Die Kieferorthopädie im Kanton Solothurn

June 9, 2016 | Author: Kilian Dunkle | Category: N/A
Share Embed Donate


Short Description

Download Die Kieferorthopädie im Kanton Solothurn...

Description

Die Kieferorthopädie im Kanton Solothurn Rudolf Schwitzer, Olten/SO, 2015

Das Spezialfach Kieferorthopädie, beziehungsweise Orthodontie (Zahnregulierung) hat sich in den letzten fünfzig Jahren als wichtiges Teilgebiet der Zahnmedizin auch im Kanton Solothurn etabliert. Die Prävention, Diagnose und Therapie von Fehlstellungen der Kiefer und Zähne erlangte immer grössere Bedeutung. Gerne sei darum ein Versuch unternommen, aus Anlass der Zentenarfeier der Zahnärztegesellschaft des Kantons Solothurn (ZGSO) auch die Entwicklung der Spezialdisziplin Kieferorthopädie zu würdigen.1 Das Ziel dieses Faches ist im Wesentlichen ein vierfaches: Es geht erstens darum, die beste Balance und Harmonie der menschlichen Gesichtszüge zu erreichen. Zum zweiten sollen Zähne und Zahnhalteapparat nach der Behandlung stabil bleiben. Drittens muss die Gesundheit des Mundgewebes und viertens ein effizienter Kaumechanismus erreicht werden. Das erste systematische Lehrbuch über Kieferorthopädie hat der amerikanische Zahnarzt Edward H. Angle (1855-1930)

Zu den Schriften anderer Kantone siehe etwa Frei, Eduard: 100 Jahre Zahnärzte-Gesellschaft Basel. Ein Beitrag zur Geschichte der Basler Medizin 1886-1986. Basel 1986. Leisibach, Moritz: 100 Jahre ZahnärzteGesellschaft des Kantons Zürich. Konzept und Redaktion: Eugen Dolder. Zürich 1988. - Oetterli, Roland; Schmidt, Hugo: 100 Jahre Luzerner ZahnärzteGesellschaft LZG 1889-1989. Luzern 1989. - Ettlin, Eugen: 100 Jahre Thurgauer Zahnärzte-Gesellschaft, 1907-2007. Frauenfeld 2007. 1

verfasst; es erschien 1913 auch im deutschen Sprachraum.2

Abb. 1 Portrait aus der Zweitausgabe von Edward H. Angles klassischem Lehrbuch in deutscher Übersetzung von 1913. Das Werk des „Vaters der Kieferorthopädie“ stammt aus der Bibliothek von Dr. med. dent. Alois Schwitzer (1899-1958), Oftringen. Zwei Pioniere Kieferorthopädie

der

Schweizer

Die Wünschbarkeit einer Spezialisierung im Bereich der Kieferorthopädie war anfangs innerhalb der Zahnärzteschaft keineswegs unumstritten. Eine Pionierrolle im Fach und in dessen standespolitischer Positionierung kam zweifel2 Angle,

Edward H.: Behandlung der Okklusionsanomalien der Zähne. Berlin 1908. - Angle, Edward H.: Die Okklusionsanomalien der Zähne. 2. deutsche umgearb. und verm. Aufl. Berlin 1913. 1

los dem Zürcher Professor Rudolf Hotz (1905-1979) zu. Dieser Arzt und Zahnarzt lehrte das Fach Orthodontie zunächst in einer Unterabteilung der Chirurgie, bis er 1946 eine selbständige Abteilung übernehmen konnte. Diese schloss die Prophylaxe und die Schulzahnpflege mit ein.3 Seit 1960 hiess das Arbeitsgebiet von Professor Hotz „Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin“,4 und zwischen 1962 und 1964 amtete der Lehrstuhlinhaber sogar als Dekan der Medizinischen Fakultät. Rudolf Hotz hat seine wissenschaftliche Forschung stets auf die praktische Anwendbarkeit ausgerichtet. Als hoher Offizier mit Aktivdiensterfahrung forderte er von seinen Assistenten strikte Disziplin, war ihnen aber zugleich ein väterlicher Förderer und eine zeitlebens prägende Lehrerfigur.5 Gemeinsam mit dem Berner Professor Paul Herren6 (1913-2008) gehörte Flückiger, Jürg: Die Entwicklung der Kieferorthopädie in Zürich. Diss. med. dent. Zürich 1987. - Allgemeiner siehe Wirsching, Rüdiger: Biographische Grundlagen zur Geschichte der Kieferorthopädie im deutschsprachigen Raum. Diss. med. dent. Köln 1973. 4 Die Universität Zürich 1833-1983. Festschrift zur 150-Jahr-Feier. Hg. vom Rektorat der Universität Zürich. Gesamtred. Peter Stadler. Zürich 1983, S. 435, 440, 682, 707. 5 Stöckli, Paul W.: Professor Dr. Rudolf P. Hotz. 13.5.1905 – 2.10.1979. In: Jahresbericht der Universität Zürich, 1979/80, S. 97-98. Siehe auch Steiner, René: Wissenschaftliche Arbeiten von Abteilungsvorstehern des Zahnärztlichen Institutes der Universität Zürich. Diss. med. dent. Zürich 1995. 6 Seit 2009 wird von der Klinik für Kieferorthopädie der Universität Bern 3

Rudolf Hotz 1957 zu den Mitbegründern der Schweizerischen Kieferorthopädischen Studiengruppe (SKS), heute Schweizerische Gesellschaft für Kieferorthopädie (SGK). Ziel dieser vorerst lockeren Gruppe war es, in einem kleinen Kreis spezialisierter Kollegen orthodontische Fragen diskutieren zu können.7

Abb. 2 Rudolf Hotz (1905-1979), Pionier der Kieferorthopädie in der Schweiz und Professor für Kieferorthopädie und Kinderzahnheilkunde an der Universität Zürich (Privatbesitz Rudolf Schwitzer, Olten).

Bald schon stellte sich aber auch die Spezialisierungsfrage unter den Schweizer Zahnärzten, welche ihre Gesellschaft lange beschäftigen sollte. Vor allem die zahnärztlichen Institute in Zürich und Bern unterstützten diesen Trend, wie er ein internationaler Forscher im Bereich der Kieferorthopädie mit dem „Paul Herren Award“ ausgezeichnet. 7 Schär, Bernhard: Harmonie mit Biss. Zur Geschichte der Kieferorthopädie und der Zahnärzteschaft im schweizerischen Gesundheitswesen. Studie zum Jubiläum der Schweizerischen Gesellschaft für Kieferorthopädie 1957-2007. Biberist 2007, S. 60. 2

in den USA selbstverständlich war, den Schweizer Zahnärzten in der Privatpraxis hingegen anfänglich recht fremd, ja bedrohlich erschien. Doch die zwei Gutachten der Professoren Hotz und Herren zuhanden der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO) überzeugten: Die steigende Nachfrage der Bevölkerung nach kieferorthopädischen Leistungen und die Überforderung der Universitätsinstitute rief zwingend nach einer Spezialisierung. Auch war die SSO seit 1960 auf Spezialisten angewiesen, um die Interessen der Zahnärzte bei kieferorthopädischen Leistungen gegenüber der Invalidenversicherung (IV) zu vertreten.8 In den sechziger Jahren liess sich eine spürbare Entspannung erkennen: Die SSO stimmte der Spezialisierung zu, sofern die Anerkennung als Spezialist der Öffentlichkeit gegenüber nicht bekannt gemacht wurde. So sollte das heikle Problem von Statusunterschieden durch die Spezialisierung umgangen werden. Dennoch legten die Ausführungsbestimmungen mit einer zwingend erforderlichen Fachprüfung die Latte für Spezialisten recht hoch. Der aus der Zürcher Schule von Hotz stammende Oltner Praktiker Rudolf Schwitzer betonte 1972 in der Fachkommission der SKS mit Nachdruck, „dass die Spezialisierung geschaffen wurde, um die Bevölkerung besser zu versorgen und nicht, um den Ehrgeiz eines einzelnen Zahnarztes zu befriedigen“.9 Damit widersetzte er sich einem Perfektionierungsprozess, der ein Idealgebiss anstrebte, welches für DurchSchweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO 1886-1986. Zürich 1986. 9 Schär (2007), S. 71.

schnittspatienten schlichtweg unerschwinglich und auch unnötig war. Rudolf Schwitzer befürchtete eine «Amerikanisierung» der Kieferorthopädie in dem Sinne, dass sie ihre soziale und ethische Aufgabe vernachlässige und sich zu sehr von pekuniären Interessen leiten lasse. Nicht eine immer aufwändigere Kieferorthopädie, sondern eine breiten Bevölkerungsschichten zugängliche Kieferorthopädie sollte im Zentrum stehen. Als Teil der medizinischen Wissenschaften sollte die Kieferorthopädie schwere Gebissanomalien therapieren und nicht aus rein ästhetischen Gründen eingreifen. Es ging nicht darum, mit maximalen Mitteln ein perfektes Resultat zu erzielen, sondern mit einfachen Mitteln optimal zu heilen.10 Durch den Einbezug der Kieferorthopädie in die Invalidenversicherung erreichte die Fachgesellschaft von der SSO 1979, dass der Spezialisten-Titel öffentlich gemacht werden durfte. Daraus erwuchs aber umgekehrt die Forderung, die fachzahnärztliche Spezialisierung nach einer etwas largen Phase in den siebziger Jahren wieder strenger zu kontrollieren. Dazu dienten eine vorgeschriebene Anzahl Fallberichte und strenge Prüfungsrichtlinien, die allerdings teilweise wiederum als zu selektiv kritisiert wurden. Die Spezialisten kamen nicht vornehmlich wegen den Leistungen der IV zu einem ausreichenden Einkommen, sondern weil ihnen die allgemein praktizierenden Kollegen die schwereren kieferorthopädischen Patientinnen und Patienten überwiesen.

8

10

Schär (2007), S. 72. 3

Die kieferorthopädische Fachgesellschaft und deren Prüfungswesen war aus den Universitäten heraus durch die Professoren Hotz und Herren und deren Assistenten gegründet worden, um die Qualität der Ausbildung mittels Nachdiplomstudium sicherzustellen. Dies erhöhte auch den Druck auf Basel und Genf, ihre universitären kieferorthopädischen Institute auszubauen. Tatsächlich hob sich 1974 beziehungsweise 1980 das Niveau der dortigen Ausbildung durch Neuberufungen stark an. Die Universität Basel ernannte in Ermangelung eines strukturierten kieferorthopädischen Unterrichts Jürg Wüthrich aus Aarau und Rudolf Schwitzer aus Olten zu Fachvertretern.11 Für die Festlegung des Ausbildungsstandards beanspruchten die Universitäten die Zuständigkeit, und mitunter musste der Fachverband Vorwürfe entkräften, er verlange mehr als die Universitäten und missbrauche die Prüfungen gar als nachträgliches Selektionsinstrument. Die schrittweise Einführung der Personenfreizügigkeit schloss seit 2004 die gegenseitige Anerken-nung der Facharzttitel mit ein, ebenso wie die volle Einbindung in die In-validenversicherung. Es zeigte sich bald, dass die hohen Anforderungen der Schweiz nicht in allen EU-Staaten gestellt werden, was zu einer gewissen Diskriminierung der Schweizer gegenüber den aus dem Ausland stammenden Kolleginnen und Kollegen führte.

11

Schär (2007), S. 140.

Verstaatlichung durch Invalidenversicherung? Nach Jahrzehnte langem politischem Ringen trat 1960 die Invalidenversicherung (IV) auf Bundesebene in Kraft. Zusätzlich zur Finanzierung von Wiedereingliederungsmassnahmen und IV-Renten sollte das Sozialversicherungswerk auch die Behandlung von so genannten „Geburtsgebrechen“ bis zum 20. Altersjahr gemäss entsprechender Liste in der Vollzugsverordnung einschliessen. Einige der beschriebenen Krankheitsbilder betrafen Fehlstellungen von Kiefer und Zähnen und fielen damit ins Gebiet der Zahnheilkunde. Die IV wie auch das Krankenversicherungswesen führten innerhalb der Ärzte- wie der Zahnärzteschaft zu lebhaften Auseinandersetzungen auf einem durchaus weltanschaulichen Hintergrund. Die bürgerliche Gruppe setzte grundsätzlich auf Eigenverantwortung der Patienten, auf Beschränkung zugunsten der wirklich Bedürftigen und auf ein freigewerbliches Berufsbild der Mediziner. Nicht ganz zu Unrecht – wie die seitherige Kostenentwicklung zeigt – warnte schon Professor Rudolf Hotz davor, dass die IV durch Missbrauch und zu weit gehende Begehrlichkeiten gefährdet werden könnte.12 Andersdenkende Ärzte und Zahnärzte betonten hingegen den Rechtsanspruch auf soziale Leistungen und die wichtige regulierende Rolle des Staates auch im Gesundheitswesen. Die kieferorthopädische Fachschaft innerhalb der SSO war zwar einerseits begünstigt durch die IVLeistungen, befürchtete aber nachdrücklich, dass die Kieferorthopädie in 12

Schär (2007), S. 92. 4

staatliche Abhängigkeit geraten könnte. Auf dem Spiel stand nicht weniger als der Verlust jeglicher Honorar- und Behandlungsfreiheit. Darum bemühten sich die Kieferorthopäden nach Kräften um präzise und enge Definitionen auf der IV-Liste; dies geschah zweifellos im Interesse der Wahrung ihres freien Berufsstandes, wie auch zum Schutz des Sozialwerkes vor übertriebenem Anspruchsdenken. 1968 gründete die Schweizerische Gesellschaft für Kieferorthopädie die sogenannte „Fachkommission“ als geschäftsführendes Organ. In diesen Gremien wirkte der Oltner Rudolf Schwitzer bis 1974 als Sekretär mit. Er amtete auch in den Subkommissionen für die IV und für die Spezialisierungsprüfung. Zu den wichtigsten Geschäften gehörte die Kompetenz zur Diagnostizierung der kieferorthopädischen Geburtsgebrechen auf der Liste der Invalidenversicherung. Die Einführung des Spezialistentitels „Kieferorthopäde SSO“ diente in den siebziger Jahren nicht zuletzt dazu, die Universitätsinstitute von IV-Gutachten zu entlasten. In der Praxis zeigte sich, dass die Kieferchirurgen rascher bereit waren, kieferorthopädische Massnahmen – gerade auch im ästhetischen Bereich – der öffentlichen Hand anzulasten. Wegen dieser restriktiven Haltung wurden die Schweizer Kieferorthopäden vom Bundesamt für Sozialversicherungen ausdrücklich gelobt; diese hätten nämlich „den saubersten Stall in der ganzen Medizin“.13 Rudolf Schwitzer wirkte ausserdem also Vertrauenszahnarzt der Pro Infirmis, einer Privatstiftung für behinderte 13

Schär (2007), S. 139.

Menschen, die in Härtefällen auch kieferorthopädische Behandlungen finanziert. 1971 führte er nach dem Vorbild seines Lehrers Rudolf Hotz einen Fernröntgenbildapparat mit der gesamten Schädelform in die Oltner Praxis ein; dieses erleichterte sowohl die Diagnose, wie die zu wählende Behandlung, speziell bei Invaliditätsfällen.14

Die „Brestenberg-Kurse“ im Solothurner Jura Zu den Besonderheiten der kieferorthopädischen Weiterbildung gehörte das Kurswesen. Durch intensive Schulungen mit fachkundigen Referenten über mehrere Tage an geeigneten Örtlichkeiten wurden nicht nur die neusten Fachkenntnisse vermittelt, sondern auch Kollegialität und Freundschaft gepflegt. Seit 1962 führte Professor Rudolf Hotz seine „St. Moritzerkurse“ durch, wo sich Arbeit und Skifahren abwechselten. Er vertrat dezidiert die Auffassung, dass die Spezialisten die Weiterbildung ihrer allgemeinpraktizierenden Kollegen in ihrer Wohnregion organisieren sollten – sie seien keine Konkurrenten, sondern Berater. Hotz erkannte zudem, dass die in den USA üblichen festsitzenden Apparaturen den in Europa angewandten herausnehmbaren Hilfsmitteln oftmals überlegen waren.15 Die Rahm, Hans-Rudolf : Die Bedeutung des Fern-Röntgenbildes für den Allgemeinpraktiker. In: Spezialisten fördern Praktiker. Brestenberg-Kurse in Kieferorthopädie. In: Dental-Revue 6 (1983), S. 13-18. 15 Hotz, Rudolf : Festsitzende Apparaturen in der Kieferorthopädie. Technik und Methodik. Unter Mitarbeit 5 14

Hotz-Schüler Hans-Rudolf Rahm, Jürg Wüthrich und Rudolf Schwitzer besuchten deshalb vom 29. Oktober bis 16. November 1969 einen anspruchsvollen kieferorthopädischen Kurs bei Professor O. Meyer im französischen Les Baux-de-Provence, einem wunderschönen Dorf mit riesiger Burgruine.16 1970/71 folgten drei Kurse beim renommierten Madrider Professor Cervera. Dieser hatte die neusten amerikanischen Entwicklungen – etwa in der Anwendung mechanischer Mittel – genau studiert, sie aber den europäischen Verhältnissen angepasst.17 Schon 1968 hatte Schwitzer mit Rahm und Wüthrich in Balsthal ein wöchiges Abendseminar für seine Solothurner Kollegen organisiert. 1971 veranstaltete er mit Rahm und Wüthrich einen Kieferorthopädie-Kurs in Bad Ramsach für die Sektion Baselland, in Stettlen für die Berner, in Winterthur für die Schaffhauser und 1972 in Brestenberg für die Aargauer. Bald entstand der Wunsch, dieses Weiterbildungsangebot auszuweiten. In besonderem Mass mit dem Kanton Solothurn verbunden sind die sogenannten „Brestenberg-Kurse“ für Allgemeinpraktiker. Drei Viertel der damaligen SSO-Mitglieder haben dieses kieferorthopädische Weiterbildungsangebot genutzt. Zwar fand nur das erste Treffen im heute privat genutzten von Ludwig Rinderer, Elfriede HerzogSpecht, Paul Stöckli und Rudolf Schwitzer. Nachdruck 1970. Bern / Stuttgart / Wien 1970. 16 Les chirurgiens-dentistes de plusieurs pays sont réunis en congrès aux Baux. In : Le Provencal, 14. Novembre 1969. 17 Spezialisten fördern Praktiker. Brestenberg-Kurse in Kieferorthopädie. In: Dental-Revue 6 (1983), S. 7.

Schloss Brestenberg am aargauischen Hallwilersee statt. Doch schon im nächsten Jahr wurde das Hotel Bad Lostorf Gastgeber für Teilnehmer aus der ganzen Schweiz. Die Idee der drei befreundeten Kieferorthopäden bestand darin, die breite Bevölkerung besser zu versorgen; sie sahen die Rolle der Spezialisten in der Vermittlung des Wissens und Könnens zwischen Universität und Allgemeinpraktikern. Die Kursleiter waren im Gegensatz zu den meisten nachrückenden jüngeren Spezialisten stark in der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO verankert, wirkten aber auch in der Fachgesellschaft mit. Hans-Rudolf Rahm betrieb 1962 bis 2000 eine Privatpraxis in Schaffhausen und war 1970 gemeinsam mit Pierre Neukomm aus Zürich schweizweit der erste offizielle Spezialist in Kieferorthopädie. Jürg Wüthrich, seit 1966 mit eigener Praxis in Aarau, erlangte 1972 den Titel eines Kieferorthopäden SSO, gleichzeitig mit dem seit 1967 in Olten tätigen Rudolf Schwitzer. Die Kurse wurden bis 1983 jährlich im solothurnischen Lostorf wiederholt.18 Im Schlusswort des Kurses von 1978 fassten die Leiter ihr Credo zusammen: „Wir haben keine Angst, dass wir weniger verdienen werden, wenn wir Ihnen all unsere Tricks aus unseren Praxen weitergeben. Wir streben zu Ihnen ein Vertrauensverhältnis an, damit wir mit Ihnen zusammen die Bevölkerung gewissenhaft betreuen können. Wir bekämpfen die Mentalität der amerikanisierten Superorthodontie, die in einer Enge des Herzens und einer beschränkten Geisteshaltung arrogant und von oben herab mit dem Allgemeinprak18

Dental-Revue 6 (1983), S. 3-20. 6

tiker umspringt.“19 Es fehlten auch nicht die Erinnerung an den Wert des Individuums und das Bekenntnis zum humanistischen Menschenbild der europäischen Kultur. Ein Referat behandelte etwa die „Betrachtung des menschlichen Antlitzes im Wandel der Zeit“.20 Das Signet der Kurse – die drei von Albrecht Dürer 1528 in einen Raster gesetzten Gesichtstypen - war das Kurslogo. Die drei „Brestenberger“ Kurstage waren straff durchorganisiert; auf die Vorträge folgten manuelle Gruppenarbeiten, Fallbearbeitungen und Patientenvorstellungen. Die Tage endeten jeweils mit einem professionell geführten Fitnessprogramm.21

Ein Fall aus den Brestenberger Kursen fand sogar Eingang ins Standardwerk „Mandibular Growth Anomalies“ des bedeutenden Zürcher Kieferchirurgen Hugo L. Obwegeser.22 Dass der Verfasser Rudolf Schwitzers Praxis in Solothurn statt in Olten verortete, war international gesehen ein kleiner Lapsus, welcher bei den Solothurnern allerdings für Heiterkeit sorgte. Der weltläufige Österreicher Obwegeser wusste natürlich nichts von kleinräumigen, innerkantonalen Rivalitäten, die denen zwischen Zürich und Basel ungefähr gleichkommen.

Abb. 3 Albrecht Dürer 1528: Gesichtstypen

Schwitzer, Rudolf: Schlusswort Kurs III, Brestenberg-Kurs, 18.5.1978. 20 Schwitzer, Rudolf: Die Betrachtung des menschlichen Antlitzes im Laufe der Zeit. In: Spezialisten fördern Praktiker. Brestenberg-Kurse in Kieferorthopädie. In: Dental-Revue 6 (1983), S. 19-20. 21 Siehe z.B. das Detailprogramm für Instruktoren, Brestenberg-Kurse 1977. 19

Obwegeser, Hugo L.: Mandibular Growth Anomalies. Terminology, Aetiology, Diagnostics, Treatment. Berlin / Heidelberg / New York 2001, S. 150156, siehe auch S. 225-229. 7 22

Solothurns Pionierrolle in der Schulzahnpflege Schulzahnkliniken nach dem Vorbild anderer schweizerischer Städte schuf Solothurn im Jahr 1916, also nur gerade ein Jahr nach Gründung der kantonalen Zahnärzte-Gesellschaft (ZGSO). Die Industriestadt Olten folgte diesem Beispiel 1923.23 Heute existieren auf dem Kantonsgebiet fünf Schulzahnkliniken, wobei sich dort weit über die Hälfte der Kollegen als meist nebenamtliche Schulzahnärzte engagieren. In den Anfangszeiten taten sie es rein idealistisch, ohne jedes Gehalt. Es handelte sich um eine Art sozialen Frondienst.24 Das freisinnige Gedankengut, dem sich damals die Mehrzahl der Solothurner Zahnärzte verpflichtet fühlte, hatte ja in diesem Kanton einen betont sozialen Einschlag und reichte weit in die Arbeiterschaft hinein. Aber auch die katholischkonservative Minderheit unter den Standesgenossen stellte sich vorbehaltlos hinter eine öffentlich getragene Schulzahnpflege. Zwischen 1948 und 1963 tagten die Zahnärzte des Kantons ausnahmslos im freisinnigen «Rössli» in Zum Grundsätzlichen siehe Stoppany, Giovanni A.: Kritik, Wesen und Ziele der Schulzahnklinik und die Möglichkeiten zu deren Durchführung. Zürich 1926. Zu einzelnen Schulzahnkliniken: Wuhrmann-Skoruppa, Alice: Die Schulzahnklinik der Stadt Luzern, 19081941. Luzern 1941. - Sigron, Sabina Lucretia: 100 Jahre Schulzahnklinik Zürich. Diss. med. dent. Zürich 2009. 24 Saladin, Roland: … et nos mutantur in illis. Festrede anlässlich der 75-JahrFeier der Zahnärzte-Gesellschaft des Kantons Solothurn am Samstag, 18. August 1990. In: SWISS DENT 11 und 12 (1990/91), Separatdruck, S. 11. 23

Balsthal, bis man sich auch einmal ins gegenüber liegende konservative «Kreuz» wagte. Und heute tagt die Gesellschaft sogar im «roten» Restaurant «Flügelrad» in Olten. Es war der freisinnige Kollege Hermann Uhlmann, Zahnarzt in Langendorf, der sich im Kantonsrat dem Anliegen der Schulzahnpflege kenntnisreich und energisch annahm.25 1944 schlug der Kanton nach entsprechender Parlamentsberatung ein kantonales Gesetz über die Schulzahnpflege vor – das erste in der ganzen Schweiz. Diese Vorlage wurde am 29. Oktober vom Solothurner Souverän gutgeheissen. Im November 1945 – mittlerweile schon in Friedenszeiten – folgte die zugehörige Vollziehungsverordnung. Dabei sollte die gesamte Solothurner Schuljugend durch präventive Massnahmen vor Zahnschäden möglichst bewahrt oder durch angemessene Behandlung geheilt werden. Die regelmässigen Untersuchungen durch den Schulzahnarzt wurden obligatorisch erklärt. Zur Therapie der festgestellten Schäden konnten die Eltern zwischen einem Privatzahnarzt oder dem amtlichen Schulzahnarzt wählen. Die öffentliche Hand unterstützte die Behandlung je nach Möglichkeiten der Eltern.26 1993 zog sich der Kanton wegen der angespannten Finanzlage allerdings aus der Finanzierung zurück.

Uhlmann, Hermann: 50 Jahre Zahnärzte-Gesellschaft des Kantons Solothurn, 1915-1965. Denkschrift. Solothurn 1965. 26 Wick, Rudolf: Die Schulzahnpflege – eine Pionierleistung, die Schule machte. In: SWISS DENT 11 und 12 (1990/91), Separatdruck, S. 26-27. 25

8

Gerade kieferorthopädische Probleme sollten ja möglichst bei allen Schichten bereits im Kinder- und Jugendalter festgestellt werden. Im Jahr 1972 wurde das Schulzahnpflegegesetz durch die Kieferorthopädie ergänzt, und zwar nach entsprechenden Vorstössen durch den Kantonszahnarzt Bruno Tschan aus Solothurn, sowie Rudolf Schwitzer aus Olten. Die beiden waren die ersten Kieferorthopäden SSO im Kantonsgebiet. Sie führten eine „Schwerebewertungsliste“ ein, deren erste Fassung mit Vorgabe von sagittalen, vertikalen, transversalen und intramaxillären Abweichungen von 1972 datiert. Die Liste sollte die Stellungskorrekturen reglementieren; nur bei schweren Anomalien war eine finanzielle Hilfe vorgesehen; kleinere Korrekturen gingen ganz zu Lasten der Eltern.27 Unfälle waren grundsätzlich über die Unfallversicherung zu decken. Auch in der Schulzahnklinik ging es den Kieferorthopäden darum, mit vertretbarem Aufwand nach allen Regeln der Kunst das Bestmögliche zu erreichen; das NurÄsthetische und den Wellness-Bereich wollte man in Berücksichtigung der zahlenden Bevölkerung vermeiden.

Der Traum von Universitätskanton

Solothurn

als

In den frühen 1970er Jahren unternahm die Region Olten den sehr ernsthaften Versuch, ein grosses Institut für orale Präventivzahnmedizin zu errichten. Damit wäre Solothurn beinahe Universitätskanton geworden. Geistiger Vater des Projekts war der wichtige 27

Wick (1990/91), S. 27.

Zürcher Forscher Hans R. Mühlemann, Ordinarius für Kariologie, Paradontologie und Präventivmedizin. Eine Eidgenössische Expertenkommission für Zahnmedizin hatte 1969 einen Bericht veröffentlicht.28 Die Spezialisten kamen zum Schluss, dass für eine angemessene Behandlung der Schweizer Bevölkerung mindestens 1000 Zahnärzte fehlten. Dieser Mangel konnte nicht allein mit Nachwuchsförderung behoben werden; wichtiger schien die Verbreitung eines prophylaktischeren Geistes bei den Fachvertretern wie bei der Bevölkerung. In nächster Zeit sei vor allem ein zentrales Institut für Präventivzahnmedizin zu planen. Der Schweizerische Wissenschaftsrat unterstützte 1970 dieses Projekt. Vorgesehen wurde eine selbständige Institution in einem Kanton ohne Universität. Das Bauprojekt oblag fachlich Professor Mühlemann, der mit Baukosten von 25 Millionen Franken und danach mit einem jährlichen Betriebsaufwand von 6 bis 8 Millionen rechnete. Zur Finanzierung der Campusanlage zog Mühlemann eine „Zucker- bzw. Süssigkeitensteuer“ in Erwägung.29 Rudolf Schwitzer, Kieferorthopäde in Olten, setzte sich nach Kräften für das Projekt ein, von dem man eine spezielle Förderung durch die Nicht-Universitätskantone Luzern, Aargau und Solothurn erwartete. Auch die soloBericht der Eidgenössischen Expertenkommission für Zahnmedizin vom 7. August 1969. Eidgenössisches Departement des Innern. Bern 1969. 29 Mühlemann, Hans R.: Zur Gründung eines Instituts für orale Präventivmedizin, 8. Mai 1972, S. 5. 28

9

thurnische Zahnärztegesellschaft sicherte ihre Unterstützung zu. Doch verschiedene Sondierungsgespräche bei politischen Verantwortungsträgern endeten recht deprimierend. Schwitzer fand anlässlich einer Audienz bei Bundesrat Willi Ritschard keinerlei Gehör; nicht besser erging es ihm beim Treffen mit Nationalrat Leo Schürmann oder Regierungsrat Alfred Wyser. Hans R. Mühlemann erwies sich als einsamer Rufer in der Wüste, wenn er festhielt: „Es handelt sich um ein Gesundheitsprojekt grösster Bedeutung, welches die aufmerksame Beachtung weitblickender Ärzte und Politiker verdient.“30 Die Region Olten-Gäu wäre verkehrsmässig hervorragend erschlossen gewesen. Das vorgeschlagene Baugelände lag auf dem Gemeindegebiet Kappel und wäre von dieser Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden. Gemeindeammann Viktor Ritter, leistete dabei grosse Dienste im Wissen, dass die gesamte Region hätte gratis behandelt werden können. Das Institut wäre von der Autobahn N1 gut sichtbar und darum leicht auffindbar gewesen. Die Planung stammte von den Architekten Alfons Barth und Hans Zaugg – wichtige Vertreter der sogenannten „Solothurner Schule“ innerhalb der Nachkriegsarchitektur – unter Mitarbeit von Jürg Aeschlimann. Das Bauprojekt datierte vom April 1972.31 Vorgesehen waren in einer ersten Ausbaustufe zwei Baukörper in kubischer Gliederung: das eigentliche InstitutsMühlemann (1972), S. 16. Institut für Präventivzahnmedizin. A. Barth, H. Zaugg Architekten BSA SIA. Mitarbeiter J. Aeschlimann, Architekt ETH SIA. Aarau / Olten, April 1972.

gebäude lag demnach in einem zweigeschossigen, grossflächigen Bau von 58 mal 39 Metern Grundriss. Im Erdgeschoss waren Administration, Information sowie die Klinik vorgesehen, im Obergeschoss die Forschungslabors sowie die Tierställe. Neben diesem Institutsgebäude war ein ebenfalls zweigeschossiges Personalhaus projektiert, das Wohnungen und Gästezimmer enthalten sollte. Vorgesehen waren auch ein grosser Parkplatz und Landreserven für weitere Ausbauten. Grosse Aufgabe des Instituts wäre es gewesen, durch Grundlagenforschung und angewandte Forschung Wege zu finden, um die Verbreitung der wichtigsten Krankheiten der Mundhöhle um 50 Prozent zu senken und der Bevölkerung Möglichkeiten zu geben, diese zu verhüten.32 Dem bedeutenden Wissenschaftler Mühlemann lag die präventive und parodontologische Forschung sehr am Herzen, doch sollte auch die Nachwuchsausbildung und die Information der Öffentlichkeit nicht zu kurz kommen. Auch wenn sich die hochfliegenden Pläne eines Solothurner Forschungsinstituts schliesslich aus finanziellen und anderen Gründen zerschlagen haben: Die Erfolge der zahnärztlichen Prävention gehören zweifellos zu den erstaunlichsten Phänomenen der neueren Medizingeschichte.

30

31

32

Mühlemann (1972), S. 8. 10

Abb 4: Geplantes Zahnärztliches Institut in Kappel/SO

Solothurner Kieferorthopädie heute und morgen Das kieferorthopädische Angebot im Kanton Solothurn hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert und differenziert. Waren Anfang der siebziger Jahre nur gerade zwei Spezialisten tätig, sind es heute neun. Hinzu kommen die grenznahen Kollegen ausserhalb des Kantonsgebiets, die im territorial uneinheitlich gegliederten Kanton von Solothurner Patienten konsultiert werden. Die stetige Weiterbildung ist in der Kieferorthopädie – wie in jeder ärztlichen und zahnärztlichen Disziplin – unentbehrlich. Ein ständiges Anliegen betrifft auch die Ausbildung des Nachwuchses. Der Titel Fachzahnarzt/

Fachzahnärztin für Kieferorthopädie (CH) wird Spezialisten in Kieferorthopädie mit einem schweizerischen Fachzahnarztdiplom nach bestandener Fachzahnarztprüfung verliehen. Die Kieferorthopäden sind grundsätzlich Zahnärzte. Sie haben eine mindestens vier Jahre dauernde Spezialisierungsausbildung an einer zahnmedizinischen Universitätsklinik der Schweiz absolviert. Die Schweizerische Gesellschaft für Kieferorthopädie (SGK) kann nur für den "Fachzahnarzt für Kieferorthopädie (CH)“ die nötige Ausbildung und damit die nötige Qualifikation garantieren.33 Auch im Kanton Solothurn haben Fachzahnärzte für Kieferorthopädie mit ausländischen Titeln teilweise ein anderes Qualifikationsniveau. Siehe Homepage der Schweizerischen Gesellschaft für Kieferorthopädie SGK unter www.swissortho.ch. 11 33

Ein wichtiges Anliegen bleibt auch die Aus- und Weiterbildung der Dentalassistentinnen. Sie sollten mit verständlichem, möglichst attraktivem Lehrmaterial ins Fach Orthodontie eingeführt werden und dabei über den Zeitpunkt der Behandlung, die Therapiemittel und die Instrumente Bescheid wissen. Auch in die Aufgaben der Gehilfin bei der orthodontischen Behandlung sind die Praxisassistentinnen sorgfältig einzuführen.34

menschen nachhaltig helfen zu können, bleibt die tief befriedigende Herausforderung des kieferorthopädisch tätigen Fachzahnarztes.

Oft sind es aber auch die Patientinnen und Patienten oder deren Eltern, von denen der Kieferorthopäde aktive Mitarbeit verlangen muss. Dies gilt in besonderem Masse bei der Durchführung der myofunktionellen Therapie (MFT), die sich als wertvolle Hilfe bei der Behandlung von falschen Schluckmustern oder frontalem Zungenpressen erwiesen hat. Entsprechend eingängig gestaltete schriftliche Anleitungen sind dabei oft unentbehrlich.35 Das Fachgebiet von Kieferorthopädie beziehungsweise Orthodontie bleibt ständig in Bewegung. Das Gute wird durch das noch Bessere ersetzt, und die Ansprüche der Betroffenen steigen – nicht zuletzt unter dem Wettbewerb und Konkurrenzdruck von Beruf und Freizeit. Eine Korrektur bei mangelhafter oder entstellender Gesichtsästhetik ist für das körperliche wie für das psychische Wohlbefinden das einzige wirksame Mittel. Dabei den MitSiehe etwa Oltner Skriptum von Schwitzer, Rudolf: ORTHO-DONTIE. Olten 1985. 35 Siehe etwa Schweizerisches MFTÜbungsprogramm. Hg. von Rudolf Schwitzer. Olten 1991. 34

12

13

View more...

Comments

Copyright � 2017 SILO Inc.
SUPPORT SILO