besitzen dagegen weder Eltern noch Bezugsperson5. Nach der Begriffsdefinition des Deutschen Bundestags beschreibt der Begriff „Straßenkind“ eine diffuse und komplexe Situation von Kinder, „die ausschließlich auf der Straße leben und keine familiäre Bindungen mehr haben, aber auch Kinder, die nur noch gelegentlich die Schule besuchen, Beträge zum Lebensunterhalt ihrer Familien mit Gelegenheitsarbeiten auf der Straße [zu leisten] suchen, aber noch überwiegend „zuhause“ schlafen“.6 Nach Manfred Liebel leistet die Rede vom „Straßenkind“ einer „Opferperspektive“7 Vorschub, da sie nur den Ort, nicht das Handeln der Kinder in den Mittelpunkt rückt. Deshalb ist in der Vergangenheit schon vermehrt gefordert worden, von „arbeitenden Kindern“ statt von „Straßenkindern“ zu sprechen. „In Lateinamerika ist die Bezeichnung sowie die allgemeine Rede von Straßenkindern schon lange kritisiert worden. Dies beruht hauptsächlich darauf, dass die Kinder, die auf der Straße arbeiten und oft auch einen Großteil ihrer Zeit dort verbringen ohne mit ihrem Herkunftsmilieu gebrochen zu haben, sich als „Straßenkind“ diskriminiert und in ihrer Würde als arbeitendes Kind verletzt fühlen.“8 Sie lehnen den Begriff „Straßenkind“ ab. Kein Kind nennt sich selbst so, es sei denn, es hat die „pädagogische Etikettierung internalisiert“9. Weiterhin berücksichtigt diese Bezeichnung nicht genügend, dass „die Straße“ je nach kulturellem Kontext unterschiedliche Bedeutung genießt. Die unteren sozialen Klassen oder die vom Land in die Städte gezogenen Bevölkerungsschichten haben ein anderes Verhältnis zu ihr als die bürger-

5

vgl. Stefan Roggenbuck, Marginalität und Verwahrlosung von brasilianischen Kindern und Jugendlichen, Bochum 1998, S. 115

6

Deutscher Bundestag (Hrsg), Menschrechtsverletzungen an Kindern und Jugendlichen in Brasilien, Bonn 1993

7

Manfred Liebel, ebenda, S. 125

8

vgl. Christel Adick, ebenda, S. 11

9

Manfred Liebel, Straßenkinder gibt es nicht, Soziale Arbeit, 4.2000, S. 125

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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„Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen

liche Mittelschicht. Gerade in den südlichen Ländern Europas und den Ländern Mittel- und Südamerikas verbringen die Familien der sozialen Unterschicht generell einen größeren Teil der Zeit auf der Straße.

2.2 Kinderarbeit und arbeitende Kinder Kinderarbeit existiert bereits seit Menschengedenken, ist aber als Problem in den Blickpunkt der Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren geraten. Dies geschah durch Basisbewegungen, diverse Organisationen und staatliche und nicht-staatliche Einrichtungen. Besonders in den Großstädten der „Dritten Welt“ sind arbeitende Kinder ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Dies ist vor allem in den Straßen der Fall, aber auch Kinderarbeit auf Plantagen, als Hirtenjungen und Hausangestellte ist weit verbreitet. Als Hauptbereiche der Arbeit kann man die „Landarbeit, Hausarbeit und informelle Ökonomie“10 sehen. Das geht jedoch auch oft mit Ausbeutung der Arbeitskraft einher, d. h. geringer Lohn, gesundheitsgefährdende Bedingungen, Trennung von der Familie, und auch sklavereiähnliche Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Kindern und ihren Arbeitgebern. Obwohl es immer noch arbeitende Kinder in Fabriken gibt (besonders in Asien), ist Kinderarbeit in Afrika, Asien, Lateinamerika und im mittleren Osten verbreiteter in kleineren Betrieben (Werkstätten, Heimindustrie, Handwerksbetriebe usw.) Zur Definition, wer als „arbeitende Kinder“ zu bezeichnen ist, und wer nicht, z. B. bei Kindern, die im Familienhaushalt arbeiten im Gegensatz zur Fabrikarbeit mit halbfeudalen Bedingungen, darüber gibt es verschiedene Ansichten und Meinungen. Letztendlich ist es schwer zu bestimmen, gerade auch wegen der unterschiedlichen kulturellen, gesellschaftlichen Ansichten und der jeweiligen Gegenden. Die verschiedenen Kindheitsbilder in den Gesellschaften der Welt liefern auch die Ansätze zur Definition von Arbeit. „Die klassische Definition orien-

10

Giangi Schibotto; Wer sind die arbeitenden Jungen und Mädchen in: Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), Arbeitende Kinder stärken, Frankfurt/M. 1998, S. 14

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WS 2001/2002 Seite 14

„Straßenkinder“ und „arbeitende Kinder“ – Begriffsdefinitionen

tiert sich an einer stabilen Anstellung und einer formal geregelten Entlohnung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Produktion steht.“11 Diese Begriffbestimmung erfasst aber nicht die Arbeitssituationen der Kinder in den Entwicklungsländern. In vielen Ökonomien ist es nicht möglich, einen Arbeitsplatz zu finden. Dort bildet sich eine informell orientierte Ökonomie heraus, mit z. B. informellen Verkäufern, Lastträgern, Schuhputzern etc. Die Arbeitsbedingungen und Entlohnung sind dadurch schwer zu kontrollieren. Was wir gesellschaftlich unter Kinderarbeit verstehen, spielt sich in einem Grenzbereich ab. Eine Definition, die sowohl die formelle und informelle Ökonomie beinhaltet, lautet: Arbeiten beschränkt sich „nicht nur auf den Bereich der Lohnarbeit, nicht nur auf die reine Logik moderner ökonomischer Vernunft, sondern sie erstreckt sich auch auf den Bereich des häuslichen und familiären Lebens (...) sowie eine Reihe unabhängiger Tätigkeiten, die oft zu einem großen Teil zum Überleben und zur sozialen Reproduktion, ebenso zur autonomen Entfaltung der Menschen beitragen.“12 Das Kapitel 9.4 „Differenzierung zwischen „Labour“ und „Work“ baut auf den Erkenntnissen diese Kapitels auf und geht detaillierter auf die Art und Umstände der Arbeit von Kindern ein.

11

vgl. ISEA, Kinderarbeit Hilden/Düsseldorf 1999, S. 5

achten

oder

ächten,

in:

Arbeitende

Kinder

weltweit,

12

Bernedo, J. V. Sulmont, zitiert in: Giangi Schibotto, Unsichtbare Kindheit – Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993, S. 169

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

3 Peru – Ein soziokultureller Überblick Trotz seiner rauen und oft ungastlichen Landschaft zählt Peru zu den großen alten Kulturzentren dieser Welt. „Die Inkas sind dabei nur das berühmteste Beispiel einer langen Reihe von Hochkulturen, die Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer blühten“13. Peru ist daher auch bekannt als klassischer Andenstaat, obwohl die altamerikanische Welt durch die spanische Eroberung vernichtet wurde. Aber das Erbe der alten Kulturen ist heute noch sehr lebendig und omni-präsent.

3.1 Wirtschaftliche und soziale Situation Perus Die Republik Peru14 erstreckt sich vom Äquator aus nach Süden. Die Anden (Sierra) nehmen fast zwei Drittel der Gesamtfläche Perus ein. Sie gliedern sich im Süden in zwei teilweise vulkanische Ketten, die an der Grenze nach Bolivien ein trockenes Hochbecken, das Altiplano mit dem Titicacasee, einschließen, während im Norden drei Ketten ausgebildet sind, die auf Erhebungen von über 6500 m Höhe (Huascarán 6768 m) ansteigen. Nach Osten senkt sich das Land im Gebiet der Montaña mit von tropischem Bergwald bestandenen Hängen zum Amazonasbecken. Insgesamt erstreckt sich Peru über eine Gesamtfläche von 1.285.220 km2. Die Bevölkerung von 26.625.000 Einwohnern besteht aus rund 54% Indianern (Ketschua und Aymará) und zu 32% aus Mestizen. Neben 12% Weißen gibt es auch eine geringe Anzahl Schwarze, Japaner und Chinesen. Rund 50% der Bevölkerung leben im Küstenbereich, 39% in den Anden, 10,6% in der Montaña. In Städten leben rund 71% der Bevölkerung, das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 20,7 Einwohnern je km2. Allein in

13

Gebeco (Gesellschaft für Internationale Bewegung und Cooperation mbH&Co KG) extra (Hrsg), Lateinamerika und Karibik 2000/2001, Kiel 2000, S. 30 14

Die Angaben über Peru in diesem Kapitel basieren auf Informationen und Angaben aus www.wissen.de und aus „Geographica – Der große Weltatlas mit Länderlexikon“; Könemann Verlag, Köln 1999, Seite 441-442. Andere als diese aufgeführten Quellen sind als solche explizit gekennzeichnet.

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

der Hauptstadt Lima leben geschätzte acht Millionen Menschen, viele unterhalb der Armutsgrenze. Nach Informationen der INEI15 leben in Peru ca. 56% der Bevölkerung an oder unter der Armutsgrenze, d. h. dass die Einnahmen nicht ausreichen, die Kosten für den Lebensunterhalt zu decken. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 70,4 Jahren und einer Kindersterblichkeit von 41,4 je 1000 Geburten liegt Peru eher im unteren Drittel aller südamerikanischen Länder, gleiches gilt für die Alphabetisierung mit 88,3% und dem BSP16 von $2.310 pro Einwohner. Die Wirtschaft Perus teilt sich in drei Hauptbereiche auf, die von dem Bereich der Dienstleistung (53%) angeführt werden, gefolgt von der Landwirtschaft (35%) und der Industrie (12%). In den Flussmündungen und Flussoasen in Küstennähe werden vor allem Baumwolle, Zuckerrohr und Reis angebaut. Die Viehzucht Perus ist vielfältig, der Hauptanteil entfällt auf Schafe, Ziegen, Rinder, Lamas und Alpakas. Große Bedeutung hat mittlerweile auch die Fischerei erlangt, Peru gehört zu den wichtigsten Fischfangnationen der Welt. Rund die Hälfte des Exports liefert der Bergbau mit Kupfer, Zink, Eisenerz, Blei, Silber. Die Erdöllagerstätten im nördlichen Küstengebiet und in der amazonischen Selva spielen eine zunehmend immer wichtiger werdende Rolle, ebenso wie der Tourismus. Durch die terroristischen Aktivitäten des

„Sendero

Luminoso“

(Leuchtender

Pfad)

war

dieser

wichtige

Wirtschaftszweig Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts stark zurückgegangen, hat sich aber in der jüngeren Vergangenheit wieder erholt. Die wachsenden Touristenströme, die jedes Jahr die Sehenswürdigkeiten des Landes besuchen (Cusco, Machu Picchu, Titicacasee, etc.) sorgen für Deviseneinnahmen, die Peru dringend benötigt und einen erheblichen Teil zum jährlichen Wirtschaftswachstum beitragen (1995 betrug das Wirtschaftswachstum 7%). 15

INEI: Instituto Nacional de Estadistica e Informatica del Peru; vgl. www.inei.gob.pe

16

BSP: BruttoSozialProdukt, bezeichnet die Summe der von den ständigen Bewohnern des Wirtschaftsbereiches (Inländern) im In- und Ausland erzielten Nettoproduktionswerte, bewertet zu Marktpreisen (Quelle: www.wissen.de)

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

3.2 Menschenrechtslage in Peru In den europäischen und angloamerikanischen Gesellschaften herrscht oft noch die Vorstellung, die Länder Südamerikas nähmen die Menschenrechte nicht so genau und es gäbe keine adäquate Gesetzgebung, die dieselben sicherstelle. Berichte über Todesschwadronen, Verschwinden von Oppositionellen und Regimegegnern und auch von Folter und Willkür haben sich in den Köpfen der Menschen fest gesetzt und beeinflussen subjektiv immer noch die Sichtweise dieser Länder. Objektiv stellt sich das Bild mittlerweile jedoch anders dar: „Die Menschenrechtslage in Peru hat sich in den letzten Jahren verbessert, wie die interamerikanische Menschenrechtskommission ausdrücklich bei ihrem Besuch im November 1998 anerkannte. So hat es seit 1995 keine Beschwerden mehr über Fälle des „Verschwindenlassens“ oder Hinweise auf extralegale Hinrichtungen mehr gegeben.... Im Februar 1995 billigte der Kongress von Peru ein Gesetz über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das erstmals ausdrücklich Völkermord, das „Verschwindenlassen“ und Folter unter Strafandrohung stellt.“17 Trotz dieser Fortschritte wird die Menschenrechtssituation in Peru immer noch kritisch beurteilt, Menschenrechtsverletzungen sind immer noch fast an der Tagesordnung. Vielfach liegen sie in der hohen Korruption in der Justiz und dem Strafvollzug begründet, aber auch in den oft menschenunwürdigen Zuständen in peruanischen Gefängnissen. Nach offiziellen peruanischen Angaben befinden sich derzeit zahlreiche Personen ohne Gerichtsverfahren in Haft oder warten bis zur Eröffnung des Hauptverfahrens jahrelang in Untersuchungshaft, auch wenn die Zahl der landesweit unerledigten Verfahren mittlerweile auf 70.000 von ursprünglich 100.000 gesenkt werden konnte18.

17

Auswärtige Amt (Hrsg), Fünfter Bericht der Bundesregierung Menschenrechtspolitik in den auswärtigen Beziehungen, Berlin 2000, S. 174 18

über

die

vgl. Auswärtiges Amt (Hrsg), ebenda, S. 174f.

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

3.3 Machismos als gesellschaftliche Norm 3.3.1 Machismos – historischer Abriss Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft Perus hatte sich seit der präkolonialen Zeit stetig verschoben, letztendlich aber in einer am Machismos orientierten Gesellschaft gemündet, die die Frau auf ein Dasein als Ehefrau und Mutter beschränkte. Mitte der 80er Jahre des letzen Jahrhunderts setzten plötzlich rapide Veränderungen ein. Die Aktionen der terroristischen Vereinigung „Sendero Luminoso“ trieben viele Familien aus ihren Wohnumgebungen in den Anden und den Amazonasgebieten zur Flucht in die großen Städte, bevorzugt nach Lima. Es waren überwiegend die Frauen, von denen diese Fluchten organisiert wurden. In den Slums der Großstädte, die diese Flüchtlinge „aufnahmen“, sammelten sich viele Frauen in Frauen- und Selbsthilfegruppen und füllten so das Vakuum, das zur gleichen Zeit durch das Wegbrechen und Fehlen der angestammten Strukturen der alten Heimat entstand und durch die politische Instabilität noch verstärkt wurde, aus. Frauen stiegen in Führungsrollen der Gemeinden auf und nahmen auch außerhalb der Familie Einfluss. Bei den Parlamentswahlen von 1995 konnten Frauen 13 der 120 Sitze im Parlament besetzten und zum ersten Mal in der Geschichte Perus die 10%-Marke überschreiten19. Obwohl Ehescheidungen auch in Peru immer häufiger werden, kann von einer Gleichberechtigung der Frau noch nicht gesprochen werden. Je weiter man sich von den großen Städten entfernt, desto konservativer stellt sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau dar. So liegt zum Beispiel in den ländlichen Bereichen die Analphabetenrate bei Frauen bei ca. 43%, die der Männer „nur“ bei ca. 30%20. Nur in den großen Städten Perus ist der Machismos langsam auf dem Rückzug, so ist das Verhältnis zwischen weib-

19

vgl. L. Michael Smith, Richard Elgar: Mosaik einer Andennation in Polyglott „Peru“, Langenscheidt Verlag, München 1999/2000, S. 83 20

vgl. L. Michael Smith, Richard Elgar, ebd. S. 83

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

lichen und männlichen Studenten nahezu ausgeglichen und immer mehr Frauen arbeiten in qualifizierten Berufen.

3.3.2 Machismos im Familienalltag Jenseits der großen Städte und in den sozial schwächeren Schichten hat der Machismos auch heute noch eine starke Verbreitung und ist oft mit eine Ursache für die familiär-gesellschaftlichen Probleme in den Ländern Südamerikas. Viele Familien gerade in den ländlichen Bereichen Südamerikas sehen sich wirtschaftlicher Not oder Perspektivlosigkeit gegenüber und hoffen, durch Abwanderung in eine Stadt ein besseres Leben führen zu können. Dort finden sie aber nur sehr selten wirkliche Verbesserung, oft genug sehen sie sich mit noch beengteren Wohnungsverhältnissen und noch größeren wirtschaftlichen Problemen durch völlige Arbeitslosigkeit konfrontiert. Das familiäre Miteinander wird extrem belastet und führt oft genug zur Zerrüttung der Familie (die gleichen Ursachen gelten im übrigen auch für Familien, die in den Städten schon in Armut leben), die durch den Machismos noch zusätzlich belastet wird. „Im Laufe ihrer Erziehung ist den Männern die Idee der Dominanz gegenüber Frauen mitgegeben worden, die auch absolute Verantwortlichkeit gegenüber der Familie bedingt.“21 Viele Väter haben durch die Arbeitslosigkeit Schwierigkeiten, ihre Familie zu ernähren. Trost wird oft in Alkohol oder anderen Drogen gesucht und in der Sucht die Frauen und Kinder geschlagen. Viele Väter verlassen auch ihre Familien, zurück bleiben alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern, deren Not noch größer ist. Nach Holm/Dewes führt der lateinamerikanische Machismos dazu, „dass viele Frauen zu alleinerziehenden Müttern werden, wenn ihre Männer sich

21

IESA (Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit e.V.)(Hrsg.), Arbeitende Kinder weltweit, Hilden/Düsseldorf 1999, S. 14

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Peru – Ein soziokultureller Überblick

nicht in der Lage fühlen, ihre ‚Verantwortung’ als Familienoberhaupt nachzukommen.“22

22

Karin Holm/Jürgen Dewes (Hrsg), Neue Methoden der Arbeit mit Armen am Beispiel Straßenkinder und arbeitender Kinder – Dokumentation einer internationalen Tagung in der FH Düsseldorf 1995, Frankfurt/M. 1996, S. 33

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

4 Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention Alle Menschen haben Rechte Männer und Frauen haben bestimmte Rechte, Arbeiter und Arbeitslose haben auch bestimmte Rechte. Und die Kinder? Sogar die Kinder haben bestimmte Rechte. Diese sind in der Konvention über die Rechte des Kindes festgelegt und fast weltweit anerkannt. Es ist jedoch so, dass einige Länder sich nicht verpflichtet fühlen, die Rechte der Kinder zu verwirklichen. Leider besteht zwischen Idealvorstellung und Wirklichkeit, nicht nur in den Entwicklungsländern, ein sehr großer Unterschied. Zum Beispiel: 23 •

sterben jeden Tag weltweit 35.000 Kinder überwiegend an leicht zu behandelnden Krankheiten



geht die Zahl der Kinder, die auf und in der Straße leben, in die Millionen



arbeiten Hundertmillionen von Kindern unter katastrophalen Bedingungen und haben keine gesundheitliche Versorgung



werden arbeitende Kinder in einigen Ländern der Welt ausgebeutet

Die internationale Konvention über die Rechte des Kindes wurde 1989 von der General-Versammlung der UN einstimmig angenommen. In Kraft trat sie am 2. September 1990 nach Ratifizierung von 178 Staaten, die sich verpflichteten, diese in ihr eigenes nationales Recht umzusetzen. Inhaltlich prägen vier Eckpunkte die Konvention: Schutz (gegenüber Misshandlung, sexueller und ökonomischer Ausbeutung etc.), Bereitstellung von Ressourcen (Gesundheitsfürsorge, Recht auf ungestörte frühkindliche Entwicklung etc.), Partizipation (freie Information und Meinungsäußerung etc.) und Bildung (Schul- und Ausbildung).24

23

vgl. Franz Nuschler, Jürgen Feich, Herbert Uhl, Kinderhände – Kinderarbeit in der Dritten Welt, 1998 24

vgl. Terre des Hommes (Hrsg), Die UN-Konvention über die Rechte der Kinder, Osnabrück 1996, S. 26

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

Der wesentliche Fortschritt in dieser Konvention besteht laut UNICEF-Bericht „Zur Situation der Kinder in der Welt 1996“25 in der Anerkennung des Kindes als eigenständigem Individuum. Kinder haben eine eigene Identität und schon von Geburt an ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben, sind aktive Wesen mit eigenen Sichtweisen, Fähigkeiten und Urteilen. Dennoch werden gewisse Formulierungen darin auch von einigen Seiten (z. B. den Kinderrechtsorganisationen) nicht unkritisch gesehen. So wird u. a. in der Konvention das Recht auf freie Meinungsäußerung des Kindes davon abhängig gemacht, „dass es fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden“26. Dadurch erhält der Erwachsene einen gewissen Ermessensspielraum, was das Kind dann wieder abhängig macht vom Wohlwollen der Erwachsenen. Es läuft also im Grunde genommen entgegen dem eigentlichen Ziel, der Partizipation der Kinder.

4.1 Die Rechtsbereiche Nach dem UNICEF-Bericht schreibt die Konvention fest, dass das Kind über eine eigene, gegenüber Eltern und Erziehungsberechtigen abgegrenzte Identität verfügt. Diese Identität gilt es zu schützen und dabei soll es dem Kind gleichzeitig ermöglicht werden, sich in Fragen des Sorgerechtes zu behaupten. Die Beteiligten sind dabei dem Wohl des Kindes verpflichtet. Eigene Rechte zu haben bedeutet für das Kind, von Geburt an ein menschenwürdiges Leben beanspruchen zu können.

4.1.1 Recht auf das Leben Nach den Schätzungen von UNICEF sterben jedes Jahre weltweit 1,5 Millionen Mädchen, nur weil sie „leider Gottes“ Mädchen sind. Sie sterben, weil sie unterernährt sind oder ihre Brüder die Priorität in der medizinischen Versorgung bekommen. Weiterhin werden Millionen von Mädchen in der 25

vgl. UNICEF, Kinderarbeit - Zur Situation der Kinder auf der Welt 1996, Frankfurt/M. 1995

26

UNICEF, ebenda

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

ganzen Welt zur Prostitution gegen ihren Willen gezwungen und ausgebeutet. Die Maßnahmen zum Schutz und zur Gleichstellung von Mädchen müssen auf der politischen Ebene in allen Ländern realisiert werden, sowie ein Verbot von Kinderhandel, internationaler Strafverfolgung von Sextouristen und Rehabilitationsangebote für minderjährige Opfer sexueller Gewalt. Jedes Jahr sterben in den Entwicklungsländern über drei Millionen Kinder an Durchfall, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser und einer medizinischen Basisversorgung haben. Deutschland trägt eine weltweite Mitverantwortung für die Rechte der Kinder, doch nur 0,32% des deutschen BSP fließen in die Entwicklungshilfe. Dabei hat die Bundesregierung zugesagt, ihre internationale Verantwortung ernst zu nehmen und sich verpflichtet, 0,7% des BSP für die Unterstützung bereit zu stellen.27

4.1.2 Recht auf Entwicklung Im zweiten Abschnitt garantiert die Konvention den Kindern das Recht auf ungestörte frühkindliche Entwicklung, auf Schulbildung, Gesundheitsfürsorge und im allgemeinen auf menschenwürdige Lebensbedingungen.28 Das zu ermöglichen, dafür ist die Gesellschaft verantwortlich. Sie soll die gesellschaftliche Stellung des Kindes dementsprechend verstärken.

4.1.3 Recht auf soziale Sicherheit Viele Menschen unter 18 Jahren leiden unter einem Mangel an kulturellen Angeboten und sozialen Dienstleistungen. Diese Menschen sind oft nicht gut ernährt und haben eine mangelnde Gesundheitsfürsorge, sie werden häufig krank und aus diesem Grund benachteiligt. Die Armut beeinflusst das Leben in der Familie. Sie brauchen Unterstützung, im speziellen Förderungsmaß-

27

vgl. Horst Becker (Hrsg), Leitfragen Politik - Handbuch Entwicklungsländer, 1998

28

vgl. Manfred Liebel, Kinderrechte und Kinderbewegungen in Lateinamerika in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 13ff

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

nahmen für Kinder durch Kindertagesstätten, Freizeit, Berufsangebote und mehr Heime und Ganztagsschulen, die das Recht auf eine gesunde Entwicklung mit den entsprechenden Angeboten aktiv fördern. Wenn Kinder spielen oder bei Freizeitaktivitäten teilnehmen, regen sie ihre Phantasie an und lernen durch die gemeinsame Erfahrung mit anderen das soziale Zusammenleben.

4.1.4 Recht auf Schutz „Die Konvention garantiert den Kindern, dass alle Menschen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres Schutz vor Misshandlung, vor ökonomischer und sexueller Ausbeutung und vor Diskriminierung aufgrund der Rasse, des Geschlechtes oder eines Minderheitenstatus haben“29 Dadurch genießen Kinder ein besonderes Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht, trotzdem haben im letzten Jahrhundert mehr als je zuvor viele Kinder unter Kriegen gelitten. „28 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Welt, von denen fast die Hälfte Kriegsflüchtlinge sind, sind heutzutage unter 18 Jahre alt“.30 Die militärische Gewalt verletzt die Kinder dabei nicht nur körperlich und geistig, sondern auch seelisch. Über zehn Millionen Kinder in der ganzen Welt erlitten in den vergangenen Jahren schwere seelische Verletzungen in Kriegen durch Flucht, Tod oder Trennung der Eltern, Ausbeutung und Vergewaltigung. Reaktionen wie Depressionen, Albträume oder Weinkrämpfe sind nur einige Resultate.31 Kinder genießen weiterhin auch das Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher Ausbeutung. Es arbeiten beispielsweise in der Teppichindustrie in Indien und Pakistan zwischen 750.000 und 1 Million Kinder, die zwischen 12 und 14 Jahren alt sind. Sie arbeiten 10 bis 16 Stunden am Tag ohne Pause für ge-

29

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 21

30

vgl. Horst Becker (Hrsg), Leitfragen Politik - Handbuch Entwicklungsländer, 1998

31

vgl. UNICEF, Kinderarbeit - Zur Situation der Kinder auf der Welt 1996, Frankfurt/M. 1995. S. 12ff

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

ringen Lohn. Neben den gesundheitlichen Schäden haben sie zudem auch keine Zeit für die Schule.32 Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Kinderarbeit der Industrie ist die Einführung des Warenzeichens „Rugmark“ für die Teppichindustrie. Dieses besagt, dass diese Teppiche nicht von arbeitenden Kindern geknüpft wurden. Christian Salazer Volkmann von UNICEF Deutschland ist davon überzeugt, dass die „Rugmark“-Initiative inzwischen vermehrt als eine Möglichkeit angesehen wird, das Interesse der Verbraucher an handgeknüpften Teppichen neu zu beleben. „Rugmark wird zunehmend als Marketing-Instrument begriffen“.33

4.1.5 Recht auf Teilnahme: Partizipation Zu diesem Thema stellt die Konvention das Recht auf freie Information und Meinungsäußerung, auf Partizipation an Entscheidungen fest. Außerdem gibt sie das Recht, sich friedlich zu versammeln und eigene Vereine und Verbände zu bilden. Wenn man über „freie Meinungsäußerung“ spricht, heißt das z. B., dass es davon abhängig gemacht wird, dass das Kind „fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden“. Die Staaten brauchen die Meinung des Kindes lediglich „angemessen“ und „entsprechend seinem Alter und seiner Reife“ zu berücksichtigen, was eine willkürliche Auslegung durch die herrschenden Instanzen nahe legt und das formal zugestandene Recht letztlich gegenstandslos macht.34

4.1.6 Die Rechte der Straßenkinder Die Straßenkinderbewegung soll die Interessen der Kinder vertreten und deren Eigeninitiative begleiten und fördern. Sie betont, dass es sich bei Kindern um soziale Subjekte handelt und nicht um bloße Objekte (siehe auch

32

vgl. Nuschler, Franz; Große Oetringhaus, Hans-Martin, „Kinderhände – Kinderarbeit in der Dritten Welt“, 1. Auflage, 1998 (Terre des Hommes Buch), S. 17ff 33

UNICEF: Zur Situation der Kinder in der Welt 1998, Frankfurt/N. 1997, S. 91

34

vgl.: Manfred Liebel, Kinderrechte und Kinderbewegungen in Lateinamerika in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M. 1999, S. 22

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

Abschnitt 6.7 “Ansätze der sozialpädagogischen Praxis bei MANTHOC“ und Abschnitt 9.2 „Pädagogische Ansätze“). Dazu kommen noch die Erlebnisse auf der Straße mit der dort erlebten Ablehnung, Bedürftigkeit und Niederwerfung. Die Ziele der Kinderbewegungen sind:35 •

Die Kinder, die gezwungen sind auf der Straße zu leben, über die Ursachen ihrer Notlage aufzuklären und ihnen zu erleichtern, eigene Organisationen zu bilden.



Die erwachsene Bevölkerung für die Situation der Kinder zu sensibilisieren



Die Rechtssituation der Kinder zu verbessern und die Einhaltung selbiger zu gewährleisten.

Aus diesem Grund klären die Straßenkinderbewegungen die Kinder über ihre Rechte auf und partizipieren an ihrer Arbeit. Sie organisieren sich, um die Kinderrechte publik zu machen und Hilfsalternativen zu erarbeiten. Die verschiedenen Organisationen versuchen, die Gesetzgebung in der Jugendund Sozialpolitik zu beeinflussen. Das geschieht dadurch, dass sie jede Missachtung und Verletzung der Kinderrechte beklagen und anprangern. Ebenso setzen sie sich für die Konvention der Rechte des Kindes durch Forderungen und Vorschläge für die Betreuung der Straßenkinder und darauf bezogene staatliche Maßnahmen ein.36

4.2 Rechtliche Grundlage In den meisten Ländern ist Kinderarbeit bis zum Alter von 12 bis 14 Jahren gesetzlich verboten. Es gibt aber viele Ausnahmeregelungen, und die Einhaltung der Gesetze wird häufig auch nicht kontrolliert (vgl. 4.1.4 oben). § 32

35

vgl. Manfred Liebel, Wir sind die Gegenwart – Kinderarbeit und Kinderbewegung in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1994, S. 63ff und Karin Holm, Kinderbewegungen in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1997, S. 79ff 36

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 64

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

der UN-Konvention gibt das Recht, „vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringt, die die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnte.“37 (Trotz dieser Regelung fordern die Organisationen arbeitender Kinder in Lateinamerika, Afrika und Indien für ihre Kinder das Recht zu arbeiten. Sie wollen selbst entscheiden, ob und wie sie arbeiten, bei einer Arbeit, bei der sie nicht ausgebeutet werden und ihre Menschenwürde nicht verletzt wird.(vgl. 4.3 unten)) Die Konvention Nr. 138 der ILO38 wurde bis jetzt von 46 Staaten anerkannt, allerdings war darunter kein Vertreter der asiatischen Staaten. Die Vereinbarung verlangt die Abschaffung der bestehenden Kinderarbeit und der Festlegung des Mindestalters auf 15 Jahre, bzw. ungefähr bis zum Ende der Schulpflicht.39 Weiterhin fordert die ILO-Konvention in Art (3) Abs. 1: „Das Mindestalter für die Zulassung zu einer Beschäftigung oder Arbeit, die wegen ihrer Art oder der Verhältnisse, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für das Leben, die Gesundheit oder die Sittlichkeit der Jugendlichen gefährlich ist, darf nicht unter 18 Jahre liegen“40 Die Vereinbarung Nr. 29 der ILO-Konvention über Zwangs- und Pflichtarbeit aus dem Jahr 1990 wurde von 136 Nationen ratifiziert (nach Berichten von terre des hommes 1999 wird aber nach eindeutig belegten Berichten dies nicht immer eingehalten. Unter diesen Staaten sind u. a. auch Indien, Peru, Pakistan und Thailand (z. B. Teppichindustrie, Goldminen in Peru).

37

I.R. Christliche Initiative Romero, Arbeitende Kinder achten statt Kinderarbeit ächten, Münster/Westf. 1999, S. 7 38

ILO ⇒ International Labour Organization

39

Konvention 138 der ILO Art. (2) Abs. 3 IESA-Internat. Entwicklung und soz. Arbeit 1999, S. 8 40

ILO-Spezial: Kinderarbeit ILO Deutschland, Bonn, 2000, S. 1

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

Grundsätzlich stehen sich zwei Positionen gegenüber. Die erste zielt auf vollständige Abschaffung der Kinderarbeit (Abolitionismus) ab. Diese wird von der internationalen Arbeitsorganisation ILO und den Gewerkschaften vertreten. Die zweite Position fordert für die Kinder das Recht, in Freiheit und Würde zu arbeiten. Sie wird von der Organisation arbeitender Kinder und Jugendlichen in der „Dritten Welt“ vertreten und auch von Kinderrechtsorganisationen und nicht-staatlichen Kinderhilfsorganisationen unterstützt. Für die Abschaffung der Kinderarbeit werden von den Befürwortern folgende Argumente gebracht:41 •

Kinder können nur eine Kindheit haben, wenn sie sich entsprechend entwickeln, wenn sie statt zu arbeiten in die Schule gehen.



Kinderarbeit nimmt den Kindern die Möglichkeit, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden.



Kinderarbeit ergibt sich nicht aus Armut, sondern trägt entscheidend zu ihrer Fortführung und ihrem Bestand bei.

Für das Recht der Kinder zu arbeiten, werden folgende Argumente gebracht: •

Die Kinderarbeit zu verbieten zwingt die arbeitenden Kinder zu illegaler Arbeit und verschlechtert dadurch auch die Möglichkeiten, sich gegen Machenschaften zu wehren und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu erreichen.



Das Recht zu arbeiten erweitert den Raum der arbeitenden Kinder und fördert ihre Anerkennung als ökonomische und soziale Subjekte.



Die Arbeit ist ein Element von mehreren Lernprozessen und bietet Autonomie, Verantwortlichkeit, soziale Partizipation etc.42

41

vgl. IR Christliche Initiative Romero, Arbeitende Kinder achten statt Kinderarbeit ächten, Münster/Westf. 2000 42

vgl: la otra infancia, „Ninez Trabajadora y acción Social“, M. Liebel, E. Fiqueroa, A. Cussianovich, Juni 2000, Ifejant (Bildungsinstitut für NATs), S. 30ff

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

4.3 Die Hoffnung auf eine neue Konvention Seit 25 Jahren kämpfen die NATs für die Würde der arbeitenden Kinder und Jugendlichen im Haushalt, auf der Straße, auf dem Land. In Peru, wie in vielen andern Ländern Lateinamerikas, haben sich die arbeitenden Kinder organisiert, um ihre Identität als Bürger Perus ausleben zu können. Unterstützt werden die NATs dabei von den verschiedenen Kinderrechtsorganisationen Perus, die sich unter dem Dach der MNNAPSOP zusammengeschlossen haben. Anlässlich ihrer Generalkonferenz vom Juni´99 (Teilnahme von 18 Städten Perus) wurde folgende Erklärung veröffentlicht: „Wir Kinder kritisieren die ILO wegen intoleranter Ansichten. Die Sicht bleibt wieder die Gleiche: Arbeit und Kindheit passen nicht zusammen, arbeitende Kinder sind aus der Arbeit zu entfernen. Dies widerspricht unserem Slogan: „sich gegen schlimmste Formen von Kinderarbeit“ zu richten. Es gibt Formen von Arbeit, die unter bestimmten Bedingungen angenommen werden..... Die Arbeit bedeutet für uns, Solidarität mit unserer Familie, mit unserem Land, welches dadurch der Armut entgeht. Wir möchten, dass die Bevölkerung merkt, dass es Situationen gibt, die nicht mit unserer Würde vereinbar sind…. Wir begrüßen aber die Aufmerksamkeit und die Aktionen der ILO gegen „die schlimmsten Formen von Kinderarbeit“, aber wir möchten eher notwendige Betreuung und Begleitung anstatt „gesellschaftlicher Wiedereingliederung“. Die Berichterstattung der internationalen Presse über arbeitende Kinder sollte positiv über unsere Arbeit informieren. Der Artikel 4 der ILO sollte eingehalten werden, da die Organisationen von Arbeitgebern und Arbeitern konsultiert werden müssen. Unser Recht auf affektive und direkte Beteiligung über die Entscheidungen, die uns als NATs konkret angehen, darf nicht länger missachtet werden. Bis jetzt waren unsere Vertreter seitens unseren zentralen Gewerkschaften dort nicht vertreten. Organisationen wie die ILO sollten zur Kenntnis nehmen, dass Organisationen arbeitender Kinder in der ganzen Welt existieren und auf internationaler Ebene wahr genommen werden müssen. Und das aus dem Grund, weil Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

sie stellvertretend für die Hoffnung von Millionen von arbeitenden Kindern weltweit stehen.“43 Die Organisationen von arbeitenden Kindern in Peru hoffen daher auf eine neue Konvention, indem sie folgende Forderungen stellen: •

Die Wahrnehmung der heutigen Realität von NATs in Peru sowie ihre Vorschläge zur Anpassung der Jugendgesetze sollen angehört werden.



Die Organisationen der arbeiten Kinder sollen gefragt werden, wenn es um Diskussionen oder Änderungen des Gesetzes geht. Auch laut UN-Kinderrechtskonvention sollen sie in allen sie betreffenden Belangen gehört werden. Aus diesem Grund fordern die Kinderarbeitsorganisationen ihre Teilnahme bei internationale Kongresse zum Thema Kinderarbeit.



Die NATs fordern Klarheit über die Pläne der ILO für NATs im Alter unter 15 Jahre. Wer wird ihre Unterstützung garantieren und wie sind sollen sie berücksichtigt werden?



Die Organisationen der arbeiten Kinder verlangen die Überprüfung der finanziellen Transaktionen und einen Rechenschaftsbericht über die Verwendung der Gelder von IPEC44.

Organisationen wie MNNAPSOP, MANTHOC und andere fordern, „dass die Regierung und alle Autoritäten im Land und überhaupt die ganze Welt respektiert, dass in Peru das Konvention Nr. 138 von ILO nicht ratifiziert wird. Wir arbeiten, weil unsere Eltern keine Arbeit haben oder vielleicht nicht arbeiten wollen. Wir arbeiten, weil es auch unser Recht ist, weil wir unsere Ar-

43

(Original-übersetzt: Nationale Bewegung der NATs, Peru, MNNAPSOP Mai 1999, Lima, Peru) Delegierte Michael Rojo, Julia Espinosa, Rosmery Portilla, Patricia Cruzado 44

International Program on the Elimination of Child labour (Programm der internationalen Arbeitsorganisation zur Beseitigung von Kinderarbeit)

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Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtskonvention

beit als ein Recht begreifen und weil wir jemand sein wollen in der Welt und weil unsere Arbeit uns einfach sehr gefällt.“45

45

Inhaltlicher Auszug aus einem Interview mit den Nationaldelegierten von MNNATSOP Jovanna Cruz, Carlos Mucha u. Rosario Trujillo in Lima, anlässlich der Übergabe eines Brief der Organisationen arbeitender Kinder in Peru vom 10. Mai 2001 an Dr. Valentin Paniagua C., Presidente Constitucional de la República del Perú (durchgeführt von der Verfasserin)

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Kinderarbeit in Peru

5 Kinderarbeit in Peru 5.1 Historischer Überblick Die Wahrnehmung von Arbeit und insbesondere von Kinderarbeit hat sich im Laufe der Jahre verändert und unterschiedliche Stufen durchlaufen. Es ist wichtig, die arbeitenden Kinder als soziale Akteure zu sehen. Daher ist es unmöglich, das gesamte Thema der Kinder und der Kinderarbeit aus einer Perspektive zu betrachten, welche sie von ihrer sozialen Umgebung isoliert und die historischen Hintergründe ignoriert. In den Anden Perus existierten bis ins 16. Jahrhundert hinein verschiedene autonome Gruppen, die heute als eigenständige Kultur „Andina“ anerkannt sind. Diese Gruppen bildeten über die Jahre hinweg Prinzipien, Charakteristika und Richtlinien für ihr gesellschaftliches Miteinander aus, an denen sich jedes Mitglied zu orientieren hatte. Eines der bekanntesten Beispiele aus der Inkazeit ist die Stadt Tahuantinsoyo, ein autonomer Stadtstaat innerhalb des großen Inkareichs. Der Großteil der Arbeit war in der Landwirtschaft bzw. im Ackerbau zu finden. Diese Art der Arbeit erforderte eine große Naturverbundenheit. Jeder mögliche Quadratmeter Land wurde nutzbar gemacht, das Flachland wurde beackert und aufwendige Trassenfelder erstellt, die ein Optimum an nutzbarer Fläche ergaben und leichter als Hänge zu bearbeiten waren. Die ganze Familie war bei dieser Arbeit zugegen. Der Familienvorstand – meist der Vater – teilte die Familie gemäß den Erfordernissen der Arbeit und den jeweiligen Fähigkeiten der Einzelperson ein und überwachte die Ausführungen. Schon in dieser Zeit hatten Kinder einen großen Anteil an der geleisteten Arbeit und waren für die Familien unentbehrlich. Mädchen blieben zuhause und nahmen Aufgaben innerhalb des Hauses wahr (Kochen, Textilherstellung, etc.), während die Jungen Aufgaben als Hirten und Maultiertreiber übernahmen und mit zunehmendem Alter ebenfalls den Ackerbau betrieben und ihre Väter und Onkel unterstützten.

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Kinderarbeit in Peru

Am 28. Juli des Jahres 1821 erklärte José de San Martin die Unabhängigkeit Perus und die Zwangsarbeit in den Bergwerken für beendet, außerdem erklärte er die Nachkommen der Inka zu Einwohnern Perus und verbot die Bezeichnung „Indio“46. Auch versprach San Martin die Abschaffung der Sklaverei, setze dies aber nicht durch so dass noch lange Kinder als Haushaltsund Arbeitssklaven lebten. Endgültig wurde die Sklaverei erst unter Ramón Castilla47 in der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft. Aber auch nach der offiziellen Beendigung der Sklaverei arbeiteten Kinder noch lange auf den Haziendas und in den Häusern der reicheren und wohlhabenderen Leute. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Kinder aus den Bergen oder aus kleinen Dörfern, die von ihren Eltern verkauft wurden oder aber sich selbst auf den Weg gemacht hatten ohne zu wissen, was sie in den Städten oder bei den Großgrundbesitzern erwartet. Diese Kinder wurden geschlagen und ausgebeutet. Laut Aguirre (Carlos Aguirre, 1993) war dies für die Kinder aber nichts Neues, es sei so wie in der Schule gewesen. Es handele sich eben um eine autoritäre Gesellschaft, in der die Kinder hart erzogen würden, in der sie geschlagen würden und in der Anordnungen unbedingt befolgt werden müssten. Noch heute haben die Kinder aus den Bergen und die Mischlingskinder (sog. Meztisen) unter Vorurteilen und Benachteiligungen aufgrund ihrer Abstammung zu kämpfen. Unter den arbeitenden Kindern nehmen sie einen erhöhten Prozentsatz ein (Giangi Schibotto, 1996). Als allgemeine Feststellung kann gelten, dass die Kinderarbeit in Peru historisch sozial akzeptiert war und auch heute noch wird. In den verschiedenen historischen Stationen Perus füllte die Kinderarbeit eine komplementäre

46

„Indio“: in Lateinamerika gebräuchliche, diskriminierende Bezeichnung für Angehörige indianischer Völker bzw. indianischer Abstammung 47

Ramón Castilla: peruanischer Marschall und Politiker, * 31. 8. 1797 Tarapacá, † 30. 5. 1867 Tiviliche, Arica; 1845-1851 und 1855-1862 Staatspräsident

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Kinderarbeit in Peru

Rolle48 besonders in den Familien der Arbeiterklassen und der Bauern aus. Sie war eine weitere Etappe auf dem Weg des Erwachsenwerdens, in der die Kinder schon Verantwortung lernten und auf die Rollen in ihrer zukünftigen Familie ’vorbereitet’ wurden. Dieses Prinzip herrschte allgemein bis zur Entwicklung und dem Auftauchen der industriell-kapitalistischen Gesellschaft. Besonders in den Städten verloren die Kinder durch die zunehmende Anzahl an Industriebetrieben die Möglichkeit, bestimmte Tätigkeiten innerhalb von Familienbetrieben und Landwirtschaftsbetrieben auszuüben. Die ‚modernen’ Probleme und sozialen Konflikte traten hervor, es entstand eine neue Beziehung zwischen Kinderarbeit und Industriegesellschaft, die offiziell darin endete, keine industrielle Kinderarbeit zuzulassen.

5.2 Die arbeitenden Kinder fordern ihr Recht zu arbeiten Heutzutage findet auch in Peru eine heftige Debatte über das Verbot der Kinderarbeit auf fast allen gesellschaftlichen Ebenen statt. Ausgelöst wurde die Kinderrechtsdebatte schon in den 70er Jahren in den USA durch Protagonisten wie Richard Farson (1974) und John Holt (1975). Argumente waren damals die Möglichkeit, Geld zu verdienen, um eine gewisse Unabhängigkeit und Macht in der Gesellschaft zu erreichen um seine Belange wirkungsvoller einzubringen und nicht nur abhängig von Erwachsenen zu sein, die „wissen, was gut für sie ist“. Auch Studien in Deutschland über Jugendliche, die neben der Schule arbeiten, zeigten, dass sie mit ihrer Arbeit Freiheit, Unabhängigkeit, soziale Anerkennung und den leichteren Übergang ins „Erwachsenenleben“ verbinden. Alles Fragen, die auch hierzulande über ein neues Denken über „Kindheit und Arbeit“ anregen könnten. So setzt sich z. B. Manfred Liebel für das Recht der Kinder zu arbeiten ein. In seinem Buch „Kinderarbeit und Kinderbewegungen in Lateinamerika“ betont er: „Nicht um neue Indienstnahme und Unterwerfung der Kinder geht es, son-

48

vgl. Giangi Schibotto, Elvira Figueroa, Alejandro Cussiánovich (Hrsg), Unidad 1, Actores Sociales y Movimientos Populares America Latina, 1996, S. 14

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dern darum, ihre Handlungsalternativen zu erweitern und ihre soziale Anerkennung als kompetente soziale Subjekte und ihren gesellschaftlichen Einfluss zu sichern.“49 Vorwiegend in Lateinamerika fordern viele Kinder, die sich trotz eines für sie geltenden Arbeitsverbots wirtschaftlich betätigen, dass sie ein Recht auf Arbeit erhalten sollen. Sie sehen das Verbot nicht als Erleichterung, sondern eher als Diskriminierung und eine schlechtere Position im Kampf gegen ausbeuterische Praktiken. Es geht dabei vor allem um das Recht des Kindes, frei zu entscheiden, ob es arbeiten will oder nicht. Denn Arbeit ist auch ein Teil seiner Würde. Dabei soll aber das Kind im Mittelpunkt stehen, sein freier Wille und seine Entscheidungskompetenz und nicht der Arbeitgeber, der nach seinem Willen die Arbeitskraft des Kindes ausnutzt. Die Kinder wollen nicht einfach aufhören zu arbeiten, fordern aber bessere Arbeitsbedingungen, gerechteren Lohn und Gesetze, die sie vor Ausbeutung und Misshandlung schützen. Aus Studien über das Denken der Kinder in lateinamerikanischen Ländern (vgl. Liebel 1998; Lòpez de Castilla 1998) ging hervor, dass ohne ihre Arbeit die Not, Armut, aber auch Delinquenz und Gewalt rascher anwachsen würden. Gefordert wird das Recht auf Arbeit explizit in der sog. „Dritten Welt“. Das mag an der Sichtweise in diesen Ländern liegen. Kinderarbeit hat nicht nur für sie eine existentielle Bedeutung, sondern ist vor allem auch für sie mit einer anderen, besseren Kindheit verbunden. Auch in den kulturellen Traditionen hat Arbeit einen ganz anderen Stellenwert als in der sog. „Ersten Welt“. Schon ab dem sechsten Lebensjahr ist es beispielsweise nicht unüblich, Kindern innerhalb der Familien Anerkennungen für Tätigkeiten zu geben, die wichtig sind für die Familie oder die Gemeinschaft. Es wird als ein Prozess des Lernens und der Erziehung angesehen.

49

Manfred Liebel, Kinderarbeit und Kinderbewegungen in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1994, S. 10)

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Kinderarbeit im klassischen Sinne macht nur ein Bruchteil der gesamten Arbeit von Kindern aus. Die meisten Tätigkeiten gehen auf eigene Initiativen von Kindern zurück, wie z. B. Schuhputzen, Scheiben für die Autos waschen oder Verkaufsstände auf Märkten. Das macht sie in gewissem Maße autonom und selbständig, wenngleich sie auch durch ihr oft negatives Ansehen in der Gesellschaft mit Zurückweisungen, Gewalt oder gar sexuellem Missbrauch konfrontiert werden. Obwohl sich seit der Verabschiedung der Kinderrechtskonventionen viel in Sachen Kinderrechte getan hat, zeigen die Bewegungen Lateinamerikas trotzdem immer noch Mängel auf, im Inhalt wie in gesellschaftlicher Akzeptanz der Rechte wie auch der Kinderrechtorganisationen an und für sich. Daher fordern die Kinder auf nationaler wie auch internationaler Ebene volle rechtliche Anerkennung. Das heißt konkret Präsenz der NATs innerhalb nationaler und internationaler Gremien, sowie Stimmrecht etc., anstatt der immer noch vorherrschenden Ausgrenzung.

Abbildung 1: NATs von MANTHOC während einer Demonstration für Kinderrechte

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Die Kinder haben für sich konkrete Vorstellungen und Erwartungen ihrer Partizipation an der Gesellschaft entwickelt. Sie wollen erreichen, dass sie zu einem selbstverständlichen, gleichberechtigten Teil in der gesellschaftlichen und politischen Praxis werden. Sie streben danach, gleichberechtigte Subjekte in der Gesellschaft zu werden und nicht mehr abhängig vom Wohlwollen der Erwachsenen zu sein.

5.3 Kinderarbeit darf nicht verboten werden 5.3.1 Kinderarbeit – Pro und Kontra Es herrscht Uneinigkeit, ob ein generelles Verbot der Kinderarbeit überhaupt sinnvoll sei. So prangert die Kinderrechtsbewegung eine mangelnde Artikulation seitens der Kinder an. Umfragen unter betroffenen Kindern haben gezeigt, dass „Arbeit“ generell auch befürwortet wird (etwas wegen der sozialen Anerkennung, der eigenen Identität, der Freiheit oder der Selbständigkeit). Zu kritisieren seien die ausbeuterischen, diskriminierenden und gewalttätigen Verhältnisse, die die Arbeit angenommen hat.50 Liebel zitiert die Kinder: „Uns die Arbeit verbieten, bedeutet nicht an uns zu denken...Wenn sie die Arbeit verbieten, handeln sie gegen unsere Rechte... Statt sie zu verbieten, sollte man uns helfen und Gesetze schaffen, die uns schützen und uns mehr Rechte während der Arbeit geben.“51 Diese Ansicht der Kinder erhält Unterstützung auch von anderen Seiten. „Das Verbot der Kinderarbeit nutzt nicht nur nicht, es schadet sogar!“52 Solange die Arbeit der Kinder verboten wird, haben die Kinder bei der Arbeit

50

vgl. Liebel, Manfred: Kinderrechte und Soziale Bewegungen arbeitender Kinder in Lateinamerika, in Christel Adick, Straßenkinder und Kinderarbeit: Sozialisation theoretische, historische und kulturvergleichende Studien, Frankfurt/M. 1998, S. 251-252 51

Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg.): Arbeitende Kinder stärken – Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit, IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M. 1998, S. 260f 52

vgl. Reizthema Kinderarbeit in CIR Christliche Initiative Romero, Münster/W. 1999, S. 30f., erschienen als Beitrag in: Berliner Morgenpost, 01.03.1999

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auch keine Rechte auf Schutz sowie auf Mitbestimmung, da die Arbeit nicht legal stattfindet. In einem Interview mit Alejandro Cussiánovich Villaran, einem Freund und Begleiter der MANTHOC-Kinder, kritisiert dieser, dass in der internationalen Debatte um Kinderarbeit sich alle immer wieder an die Definition von Altersgrenzen klammern. „...zum Beispiel ‚terre des hommes’, weil es das einzige harte Kriterium sei, um Verbote auszudrücken.“53 Verbote seien aber keine Lösung.

Abbildung 2: Demonstration gegen das Verbot der Kinderarbeit in Peru/Lima, 10. Mai 2001

Die Bewegung arbeitender Kinder und Jugendliche Perus, an der MANTHOC neben anderen Organisationen führend beteiligt ist, setzt daher statt auf das Verbot der Kinderarbeit auf die Lösung der wesentlichen Probleme der betroffenen Kinder. In dieser Rolle werden sie inzwischen auch von der Regierung Perus als ernsthafter Gesprächspartner anerkannt. So hatte z. B. in diesem Jahr die Delegation erwerbstätiger Kinder mit dem Sozialminister Perus eine Auseinandersetzung über die Einführung einer Krankenversiche-

53

Durchgeführt von der Autorin dieser Arbeit am 29 Mai 2001 in Lima/Peru

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rung für die arbeitenden Kinder. Der Vorschlag, diese so zu gestalten, das die Kinder sie selbst bezahlen könnten, führte letztendlich zum Erfolg dieses Vorschlags.

Abbildung 3: Demonstration gegen ILO-Konvention 138 in Peru/ Lima, 10. Mai 2001

Der Grund für Kinderarbeit liegt meistens in der Massenarmut; die Armut in den Entwicklungsländern wird größer und mit ihr wächst der Zwang zur Arbeit für immer mehr Kinder. Die Entwicklungshilfe hat dieses Wachstum nicht aufhalten können, weil entgegen aller Absichtserklärungen kein gezielter Kampf gegen die Massenarmut geführt wird. Viele der Hilfsmaßnahmen erreichen nicht jene Schichten, in denen Kinderarbeit ein notwendiges Mittel im Kampf um das Überleben ist.54 Rund 800 Millionen Menschen auf der Welt leben derzeit in Armut, d. h. dass sie „zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel haben“. Eine Ursache dafür ist die Bevölkerungsexplosion in den Entwicklungsländern, die nicht

54

vgl. Franz Nuschler, Hans Martin, Lern- und Arbeitsbuch der Entwicklungspolitik, Bonn 1996

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zuletzt auch durch die ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Reichtümer auf dieser Welt ausgelöst wurde. In vielen Ländern ist es z. B. so, dass Eltern möglichst viele Kinder in die Welt setzen, damit bei einer hohen Kindersterblichkeitsrate eine genügend große Anzahl von ihnen überlebt und so die Absicherung und die Altersversorgung der Eltern gesichert ist. Viele dieser Eltern haben jedoch keine Beschäftigung, sondern sind arbeitslos. Je größer aber die Arbeitslosigkeit ist desto größer ist in der Regel auch die Armut und somit auch die Kinderarbeit. Die Kinder sind die Opfer der ganzen Verelendung. Dies hat sowohl mit den ungerechten Sozialstrukturen wie auch den politischen Gewaltverhältnissen in den Ländern der „Dritten Welt“ zu tun. Ein großer und oft sehr unglücklicher Einfluss liegt aber auch in der Entwicklungspolitik, die eine Modernisierung der Gesellschaft fordert, die aber die Kleinbauern von ihrem Land vertreibt und in die Arbeitslosigkeit und die Elendsviertel der Großstädte bringt. Geld bedeutet Macht, darüber herrscht mittlerweile wohl kein Zweifel mehr. Eher wird wohl die These uneingeschränkte Zustimmung finden, dass Geld und Macht einander noch ergänzen. Deshalb musste in der Vergangenheit der Versuch, die Rechte der Kinder durchzusetzen ohne den Kindern zugleich wirtschaftliche Macht einzuräumen, ein vergebliches Unterfangen sein (vgl. R. Farson, 1977, S. 109f). Billigt man ihnen wirtschaftliche Macht zu, dann haben sie das Recht „zu arbeiten, Geld zu verdienen und es auch zu verwalten, gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu verlangen, leitende Positionen einzunehmen, Eigentum zu besitzen, Kredite zu bekommen, Verträge abzuschließen, sich an Unternehmen zu beteiligen und sich so finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen. Ferner hätten sie auch noch das Anrecht auf Unterstützung, die ihnen alleine zukommt“55.

55

Richard Farson, Menschenrechte für Kinder, München 1977, S. 109f

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Die Diskussion um Kinderarbeit wird von unterschiedlichen Seiten und mit unterschiedlichen Argumenten geführt. Auf der einen Seite von den Befürworten von „Kinderarbeit“, die eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Kinder schaffen wollen. Diese Fraktion fordert explizit ein Recht auf Arbeit für Kinder, u. a. mit der Begründung, es fördere die Eigeninitiative der Kinder und erziehe zur Verantwortung.56 Die Arbeit und ihr Lohn ermöglichen den Kindern schon in frühen Jahren, selbständig und stolz auf ihren Betrag für den Unterhalt ihrer Familie zu sein. Dies fördert und stärkt ihr Selbstbewusstsein und die Erfahrungen der Arbeit bereiten sie schon auf das weitere Leben vor. Für sie ebenfalls ein großer Gewinn. Diejenigen, die ein völliges Verbot der Kinderarbeit fordern, sind der Meinung für die arbeitenden Kinder „etwas Gutes zu tun“ und mit ihren Bemühungen die Situation der Kinder zu verbessern. Sie vertreten den Standpunkt, dass die Kindheit eine Zeit des Spielens, des Lernens in der Schule und des langsamen Hineinwachsen in das Erwachsenendasein zu sein hat. In dieses Bild passt nicht die Vorstellung, dass Kinder mehrere Stunden am Tag arbeiten. Die Vertreter dieser Meinung sehen Kinder als Opfer (Objekte), die durch die Erwachsenen beschützt werden müssen.57 Einig sind sich beide Seiten darüber, dass die schlimmen Formen der Kinderarbeit sofort abgeschafft werden müssen (vgl. Juan Somavia, Generaldirektor ILO, 1999). Zu den schlimmen Formen zählen laut ILO-Konvention 182 u. a. Kindersklaverei, Kinderhandel, Schuldknechtschaft, Kinderprostitution und der Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten.“5859

56

vgl. Kinderarbeit achten oder ächten in: Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit e.V. (IESA) (Hrsg.): Arbeitende Kinder weltweit, Hilden/Düsseldorf 1999, S. 15 57

vgl. Kinderarbeit achten oder ächten,, ebenda, S. 15

58

M. Liebel, A. Recknagel u. B. Oberwien: Arbeitende Kinder stärken – Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit, IKO – Verlag für interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M. 1998, S. 275ff 59

„Konvention 182 der ILO: Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Folgen der Kinderarbeit:

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Für den Schutz der Kinder und die Abschaffung der Kinderarbeit sind jeweils nationale und zum Teil regionale Regierungen zuständig, die für die entsprechende Gesetzgebung Sorge zu tragen haben. Die Ausführung dieser Gesetze und Verordnungen sollte durch die zur Verfügungsstellung entsprechender Finanzmittel garantiert sein und zum Ziel haben, die Lebensqualität und die Lebensumstände der Kinder zu verbessern. Jedoch kann der Staat allein durch die Bereitstellung dieser Mittel das Problem der Kinderarbeit nicht lösen. Bei der Ursachenbekämpfung bedarf es der konzertierten Aktion des Staats, mit der familiären Seite und der Beteiligung der unternehmerischen Seite. Folgende Punkte sind u. a. dabei von Bedeutung: •

Schulbildung: Aufklärung über die Wichtigkeit der Schulbildung und eines entsprechenden Schulabschlusses. In diesem Zusammenhang ist auch die Betonung der Gefahr wichtig, wenn an Stelle des Schulbesuchs die Arbeit steht.



Familienplanung: Die Anzahl der Kinder pro Familie sollte sich verringern, da die Familiengröße in einem direkten Zusammenhang zur Kinderarbeit gesehen werden kann (vgl. oben)

Die Forderung nach einem Verbot der Kinderarbeit wird aus der Sicht der arbeitenden Kinder ihrer Lebenssituation nicht gerecht und ändert nichts an der Armut der Familien und den Umständen, die zu ihr geführt haben. Eher das Gegenteil ist zu befürchten. Eine strenge Kontrolle des Verbots von Kinderarbeit und die damit verbundene Entfernung der Kinder aus ihren eigenen derzeitigen Arbeitsverhältnissen würde voraussichtlich nur zu einer

Art.(2) Im Sinne dieses Übereinkommens gilt der Ausdruck „Kind“ für alle Personen unter 18 Jahren. Art.(3) Im Sinne dieses Übereinkommens umfasst der Ausdruck „die schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ alle Formen der Sklaverei (Kinderhandel, Schuldknechtschaft, Zwangsrekrutierung), Kinderprostitution, Einsatz von Kindern zu unerlaubten Tätigkeiten, wie z. B. Drogenhandel und Arbeit, die ihre Natur nach für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich sind (gekürzt durch den Verfasser).“ (vgl. „Arbeitende Kinder weltweit“, IESA – Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit e.V., Hilden/Düsseldorf 1999, S. 9f

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Flucht in die Illegalität führen. Ein völliger Verzicht auf Kontrolle und Verboten von Arbeiten, wie sie von der ILO gefordert werden (s. Seite 41) würde jedoch innerhalb kürzester Zeit zu kriminellen Zuständen und totaler Ausbeutung der Kinder führen. In vielen lateinamerikanischen Ländern, u. a. auch Peru, haben sich arbeitende Kinder in Kinderrechtsorganisationen zusammengeschlossen mit dem Ziel, sich um eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation zu bemühen. Die Grundlagen der UN-Kinderrechtskonventionen fordern hauptsächlich die Rechte auf Bildung, Partizipation, Gesundheit und Würde, greifen jedoch bei vielen der Probleme, derer sich die arbeitenden Kinder gegenüber sehen nicht. Die Position für ein Recht der Kinder auf Arbeit stellt somit vorwiegend von westlichen Mutmaßungen und Meinungen geprägte Kindheitsbild in Frage, ignoriert dabei jedoch, dass die viele Kinder in z. B. Lateinamerika ein Leben in Fürsorge und Nachsicht kaum kennen.

5.3.2 Bedeutung der Arbeit für die NATs Die arbeitenden Kinder informieren sich untereinander, hören vieles voneinander und stellen sich die Frage, „welche Arbeit sollte erlaubt und welche Arbeit sollte verboten werden?“ Diese und andere Fragen gaben die Kindern auch den Delegierten und Begleitern von MANTHOC mit auf den Weg zu dem Treffen und der Demonstration gegen die Abschaffung der Kinderarbeit am 10. Mai 2001 in Lima. “Welche Arbeit und ab welchem Alter ?“ war die Frage, die Josè60 (14 J.) stellte. „Kinderarbeit“, so fuhr er fort, „ist an und für sich nichts Schlechtes:“ Darüber seien sich die Kinder, die alle selbst Geld verdienten, einig. „Auf die Bedingungen kommt es an!“ Zu diesen Bedingungen gehören u. a. die Möglichkeit des Schulbesuchs, keine ausbeuterischen Arbeiten, keine gesundheitlichen Gefährdungen oder Einschränkungen, Möglichkeiten zu spielen, angemessene Bezahlung, etc. 60

Josè ist eines der Kinder, das die Verfasserin dieser Arbeit während Ihrer Arbeit bei MANTHOC kennen lernte und zur Demonstration über die Rücknahme der Gesetze zum Verbot der Kinderarbeit in Peru begleitete.

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Kinderarbeit in Peru

Die Arbeit ermöglicht vielen Kindern, Geld zu verdienen und damit ihre Familie zu unterstützen. Neben dem Verdienst haben aber auch andere Punkte für sie eine Bedeutung. Die Verbindung untereinander, die Solidarität und die Zusammenarbeit werden von den Kindern sehr geschätzt. Aber auch die Lerneffekte, die sich durch die Arbeit einstellen, die Erweiterung des Horizonts und auch das gestiegene Selbstwertgefühl durch ihre Arbeit waren Argumente, die für die Kinder von hoher Bedeutung sind. Die arbeitenden Kinder empfinden sich selbst nicht als Schutzlose oder als Opfer, sie treten auch nicht so auf. Vielmehr geben sie sich als bewusst handelnde Subjekte, die in der Lage sind, ihre Organisation zu leiten, selbständig zu entscheiden und ihre Rechte einzufordern. Die Kinderbewegung und ihre Organisationen (z. B. MANTHOC) sind dabei in Peru ein wichtiges Instrument für die arbeitenden Kinder im Kampf für mehr Einfluss gegenüber Erwachseneninstitutionen geworden. Darüber hinaus erfüllen sie aber auch eine pädagogische Funktion in dem sie für die arbeitenden Kinder einen sozialen Raum bieten, in dem diese ihre Erfahrungen austauschen, sich helfen, einander kennen lernen, Freundschaften schließen können, aber auch über ihre Rechte bei der Arbeit lernen. All diese Sachen sind im Alltag der Kinder sonst nicht ohne weiteres möglich, in den Kinderrechtsbewegungen finden dafür Treffen, Workshops, Ferienlager etc. statt. Für viele NATs repräsentiert die Arbeit neben der Möglichkeit, Geld zu verdienen und so ihre Familie zu unterstützen und Geld für ihre eigenen Wünsche zur Verfügung zu haben, auch eine Form der Sozialisierung. Neben der Tatsache, dass sich Freundschaften bilden (vgl. Kapitel 7.1 „Liz“) sind es vor allem auch die Fertigkeiten, die in vielen Bereichen von den arbeitenden Kindern erlernt werden. Die Arbeit in einer Bäckerei ermöglicht u. U. später den Aufbau eines eigenen Bäckereibetriebs, die Arbeit in einer Holzwerkstatt vermittelt ggf. die Grundkenntnisse für eine spätere Tätigkeit als Schreiner oder Zimmermann. Die Arbeit als Kind als Chance für die Zukunft zu sehen, ist ein Denkansatz, der bei der Diskussion über Kinderarbeit oft unter-

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Kinderarbeit in Peru

schlagen wird, von den NATs aber deutlich herausgestellt und immer wieder positiv betont wird (vgl. Kapitel 8 im weiteren Verlauf der Arbeit).

5.3.3 Gegenwärtige rechtliche Situation in Peru Die peruanische Gesetzgebung, genauer gesagt das peruanische Jugendrecht, gibt Kindern ab zwölf Jahren das Recht, zu arbeiten. Dabei handelt es sich um ein sog. „freigestelltes Recht“, d. h. seine Ausübung ist freiwillig aber nicht zwingend61. Peru ist derzeit das einzige Land Lateinamerikas in dem Kinder ab zwölf Jahren das Recht zu arbeiten haben. Die in Peru bestehenden Organisationen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen wollten mit Unterstützung von pädagogischen Experten und Rechtsexperten dieses Recht auch für jüngere Kinder erreichen. Dies ist ihnen jedoch nicht gelungen, da der peruanische Staat die ILO-Konvention über das Mindestalter für Kinderarbeit von 15 Jahren unterzeichnet hat. Aus diesem Grund ist die Alltagssituation der NATs in Peru unsicher und es ist unklar, wie es weitergehen wird. Die in MANTHOC organisierten Kinder haben die ILO um Verständnis für ihre Situation und um Akzeptanz ihrer Arbeit gebeten, eine Änderung des Status quo aber nicht bewirken können. Derzeit arbeiten auch die NATs unter fünfzehn Jahren weiter, alle NATs machen sich aber Gedanken darüber, wie es weitergehen wird. Die derzeitige Situation ist unbefriedigend und bietet keine Lösung, die NATs haben proklamiert: „Wir werden weiter arbeiten! Wir brauchen unsere Arbeit!“

61

Vgl. Codigo de Niños y Adolescentes Trabajadores, Art. III de los Derechos del Niño y el Adolescente, Lima 1996 (Art. III des Kinder- und Jugendgesetzt Perus – Übersetzung der Autorin)

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru

6 Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru MANTHOC ist eine sogenannte NGO (Non Governmental Organisation ⇔ NichtRegierungsOrganisation), selbst organisiert von den arbeitenden Kindern in Kooperation mit freiwilligen Helfern und anderen Professionellen wie z. B.

Psychologen,

anwälten,

Rechts-

Ernährungsbe-

ratern oder Accountants, die die Kinder und ihre Organisation bei Bedarf unterstützen. MANTHOC als eine Selbsthilfeorganisation

der

arbeitenden Kinder hat derzeit über 5.000 arbeitende Kinder, die in ihr organisiert sind. Die Kinder finden in der

Organisation

u.

a.

Rechtsberatung, Unterstützung bei der medizinischen Versorgung sowie Hilfe bei der schulischen und beruf-

Abbildung 4: MANTHOC/Peru

lichen Ausbildung. Derzeit unterhält MANTHOC in 23 Städten Perus „offene“ Häuser in denen die Kinder in ihren Mittagspausen essen können, sich ausruhen oder bei Bedarf auch übernachten können.

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru

Abbildung 5: Mittagessen in der Mensa eines MANTHOC Haus

6.1 Die Entstehungsgeschichte MANTHOCs Die Ursprünge der Kinderrechtsbewegung Lateinamerikas liegen in den 70er Jahre. Im Jahr 1976 begannen die ersten Aktivitäten einer Organisation, die sich für die Kinder engagierte und sie unterstützte und die sich 1978 den Namen „MANTHOC“ (Movimiento de Adolescentes y Niños Trabajadores Hijos de Obreros Cristianos)62 gab. Die Kinderrechte und der Kampf um deren Durchsetzung spielten zum damaligen Zeitpunkt noch keine große Rolle, sie kamen erst Mitte der 80er Jahre mehr ins Bewusstsein, als mit MNMMR63 1985 die zweite Kinderbewegung entstand.64

Movimiento de Adolescentes y Niños Trabajadores Hijos de Obreros Cristianos ⇒ Bewegung der Kinder und Jugendlichen aus christlichen Arbeiterfamilien 62

MNMMR ⇒ Movimiento Nacional de Meninos e Meninas da Rua (Nationale Bewegung von Mädchen und Jungen von Rua) , gegründet 1985 in Brasil 63

64

vgl. Manfred Liebel: Kinderrechte und Kinderbewegungen in Lateinamerika in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 13ff

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru

Die Initiative zur Gründung der Kinderbewegung MANTHOC ging auf Anregung des christlich orientierten Arbeiterjugendverbands (JOC)65 in den Elendsvierteln von Lima/Peru zurück. Dort schlossen sich die arbeitenden Kinder zusammen und organisierten sich während eines Streiks selbst. Aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Situation waren zu diesem Zeitpunkt immer mehr Kinder gezwungen zu arbeiten, um so die Lohnausfälle ihrer Eltern auszugleichen.66 Erstmals wurden hierbei die Ideen der Arbeiterbewegung auf die Kinderarbeit übertragen. Mit dem Grundgedanken, dass Kinderarbeiter durch ihre Geschichte in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen zu vertreten, kämpfen sie seitdem u. a. für bessere Arbeitsbedingungen, denn die Arbeit ist ein Teil ihres Lebens geworden. Die internationale Dimension der Kinderarbeit und der arbeitenden Kinder hat bei MANTHOC den Wandel von einer rein nationalen Kinderbewegung mit nationaler Ausrichtung hin zu einer Organisation mit Kontakten zu anderen Kinderrechtsorganisationen in Lateinamerika und der Karibik bewirkt. Neben den direkten Kontakten zu den verschiedenen Organisationen sind unter anderem auch die seit 1988 durchgeführten Teilnahmen von Vertretern MANTHOCs an den alljährlichen Kongressen der NATs-Organisationen an den verschiedensten Orten der Erde ein Beleg für die Rolle und die Bedeutung MANTHOCs innerhalb der internationalen Kinderrechtsbewegung. Heute besteht eine der vordringlichsten Aufgaben von MANTHOC u. a. darin, sich der praktischen und alltäglichen Probleme von betroffenen Mitglieder anzunehmen und sie aktiv bei deren Lösung zu unterstützen (vgl. 6.2.2 unten).

So

kümmert

sich

MANTHOC

zum

Beispiel

nach

einem

„Betriebsunfall“ der NATs darum, dass der Arbeitgeber für die medizinische und gesundheitliche Versorgung des Betroffenen aufkommt.

65

JOC ⇒ Juventud Obrera Cristiana ⇒ christlich orientierter Arbeiterjugendverband (Peru)

66

vgl. www.oneworldweb.de

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru

Im Oktober 2001 feiert MANTHOC sein 25jähriges Bestehen; die verschiedene

festliche

Aktivitäten

zu

diesem

Jubiläum

haben

schon

begonnen.67

6.2 Planung, Ziele und Sachlichkeit der Organisation 6.2.1 Grundgedanken der Kinderbewegungen Als Kinderbewegung bezeichnet man soziale Bewegungen, bei denen Kinder sozusagen das „letzte Wort“ haben. Sie bestimmen autonom Ziele, entwickeln Normensysteme und Strukturen. Diese sind nicht zu verwechseln mit Organisationen, die sich lediglich für die Rechte der Kinder einsetzen, welche allgemein als Kinderrechtsbewegungen bezeichnet werden. Unterschieden wird zwischen den spontanen Formen der Selbstorganisation der Kinder und landesweit strukturierten Organisationsformen, bei denen die Initiative oft von Erwachsenen oder Jugendlichen ausgeht, z. B. die „Bewegung der Kinder und Jugendlichen aus christlichen Arbeiterfamilien MANTHOC/Peru“. Erwachsene Mitarbeiter einer Kinderbewegung haben mehr eine beratende und unterstützende Funktion. Diese sind vor allen Dingen als Vermittler oft von den Kindern auch erwünscht, gerade wegen der geringen sozialen Anerkennung der Kinder.68 In der Kinderbewegung aktive Kinder sind überwiegend zwischen 9 und 16 Jahren alt. Dabei handelt es sich um „Kinder in besonders schwierigen Lebensumständen“69, die in Armut aufgewachsen sind und so schon früh zwangsläufig eine „Erwachsenenrolle“ übernehmen mussten. Sie haben von Kind auf gelernt, selbständig für sich und ihre Familie zu sorgen. Der überwiegender Teil ist in der sog. informellen Ökonomie auf öffentlichen Plätzen

67

vgl. Programm zum 25jährigen Jubiläum MANTHOCs, Peru, 2001

68

vgl. Manfred Liebel, Kinderrechte und Kinderbewegungen in Lateinamerika in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 14ff 69

vgl. UNICEF

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru

der großen Städte wie z. B. Lima oder Trujillo auf den Straßen und Märkten aktiv. Hinsichtlich der Frage, wie Kinder zu Akteuren sozialer Bewegungen werden, haben sich in Lateinamerika verschiedene Sichtweisen entwickelt. Während in Brasilien die Idee der „Identifikation als Straßenkind“70 vorherrscht, findet man in den übrigen lateinamerikanischen Ländern eher die Sichtweise, die von „arbeitenden Kindern“ ausgeht. Grundgedanke dabei ist, dass Kinder mit der Übernahme ökonomischer und sozialer Verantwortung früher autonom werden und so die Entwicklung eines Bewusstsein über die Bedeutung ihrer Rechte entsteht. Diese Position ist mehr in Peru, Bolivien, Kolumbien, Mexiko und den zentralamerikanischen Ländern verbreitet und wird auch von MANTHOC vertreten. Sie beinhaltet weiterhin die Auffassung, dass Kinder nicht nur das Recht, sondern auch die Fähigkeit besitzen, als soziale Subjekte zu agieren und eine Protagonistenrolle in der Gesellschaft wahrzunehmen (vgl. 6.5 unten).71

6.2.2 MANTHOC – Leitlinien und Ziele MANTHOC hat sich von Anfang an der Idee des „Protagonismo Popular [Protagonismus des Volkes]“72 orientiert. Dabei hat MANTHOC primär drei Absichten und Ziele verfolgt73: •

MANTHOC sollte die Organisation der arbeitenden Kinder und Jugendlichen sein und nicht ein Anhang oder eine Jugendabteilung einer anderen Organisation für Jugendliche oder Erwachsene ⇒ Autonomie der Organisation.

70

vgl. www.casa-alianza.org

71

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 14ff

72

Alejandro Cussiánovich, Was ist Protagonismus, in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S.40 73

vgl. Alejandro Cussiánovich, ebenda, S. 40f

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Die erste Kinderbewegung Lateinamerikas – MANTHOC/Peru



Die Kinderbewegungsorganisation sollte von den Kindern selbst vertreten und geleitet werden bzw. die pädagogischen Begleiter und Mitarbeiter sollten nicht die Führung der Organisation übernehmen. Die Organisation sollte immer ihre eigenen Initiative durch die Kinder beibehalten, allerdings mit Unterstützung der pädagogischen Begleiter.



Die Identität und die Ausrichtung MANTHOCs sollte offen sein und bleiben für jedes arbeitende Mädchen und jeden arbeitenden Jungen während ihrer gesamten Kindheit und Jugend.

Aus diesen Punkten lassen sich weitere Punkte ableiten, die die Arbeitsweise und auch das Selbstverständnis von MANTHOC definieren. Dazu gehören:74 •

MANTHOC versteht sich als eine Organisation, die auf das Wohl der NATs im Allgemeinen ausgerichtet ist und zielgerichtet auf das Wohl der Allgemeinheit der NATs hinarbeitet.



Der Schwerpunkt liegt auf der nationalen Arbeit und die Organisationsstruktur entspricht dieser Anforderung, gleichzeitig sieht MANTHOC sich aber als nationale Organisation mit regionalem wie auch internationalem Horizont.



Eine Organisation mit eigener Pädagogik nach dem Motto „von den NATS – für die NATs“, die die sozialen und psychologischen Charakteristika der arbeitenden Kinder respektiert und berücksichtigt.

Mit diesen Grundsätzen und ihrer darauf basierenden Arbeit erreicht MANTHOC in Zusammenarbeit mit den anderen Kinderbewegungen Perus z. B., dass im Kinder- und Jugendgesetz von 1992 arbeitende Kinder mit ökonomischen Rechten ausgestattet wurden. Dieses Dekret über die Rechte der Kinder bestimmt z. B. ein „Recht auf Arbeit“ für Kinder ab 12 Jahren mit Auflagen

(keine

Gefahr

für

Gesundheit,

Entwicklung,

Einhaltung

des

Schulbesuchs etc.). 74

vgl. MANTHOC, Hablando de MANTHOC, Lima, 1998 (frei Übersetzung der Autorin)

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Auf internationalem Gebiet hält MANTHOC Kontakt zu anderen Organisationen und gemeinsamen Einrichtungen. Weit verbreitet sind in den Kinderbewegungen gegenseitige Hilfen in Notlagen durch Solidaritätsfonds für lebensnotwendige Ausgaben und die Unterstützung einer in Not geratenen Organisation bzw. deren Kinder.

6.3 Aufbau der Organisation MANTHOC MANTHOC ist strukturell in zwei Äste aufgeteilt, die sich gegenseitig ergänzen bzw. bedingen. Auf der einen Seite steht die Bewegung bzw. Organisation an und für sich, die sich aus den lokalen Organisationen in den verschiedenen Städten (derzeit 23) zusammensetzt. Derzeit gehören der Organisation MANTHOC ca. 2.000 NATs an. Auf der anderen Seite stehen die Teilnehmer an den Programmen und Diensten der Organisation MANTHOC. Deren Zahl geht weit über die oben genannten 2.000 hinaus, insgesamt hat MANTHOC derzeit rund 5.000 Teilnehmer an den verschiedenen Programmen. Die Zusammenhänge zwischen der Organisation und den Programmen/Diensten erläutert das folgende Strukturgramm.

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Aufbau der Bewegung MANTHOC auf nationaler Ebene MANTHOC

Planung, Durchführung und Bewertung

Vollversammlung

Nationaldelegation

Vorstand

Koordination der Nationaldelegation (koord. u. a. die Bildung)

Koordination

Bildung

Programm "ProNATs"

Kommunikation

Arbeitsprogramme

Syst. Forschung

Das "Häuser-Programm" Schulprogramme

Nationalversammlung (aus Vertretern der Städte)

Verwaltung

Legende: Aufgaben Organisationseinheiten Programme und Aktionen

Die Organsation

„Dienste“

Koordination der Städte

Lima

Ancash

Ayacucho

Ucayali

Lorete

Amazonas

Puno

Lambayeque

Cajamarc

Cuzco

...

...

Abbildung 6: Aufbauorganisation MANTHOC

Bedeutung und Aufgaben der einzelnen Organisationseinheiten: 1. Asamblea Nacional de Delegados (AND) ⇔ Nationalversammlung der Delegierten: Die Nationalversammlung ist die höchste Autorität von MANTHOC bei allen Entscheidungen. Bei der Versammlung treffen sich die nationalen und regionalen Delegierten mit ihren pädagogischen Begleitern75 oder Mitarbeitern. Die Versammlung findet normalerweise einmal jährlich statt. Hier wird u. a. Folgendes bearbeitet: •

Jahresplan der Kinderbewegung sowie der Umfang und die Abläufe der verschiedenen Programme,

75

Pädagogische/r BegleiterIn: in Peru und Gesamt-Lateinamerika verbreitete Bezeichnung für die (zum Teil ehrenamtlichen) Begleiter der Kinderbewegung, auch „Colaborador“ genannt.

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Auswahl der pädagogischen Begleiter für die NATs. Deren Bestimmung ist mit großer Verantwortung aber auch großer Kompromissbereitschaft der Organisation gegenüber verbunden.



Auswahl der Kommission der Nationalen Delegation (CND, „Comision Nacional de Delegados). Diese Kommission repräsentiert für ein Jahr die Nationaldelegierten bei nationalen und internationalen Anlässen und Kongressen.



Die Programme und Dienste der Organisation werden halbjährlich evaluiert und hinterfragt.

2. Vorstand: Der Vorstand von MANTHOC setzt sich aus „Erwachsenen“ zusammen, die Programme führen. Jedes Mitglied des Vorstandes bedarf der Zustimmung der Nationalversammlung (AND). Derzeit sind bis Ende 2001 im Vorstand von MANTHOC : •

Olga Rivera Roman

Präsidentin von MANTHOC



Cecilia Ramirez Flores

Mitglied und Schatzmeisterin



Ivanna Lamos Grageda

Mitglied u. Sekretärin d. Organisation



Vidal Ccoa Mamani

Mitglied



Ana Maria Medina Figueroa Mitglied

Der Vorstand wird von der Nationalversammlung auf zwei Jahre bestimmt. Nach Ablauf der zwei Jahren wird in der Nationalversammlung über die Amtszeit befunden und ggf. eine zweite Amtszeit von weiteren zwei Jahren beschlossen. Eine weitere Verlängerung ist nicht möglich, vier Jahre sind die maximale Amtszeit im Vorstand von MANTHOC. 3. Die Mitglieder der Organisation MANTHOC haben verschiedene Pflichten und Aufgaben, die sie erfüllen müssen. Dazu gehören u.a.: •

Die Beschlüsse der jährlichen Versammlungen von AND und CND müssen respektiert und durchgeführt werden.

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Regelmäßige Teilnahme an den verschiedenen Versammlungen der Organisation MANTHOC.



Solidarität der Organisation MANTHOC gegenüber und damit verbunden die Übernahme und Erfüllung von Aufgaben innerhalb der bzw. für die Organisation, insbesondere jedoch den NATs gegenüber.

6.4 Bildung bei MANTHOC Seit ihrer Gründung 1976 hat MANTHOC die Erziehung und Bildung für die NATs und ihre eigenen Mitarbeiter entwickelt und vorangetrieben mit dem Ziel, die Ausübung der Rollen und Funktionen gemäß ihrer Prinzipien und Vorgaben zu garantieren. Im Laufe der Jahre wurden große Fortschritte bei der Erfüllung dieser Aufgabe erzielt; parallel dazu wurde auch mit großer Intensität die Entwicklung der Organisation auf nationaler Ebene vorangetrieben. Gleichzeitig nahm jedoch auch die Zahl der Jungen und Mädchen, welche unter schwierigen Bedingungen arbeiten, die allgemein verschuldet von der schlechten Wirtschaftspolitik und der ungerechten Strukturen der Steuern durch die aktuelle Regierung sind, bedeutend zu. Diese parallele Zunahme verpflichtet die Kinderbewegung, Strategien zu entwickeln und weiter fortzufahren, die Bildung der NATs und der Mitarbeiter zu entwickeln, orientiert an den Stärken und der Erweiterung von MANTHOC und des Protagonismus. Diese Forderung wurde auch im Jahr 1999 von den Delegierten der XV. Nationalversammlung aufgestellt, welche als nationalen Plan der Bewegung für 2000 festsetzten: „Die Qualität der Bildung der NATs und der Mitarbeiter verbessern, Handlungen verwirklichen, welche zur Stärkung der MANTHOC führen.“76

76

vgl. MANTHOC, Plan nacional de formación manthoc 2000 (freie Übersetzung der Verfasserin)

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In diesem Sinne hat die nationale Koordination der Bewegung, verantwortlich für die Durchsetzung der Beschlüsse der Nationalversammlung, eine Gruppe von Mitarbeiter ausgewählt und sie beauftragt, einen Bildungsplan für die NATs und die Mitarbeiter mit Zielen für dieses Jahr und mit längerfristig orientierten Zielen aufzustellen. Dafür hat sich das nationale Bildungsteam gebildet, das sich aus 5 Mitarbeitern und einem Assessor zusammensetzt. Der Bildungsplan basiert auf der Diagnose von Ergebnissen einer auf nationaler Ebene bei allen Mitarbeitern durchgeführten Befragung über die persönliche Erfahrung des einzelnen und seine Handlungen und Aufgaben innerhalb von MANTHOC. Auf Basis der Resultate kann man die diversen Themen von Interesse sowohl bei den Mitarbeitern wie auch bei den NATs bestimmen, welche von der politischen und wirtschaftlichen Situation bis zu den Anfängen und Methoden der Bewegung und anderen Themen reichen. Der gegenwärtige Bildungsplan beinhaltet an erster Stelle die Fundamente und Prinzipien, auf denen die Bewegung ihre Bildungsaktivitäten basiert; weiterhin einen operativen Plan mit Zielen, Ergebnissen, Aktivitäten, Daten und Verantwortlichen, der ausgerichtet ist auf die Mitarbeiter, welche die NATs in der Bewegung und in den Programmen begleiten, sowie den operativen Plan für die Bildung der Delegierten und der NATs. Das Fundament und die Prinzipien für die Bildung sind die 5 Grundrechte der Kindersicherheit: •

Organisation



Bildung



Ernährung



Gesundheit



Arbeit

Das Bildungsteam soll auf bestmögliche Art und Weise auf die Erwartungen und Notwendigkeiten der Mitarbeiter und der NATs antworten, dabei aber auch möglichst die Verfügbarkeit und freiwillige Bereitschaft der Mitarbeiter und NATs berücksichtigen. Durch die Integration jedes einzelnen in die Bil-

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dungsprogramme kann neben einer höheren Akzeptanz auch eine Steigerung der Qualität und der Wirksamkeit aber auch der Arbeit und Mission sowohl innerhalb von MANTHOC wie auch in der Gesellschaft erzielt werden. Als Leitmotiv für die Bildung gilt bei MANTHOC: „So wichtig wie die Handlung ist die Bildung, diese ernähren und komplettieren sich gegenseitig“77.

6.4.1 Sinn und Notwendigkeit der Bildung MANTHOC definiert sich als eine Bildungsbewegung von arbeitenden Kindern und Jugendlichen im Rahmen der katholischen Handlungsidee. Im Sinne dieser Idee liegt ein tieferer Sinn in der Bildung der Mitarbeiter. Sie ist zu begreifen als ein Prozess und nicht als eine simple Aneignung von Wissen, als ein Lebensstil, als eine Art zu sein, persönlich wie für die Gemeinschaft, mit dem Ziel, die Welt für den Einzelnen zu verändern. Die Bildung ist bei MANTHOC auch eine Notwendigkeit in sich zur Anpassung an eine sich wandelnde Umwelt. Seit der Gründung von MANTHOC haben sich die Gesellschaft und auch die Kirche sehr verändert: Es sind neue komplexe Herausforderungen (z. B. AIDS) aufgetaucht und es gibt neue Antworten auf viele Fragen. Daher reichen die Absicht und der gute Wille nicht, um die sich selbst gesteckten Ziele und Aufgaben der Bildung, Organisation und auch der christlichen Erziehung zu erreichen. Die Vorschläge der Bildung müssen sich mit der gemeinschaftlichen Dynamik aus der Mitte, in der die Organisation lebt und agiert, entwickeln. Die Bildung, die MANTHOC für die Mitarbeiter und NATs vorschlägt, soll ganzheitlich sein und zur integralen Entwicklung und zum Gleichgewicht der Person beitragen. MANTHOC versucht so zu verhindern, dass die Bildungsprogramme teilisolierte intellektuelle Handlungen darstellen, ohne die Personen und deren Umfeld adäquat einzubeziehen. 77

MANTHOC, Plan nacional de formación manthoc 2000 (freie Übersetzung der Verfasserin)

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6.4.2 Fundamente der Bildung MANTHOC selbst bezeichnet seine Bildung als nicht neutral, sondern sie basiert auf den Überzeugungen der Organisation und den spezifischen Grundlagen der Bewegung. Dies drückt sich in den folgenden Prinzipien aus:78 •

Praktisches und konzeptionelles Zusammenfassen von Gedanken, die das Kind und den jugendlichen Arbeiter in den Vordergrund stellen.



Die Konzeption und die Entwicklung des NAT als ein ökonomisches, kulturelles, ethisches und politisches Subjekt.



Die Unabhängigkeit der organisierten NATs in der Beziehung zu anderen Organisationen als Prinzip und Aufgabe.



Der integrale Protagonismus organisiert von den NATs als Paradigma, um die Rolle der Kindheit in der Gesellschaft und im Staat zu überdenken.



Protagonismus organisiert von den Mitarbeitern zur weiteren Stärkung des Protagonismus der NATs.



Die nationale und internationale Dimension als Komponente des täglichen Lebens und Basis der Bewegung.



Das Erstellen von pädagogischen und erzieherischen Vorschlägen, ausgerichtet und orientiert an der Realität der NATs.

Diese Punkte sind die Schlüsselpunkte für die Methodik zur Erreichung der Bildungszielen bei den NATs und den Mitarbeitern:79

78

vgl. MANTHOC, Plan nacional de formacion manthoc 2000 (freie Übersetzung der Autorin) 79

vgl. MANTHOC, Plan nacional de formacion manthoc 2000

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Erreichen, dass die NATs und die Mitarbeiter sich um ihre Bildung sorgen, sowohl auf einem theoretischen wie auf einem praktischen Level, und dass sie alle Angebote innerhalb der Organisation als erzieherische Instanzen nutzen können.



Erreichen, dass die NATs klar ihre Rollen kennen und geeignete Profile für ihre beste Entwicklung in der Bewegung suchen und finden.



Erreichen, dass die NATs und die Mitarbeiter sich ihrer selbst bewusst werden und sich als Teil einer Bewegung fühlen, organisiert von der Kirche und im Sinne der Kirche.

6.4.3 Stil der Bildung Die Bildung bei MANTHOC charakterisiert sich durch einen Stil in Eintracht mit definierten Grundlagen (vgl. 6.4.2 oben), d. h. dass die Person im Zentrum der Bildungsbemühungen steht. Ziel ist es, die einzelne Person zum Protagonisten eines Prozesses werden zu lassen, an dem sie teilhat und für den sie Verantwortung übernimmt. Daher müssen die Mitarbeiter und NATs ihre gemachten Erfahrungen einander mitteilen und sich austauschen. Die Bildung ist in soweit ein Prozess, als sie sich selbst beurteilt und bei der sich alles um die NATs und das Team der Mitarbeiter entsprechend der Methodik: SEHEN ⇔ BEURTEILEN ⇔ TÄTIGWERDEN ⇔ ABWÄGEN ⇔ FEIERN dreht. Letztlich muss die Bildung kontinuierlich sein, damit der einzelne Mitarbeiter und die NATs in jedem Moment ihre Überzeugungen vertiefen können und im konkreten Umgang miteinander umsetzen können.

6.4.4 Stationen der Bildung 6.4.4.1

Basisbildung

Bei dieser Art der Bildung handelt es sich um einen Prozess der Annäherung von neuen Mitgliedern an die Überzeugungen von MANTHOC. Das Ziel ist Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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es, dass die neuen NATs und Mitarbeiter die wesentlichen Möglichkeiten und Inhalte zusammenfassen und sich so mit der Organisation und ihren Prinzipien vertraut machen. Der Inhalt der Basisbildung muss dabei den vorher erwähnten Zielen entsprechen und folgende Aspekte erfüllen:80 •

Christlicher Kompromiss als Handlungsbasis des Miteinanders



Möglichkeiten für die arbeitenden Kinder und ihre Umwelt aufzeigen



Möglichkeiten durch den Stil und die Organisation für die NATs erklären



Prinzipien und Linien MANTHOCs vermitteln

Dies zu erreichen bedarf es verschiedener „Schlüssel“, derer sich MANTHOC bedient: 1. Anthropologie (die Person, die wir sind): MANTHOC stützt sich auf eine Konzeption, welche die Person in ihrer Gesamtheit betrachtet, d.h. verwurzelt durch eine Seite in der Welt und gerufen um weiter dorthin zu gehen (Inkarnation, Transzendenz), eine Person welche in der Hoffnung die Aufgabe der Gestaltung seines Lebens und der Welt in seiner Beziehung mit Gott übernimmt, allen Menschen und der Natur. 2. Soziologie (die Welt, in der wir leben): MANTHOC sieht die Personen als solche, eingefügt in die jeweilige Umgebung und die jeweilige Kultur. Innerhalb dieser Grenzen hat MANTHOC für die Welt der arbeitenden Kinder und Jugendlichen einen Unterschied im Rahmen der jeweiligen Projekte bewirkt. Diese Projekte setzten eine eingehende Analyse der Realität voraus, eine bewusste und kritisch Auseinandersetzung mit sich, der Umwelt, der Gesellschaft und den Grundzügen der christlichen Religion. 3. Kirchlich: MANTHOC basiert auf den Glaubensgrundsätzen der katholischen Kirche in Lateinamerika. Diese Grundsätze finden Einfluss in den Umgang miteinander wie auch in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

80

vgl. MANTHOC, Plan nacional de formacion manthoc 2000

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6.4.4.2

Methodologie

MANTHOC benutzt die sog. Methode der Revision der Tatsachen des Lebens: SEHEN⇔BEURTEILEN⇔TÄTIGWERDEN⇔ABWÄGEN⇔FEIERN. Diese Methode impliziert damit folgende Vorgehensweise: sich der Realität nähern, um zu sehen, was in ihr geschieht, sich ein Urteil der Taten bilden, es evaluieren in der Gemeinschaft der NATs und der Mitarbeiter von MANTHOC und zusammen miteinander Veränderungen planen, den ganzen Prozess überprüfen und erleben.

6.4.5 Ziele der Bildung 6.4.5.1

Primäre Bildung

Hier werden zwei Zielsetzungen verfolgt, die allgemeine Ziele und die speziellen Ziele •

Allgemeine Ziele: Den Bildungslevel der NATs und der Mitarbeiter anheben und auf diese Art zur Ausübung ihrer Rollen und Funktionen

in

der

erzieherischen,

organisatorischen

und

evangelisierenden Arbeit beitragen mit dem Allgemeinziel der Stärkung und der Erweiterung von MANTHOC. •

Spezifische Ziele: Mit der Ausbildung der NATs und der Mitarbeiter zur Lenkung der Bewegung entsprechend ihren Prinzipien beitragen und gleichzeitig erreichen, dass sie in Übereinstimmung mit den wichtigsten Elemente der Bewegung sowie deren Organisation und Maximen handeln.

6.4.5.2

Fortgesetzte Bildung:

Diese Bildungsangebote richten sich an diejenigen, die die primäre Bildung durchlaufen und aufgenommen haben. Hier geht es darum, die Ergebnisse und Erfahrungen zu festigen und zu vertiefen, um so auf die Herausforderungen in der Arbeit mit den NATs und den Auswirkungen auf persönliche Prozesse und Belange reagieren zu können, die in der Arbeit mit den NATs

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auftauchen. Die Bildung soll hier Hilfestellung geben und dabei die fundamentalen Tatsachen des Lebens sowohl im Inneren wie auch im Äußeren der Bewegung MANTHOC in Erinnerung rufen und weiter als Handlungsmaxime etablieren und festigen. 6.4.5.3

Spezifische Bildung:

Die Realität der Bewegung zeigt, dass eine spezifische Bildung für diejenigen, die sich der Organisation widmen, notwendig ist, sei es im Team, lokal oder regional, der Bewegung oder nur bei einzelnen Diensten. Ziel der spezifischen Bildung ist es, durch eine globale Analyse der Umstände (sozial, wirtschaftlich, politisch, religiös) die notwendigen und geeigneten Mittel in die Wege zu leiten und in Gang zu setzen, um so die Notwendigkeiten für eine eigene Mission, Rekrutierung und Motivierung der Teilnehmer, Koordination der Ressourcen und Mittel zu erreichen.

6.4.6 Bildungsbeispiel Fort- und Weiterbildung wird besonders auf nationaler Ebene durch das nationale Bildungsteam betrieben und organisiert. Zielgruppe sind dabei sowohl die Mitarbeiter von MANTHOC in den verschiedenen Bereichen wie aber auch Kinder. Die Schulung und Weiterbildung der Kinder findet zu einem großen Teil vor Ort statt, während für die Mitarbeiter zentrale Veranstaltungen abgehalten werden in denen neben der reinen Bildungsvermittlung auch Erfahrungsaustausch betrieben wird. Ein Beispiel hierfür sind die Bildungstreffen der Mitarbeiter und Begleiter MANTHOCs. Im Folgenden wird anhand des Programms eines Bildungstages für pädagogische Begleiter der Ablauf und die Inhalte eines solchen Treffens skizziert:

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Ziele: 1. Den Mitarbeitern umfangreiche Informationen und Analysen über die aktuelle Situation des Landes auf dem wirtschaftlichen und politischen Sektor zur Verfügung stellen. 2. Den Mitarbeitern umfangreiche Informationen und Analysen über die rechtliche Situation der Kinderarbeit und der Aktivitäten der nationalen und Internationalen Bewegung der NATs zu vermitteln. 3. Anregungen und Vorschläge sammeln, wie die Bewegung auf die Situation im Land regieren soll und mit welchen Handlungen die Organisation angemessen zu den Handlungen der nationalen und internationalen Bewegung der NATs beitragen kann. Teilnehmer: Freiwillige Mitarbeiter und Arbeiter der Organisation aus Lima/Peru Programm des Tages: 09:00:

Begrüßung und Präsentation der Teilnehmer des Programms

09:30:

Ökonomische Situation und Perspektiven; Referentin: Sra. Pilar Arroyo, Instituto Bartolomé de las Casas.

10:15:

Fragen

10:30:

Imbiss

10:45:

Politische Situation und Perspektiven

11:30:

Gruppenarbeit: Beginnende Auswirkungen der skizzierten Situation auf die NATs und die Herausforderungen, mit denen MANTHOC konfrontiert wird.

12:15:

Plenumsdiskussion

13:00:

Mittag

14:00:

Präsentation: Erklärung von MNNATSOP gegenüber der OIT

15:00:

Präsentation: Aktuelle Situation der Kinderarbeit unter rechtlichen Aspekten und Handlungen der nationalen und internationalen Bewegung für eine würdige Arbeit; Referenten: Nelly Torres, Rosmery Portilla u. Particia Cruzado (MNNATSOP)

16:30:

Imbiss

16:45:

Abstimmung: MNNATSOP

17:00

Verabschiedung

Befolgen

der

Vorschläge

und

Handlungsrichtlinien

von

Abbildung 7: Programm zum 1. Bildungstreffen der pädagogischen Begleiter und Mitarbeiter 81

von MANTHOC, Lima 29. Mai 1999

81

vgl. Informe De La Primera Jornada De Fromación De Los Colaboradores De Lima (Programm zum 1. Bildungstreffen der pädagogischen Begleiter und Mitarbeiter von Lima – freie Übersetzung der Verfasserin)

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6.5 MANTHOC-Kinder und der Protagonismus des Volkes 6.5.1 Grundlage des integralen Protagonismus Jahrelang herrschte in der Gesellschaft Lateinamerikas das Bild einer Erwachsenenperspektive

vor,

die

aus

der

hegemonialen

Kultur

der

herrschenden Klassen stammt, aber auch im Umfeld der Basisbewegungen stark verwurzelt war. Die Rolle der Kinder wurde gesehen als passive Nutznießer und Anhängsel globaler Programme. Man hielt Jugendliche und deren Kulturen eher für ökonomisch, kulturell und affektiv desorientiert als dass sie als eigene, selbständige Subjekte in der Gesellschaft gesehen wurden.82 Erst Ende der 70er Jahre entwickelten sich nicht zuletzt durch die Massenmedien, durch die die Probleme der „Straßenkinder“ immer mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerieten, Projekte und Förderungsansätze. An der Basis wurde das Thema Arbeit vor allem in Bezug auf Jugendliche langsam mit einbezogen. Daraus entstanden sowohl Produktionsformen von Überlebensmitteln als auch Elemente von eigener Identität, von politischen Forderungen, Kultur und Organisation. Auch der Problematik der arbeitenden Kinder und Jugendlichen wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt. UNO-Konventionen über Rechte der Kinder wurden verabschiedet.83 Es existieren nach wie vor gewisse Vorbehalte von Seiten der traditionellen Basisbewegungen gegenüber einer Sichtweise, die die Kinder auch in ihrer Rolle als ArbeiterIn wahrnimmt. Trotzdem ist es geschichtlich gesehen ein fortlaufender Prozess, der in den Basisbewegungen stattfindet. Die offensichtlichste Bedeutung des Protagonist ist: „hauptsächlich Handelnder, zentrale Person“. In Lateinamerika prägte sich der Begriff Protagonismus bei den Gewerkschaften, Verbände, Studenten, Bauern, die

82

vgl. Manfred Liebel, Mala onda, La Juventud popilar en America latina, Managua 1992

83

vgl. Giangi Schibotto, Arbeitende Kinder und Jugendliche – die neuen Subjekte in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 30ff

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für soziale Verbesserungen, den Kampf für Menschenrechte und gegen die Militärdiktaturen kämpften. Auch bei MANTOC wurde vom „Protagonismus des Volkes“84 gesprochen, um die ursprünglichen Absichten zu formulieren: Eigenständigkeit, Autonomie gegenüber anderen Organisationen. Er sollte so verstanden werden, dass die Initiative alleine von den arbeitenden Kindern und Jugendlichen ausging. Durch die sozialen Bewegungen der arbeitenden Kinder in Lateinamerika und der Karibik und deren Erfahrungen entstand ein „Paradigma der Förderung des integralen Protagonismus“85 als Ausdruck des Protagonismus aller Kinder. Im Gegensatz zum kulturell besonders in westlichen Ländern verbreitetem Paradigma des Schutzes des Kindes soll es zum Ausdruck bringen, dass das aktive Kind positiv zu bewerten ist. Die ideologisch-affektive Achse ist demnach die Liebe zu den Kindern, sozusagen als Fundament jedes ethischen, sozialen und politischen Diskurses über die Solidarität mit den Kindern und Jugendlichen. Es ist auch ein Bruch mit der Erwachsenenkultur und der Hierarchie, die sich aus der Diskriminierung des Alters ergibt. Sie ist eine Grundvoraussetzung für einen kohärenten Diskurs über Bürgerrechte und Demokratie.

6.5.2 Quelle und Bestandteile des Protagonismus Als wichtigste Quellen und Bestandteile des Protagonismus gelten: Organisierung, freie Meinungsäußerung und Partizipation von Kindern. Dabei ist es für die Erfassung des Prozesses unerlässlich, diese drei als parallel verlaufende Schritte in der Entwicklung des Kindes zu verstehen. Angel Gaytán beschreibt Protagonismus wie folgt: „Protagonismus von Kindern ist ein sozialer Prozess, durch den Kinder und Jugendliche eine Hauptrolle in ihrer eigenen Entwicklung und in ihrer Gemeinde übernehmen, um die volle Ver-

84

vgl. Alejandro Cussiánovich, Protagonismo ¿Que es? in: Jovenes y niños trabajadores sociales, ser Protagonistas, Lima 1997, S. 11-28 85

Alejandro Cussiánovich, Was ist Protagonismus in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg), ebenda, S. 41

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wirklichung ihrer Rechte zu erreichen im Sinne ihres vorrangigen Interesses.“86 So sollte das Ziel der Praxis sein, die Sichtweise der Kinder als soziale Subjekte durchzusetzen. Die Organisierung von Kindern bezieht sich auf Zusammenschlüsse von Mädchen und Jungen, die das Ziel haben, gemeinsam ihre Rechte auszuüben und ihnen Gültigkeit zu verschaffen. Aus Erfahrungen verschiedener Organisationen hat sich gezeigt, dass es dabei um eine integrierte Arbeit der Organisierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gehen sollte, die sich ergänzen und unterstützen ohne sich zu ersetzen, zu blockieren oder Bedingungen zu stellen. Wichtig ist dabei auch die Notwendigkeit von Bildung, Schulung und Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, um die Nachhaltigkeit des Prozesses des Protagonismus zu gewährleisten. Der Protagonismus ist ohne eine gewisse Machtausübung durch eine Gruppe nicht denkbar. Die Idee, die hinter der Machtausübung der Kinder in Gruppen steckt, ist, dass sie dadurch ihre Werte selbst entdecken können. Wichtig für den Prozess zur demokratischen Partizipation ist besonders die dialektische Einheit von kollektiver und individueller Macht. Das einzelne Kind/der einzelne Jugendliche muss erkennen, dass es/er etwas in der Gruppe bewegen kann. So erhält es/er die Motivation, sich konstruktiv mit seinen Problemstellungen zu befassen und sich in die Gruppe einzubringen. Die Aufgabe des Erwachsenen ist dabei, das Funktionieren der Gruppe zu gewährleisten, besonders hinsichtlich der verschiedenen Charaktere. Das heißt z. B., dass die dominanteren Persönlichkeiten die anderen nicht in ihrer Kreativität einschränken. Unmotiviertere werden wieder zur Gruppe heranzuführen. Die Macht und die Erfolge, die die organisierten Kinder ausüben und erreichen, stellen den eigentlichen Hauptparameter für die Partizipation der

86

Angel Gaytán, Protagonismus der Kinder als sozialer Prozess in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): ebenda. S. 269

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Kinder dar. Dabei geht es vor allem auch darum, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Macht der Erwachsenen, die in ihrem Bereich arbeiten und der Macht der organisierten Kinder, die von jenen betreut werden. Dabei sollte der Prozess dahin führen, dass sich diese Balance fortlaufend zugunsten der Kinder verschiebt. Die lateinamerikanische Debatte um den Protagonismus, die seit Ende der 70er Jahre geführt wird, ist verbunden mit pädagogischen Strömungen, die bei in Europa unter dem Begriff „Befreiungspädagogik“ bekannt wurden. Protagonismus bedeutet in Lateinamerika nicht nur Autonomie der Kinder, sondern ist mehr eine aktive Beziehung der Kinder zu ihrer Umwelt, in der sie zu Veränderungen beitragen können. Es ist ein Prozess mit verschiedenen Stufen, wobei jedoch noch eine Unstimmigkeit besteht, an welchen Kriterien diese Stufen zu messen sind und worin die Voraussetzungen bestehen, die den Protagonismus ermöglichen. 6.5.3 Protagonismus und Kinderbewegungen In Lateinamerika wird zwischen dem spontanen und dem organisierten Protagonismus unterschieden. Mit spontanem Protagonismus bezeichnet man z. B. die Überlebensstrategien, welche die Kinder in der Bewältigung ihres Alltages entwickeln oder einfach nur die Auflehnung gegen ungerechte Behandlung durch die Eltern. Organisierter Protagonismus ist dagegen die solidarische Beziehung der Kinder, d. h. Bewegungen, in denen sich Strukturen und Normen entwickelt haben mit weitgehender Partizipation der Kinder. Als höchste Stufe dieses Protagonismus gilt, wenn diese Organisationen qualitativ wie quantitativ ein solches Gewicht in der Gesellschaft haben, dass sie Entscheidungen in ihrem Bereich beeinflussen können. Unstimmigkeit herrscht dabei, inwieweit der spontane Protagonismus mit dem organisierten in Verbindung steht. So wird der spontane Protagonismus oft als Vorstufe zum organisierten, manchmal aber auch als Gegensatz dazu gesehen. Die Vertreter der Gegensatztheorie betonen jedoch dabei, dass die

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Kriterien, an denen der Fortschritt des Protagonismus gemessen wird, im Dialog mit den Kindern entwickelt werden sollen. Wodurch Protagonismus erreicht werden kann, darüber herrscht ebenfalls kein allgemeiner Konsens. Eine Position sieht den Antrieb in der pädagogischen Intervention, welche den Protagonismus der Kinder erst zum Vorschein kommen lässt. Dabei wird zwar unterstellt, dass sie Verantwortung und Selbständigkeit besitzen, um sich mit ihren Problemen auseinander zusetzen, allerdings noch nicht über die nötigen Kompetenzen und das Bewusstsein verfügen, sich ohne Hilfe von Erwachsenen zielgerichtet und in adäquater Form mit ihrer Realität auseinander zusetzen. Die andere Position sieht die Voraussetzungen des Protagonismus in erster Linie bei den Kindern selbst, die sich aus den Lebensumständen sowie –erfahrungen ergeben. Dabei wird zwar eingeräumt, dass die Kinder ihre Situation nicht immer in einer von Erwachsenen nachvollziehbaren Weise artikulieren können, was aber nicht heißt, dass sie sich nicht konstruktiv mit ihrer Realität auseinandersetzen können.87

87

vgl. Manfred Liebel, Protagonismus und Umrisse einer anderen Kindheit in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): ebenda. S. 311-326

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Abbildung 8: MANTHOC-Kinder demonstrieren für die Anerkennung ihres Protagonismus’

Bei MANTHOC ist keine eindeutige Zuordnung zu einer der beiden Richtungen erkennbar. Zwar legt die starke Betonung auf die Bildung (vgl. Seite 58) die Vermutung nah, dass MANTHOC konform mit dem Gedanken der pädagogischen Intervention geht, jedoch stehen dem entgegen die Grundsätze von MANTHOC (vgl. Seite 52). De facto verfolgt MANTHOC derzeit einen

pragmatischen

Ansatz

jenseits

der

theoretischen

Diskussion.

MANTHOC unterstützt die NATs bei der Artikulierung ihrer Bedürfnisse, gleichzeitig wird aber auch durch entsprechende Bildungsangebote der Protagonismus weiter vorangetrieben.

6.6 Programme bei MANTHOC 6.6.1 Nationales Schulprogramm von MANTHOC Das nationale Schulungsprogramm von MANTHOC orientiert sich an den Bedürfnissen der Erziehung der NATs und wird dabei unter Berücksichtigung der allgemeinen Kindheitsbedürfnisse durchgeführt (vgl. auch 6.4 oben). Er-

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stellt wird dieses Schulungsprogramm von den Mitgliedern einer aus der Nationaldelegation gebildeten Kommission. Diese erarbeitet das Programm und legt es der Nationaldelegation vor; mit der Annahme durch die Nationaldelegation tritt das Schulungsprogramm auf nationaler Ebene für MANTHOC in Kraft. Die derzeitigen Koordinatoren des Schulprogramms bei MANTHOC sind: •

Moisés Bazan: Vorsitzender der Nationalen Kommission für das Schulprogramm



Julio Gonzales Ruiz (Dozent): Repräsentant von Lima für das Schulprogramm MANTHOCs



Jesús (NATs): NATs aus der Stadt Cajamarca (Norden v. Peru)

Entstanden ist das nationale Schulprogramm im Jahr 1981 aus Eigeninitiative der NATs heraus. Damals hatten sich eine Anzahl NATs nach verschiedenen Veranstaltungen getroffen und die Idee einer Schule für die NATs von MANTHOC, aber auch andere NATs selbst entwickelt und angefangen umzusetzen.88 Das Schulprogramm von MANTHOC ist für die arbeitenden Kinder eine Alternative zum regulären Schulsystem Perus. Dieses bietet leider keine Programme, die sich an der besonderen Situation der NATs orientieren und diese berücksichtigen. Das Schulprogramm von MANTHOC dagegen berücksichtigt z. B., dass die NATs arbeiten müssen, keine Zeit und Energie für Hausaufgaben haben oder dass Kinder bis spät in die Nacht arbeiten müssen und somit erst spät oder gar nicht an einer regulären Schule dem Unterricht beiwohnen könnten. Die Aussagen der NATs selbst zu dem

88

vgl. Ifejant (Hrsg), Un Vistazo General in: Revista International desde los Niños y Adolescentes Trabajadores IV No. 5.6, Lima/Peru, Novembre 2000, S. 76 (Übersetzung der Autorin)

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Schulsystem von MANTHOC und den MANTHOC-Schulen hören sich wie folgt an:89 •

Hier werden wir verstanden.



Hier werden wir nicht geschlagen.



Die Hausaufgaben sind nicht zu schwer.



In andern Schulen fällst Du auf weil Du arbeitest, hier nicht.



Hier bekommen wir eine andere Art der Erziehung als in unsere alten Schule.

Das Ziel des Schulprogramms von MANTHOC ist allgemein die Unterstützung der arbeitenden Kinder, die aus dem regulären Schulsystem kommen und dort gescheitert sind oder große Probleme hatten. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, trotzdem Schulbildung zu erhalten. Hierzu bedarf es jedoch eines Lehrplans, der sich an der Realität der arbeitenden Kinder und an ihren Bedürfnissen orientiert und diese entsprechend berücksichtigt. Das ursprünglich in den Jahren 1986 bis 1995 von MANTHOC entwickelte Schulprogramm für die NATs wartet derzeit noch auf die endgültige Anerkennung durch die nationale Regierung von Peru. Die MANTHOC-Schulen orientieren sich jedoch schon lange mit großem Erfolg an den Programmen und Prinzipien ihres Schulprogramms, verbinden diese jedoch mit den Richtlinien und Vorgaben der Bildungsbehörden Perus, um die staatliche Anerkennung des erreichten Schulabschlusses sicherzustellen. Für den Beginn des Schuljahrs 2002 (April 2002) hofft MANTHOC stark auf die endgültige Anerkennung ihres Programms.90

89

vgl. Ifejant (Hrsg), Un Vistazo General, ebenda, S. 76 (Übersetzung der Autorin)

90

Interview mit Moises Bazan, Vorsitzender des nationalen Koordinationsausschuss der Schulen von MANTHOC, Lima, Juni 2001

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Die Angebote des Schulprogramms von MANTHOC setzen sich aus den Erfahrungen von anderen organisierten Schulungsprogrammen zusammen. So besteht z. B. das nationale Schulungssystem Perus aus sechs Schuljahren in der Grundschule (Klasse 1-6, Educacion Primaria), im „Grundschulprogramm“ von MANTHOC sind diese Klassen auf drei Jahre verkürzt. Staatl. Schulsystem

MANTHOC-Schulsystem

Klasse

1–2

1

Klasse

3–4

2

Klasse

5–6

3

Tabelle 1: Vergleich Grundschulprogramm Peru (staatlich)/MANTHOC

Diese Verkürzung der Dauer war hauptsächlich dadurch möglich, dass MANTHOC die Inhalte seiner Schulklassen gestrafft hat, sich dabei auf sog. „wesentliche“ Inhalte konzentriert hat, und dass die Entwicklung der Kinder innerhalb eines Jahres nicht soweit fortschreitet, dass sie separate Klassen erfordern würde.91 In seinem Schulprogramm ist das Konzept der Lebenssituation der Kinder gleichwertig zu der organisierten Lernsituation. Dies ist dadurch möglich, dass die Pädagogik bei MANTHOC „spontan, akkumulativ, systematisch und organisiert“ ist. Sie kann so an die jeweilige Lebenssituationen von den arbeitenden Kinder systematisch ausgewählt und angepasst werden. Das Programm von MANTHOC beinhaltet vier Gebiete zur pädagogischen und sozialen Erziehung der arbeitenden Kinder. Diese Gebiete sind Teil der Lebenssituation der arbeitenden Kinder und sind für ihr Leben und ihre Entwicklung sehr wichtig. Dabei basiert jedes Gebiet des Programms auf den Grundsätzen der menschlichen Obliegenheiten ihrem Umfeld gegenüber:

91

Aussage aus dem Interview mit Moises Bazan, Vorsitzender des nationalen Koordinationsausschuss der Schulen von MANTHOC, Lima, Juni 2001

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Mensch – Natur



Mensch – Mensch



Mensch – Kultur



Mensch – Technik und Technologie

Lehr- und Studiengebiete Die Organisationen

Natur- und Gesellschaftswissenschaften

Erfahrungen in materieller Produktion

Ethische Philosophie

Künstlerisch unterhaltende Erfahrungen

Quelle: MANTHOC

Abbildung 9: Lehr- und Studiengebiete MANTHOCs

Die jeweiligen Lehr- und Studiengebieten bei MANTHOC fokussieren dabei jeweils auf bestimmte Punkte im Leben der arbeitenden Kinder: 1. Arbeitsgebiet (Erfahrungen in materieller Produktion): Die arbeitenden

Kinder

haben

hier

die

Möglichkeit,

Techniken

und

Technologien zu erlernen, die sich an ihrem alltägliche Leben orientieren und deren Ziel die Verbesserung der Zukunftschancen der Kinder ist.

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2. Ethisch-philosophisches Gebiet: das Kind erlebt, akzeptiert und kritisiert die Wunder des Lebens. Dies ist wichtig für das Kind selbst, seine Familie, die Gesellschaft und die Organisation. Das Kind lernt dabei, seine eigenen Bedürfnisse auszusprechen sowie seine Flexibilität und Kompetenzen zu erproben. 3. Künstlerisch unterhaltende Erfahrung: In diesem Bereich soll das Kind mit Spontanität und voller Verantwortung an den Zielen der Organisation teilnehmen. Die Kreativität und Phantasie der Kinder wird hier besonders gefördert und die Ergebnisse der eigenen Ideen werden den Kindern ersichtlich. 4. Natur- und gesellschaftswissenschaftliches Gebiet: Dieses Gebiet versucht, Schule, Spiel und Arbeit zusammenzubringen und so den Kindern die Möglichkeit zugeben, ihre kulturelle Identität sowie die Einordnung ihrer Gedanken auf persönlicher, familiärer und gesellschaftlicher Ebene zu verstärken. Hier wird besonders der Aufbau und die Stärkung der eigenen Identität der Kinder gefördert. Diese vier Gebiete tragen viel zu den pädagogischen und sozialen Aufgaben und Zielen der Erziehung bei; sie bilden dabei eine veränderliche Vollständigkeit in der Struktur des Studienplans, angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse der NATs. Erfahrungsgebiete Lehrplangebiete

Erfahrung in materieller Produktion

Natur- und Gesellschaftswissenschaften

Ethische Philosophie

Künstlerisch unterhaltende Erfahrungen

Vollständige Kommunikation

1–3

1-3

2-3

1-3

Darstellung der Realität

1–3

1-3

2-3

1-3

Protagonismus und soziale Praxis

1–3

1-3

2-3

1-3

Schulklasse Schulklasse Schulklasse Schulklasse Tabelle 2: Zusammenspiel der Lehrpläne und Erfahrungsgebiete unter Berücksichtigung der Schulklassen

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Die Struktur und das Umfeld stellt besondere Anforderungen an potentielle LehrerInnen von MANTHOC. Es sollten Personen mit breiten pädagogischen und sozialen Erfahrungen sein, die die Philosophie MANTHOCs kennen, unterstützen und die sich mit der Arbeitsweise, der Durchführung und der Bewertung von MANTHOC-Projekten auskennen bzw. konform vorgehen. Parallel dazu sind zumindest Grundkenntnisse in Buchführung und Administration erforderlich, sowie die Fähigkeit zur Koordination und zur Ausübung und Förderung von sozio-pädagogischen Alternativen. „Ein Lehrer bei MANTHOC muss auf der einen Seite Lehrer, auf der anderen Seite Freund aber auch pädagogischer Begleiter sein!“92 In den Schulen von MANTHOC herrscht neben den oben beschriebenen Ideen und Grundsätzen das „eherne“ Prinzip, die arbeitenden Kinder nicht überzubehüten. Sie müssen sich selbst bemühen, nicht in der Volksmasse zu verschwinden; sie müssen selbst ihre Art und Weise finden, um sich weiterentwickeln zu können.93

6.6.2 Das Programm „ProNATs“ ProNATs94 bedeutet sinngemäß „Sorgfältiges und Vollständiges Programm für die NATs auf der Straße“. Dieses Programm zielt darauf ab, die NATs bei ihrem Leben und in ihrem Alltag zu unterstützen und beschäftigt sich mit der psycho-sozio-pädagogischen Realität der NATs. ProNATs entstand 1994 aus einer Initiative von MANTHOC und andern Kinderbewegungsorganisationen,95 und existiert mittlerweile in Lima und anderen großen Städten Perus. Die vollständige Idee von ProNATs ist die

92

Interview mit Julio Gonzales Ruiz (Dozent): Repräsentant von Lima für das Schulprogramm MANTHOCs, Lima, Juni 2001 93

vgl. Ifejant (Hrsg), Revista International NATs in: Revista International desde los Niños y Adolescentes Trabajadores IV No. 5.6, Lima/Peru, Novembre 2000, S. 78 (Übersetzung der Autorin)

94

ProNATs ⇔ Programa de atención integral para NATs

95

vgl. Ifejant (Hrsg), Revista International NATs, ebenda, S. 81 (Übersetzung der Autorin)

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Organisation der arbeitenden Kinder, die auf der Straße leben, sowie „die Prävention vor Gefahr, Schutz und Partizipation der NATs sowie ihre Forderungen des integralen Protagonismus als spezifischer Ausdruck des Protagonismus’ aller Kinder.“96 ProNATs funktioniert in allen Städten selbständig, jedoch mit Unterstützung der Delegierten und mit Begleitung der Straßenpädagogen. Ziele des Programms sind dabei die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie die Unterstützung und Fürsorge der NATs auf der Straße. Dazu wird das Programm mit einer sorgfältigen Methodologie auch auf der Straße durchgeführt. Bei der Bewusstseinsarbeit auf der Straße fördert der Straßenpädagoge die Selbstwertschätzung der NATs, dadurch entwickelt sich ihre Selbstidentität. Dabei sollte sich das jeweilige Kind seiner Realität bewusst werden und sie reflektieren. Die Frage nach seinen Bedürfnissen, bzw. die Antworten auf diese Frage müssen geordnet und evaluiert werden. In einem nächsten Schritt werden sie auf die Notwendigkeit und auf die Möglichkeit der Bedürfniserfüllung hin untersucht. Dadurch wird die Diskrepanz zwischen Realität und Bedürfnis dem Kind verdeutlicht und die Missachtung seines „Ichs“ aufgezeigt. Gleichzeitig lernt das Kind aber seinen Willen kennen, sich mit Hilfe von ProNATs zu artikulieren und entsprechende Aktionen und Aktivitäten zu planen und durchzuführen. Die damit verbundenen Planungen, Arbeiten und Reflexionen helfen den Kindern auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl und steigern gleichzeitig die soziale Akzeptanz, was wiederum auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände und Lebensbedingungen führt. Die Straßenpädagogen betrachten die Kinder einerseits als Akteure ihres eigenen Lebens, andererseits als Opfer der Gesellschaft. Um mit ihnen Kontakt aufzunehmen haben die Pädagogen verschiedene Möglichkeiten

96

vgl. Original-Dokumentation Jahresplan 2000 MANTHOC; Lima, 2000 (Übersetzung der Autorin)

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und Alternativen angewandt, mit dem Ziel, bestmöglichen Zugang zu den Kinder zu finden und dadurch Einfluss auf deren Gegebenheiten zu erhalten und ihre Situation besser mitgestalten zu können. Am Beginn diese Prozesses steht die Kontaktaufnahme zwischen Straßenpädagogen und den Straßenkindern. Karin Holm nennt dafür drei verschiedene Formen:97 •

Als passiver Beobachter (zurückhaltender Beobachter), der Kontakt entwickelt sich über einen längeren Zeitraum.



Direkte Kontaktaufnahme zu den Kindern/direkte Ansprache durch den Straßenpädagogen.



Direkte Ansprache des Straßenpädagogen durch die Kinder bzw. Kontaktaufnahme durch eine dritte Person, z.B. Verwandte, Eltern, Freunde, Nachbarn, etc.

Für das Programm ProNATs ist es sehr wichtig, dass die Straßenpädagogen das Vertrauen der Kinder gewinnen. Deren Zuverlässigkeit und die Kontinuität ihrer Arbeit aber auch ihre Person spielt für die Kinder und für den Erfolg des Programms eine große Rolle. Hat ein Straßenpädagoge die Kinder kontaktiert und es geschafft, eine Vertrauensbasis zu etablieren, sollte er für die NATs immer erreichbar sein. Die „jederzeitige Verfügbarkeit“ der Straßenpädagogen ist ein Grundelement von ProNATs. Den Straßenkindern wird ein Ansprechpartner gegeben, an den sie sich wenden können; sie bekommen das Gefühl, nicht allein mit sich und ihren Problemen zu sein. Eine weitere Hauptaktivität des Programms ProNATs liegt „in der Förderung der Wechsel der Aktivitäten der NATs zu besseren und sichereren Arbeiten“98. Für das einzelne NATs kann dies ein Wechsel von einer Arbeit zu

97

vgl. Karin Holm/Jürgen Dewes (Hrsg), Neue Methoden der Arbeit mit Armen am Beispiel Straßenkinder und arbeitender Kinder – Dokumentation einer internationalen Tagung in der FH Düsseldorf 1995, Frankfurt/M. 1996; S. 12 98

vgl. Ifejant (Hrsg), Revista International NATs, ebenda, S. 80 (Übersetzung der Autorin)

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einer anderen sein bzw. die materielle oder finanzielle Unterstützung dabei. Genauso setzen sich die Vertreter des Programms aber auch für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen bei bestehenden Arbeitsverhältnissen sein. Beispielhaft für die Arbeitsweise von ProNATs ist z. B. die Situation eines 12jährigen Mädchens, dass ursprünglich Süßigkeiten an die an Ampeln wartenden Autofahrer verkauft hat. Kaum stoppten die Autos an den Ampeln lief das Mädchen mit seinem Bauchladen auf der Straße zwischen den Autos her und bot ihre Waren an. Setzten sich die Autos wieder in Bewegung, war das Mädchen meist noch „im Geschäft“ und musste sich dann zwischen den schon wieder fahrenden Autos zurück auf die sichere Verkehrsinsel bzw. den Mittelstreifen retten. Bei den Verkehrsverhältnissen in Lima war sie somit ständig der Gefahr ausgesetzt, an- oder sogar überfahren zu werden, gleichzeitig war sie täglich für viele Stunden den Abgasen der Autos ausgesetzt. Mit Hilfe von ProNATs in Form eines Kredits bekam das Mädchen die Möglichkeit, statt Süßigkeiten auf belebten Straßen jetzt Musikkassetten auf einem öffentlichen Platz gegenüber einer Schule zu verkaufen. Hier erreicht sie in kürzerer Zeit den gleichen Umsatz ohne sich in Gefahr zu bringen und hat zusätzlich wieder ausreichend Zeit gewonnen, zur Schule zu gehen und zu lernen. Kredite, wie das Mädchen ihn erhalten hat, können unter bestimmten Bedingungen den NATs, die dem Programm „ProNATs“ angehören, gewährt werden. Ansprechpartner für die NATs sind auch hier wieder die Straßenpädagogen, Auslöser können die NATs oder aber auch die Straßenpädagogen sein. Vor Gewährung eines Kredits steht Klärung des „wofür“, „wie viel“, „wie“, etc. Die NATs müssen erklären, was sie mit dem Geld machen wollen, wie viel sie benötigen und wann, wie und in welchen Raten sie es zurückzahlen werden. Maximal wird einem NATs die Kreditsumme von 500 Soles (ca. $ 150) gewährt, die es zur Verbesserung seiner Arbeitssituation verwenden kann. Die entsprechende Verwendung des Geldes wird von den Straßenpädagogen von ProNATs beobachtet.

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ProNATs arbeitet sehr oft am Wochenende, da die NATs dann mehr Zeit haben. Sie treffen sich mit ihren pädagogischen Begleitern, nehmen an Sitzungen und Ausbildungseinheiten teil, die sowohl nationale wie auch internationale Themen bearbeiten, oder besprechen mit ihren Betreuern auch die Probleme, die sich in ihrer Arbeit oder zuhause ergeben.

6.6.3 Das „Häuser-Programm“ Die Kinderrechtsorganisation MANTHOC unterstützt verschiedene Häuser für die NATs, die als Aufnahmehäuser für die arbeitenden Kinder fungieren. Diese Häuser haben immer eine offene Tür für die NATs. Das einzige Haus, dass ich besucht habe, war das Haus „Yerbateros“99 in Lima (vgl. auch das Kapitel 8 „Interview mit 16 MANTHOC-Kindern“). Alle Häuser MANTHOCs haben bestimmte Prinzipien, die für die NATs gelten und an die sie sich zu halten haben, u. a.: •

Liebe dieses Haus wie dein eigenes Haus.



Integriere dich, sei ein Teil des Hauses.



Sei ein Mitglied der Gemeinschaft und übernimm deine Aufgaben.



Zeige Disziplin: sei pünktlich, sei ordentlich, sei sauber und zeige Respekt.



Lebe die Philosophie von MANTHOC.



Gegenseitige Partizipation der Mitglieder.

99

Das Haus „Franco Macedo Cuenca_Manthoc“ liegt auf der Pasaje Marcona Nro. 116; San Luis La Victoria; Lima, allgemein ist es unter dem Namen “Yerbateros“ bekannt.

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Abbildung 10: Hausputz in „Yerbateros“

Abbildung 11: Wäsche waschen

Zur Zeit bietet das Haus „Yerbateros“ eine Mensa für die NATs an, die in Kooperation von MANTHOC und ProNAA100 betrieben wird. Die Köchin und die Ernährungsberater der Mensa werden von ProNAA geschult und unterstützt bei der Auswahl der Gerichte (was ist gerade günstig zu bekommen, was ist bei drohender Unterernährung zu tun, wie können gewissen Krankheiten vorgebeugt werden, etc.). Besonderes Augenmerk wird dabei ebenfalls auf eine dem Alter entsprechende Ernährung gelegt. Die Mensa im Haus „Yerbateros“ ist täglich von 12:00 Uhr bis 14:00 Uhr geöffnet.

ProNAA ⇔ Programa Naciónal Ernährungsprogramm für Kinder) 100

de

Alimentación

para

Niños

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(Nationales

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Abbildung 12: Mensa im Haus „Yerbateros“

Für die Kinder ist die Teilnahme an dem Essen in der Mensa nicht völlig kostenlos, sie müssen einen Minimalbeitrag von 1 Sol (ca. $ 0,35) entrichten, bekommen dafür aber eine ausgewogenen Mahlzeit, die regulär in LimaStadt mindestens das 3-4fache kosten würde. Während des Essens in der Mensa sind die Kinder nicht alleine, einige Sozialbetreuern von MANTHOC sind ebenfalls in der Mensa und reden mit den Kindern, bringen ihnen aber auch grundlegende Tischregeln bei. Für viele Kinder ist dies die erste Begegnung mit Verhaltensregeln dieser Art. Vor und nach dem Mittagessen wird für die NATs eine Hausaufgabenbetreuung und angeboten.

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Abbildung 13: Hausaufgabenbetreuung 1

Abbildung 14:Hausaufgabenbetreuung 2

Neben der reinen Unterstützung bei der Erstellung der Hausaufgaben kümmert sich die Mitarbeiter des Hauses „Yerbateros“ auch außerhalb der Betreuungsstunden um die Kinder. Sie suchen den Kontakt zu den Lehrern der Kinder, halten den regelmäßigen Schulbesuch nach und kontrollieren die Hausaufgaben. Erfahren sie z. B., dass ein Kind droht sitzen zu bleiben, versuchen sie, spezielle Nachhilfe zu organisieren. Erscheint ein Kind an ein oder zwei Tagen nicht im Haus, nehmen die Mitarbeiter ebenfalls Kontakt zu der Schule und den Eltern auf und bemühen sich, sicherzustellen, dass dem Kind nichts passiert ist. Parallel zu der Hausaufgabenbetreuung steht den Kindern auch die Bibliothek von „Yerbateros“ zur Verfügung. Außerdem existiert im Haus „Yerbateros“ ein Spiel- und Freizeitraum, in dem die Kinder sich nach dem Mittagessen zurückziehen und mit den anderen Kindern spielen können. Das derzeitige Lieblingsspiel der Kinder ist „MONOPOLY“, bei dem sie eine er-

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staunliches Geschick und große Begeisterung für das „Geschäft“ und den „Handel“ mit Häusern zeigen.

Abbildung 15: Spielzimmer im Haus „Yerbateros“

Abbildung 16: Freizeit im Haus „Yerbateros“ Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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Im Haus „Yerbateros“ ist auch das Arbeitsprogramm von MANTHOC („Programa Laboral de MANTHOC“) zuhause (vgl. 6.6.4 unten). Hier findet neben der Produktion von Karten, dem Bedrucken von T-Shirts und der Bearbeitung von Recycling-Papier auch eine Ausbildung der Kinder statt. Sie erhalten Unterricht in nationalen und internationalen Themen, in Kunst und Geschichte und werden auf ihre Einsätze bei nationalen und internationalen Treffen (z. B. mit der ILO) vorbereitet.

Abbildung 17: Ausbildung der nationalen Vertretern von MANTHOC

Das MANTHOC-Haus „Yerbateros“ wird von der Nonne Ana Clara geleitet, einer Italienerin, die seit über 20 Jahren in Lima lebt. Ohne sie wäre das Haus nicht so erfolgreich, wie es sich derzeit präsentiert. Sie ist jemand, die mit Herz, Liebe und Disziplin den NATs gegenübertritt. Die NATs respektieren sie als Freundin und pädagogische Begleiterin, der sie vertrauen und auf die sie hören wie auf ein Mitglied ihrer Familie.

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6.6.4 Die Arbeitsprogramme von MANTHOC Die Planung und die Durchführung der Arbeitsprogramme geschieht unter Berücksichtigung der Situation der NATs. Ziel der Programme ist es, neue Möglichkeiten und Strategien für den Protagonismus der Kinder zu entwickeln.

Derzeit

existieren

fünf

verschiedene

Arbeitsprogramme

bei

MANTHOC. Die Arbeitsprogramme sind vor allem für die Kinder bestimmt, deren Arbeit sie an einem regelmäßigen Schulbesuch hindert oder aber so stark beeinflusst, dass sie schlecht in der Schule sind und Gefahr laufen, von der Schule verwiesen zu werden. Allen Arbeitsprogramme gemein ist, dass für die teilnehmenden Kinder strenge Regeln gelten, die auch von den Mitarbeitern MANTHOCs kontrolliert werden. Dazu gehören u. a.: •

Pfleglicher Umgang mit den Arbeits- und Rohmaterialien



Pünktlichkeit, regelmäßige Anwesenheit, Sauberkeit und Kooperation mit den Mitarbeitern von MANTHOC



Gegenseitiger Respekt den anderen Teilnehmern des Programms gegenüber



Regelmäßiger und erfolgreicher Schulbesuch

Die Erlaubnis zu arbeiten ist für die Kinder stark an ihre schulischen Leistungen gekoppelt. Haben die Kinder starke Probleme in der Schule oder ist sogar ihre Versetzung gefährdet, dürfen sie nur noch wenige Stunden arbeiten und werden verstärkt in der Hausaufgabenhilfe betreut (siehe 6.6.3 oben). Ein NATs erzählte während des Interviews (vgl. Kapitel 8 unten), dass er gut aufpassen müsse, um eine gute Note in der Schule zu bekommen. Ansonsten bekäme er eine sechswöchige Sperre der Arbeit und dürfe erst wieder anfangen, wenn sich seine schulischen Leistungen gebessert hätten.

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6.6.4.1

Erstellung von Karten

Das Programm zur Erstellung von Karten begann im Haus „Yerbateros“ im Jahr 1995. Es fand seinen Ursprung in der Idee, den NATs im Alter zwischen acht und zwölf Jahren eine alternative Arbeit anzubieten, die ihnen die Möglichkeit gab, statt gefährlicher und unkontrollierter Arbeit auf der Straße einer Arbeit in einer Umgebung nachzukommen, in der sie sich sicher fühlten. Derzeit stellt MANTHOC nicht nur im Haus „Yerbateros“, sondern auch im Haus „Villa Maria“ im Süden von Lima und in 3 weiteren Städten Perus Karten her. Insgesamt beschäftigen sich derzeit 63 NATs mit der Erstellung von Karten bei MANTHOC. Die Kinder, die sich für die Herstellung von Karten interessieren und die in diesem Programm arbeiten möchten, werden zu Beginn für zwei bis drei Wochen geschult.

Abbildung 18: Training (1)

Abbildung 19: Training (2)

Während dieser Zeit der Ausbildung erhalten sie noch keinen Lohn, erst wenn sie unabhängig und ohne Anleitung arbeiten können, erhalten sie Lohn für die produzierten Karten

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Abbildung 20: Ausbildung in der Kartenfertigung durch Ivanna Lamos Grageda

Die pädagogische Leiterin der Kartenwerkstatt im Haus „Yerbateros“ ist Ivanna Lamos Grageda. Sie ist seit über sechs Jahren schon Mitglied dieses Programms und der Organisation MANTHOC. Über die Kartenproduktion sagt Srta. Lamos:101 „Durch die gute Arbeit der Kinder, ihre Bemühungen und ihr Interesse an der Sache haben die Karten eine sehr gute Qualität. Dadurch sind sie auf dem internationalen solidarischen102 Markt bekannt geworden, bis heute haben wir schon über 12.000 Karten hergestellt und verkauft.“

101

Interview mit Ivanna Lamos Grageda im Haus „Yerbateros“, MANTHOC, im Juni 2001 (durchgeführt von der Autorin)

102

Damit bezieht sich Srta. Lamos auf die diversen Organisationen und Personen, die sich für Produkte der Kinderorganisationen einsetzten, diese vermarkten oder auch nur selbst verwenden.

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Abbildung 21: Präsentation der Karten vor Kunden

Die Karten werden aus denkbar einfachen Mitteln erstellt: •

Papier der verschiedenen Arten und Farben (meist als Geschenk von Elterninitiativen oder von Unternehmen, die keine Verwendung mehr dafür haben)



Schere, Locher und Lochzangen



Schaumgummi und Leim/Kleber



Pappe/Kartonage (Grundlage der Karten)

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Abbildung 22: Arbeitsmittel der Kartenherstellung

Die meisten Karten werden nach bestehenden Mustern angefertigt, manche Kinder nutzen aber auch ihre eigene Kreativität und Phantasie. Die Karten werden in folgenden Arbeitsschritten erstellt: •

1. Schritt: Auswahl der Papierfarben, die für die Erstellung einer Karte gemäß des Musters benötigt wird.



2. Schritt: Erstellen der benötigen Papierformen mittels Schere, Locher und Lochzangen

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Abbildung 23: Materialvorbereitung



3. Schritt: Erstellen der Motive, aufkleben der verschiedenen Papierfarben und –formen

Abbildung 25: Kartenerstellung (2)

Die fertigen Karten werden von Srta. Lamos auf ihre Qualität geprüft, da nur Abbildung 24: Kartenerstellung (1)

einwandfreie

Karten

ohne

Flecken und Fehler verkaufbar sind.

Die Karten, die von den NATs erstellt werden, tragen verschiedene Motive zu verschiedenen Anlässen, wie zum Beispiel Weihnachten, Geburtstag, Ostern, Taufe, Hochzeit, Valentinstag, etc. Dabei richten sich die Preise für

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die einzelne Karte je nach Größe und Bestimmung. National verwendete Karten haben dabei andere Verkaufspreise als die Karten, die für den internationalen Markt bestimmt sind. Größe Nationaler Preis Internationaler Preis Groß

$ 1,00

$ 1,10

Klein

$ 0,75

$0,90

Tabelle 3: Abgabepreise Karten MANTHOC

Die meisten Kinder arbeiten zwei bis drei mal in der Woche für drei Stunden. Für diese Zeit bekommen die Kinder zwischen 50 – 60 Soles ( ca. $18 - $20). Allerdings ist dies stark von der Saison abhängig, in der Hochsaison (z. B. vor Weihnachten) oder in den Ferien arbeiten die Kinder häufiger und länger und bekommen dementsprechend auch ein höheres Entgelt. Die Teilnahme der NATs an diesem Programm im Haus „Yerbateros“ läuft in einer sehr angenehmen Atmosphäre ab, die Kinder arbeiten sehr konzentriert und motiviert und ich konnte feststellen, dass es den Kindern Spaß macht, bei MANTHOC zu arbeiten und sie stolz auf ihre Karten waren. 6.6.4.2

Bedrucken von Shirts

Das Bedrucken von T-Shirts und Polo-Shirts begann innerhalb von MANTHOC im Jahre 1999, ebenfalls im Haus „Yerbateros“. Gestartet wurde es von zwei Freunden von MANTHOC, die die Technik des Bedruckens von Shirts beherrschten und diese den NATs vermittelten. Derzeit werden die Arbeiten des Druckens vom pädagogischen Leiter Edwin geleitet, im Gegensatz zur Kartenfertigung ist das Haus „Yerbateros“ die einzige Einrichtung MANTHOCs, in der Shirts bedruckt werden. Ein Grundprinzip bei dieser Arbeit ist die Verwendung von umweltfreundlichen Materialien und Farben. Zur Zeit finden zehn NATs im Alter zwischen 14 und 16 Jahren Arbeit in dem Druck-Atelier. Ihre Motive haben peruanischen Ursprünge und sind typische peruanische Motive (z. B. Lamas, Hirten, Kondor, etc.), die auf der Über-

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legung basieren, dass diese sowohl bei der peruanischen Bevölkerung wie auch bei den Touristen eine entsprechende Akzeptanz finden und eine dementsprechende Nachfrage erzeugen. Entsprechend breit ist das Angebot an Größe und Farbe.

Abbildung 26: Typisches peruanisches Motiv – Hirten und Lamas in den Bergen der Anden

Folgende Materialien verwenden die NATs bei der Erstellung der T-Shirts: •

T-Shirts verschiedener Größe und Farbe (alle T-Shirts bestehen aus 100% Baumwolle, MANTHOC verwendet keine Kunststoffe)



Kleiderdruckfarben

(überwiegend

Spenden

von

karitativen

italienischen Organisationen) •

Druckvorlagen und Druckmuster



Pinsel, Lineal, Schere; Papier

Die T-Shirts werden ausschließlich nach bestehenden Motiven und Mustern in folgenden Arbeitsschritten erstellt: •

1. Schritt: Auswahl des Muster, das an einem Tag bearbeitet werden soll.

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Abbildung 27: Muster



Abbildung 28: Druckwerkzeuge

2. Schritt: Ausrichten des T-Shirts mit Hilfe von Linealen und Papier (dient als Unterlage zur Ausrichtung und verhindert, dass beim Drucken Farbe von der Front auf das Rückenteil durchzieht.)

Abbildung 29: Ausrichtung der Druckvorlagen



3. Schritt: Bemalen der jeweiligen Druckvorlagen/Stempel und Drucken auf dem T-Shirt (Das Drucken geschieht von Hand, dabei werden die einzelnen Druckvorlagen für einige Zeit fest auf das TShirt aufgedruckt und bleiben dann ca. 10 - 15 Minuten liegen, bevor sie vom T-Shirt wieder abgenommen werden)

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Abbildung 30: Bemahlen der Druckplatten-1

Abbildung 31: Bemahlen der Druckplatte-2

Abbildung 32: Bedrucken der T-Shirts

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Abbildung 33: Entfernen der Druckstempel



4. Schritt: Manuelle Korrektur des Drucks mit Pinseln (Die Drucke sind selten so gleichmäßig, dass das gesamte Motiv gleichmäßig koloriert ist, leichte Fehler und Unregelmäßigkeiten werden direkt nach Entfernung der Druckvorlage nachgearbeitet, noch bevor die Farbe getrocknet ist)

Abbildung 34: Korrektur (1)

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Abbildung 35: Korrektur (2)

Abbildung 36: Korrektur (3)

Die Preise für die einzelnen T-Shirts richten sich ebenfalls nach der Größe

und

dem

Verwendungs-

zweck, national verwendete T-Shirt haben dabei andere Verkaufspreise als

die

T-Shirts,

die

für

den

internationalen Markt bestimmt sind. Größe

Nat. Preis

Internat. Preis

S-M

$ 3,00

$ 4,00

L-XL

$ 4,50

$ 5,50

Tabelle 4: Abgabepreise T-Shirts MANTHOC

Abbildung 37: Trocknen der T-Shirts

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In dem Atelier ist es vor allem sehr interessant zu beobachten, wie konzentriert und gründlich die NATs arbeiten. Dadurch, dass ein „unbrauchbares“ T-Shirt von den NATs selbst bezahlt werden muss, ist der Anreiz hierzu noch stärker. 6.6.4.3

Recycling Papierbearbeitung

Die Erfahrungen mit der Bearbeitung von Recycling-Papier reichen bei MANTHOC zurück auf den Februar 2000. Zu der Zeit ergab sich die Notwendigkeit, neue Alternativen für die arbeitenden Kinder und Jugendlichen zu finden. Ursprünglich waren es drei NATs, die sich mit der Thematik beschäftigten und eine siebenmonatige Ausbildung zu absolvieren hatten, in der sie die Technik der Papierbearbeitung lernen mussten. Derzeit nehmen 19 NATs an dem Programm teil und arbeiten entweder vormittags oder nachmittags in dem Programm, abhängig davon, wann sie Schule haben und wie sie ihre Hausaufgaben schaffen. Aus dem Recycling Papier erstellen die NATs Karten, Umschläge, Bilderrahmen und ähnliche Dinge. Das Papier wird während der Bearbeitung mit verschiedenen duftenden Pflanzen versetzt, die später wieder einen leichten Duft abgeben und verbreiten. Eine der Hauptpflanzen in der Bearbeitung ist die Kamille, deren Duft beliebt ist und die relativ preisgünstig zu erhalten ist. Folgende Materialien verwenden die NATs bei der Recycling Papiererstellung: •

Altpapier (Zeitungen, alte Telefonbücher, etc.; Magazine sind aufgrund des beschichteten Papiers für diese Arbeit ungeeignet)



Farbe und Wasser



Blumen und Kräuter (Kamille; Jasmin, etc.)



Löschpapier



Diverse Werkzeuge (Mixer, Sieb, etc.)

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Das alte Papier wird folgendermaßen recycelt und dann weiterverarbeitet: •

Schritt: Das Altpapier wird von Hand in kleine Stücke von ca. vier Quadratzentimeter zerrissen (Diese Arbeit wird überwiegend von den Kindern durchgeführt, die neu in diesem Programm sind und die weiteren Bearbeitungsschritte noch nicht beherrschen.)

Abbildung 38: Papierreißen (1)



Abbildung 39: Papierreißen (2)

2. Schritt: Danach werden die Papierstücke mit Wasser gemischt, wobei auf zwei Liter Wasser 50 Stück Papier entfallen (Diese Mischung ergibt ein relativ dünnes Papier, bei dickerem Papier z. B. für Bilderrahmen, kommen entsprechend mehr Papierstücke auf zwei Liter Wasser)

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Abbildung 40: Mischen des Papiers



3. Schritt: Parallel zum Mischen des Papiers wird Kamille gekocht und in ein Sieb abgegossen. Die ausgekochten Pflanzen werden später dem Papier beigefügt.



4. Schritt: Die Kamille und das Gemisch aus Wasser und Papier wird in einer Schüssel mit Farbe vermischt. Anschließend wird der Pulp (das Gemisch) mit einem auf einen Rahmen gespannten Sieb aus dem Wasser gehoben und gleichmäßig auf dem Sieb verteilt.

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Abbildung 41: Papiererstellung (1)



Abbildung 42: Papiererstellung (2)

5. Schritt: Das Gemisch aus Kamille, Farbe und Papier wird auf bereitgelegtem Löschpapier, das als Trägermedium fungiert, von beiden Seiten aufgepresst. Nach dem Pressen wird das so gewonnene Papier für 48 Stunden zum Trocknen aufgehängt und kann dann verarbeitet werden.

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Abbildung 43: Papiererstellung

Abbildung 44: Papier, trocken

Die Preise für die aus Recycling Papier hergestellten Waren variieren, je nach Größe, Produkt und verarbeiteten Kräutern/Pflanzen.

Abbildung 45: Recyclingpapier mit Blüten (1)

Abbildung 46: Recyclingpapier mit Blüten (2)

Die Recycling Papierverarbeitung ist bei den Kindern von MANTHOC sehr beliebt, jedoch ist die Zahl der Kinder, die daran teilnehmen können begrenzt durch die begrenzte Nachfrage nach diesen Produkten.

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6.6.4.4

Die MANTHOC-Bäckerei

Die Bäckerei von MANTHOC existiert seit 1992 im Haus „Villa Maria“. Seither ist sie von Jahr zu Jahr größer geworden und hat sich weiter entwickelt. Anfänglich hatten die NATs das Brot mit dem Ziel „Brot für die NATs“ für ihren eigenen Konsum gebacken. Ursprünglich stand dazu nur ein einfacher Gasbackofen zur Verfügung. Im Laufe der Zeit gelang es MANTHOC mit der Unterstützung von verschiedenen privaten Institutionen die für eine Bäckerei notwendigen Maschinen zu erlangen. Damit war es möglich, die Bäckerei so auszustatten, dass sie im Oktober 1999 als eine reguläre Bäckerei den Betrieb aufnehmen konnte, die nicht mehr nur für den internen Bedarf von MANTHOC produzierte, sondern ihre Produkte auch Dritten anbot. Mittlerweile wurden insgesamt 29 NATs im Alter zwischen sechszehn und achtzehn Jahren in der Bäckerei ausgebildet und haben die Grundkenntnisse des Bäckereihandwerks erlernt. Derzeit werden sieben NATs in der Bäckerei von ausgebildeten Bäckern betreut und erlernen dort das Handwerk, weitere zwanzig NATs werden nur einmal wöchentlich samstags ausgebildet.

Abbildung 47: Brotstube (1)

Abbildung 48: Brotstube (2)

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In der Bäckerei werden alle in Peru gängigen Sorten von Brot und Kuchen angeboten und verkauft.

Abbildung 49: Bäckereiladen

Neben dem Verkauf über die Ladentheke erwerben sich die NATs der Bäckerei ihre Kundschaft dadurch, dass sie Hauslieferungen in dem Viertel durchführen und großzügige Angebote machen. So bekommt ein Kunde z. B. beim Kauf von zwanzig Brötchen zwei als kostenloses Geschenk dazu. Gerade diese Sonderdienste und Sonderaktionen sind für die NATs und ihre Bäckerei von besonderer Bedeutung. In der Nachbarschaft der MANTHOCBäckerei existiert noch eine Anzahl weiterer Bäckereien. Um gegen diese bestehen zu können, reicht es nicht aus den Kunden zu erklären, dass die

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MANTHOC-Bäckerei von Kindern in Selbstverwaltung betrieben wird. Zusätzliches Verkaufsgeschick ist erforderlich und dient den MANTHOCKindern als Lehre. Einige Kinder, die in der Bäckerei arbeiten, erzählen, dass es für sie nicht einfach sei, morgens um 5:00 Uhr aufzustehen und in die Backstube zu gehen. Nach der Arbeit in der Bäckerei gehen diese Kinder noch zur Schule und müssen nachmittags ihre Hausaufgaben machen und lernen, für sechszehn- bis achtzehnjährige eine außerordentliche Leistung. Die Mehrheit der Kinder erzählt jedoch, dass sie mit der Arbeit in der Bäckerei sehr zufrieden sind, da sie dort etwas für ihr Leben und für ihre Zukunft lernen und vielleicht selbst später eine Bäckerei leiten wollen. 6.6.4.5

Abbildung 50: In der Bäckerei

Kerzenproduktion

Die Kerzenproduktion von MANTHOC findet ebenfalls im Haus „Villa Maria“ im Süden von Lima statt. Dort erstellen die NATs mit viel Kreativität und Phantasie Duftkerzen in den verschiedensten Formen und Farben. Die Produktion von Kerzen hat mit einer Förderin von MANTHOC aus Italien begonnen, die bei ihrem Besuch vor Ort eine Gruppe von NATs ausgebildet hat. Von der ursprünglichen Gruppe sind bis heute zwei NATs geblieben, die diese Technik noch beherrschen und die Produktion leiten. Zur Zeit hat die Gruppe der Kerzenproduzenten neun Mitglieder, die mit viel Motivation und Enthusiasmus bei der Arbeit sind.

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Die

erstellten

Kerzen

haben

verschiedenste

Formen

(Herzen

Valentinstag,

zum

Bäume

und Sterne zu Weihnachten, etc.) und Düfte (Meer,

Blumen,

Erd-

beere, Zitrone, Pina, u. v. m.). Die Kerzenproduktion ist Abhängig von der Auftragslage.

Hochsaison

im Atelier ist die WeihnachtsOsterzeit,

und

die

zwischen-

durch wird die Produktion aber immer wieder eingestellt. Gründe dafür Abbildung 51:Vorbereitung der Kerzenproduktion

sind sowohl die Kosten

für die Materialien wie auch die geringe Nachfrage. Während die Produktion in der Kerzenwerkstatt ruht arbeiten die NATs in anderen Bereiche von MANTHOC.103

103

Während meines Besuchs bei MANTHOC (Mai/Juni 2000) wurden gerade keine Kerzen produziert. Der Vorrat an Beständen war noch ausreichend, gerade zu der Zeit wurden 200 Stück nach Italien exportiert.

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Abbildung 52: Kerzen, bereit zum Verkauf

Abbildung 53: Verpacken von Kerzen

6.6.5 Vorschläge zu weiteren pädagogischen Programmen Die pädagogischen Programme für die arbeitenden Kinder sind für sie von wesentlicher Bedeutung, da sie unter Berücksichtung des sozialen Umfelds der Kinder zielgerichtet auf eine Verbesserung der Lebenssituation der Kinder ausgerichtet sind. Die Erfolge und guten Erfahrungen mit den bestehenden Programmen sollen in Zukunft weiterentwickelt werden, dazu existieren heute schon mehrere Vorschläge, z. B.104: •

besondere, auf die Bedürfnisse der arbeitenden Kinder zugeschnittene, schulische und berufliche Ausbildungsangebote,



besondere, auf die soziale und psychische Stabilisierung der arbeitenden Kinder ausgerichtete Interventionen,

104

IESA (Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit e.V.)(Hrsg.), Niños trabjadores a Nivel Mundial , in: Arbeitende Kinder weltweit, Düsseldorf/Hilden 1997, S. 23

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kreative und rekreative Angebote für die arbeitenden Kinder zur besseren Entwicklung in der Familie, der Arbeit und der Schule,



medizinische Hilfe für die Kinder, die derzeit aus finanziellen Gründen keinen Zugang zu solchen Leistungen haben.

Der Kernpunkt aller dieser Vorschlage ist die weitere Stabilisierung der Kinder, ihrer Familien und ihres sozialen Umfelds. Diese Gedanken haben bereits Eingang in die Erziehungsmethoden und die Arbeit bei MANTHOC gefunden. Für mich war der Unterschied zwischen der „klassischen“ Pädagogik Perus und dem bei MANTHOC praktiziertem Vorgehen deutlich und offensichtlich. In der nachfolgenden Tabelle habe ich die aus meiner Sicht wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Stilen dargestellt, wobei ich den Stil MANTHOCs als „modernen Erziehungsstil“ bezeichne. Traditioneller Erziehungsstil Das Kind wird als leeres, inhaltsloses Glas verstanden, das es aufzufüllen gilt.

Moderner Erziehungsstil (MANTHOC) Das Kind wird als eine Person verstanden, die etwas mitzuteilen hat.

Der Erzieher füllt das Glas mit den Infor-

Der pädagogische Begleiter oder Erzieher

mationen auf, die er vorbereitet hat, ohne

geht von der Realität der Kinder aus und

Berücksichtigung der Lebensumstände der

involviert sie in die Ausarbeitung der Infor-

Kinder.

mationen. Kinder und Pädagogen planen zusammen.

Das Kind spielt eine passive Rolle, der Er-

Der pädagogische Begleiter ist nicht all-

zieher hat das Wissen und vermittelt es ⇒

wissend, gegenseitige Wissensvermittlung,

Kinder sind nur Rezeptoren oder Konsu-

Kinder spielen aktive Rolle ⇒ Kinder sind

menten.

sowohl Sender wie auch Empfänger

Ziel ist die Vermittlung von rein wissen-

Der pädagogische Begleiter und die Kinder

schaftlichen Inhalten durch den Erzieher an

lernen gegenseitig voneinander.

die Kinder. Tabelle 5: „Klassischer“ Erziehungsstil vs. „moderner“ Erziehungsstil

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6.7 Ansätze der sozialpädagogischen Praxis bei MANTHOC Grundlegend werden zwei gegensätzliche Ansätze im Umgang mit Kinder unterschieden, der subjektorientierte Ansatz und der objektorientierte Ansatz. Der objektorientierte Ansatz verfolgt den Gedanken des „für die Kinder gemacht“, dabei wird in Form von z. B. karitativen Tätigkeiten in erster Linie das Versorgungsprinzip verfolgt. Der objektorientierte Ansatz wird vor allem von kirchlichen und staatlichen Einrichtungen praktiziert, sie kümmern sich dabei um die Kinder auf der Straße mit dem vordringlichen Ziel, sie von der Straße weg zu bekommen. Der subjektorientierte Ansatz unterscheidet sich von dem objektorientierten Ansatz dadurch, dass er versucht „mit“ den Kindern Lösungen zu finden. Anstatt sie zu „bessern“ und ihnen Ideen vorzusetzen wird bei diesem Ansatz der Dialog gesucht und Vertrauen zwischen den Parteien aufgebaut. Der subjektorientierte Ansatz versteht die NATs als soziale Subjekte, für deren Probleme sich Lösungen nur mit ihnen finden lassen. Die pädagogischen Begleiter oder die Straßenerzieher sind daher in einem Prozess mit den NATs, der von beiden Seiten als Dialog verstanden wird, in dem man sich miteinander bewegt und voneinander lernt. Der subjektorientierte hat dabei Ansätze eines freiwilligen Angebots. Im subjektorientierten Ansatz steht nicht das „besser“ oder „verbessern“ im primären Vordergrund, sondern die Akzeptanz der Kinder, wie sie sind und in welchem Umfeld sie leben. Die NATs wissen, dass das Angebot von MANTHOC immer besteht, sie können jederzeit in eines der Häuser kommen und z. B. ihrer Hygiene nachgehen, ärztliche Beratung erhalten, sich ausruhen oder ihre Wäsche reinigen und u. U. auch dort übernachten. Verknüpft sind diese Angebote mit „Streetwork“ um die Kinder weiter zu informieren und ihnen noch weitere Optionen anbieten zu können. Dabei wird immer versucht, auch das Umfeld der Kinder (Familie, Nachbarn, Cliquen, etc.) mit in die Lösung der Probleme der Kinder mit einzubeziehen.

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Manfred Liebel105 bezeichnet diesen Ansatz als die Pädagogik der sozialen Bewegung. Ein wesentliches Element ist hierbei, dass er nicht auf die Arbeit in einzelnen Projekten beschränkt bleibt, sondern auf Vernetzungen zwischen den in den Projekten tätigen Mitarbeitern und den Kindern abzielt, bis hin zur Förderung eigenständiger Kinder- und Jugendorganisationen. Gerade die Wahrnehmung dieser Organisationen spielt dabei eine wichtige Rolle, da sich die Kinder oft schon selbst in Form von Cliquen auf der Straße oder in ihrem Wohnviertel organisiert haben. Diese Gruppen sind für das einzelne Kind wesentlich und wichtig, sie helfen und entlasten sich gegenseitig in diesen Gruppen. Um die aktive Rolle der Kinder bei der Lösung ihre Probleme zu erreichen, wird bei MANTHOC sowie in gesamt Lateinamerika vom sog. Protagonismus gesprochen. Dieser begreift die Kinder nicht einfach als hilflose Opfer ihrer Situation, sondern sieht sie aktive Subjekte mit aus der Not heraus entstandenen eigenen Wünschen, Ideen, Meinungen und Vorschlägen, die von den Erwachsenen ernst zunehmen und als gleichberechtigt anzusehen sind (vgl. 6.5 oben).

6.8 Schule und Arbeit Die Verbreitung der Kinderarbeit ist nicht allein ein Merkmal von Armut allgemein,

sondern

hängt

von

einem

vielschichtigem

und

vielfältigen

Bedingungsgeflecht ab. Eine Antwort auf die Kinderarbeit kann insbesondere der Aufbau von Schul- und anderen Bildungsangeboten sein, jedoch nur dann, wenn auch andere Rahmenbedingungen (wirtschaftlich und politisch) verändert werden. Schulprojekte in Ländern der „Dritten Welt“ gehören zur entwicklungspolitischen Arbeit. Auf der Weltkonferenz im thailändischen Jomtien ist 1990 die

105

vgl. Manfred Liebel, Pädagogik der sozialen Bewegung mit arbeitenden Kindern, in: Liebel, Manfred; Overwien, Bernd; Recknagel, Albert (Hrsg), Was Kinder könn(t)en, Frankfurt/M. 1999, S. 197

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internationale Initiative „Bildung für alle“ ins Leben gerufen worden. Ihr Ziel ist es, bis zum Jahr 2015 allen Kindern dieser Welt eine Grundschulausbildung zu ermöglichen. Die Industrieländer haben damals viel Unterstützung versprochen. In den Jahren „zwischen 1980 und 1987 waren in Lateinamerika und der Karibik die Bildungssausgaben pro Kopf der Bevölkerung in etwa um 40%, in Afrika sogar um 65% gefallen“106 Gegenwärtig geht UNICEF davon aus, dass rund 130 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern keine Schule besuchen. Bei der Schul- und Bildungsdebatte in den internationalen Kampagnen wird debattiert, wie Schule für die Familien und die Kinder attraktiv sein kann. Einigkeit besteht darüber, dass eine Übertragung des traditionellen europäischen Modells von Schulen auf Länder anderer Kulturen nicht zu empfehlen sei. So ist z. B. in vielen „Dritte Welt“-Ländern die Art und Weise des Unterrichts vergleichbar mit Bangladesch, wo bei Klassenstärken von über 60 Schülerinnen und Schülern die Schule eher einer Disziplinierungsanstalt ähnelt und der Unterricht völlig am Individuum vorbei geht. Vielmehr sollte das Ziel der Schule in den Ländern der „Dritten Welt“, vor allem aber für die Schulen der arbeitenden Kinder sein, Akzeptanz bei der Familie und den Kindern zu erreichen. Eine „normale“, europäisch geformte Ausbildung ist nicht angemessen für jemanden, der mit zehn oder zwölf Jahren im alltäglichen Überlebenskampf steht, um zur Existenzsicherung seiner Familie beizutragen. Es besteht Bedarf an zeitlich flexible Schulen und Lerninhalte, die schnell im Alltag Verwendung finden. Peru hatte mit der Einführung einer Schulpflicht für alle Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren die Hoffnung einer allgemeinen Schulausbildung verknüpft. Schule sollte „kostenfrei“ und „obligatorisch“ sein. Für viele Kinder sieht die Realität jedoch anders aus, sie müssen tagsüber arbeiten und

106

vgl. UNICEF: Zur Situation der Kinder auf der Welt – Schwerpunkt: Das Recht auf Bildung, Frankfurt/M. 1999, S. 23

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haben keine Zeit am regulären Unterricht teilzunehmen (vgl. Kapitel 2.1 oben). Andere Familien können sich nicht sämtliche Schulmaterialien oder die obligatorische Schuluniform für die Kinder leisten. Ein weiterer Faktor sind die teilweise ernsthaften Ernährungsdefizite, die gerade viele Kinder aus armen Familien haben und die ihre Lernkapazität beeinträchtigen. Viele Kinder bringen die Energie für die Schule nicht mehr auf, haben keine Geduld und keine Kraft zu lernen. Verschlimmernd kommt noch hinzu, dass viele Lehrer oft nur ein Minimum an pädagogischer Ausbildung und Erfahrung haben und überfordert sind.

Abbildung 54: Peruanisches Mädchen in Schuluniform

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6.9 Meine Wahrnehmung von MANTHOC Die regionalen Ungleichheiten Perus führen zur Migration vieler armer Landlosen und Kleinbauernfamilien aus der Sierra und den Bergen. Die großen Städte wie Lima, Trujillo, etc. sind mit ihren gehobenen Lebensbedingungen für sie sehr attraktiv; sie hoffen dort ein besseres Leben führen zu können. Ihre Hoffnungen und Erwartungen werden leider nur zu oft enttäuscht und sie werden ein Teil der unzähligen Arbeitslosen und leben in den großen Elendsvierteln dieser Städte. Ein bedeutender und wichtiger Grund für ihre Erfolglosigkeit liegt in ihrer mangelhaften Ausbildung. In den großen Städten sind die Zuwanderer meist auf sich allein gestellt, das soziale Netz der Großfamilie und der Dorfgemeinschaft fehlt. Viele Familien zerbrechen durch diese Doppelbelastung, die Kinder und Heranwachsenden lösen sich durch die familiären Probleme, die oft in Gewalttaten gipfeln, immer mehr von ihrer Familie. Viele dieser Kinder sind arbeitende Kinder und Straßenkinder geworden, einige davon habe ich bei MANTHOC kennen gelernt. Einige dieser Kinder haben durch ihre Arbeit bei MANTHOC einen Teil zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen, der für ihre Familie unverzichtbar ist. Zwar war keine Familie ausschließlich auf den Verdienst des Kindes angewiesen, das Geld ermöglichte aber eine bessere Ernährung oder stellte eine Möglichkeit dar, Dinge auch jenseits des Existenzminimums zu erwerben. Ein Problem bei der Arbeit mit den arbeitenden Kindern und Straßenkindern besteht darin, dass viele Projekte bei MANTHOC nicht gründlich und konsequent bearbeitet werden. Dies ist vor allem ein Kritikpunkt, den große internationale Organisationen beklagen, und der bewirkt, dass sich diese Organisationen von MANTHOC etwas distanziert haben und MANTHOC nicht mehr im ursprünglichen Umfang unterstützen. Hauptsächlich bedeutet dies, dass finanzielle Unterstützung ausbleibt und in der Konsequenz die Mittel fehlen, genügend qualifizierte pädagogische Fachkräfte einzustellen

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oder die verschiedenen Projekte von MANTHOC kontinuierlich weiterzuführen. Durch die Arbeit im Recycling von Papier, der Erstellung von Karten und anderen Projekten erlangen die Kinder handwerklich-künstlerisches Geschick, außerdem gelingt es ihnen aus „Nichts“ etwas herzustellen, was verkaufbar und begehrenswert ist. Die Kinder selbst bezeichnen sich als arbeitende Kinder, sie sagen über sich selbst: „Wir spielen, wir arbeiten, wir gehen zur Schule!“. Die Kinder erleben bei der Arbeit eine kollektive Arbeitserfahrung, sie sehen ihre Arbeit als Spiel in einem freundschaftlichen Klima mit anderen Kindern und Erwachsenen, die ihnen Zuneigung entgegenbringen. Dies macht es möglich, dass die Kinder etwas lernen und Dinge von Qualität und Ästhetik herstellen, auf die sie stolz sind. Während meiner Zeit mit den NATs hat mich ihre Identifizierung mit ihrer Arbeit und mit MANTHOC zutiefst beeindruckt, besonders als ich die Zeichnungen einiger Kinder sah, in denen sie ihre Wahrnehmung ihrer selbst und ihrer Rolle bei MANTHOC darstellen. Drei dieser beeindruckenden Zeichnungen habe ich dem Anhang beigefügt: •

Carlos (14): Zeitungsverkäufer der Zeitung „El Extra“ (Tageszeitung von Lima). Carlos ist in der 8. Klasse und bezeichnet sich selbst als „arbeitenden Schüler“. (siehe Abbildung 64)



Danny (14): Hilfsverkäufer an einem Marktstand. (Text der Zeichnung: A: “Wir müssen unsere Rechte einfordern.“ – B: „MANTHOC ist eine Organisation für arbeitende Kinder und Heranwachsende.“) (siehe Abbildung 65 )



Pilar Rocio (11): Mitarbeiterin beim Papierrecycling. Text der Zeichnung: „Die NATs aus den Städten und vom Land möchten eine würdige Arbeit!“). (siehe Abbildung 66)

Alle Kinder, die ich im Verlauf meiner Arbeit getroffen habe, sahen in MANTHOC einen „Freund“ und eine Familie, die sie nicht in Stich lässt.

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Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

7 Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit Wenn auch große Teile der Welt der Kinderarbeit ablehnend gegenüberstehen, so ist sie doch gerade wegen ihrer unglaublichen Komplexität nicht in einen kurzen Kontext zu fassen. Es handelt sich um einen sehr diffizilen und oft gewalttätigen Kontext, in dem Ausbeutung und Aggression eine große Rolle spielen (vgl. Kapitel 2 oben und Kapitel 9.3 unten). Die arbeitenden Kinder von MANTHOC erzählen auf eine lustig-lockere, transparente und ruhige Art über ihre Arbeit und die begleitenden Umstände. Dabei sind es jedoch durchaus auch die arbeitenden Kinder selbst, die mit ihren Erzählungen die Bedingungen ihrer Arbeit angreifen; gleichzeitig bestehen sie aber auch auf ihrer Identität als arbeitende Kinder. Es ist für sie wichtig, dass Menschen verstehen, dass sie die Arbeit gerne machen und Kinderarbeit an sich für sie nicht negativ belegt ist. Im Folgenden erzählen zwei Kinder exemplarisch aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen mit MANTHOC, wie sie dazu gekommen sind und welche Bedeutung MANTHOC für sie hat.

7.1 Liz Liz, 14 Jahre, lebt in Lima und arbeitet bei MANTHOC, Peru107. „Ich lebe mit meiner Oma und meinen Geschwistern zusammen. Ich bin die zweite von meinen Geschwistern. Mein Vater und meiner Mutter sind tot, sie wurden in Huancayo [Stadt in Peru, Hochburg des Terrorismus; Anm. der Autorin] von Terroristen erschossen. Ich komme auch aus Huancayo, aber nachdem meine Eltern nicht mehr lebten, bin ich mit meinen Schwestern nach Lima gekommen.

107

Das Interview hat am 22.05.2001 um 14:30 Uhr im Haus MANTHOC „Franco Macedo Cuenca“ San Luis Lima stattgefunden (Die Autorin)

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Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

Seit dem Tod meiner Eltern ist einiges passiert. Früher lebte ich bei meinen Eltern in einem kleinen Dorf. Wir lebten von der Landwirtschaft, doch die Ernte war nicht gut und wir hatten nicht so viel Geld. Ich erinnere mich ganz genau, dass meine Eltern verzweifelt waren, aber trotz allem waren wir eine glückliche Familie. Ich vermisse meine Eltern so sehr. Nach dem Tod meiner Eltern, als ich 7 Jahre alt war, wurde ich von meiner Tante Carmen nach Lima gebracht, wo ich 3 Jahre lebte. Dort war es aber schrecklich für mich. Ich musste früh morgens um 6 Uhr aufstehen, um das Frühstück für meine Tante, meinen Onkel und deren 3 Kinder, die zur Schule gehen, vorzubereiten. Als sie dann weg waren, musste ich mich bis 12 Uhr um den Haushalt kümmern. Danach bereitete ich das Mittagsessen vor. Das Schlimmste war, dass meine Tante auf der 5. Etage wohnte, wo der Wasseranschluss kaum noch funktionierte. Deswegen musste ich mehrere Male nach unten in die 1. Etage gehen, um Wasser zu holen. Ich musste alle im Haus vorkommenden Arbeiten tun, die mir meine Tante Carmen zugewiesen hatte: Kochen, Saubermachen, Waschen [mit der Hand] und Bügeln. Wenn ich was nicht richtig tat, wurde ich geschlagen oder musste mir einfach sehr viele Sachen anhören, wie z. B.: „Wenn Du das nicht richtig machst, wirst Du auf der Straße leben, und da wirst Du gar nichts zum Essen haben und im Winter viel frieren“. Ich war in diesen drei Jahren nie draußen gewesen, bin noch nicht einmal einkaufen gegangen. Dadurch fühlte ich mich sehr einsam, weinte, als ich alleine war. Ich wollte einfach raus, ich habe es nicht mehr ausgehalten. Eines Tages kam meine älteste Schwester mich besuchen. Ich konnte nicht mehr und habe ihr alles erzählt. Damals konnten wir noch nichts machen, dennoch machten wir Pläne für die Zukunft. Zwei Wochen später war es dann soweit, dass ich aus dem Haus fliehen konnte. Meine Tante war arbeiten, und ich war alleine im Haus, das nicht abgeschlossen war, weil ich das Wasser von unten holen musste. Der Haupteingang war Gott sei Dank auch nicht abgeschlossen. Das war einer der schönsten Tage für mich. Endlich

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Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

weg aus diesem Haus! Jetzt lebe ich bei meiner Oma mit meinen anderen Geschwistern. Meine Oma ist sehr lieb und ich fühle mich sehr wohl bei ihr. Sie arbeitet als Verkäuferin auf dem Markt und ich helfe ihr dabei am Wochenende. Im August 1996 hörte ich von einer Nachbarin, dass sie im MANTHOC arbeitet und dass es dort sehr schön wäre, besonders auch deshalb, weil da im MANTHOC-Haus die Nonne Ana Clara immer für die Kinder da ist. Ich fragte meine Freundin, ob ich da auch arbeiten könnte. Sie meinte: „Ja, klar!“. Am nächsten Tag bin ich mit ihr ins MANTHOC-Haus gegangen. Dort habe ich die Nonne Ana Clara nach Arbeit gefragt, die sofort „ja“ sagte. Ich musste aber einen Fragebogen ausfüllen und meine Daten eintragen. Danach hat sie mir über MANTHOC und die Disziplin und Ordnung des Hauses erzählt. Seitdem bin ich sehr froh, dass ich ein MANTHOC-Kind bin und dort arbeite. Ich war aber leider seit drei Jahre nicht mehr in der Schule, nachdem ich aus Huancayo nach Lima gekommen bin. Da war ich in der 2. Klasse, jetzt bin ich in der fünften. Das ist für mich ein großes Problem, besonders, weil ich in meiner Klasse die Alteste bin. Meine Schulkameraden lachen mich manchmal aus (ich bin 14 Jahre und meine Schulfreunde sind 10–11 Jahre alt). Das Ganze habe ich nur meiner Tante Carmen zu verdanken. Ich wollte damals unbedingt in die Schule, aber sie ließ mich einfach nicht gehen. Diese Zeit ist Gott sei Dank vorbei. Jetzt geht es mir sehr gut. Ich arbeite bei der Erstellung von Karten in dem MANTHOC-Atelier. Das macht mir sehr viel Spaß, besonders wenn wir Weihnachtskarten bearbeiten. Wir sind eine kleine Gruppe und verstehen uns sehr gut. Ich freue mich so sehr, wenn ich zur Arbeit gehe, besonders, weil ich da meine besten Freunde treffe. Das Geld, das ich bei der Arbeit verdiene, gebe ich meiner Oma. Teilweise bewahre ich es aber auch für „meine Sache“ auf. Ich möchte später Lehrerin werden.“

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Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

Abbildung 55: Liz bei der Kartenproduktion

Liz war nationale Delegierte von MANTHOC in Lima im Jahr 2000.

7.2 Silver Silver, 13 Jahre, lebt in Lima und arbeitet als Schuhputzer.108 „Ich heiße Silver und bin 13 Jahre alt. Ich komme aus Ayacucho [Kleinstadt im Zentrum Perus, Hochburg des Terrorismus] und arbeite als Schuhputzer im Zentrum Limas. Ich lebe über ein Jahr in Lima und gehe nicht zur Schule, weil meine Eltern meine Papiere nicht nach Lima schicken wollen, damit ich hier nicht eingeschult werden kann. Ich kann mich dadurch einfach nicht dort

108

Das Interview wurde in einer Mittagspause im Freizeitraum des MANTHOC-Haus „Franco Macedo Cuenca“ San Luis, Lima geführt (Die Autorin)

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 118

Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

anmelden. Ich bin im Sommer 1999 nach Lima gekommen und wollte ursprünglich einfach nur in den Ferien hier arbeiten. Dann bin ich allerdings hier geblieben. Jetzt wohne ich bei meinem Bruder und seiner Familie. Ich arbeite als Schuhputzer, was eine gute Arbeit ist. Ich und andere Schuhputzer sitzen am Zentralmarkt oder Großmarkt und manchmal auch im Zentrums Limas. Gegen 8 Uhr morgens fange ich an mit meiner Arbeit. Von Montag bis Freitag ist nicht viel zu tun, aber am Wochenende kommen vielleicht 20 bis 30 Leute pro Tag zum Schuhe putzen. Die Zeit zwischen den Kunden heißt es warten und die Leute auffordern: „Guten Tag, lieber Herr, lassen Sie sich die Schuhe putzen?“, sage ich da. Es gibt Tage, die sehr langweilig sind, aber daran bin ich schon gewohnt. Um 18 oder 19 Uhr beende ich die Arbeit und gehe nach Hause oder bleibe im Park und spiele. In der Mittagspause gehe ich ins MANTHOC-Haus in die Mensa. Da ist es immer schön und es herrscht gute Stimmung. Wenn ich nicht sauber oder gar ungepflegt aussehe, dann höre ich irgendwas von der Nonne Ana Clara, beispielsweise: „Das darf nicht wieder vorkommen!“, „Wie siehst Du denn aus?“, „Hast Du kein Wasser zuhause?“. Die Nonne Ana Clara kümmert sich um meine Papiere, damit die endlich nach Lima kommen und ich wieder in die Schule gehen kann. Für das Essen im MANTHOCHaus bezahle ich einen Sol [ca. 60 Pfennig. Anmerkung der Autorin]. Wenn ich einmal Schuhe putze, kann ich zweimal in der MANTHOC-Mensa essen. Die Schuhcreme kaufe ich selber beim Großhändler, da kann ich Geld sparen, weil es billiger ist. Eine Dose Schuhcreme reicht gerade für eine Woche.

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Die Kinder von MANTHOC erzählen von ihrer Arbeit

Abbildung 56: Silver

Wenn ich größer bin, möchte ich Polizist werden oder Präsident. Wenn ich Präsident des Landes wäre, würde ich z. B. verhindern, dass die Schulen privatisiert werden, damit die armen Kinder von der Straße könnten und keine Schulgebühren zahlen müssten usw. Wenn ich größer bin, möchte ich nicht Schuhe putzen, denn als Erwachsener schämt man sich bestimmt dafür. Es gibt viele Leute, die beim Schuhe putzen sagen: „Kinder sollten überhaupt nicht arbeiten“. Aber wir müssen unserer Familie helfen, und vor allen Dingen mache ich es einfach gerne.“

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Interview mit 16 MANTHOC-Kindern

8 Interview mit 16 MANTHOC-Kindern Die arbeitenden Kinder, die interviewt wurden, teilen sich in zwei Gruppen auf, die auch an zwei verschiedenen Orten arbeiten. Eine Gruppe arbeitet in dem Haus Franco Macedo Cuenca_Manthoc [Yerbateros; Pasaje Marcona Nro. 116; San Luis La Victoria; Lima]. Dort erstellen sie Karten aus Recycling-Papier und bedrucken T-Shirts. Eine zweite Gruppe arbeitet auf dem Großmarkt [Mercado Mayorista Nro. 1; La Parado de Lima]. Sie sind dort als Verkäufer, sortieren die verschiedenen Produkte (Obst, Gemüse, Blumen, etc.) oder arbeiten als Schuhputzer. Insgesamt wurden 16 arbeitende Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren interviewt. Die jeweilige Zielgruppe der Kinder wohnen entweder in der Nähe des Hauses „Yerbateros“ oder in der unmittelbaren Nähe des Großmarkts in den Stadtteilen La Victoria, El Augustino oder Ate Vitarte.

8.1 Ziele und Aspekte des Interviews 8.1.1 Ziele Die Fragebogenaktion mit den arbeitenden Kindern verfolgte folgende Ziele: •

Allgemeine Ziele:



Erkennung von Problematiken auf dem Arbeitsplatz bei den arbeitenden Kindern von MANTHOC



Hauptprobleme der „NATs“



Spezielle Ziele:



Feststellung des sozioökonomischen Zustands der Kinder und Beurteilung, ob dieser der integralen Entwicklung schaden könnte



Vorschläge und Alternativen zu der Lage der arbeitenden Kinder in Verbindung zu den heutigen Hauptproblemen

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Interview mit 16 MANTHOC-Kindern

8.1.2 Methodologische Aspekte Folgende Hilfsmittel sind zur Durchführung des Interviews verwendet worden: •

Fragebogen, aufgegliedert in 5 Teile



Diktiergerät/Kassettenrecorder



Tagebuch und Notizbuch

8.2 Umfang des Interviews Um die Informationen von den insgesamt 16 arbeitenden Kindern von Manthoc zu sammeln, wurde ein Fragebogen benutzt. Die Institution Manthoc und das Programm ProNATs109 verfügen über ein Datenblatt für ihre interne Administration, das grundlegende Fragen zur Person des Kindes beinhaltet. Dieses Datenblatt enthielt jedoch zu wenig Informationen über das einzelne Kind und sein soziales Umfeld. Basierend auf den vorhandenen Angaben wurde ein Fragebogen entwickelt, so dass detailliertere und spezifischere Informationen ermittelt werden konnten, die für die spezielle Thematik dieser Diplomarbeit von Interesse waren (siehe Abschnitt „Struktur des Fragebogen“).

8.2.1 Das Umfeld Um die Problematik der arbeitenden Kinder zu erkennen und entsprechende Fragen zu stellen, stand vor der Erweiterung des Fragebogens eine genaue Beobachtung der örtlichen Gegebenheiten und der Bevölkerung. So konnte eine konkrete Vorstellung der Situation und Umstände gewonnen werden, die sich dann auch in den Fragen wiederspiegelte. Die gesamte Aufarbeitung des Fragebogens erfolgte ausschließlich durch mich selbst, ebenso die Durchführung

der

anschließenden

Interviews.

Diese

fanden

an

verschiedenen Orten und zu verschiedenen Gelegenheiten statt, u. a. am

109

Program de Atencion Integral alos Niños y Adolescentes Trabajadores y de la Calle

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Interview mit 16 MANTHOC-Kindern

Arbeitsplatz, beim Essen, in der Freizeit, während der Hausaufgabenbetreuung, bei Hausbesuchen oder während extra angesetzter Termine. Während der gesamten Interviewphase wurde besonders darauf geachtet, dass die Kinder nicht gestört bzw. von ihrer Arbeit abgehalten wurden. So wurde vor jedem Interview auf dem Großmarkt Rücksprache mit Besitzer eines Stands genommen bzw. bei den „selbständigen“ Kindern (z. B. Schuhputzer) darauf geachtet, sie in einer ihrer Pausen zu befragen und so keine Kunden abzuschrecken. Bei den Kindern, die im Haus Franco Macedo Cuenca_Manthoc arbeiten und sich dort aufhielten, wurde vor jedem Interview mit den Betreuern der jeweiligen Gruppe Rücksprache genommen. Meist ließ sich so ein Zeitraum finden, der weder die Hausaufgabenbetreuung noch die Arbeit beeinflusste. Bevorzugt fanden die Interviews in der Mittagspause zwischen 12:00 Uhr und 14:00 Uhr, montags bis freitags statt. In der Zeit hatte die Kinder Freizeit und somit war ihre volle Aufmerksamkeit auf die Fragen möglich. Vielfach

mussten

Interviews

auch

statt

im

Haus

Franco

Macedo

Cuenca_Manthoc direkt bei den Kindern zuhause durchgeführt werden, weil sie dort auf Geschwister aufpassten oder den Eltern halfen. Aufgrund der relativen

Nähe

der

meisten

Zuhause

zum

Haus

Franco

Macedo

Cuenca_Manthoc war dies auch ohne großen Aufwand möglich.

8.2.2 Struktur des Fragebogens Der Fragebogen gliedert sich in fünf Unterpunkte. Jeder Punkt fokussiert eine spezielle Thematik. 1. Bevölkerungsaspekte

oder

Charakteristika

der

Bevölkerung:

allgemeine Informationen über die Person, z. B. Name, Alter, Geschlecht 2. Sozialökonomische Aspekte: Informationen über familiäre Verhältnisse und das soziale Umfeld.

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3. Probleme auf dem Arbeitsplatz: Angaben über das Arbeitsumfeld und die Arbeitsverhältnisse 4. Erziehungsproblematik: Informationen zur Schulbildung und zur Ausbildung der Kinder 5. Gesundheitsaspekte: Fragen zum allgemeinen gesundheitlichen Zustand und zur Krankheitsgeschichte Die Ergebnisse der Fragebögen werden in dem folgenden Kapitel zusammengefaßt und erläutert, die Einzelergebnisse je Frage sind im Anhang beigefügt, teilweise auch durch Zusatzgrafiken weiter erläutert.

8.3 Ergebnisse der Fragebogenaktion Insgesamt wurden während der achtwöchigen Arbeit mit MANTHOC 16 Kinder im Alter zwischen 5 und 13 Jahren interviewt.

8.3.1 Persönliche Charakteristika und Gruppenverhalten der Kindern Manthocs •

Die NATs sind von ihrer Statur her meist mittelgroß und ziemlich schlank; der Gesundheitszustand überwiegend gut und selten von akuten Krankheiten geprägt.



Ein Aspekt, der häufig bei NATs auffällt, ist eine gewisse Vernachlässigung der eigenen Person, besonders der eigenen Sauberkeit.



Die Interviews zeigen, dass je weniger Solidarität die Eltern der NATs ihren Kindern gegenüber ausüben desto agressivere Verhaltensmuster legen diese an den Tag.



Von den 16 interviewten Kindern wohnen 11 in einer integralen Familie (Mutter und Vater vorhanden), 3 nur mit der Mutter (Eltern getrennt oder Mutter verlassen) und 2 Kinder wohnen bei Verwandten (Oma u. Opa bzw. Tante).

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Interview mit 16 MANTHOC-Kindern



Der familiäre Urspung dieser Kinder liegt überwiegend in einer Großfamilie (drei bis acht Geschwister), in der meistens jeder arbeitet und hilft, den Unterhalt für die Familie zu erwerben.

Die konfliktreiche und harte Umgebung, in der einige Kinder leben, sorgt dafür, dass diese Kinder gewisse Verhaltensschemata und Verhaltensmuster als normal ansehen und sich zu eigen machen. So ist zum Beispiel im alltäglichen Sprachgebrauch die Verwendung von besonders harten Redewendungen und sog. Kraftausdrücken die Regel (insbesonders bei den Jungen der Gruppe). Spiele und der Umgang miteinander sind außerdem durch eine gehobene Lautstärke wie auch durch hohe Aggressivität und Gewaltbereitschaft gekennzeichnet. Andere Kinder haben sich dagegen stark zurückgezogen und sich schon fast isoliert. So war z. B. in den Pausen oder auch beim Essen in der Mensa von MANTHOC wahrnehmbar, dass einige Kinder sehr locker und umkompliziert im Umgang miteinander waren während andere zurückhaltend und fast schüchtern agierten. Das zuletzt genannte Verhaltensmuster erschwert es diesen Kindern besonders, Bindungen und Beziehungen zu andern NATs aufzubauen und zu entwickeln. Überwiegend halten sich die Kinder an die Regeln von MANTHOC sowohl im Verhalten wie auch im Sprachgebrauch, einige Kinder jedoch haben ihr auffälliges Verhaltenmuster dahingehend „perfektioniert“, dass sie es dazu benutzen Aufmerksamkeit und Zuwendung sowohl von andern Kindern wie auch von den MANTHOC-Mitarbeitern zu gewinnen. Bei den Kindern, die interviewt wurden, war sehr auffällig, dass sie unbedingt die ernsthafte Wahrnehmung ihrer Person und ihrer Persönlichkeit brauchten und suchten. Gleichzeitig war aber auch besonders stark wahrnehmbar, wie wichtig ihre Arbeit für sie ist und dass sie diese einfach gerne und auch mit stolz ausführen. Außerdem fiel bei den Kindern ihr stark ausgeprägter Protagonismus auf. Sie wollen sich durch ihre Organisationen nicht nur vor Gefahren und Risiken schützen, sondern auch bereits als Kind eine wesentliche Rolle in der Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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Gesellschaft einnehmen und zumindest in alle die eigenen Angelegenheiten betreffenden Bereiche gefragt werden und mitbestimmen. Dazu gehören u. a. auch, dass sie die Möglichkeiten haben, die Rechte der Kinder einzufordern und so als arbeitende Kinder ihren Beitrag zur wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung Perus zu leisten und auch als solche ernst genommen zu werden.

8.3.2 Die arbeitenden Kinder auf dem Großmarkt „La Victoria“ Der Großmarkt Nr.1 [Mercado Mayorista Nro. 1; La Parado de Lima] liegt in Lima im Stadtteil “La Victoria” zwischen der Straße Nro. 2 de la Av. Aviacion und der Straße San Pablo. Der umgangssprachliche Name für den Großmarkt Nr. 1 ist „La Parada“110. „La Parada“ ist ein selbstorganisierter Markt der Händler für Lebensmittel auf dem sich Groß- und Einzelhändler treffen und in informeller Art miteinander Handel treiben. Die meisten Händler kommen dabei aus der Provinz und verkaufen die Waren ihrer Provinz oder kaufen Waren, die in ihrer Provinz nicht vorkommen. Gehandelt werden hauptsächlich frisches Gemüse, frisches Obst, Getränke und andere Produkte für die tägliche Ernährung. „La Parada“ ist von Montags bis Sonntags von 4:00 Uhr morgens bis 16:00 Uhr nachmittags geöffnet. „La Parada“ ist sowohl für das reichhaltige Warenangebot aber auch für die exorbitante Kriminalität (Diebstahl, Misshandlungen, Prostitution, Drogenhandel, Alkohol) in seinem Umfeld bekannt. Die Atmosphäre auf dem gesamten Markt ist gezeichnet von Gewaltbereitschaft und einer omni-präsenten Aggressivität der Teilnehmer. Hier auf dem Markt haben einige Kinder von MANTHOC ihre Rollen und Aufgaben gefunden. Sie helfen den Händlern beim Verkauf, verdingen sich als Träger von Päckchen und Kisten, bewachen als „Aufpasser“ die Ware

110

„La Parada“ bedeutet sinngemäß „Der Markt, auf dem Du alles findest“.

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Interview mit 16 MANTHOC-Kindern

oder den Lkw, usw. Andere Kinder betätigen sich als Schuhputzer oder als Dienstboten für die Händler. Die Atmosphäre auf „La Parada“ ist jedoch nicht dazu geeignet, den arbeitenden Kindern Sicherheit in irgendeiner Form zu geben.

Abbildung 57: arbeitendes Mädchen auf dem Markt „La Parada“

8.3.3 Die arbeitenden Kinder im Haus „Franco Macedo Cuenca_Manthoc“ Das Haus „Franco Macedo Cuenca_Manthoc“ liegt auf der Pasaje Marcona Nro. 116; San Luis La Victoria; Lima, allgemein ist es unter dem Namen “Yerbateros“ bekannt und wird von den Kindern auch so bezeichnet.

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Normalerweise ist das Haus von Montag bis Samstag von 7:30 Uhr bis 18:00 Uhr für die Kinder geöffnet (siehe auch Kapitel „Das „Häuser-Programm““). Das Haus “Yerbateros“ bietet den Kindern mehrere Betätigungsmöglichkeiten. So können sie z. B. in der Erstellung von Karten für bestimmte Anlässe wie Geburtstags-, Oster- und Weihnachtskarten, aber auch Karten zur Taufe oder zur Hochzeit, zum Valentinstag, Muttertag, etc. betätigen. Eine andere Möglichkeit der Arbeit finden die Kinder in der Erstellung von bedruckten T-Shirts mit für Peru typischen Motiven.

Abbildung 58: Bedrucktes T-Shirt mit typischen Motiven

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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Ein weiteres Betätigungsfeld der arbeitenden Kinder im Haus “Yerbateros“ stellt die Vorbereitung und Ausarbeitung von Kerzen mit verschiedene Düften, Formen und Motiven dar. Einer der aufwändigsten Arbeiten im Haus “Yerbateros“ ist die Erstellung von Recyclingpapier aus Altpapier als Briefpapier oder die Weiterverarbeitung des gewonnenen Papiers zu Karten und Bilderrahmen. Die Atmosphäre im Haus “Yerbateros“ unterscheidet sich grundlegend von der des Marktes „La Parada“. Hier bestimmt nicht Aggressivität, sondern vielmehr das harmonische Miteinander der Kinder und zwischen Kindern und Mitarbeitern die Stimmung. Unterstützt wird die positive Atmosphäre durch die ausgezeichnete Organisation innerhalb des Hauses und der Mitarbeiter untereinander.

Abbildung 59: Kinder bei den Hausaufgaben im Haus „Yerbateros“

Aber auch das Haus “Yerbateros“ ist nicht frei von Problemen und Sorgen. Hauptproblem und überall wahrnehmbar ist die bestehende Raumnot, die aus den viel zu kleinen und stark renovierungsbedürftigen Räumen resultiert.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 129

Interview mit 16 MANTHOC-Kindern

Zudem war auch die Auftragslage zum Zeitpunkt meines Aufenthalts unbefriedigend und infolgedessen gab es nicht genügend Arbeit und nur sehr begrenzte finanzielle Mittel. Trotzdem fühlten sich die Kinder im Haus sicher und waren mit Spaß und Ernsthaftigkeit bei ihrer Arbeit.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

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Straßenkinder und Kinderarbeit

9 Straßenkinder und Kinderarbeit 9.1 Ursprung des Begriffs „Straßenkinder“ Veröffentlichungen über Kinder in der „Dritten Welt“ lassen sich vereinzelt seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auch in Deutschland finden. Sie sind den Kindern gewidmet, die in großer Armut leben und unter skandalösen Umständen arbeiten müssen. Die Artikel appellieren entweder an das Mitleid ihre LeserInnen, indem sie die Lage der Kinder als „schicksalhaft und die Kinder selbst als Opfer unmenschlicher Verhältnisse darstellen“111, oder sie geben detaillierte Schilderungen vom täglichen Überlebenskampf der Kinder (vgl. Große-Oetringhaus, 1984; Jung 1986). In seinem 1986 veröffentlichten Aufsatz „Den armen Kindern muss geholfen werden“112 macht Manfred Liebel auf die eurozentrisch verengten Bilder der Kindheit in der „Dritten Welt“ aufmerksam. Diese werden vor allem durch die Veröffentlichungen von Kinderhilfsorganisationen erzeugt, die die Kinder zu defizitären und lediglich hilflosen Wesen stilisieren, die Hilfe von den reichen Menschen in Europa brauchen. Der Begriff der „Straßenkinder“ kommt in Europa allerdings erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auf. Sein Gebrauch und die damit verbundene Sichtweise und die nachfolgende Wahrnehmung der lateinamerikanischen Diskussion über die Straßenkinder wurde in Deutschland jedoch lange nicht von der breiten Masse der Bevölkerung wahrgenommen. Erst mit dem „Spiegel“-Titel „Generation aus der Gosse“ aus dem Jahr 1991 änderte sich das. Ebenfalls 1991 veröffentlicht Dolly Conto de Knoll ihre Dissertation mit dem Titel „Die Straßenkinder von Bogota“. Dabei verfolgt sie mit ihrer Darstellung

111

Marcel Bauer, u. a., Schicksale aus der Welt, Aachen 1977, in: Manfred Liebel: Straßenkinder gibt es nicht, Soziale Arbeit, 4.2000; S. 122-130

112

vgl. Manfred Liebel: Den armen Kleinen muss geholfen werden (Bilder der Kindheit in der dritten Welt) in: sozial extra, 9/1986

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Straßenkinder und Kinderarbeit

einen neuen Blickwinkel.113 Sie nimmt die Straßenkinder nicht als Rebellen, sondern als soziales Problem wahr, das sozialpädagogisch zu bearbeiten ist. In Lateinamerika hatte diese Sichtweise sich ebenso wie der Begriff der „Straßenkinder“ schon eher etabliert. Seit Beginn der achtziger Jahre wurde dort schon von Straßenkindern gesprochen. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF114 hat diesen Begriff eingeführt, um mit ihm eine neue Form von Pädagogik zu begründen, die im Unterschied zu der bis dato dominierenden repressiven Erziehung in geschlossenen Einrichtungen als „nicht-institutionelle Erziehung“ bezeichnet wird. Darunter ist ein pädagogisches Handeln zu verstehen, das sich am alltäglichen Lebensumfeld der Kinder orientiert und versucht, die Kinder „auf akzeptierende Weise vor dem Abdriften in Drogen und Delinquenz zu bewahren und mit ihrer aktiven Beteiligung Alternativen aufbaut.“115

9.2 Pädagogische Ansätze Das Straßenkind gibt es nicht! Durch vielfältige Ursachen und Faktoren, die die Kinder auf die Straße treiben und durch ihre individuellen Charaktere, ihre Biographien, kann es auch nicht die Strategie zur sozialen Reintegration oder Prävention geben. Die pädagogischen Überlegungen gehen dahin, dass sie nicht nur das Individuum allein in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen, sondern dessen Umwelt mit einbeziehen und beachten. Erst durch den sozialen Kontext kommt es zu Marginalität und „Dissozialität“ der „Straßenkinder“. Die Konzepte sollen von der Ganzheitlichkeit der Person ausgehen. Ganzheitlichkeit meint, dass alle Dimensionen des Menschen – sein Körper, seine Gefühle, sein Verstand, seine Ethik, sein Handeln und die Gemeinschaft, in der er lebt 113

Dolly Conte de Knoll, Die Straßenkinder von Bogota – Ihre Lebenswelt und ihre Überlebensstrategien, Frankfurt/M. 1991

114

vgl. www.unicef.org

115

Manfred Liebel, Wir sind die Gegenwart – Kinderarbeit und Kinderbewegung in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1994, S. 164ff

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Straßenkinder und Kinderarbeit

– eine Einheit bilden. Diese sechs Dimensionen des Menschen, die in Wechselwirkung stehen, sollen alle gleichermaßen gefördert werden. Die vorherrschenden karitativen, beschützenden Konzepte versuchen, die Straßenkinder in eine „normale“ Kindheit zu reintegrieren ohne dabei die gesellschaftliche Realität zu beachten. Eine in Lateinamerika entwickelte Methode beinhaltet die Elemente der Befreiungspädagogik (Educacion popular) und der Straßenpädagogik. Holm bezeichnet das als „dialektische Methode der subjektorientierten Pädagogik sozialer Bewegungen“116. Die lateinamerikanische Diskussion um arbeitende- und Straßenkinder unterscheidet hauptsächlich zwischen pädagogischen Interventionsmöglichkeiten:

dem

caritativ-assistentialischen

Objekt-Ansatz117

und

dem

emanzipatorisch-partizipativen Subjekt-Ansatz. Objektorientierte Interventionen gehen davon aus, dass „unreife“ Kinder pädagogische Hilfe brauchen, um auf die „richtige Bahn“ zu kommen. Ziele dieser Interventionen ist die Reintegration in die Gesellschaft. Der Lebensraum „Straße“ wird tabuisiert. Subjektorientierte

Interventionen

schreiben

den

Kindern

Handlungskompetenz zu, ihre Interessen selbst zu vertreten. „Mit den Kindern wird eine Bewusstmachung und Solidarisierung der Gesellschaft vorangetrieben, um die Kinder letztendlich zur Selbsthilfe zu befähigen. Der Lebensraum „Straße“ wird als eine gesellschaftliche Bedingtheit akzeptiert. Während der Objekt-Ansatz sich vielmehr nach den vorhandenen Defiziten

116

Karin Holm, Neue Methoden der Armutsarbeit, dargestellt am Beispiel der Straßenkinder und arbeitenden Kinder, Frankfurt/M. 1995, S. 12

117

vgl. Karin Holm, Straßenkinder und arbeitende Kinder in Lateinamerika – Ursachen und pädagogische Konzepte, in Adick, Christel (Hrsg) Straßenkinder und Kinderarbeit: sozialisationstheoretische, historische und kulturvergleichende Studien, Frankfurt/M. 1998, S. 179

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Straßenkinder und Kinderarbeit

der Kinder richtet, versucht der Subjekt-Ansatz ihre vorhanden Kompetenzen zu optimieren.“118

9.3 Kinderarbeit Kinderarbeit ist in keinem Land der Welt offiziell erlaubt, trotzdem ist sie weltweit auf dem Vormarsch. Die Ausweitung von Kinderarbeit hängt dabei stark von den jeweilige kulturellen und strukturellen Bedingungen ab und schwankt auch innerhalb der betroffenen Länder stark. In Indien ist Kinderarbeit z. B. häufig ein Ergebnis der sogenannten Schuldknechtschaft119, bei der Kinder die Schulden ihrer Eltern abtragen müssen und dementsprechend früh in ein „Sklavenverhältnis“ geraten. In Asien sollen circa sieben Prozent der Kinder unter 15 Jahren arbeiten, in manchen afrikanischen Regionen sind es rund 20% und in Lateinamerika schwanken die Angaben zwischen 12% und 25%120 Dabei scheint eine Beschränkung der Kinderarbeit kaum möglich. Nach einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen weltweit rund 250 Mio. Kinder unter 15 Jahren einer regelmäßigen Arbeit nach121 und arbeiten dabei auf Großplantagen, in Hotelküchen, auf den Märkten, als Hausangestellte, in Minen, etc. Kinder und Jugendliche sind prinzipiell in allen wirtschaftlichen Sektoren zu finden, wobei sie einen inoffiziellen Arbeitsmarkt bilden, der die Erwachsenen zusehends stark unter Druck setzt und ihnen in vielen Bereichen Arbeitsplätze streitig machen. „Diese Dynamik kann gerade zu einer strukturellen Exklusion von Erwachsenen und zunehmenden Inklusion von Kindern und Jugendlichen

118

vgl. Manfred Liebel, 1994, S135ff. in: Karin Holm, Ursachen und sozialpädagogischen Konzepte, Frankfurt/M. 1998, S. 167 Schuldknechtschaft ⇒ Moderne Form der Sklaverei, bei der wirtschaftliche Schulden (die seltsamerweise immer weiter anwachsen) zur „Befreiung“ abbezahlt werden müssen.

119

120

vgl. UNICEF (Hrsg), Kinderarbeit - Zur Situation der Kinder auf der Welt, Frankfurt/M. 1996, S. 20ff.

121

vgl. UNICEF (Hrsg), ebenda, S. 39

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Straßenkinder und Kinderarbeit

führen, wie es in Lateinamerika zu beobachten ist“.122 Viele Kinder und Jugendliche sind oft auch an illegalen Strukturen wie dem Drogenhandel im großen Umfang beteiligt, dieser Punkt soll aber hier nicht weiter verfolgt werden. Gerade die zunehmende Arbeit von Kindern in den unteren Bevölkerungsschichten ist einen Teufelskreis, aus dem es nur schwer ein Entrinnen gibt. Das rasante Bevölkerungswachstum gerade in den unteren sozialen Schichten ist lt. UNICEF123 zu einem Großteil auf die herrschende Armut und die schlechte Sozialversorgung zurückzuführen. „Neben der Arbeit des Einzelnen bieten zwar auch anderer Einnahmequellen aus staatlichen Sozialfonds Überlebensmöglichkeiten, aber es kam selten vor, dass eine Familie irgendeine Rente erhielt. [In den Staaten Südamerikas wie Brasilien oder Peru] gibt es kein soziales Netz wie in den Ländern der sogenannten ersten Welt – zumindest gibt es dieses Netz nicht für Arme.“124 Kinder sind in diesem Fall die soziale Absicherungsgarantie, die Familien sich leisten – je mehr Kinder desto größer die Hoffnung auf eine sichere Altersversorgung. Dies wiederum, verbunden mit Modernisierungs- und monokulturellen Tendenzen in den Wirtschaften Südamerikas bei gleichzeitigem Rückgang der Gesamtwirtschaft, trägt dazu bei, dass nicht genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Eine erhebliche Anzahl der verbliebenen Arbeitsplätze werden jedoch zunehmend von Kindern besetzt, mit der Folge, dass deren Bildung und auch deren Gesundheit in einem mangelhaften Zustand sind und es für sie so gut wie keine Chance aus der Armut heraus gibt. Armut ist damit zwangsläufig auch das Schicksal der Kinder armer Eltern.

122

vgl. G. Schibotto, Unsichtbare Kindheit – Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993, in: Liebel, Manfred, Wir sind die Gegenwart – Kinderarbeit und Kinderbewegung in Lateinamerika, Frankfurt/M. 1994,

123

UNICEF (Hrsg), Kinderarbeit - Zur Situation der Kinder auf der Welt, Frankfurt/M. 1996, S. 138

124

Uwe Pohlmann, Keine Zeit, kein Spiel: Kindheit im Armenhaus Lateinamerikas; Frankfurt/M. 1984, S. 42

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Straßenkinder und Kinderarbeit

Das

neben-

stehende Diagramm fasst

die

komplexen Zusammenhänge

der

nationalen Ursachen für Kinderarbeit und Straßenkindertum zusammen. Dabei

wird

deutlich, dass beide

Phä-

nomene

in

Südamerika den gleichen nationalen Strukturen unterworfen sind.

125

Abbildung 60: Analyse und Handlungsebene nationaler Gesellschaften

Nicht

zuletzt begünstigt das Klima eine Straßensozialisierung, da in vielen Teilen Südamerikas ein Dach über dem Kopf zum Übernachten nicht notwendig ist.126

125

Uwe von Dücker, Die Kinder der Straße - Überleben in Südamerika, Frankfurt/M., 1992

126

Das dargestellte Diagramm von Uwe von Dücker bezieht sich auf die ökonomischen Situation und die Strukturen in Brasilien. Vergleichbare wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse sind in Peru anzutreffen. Somit dient dieses Diagramm mehr der generellen Aufzeichnung der Gründe für als einer genauen Beschreibung der Situation Perus.

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Von Dücker ist der Auffassung, dass Armut für die Sozialwissenschaft ein schwer zu definierender Begriff ist, „da die Betrachtungsweise des Forschers fast ausschließlich quantitativ am Pro-Kopf Einkommen und dem Bruttosozialprodukt orientiert ist, die Festlegung subjektiver Kriterien, d. h. wie Armut erlebt wird, [jedoch] nur wenig berücksichtigt [wird].“127 Die CIR128 hat festgestellt, dass sich die arbeitenden Kinder je nach Art und Form der Arbeit drei Gruppen von Personen gegenübersehen, die ihren Entscheidungsspielraum in positiver wie negativer Weise beeinflussen: •

Den Eltern oder anderen Familienangehörigen.



Den Besitzern der für die Arbeit der Kinder notwendigen Produktionsmitteln.



Den Abnehmern/innen ihrer Produktions- und Dienstleistungen.

Keiner dieser Gruppen wird dabei primär eine Abneigung gegen Kinder oder gar Kinderfeindlichkeit unterstellt. „Die Abhängigkeit der Kinder ist nicht ein Ergebnis fehlender Kinderfreundlichkeit oder fehlender Verständnisbereitschaft für die Situation und die Bedürfnisse der Kinder. Sie ist vielmehr ein Resultat ungleicher Machtverteilung und ungleicher ökonomischer Interessen.“129 Die arbeitenden Kinder sind dabei jeweils die ersten, die die Folgen der Armut zu spüren bekommen. Nicht, weil sie zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen müssen, sondern weil sie in der Situation der Armut genötigt sind, sich auf Arbeiten und Arbeitsbedingungen einzulassen, die ihre Würde verletzten. Das Joch der Armut lässt den Kindern nur sehr begrenzte

127

Uwe von Dücker, In extremer Armut, in extremen Reichtum und auf der Straße lebende und arbeitende Kindern bei der Entwicklung eigenständiger Kulturmerkmale, 1996, in: Karin Holm/Jürgen Dewes (Hrsg), Neue Methoden der Arbeit mit Armen am Beispiel Straßenkinder und arbeitender Kinder – Dokumentation einer internationalen Tagung in der FH Düsseldorf 1995, Frankfurt/M. 1996 128

CIR ⇒ Christliche Initiative Romero

129

CIR (Hrsg), Arbeitende Kinder achten statt Kinderarbeit ächten, Münster/Westf., 1999, S.

28

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Möglichkeiten, sich für eine Arbeit zu entscheiden, die für sie angemessen wäre.

9.4 Differenzierung zwischen „Labour“ und „Work“ „Über die Ursachen und Wirkungen von Kinderarbeit lässt sich sinnvoll nur reden, wenn differenziert betrachtet wird, unter welchen Bedingungen Kinder leben und arbeiten.“130 Kinderarbeit fasst ein weites Spektrum zusammen, von der schlimmsten Art der Arbeit bis hin zur selbstbestimmten und von den Kindern gewünschten Art der Arbeit. In den internationalen Kinderkongressen hat sich daher auch durchgesetzt, zwischen „Labour“ und „Work“ zu unterscheiden. „Labour“ steht dabei für die Art der Arbeit, die für die Kinder schädlich ist, „Work“ steht für eine Art der Arbeit, die für die Kinder eher Vorteile mit sich bringt.131 Diese Einteilung ermöglicht somit auch eine wesentlich feinere Unterscheidung in verschiedene Zwischenformen gefährlicher und nützlicher Kinderarbeit. Manfred Liebel konstatiert daher auch, es sei „ wenig hilfreich, alle von Kindern verrichtete Arbeit als gleichermaßen verwerflich einzustufen“, und schlägt statt dessen vor, „zwischen sinnvollen und gefährlichen Tätigkeiten zu unterschieden und zu begreifen, das ein Großteil der Kinderarbeit zwischen der Gefährdung der Kinder und der Förderung ihrer Entwicklung angesiedelt ist.“132 Dieser differenzierten Sichtweise folgt auch die internationale Kinderrechts-Konvention, die sich nicht global gegen Kindarbeit ausspricht, sondern in Artikel 32 ausdrücklich das Recht der Kinder auf Arbeit betont: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes [auf Ar-

130

Manfred Liebel, „Arbeit ja – Ausbeutung nein.“ Ein Plädoyer für einen subjektorientierten Umgang mit der Kinderarbeit, in: Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), Arbeitende Kinder stärken, Frankfurt/M. 1998, S. 333ff.

131

vgl. Manfred Liebel; Child Labour oder Child Work? Unterschiedliche Begriffe und ihre Bedeutung für die Analyse und Beurteilung von Kinderarbeit, in: B. Overwien, C. Lohrenscheit; G. Specht (Hrsg), Arbeiten und Lernen in der Marginalität, Frankfurt/M. 1999, S. 85ff.

132

Manfred Liebel, Arbeit ja – Ausbeutung nein, ebenda

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beit] an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringen, die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnten,“133 Diese genaue Differenzierung ist aus drei Gründen wichtig und hilfreich:134 •

Sie ermöglicht zielgenaues Handeln.



Indem sie nicht die Kinderarbeit an sich, sondern die Bedingungen der Arbeit ins Auge fasst, beugt sie der Diskriminierung und Ausgrenzung arbeitender Kinder vor.



Sie ermöglicht den Respekt vor kulturellen Traditionen, in denen die Arbeit von Kindern zum selbstverständlichen Bestandteil der Sozialisation gehört.

9.4.1 Kinderarbeit gleich Ausbeutung? Nur allein die Tatsache, dass Kinder arbeiten, wird schon sehr oft als Ausbeutung gewertet. Heutzutage wird das Wort „Kinderarbeit“ auch häufig durch das Wort „Kinderausbeutung“ ersetzt, ohne dass der Aufwand gemacht wird, die Begriffe genauer zu definieren und die Auswirkung der Arbeit auf die Kinder zu unterscheiden. Es ist außerdem wichtig, zu beachten, dass Ausbeutung immer auch Resultat ungleicher Machtverhältnisse ist, in dem häufig auch Gewalt im Spiel ist. Auf diese Weise kann die machthabende Seite zum Nachteil der machtunterworfenen Seite sich Vorteile erzwingen, was treffend als „Aneignungsungerechtigkeit“135 bezeichnet wird. Für lange Zeit gab es die Auffassung, dass die Auswirkung einer bestimmten Arbeit auf die Kinder sich allein von der Art und Form der Arbeit ablesen

133

ILO (Hrsg), ILO-spezial: Kinderarbeit, Bonn (ohne Jahr), S. 1

134

vgl. Manfred Liebel: Beitrag zum Schwerpunkt Kinderarbeit auf der Internationalen Fachtagung der FH Düsseldorf: „Kindheit in Armut – weltweit“ 31.08.-01.09.2000

135

Jürgen Ritsert; Gerechtigkeit und Gleichheit in: Westfälisches Dampfboot, Münster, 1997

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ließe und es somit völlig ausreiche, dafür Merkmalkataloge zu definieren und sie so möglichst genau zu erfassen. Mittlerweile hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Auswirkung von Arbeit auf Kindern auch von anderen Faktoren abhängt. M. Liebel hält die folgenden Faktorenkomplexe für besonders wichtig:136 •

Sozialer Kontext: d.h. ob die Arbeit der Kinder eingebettet ist in eine Kultur, die die Arbeit von Kindern sozial anerkennt oder ablehnt.



Sozioökonomische Lage, d.h., ob die Kinder aus dem Grund der materiellen Bedürftigkeit oder aus eigenem Anreiz heraus arbeiten.



Motivation, d.h., ob sich die Kinder mit ihrer Arbeit identifizieren (weil sie sie interessant finden, oder der Familien helfen wollen) oder ob sie die Arbeit als Last empfinden.



Persönliche Kapazität, d.h., ob die Kinder ihre Rechte bei der Arbeit kennen, die Arbeitserfahrung bewerten und beurteilen können und sich mit diesen Erfahrungen auseinandersetzen können.



Soziale Stellung, d.h. ob es für die Kinder Unterstützung gibt in der Nachbarschaft, bei pädagogischen Projekten, etc. oder ob sie sich organisiert haben um sich ggf. besser wehren zu können.

Diese Faktoren sind wichtig, weil Kinder keinen Marionetten sind, sondern soziale Subjekte, die sich Gedanken um ihre Situation machen und an ihrer eigenen Entwicklung mitwirken.137

9.4.2 Ursachen für Kinderausbeutung und Handlungsmaxime Die Ursachen für die Ausbeutung von Kindern sind ebenfalls differenziert zu betrachten, klassischer Weise auf zwei verschiedenen Ebenen, der Marko-

136

vgl. Manfred Liebel, „Arbeit ja – Ausbeutung nein.“, ebenda S. 333ff.

137

vgl. Jo Boyden, Brigitta Ling, William Myers, ebenda

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und der Mikro-Ebene (vgl. auch Abschnitt 9.3 Kinderarbeit). Für jede Ebene resultieren daraus andere Handlungsmaximen. 9.4.2.1

Makro-Ebene

Auf der Makro-Ebene finden sich zwei Hauptpunkte: •

Die Wahrscheinlichkeit der Ausbeutung von Kindern ist proportional zur Größe der Armut. Damit ist nicht gesagt, dass ein Leben in Armut zwangsläufig zur Ausbeutung von Kindern führt, sondern, dass das Leben in Armut bedeutet, weniger Möglichkeiten zu haben, sich u. U. „einer nicht akzeptable Arbeit oder nicht akzeptablen Arbeitsbedingungen zu widersetzen.“138



Je höher Kinder in einer Gesellschaft geschätzt werden, desto geringer ist die Gefahr ihre Ausbeutung. Gesellschaften, die Kinder nicht als eigenständige Subjekte respektieren, sind dafür prädestiniert. Kinder werden eher als „Verfügungsmasse“ betrachtet; Regeln für die Rücksichtnahme auf Kinder existieren praktisch nicht oder können ohne große Konsequenzen missachtet werden. Dies geht oft einher mit entsprechenden politischen Strukturen von tendenziell autoritären Gesellschaften, die zur Missachtung von Menschenrechten und Menschenwürde neigen.139

Die Beseitigung dieser politischer Systeme und Strukturen, die Stärkung und Etablierung demokratischer Strukturen und Achtung der Kinderrechte als Teil der Menschenrechte sind daher für die Bekämpfung der Kinderarbeit genauso unumgänglich und wichtig wie der Armut an ihren Wurzeln (sowohl national wie international) entgegen zu arbeiten. Die Komplexität dieser Aufgaben lässt jedoch schon vermuten, wie aufwendig und zeitintensiv es ist, hier Veränderungen zu bewirken.

138

vgl. Manfred Liebel: Beitrag zum Schwerpunkt Kinderarbeit auf der Internationalen Fachtagung der FH Düsseldorf: „Kindheit in Armut – weltweit“ 31.08.-01.09.2000

139

vgl. Manfred Liebel: ebenda

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9.4.2.2

Mikro-Ebene

Die Mikro-Ebene kann nicht isoliert von der Makro-Ebene und ihren Auswirkungen direkter und indirekter Art auf die Mikro-Ebene gesehen werden. Ohne diesen Zusammenhang zu ignorieren ist die Arbeit auf der MikroEbene jedoch ebenso wichtig und notwendig. Auf der Mikro-Ebene sieht Manfred Liebel140 drei unverzichtbare Handlungsgrundsätze: •

Der Fokus aller Maßnahmen muss darauf abzielen, dass sie den betroffenen Kindern und ihren Familien tatsächlich zugute kommen. Dies ist eine „kind-zentrierte“ Betrachtungsweise („childcentred approach“), die sich vehement von dem lange vorherrschenden Ansatz unterscheidet, die Kinder als Humankapital („human-capital approach“) für die zukünftige Entwicklung einer Gesellschaft zu sehen. Daher zielt dieser Ansatz auch weniger auf Verbote denn auf die Stärkung der Rechte der Kinder vor Ort ab. Verbote, das haben die Erfahrungen der Vergangenheit in verschiedenen

Ländern

gezeigt,

haben

oft

nur

negative

Konsequenzen für die Kinder, die dadurch völlig in die Illegalität und Rechtlosigkeit gedrängt werden. Die Ausbeuter werden weniger betroffen als ihre Opfer, die ihrer Grundlage zur Gegenwehr beraubt werden und sich überhaupt nicht mehr organisieren können.141 •

Alle Aktionen und Maßnahmen haben nur dann einen nachhaltigen Wert und finden die nötige Akzeptanz, wenn die Betroffenen (Kinder und ihre Familien) mit integriert werden. Passiert dies nicht, können gut gemeinte Ideen schnell in das Gegenteil umschlagen, so z. B. auf dem 1. Welttreffen der Kinder in Kundapur (1996). Dort wandten sich die arbeitenden Kinder gegen den Boykott der von

140

vgl. Manfred Liebel: ebenda

141

vgl. Jo Boyden, Brigitta Ling, William Myers, ebenda

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ihnen produzierten Waren hauptsächlich deswegen, weil ihre Erfahrungen und Vorstellungen nicht berücksichtig wurden. Das selbst angebliche Advokaten der Kinder immer wieder über den Köpfen der Betroffenen hinweg agieren und sie ignorieren, zeigt „die Prozedur, die die neue ILO-Konvention zur Bekämpfung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit hervorbrachte.142 •

Eine Aktion oder Maßnahme muss zielgerichtet darauf sein, die Situation der Kinder zu verbessern und die Kinder selbst zu stärken, sei es durch Dialoge oder durch Formen sozialer Anerkennung. Letztendlich gemessen werden kann eine Aktion daran, ob sie den Kindern hilft oder sie dabei unterstützt, sich für die Durchsetzung ihrer Interessen, Rechte oder Bedürfnisse zu organisieren. 143

9.5 Die Arbeit auf der Straße als Lehre für das Leben Die Terminologie „Kinderarbeit“ für die Beschreibung der Problematik der Kinderarbeit ist immer noch ein Problem. Michel Bonnet meldet z. B. Zweifel an: „Man müsste sich fragen, ob der Mangel an Daten zur Bewertung der Rolle der Arbeit bei der Entwicklung des Kindes auf die Realität selber oder auf einen Mangel an Untersuchungen auf diesem Gebiet zurückzuführen ist.“144 Eine der umfassendsten und weitreichendsten empirischen Untersuchungen, die in diese Richtung gehen, wurde in Cusco, Peru von Isabel Baufumé durchgeführt, mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.145 Im Folgenden werden die Ergebnis dieser Untersuchung aufgezeigt und zur

142

vgl. Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 111-113

143

vgl. Manfred Liebel: ebenda

144

Michel Bonnet, Le Travail des Enfants a la Lumière de la Seruitude pour dettes, Paris 1996, S. 264

145

vgl. Isabel Baufumé, Arbeiten auf der Straße: Eine Lehre für das Leben, in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999, S. 235-248

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Straßenkinder und Kinderarbeit

Unterstützung der These „Die Arbeit auf der Straße als Lehre für das Leben“ herangezogen

9.5.1 Arbeitende Kinder in Cusco, Peru – ein Fallbeispiel Die allgemeine Tendenz geht, vor allem aus westlichem Blickwinkel, immer noch dahin, Kinderarbeit als eine Folge des Elends zu betrachten und das Kind als Objekt zu sehen, das von schädlichen Einflüssen bis zur Volljährigkeit geschützt werden muss. Bei der Umfrage von Isabel Baufumé zeigte sich aber, das die arbeitenden Kinder in Peru dies zu einem Großteil das ganz anders sehen. Sie sehen die Arbeit als etwas Positives an, durch die sie Erfahrungen sammeln, Ordnung lernen, das Leben auch mit all seinen negativen Aspekten kennen und sich diesen Aspekten stellen lernen. Dabei ist es auch wichtig, die qualitativen wie die quantitativen Aspekte der Problematik zu begreifen, denn gerade durch die Hochstilisierung von dramatischen Einzelfällen ist weitgehend ein mitleiderregendes Bild der Kinder in den Köpfen vieler Menschen entstanden, das allerdings auch an der Realität vorbeigeht. Ziel dieser ersten Zählung der auf der Straße arbeitenden Kinder in Cusco (Peru) war die Bewertung der Informationen durch die Minderjährigen selber wie auch der betroffenen Institutionen, um ihre Aktionen besser koordinieren zu können. Insgesamt wurden in Cusco 3.127 Kinder ausfindig gemacht, die auf der Straße arbeiteten. Davon waren zwei Drittel männlich und ein Drittel weiblichen Geschlechts, wobei letztere wohl aber mehr in die nicht-erfasste Haushaltsarbeit in den eigenen Familien integriert sind. Von der Altersstruktur her lag der Hauptteil bei den 15-17jährigen (44%). Die jüngsten waren zwischen 9 und 11. Diese machten allerdings nur 2% aus und beweisen, dass die Arbeit sich nach dem Alter richtet und dass je reifer ein Kind ist, umso leichter wohl mit den Problemen der Straße fertig wird. Interessant ist auch, dass 90% der Befragten erklärten, dass sie in einem familienähnlichen Haushalt leben, was für den Zusammenhalt und gegen die Verwahrlosung auf der Straße spricht. Ebenso gaben 82% an, eine Schule

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zu besuchen, bzw. abgeschlossen zu haben, wobei die Gründe für die restlichen 18% auch vor allem individueller Natur sein dürften, z. B. bei Einwanderern, die der in der Schule vorgeschriebenen spanischen Sprache nicht so mächtig sind.146 Von der Arbeitszeit her gab ca. ein Drittel der befragten Kinder an, täglich weniger als sechs Stunden zu arbeiten, was allerdings nichts über die tatsächlich gearbeitete Zeit aussagt. Als problematisch sind besonders die Fälle anzusehen, in denen Kinder 12 Stunden täglich arbeitet, z. B. die Kassierer in den öffentlichen Transportfahrzeugen. Das sind ungefähr ein Sechstel der Befragten. Obwohl diese Praxis als „Ausbeutung“ kritisiert wird, so ist es dennoch das System von Angebot und Nachfrage, das dies erst ermöglicht. Sie nur die Hälfte der Arbeitszeit einzusetzen wäre gleichermaßen finanziell für das Kind wie für den Arbeitgeber uninteressant. Ein Verbot würde heißen, ihre Entscheidung zu ignorieren und sich andere, vielleicht Arbeit mit noch unvorteilhafteren Bedingungen zu suchen. Unter den Befragten gab es eine größere Gruppe, die angab, in Herbergen zu wohnen, z. B. dem „Dormitorio Infantil Municipal“ (DIM). Dort können Kinder bis 18 Jahre eine Zeit lang übernachten und leben, wenn sie es wollen. Das geschieht meistens durch bestimmte Situationen in ihrem Umfeld (z. B. Gewalt in der Familie, prekäre wirtschaftliche Zustände) oder auch nur durch den persönlichen Charakter des Kindes, also wenn das Kind überdurchschnittlich aktiv ist und eigene Wege und Lösungen ohne das Elternhaus sucht. Bei dieser Herberge, die von der Organisation geführt wird, der Isabel Baufumé in Cusco angehört, ist vor allem die pädagogische Zielsetzung, d. h. das Zusammenleben der häufig fluktuierenden, verschiedenartigen Menschen so zu koordinieren, dass keine Machtverhältnisse z. B. der Älteren gegenüber den Jüngeren, bzw. zwischen Jungen und Mädchen, entstehen,

146

vgl. Isabel Baufumé, Arbeiten auf der Straße: Eine Lehre für das Leben, ebenda, S. 237f.

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sondern ein konstruktives Miteinander. Es existieren Organe wie eine Vollversammlung,

eine

Gemeinschaftskasse

und

Gruppenaktivitäten,

die

demokratisch mit Stimmrecht aller Bewohner beschlossen werden, was sich auch auf eventuelle Bestrafungen und Ausschlüsse in extremen Fällen bezieht. Die Bedeutung liegt nicht in der Entwicklung des Kindes, sondern darin, einen sozialen Rahmen zu schaffen, in dem sie mit Problemstellungen des täglichen Lebens konfrontiert werden, an denen sie gemeinschaftlich arbeiten und nach Lösungen suchen können und so besser für das Leben „draußen“ gewappnet sind.147 Neben diesen gesellschaftlichen Erfahrungen betonten die befragten Kinder, dass die Arbeit ihnen die Möglichkeit gäbe, sich nützlich zu machen und eine produktive Tätigkeit auszuüben, die ihre Nützlichkeit und seine Produktivität zum Ausdruck und somit auch soziale Anerkennung und einen positiven Status mit sich bringt.

9.5.2 Kinderarbeit erlangt eine positive Bedeutung Die Bedeutung (positiv oder negativ) der Arbeit für Kinder hängt u. a. stark von den Kindern ab, welche Optionen sie finden und ob und wie sie ihre Situation beeinflussen können. Ohne Möglichkeiten der Einflussnahme sind Kinder auf die Stufe von Objekten reduziert, über die andere nach Belieben verfügen können. Haben sie aber Einflussmöglichkeiten und können diese auch ohne die Angst vor Repressalien ausüben, können sie als eigenständige Subjekte agieren und haben die Chance, ihre Situation in ihrem eigenen Interesse zu gestalten. Dies entspricht der Perspektive, „die von arbeitenden Kinder selbst immer wieder artikuliert wird, z. B. wenn sie fordern, selbst bestimmen zu können, ob, was, wie lange sie arbeiten und was mit dem Entgelt für ihre Arbeitsleistung geschieht. Nicht weniger wichtig ist, dass den Kindern, die arbeiten

147

vgl. Isabel Baufumé, Arbeiten auf der Straße: Eine Lehre für das Leben, ebenda, S. 242ff.

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Straßenkinder und Kinderarbeit

wollen, auch Arbeitsalternativen zur Verfügung stehen. Solange die Arbeit von Kindern als anrüchig gilt, werden keine Anstrengungen unternommen, Arbeitsgelegenheiten und –formen zu schaffen, die für die Kinder hilfreich sind und ihre persönliche Entwicklung fördern.“148 Genau diese Art und Form der Arbeiten sind es, die die Kinderorganisationen fordern, wenn sie von „Arbeit statt Ausbeutung“ reden. Diese Art der Arbeit missbraucht die Kinder nicht als Objekt, sieht sie vielmehr als Subjekt, dem durch die Arbeit Bestätigung wiederfährt und dessen Entwicklung positiv beeinflusst wird. Arbeiten zu reinen Lernzwecken wären hierzu wenig geeignet. Ein realer Nutzen in Form der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Notwendigkeiten ist vielmehr die geeignete Form hierfür, da für die Kinder ein aktueller Bezug zu ihrem Leben erkennbar ist.

148

CIR (Christliche Initiative Romero), Arbeitende Kinder achten statt Arbeit ächten, Münster,1999, S. 28f.

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Entstehung der Kinderorganisationen

10 Entstehung der Kinderorganisationen Seit den 80er Jahren entstanden in verschiedenen Regionen der „Dritten Welt“ Organisationen arbeitender Kinder, die bisher nicht vergleichend untersucht worden sind. Es ist zu klären, ob die Kinderorganisationen vergleichbare

Eigenschaften

besitzen

und

welche

Bedeutung

sie

möglicherweise für Transformationsprozesse in ihren Gesellschaften haben. Die Überlegungen stützen sich auf Erklärungen, „die auf mehreren regionalen und internationalen Treffen von Delegierten der Kinderorganisationen seit 1996 beschlossen wurden“149, auf (meist unveröffentlichte) Protokolle von Kinderversammlungen, auf Selbstzeugnisse von AkteurInnen der Kinderorganisationen“150,

so

wie

auf

einige

dokumentarische

und

evaluierende Berichte erwachsener InterpretInnen. Solche Berichte liegen für Indien, Westafrika151 und mehrere lateinamerikanische Länder vor.152 Im Falle Lateinamerikas kann auf Erfahrungen von Manfred Liebel und diverse Untersuchungen zurückgegriffen werden: „Die meisten Kinderorganisationen entstanden mit Unterstützung humanitärer Organisationen Erwachsener und werden von Erwachsenen begleitet. Aber die raison d´être der Kinderorganisationen besteht darin, dass sie von den Kindern selbst geleitet wird, eigene Strukturen und Normen besitzt und auch ihre eigene Vorstellung, Forderungen und Handlungsformen entwickelt, die sich aus der Lebens- und Arbeitssituation ihrer Akteure ergeben.“153

149

Die Erklärungen sind dokumentiert in: Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), Arbeitende Kinder stärken - Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit, Frankfurt/M. 1998, S. 111ff und S. 366ff

150

vgl. u. a. Grillo/Schibotto, 1992; Manfred Liebel, 1996; En Da Jeunesse Action 1997, Voix des enfants d´ afrique, 1999; Liebel 1999

151

vgl. Coly 1999; Tolpree 1998; Touré 1998; Swift 1999; S. 25ff; Terenzio 1999

152

vgl. u. a. Schibotto, 1993; A Cussianovich, 1998; Ifejant 1996; Ifejant 1997; Ifejant 1998; Tolpree 1998; Swift 1999, S. 12ff

153

Manfred Liebel, Soziale Transformationen durch Organisationen arbeitender Kinder in: Paul Hischauer, Hans Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg), „neue Praxis“, Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik 5/2000, Neuwied 2000, S. 500

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Entstehung der Kinderorganisationen

Die Organisationen sind nicht nur im nationalen Maßstab, sondern sind auch in einzelnen Städten aktiv, wo sie sich in bestimmten „Berufsgruppen“ zu Verbänden zusammenschließen, die sich auf die eigenen Arbeitsplätze konzentrieren. (z. B. Schuhputzer, Lastenträger). „Bei aller Verschiedenheit der Organisationsformen, der Herkunft und des kulturellen Kontextes der sich organisierenden Kinder lassen sich einige Gemeinsamkeiten erkennen“154. Dabei berufen sich die Kinderorganisationen auf die Verbindlichkeit der Menschenrechte, speziell der Rechte, die in der UN-Konvention über die Rechte des Kindes (1989) festgelegt wurden.

10.1 Soziale Transformationsprozesse Die sozialen Maßnahmen mit arbeitenden Kindern nahmen in den letzten Jahren enorm zu. Das geschieht in allerlei verschiedenen Organisationen, wobei auch viele soziale Basisbewegungen aus ursprünglich anderen Bereichen in diesem Arbeitsfeld tätig wurden. Vom Staat wird die Problematik auch in Angriff genommen, wenngleich die entscheidenden Schritte in erster Linie von internationalen Organisationen wie UNO, UNICEF oder ILO kamen, wie z. B. die Konvention über die Rechte des Kindes. Den bedeutendste Beitrag zu dieser Entwicklung leisteten jedoch in den letzten 10 Jahren von die Kinder selbst durch ihre Organisationen.155 Dabei kristallisierten sich in allen Bereichen Aktionstypen heraus. Einige zielen dabei auf mehr oder weniger unmittelbare Hilfe ab, so z. B. durch Gesundheitsstationen, Lebensmittelpakete und Geld oder geistig-seelischen Beistand. Andere setzen dabei bei Kindern, die sich im Besonderen auf der Schwelle zur Illegalität befinden, auf Maßnahmen wie Heimunterbringung, wobei besonders das Modell der „institutionalisierten Deportation“, das auf zwanghafter Einweisung beruht, um das Kind zu „retten“, äußerst umstritten

154

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 501

155

vgl. G. Schibotto, Handlungsperspektive von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M. 1999, S. 175

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Entstehung der Kinderorganisationen

ist. Dem gegenüber steht der Typus der „Erziehung auf der Straße“, welcher nach der Erfahrung handelt, dass Kindern vor Ort auf der Straße, wo sich die Sozialisationsprozesse abspielen und Überlebensstrategien sich entwickeln, besser zu erreichen sind, als wenn man sie von der Gesellschaft „wegsperrt“. Weitere Ansätze zielen auf politische Veränderungen. So setzen sich Organisation wie die UNO für entsprechende Gesetze in einzelnen betroffenen Staaten ein, starten aber auch Kampagnen, um das öffentliche Interesse für diese Problematik zu fördern. Organisationen wie die ILO setzen sich vor allem für mehr Bildung der Kinder durch Schulbesuch, Ausbildung etc. ein, um die Kinderarbeit letztendlich ganz abzuschaffen. Der bislang progressivste Ansatz ist jedoch, das Kind als handelndes, autonomes und selbständiges Objekt anzusehen. Diese Sicht hat sich ja gerade aus den Schwachpunkten der karitativen oder institutionellen Systeme entwickelt, welche nur punktuell das Leid mildern können, aber langfristig nicht an die Ursachen gehen.156 Es geht dabei nicht um das Helfen der Gesellschaft, um die „abtrünnigen“ Kinder zu retten, sondern vielmehr darum, eine positivindividuelle und kollektive Identität für diese Kinder zu schaffen, damit sich von deren Seite Organisationsprozesse bilden können.157 Kinder als Rechtssubjekte und soziale Subjekte: In Lateinamerika legen die Kinderorganisationen viel Wert auf die Rechte, die ihre Partizipation in der Gesellschaft betreffen, wie sie es auf ihrem V. Treffen verdeutlichten, das unter Beteiligung von Delegierten aus 14 Ländern 1997 in Lima stattfand. Dort

kritisierten

sie,

dass

die

in

der

UN-Kinderrechtskonvention

vorgesehenen Partizipationsrechte nicht ausreichend seien, da sie in der Praxis sowieso nicht respektiert würden. In Südamerika so wie in Afrika wird immer wieder ein Recht auf Arbeit eingefordert, da in der UN-Konvention

156

vgl. G. Schibotto, Unsichtbare Kindheit, Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993 (aus der Originalausgabe) Ninos Trabajadors, Lima 1990

157

vgl G. Schibotto, Ninos Trabajadores Construjendo Una Identidad, Lima 1990 (frei übersetzt von der Verfasserin)

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Entstehung der Kinderorganisationen

„das Recht des Kindes zu arbeiten nicht vorgesehen ist“.158 Für die organisierenden Kinder ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, sich als „Rechtssubjekte“ zu verstehen. Sie fordern die Anerkennung als Inhaber spezifischer Rechte, auf deren Erfüllung sie einen Anspruch haben, da die Kinderorganisationen

die

„zu

ihren

Gunsten“

von

Erwachsenen

beschlossenen Rechte auf eigene Weise interpretieren und konkretisieren, um sie „im eigenen Interesse“159 umsetzen zu können. Es ist wichtig, dass die Erfüllung der zugesagten Rechte nicht der Liebenswürdigkeit, dem Wohlwollen von Erwachsenen überlassen wird, sondern von den Kindern in die eigenen Hände genommen wird. Die arbeitenden Kinder sind nicht nur überzeugt, dass sie nicht nur ihre eigenen Rechte haben, sondern dass sie ihre eigene Befähigung besitzen, mit diesen Rechten eigene Verantwortung zu übernehmen. Als Beispiel kann die Erklärung des V. Treffens der arbeitenden Kinder Lateinamerikas und der Kariben160 gelten, in der es heißt: „ Unsere Organisationen kämpfen Tag für Tag für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, für unsere Rechte auf angemessene und qualitativ gute Ausbildung, für bessere Gesundheitsbedingungen, für Möglichkeiten, uns versammeln zu können, um gemeinsame Aktionen durchzuführen, d. h. dafür, in unserem Leben selbst die Protagonisten zu sein und in unsere Gesellschaft als soziale Subjekte anerkannt zu werden“.161 Man redet nicht nur vom „Rechts-Subjekt“, wenn man über das „Soziale Subjekt“ redet, da das die Fähigkeiten der Individuen und der von ihnen geschaffenen Organisationen betont. Ihre Rolle im Leben und in der

158

Manfred Liebel, ebenda, S. 501

159

Manfred Liebel, ebenda, S. 502

160

V. Lateinamerikanisches und Karibisches Treffen der Bewegung arbeitender Kinder – Huampani-Lima/Peru am 15. August 1997

161

vgl. Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), Arbeitende Kinder stärken – Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit, Frankfurt/M., 1998, S. 367ff.

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Entstehung der Kinderorganisationen

Gesellschaft ist eine eigenständige, mit eigenem Urteil und Handlungsvermögen. Dieses Selbstverständnis gilt nicht nur für Kinderorganisationen Lateinamerikas, sondern findet sich auch in den Organisationen Afrikas wieder.162

10.2 Beschränkung der Organisationen arbeitender Kinder Die Organisationen der arbeitenden Kinder beschränken sich nicht darauf, für sich „Autonomie“ zu beanspruchen, sondern bestehen auch darauf, in der Gesellschaft mitzubestimmen und Einfluss ausüben zu können. In der Erklärung von „Kundapur“163 wird das so ausgedrückt: „Wir wollen bei allen Entscheidungen gefragt werden, die uns betreffen, egal ob diese Entscheidungen in unseren Städten und Dörfern, unseren Ländern oder international getroffen werden“. „In der Erklärung des V. Treffens der arbeitenden Kinder Lateinamerikas in Lima 1997 wird der Anspruch auf Partizipation insbesondere auf Bildung, Politik, die Arbeitspolitik und die soziale Absicherung und Gemeindeentwicklung bezogen“.164 Es wurde kritisiert, dass man die Kinder zwar „beschützt“, aber sie nicht an der Ausarbeitung solcher „Schutz“-Programme mitwirken lässt.165 Die Organisationen der arbeitenden Kinder sehen sich nicht nur am Rande der Gesellschaft, sondern fordern, sie als legitimen und gleichberechtigten Teil derselben zu verstehen. Ihre Überlegungen gehen dahin, dass sie auf der einen Seite Arbeitende sind, deren Arbeitskraft von der Gesellschaft zwar in Anspruch genommen wird, aber als Leistung nicht anerkannt, sondern entwertet und nicht akzeptiert wird. Zum anderen haben sie als Kinder nicht das bestimmte Alter erreicht, um z. B. die politische Partizipation bei der 162

Manfred Liebel, ebenda, S. 501

163

I. Internationales Treffen der Bewegungen arbeitender Kinder, Kundapur, Indien 1996

164

vgl. Manfred Liebel, Soziale Transformationen durch Organisationen arbeitender Kinder in: Paul Hischauer, Hans Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg), „neue Praxis“, Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, Neuwied 2000, S. 503 165

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 502f

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Entstehung der Kinderorganisationen

Gestaltung der Gesellschaft zu erreichen. „Die doppelte Marginalisierung gewinnt besondere Brisanz angesichts einer wirtschaftlichen und politischen Praxis, die mit dem Leben der Menschen auch das Leben der Kinder aufs Spiel setzt.“166

10.2.1

Erklärungen der Kinder

In der Erklärung zum Abschluss des V. Treffens der arbeitenden Kinder Lateinamerikas heißt es: „Wir NATs (= Working Children And Adolescents) aus Lateinamerika und der Karibik wie auch unsere Freunde aus Afrika und Asien verstehen uns als ProduzentInnen des Lebens, angesichts der Kultur des Todes, die uns jegliche Rechte und unsere volle Eingliederung in die Gesellschaft verwehrt. Dies nicht anzuerkennen bedeutet, uns noch weiter als jetzt schon auszugrenzen. Uns gleichzeitig von Bürgerrechten zu sprechen, ist ein Hohn.“167 Weiterhin wurde in der Erklärung der Kinder und ihrer pädagogischen Begleiter sowie auch von dem IV. Workshop zur „Sozialpolitik und internationaler Gesetzgebung zur Kinderarbeit“ und dem I. Mini-Weltgipfel arbeitender Kinder vom 6-15 August 1997 in Lima/Peru zur Unterstützung der arbeitenden Kinder (NATs)168 festgestellt, dass: •

Kinderarbeit eine Realität ist, zu der Millionen von Kindern und Heranwachsenden auf der ganzen Welt herangezogen werden.



Kinderarbeit

noch

heute

ein

Thema

ist,

das

heftig

auf

verschiedenen Ebenen diskutiert wird (institutionell, politisch usw.). •

verschiedene Treffen (national, regional, kontinental und international) mit NATs und Fachleuten stattgefunden haben, wie z. B. auf dem I. Welttreffen der arbeitenden Kinder und ihrer pädagogischen

166

Manfred Liebel, ebenda, S. 503

167

Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg): Arbeitende Kinder stärken – Plädoyers für subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit, Frankfurt/M. 1998, S. 366ff

168

Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), ebenda, S. 366

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Entstehung der Kinderorganisationen

Begleiter, das in Kindapur (Indien) 1996 stattfand. Dort hieß es: „Wir wollen Respekt und Sicherheit für uns und die Arbeit, die wir leisten.“169 „Leistung“ und „leisten“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die arbeitenden Kinder als Person, sowie das, was sie für ihre Familie und für die Gesellschaft leisten. Es beinhaltet aber auch die Organisationen, die die Kinder bei der Entwicklung der sozialen Verhältnisse unterstützen. Von den Organisationen arbeitender Kinder selbst wird in den Stellungnahmen immer unterstrichen, dass die Arbeit der Kinder für ihre soziale Bestätigung wichtig ist. „Die pädagogischen Begleiter und die Institutionen, die sie vertreten, machen sich die Aussagen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen zu eigen:“170 •

„Ja zur Arbeit in Würde, Nein zur Ausbeutung“



„Ja zur Arbeit unter Schutz, Nein zu schlechter Behandlung und Missbrauch“



„Ja zur Anerkennung der Arbeit, Nein zu Ausschluss und Ausgrenzung“



„Ja zu Arbeit unter menschlichen Bedingungen, Nein zu unwürdigen Bedingungen“



„Ja zum Recht in Freiheit zu arbeiten, Nein zur Zwangsarbeit“171

In der Erklärung des II. Mini-Weltgipfels der arbeitenden Kinder von Dakar (1998) heißt es: „Wir wollen, dass alle Kinder dieser Erde eines Tages das

169

vgl. Manfred Liebel, Soziale Transformationen durch Organisationen arbeitender Kinder in: Paul Hischauer, Hans Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg), „neue Praxis“, Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, Neuwied 2000, S. 503ff 170

Erklärung des V. Treffens der arbeitenden Kinder Lateinamerikas mündet in den Appell, Lima 1997, vgl.: Liebel, „neue Praxis“ 5/2000

171

aus: Liebel, Overwien, Recknagel (Hg.) „Arbeitende Kinder stärken, Plädoyers für einen subjektorientierten Umgang mit Kinderarbeit“, Main-Frankfurt, 1998, S. 366ff

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Entstehung der Kinderorganisationen

Recht haben zu entscheiden, ob sie arbeiten wollen oder nicht.“172 Die Kinderorganisationen beanspruchen die Gleichberechtigung der Kinder, sie wollen als Person ernst genommen und beachtet werden.

10.2.2

Wie verstehen die arbeitenden Kinder ihre

Organisation? Die arbeitenden Kinder verstehen ihre Organisation als Mittel im doppeltem Sinne: Um in der Gesellschaft mehr Einfluss zu erlangen und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. In der Erklärung zum V. Treffen der arbeitenden Kinder Lateinamerikas 1997 in Lima/Peru wird dies so ausgedrückt: „Unsere Organisationen haben sich als die beste Art erwiesen, uns vor Ausbeutung, schlechter Behandlung und der Geringschätzung durch die Gesellschaft zu schützen. Innerhalb unserer Organisation fühlen wir uns als würdige, fähige und vollwertige Personen und empfinden Stolz für unsere Arbeit. Hier bilden wir Raum für Solidarität und die Erarbeitung von Vorschlägen für Alternativen zum bestehenden System von Armut und Gewalt, das für uns unzumutbar ist.“173 Durch eine Kinderorganisation bildet sich eine soziale Umgebung, die im Gegensatz zu den Erwachsenen-Organisationen bessere Möglichkeiten bereithält, z. B. eine bessere Beurteilung ihrer Situation und Handlungsmöglichkeiten oder auch einfach nur, dass man sich durch die gemeinsamen Aktivitäten besser kennen- und auch wertschätzen lernt. Die Kinder von MANTHOC sagen, dass sie mit der Organisation zufrieden sind, sie befürworten ihre Arbeit, da für sie die Arbeit in ihrer Organisation sehr wichtig ist. Sie würden sogar weiter arbeiten, wenn sie es auch aus rein materiellen Gründen nicht mehr nötig hätten. Sie sind sehr stolz auf das, was sie tun und haben im Laufe der Zeit Erfahrungen gesammelt und ein starkes

172

vgl. Manfred Liebel, ebenda, S. 502

173

Manfred Liebel, ebenda, S. 503f

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Entstehung der Kinderorganisationen

Selbstwertgefühl entwickelt.174 Aus diesem Grund ist es wichtig zu verstehen, was die Kinder durch die Arbeit für sich an Selbstwertgefühl gewinnen können und gleichzeitig, welche negative Art von Arbeitsbedingungen es gilt zu ändern. Kinder sind ein wesentlicher Faktor, wenn sie sich organisieren. Das gilt nicht nur für Südamerika, sondern für die ganze Welt, eigentlich überall, wo Kinder gewerkschaftliche Organisationen gründen, wo sie das Unrecht, das ihnen geschieht, veröffentlichen. Heute ist es für die arbeitenden Kinder noch sehr schwer, Unterstützung zu bekommen, wenn sie nicht von staatlichen Behörden oder sog. NGOs Unterstützung erfahren, z. B. bei Arbeitsunfällen,

bei

Arbeitskämpfen

oder

bei

der

Forderung

nach

Verbesserung von Arbeitsbedingungen.

174

Beobachtungen der Verfasserin während ihres Aufenthalts in MANTHOC, Juni 2001; bestätigt durch div. Gespräche mit NATs aus der Organisation MANTHOC.

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

11 Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen Ob eine Arbeitserfahrung sich positiv oder negativ auswirkt, hängt davon ab, in welcher Situation sich ein Kind befindet und welche „Kompetenz“ es mitbringt. Die individuelle Fähigkeit, eine bestimmte Arbeitserfahrung zu verarbeiten und sich mit seiner Situation auseinander zu setzen, ist nicht bei allen Kindern gleich. Sie wird durch Alter oder Bildungsstand beeinflusst, aber auch die durch soziale Situation wie die Anerkennung durch gesellschaftliche Instanzen, die Unterstützung durch pädagogische Projekte oder Kinderorganisationen. Wie arbeitende Kinder aus der Sicht der Organisationen der arbeitenden Kinder unterstützt werden können, führt u. a. der Brief der MNNAPSOP175 an den peruanischen Kongress auf, der am 10. Mai 2001 übergeben wurden. Er beinhaltet u. a. die Bitte um Verschiebung der Genehmigung der ILO-Konvention #138 und die Anhörung der NATs, wenn es um Entscheidungen geht, die die peruanischen „Kinderarbeiter“ betreffen. Die wichtigsten Punkte, mit denen arbeitende Kinder unterstützt werden können, sind:176 •

die Gründung und den Aufbau von mehreren Organisationen und Dienstleistungen

(Programmen),

die

spezialisiert

sind

auf

Erziehung und Gesundheitsvorsorge und die für die arbeitenden Kinder zugänglich sind; •

die Organisationen der arbeitenden Kinder sollen auf dem Recht der Kinder bestehen, selbst zu entscheiden, ob und wie sie

MNNAPSOP ⇒ Movimiento Nacional de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores Organizados del Perú, Zusammenschluss von ca. 40 Gruppen und Organisationen arbeitender Kinder in Peru

175

176

Auszüge aus dem Brief der MNNAPSOP an Dr. Valentin Paniagua C., Presidente Constitucional de la República del Perú, Lima 10. Mai 2001 (freie Übersetzung der Autorin)

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

arbeiten wollen – anstelle von generellen staatlichen Verboten oder Verboten von internationalen Organisationen (z. B. ILO); •

die arbeitsrechtlichen Vorgaben sollten ernst genommen werden, um so bessere Arbeits- und Lebensbedingungen einzufordern;



die Beachtung und Berücksichtigung ihrer Probleme, Vorschläge, Bemühungen und ihrer Organisationen;



die Benennung und Bekämpfung der Ursachen für Kinderarbeit, vor allem der Armut;



ein adäquates Podium wie z. B. große Konferenzen, auf dem die Thematik gehört und diskutiert wird („Wir wollen mit den Ministern diskutieren, sie sollen nicht über unsere Köpfe hinweg über uns reden“177).

Während der Kundgebung vom 10. Mai 2001 in Lima waren alle großen Kinderrechtsbewegungen und Organisationen arbeitender Kinder vertreten. Die wichtigsten werden in der Folge etwas ausführlicher beschrieben.

11.1 Staatliche Organisationen für Kinder und Jugendliche 11.1.1

Nationale Initiativen

Die Problematik der arbeitenden Kinder wurde von der nationalen Regierung und ihren Institutionen weitgehend ignoriert und versandete in den Mühlen der Bürokratie. Die staatliche Institution, die in dieser Thematik das alleinige Sagen hatte und auch noch hat, ist der Nationale Rat für die Kinder und Familien („El Concejo National del Menor a la Familia“), eine zwar eigenständige Institution, die jedoch die Belange anderer Organisationen berücksichtigen muss. Dazu gehören u. a. das Justizministerium, das Gesundheitsministerium, die Bischofskonferenz von Peru (Conferencia Episcopal Perunana), die Anwaltskammer und der Berufverband der 177

frei übersetzt aus dem Brief der Organisationen arbeitender Kinder in Peru vom 10. Mai 2001 an Dr. Valentin Paniagua C., Presidente Constitucional de la República del Perú

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

Sozialarbeiter christlicher Institutionen, die sich um den Wohlstand der Kinder und der Familien bemühen, sowie noch weitere Organisationen. Erst in den letzten Jahren fand die Problematik der Straßenkinder und arbeitenden Kinder Eingang in die Grundsätze der nationalen Politik, die folgende grundlegende Ziele mit ihrer Kinderpolitik verfolgt:178 •

Den Schutz der Kinder vor und in Notsituationen und den Aufbau des Bewusstseins in jedem Bürger Perus, dass Kinder respektiert und unterstützt werden sollen.



Öffentliche Bekanntmachung der Kinderrechte, deren Verbreitung in alle Bevölkerungsschichten und Landesteilen und ihre Verwirklichung.

Die Auswirkungen der Regierung auf das alltägliche familiäre Leben besonders der sozial Schwachen ist vor allem auch dadurch gewachsen, dass die Regierung das Not-Programm „Vaso de Leche“ (Milchglas) ins Leben gerufen hat und auch öffentlichen Mensen stärker unterstützt. Hier können Kinder ohne Familien aber auch Familien mit geringen finanziellen Mitteln, Unterstützung in Form von Lebensmitteln zur Grundernährung bekommen. Ein

weiteres

Beispiel

für

die

landesweite

Arbeit

von

Regierungs-

organisationen ist die INABIF179, das Nationale Institut zur Versorgung und zum Wohl des Kindes. INABIF hat gegenüber den Kindern, die in der Straße oder ohne Familie leben, eine große Verantwortung und für sie auch eine große Bedeutung. Es ist die leitende Organisation für die Rehabilitation und Unterstützung von minderjährigen Kindern, deren Aufgabe u. a. auch die „Re-Integration“ betroffener Kinder in die gesellschaftlichen Struktur Perus ist. INABIF ihrerseits arbeitet mit den Polizeibehörden Perus zusammen, die mit einer eigenen Unterabteilung ihrerseits eine große Rolle bei der 178

vgl.: Manuel Vereau Veneros, Sobres los Derechos de los Niños y Adoloescentes, Lima 1999, S. 65ff (freie Übersetzung der Verfasserin) INABIF ⇒ Instituto National de Alimentación y Bienestar Infantil (Nationales Institut zur Versorgung und zum Wohl des Kindes)

179

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

Identifizierung, Inobhutnahme, Betreuung und Versorgung von Kindern inne hat.180

11.1.2

Regionale Initiativen

Zusätzlich zu den nationalen Initiativen ist es die Aufgabe der einzelnen Regionalregierungen, eigene Aktionen zu starten und für diese Unterstützung von der nationalen Regierung zu erlangen. So hat zum Beispiel der Rat der Stadt Lima Schutzhütten (vgl. 11.1.2.2 unten) für die Minderjährigen von der Straße eingerichtet, in denen sie Zuflucht und Unterkunft finden können. Mit dem Erziehungsministerium hat der Rat vereinbart, dass es in den Schutzhütten Erziehungsprogramme und Bildungsangebote für die Kinder gibt, so dass sie die Grundlagen einer technischen Ausbildung erlangen können. Exemplarisch werden im folgenden zwei lokale Initiativen beschrieben. 11.1.2.1 Hilfe für Kinder Innerhalb Limas finden auch Aktivitäten auf Ebene der Stadtteile statt, so wird z. B. von dem Bezirksrathaus des Stadtteils Carabayllo in Kooperation mit verschiedenen Pfarrkirchen und den NGO’s „CIPEC“ und der „NEC“ eine Aktion mit dem Namen „Hilfe für Kinder“ durchgeführt. Diese Initiative bietet den Kinder mit und ohne Familie: •

Rat und Unterstützung in rechtlichen Fragen und Angelegenheiten (Rechtsberatung und Rechtsbeistand),



Gesundheitskontrolle und –überwachung für die Straßenkinder und für Kinder aus desintegrierten Familien,



eine Kinderbibliothek.

Diese Organisation arbeitet auch bei der Auswahl und Ausbildung von Personal sehr eng mit der Stadt Lima zusammen. Es ist eine von mehreren

180

vgl. Valencia, Tello, Rojos: Acción para los Niños, in: INFADES, Lima 1998, S. 17f

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

Organisationen, in der Mitarbeiter für die Arbeit auf der Straße ausgebildet werden. Die Identifizierung von Kindern in Not, ihre Inobhutnahme und Betreuung aber auch Erziehungsberatung für das Kind und seine Familie, wenn das Wohl eines Kindes oder Jugendliche gefährdet erscheint oder ist, bedürfen besondere Qualifikation, deren Erlangung hier unterstützt wird. 11.1.2.2 Die Schutzhütten Der Ursprung der Schutzhütten liegt nicht wie vielleicht zu erwarten in Südamerika, sondern in Australien, von wo aus sie auch in England bekannt wurden. Schutzhütten basieren auf dem Engagement und der Arbeit von Freiwilligen vor Ort und benötigen daher keine großen Investitionen für ihre Infrastruktur. Heutzutage sind Schutzhütten vorwiegend in den großen Städten der “Dritten Welt“ anzutreffen. Die Freiwilligen, die in diesen Programmen arbeiten, bieten den Kindern und Jugendlichen einen Platz an, an dem sie jederzeit – tagsüber wie nachts – erscheinen können und ihre Schwierigkeiten und Probleme darlegen können. Die Absicht hinter diesen Einrichtungen ist es, den Betroffenen das Gefühl zu geben, jemand ist für sie da, unterstützt sie und hilft, wo es möglich ist. Schutzhütten sind allerdings kein „rechtsfreier“ Raum, alle Beteiligten unterliegen z. T. strengen Regeln, die freiwilligen Helfer (Verschwiegenheit, hohe Einsatzbereitschaft, Gewaltlosigkeit, etc.) wie die Kinder (Gewaltlosigkeit, Ordnung und Sauberkeit innerhalb der Hütten, Unterlassung jeglicher illegaler Aktionen, etc.). In Lima haben die Schutzhütten und deren Mitarbeiter Kennzeichen, mit dem sie sich identifizieren und über das sie auch für die Kinder erkenntlich sind. In der Schutzhütte in San Martin de Porras181 werden z. B. Kinder aus Konfliktfamilien und vernachlässigte Kinder besonders betreut. Hütten wie

181

Stadtteil Limas

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WS 2001/2002 Seite 161

Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

diese existieren schon in größerer Anzahl in Lima, leider bei weitem noch nicht genug für die große Anzahl der Kinder, die Unterstützung bräuchte.182

11.2 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO’s) Es gibt weltweit mehrere tausend NGO’s und ihr Merkmal ist die Unterschiedlichkeit in ihrer gesellschaftlichen Funktion und ihr Schwerpunkt. Die NGO’s wie Greenpeace, amnesty international, Oxfam oder WWF sind wichtige Geldgeber in Entwicklungs- und Umweltbereichen und lassen sich sowohl von ihren finanziellen Grundlagen wie auch in puncto Organisation nicht mit kleinen spezialisierten politischen „pressure groups“ in einen Topf werfen.183 Damit man die NGO’s versteht, ist es unerlässlich, die verschiedenen Interessen, die sie vertreten, zu berücksichtigen und wahrzunehmen. Abhängig davon, ob sie ihre Aufgaben primär im nationalen oder im internationalen Kontext sehen, unterscheiden sie sich z. B. in ihren Wertvorstellungen und ihren Organisationsstrukturen. Ein großer Unterschied zwischen den jeweiligen Gruppen ist vor allem auch in dem Verhältnis zur staatlichen und zwischenstaatlichen Politik zu sehen. Hier müssen die NGO’s als zivilgesellschaftliche

Gruppe

sowohl

das

thematische

wie

politische

Spektrum bedenken und versuchen, zwischen Staat und Geld zu agieren. NGO’s sind Institutionen, die vor allen in den Bereichen entstehen, in denen ein Staat nicht genügend Hilfe und Fürsorge anbietet oder anbieten kann. Hier übernehmen sie Teilfunktionen und versuchen so, bestehende Defizite sozial abzudecken. Auch in Peru ist die Anzahl der NGO’s substanziell, sie agieren dabei sowohl auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene, oft losgelöst, teilweise aber auch in Kooperation mit den öffentlichen Institutionen (vgl. 11.1.2 oben).

182

vgl. www.larepublica.com.pe

183

vgl. Barbara Unmüssig, NGO WEED, in: Weltwirtschaft, 1999

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

Nicht alle NGO’s, die in Peru angemeldet sind, haben die Unterstützung und Förderung des Wohls der Kinder als Ziel. Von denen, die es haben, sind es wiederum nur sehr wenige, die die arbeitenden Kinder unterstützen. In Lima/Peru sind dies zum Beispiel nur drei von 38 NGO’s (ca. 8%)184. Für diese Organisationen ist es besonders schwer, die Jugendlichen im Alter von achtzehn, neunzehn Jahren aus der Organisation entlassen zu müssen.

11.2.1

Caritas

Ende der sechziger Jahre wurde die Institution Caritas in Peru gegründet. Ursprünglich war die wichtigste Institution innerhalb der Caritas das „Hogar de Christo“ (Haus Cristo), das sich auf die Versorgung mit Nahrungsmittel für Bedürftige konzentriert. Mittlerweile hat sich das Betätigungsspektrum der Kirchen erweitert und die einzelne Pfarrkirche ist in speziellen Bereichen aktiv. Das Betätigungsfeld reicht dabei von sanitären Programmen bis hin zur Prävention von Krankheiten, insbesondere Kinderkrankheiten. Auch die ersten Programme mit arbeitenden Kindern hatten ihren Ursprung in der katholischen Kirche, dort wurden die Programme der „Comision Episcopal de Action Social“ (CEAS) gefördert. Eine der bekanntesten Pfarrkirchen in Lima ist die Pfarrkirche „Monserrate“, in der Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren untergebracht werden. Hier sind die Straßenkinder und die arbeitenden Kinder gut aufgehoben und finden bei den Mitarbeitern Unterstützung und Hilfe für ihre Probleme und ihren Alltag. Die Mitarbeiter in dieser Institution arbeiten dabei im engen Kontakt mit den Familien der Kinder zusammen.

184

vgl. IFEJANT „Monseñor German Schmitz“, Jóvenes y Niños Trabajadores: Sujetos Sociales, Experiencias y Reflexiones, Modulo IV; Lima/Peru 1996, S. 43ff

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

Nach Walter Alarcon weist die Caritas (ebenso wie vergleichbare Organisationen) folgende grundlegenden Charakteristika185 bei ihrer Arbeit mit Straßenkindern und arbeitenden Kindern auf: •

Es existiert eine starke Identifizierung mit und Solidarität gegenüber den Kindern sowie das Gefühl, eine Verpflichtung zu haben und dieser nachkommen zu müssen.



Gemessen an der Anzahl der Kinder ist die Anzahl der Institutionen und ihrer Programme nur gering und unzureichend für die Menge der zu betreuenden. Es ist für diese Institutionen unmöglich, alle Kinder zu betreuen.



Die Koordination mit anderen Institutionen ist selten produktiv, ebenso ist die Kooperation mit den Behörden schwach. Ein Hauptgrund hierfür mag sein, dass sowohl die Behörden wie auch viele andere Institutionen die Situation der Kinder nicht erkennen oder wahrnehmen oder aber andere Ansätze verfolgen, die ggf. sogar konkurrieren.



Es existiert eine starke Abhängigkeit von ausländischer Finanzierung.

Diese

Abhängigkeit

behindert

die

Planung

und

Durchführung von Programmen nicht nur bei kirchlichen, sondern auch bei anderen NGO’s. Ursache ist vor allem, dass sie oft keine eigene Strategie zur Unterstützung entwickeln. Bei vielen NGO’s kommt es immer wieder vor, dass Programme temporär gestoppt oder ganz geschlossen werden, wenn die finanzielle Unterstützung nicht ausreicht. (vgl. auch 11.2 oben).

185

vgl.: Walter Alarcon Glasinovich, Balance de una Decada, Lima 2000, S. 11ff (freie Übersetzung der Verfasserin)

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

11.2.2

„Comain“ und „La Casa de los Petisos“

Die Sozialabteilung der Stadt Lima/Peru unterstützt die Institutionen „Comain“186 und „La Casa de los Petisos“187, beides Organisationen, die sich um Übernachtungen in Herbergen für arbeitende Kinder und ihre Ernährung kümmern. Außerdem unterstützen beide Organisationen Kinder, die in der Straße arbeiten und leben. Derzeit werden jeden Tag ca. 300 Kinder von den beiden Organisationen unterstützt, für mehr gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten in den Häusern der Institutionen, auch wenn der Bedarf derzeit viel größer ist. Die Mitarbeiter beider Organisationen geben an, dass sie gerne noch weiter helfen möchten, die derzeitigen Kosten aber schon so hoch seien, dass man sich keine weiteren Aktivitäten leisten könne, und so weit hinter den eigenen Wünschen zurück bliebe.188

11.2.3

IPEC

IPEC189 ist keine eigenständige Organisation, sondern so heißen die Programme der ILO zur Beseitigung von Kinderarbeit. Deren Ziele sind es, die Ausbeutung arbeitender Kinder in ihrer schlimmsten Form (vgl. Kapitel 9 oben) zu beenden und abzuschaffen.190 Dieser politische Wille ist der Ausgangpunkt für die meisten ILO Aktivitäten und die daraus resultierenden Bemühungen in Zusammenarbeit mit Arbeitgebern- und Arbeitnehmerorganisationen, Kirchen, NGO’s und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen. Bei den Bemühungen um die Abschaffung der Kinderarbeit in den schlimmsten Formen in den verschiedenen Ländern wirkt die ILO haupt-

Comain ⇒ Comision municipal de ayuda infantil (frei übersetzt: Institution für die Sorge und Ernährung der Familie)

186

187

La Casa de los Petisos ⇔ Haus der kleinen Menschen

188

Aussage eines Mitarbeiters von „Comain“ der Verfasserin gegenüber

189

IPEC ⇒ International Program on the Elimination of Child labour

190

vgl. ILO (Hrsg), ILO-Spezial 2000, Bonn, Blatt 3/S. 3

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Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

sächlich unterstützend auf die landesspezifischen Programme und versucht anhand von Vereinbarungen mit dem jeweiligen Staat zu kontrollieren, dass Vorgaben und Ziele der ILO eingehalten und erreicht werden. Die IPEC-Aktionsprogramme beinhalten so konkrete Maßnahmen wie:191 •

arbeitenden Kindern ein besseres Beschäftigungsverhältnis geben,



eine Erleichterung der Arbeits- und Tätigkeitsbedingungen der Kinder,



die Schulausbildung ermöglichen und in Folge eine Kontinuität bei den Schulbesuchen zu erreichen,



die Unterstützung von Regierungen und NGO’s bei der Durchführung von Vorgaben/Projekten zur Kinderarbeitsüberwachung,



Erzeugen oder Wandeln eines/des Bewusstseins der Gesellschaft gegenüber den arbeitenden Kindern und ihren Bedürfnissen.

IPEC unterstützt bereits diverse Projekte arbeitender Kinder und versucht, in diesem Sinne auch die Politik der jeweiligen Länder zu beeinflussen. Die meisten Kinderorganisationen, die nach IPEC-Vorgaben oder als IPECProjekte arbeiten, werden auch von der ILO unterstützt, wobei die ILO streng darauf achtet, dass die Programmvorgaben und Richtlinien, zu denen sich die Organisationen bei Programmbeginn verpflichten mussten, eingehalten werden. Viele der sog. IPEC-Projekte werden dabei nicht nur von der ILO direkt, sondern auch aus Ländern Europas oder den USA unterstützt.

11.2.4

MNNATSOP

MNNATSOP wurde am 21. März 1996 nach über 23 Jahren Kampf gegründet und gilt heute als die Dachorganisation aller nationalen Bewegungen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen in Peru. Sie hat sich mit ihren Hauptsitz in San Juan de Miraflores, Lima, etabliert und ist darüber hinaus

191

in Anlehnung an: ILO (Hrsg), ILO-Spezial 2000, Bonn, Blatt 3/S. 3ff

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WS 2001/2002 Seite 166

Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

noch in 18 weiteren Städten präsent. Derzeit sind in der Organisation ca. 2 Millionen NATs organisiert wobei allein in den letzten 5 Jahren deren Zahl um 500.000192 gewachsen ist. Die Etablierung der Organisation MNNATSOP war ein langer und schwieriger Prozess und baute auf jahrelanger harter Arbeit verschiedener Gruppierungen auf, in denen sich die Sozialbewegung die benötigten gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ethischen Freiräume geschaffen hat. Die Entstehungsgeschichte von MNNATSOP zeigt, dass der Prozess der Bewusstseinserreichung lang ist, sowie dass man „im Prozess um Fortschritt und [...] Erfahrung niemals stehen bleiben darf, denn das Unvollendete treibt uns weiter zu besserem Vorgehen bis zum Ende, bis das Ziel erreicht ist.“193 Die Organisation MNNATSOP kämpft für die Annerkennung der Rechte der NATs, Anerkennung ihrer Arbeit und bessere Arbeitsbedingungen und für eine Konvention der ILO, die diese Rechte entsprechend anerkennt und fördert. Innerhalb Perus kämpft die Organisation um die Unterstützung der Regierung für die NATs, z. B. von der IPSS194, von der sie die Konkretisierung von Versprechen wie die Realisierung von sozialer Sicherheit für NATs einfordert.195 MNNATSOP, wie auch viele andere NGO’s, arbeiten immer wieder eng mit anderen Organisationen zusammen, eine herausragende Rolle nimmt dabei die Organisation „Ifejant“196 ein, die u. a. Fernstudien und Weiterbildungs-

192

vgl. Brief der Organisationen arbeitender Kinder in Peru vom 10. Mai 2001 an Dr. Valentin Paniagua C., Presidente Constitucional de la República del Perú

193

vgl. Giangi Schibotto, Unsichtbare Kindheit – Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993 IPPS ⇒ Instituto Peruano de Seguridad Sozial (frei übersetzt: Institut für sozial sichere Arbeit)

194

195

Inhaltlicher Auszug aus einem Interview mit den Nationaldelegierten von MNNATSOP Jovanna Cruz, Carlos Mucha u. Rosario Trujillo in Lima, anlässlich der Übergabe eines Brief der Organisationen arbeitender Kinder in Peru vom 10. Mai 2001 an Dr. Valentin Paniagua C., Presidente Constitucional de la República del Perú (durchgeführt von der Verfasserin) Ifejant ⇒ Insitituto de Formación para Educadores de jovenes y adolescentes y Niños trabajadores de America Latina y de Caribe «M. G. Schmitz», Lima/Peru

196

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WS 2001/2002 Seite 167

Andere peruanische Organisationen, die arbeitenden Kinder und Straßenkinder unterstützen

programme für die Mitarbeiter von MNNATSOP realisiert und hierfür Materialien herausgibt und bereitstellt.

Abbildung 61: Vertreter von MNNATSOP bei der Demonstration in Lima, 10. Mai 2001

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 168

Resumee

12 Resumee Ausgeprägte soziale Randgruppen, Tod, Armut und Gewalt sind Probleme der Straßenkinder, die national und international Sorge bereiten. UNICEF hat bei dem letzen Kindersozialgipfel einen wichtigen und ernstzunehmenden Punkt zur Bewältigung der oben genannten Probleme beigetragen. Es erklärte, dass die Welt ihre Probleme nicht lösen könnte, wenn sie nicht lerne die Unterstüzungs- und Entwicklungsprojekte für das körperliche, geistige und

seelische

Wohl

der

Kinder

aufzuwerten

und

entsprechend

anzuerkennen. Hierzu haben in der jüngsten Vergangenheit sowohl die allgemeine Entwicklung der Technik, wissenschaftliche Forschungen und die neuen Medien viel dazu beigetragen. Auf der ganzen Welt hat es in der Vergangenheit schon Tagungen, Kongresse und Symposien zum Thema Kindheit, Kinderentwicklung und Kinderarbeit gegeben. Unter anderem sind mittlerweile als Folge dieser Veranstaltungen auch Konventionen für die arbeitenden Kinder und ihre Rechte verabschiedet worden. Veranstaltungen dieser Art und die Aufmerksamkeit, die sie in den unterschiedlichen Ländern und bei deren Regierungen erregen, sind ein Beleg dafür, dass es sich bei Kinderarbeit und der

Situation

arbeitenden

Kinder

um

eine

weltweit

anerkannte

Problemthematik handelt, ja dass die ganze Welt sich für das Thema Kinder und Kindesentwicklung interessiert und es besorgt betrachtet. Die Organisationen, die sich für das Wohl der arbeitenden Kinder engagieren,

haben

eine

ernste

und

verantwortungsvolle

Aufgabe,

unabhängig davon, ob es sich um private oder öffentliche Organisationen handelt. Die genaue Betrachtung der Arbeit dieser Organisationen und ihrer Unterstützung

vor

Ort

anstelle

einer

pauschalen

Verurteilung

von

Kinderarbeit durch das überwiegend westlich getriebenen Gedankengut der großen internationalen Organisationen (z. B. terre des hommes) eröffnet das Potential zur Veränderungen vor Ort unter der Einbeziehung der tatsächlich Betroffenen.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 169

Resumee

Bei der Thematik Kinderarbeit und arbeitenden Kinder kommt es nach meinen Erfahrungen stark auf die Bedingungen und das Umfeld an. In einem Umfeld wie ich es bei MANTHOC vorgefunden habe, das die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt und in dem die Bildung der Kinder hohe Priorität genießt, das „kindgerechte“ Arbeitsbedingungen zur Verfügung stellt und die Kinder so vor Ausbeutung, körperlichen und seelischen Schäden schützt und das den Kindern Perspektiven und Wege für ihre Zukunft zeigen kann, ist eine generelle Verurteilung der Arbeit von Kindern fehl am Platz. Sie bedeutete, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“! In diesem Zusammenhang sehe ich die Existenz von Organisationen wie MANTHOC sehr positiv. Viele Kinder von MANTHOC verwenden heute einen erheblichen

Teil

ihres

Einkommes

aus

„Kinderarbeit“

gerade

zur

Finanzierung ihrer Bildung und Ausbildung, die sie sich ohne ihre Arbeit nicht leisten könnten.197 Andere Kinder besuchen überhaupt keine öffentliche Schule. Die Vorgaben, Inhalte und auch die Unterrichtszeiten an den regulären Schulen sind oft Faktoren, die dazu führen, dass arbeitende Kinder nicht am staatlichen Unterricht teilnehmen bzw. teilnehmen können. Diesen Kindern wird in den alternativen Schulprogrammen von MANTHOC, das die Anforderungen der arbeitenden Kinder ernst genimmt, dessen Unterricht und seine

Inhalte

sich

stärker

an

ihren

Lebensnotwendigkeiten

und

Anforderungen orientiert, eine alternative Bildungsmöglichkeit geboten. Dadurch ist dieses Schulprogramm für die NATs attraktiver. Bei MANTHOC ist es ihnen z. B. möglich, kleinere Geschwister in den Unterricht mitzubringen,

auf

die

sie

aufpassen

müssen.

Das

erhöht

die

Anwesenheitsrate der Kinder erheblich. Einher mit der Bildung findet bei MANTHOC die Integration der Kinder in die Organisation statt. Integration bedeutet für die Kinder die Übernahme von

197

In Peru gilt an öffentlichen Schulen die Pflicht zur Schuluniform, nur ein Teil der Bücher werden zur Verfügung gestellt, der Großteil der Bücher müssen von den Schülern selbst erworben werden.

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WS 2001/2002 Seite 170

Resumee

Aufgaben, Verantwortung und erfordert Disziplin im Handeln. Meine Erfahrungen mit MANTHOC haben mich in meiner positiven Einstellung den Kinderrechtsorganisationen gegenüber bestätigt. Während meiner Arbeit bei MANTHOC habe ich aus den Erzählungen der Kinder ihren Stolz über „ihre“ Organisation vernommen und konnte täglich aufs neue das Verantwortungsbewusstsein und die Disziplin bewundern, mit der sie ihre alltäglichen Aufgaben innerhalb MANTHOCs, aber auch für ihre eigene Person wahrgenommen haben. Unterstützt wurden sie dabei immer von den Begleitern und Mitarbieten von MANTHOC. Diese Personen arbeiten mit viel Idealismus und Einsatz und achten darauf, dass die Kinder ihre Schulbildung nicht vernachlässigen. Sie sind aber für die Kinder nicht nur pädagogische Begleiter, sondern auch Bezugsperson und für viele der Kinder, die ich erlebt habe, waren sie „ihre“ Familie. Peru hat in der Vergangenheit durch seine Gesetzgebung und durch Organisationen wie MANTHOC große Schritt bei dem Thema „Kindheit, Kinderrechte, etc.“ gemacht. Leider aber hat es noch nicht die Armut der Kinder generell abschaffen können und steht derzeit stark unter Druck der internationalen Organisationen (z. B. ILO), der Kinderrechtsorganisationen wie MANTHOC ihrer Basis beraubt und die Kinder wieder ohne Schutz in die Straße und in die illegale Arbeit treibt. Statt die Kindern zu unterstützen werden sie so per Gesetzt wieder alleine gelassen.

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WS 2001/2002 Seite 171

Anhang

Anhang Fragebogen Motivation und Aufbau Die im Kapitel 8 oben beschriebenen Interviews wurden unter Zuhilfenahme eines Fragebogens durchgeführt, den ich selbst entworfen habe. Dabei spielten weniger demoskopische Überlegungen noch exakte statistische Auswertungsmethoden eine Rolle. Vielmehr war es für mich wichtig, die aus den verschiedenen Literaturquellen und von den verschiedenen Mitarbeitern von MANTHOC erhaltenen Informationen selbst zu hinterfragen und vor Ort bestätigt zu bekommen. Der Fragebogen erfüllte aber auch noch einen weiteren Zweck. Er ermöglichte eine 1:1-Konversation mit den Kindern, in der der Fragebogen den „Türöffner“ darstellte, schnell aber auch zu anderen Themen übergeschwenkt wurde und ich so auch einen guten Eindruck von den verschiedenen Kindern jenseits der verschiedenen Fragen bekommen konnte. Den Fragebogen habe ich in fünf Kernbereiche mit Fragen unterteilt, die für die jeweiligen Bereichen relevant sind und einen guten Überblick über die Kinder und ihre Situation vermitteln. I. Bevölkerungsaspekte oder Charakteristika der Bevölkerung II. Familienzusammensetzung/Sozial-ökonomische Aspekte III. Arbeitsverhältnisse IV. Bildungsproblematik V. Gesundheitsproblematik Die Beantwortung der Fragen zu diesen Themenbereichen und die daraus resultierenden Gespräche mit den Kindern waren in vielen Bereichen für mich ernüchternd aber auch hilfreich für das Verständnis der Abläufe, Organisation und Forderungen von MANTHOC. Noch wichtiger waren sie aber für das Verständnis welche Bedeutung die Arbeit und die Organisation

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WS 2001/2002 Seite 172

Anhang

MANTHOC für die Kinder hat – eine Erkenntnis, die durch, davon bin ich überzeugt, durch reines Literaturstudium auf abstrakter Ebene nie hätte erreicht werden können.

Auswertung des Fragebogens Die Auswertung listet die verschiedenen Antworten auf die jeweiligen Fragen des Fragebogens auf. Die prozentuale Verteilung ist jeweils auf- oder abgerundet worden. Dadurch mag es in den einzelnen Zeilen zu optischen Unstimmigkeiten gekommen sein, das Gesamtergebnis ist davon aber nicht betroffen.

Bevölkerungsaspekte oder Charakteristika der Bevölkerung • Geschlecht Die interviewten Kinder teilen sich nach Geschlechtern folgendermaßen auf (Frage: „Geschlecht“): Geschlecht

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Männlich

9

56

Weiblich

7

44

Gesamt

16

100

Tabelle 6: Geschlechterverteilung

• Alter Das Alter der interviewten Kinder lag zwischen 6 und 13 Jahren; insgesamt ergab sich folgende Verteilung (Frage: „Geburtsdatum“): Alter (in Jahren)

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

6

2

12,5

7

1

6,0

8

3

19,0

9

2

12,5

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 173

Anhang

Alter (in Jahren)

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

10

3

19,0

11

1

6,0

12

3

19,0

13

1

6,0

Gesamt

16

100,0

Tabelle 7: Altersverteilung

• Herkunft Nicht alle interviewten Kinder stammen urspünglich aus Lima. Diese Kinder gaben folgenden Aussagen über den Zeitrahmen, seit wann sie ihre ursprüngliche Heimat verlassen hatten bzw. seit wann sie Lima lebten (Frage: „Seit wann bist du in Lima?“): Seit wann in Lima

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Seit der Geburt198

2

33

Seit 7 Jahren

2

33

Seit 4 Jahren

1

17

Keine Antwort

1

17

Gesamt

6

100

Tabelle 8: Aufenthaltsdauer in Lima

Die Kinder, die nicht in Lima geboren sind, wurden außerdem nach den Gründen für den Umzug nach Lima gefragt (Frage: „Warum bist du nach Lima gekommen?“): Warum bist Du nach Lima gekommen Weil ich mit meinen Eltern arbeite

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

2

33

198

Diese Kinder sind kurz nach der Geburt bzw. schon seit wesentlich mehr als 7 Jahren in Lima und habe an ihren ursprünglichen Geburtsort keinerlei Erinnerung mehr.

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WS 2001/2002 Seite 174

Anhang

Warum bist Du nach Lima gekommen

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Weiß nicht, warum

2

33

Wegen politischer Gewalt – Terrorismus

1

17

Tod der Eltern

1

17

Gesamt

6

100

Tabelle 9: Gründe für Umzug nach Lima

Familienzusammensetzung/Sozial-ökonomische Aspekte Dieser Teil des Fragebogens sollte Aufschluss über das familiäre und soziale Umfeld der interviewten Kinder liefern.199 • Familienzusammensetzung Arbeitende Kinder kommen aus unterschiedlichen familiären Verhältnissen. Auf die Frage nach der Familienzusammensetzung (Frage: „Mit wem wohnst du zuhause zusammen?“) antworteten die 16 befragten Kinder wie folgt: Mit wem wohnst du zuhause200

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Mit beiden Elternteilen

11

68

Nur mit einem Elternteil

3

19

Mit Verwandten

2

13

Gesamt

16

100

Tabelle 10: Anteil der Kinder, die mit Vater u. Mutter leben

Die Kinder, die nur mit einem Elternteil zusammenleben, leben meist mit der Mutter, teilweise alleine, teilweise mit Geschwistern.

199

In Peru wohnt typischerweise jede Familie in einem Haus; Mehrfamilienhäuser wie z. B. in Deutschland sind weitgehend unbekannt. Daher ist der Begriff „Haus“ und „Haushalt“ gleichzusetzen und auch so verwand worden. Dies mag bei erster Betrachtung zu Verwirrungen führen

200

Keine Angaben darüber, ob die Eltern getrennt leben, ein Elternteil verstorben ist oder warum Kinder bei Verwandten leben.

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WS 2001/2002 Seite 175

Anhang

• Wohnungsverhältnisse Familien von arbeitenden Kinder leben meist in beengten Verhältnissen. Die Frage nach der Anzahl der Personen in dem Haushalt (Frage: „Wie viele Personen wohnen bei dir?“) beantworteten die interviewten Kinder wie folgt: Wieviele Personen wohnen in deinem Haus

Anzahl

Prozentuale

Nennung

Verteilung

4

6

37

5

2

13

7

2

13

8

3

18

9

2

13

13

1

6

16

100

Gesamt Tabelle 11: Wohnungsverhältnisse

Basierend auf der Frage nach den Wohnverhältnissen wurden die interviewten Kinder danach befragt, wie viele Personen in den einzelnen Familien arbeiten. (Frage: „Wie viele Personen arbeiten in deiner Familie?“) Wieviele Personen wohnen in deinem Haus

Wieviele davon Anzahl der arbeiten Antworten

Proz. Anteil

4

3

2

75,0

4

2

3

50,0

4

4

1

100,0

5

4

2

80,0

7

5

1

71,4

7

6

1

85,7

8

5

2

62.5

8

6

1

75,0

13

8

1

61,5

Durchschnittlicher prozentualer Anteil der Arbeiter im Haushalt:

73,5

Tabelle 12: Prozentualer Anteil der Arbeiter pro Haushalt

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WS 2001/2002 Seite 176

Anhang

Die folgende Graphik verdeutlicht anschaulich das Verhältnis der Gesamteinwohner eines Hauses zu der Anzahl der Arbeitenden.

14 Wieviele Leute wohnen in Deinem Haus ?

12

Wieviele davon arbeiten ?

Anzahl Leute

10 8 6 4 2 0 1

2

3

4

5

6

7

8

9

Abbildung 62: Verhältnis von arbeitenden Personen zur Gesamtbewohnerzahl eines Haushalts

Schulbildung der Eltern Das Schulsystem Perus ist nicht direkt mit dem deutschen System vergleichbar, es ist stärker an das US-amerikanische System angelehnt. • Schulbildung des Vaters In dieser Frage wurden die Kinder nach der Schulbildung des Vaters gefragt (Frage: „Hat dein Vater die Schule beendet?“) Hat dein Vater die Schule beendet

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Grundschule

1

6

Gymnasium (Secundaria)

9

56

Hochschulausbildung/Universität

2

13

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WS 2001/2002 Seite 177

Anhang

Hat dein Vater die Schule beendet

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Weiß nicht/keine Angaben

4

25

Gesamt

16

100

Tabelle 13: Schulbildung des Vaters

Als Ergebnis der Befragung gaben 56% der Kinder an, ihr Vater habe das Gymnasium beendet und wären somit berechtigt gewesen, ein Studium aufzunehmen. • Schulbildung der Mutter In dieser Frage wurden die Kinder nach der Schulbildung der Mutter gefragt (Frage: „Hat deine Mutter die Schule beendet?“) Hat deine Muter die Schule beendet

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Grundschule (abgebochen)

2

12,5

Grundschule (abgeschlossen)

3

18,8

Gymnasium (Secundaria), abgebrochen

2

12,5

Gymnasium (Secundaria), abgeschlossen

3

18,8

Hochschulausbildung/Universität

2

12,5

Weiß nicht/keine Angaben

4

25,0

Gesamt

16

100,0

Tabelle 14: Schulbildung der Mutter

Verglichen mit den Vätern aber auch absolut gesehen verfügen die Mütter der arbeitenden Kinder über eine geringere Schulbildung. Einige Mütter haben das Gymnasium nicht abgeschlossen (ca. 19%), manche (12,5%) haben sogar nicht einmal die Grundschule beendet, d. h. weniger als 6 Jahre Schulbildung absolviert. • Familiäre Probleme Die Kinder wurden danach befragt, ob es in ihrer Familie Probleme gäbe (Frage: „Gibt es Probleme in deiner Familie?“):

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 178

Anhang

Gibt es Probleme Anzahl in der Familie Kinder

Prozentuale Verteilung

Ja

9

56

Nein

7

44

Gesamt

16

100

Tabelle 15: familiäre Probleme

Diese Frage offenbart, dass mehr als die Hälfte der Kinder (56%) zuhause familiären Problemen gegenüberstehen bzw. diese wahrnehmen. • Art der familiären Probleme Nachdem 56% der Kinder die Frage nach familiären Problemen positiv beantwortet hat, wurden diese nach der Art der Probleme gefragt (Frage: „Welche Probleme gibt es in deiner Familie?“): Welche Probleme gibt es in der Familie

Anzahl 201

Nennung

Prozentuale Verteilung

Krankheiten innerhalb der Familie

4

25

Misshandlung durch Väter oder Mütter

4

25

Wohnt nur mit einem Elternteil

4

25

Keine Antwort/keine Angaben

4

25

Gesamt

100

Tabelle 16: Arten der familiären Probleme

Die Probleme in den Familien lassen sich auf wenige Ursachen reduzieren. Krankheiten verursachen ebenso häufig Probleme wie die Misshandlung der Kinder durch Väter oder Mütter oder aber die Tatsache, dass die Eltern sich getrennt haben und ein Elternteil die Familie verlassen hat (vgl. Tabelle 10). Arbeitssituation der Eltern

201

Mehrfachnennung möglich

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WS 2001/2002 Seite 179

Anhang

• Tätigkeiten der Väter Die Kinder wurden befragt, ob die Väter eine Arbeit haben und wenn ja, welche Arbeit (Frage: „Welche Arbeit hat dein Vater?“): Welche Arbeit hat der Vater

Anzahl

Prozentuale Schulabschluß

Kinder

Verteilung

nötig (j/n)

Gärtner, Schuhputzer, Wächter

6

37

n

Verkäufer

2

13

n

Handwerker, Bauarbeiter

2

13

n

Lehrer

2

13

j

Schneider

1

6

j

Mechaniker

1

6

j

Klemptner/Installateur

1

6

j

Verlader/Lastenträger

1

6

n

Arbeitslos

0

0

-

Gesamt

16

100

(69/31)

Tabelle 17: Berufe der Väter

Über 2/3 der Väter sind in Berufen tätig, die keinen Schulabschluss erfordern und als gering qualifizierte Arbeiten gelten. • Tätigkeiten der Mütter Die Kinder wurden befragt, ob die Mütter eine Arbeit haben und wenn ja, welche Arbeit (Frage: „Welche Arbeit hat deine Mutter?“): Welche Arbeit hat die Mutter

Anzahl

Prozentuale Schulabschluß

Kinder

Verteilung

Nötig (j/n)

Verkäuferin auf dem Markt

11

69

N

Lehrerin

2

13

J

Zu Hause/Hausfrau

1

6

N

Haushälterin

1

6

N

Keine Angaben

1

6

Gesamt

16

100

(6/94)

Tabelle 18: Berufe der Mütter

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WS 2001/2002 Seite 180

Anhang

Die meisten der Mütter der MANTHOC-Kinder beschäftigen sich mit dem Verkauf von Gemüse, Obst, Süßigkeiten, etc. sowohl auf dem Markt „La Parada“ wie auch in kleine Geschäften in dem Viertel „La Victoria“.

Arbeitsverhältnisse In diesem Abschnitt wurden die Kinder nach ihrer Arbeitssituation und ihren Arbeitsverhältnissen gefragt. • Tätigkeit Welche Tätigkeit üben die Kinder aus (Frage: „Was arbeitest du?“): Was arbeitest du

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Karten, Kerzen, T-Shirts bedrucken

8

50

Markthelfer/Sortierer

4

25

Verkäufer/Aufpasser

3

19

Schuhputzer

1

6

Keine Arbeit

0

0

Gesamt

16

100

Tabelle 19: Tätigkeiten der Arbeitenden Kinder von MANTHOC

Die Hälfte der interviewten Kinder waren in dem Haus „Yerbateros“ tätig. Dort fertigten Sie Kerzen an, produzierten Karten, bedruckten T-Shirts oder verarbeiteten Recyclingpapier zu Karten und Bilderrahmen. Die Kinder, die einer Betätigung auf dem Großmarkt „La Parada“ nachgingen, beschäftigten sich als Markthelfer/Sortierer202 von Obst und Gemüse (Kartoffeln, Zwiebeln, Zitronen, etc.) oder als Verkäufer von Getränken, Süßigkeiten, Zigaretten und Zeitungen/Zeitschriften. Ein Kind (ein Junge) beschäftigte sich als Schuhputzer. Keines der befragten Kinder war ohne Arbeit. 202

„Sortierer“ sind Kinder, die beim Entladen der Ware helfen, sie nach Qualität, Größe und Beschaffenheit sortieren und später auch an den verschiedenen Ständen entsprechend drapieren und präsentieren.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 181

Anhang

• Beschäftigungsverhältnis Auf die Frage nach dem Beschäftigungsverhältnis, in dem sie ihre Arbeiten ausüben, machten die befragten Kinder folgende Angaben (Frage: „Deine Arbeit ist....?“): Arbeitsverhältnis

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Selbständig

2

12

Nicht Selbständig203

3

19

Pseudo-Selbständig204

11

69

Gesamt

16

100

Tabelle 20: Art des Beschäftigungsverhältnis

Unter dem Punkt der Pseudo-Selbständigkeit fallen auch die Kinder, die im Haus „Yerbateros“ tätig sind, da die dort zur Verfügung stehende Arbeit stark von der momentanen Auftragslage abhängig ist und je nach Saison stark schwankt.

203

Unter „Nicht-Selbständig“ versteht man die arbeitenden Kinder, die über längerer Zeit immer in der gleichen Arbeitsstelle tätig sind. Es existiert kein „echtes“ Arbeitsvertragsverhältnis, vielmehr beruht die Arbeitsstelle auf mündlichen Vereinbarungen und auf Gewohnheiten zwischen den Kindern und dem jeweiligen Arbeitgeber.

204

Mit „Pseudo-Selbständig“ werden die Kinder bezeichnet, die täglich aufs neue auf den Markt gehen und sich dort ihre Beschäftigung für den Tag oder die nächsten Tage suchen müssen. Da sie sich nicht auf einen Arbeitgeber verlassen können ist diese Art des Arbeitsverhältnis vergleichbar der ehemals in Deutschland bekannten Tageslöhnerschaft, die stark von der vorhandenen Auftragslage abhängig ist.

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 182

Anhang

• Arbeitshäufigkeit Unabhängig von der Art des Beschäftigungsverhältnis’ wurden die Kinder nach der Häufigkeit ihrer Arbeit gefragt (Frage: „Wie häufig arbeitest du?“): Arbeitshäufigkeit

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Temporär

8

50

Permanent

7

44

Manchmal/Selten

1

6

Gesamt

16

100

Tabelle 21: Häufigkeit der Arbeit

Die arbeitenden Kinder von MANTHOC, die auf dem Großmarkt beschäftigt sind, arbeiten in allen drei Kategorien. In der Ferienzeit erhöht sich der Anteil der permanent arbeitenden Kinder, innerhalb der Schulzeit arbeiten viele nur temporär am Wochenende. • Abhängigkeiten bei der Arbeit von Dritten Die arbeitenden Kinder von MANTHOC sind bei ihrer Arbeit meist von Dritten abhängig, wobei dies unterschiedliche Personen/Institutionen sein können (Frage: „Von wem bist du abhängig bei der Arbeit?“): Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Werkstatt MANTHOC/Atelier

8

50

Mutter

5

31

Vater und Mutter

2

13

Oma oder andere Personen

1

6

Gesamt

16

100

Abhängigkeit von

Tabelle 22: Abhängigkeit bei der Arbeit

Die Abhängigkeit von MANTHOC ergibt sich aus der Tatsache, dass hier die Arbeit mit den T-Shirts, Kerzen, etc. organisiert wird und die Produkte für MANTHOC hergestellt werden. In all den anderen Punkten resultieren die

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WS 2001/2002 Seite 183

Anhang

Abhängigkeiten hauptsächlich daraus, dass die Eltern als Vermittler auftreten oder aber die Arbeit begleiten und dirigieren bzw. neben ihrer eigentlichen Beschäftigung einer zweiten Tätigkeit nachgehen und die Kinder hier tätig sind (z. B. backt eine Mutter abends Kuchen und Plätzchen und schickt ihr Kind am nächsten Tag damit auf den Markt um diese Dinge zu verkaufen. Das Kind bekommt dann einen gewissen Teil des erwirtschafteten Geldes für sich). • Bezahlung Die Kinder werden unterschiedlich bezahlt, nicht alle erhalten Geld. Auf die Frage nach der Art der Bezahlung (Frage: Wie ist die Bezahlung?“) gaben die befragten Kinder folgende Antworten: Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

Trinkgeld

4

25

Kleidung

4

25

Bargeld/Lohn

6

37

Keine Angaben

2

13

Gesamt

16

100

Art der Bezahlung

Tabelle 23: Art der Bezahlung

„Trinkgeld“ kann in diesem Zusammenhang mehrere Formen haben, es kann sich um Bargeld, Restgeld oder aber auch um Naturalien (Früchte, Getränke, etc.) handeln. Gemein ist bei allen Formen, dass vor Beginn der Arbeit kein Lohn/keine feste Bezahlung ausgemacht wurde, sondern das Kind auf die „Güte“ und Großzügigkeit des Leistungsempfängers angewiesen ist. • Gründe für die Arbeit Wichtig ist die Motivation, die die Kinder für ihre Arbeit haben. Daher wurden sie nach den Gründen für ihre Arbeit gefragt (Frage: „Warum arbeitest du?“):

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WS 2001/2002 Seite 184

Anhang

Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

Weil es mir gefällt

5

31

Weil ich das Geld brauche

9

56

Keine Angaben

2

13

Gesamt

16

100

Warum arbeitest du

Tabelle 24: Gründe für die Arbeit

Über 50% der befragten Kinder arbeiten aus Notwendigkeit heraus, für sie ist das erarbeitete Geld eine notwendige Einkunft für die Familie. Ca. 1/3 der Kinder gab an, nur zu arbeiten, weil es ihnen Spaß machte und gefiele; monetäre Gründe spielten keine Rolle oder seien unwichtig. Arbeitszeiten und -entgelt • Wöchentliche Arbeitstage Die Tage, an denen die Kinder arbeiten, richten sich nach den unterschiedlichsten Faktoren und hängen von vielen verschiedenen Parametern ab. Ohne auf die einzelnen Faktoren eingehen zu wollen, wurden die Kinder danach gefragt, wie oft sie in der Woche arbeiten (Frage: „Wann arbeitest du?“): Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

2 – 3 mal pro Woche

6

38

Montag bis Freitag

4

25

Nur am Wochenende (Sa. u. So.)

4

25

Keine Angabe

2

12

Gesamt

16

100

Arbeitstage/Woche

Tabelle 25: Arbeitstage pro Woche

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 185

Anhang

• Tägliche Arbeitszeit In vielen Fällen gehen die Kinder nicht nach einer bestimmten Stundenzahl oder nach einer bestimmten Menge an Arbeit wieder nach Hause, sondern sie arbeiten solange, bis keine Arbeit mehr vorhanden ist oder aber der Betreuer/Arbeitgeber sie nach Hause schicken. Auf die Frage nach den Arbeitszeiten (Frage: „Wie viele Stunden arbeitest du täglich?“) antworteten die Kinder wie folgt: Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

3 – 6 Stunden

5

31

2 – 3 Stunden

9

56

Nicht geantwortet

2

13

Gesamt

16

100

Tägliche Arbeitszeit

Tabelle 26: tägliche Arbeitszeiten

Diese Angaben beziehen sich immer nur auf die Tage, an denen die Kinder tatsächlich arbeiten. • Arbeitsituation/Begleiterscheinungen Nach der Frage nach den Arbeitszeiten wurden die Kinder nach der Situation bei der Arbeit und auf mögliche Auswirkungen auf andere Bereiche gefragt (Frage: „Gibt es Probleme bei oder durch die Arbeit?“): Gibt es Probleme bei der Arbeit

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Keine

8

50

Werden mißhandelt

2

13

Zu wenig Geld/Lohnt sich nicht/kein Gewinn

3

19

Komme unpünktlich zur Schule

2

12

Keine Antwort

1

6

Gesamt

16

100

Tabelle 27: Probleme bei/durch der/die Arbeit

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 186

Anhang

Während die Hälfte der befragten Kinder angab, bei ihnen gäbe es keine Probleme an ihrer Arbeitsstelle, litten auf der anderen Seite zwei Kinder sogar unter Misshandlungen bei der Arbeit. Weiterhin beklagten Kinder, dass die Arbeit nicht oder kaum lohnend sei oder aber sie durch die Arbeit Probleme hätten, pünktlich die Schule zu besuchen. • Verdienst Die Kinder wurden nach ihrem Verdienst gefragt, wobei als Zeitraum der Monat gefragt wurde, da die Tageseinnahmen stark schwanken können bzw. einige Kinder nur am Wochenende arbeiten und somit kein Aussage auf Tagesbasis getroffen werden könnte (Frage: “Wie viel verdienst du bei der Arbeit im Monat?“) Monatseinkommen (in US-Dollar)

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

$5 - $8

2

13

$8 - $15

4

25

$15 - $20

2

13

$20 - $25

3

18

$25 – $30

5

31

Durchschnittseinkommen

$18,8

Tabelle 28: monatlicher Durchschnittsverdienst in US-Dollar

205

Das Einkommen zwecks besserer Vergleichbarkeit statt in der peruanischen Landeswährung „Sol“ in US-Dollar angegeben, • Einkommensverwendung Die Verwendung des verdienten Geldes wurde von den Kindern mit der Frage „Was machst du mit dem Geld, das du bei deiner Arbeit verdienst?“ wie folgt angegeben:

205

Als Wechselkurs zw. US-$ und dem peruanischen Sol ist vereinfacht das Verhältnis 1: 3,2 zu Grunde gelegt worden.

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WS 2001/2002 Seite 187

Anhang

Anzahl Prozentuale Was machst du mit Deinem Verdienst Nennungen Verteilung Für persönliche Bedürfnisse

6

38

Für meine Familie

4

25

Sparen

2

13

Für mein Vergnügen

3

18

Kine Antwort

1

6

Gesamt

16

100

Tabelle 29: Einkommensverwendung

• Einkommens-Wirkung Mit dieser Frage wurden die Kinder gefragt, wie ihre Eltern bzw. die Personen mit denen sie leben darauf reagieren, wenn sie ohne Einnahmen nach Hause kommen (Frage: „Wie reagieren deine Eltern, wenn du kein Geld nach Hause bringst?“): Anzahl Prozentuale Wie reagieren deine Eltern, wenn du kein Geld bringst Nennungen Verteilung Ich werde geschlagen

1

6

Meine Eltern schimpfen mit mir

2

13

Sie sagen garnichts

13

81

Gesamt

16

100

Tabelle 30: Reaktionen der Eltern, wenn Kinder kein Geld bringen

Der überwiegende Anteil der Kinder gibt an, zuhause keine negativen Reaktionen befürchten zu müssen, wenn sie kein Geld nach Hause bringen. Ca. 20% der Kinder müssen jedoch mit Beschimpfungen oder sogar mit Schlägen rechnen, sollte das von den Kindern erwartete Zubrot zum Alltag ausbleiben.

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WS 2001/2002 Seite 188

Anhang

Bildungsproblematik • Schulbesuch Auf die Frage: „Gehst du zur Schule?“ gaben die Kinder folgende Antworten: Schulbesuch

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Ja

12

75

Nein

3

19

Keine Antwort

1

6

Gesamt

16

100

Tabelle 31: Schulbesuch

75% der befragten Arbeitenden Kinder gehen regelmäßig zur Schule, ein Kind verweigerte die Antwort auf die Frage. • Jahrgangsstufe Mit dieser Frage wurde die Zugehörigkeit zu einer Jahrgangsstufe von den Kindern erfragt (Frage: „In welcher Klasse bist du?“): Jahrgangsstufe

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

2

12,5

Primaria Quinto

10

50,0

Primaria Cuarto

2

12,5

Nicht i. d. Schule

4

25,0

Gesamt

16

100,0

Sekundaria

206

Tabelle 32: Klassenzugehörigkeit/Jahrgangsstufe

Die Antworten der Kinder auf diese Frage lassen vermuten, dass die Antwort „keine Angaben“ aus dem vorhergehenden Kapitel von einem Kind kam, das ebenfalls nicht die Schule besucht.

206

In Peru dauert die Grundschule (Primaria) 5 Jahre, das Gymnasium (Sekundaria) beginnt mit dem 6. Schuljahr.

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WS 2001/2002 Seite 189

Anhang

• Schulischer Werdegang Hier sollten die Kinder Angaben über ihren schulischen Werdegang machen (Frage: „Bist du schon einmal sitzen geblieben?“): Sitzengeblieben

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Ja

14

87,5

Nein

2

12,5

Gesamt

16

100,0

Tabelle 33: Anzahl der „Sitzenbleiber“

Direkt daran anschließend wurden die Kinder nach den aus ihrer Sicht dafür verantwortlichen Gründen gefragt (Frage: „Aus welchem Grund bist du sitzen geblieben?“) Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

Keine Lust zu lernen/zu müde von der Arbeit

3

21,50

Die/Der Lehrer/in war nicht gut

8

57,00

Ich gehe nicht regelmäßig zur Schule

1

7,25

Ich gehe garnicht zur Schule

2

14,25

Gesamt207

14

100

Gründe für das „Sitzenbleiben“

Tabelle 34: Gründe für das „Sitzenbleiben“

Die Kinder, die nicht bzw. nicht mehr zur Schule gehen, wurden nach den Gründen gefragt, warum sie der Schule fernbleiben (Frage: „Warum bist du nicht in der Schule?“):

207

Die beiden Kinder, die noch nicht sitzen geblieben waren, haben sich bei dieser Frage enthalten.

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WS 2001/2002 Seite 190

Anhang

Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Verteilung

Die Schule gefällt mir nicht

0

-

Wurde nicht mehr in der Schule aufgenommen

1

-

Gehe lieber arbeiten

1

50

Gesamt208

2

50

Warum nicht in der Schule

Tabelle 35: Gründe für den Nicht-Besuch der Schule

Das Kind, das als Grund angab, es werde nicht mehr von den Schulen aufgenommen, ist schon 2 mal in einem Jahrgang sitzen geblieben. Bei jeder Bewerbung an einer neuen Schule muss dies angegeben werden und führt dann fast automatisch dazu, dass die Schule das Kind ablehnt. In Peru gibt es zur Zeit mehr Schüler als Schulplätze, daher können die Schulen auswählen, wenn sich ein neues Kind bewirbt. Schulen bevorzugen Kinder, die noch keine Probleme hatten gegenüber Kindern, die schon einmal sitzen geblieben sind oder sonstige Probleme hatten. Dies trifft sowohl auf private wie auf staatliche Schulen zu und führt im Extremfall dazu, dass Kinder überhaupt nicht mehr zur Schule gehen, da keine sie aufnimmt. Das zweite Kind erklärte, es sei ihm lieber zu arbeiten und zu spielen als in die Schule zu gehen. Die Schule mochte es gar nicht.209

Gesundheitsproblematik • Aktueller Zustand Die Kinder sollten sich über ihren aktuellen Gesundheitszustand äußern (Frage: „Wie geht es dir gesundheitlich?“), wobei der subjektive Eindruck der Kinder gefragt war und kein medizinischer Rat eingeholt bzw. keine medizinische Untersuchung durchgeführt wurde.

208

Bei der geringen Anzahl der Antworten ist keine Repräsentanz gewährleistet.

209

Peru hat eine allgemeine Schulpflicht, jedoch wird diese in den sozial schwachen Stadtteilen nicht streng verfolgt und obliegt in diesen Sozialschichten eher der Fürsorgepflicht der Eltern/ Erziehungsberechtigten denn einer staatlichen Aufsicht.

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WS 2001/2002 Seite 191

Anhang

Aktueller Gesundheitszustand

Anzahl

Prozentuale

Kinder

Verteilung

Bist Du krank

3

19

Bist Du gesund

11

69

Weiß nicht

2

12

Gesamt

16

100

Tabelle 36: aktueller Gesundheitszustand (subjektiv)

Zwei der befragten Kinder wollten zu ihrem Gesundheitszustand keine Angaben machen bzw. gaben an, sie wüssten nicht, ob sie krank seien bzw. Krankheiten hätten. • Krankheiten Historie Die Kinder sollten angeben, welche Krankheiten sie in der Vergangenheit schon hatten und an welche sie sich erinnern konnten (Frage: Welche Krankheiten hattest du schon in deinem Leben?“). Befragt wurden wieder alle 16 Kinder: Anzahl

Prozentuale

Nennungen

Anteil

1. Desnutrition/Unterernährung210

3

18,75

2. Extremer Hautausschlag/Hautexeme

4

25,00

3. Starke Bronchialkrankeiten

9

56,25

4. Starke Magen-Darm-Krankheiten/-Infektionen

11

68.75

5. Läuse

13

81,25

6. Flöhe

1

6,25

Krankheiten

Tabelle 37: Krankheitshäufigkeit

210

Unterernährung ist hier als Mangelernährung zu verstehen, d. h. dass nicht die Menge der Nahrung problematisch ist, sondern die Einseitigkeit und der Mangel an bestimmten Nährstoffen, z. B. Eisen, Magnesium, etc.

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WS 2001/2002 Seite 192

Anhang

Abbildung 63: Anzahl der erkrankten Kinder je Krankheit

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 193

Anhang

Abbildung 64: Carlos: Der Zeitungsverkäufer

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 194

Anhang

Abbildung 65: Danny: Verkäufer und Lastenträger auf dem Markt

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 195

Anhang

Abbildung 66: Pilar Rocio: Stolz auf MANTHOC, ihre Organisation

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 196

Verzeichnisse

Verzeichnisse Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: NATs von MANTHOC während einer Demonstration für Kinderrechte ......................................................................................... 37 Abbildung 2: Demonstration gegen das Verbot der Kinderarbeit in Peru/Lima, 10. Mai 2001 ......................................................................................... 39 Abbildung 3: Demonstration gegen ILO-Konvention 138 in Peru/ Lima, 10. Mai 2001 ............................................................................................... 40 Abbildung 5: Mittagessen in der Mensa eines MANTHOC Haus ................. 48 Abbildung 6: Aufbauorganisation MANTHOC .............................................. 54 Abbildung 7: Programm zum 1. Bildungstreffen der pädagogischen Begleiter und Mitarbeiter von MANTHOC, Lima 29. Mai 1999............................. 64 Abbildung 8: MANTHOC-Kinder demonstrieren für die Anerkennung ihres Protagonismus’ ..................................................................................... 70 Abbildung 9: Lehr- und Studiengebiete MANTHOCs ................................... 74 Abbildung 10: Hausputz in „Yerbateros“ ...................................................... 81 Abbildung 11: Wäsche waschen .................................................................. 81 Abbildung 12: Mensa im Haus „Yerbateros“ ................................................ 82 Abbildung 13: Hausaufgabenbetreuung 1.................................................... 83 Abbildung 14:Hausaufgabenbetreuung 2..................................................... 83 Abbildung 15: Spielzimmer im Haus „Yerbateros“ ....................................... 84 Abbildung 16: Freizeit im Haus „Yerbateros“ ............................................... 84 Abbildung 17: Ausbildung der nationalen Vertretern von MANTHOC .......... 85 Abbildung 18: Training (1)............................................................................ 87 Abbildung 19: Training (2)............................................................................ 87 Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 197

Verzeichnisse

Abbildung 20: Ausbildung in der Kartenfertigung durch Ivanna Lamos Grageda................................................................................................ 88 Abbildung 21: Präsentation der Karten vor Kunden ..................................... 89 Abbildung 22: Arbeitsmittel der Kartenherstellung ....................................... 90 Abbildung 23: Materialvorbereitung ............................................................. 91 Abbildung 24: Kartenerstellung (1)............................................................... 91 Abbildung 25: Kartenerstellung (2)............................................................... 91 Abbildung 26: Typisches peruanisches Motiv – Hirten und Lamas in den Bergen der Anden................................................................................. 93 Abbildung 27: Muster ................................................................................... 94 Abbildung 28: Druckwerkzeuge ................................................................... 94 Abbildung 29: Ausrichtung der Druckvorlagen ............................................. 94 Abbildung 30: Bemahlen der Druckplatten-1 ............................................... 95 Abbildung 31: Bemahlen der Druckplatte-2 ................................................. 95 Abbildung 32: Bedrucken der T-Shirts ......................................................... 95 Abbildung 33: Entfernen der Druckstempel ................................................. 96 Abbildung 34: Korrektur (1) .......................................................................... 96 Abbildung 35: Korrektur (2) .......................................................................... 97 Abbildung 36: Korrektur (3) .......................................................................... 97 Abbildung 37: Trocknen der T-Shirts ........................................................... 97 Abbildung 38: Papierreißen (1) .................................................................... 99 Abbildung 39: Papierreißen (2) .................................................................... 99 Abbildung 40: Mischen des Papiers........................................................... 100 Abbildung 41: Papiererstellung (1)............................................................. 101 Abbildung 42: Papiererstellung (2)............................................................. 101 Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 198

Verzeichnisse

Abbildung 43: Papiererstellung .................................................................. 102 Abbildung 44: Papier, trocken .................................................................... 102 Abbildung 45: Recyclingpapier mit Blüten (1) ............................................ 102 Abbildung 46: Recyclingpapier mit Blüten (2) ............................................ 102 Abbildung 47: Brotstube (1) ....................................................................... 103 Abbildung 48: Brotstube (2) ....................................................................... 103 Abbildung 49: Bäckereiladen ..................................................................... 104 Abbildung 52: Kerzen, bereit zum Verkauf................................................. 107 Abbildung 53: Verpacken von Kerzen........................................................ 107 Abbildung 54: Peruanisches Mädchen in Schuluniform ............................. 112 Abbildung 55: Liz bei der Kartenproduktion ............................................... 118 Abbildung 56: Silver ................................................................................... 120 Abbildung 57: arbeitendes Mädchen auf dem Markt „La Parada“.............. 127 Abbildung 58: Bedrucktes T-Shirt mit typischen Motiven ........................... 128 Abbildung 59: Kinder bei den Hausaufgaben im Haus „Yerbateros“.......... 129 Abbildung 60: Analyse und Handlungsebene nationaler Gesellschaften ... 136 Abbildung 61: Vertreter von MNNATSOP bei der Demonstration in Lima, 10. Mai 2001 ............................................................................................. 168 Abbildung 62: Verhältnis von arbeitenden Personen zur Gesamtbewohnerzahl eines Haushalts .............................................. 177 Abbildung 63: Anzahl der erkrankten Kinder je Krankheit.......................... 193 Abbildung 64: Carlos: Der Zeitungsverkäufer ............................................ 194 Abbildung 65: Danny: Verkäufer und Lastenträger auf dem Markt ............ 195 Abbildung 66: Pilar Rocio: Stolz auf MANTHOC, ihre Organisation........... 196

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WS 2001/2002 Seite 199

Verzeichnisse

Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Vergleich Grundschulprogramm Peru (staatlich)/MANTHOC...... 73 Tabelle 2: Zusammenspiel der Lehrpläne und Erfahrungsgebiete unter Berücksichtigung der Schulklassen ...................................................... 75 Tabelle 3: Abgabepreise Karten MANTHOC ............................................... 92 Tabelle 4: Abgabepreise T-Shirts MANTHOC ............................................. 97 Tabelle 5: „Klassischer“ Erziehungsstil vs. „moderner“ Erziehungsstil....... 108 Tabelle 6: Geschlechterverteilung.............................................................. 173 Tabelle 7: Altersverteilung ......................................................................... 174 Tabelle 8: Aufenthaltsdauer in Lima........................................................... 174 Tabelle 9: Gründe für Umzug nach Lima ................................................... 175 Tabelle 10: Anteil der Kinder, die mit Vater u. Mutter leben....................... 175 Tabelle 11: Wohnungsverhältnisse ............................................................ 176 Tabelle 12: Prozentualer Anteil der Arbeiter pro Haushalt ......................... 176 Tabelle 13: Schulbildung des Vaters.......................................................... 178 Tabelle 14: Schulbildung der Mutter .......................................................... 178 Tabelle 15: familiäre Probleme .................................................................. 179 Tabelle 16: Arten der familiären Probleme................................................. 179 Tabelle 17: Berufe der Väter...................................................................... 180 Tabelle 18: Berufe der Mütter .................................................................... 180 Tabelle 19: Tätigkeiten der Arbeitenden Kinder von MANTHOC ............... 181 Tabelle 20: Art des Beschäftigungsverhältnis ............................................ 182 Tabelle 21: Häufigkeit der Arbeit................................................................ 183 Tabelle 22: Abhängigkeit bei der Arbeit ..................................................... 183

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WS 2001/2002 Seite 200

Verzeichnisse

Tabelle 23: Art der Bezahlung.................................................................... 184 Tabelle 24: Gründe für die Arbeit ............................................................... 185 Tabelle 25: Arbeitstage pro Woche............................................................ 185 Tabelle 26: tägliche Arbeitszeiten .............................................................. 186 Tabelle 27: Probleme bei/durch der/die Arbeit ........................................... 186 Tabelle 28: monatlicher Durchschnittsverdienst in US-Dollar .................... 187 Tabelle 29: Einkommensverwendung ........................................................ 188 Tabelle 30: Reaktionen der Eltern, wenn Kinder kein Geld bringen........... 188 Tabelle 31: Schulbesuch............................................................................ 189 Tabelle 32: Klassenzugehörigkeit/Jahrgangsstufe..................................... 189 Tabelle 33: Anzahl der „Sitzenbleiber“ ....................................................... 190 Tabelle 34: Gründe für das „Sitzenbleiben“ ............................................... 190 Tabelle 35: Gründe für den Nicht-Besuch der Schule................................ 191 Tabelle 36: aktueller Gesundheitszustand (subjektiv)................................ 192 Tabelle 37: Krankheitshäufigkeit ................................................................ 192

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WS 2001/2002 Seite 201

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WS 2001/2002 Seite 202

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WS 2001/2002 Seite 203

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WS 2001/2002 Seite 204

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Liebel, Manfred

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Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 205

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Kinderarbeit, Frankfurt/M., 1998.

Albert Recknagel (Hrsg.) Liebel, Manfred;

Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von

Overwien, Bernd;

und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999

Recknagel, Albert (Hrsg) MANTHOC

Informe De La Primera Jornada De Fromación De Los Colaboradores De Lima (Programm zum 1. Bildungstreffen der Pädagogischen Begleiter und Mitarbeiter von Lima)

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 206

Verzeichnisse

MANTHOC

Hablando de MANTHOC, Lima, 1998

Nuschler, Franz;

„Kinderhände – Kinderarbeit in der Dritten Welt“, 1.

Große Oetringhaus,

Auflage, 1998 (Terre des Hommes Buch)

Hans-Martin Nuschler, Franz;

Lern- und Arbeitsbuch der Entwicklungspolitik, Bonn

Martin, Hans

1996

Perroget, Tom

Die spanische Eroberung in Polyglott „Peru“, Langenscheidt Verlag, München 1999/2000, S. 4554

Pohlmann, Uwe

Keine Zeit, kein Spiel: Kindheit im Armenhaus Lateinamerikas; Frankfurt/M. 1984

Ritsert; Jürgen

Gerechtigkeit und Gleichheit in: Westfälisches Dampfboot, Münster, 1997

Roggenbuck, Stefan

Marginalität und Verwahrlosung von brasilianischen Kindern und Jugendlichen, Bochum 1998

Schibotto, Giangi

Unsichtbare Kindheit – Kinder in der informellen Ökonomie, Frankfurt/M. 1993

Schibotto, Giangi

Ninos Trabajadores Construgendo Una Identidad, Lima 1990

Schibotto, Giangi

Arbeitende Kinder und Jugendliche – die neuen Subjekte in: Manfred Liebel, Bernd Overwien, Albert Recknagel (Hrsg): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern, Frankfurt/M., 1999

Schibotto; Giangi

Wer sind die arbeitenden Jungen und Mädchen in: Liebel, M.; Overwien, B.; Recknagel, A. (Hrsg), Arbeitende Kinder stärken, Frankfurt/M. 1998

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 207

Verzeichnisse

Schibottto, Giangi;

Unidad 1, Actores Sociales y Movimientos Populares

Figueroa, Elvira;

America Latina, Lima 1996,

Cussináovich, Alejandro; (Hrsg), Smith, L. Michael;

Mosaik einer Andennation in Polyglott „Peru“,

Elgar, Richard

Langenscheidt Verlag, München 1999/2000, S. 7784

Terre des Hommes

Die UN-Konvention über die Rechte der Kinder, Osnabrück 1996

UNICEF

Kinderarbeit - Zur Situation der Kinder auf der Welt 1996, Frankfurt/M. 1995

UNICEF

Zur Situation der Kinder in der Welt 1998, Frankfurt/N. 1997

UNICEF

Zur Situation der Kinder auf der Welt – Schwerpunkt: Das Recht auf Bildung, Frankfurt/M. 1999

Unmüssig, Barbara

NGO WEED, in Weltwirtschaft, 1999

Valencia; Tello; Rojos Acción para los Niños, in: INFADES, Lima 1998 (Aktionen für die Kinder) Veneros, Manuel

Sobres los Derechos de los Niños y Adoloescentes,

Vereau

Lima 1999 (Über die Rechte der Kinder und Jugendlichen)

von Dücker, Uwe

In extremer Armut, in extremen Reichtum und auf der Straße lebende und arbeitende Kindern bei der Entwicklung eigenständiger Kulturmerkmale, 1996, in: Karin Holm/Jürgen Dewes (Hrsg), Neue Methoden der Arbeit mit Armen am Beispiel Straßenkinder und arbeitender Kinder – Dokumentation einer internationalen Tagung in der FH Düsseldorf 1995,

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WS 2001/2002 Seite 208

Verzeichnisse

Frankfurt/M. 1996 von Dücker, Uwe

Die Kinder der Straße - Überleben in Südamerika. Frankfurt/M., 1992

von Hagen, Adriana;

Von der Kolonie zur Republik in Polyglott „Peru“, Langenscheidt Verlag, München 1999/2000, S. 5364

Regierung Peru

Codigo de Niños y Adolescentes Trabajadores,

(Hrsg)

Derechos del Niño y el Adolescente, Lima 1996 (Kinder- und Jugendgesetz Perus – Übersetzung der Autorin)

Quellenverzeichnis www.auswaertiges-amt.de

Auswärtige

Amt

der

Bundesrepublik

Deutschland www.casa-alianza.org

Casa Alianza – unabhängige gemeinnützige Organisation für Straßenkinder

www.inei.gob.pe

Instituto

Nacional

de

Estadistica

e

Informatica del Peru www.larepublica.com.pe

Größte Tageszeitung Perus, vergleichbar mit der FAZ in Deutschland oder „El Pais“ in Spanien

www.oneworldweb.de

Eidiare’s mediengesellschaft mbH

www.wissen.de

wissen.de GmbH

Personenverzeichnis/Interviewpartner •

Alejandro Cussiánovich Villaran, Ex-Priester, Philosoph und Pädagoge, begleitet den christlichen Arbeiterjugendverband JOC und die Kinderbewegung MANTHOC seit ihren Anfängen; Mitgründer des Instituto de

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Verzeichnisse

Pedagogia Popular, des Instituto de Formación para Educadores de Jóvenes, Adolescentes y Niños Trabajadores (ifejant) in Lima (Peru) und der internationalen Zeitschrift „NATs“ •

Moises Bazan, Vorsitzender des nationalen Koordinationsausschuss der Schulen von MANTHOC



Julio Gonzales Ruiz (Dozent): Repräsentant von Lima für das Schulprogramm MANTHOCs



Jovanna Cruz, Carlos Mucha u. Rosario Trujillo: Nationaldelegierte von MNNATSOP



LIZ, 14 Jahre, lebt in Lima und arbeitet bei MANTHOC, Peru. Sie war nationale Delegierte von MANTHOC in Lima für das Jahr 2000 und wurde im Rahmen dieser Diplomarbeit von der Autorin interviewt.



Silver, 13 Jahre, lebt in Lima und arbeitet als Schuhputzer. Silver wurde von der Autorin im Rahmen dieser Arbeit interviewt.



Ivanna Lamos Grageda: pädagogische Leiterin der Kartenwerkstatt im Haus „Yerbateros“



Edwin: pädagogischer Leiter des Shirt-Drucks im Haus „Yerbateros“



Ana Clara: Nonne der Gemeinschaft Hermanitas de la Asunción, Leiterin des Häuserprogramms von MANTHOC



Christian Salazer Volkmann; Vertreter von UNICEF Deutschland

Abkürzungsverzeichnis AND

Asamblea

Naciaonal

de

Delegados



National-

versammlung der Delegierten von MANTHOC CEAS

Comision Episcopal de Action Social

CIR

Christliche Initiative Romero

CND

Comision Nacional de Delegados ⇔ Kommission der natil

D l

i t

MANTHOC

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WS 2001/2002 Seite 210

Verzeichnisse

onalen Delegierten MANTHOCs Comain

Comision municipal de ayuda infantil (frei übersetzt: Institution für die Sorge und Ernährung der Familie)

DIM

Dormitorio Infantil Municipal

IESA

Internationale Entwicklung und Soziale Arbeit e.V.

IFEJANT

Instituto de Fromación de Educadores de Jóvenes, Adolescentes y Niños Trabajadores de América Latina y el Caribe «M. G. Schmitz», Lima/Peru (Institut für die Fortbildung von MitarbeiterInnen der Bewegung arbeitender Kinder)

ILO

International Labour Organization, Internationale Arbeitsorganisation; UN-Organisation für die Förderung der Arbeitsbeziehungen, seit 1919, Sitz in Genf

INABIF

Instituto National de Alimentación y Bienestar Infantil (Nationales Institut zur Versorgung und Wohl des Kindes)

IPEC

International Program on the Elimination of Child labour (Programm der internationalen Arbeitsorganisation zur Beseitigung von Kinderarbeit)

IPPS

Instituto Peruano de Seguridad Sozial (frei übersetzt: Institut für sozial sichere Arbeit)

JOC

Juventud Obrera Cristiana ⇒ Christlich orientierter Arbeiterjugendverband (Peru)

MANTHOC

Movimiento de Adolescentes y Niños Trabajadores Hijos de Obreros Cristianos (Bewegung der Kinder und Jugendlichen aus christlichen Arbeiterfamilien), die erste soziale Bewegung arbeitender Kinder Lateinamerikas, die 1976 in Peru entstand

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WS 2001/2002 Seite 211

Verzeichnisse

MNMMR

Movimiento Nacional de Meninos e Meninas da Rua, gegründet 1985 in Brasil

MNNAPSOP

Movimiento Nacional de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores Organizados del Perú (Nationale Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Perus); Jiron Enrique Villar 967; San Juan de Miraflores, Lima; Zusammenschluß von ca. 40 Gruppen und Organisationen arbeitender Kinder in Peru

NATs

„Niñas, Niños, y Adelescentes trabajadores“ (In Südamerika übliche Bezeichnung für die sich organisierenden arbeitenden Kinder und Jugendlichen)

NGO

Nicht-Regierungsorganisation

OIT

Organisación Internaciónal del Trabajo (siehe ILO)

ProNAA

Programa

Naciónal

de

Alimentación

para

Niños

(Nationales Ernährungsprogramm für Kinder) ProNATs

Programa de atención integral para NATs

UN

United Nations (Vereinigte Nationen)

UNESCO

UN-Hilfsorganisation zur Förderung von Kultur und Bildung

UNICEF

Kinderhilfswerk der Vereinigten Nationen (United Nations Int. Children’s Emergency Fund); Kinderhilfswerk in über 140 Ländern, Friedensnobelpreis 1965; seit 1945 Sitz in New York

Erstellt durch: Carmen Sofia Sombra de Longwitz; Matr.-Nr.: 11006166 14 Betreuerin: Frau Prof. Dr. S. Tschöpe-Scheffler

WS 2001/2002 Seite 212

Eidesstattliche Erklärung

Hiermit versichere ich, die Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt zu haben.

Köln, 10. November 2001

__________________________________ Carmen Sofia Sombra de Longwitz

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