DIE LEBENSPHASEN IM ALTER

March 24, 2017 | Author: Max Baumgartner | Category: N/A
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1 Prof. Dr. Rolf G. Heinze RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM DIE LEBENSPHASEN IM ALTER Vortrag beim 6. GENERALI-Zukunftssympo...

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Prof. Dr. Rolf G. Heinze RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM

DIE LEBENSPHASEN IM ALTER Vortrag beim 6. GENERALI-Zukunftssymposium „Das Dritte Leben. Von der Vielfalt der Nacherwerbsphase“

Köln 26./27. Juni 2014 Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft | Ruhr-Universität Bochum (RUB) Wissenschaftlicher Direktor | Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der RUB Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

Altersgrenzen aus historisch-rechtlicher Sicht  Mit der Einführung der Sozialversicherungen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen Altersgrenzen an Bedeutung: „Aus dem Greis wurde ein Rentner“ (Schulte 2014). Begründet wurden die Grenzen mit den „typischerweise“ auftretenden gesundheitlichen Einschränkungen im Alter – allerdings bspw. erst mit 70 für Invaliditäts- und Altersversicherte in den Verordnungen von 1891 (später mit 65).  Seit Ende der 60er Jahre hat in Europa ein Absenken der Altersgrenze eingesetzt – in manchen traditionell industriell geprägten Regionen (etwa im Ruhrgebiet) wurden schon viele Arbeitnehmer in der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen „Frührentner“ (auch aus strukturpolitischen Erwägungen/sh. ehemalige DDR). Für viele Arbeitnehmer ist diese Lebensphase ein „Anrecht“ und wird verteidigt.  Demgegenüber stieg die Lebenserwartung weiter an – bspw. lebt ein Mann heute rund 10 Jahre länger als noch vor 40 Jahren und auf gesellschaftspolitischer Ebene schwang das Pendel von Belastungen zu Potentialen des Alters herum. In diesem Kontext wurde auch die traditonelle 65er-Grenze in Deutschland auf 67 erhöht.  Derzeit tobt ein Streit zwischen den Akteuren der Frühverrentungsstrategien und denen einer optionalen Strategie des Erwerbsaustritts oder der Koppelung der Erwerbszeit an die Lebenserwartung. Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

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Pluralisierung des Alters  Gerade für das Alter gilt, dass Lebensläufe und Lebensphasen immer unterschiedlicher gestaltet und gelebt werden. Altern wird also zunehmend durch plurale Verlaufsformen und Individualisierung gekennzeichnet. Dies ist mit sozialen Wandlungsprozessen einerseits und der zeitlichen Ausdehnung der Altersphase und längerer Lebenserwartung andererseits zu erklären. Genauso wie die Lebensphase zwischen 30 und 50 „bunter“ geworden ist, gilt dies für das Alter.  Das chronologische Alter eignet sich allerdings nur noch für eine grobe Abgrenzung des risikobehafteten hohen Alters (ab ca. 85 Jahre), aber nicht mehr als generelles Distinktionsmerkmal. Die Altersphase erreicht heute nicht selten über 30 Lebensjahre; d.h. konkret, es geht bei vielen Menschen (insbes. Frauen) um mehr als ein Drittel des Erwachsenenlebens und nicht um die „Restzeit“ des Lebens.  In der Gerontologie wird schon seit langem nach Abgrenzungen der Lebensphase gesucht. Verbreitete Einteilung „junges Alter“ (55/65), „mittleres/normales Alter“ (65/75), „hohes Alter“ (75–85/90) und Hochaltrigkeit“ (ab 85/90).  Bei allen Abgrenzungen nach Alter tritt subjektiv das gleiche Phänomen auf: Jeder fühlt sich jünger – möchte aber vielfach eher in Rente bzw. Pension gehen, um diese Lebensphase noch geniessen zu können! Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

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Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft | Ruhr-Universität Bochum (RUB) Wissenschaftlicher Direktor | Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der RUB Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

Konsumorientierte Differenzierungen im Alter  Aus der Perspektive des Seniorenwirtschaft gibt es Differenzierungen im Verbraucherverhalten nach Wertorientierungen und Lebensstilen. Während aus soziologischer und gerontologischer Perspektive die Konzeptualisierung altersbezogener Lebensstile eher skeptisch bis kritisch betrachtet wird, haben mittlerweile alle großen Marktforschungsinstitute Typologien zur Segmentierung der Älteren entwickelt.  So untergliedert z. B. das IFAK Institut für Markt- und Sozialforschung nach dem kalendarischen Alter in die Gruppen „Vor-Senioren“ mit 50- bis 60-Jährigen, „junge Senioren“ mit 60- bis 70-Jährigen und „ältere Senioren“ ab einem Lebensalter von 70 Jahren. Die Psychonomics AG bezieht in die Zielgruppe der Älteren bereits die 45-Jährigen mit ein und unterscheidet zwischen den „future seniors“ (ca. 45–60 Jahre), „jungen Senioren“ (ca. 60–75 Jahre) und „alten Senioren“ (ab ca. 75 Jahren).  Bekannt geworden sind sowohl in der Konsumforschung als auch der politischen Einstellungs- und Wahlforschung die Sinus-Milieus, die „griffige“ Gruppen bilden und regelmäßig an gesellschaftliche Strömungen angepasst werden (in den letzten Jahren aufgrund der gewachsenen Pluralisierungs- und Individualisierungstrends ausgeweitet).

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Gesellschaftliche Milieus

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Gesellschaftliche Milieus - Altersschwerpunkte

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Gesellschaftliche Milieus – 50plus

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Individualisierung, Heterogenität und Polarisierung  Über 65-Jährige sind vor allem in den von traditionellen Werten wie „Pflichterfüllung“ und „Ordnung“ geprägten sozialen Milieus überrepräsentiert, in modernen Milieus hingegen unterrepräsentiert bzw. nicht vertreten („Performer“). Auch in anderen Untersuchungen werden Lebensstilgruppen ausgewiesen, in denen Ältere überproportional vertreten sind. Dabei handelt es sich zumeist um die „traditionell, zurückgezogen Lebenden“ bzw. „Sicherheitsorientierten“.  Ein zentraler Grund ist, dass die heute alten Menschen aufgrund ihrer biographischen Bedingungen noch eher an materialistischen Werten ausgerichtet sind. Die Varianz der sozialen Milieus ist hier relativ beschränkt; bei den „jungen Alten“ der 50- bis 65-Jährigen zeigt sich hingegen aufgrund des Ansteigens hedonistischer Lebensvorstellungen eine größere Pluralisierung.  Generell gilt: die Lebensphasen im Alter sind nach Funktionen zu unterscheiden. Wenn die Wohnwünsche älterer Menschen analysiert werden (ein zentraler Lebensbereich), dann zeigt sich bei Älteren eher eine Kumulation bei den „konventionellen“ und „häuslichen“ Wohntypen. Aber auch hier gibt es eine hohe Varianz mit Blick auf die sozialen Lagen (Einkommen/Vermögen).

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Wohnen im Alter differenziert sich aus  Gegenwärtig konzentriert sich die Wohnraumplanung zu sehr auf ein klassisches Bild vom Alter und wenn nach Lebensstilgruppen im Alter unterschieden wird, dann hat man zumeist die „konventionell-situierten“ und „solide-bescheidenen“ im Blick. Veränderungswünsche an die Wohnsituation sind hier eher selten (hohe Zufriedenheiten auch in der Generalistudie 2013).  Zukünftig wird sich die Gruppe der Älteren stärker pluralisieren und neue „moderner“ aufgestellte Gruppen selbstbewusster auftreten. Diese werden neue Wohntechnologien und eine attraktive Wohnumgebung präferieren.  Dadurch bekommen auch neue Wohnformen für Senioren jenseits der klassischen Altenheime Aufwind (primär aber nur für bestimmte vermögende Altersgruppen/Gefahr der Polarisierung).  Da sich die Phase des „Wohnens im Alter“ immer weiter verlängert, sind spezifische Angebote für das traditionelle Alter überholt. Der Trend geht in Richtung altersübergreifender Wohnquartierkonzepte mit wohnungsnahen Serviceleistungen. Es geht primär nicht mehr um die Wohnung, sondern um das Wohnen und das bedeutet sozialräumliche Vernetzung.

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Neue Lebensstiltypologien für Senioren  Aufgrund der gewachsenen Individualisierung und Heterogenisierung blühen immer weitere Typenbildungen nach Lebensstilen wie Familienverhältnisse, Wertorientierungen, ökonomische Lage, Freizeit- und Wohnpräferenzen auf.  Benannt nach Zeitschriftentiteln (Kramer/Pfaffenbach, Wie die Senioren der Zukunft wohnen, 2013):  1. „Meine Familie und ich“  2. „Hörzu“  3. „Schöner Wohnen“  4. „abenteuer und reisen“  (2 – 4 stellen das „moderne Bildungsbürgertum“ dar)  5. „Fit For Fun“  6. „Rolling Stone“  (5 und 6 sind neue Lebensstilgruppen unter Älteren und leben eher in Großstädten)

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Bessere Versorgung und Ansprache durch Differenzierung  Im Bereich altersgerechten Wohnens zeigt sich die Relevanz zielgruppenspezifischer Kommunikation, um bspw. ein selbstständiges Leben im Alter zu ermöglichen. Es gibt nicht „den“ älteren Mieter, vielmehr existieren verschiedene „Wohntypen“ – von häuslich-familiär über solide-bescheiden bis hin zu konventionell-situiert und kommunikativ-dynamisch („Wohntrends 2020“).  Verschiedene empirische Untersuchungen weisen auf die selektive Nachfrage nach Dienstleistungen und Technik im Alter hin; pauschal ansetzende Konzepte etwa zu „smart homes“ oder anderen Formen vernetzten Wohnens sind deshalb auch weitgehend gescheitert. Bei Potentialberechnungen und Prognosen über SmartHome-Lösungen oder telemedizinische Verfahren ist also Vorsicht geboten.  Neben dem chronologischen Alter und dem Gesundheitszustand sind die Einbindung in Familien und soziale Netzwerke für differenzierte, lebensphasenspezifische Wohnwünsche bedeutsam.  Notwendig sind demgegenüber nicht nur im Wohnbereich spezifische, an die Lebenswelt ansetzende und die Leitbilder der älteren Zielgruppen reflektierende Handlungsstrategien.

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Angebote aus der Gerontologie und der Soziologie 

Alter wird aus Sicht der Interaktionssoziologie nicht biologisch definiert, sondern sozial: Im Gegensatz zur traditionellen Altersforschung, die bestimmt, wann man alt ist und vielen sozialpolitisch motivierten Konzepten, für die das Alter ein soziales Problem darstellt, wird in neueren konstruktivistischen Studien, die auf Inklusion setzen, die Kategorie ,Alter' selbst auf ihre Bedeutung überprüft. Am Beispiel etwa von Altenheimen wird nachgewiesen, dass primär die Organisationsperspektive das Altersbild bestimmt und gegenüber der „Berücksichtigung individueller Bedürfnisse alter Menschen“ dominiert (Saake, Lebensphase Alter, in Abels et al, Lebensphasen 2008).



„Als heterogene Gruppe lassen sich alte Menschen zwar beobachten, aber nicht einheitlich über das gemeinsame Merkmal ,Alter' beschreiben“. „Wer nur nach Alter fragt, kann nicht sehen, wie wenig die meisten Kommunikationen im Leben eines alten Menschen mit dem Thema ,Alter‚ zu tun haben“ (a.a.O., 250/277)



Abels: „ Die scharfe Differenzierung soll zeigen, wie die Erklärungen der Soziologie, was alte Menschen sind, immer widerspiegeln, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Die Geschichte der soziologischen Perspektiven ist auch eine Geschichte der wachsenden eigenen Bestimmung der Rolle des alten Menschen“ (2008, 8).



D.H.: Gerade die nachwachsenden Kohorten, die von pluralen Milieus und Individualisierung geprägt sind, werden auch den Prozess des Alterns gestalten wollen. Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

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Pluralisierung hat das Alter erreicht  Studien zeigen, dass unterschiedliche biographische Bedingungen, Lebensformen, Lebensstile sowie Selbst- und Fremdbilder auch im Alter wirksam werden.  Der sozialstrukturellen Differenzierung des Alters entspricht die Zunahme der intraindividuellen Variabilität älterer Menschen, d. h. eine wachsende Differenzierung von individuellem Altern und Alter(n)serleben. Empirische Befunde zeigen, dass Flexibilität, Mobilität und Selbstständigkeit in sämtlichen Altersgruppen über 50 Jahre deutlich zugenommen haben.  Selbst innerhalb einer Altersphase bestehen signifikante Unterschiede in wichtigen Dimensionen - nach Geschlecht, Familienstand, sozialem Status oder ethnischkultureller Herkunft.  Während einzelne Gruppen im Vergleich zu früheren Generationen ihre Potentiale weitaus besser nutzen können und auch im hohen Alter noch einen „Selbstwerdungsprozess“ (Andreas Kruse) erleben, fühlen sich andere ausgegrenzt.  Mit dem Übergang in die berufsfreie Zeit beginnen generell neue Lebensphasen mit neuen Zielen und Ansprüchen, allerdings wird diese Altersphase mit ihren Zeitpotentialen nicht immer „produktiv“ genutzt, manche vereinsamen auch.

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Neuverhandlung des Alters: vom Ruhestand zum Aktivposten?  Aus: Denninger et al, Leben im Ruhestand, Bielefeld 2014  Sinn- und soziogenetische Typenbildung durch Überlagerung verschiedener sozialstruktureller Merkmale (Einkommen, Bildung) mit Spezifika der „Kontextwelten“ (Paarbeziehung, Freundeskreis, Gesundheitszustand, Ost/West etc). Basis sind 50 Interviews (wobei sich 21 explizit als alt bezeichneten, 25 verorten sich in einer „Kontinuität des Erwerbslebens“).  Sechs Typen des vielfältigen „Nacherwerbslebens“:  - Der zufriedene Ruhestand  - Der geschäftige Ruhestand  - Der verhinderte Ruhestand  - Der Unruhestand  - Das produktive Alter  - Das gebremste Alter Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

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Relevante Lebensphasen im Alter  Wenn auch bei den nachrückenden Kohorten die Variabilität in den Lebensphasen noch zunehmen wird, kann folgendes zeitliches Orientierungsschema hilfreich sein: 

- Auszug der Kinder bzw. „empty nest“

 - Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, Beginn der „späten Freiheit“ (mehr freie Zeit, Neuorganisation und Umstrukturierung von Zeit und Kontakten)  - Beginn des sogenannten „jungen“ (aktiven) Alters (mehr Reisen, steigendes Interesse an Wellness und gesundheitsfördernden Angeboten)  - Großelternschaft, „intergenerationell sorgendes Alter“ (Sparen und Geschenke für die Enkelkinder, materielle und ideelle Unterstützung der jungen Familie)  - Beginnende funktionale Einschränkungen: „vorpflegebedürftiges Alter“ (mehr Ausgaben für Gesundheitserhaltung und Vorsorge, veränderte Mobilitätsmuster)/bei über 75-Jährigen schränken Gesundheitsprobleme ein  - Tod des Partners/der Partnerin, Überlebendenhaushalt, „singularisiertes Alter“ (z. B. erneuter Wohnortwechsel ggf. in die Nähe der Kinder)  - Übergang in spezielle Wohnformen (etwa Betreutes Wohnen, Altenheim)

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Soziale Polarisierung zwischen den Wohnorten wächst  Während die Ressource Zeit immer reichlicher verfügbar wird, wird der Zugriff auf die immer wohlfahrtsrelevantere Ressource Geld für wachsende Teile der Älteren zukünftig problematischer. Daraus entwickelt sich ein politisch-sozialer Handlungsbedarf nach neuen und zusätzlichen institutionellen Arrangements der Wohlfahrtsproduktion (etwa Genossenschaften, lokale Selbsthilfegruppen etc.).  Neue Organisationsbildungen werden dadurch erschwert, dass die sozialräumlichen Differenzierungen zunehmen, Wohnquartiere entwickeln sich unterschiedlich. Einige Quartiere boomen, andere haben ihren hohen sozialen Status erhalten und wieder andere geraten in eine Abwärtsspirale. Hier wohnen oft auch viele ältere Menschen, die nicht so einfach die Wohnung wechseln können und deshalb diesem Marginalisierungsprozess weitgehend „ausgeliefert“ sind. 

„Die binnenzentrierten Sozialhomogenitäten und Abschließungstendenzen nehmen wieder erheblich zu, während über Jahrzehnte Öffnung und Durchlässigkeit gewachsen waren. Die Deutschen verlieben sich wieder innerhalb der eigenen Sozialschicht, sie heiraten und wohnen im eigenen Milieu“ (F. Walter 2014, in Hoeft et al, Wer organisiert die „Entbehrlichen“?).

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Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, Arbeit und Wirtschaft | Ruhr-Universität Bochum (RUB) Wissenschaftlicher Direktor | Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der RUB Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

Zwischen Engagement und Prekarisierung 

Aus: Denninger et al, Leben im Ruhestand, Bielefeld 2014

 Konstatiert wird eine erhebliche Bandbreite des Lebens im Alter „in Abhängigkeit

von den Orientierungen und Wünschen einerseits und den Möglichkeiten ihrer Realisierung andererseits. Die zufriedenen Ruheständler und die Unruheständlerinnen unserer Untersuchung schaffen es, ihr Nacherwerbsleben in gewünschter Weise ruhig und entpflichtet respektive autoproduktiv aktiv zu gestalten und damit im Großen und Ganzen das Leben zu führen, das sie sich wünschen“ (378).



„Mehrheitlich monieren die Produktiven, dass das unbezahlte familiäre und gesellschaftliche Engagement staatlich und gesellschaftlich nicht hinreichend gewürdigt werde, auch problematisieren nicht wenige die Gefahr der Ausnutzung der unbezahlten Arbeitskraft“ (378).



„Wenn die finanziellen Mittel für sportliche, kulturelle und soziale Aktivitäten, aber auch für ein ehrenamtliches Engagement fehlen, das ja häufig keineswegs kostenneutral ist, wird das Win-win-Versprechen für eine stetig größer werdende Gruppe zur Farce. Während die Gebremsten mit Blick auf die von ihnen gewünschten auto- und heteroproduktiven Aktivitäten im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst werden, findet gleichzeitig eine Zwangsaktivierung in schlecht bezahlte Minijobs statt“ (379).

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Resümee  Die Phase des Alters wird sich weiter verlängern, ist nicht mehr ein „Lebensrest“, sondern bestimmt über Jahrzehnte die Lebenswelt. Negative Stereotypen werden nach hinten verschoben, es kommt zu einer „Neuverhandlung des Alters“.  Belastungsszenarien des Alters werden an Bedeutung verlieren, demgegenüber richtet sich der Blick auf das Humanvermögen. Diese Fokussierung auf Potentiale ist in seinen individuellen Wirkungen z.T. ambivalent: Einige erleben ihn als „Produktivitätspeitsche“, für andere eröffnet er neue Spielräume.  Die sozialstrukturellen und lebensstilbezogenen Differenzierungen nehmen weiter zu. Alle Typologien des Lebens im Ruhestand sind aber temporäre Konstrukte, die unterschiedlichen Zielsetzungen dienen. An der Veränderung der Altersschwellen bei der subjektiven Gesundheit (gehen nach „oben“) wird es exemplarisch sichtbar.  Sozioökonomische Polarisierungen werden im Alter zunehmen, auch die „Armut im Alter“. Ob der subjektiv erlebte Stress im „flexiblen Kapitalismus“ zu einer frühzeitigen Flucht in die „späte Freiheit“ oder die Ruhestandsjahre zum „produktiven Alter“ führen, wird sozial differieren und hängt auch von den Gelegenheitsstrukturen ab.

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Wege zu einer „altersfreundlichen Kultur“ (Kruse)  Die Potentiale des Alters werden stärker thematisiert werden (auch der Hochaltrigen!), allerdings werden pauschale Strategien etwa nach dem Motto einer politischen Aktivierung des Alters (als Ressource eines schrumpfenden Wohlfahrtsstaates) nicht greifen.  Soziale Technologien zur besseren Nutzung der im Alter vorhandenen Zeitressourcen (durch Zeitbänke, soziales Engagement in allen Variationen, aber auch Genossenschaften etc.) sind zu erproben und sollten gefördert werden. Der Aufbau lokaler Ermöglichungsstrukturen für die Potentialentwicklung und verwirklichung sowie „sorgender Gemeinschaften“ muss in das Zentrum der Altenund Demografiepolitik gerückt werden.  Im intelligenten und effizienten Zusammenwirken des Familiennetzwerkes, Freunden, professionellen Dienstleistungsanbietern und bürgerschaftlich Engagierten liegt die Zukunft einer gelingenden Sorge für ältere Menschen mit Unterstützungsbedarf. Dabei kann angeknüpft werden an die konzeptionellen Debatten um eine Neugestaltung des Wohlfahrtsmix und Neustrukturierung des Subsidiaritätsprinzips. Das nahe Wohnumfeld als Kontaktstützpunkt und die quartiersbezogene soziale Infrastruktur gewinnen hier besondere Bedeutung. Prof. Dr. ROLF G. HEINZE

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Von der segmentierten zur lebensphasenorientierte Politik  Lebensphasen spielen nicht nur im Alter eine zentrale Rolle; sie sollten generell in Fragen der Gesellschaftsgestaltung stärker berücksichtigt werden.  Allerdings mangelt es in Deutschland an „sozialer Lebenslaufpolitik“ (Naegele 2010) – wie auch politikfeldübergreifenden Konzepten („Silodenken“). Gewandelte Lebensläufe und damit verbundene Risiken erfordern neue strategische Entwürfe.  Das Versorgungsparadigma muss in Richtung besserer Potentialnutzung überwunden werden. Hierauf zielt das Konzept des active ageing, das aber oft einseitig auf Produktivitätsansprüche an Ältere reduziert wird. Es geht aber um integrierte, lebensphasenbezogene Gestaltungsmöglichkeiten, die sich auch um sozial benachteiligte Ältere kümmern. Eine Kernidee ist die aktive Verbindung des „Für-sich-etwas-Tun“ und des „Für-andere-etwas-Tun“.  So sind bspw. im sozialräumlichen Kontext, unterstützt durch öffentliche Infrastruktur, Begegnungsmöglichkeiten (Gelegenheitsstrukturen) für verschiedene Lebensphasengruppen (nicht nur intergenerationell) zu schaffen, die Mitverantwortung realisieren und trotzdem die Würde jeder Gruppe respektieren.

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Danke für Ihre Aufmerksamkeit! Kontakt: Prof. Dr. Rolf G. Heinze Ruhr-Universität Bochum  0234/32-22981  [email protected] http://www.sowi.rub.de/heinze

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