Die Flucht - zwei Jahre im wilden Land der Unununs
November 21, 2016 | Author: Emil Fleischer | Category: N/A
Short Description
1 Die Flucht - zwei Jahre im wilden Land der Unununs2 Die Flucht - zwei Jahre im wilden Land der Unununs - 1 -3 Vorwort ...
Description
Die Flucht -
zwei Jahre im wilden Land der Unununs
Die Flucht zwei Jahre im wilden Land der Unununs
-1-
Vorwort Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst, auch wenn sie einem manchmal so unmöglich vorkommen, dass man sie zunächst gar nicht glauben will. Da ich halt nur mit einer begrenzten Fantasie ausgestattet bin, habe ich es mir bei diesem Buch recht einfach gemacht und mich nur an die Fakten gehalten. Alle geschilderten Ereignisse sind nachprüfbar und jederzeit durch Zeugen belegbar. Natürlich könnte man die Frage stellen. „Wer will das wissen?“ Doch manche Situationen des Buches werden den Eindruck aufkommen lassen, so was gibt es nicht oder das kann nicht wahr sein. Aber ich nehme Sie mit auf eine Reise in eine scheinbar andere Welt, mit anderen Gesetzen, mit einer für uns Europäer zuweilen nicht nachvollziehbaren Mentalität. Ein scheinbar eigenständiger Mikrokosmos, in dem einige fundierte Regeln der normalen menschlichen Logik nicht vorhanden zu sein scheinen. Es ist das wilde Land der Unununs.
-2-
Kapitel I Gefangen — eingesperrt in einem Gefängnis der Unununs — das Ende einer Flucht. Zwei Jahre vorbei im wilden Land der Unununs, so sitze ich hier und warte auf meine Auslieferung nach Deutschland. Vor der Zellentür lautes Geschrei, aber keine bärtigen Gestalten mit Kalaschnikows, sondern alle Wärter in adretter blauer Uniform. Freundlich und nett, die meisten bemüht, in ihrer Landessprache oder teilweise mit ein paar Brocken deutsch, ein Gespräch mit mir zu beginnen. Wenn sie mich aus der Zelle holen, sind sie manchmal ganz stolz, meinen Namen halbwegs unfallfrei aussprechen zu können. „Franz“ oder „Rudolf“ rufen sie laut, lachen, wenn ihnen sogar ein „Rudolf Arzten“ gelingt. Voller Begeisterung, wenn die Sprache auf Fußball kommt oder wir über Christoph Daum reden. Manchmal neugierig wie kleine Kinder: „ Von wo kommst Du?“ „Warum bist Du hier?“ „Kennst Du Braunschweig?“ Die Frage nach der Stadt stellen sie am häufigsten, da ich in den größeren Städten meist schon war, kenne ich fast alle, die sie nennen. Dann beginnen sie munter zu erzählen, wer aus ihrer Familie in dieser lebt und manche haben sie auch schon selbst besucht. Auf ihre Art versuchen sie, uns den Aufenthalt an diesem ungastlichen Ort einigermaßen annehmlich zu gestalten. Wir sind auch nicht mit den einheimischen Unununs zusammen eingesperrt. Es gibt zwei separate Ausländerabteilungen. Vermutlich nehmen sie an, wenn wir unter uns sind, würde uns aufgrund der kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten die Zeit hier drin leichter fallen. Doch der größte Teil der Mithäftlinge besteht aus Russen und Arabern, ob das wirklich alles vereinfacht, so ganz bin ich nicht davon überzeugt.
-3-
An den allgemeinen Haftbedingungen können allerdings auch unsere freundlichen Wärter nichts ändern. Die sind für alle gleich, schließlich ist es ein Gefängnis, kein Hotel, ein paar Abstriche sollte man schon machen. Man kann nicht alles auf einmal haben. Das Loch im Boden als Toilette war sicherlich nicht ihre Idee. Aber wir haben meistens Wasser und auch Strom, die meiste Zeit sogar beides zusammen. Abends springt manchmal die Heizung an, auch wenn sie die Räume nicht wirklich wärmen kann. Doch der gute Wille alleine sollte schon zählen. Das Highlight ist unbestritten der Montag, denn da gibt es für eine Stunde warmes Wasser. Doch man sollte sich dann schon kräftig beeilen, für 10 Häftlinge ist die Zeit zum Duschen recht knapp bemessen. Das wird sich aber ändern. In den Sommermonaten werden bis zu 35 Personen in jede Abteilung hineingestopft. Dafür reichen zwar die vorhandenen 21 Betten nicht mehr aus, doch Matratzen auf der Erde tun es dann auch. Also betrachte ich alles von der positiven Seite. Freue mich, dass wir zurzeit verhältnismäßig wenig Personen sind und jeder über ein Bett verfügt, dass an guten Tagen Wasser, Strom und Heizung funktionieren und es montags warmes Wasser gibt. Vor meinem unfreiwilligen Einzug gab es nämlich wochenlang kein warmes Wasser, doch im Winter ist dies irgendwie nicht unbedingt erforderlich. Hin und wieder fällt natürlich auch mal alles zusammen aus. Doch dafür ist es das wilde Land der Unununs, ich selbst hatte mir dieses Land für meine Flucht aus Deutschland ausgesucht und diese am 25.01.07 begonnen.
-4-
Der Tag, an dem ich im Reisebus saß, beobachtete, wie an der Autobahnauffahrt die letzten Häuser von Mannheim verschwanden. Deutschland hatte ich schon oft verlassen, nie mit dem Bus, meist mit dem Flugzeug. Rein in den Flieger, das Rückflugticket in der Tasche, ich wusste, wann ich nach Hause zurückkehren würde. Dieses Mal war alles anders, es gab weder ein zu Hause noch eine Rückkehr, es war irgendwie unwirklich, so endgültig. Die Städtenamen auf den Autobahnschildern waren mir so bekannt, viele Skylines so vertraut und mit Erinnerungen behaftet. Langsam schoben sie sich an meinem Fenster vorbei. Es war wie ein stummes Abschiedsnehmen, nur winkte mir niemand zu. Ein zarter, feiner Schmerz durchzog mein Herz, wie ein dünner Laserstrahl, der meinen Körper durchdrang. Der Gedanke, was ich die nächsten Jahre vermissen würde, wie ein Schwamm versuchte ich die letzten Eindrücke in mich aufzusaugen, als könnte ich in meinem Innern die Bilder dieser Stunden auf eine imaginäre CD brennen. Es war das Bewusstsein, alle Brücken abzubrechen, alles Bekannte loszulassen. Es eigentlich nicht zu wollen aber zu müssen. Nur so bestand weiterhin die Chance, mich in Freiheit zu bewegen. Eine Freiheit, die ich mir eigenständig genommen hatte. Im Juli des vergangenen Jahres kehrte ich von einem Hafturlaub nicht in die Justizvollzugsanstalt zurück. Dort hatte ich noch eine Strafe von 1 1/2 Jahren wegen Betruges zu verbüßen, jetzt war ich auf der Flucht. Ich wurde gesucht — in den letzten Monaten war die Falle schon dreimal zugeschnappt. Jedes Mal konnte ich mit viel Glück im letzten Moment entwischen. Doch ich spürte, das Netz um mich herum wurde immer enger gespannt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich mich endgültig darin verfangen würde. Deshalb wollte, musste ich weg von Deutschland,
-5-
deshalb saß ich in diesem Bus und fühlte mich wie ein von den Hochwasserfluten entwurzelter Baum. Ein Stück Treibgut mit ungewissem Ziel, auf dem grauen Band der Autobahn vorbeigespült an Orten, die mir bekannt und einst wichtig waren. Durch die Scheiben starrte ich nach draußen, Wehmut umspannte mein Herz wie eine stählerne Klammer, im Kopf purzelten meine Gedanken. Es war keine Flucht wie im Film, keine Romantik, keine Action, keine Kontakte ins Ununun—Land, nicht vorbereitet und geplant, wie ich es sonst bei wichtigen Vorhaben tat. Mit einem Ticket für die 3.000 Kilometer Fahrt ins wilde Land der Unununs saß ich einfach im Bus. Im Gepäckraum befanden sich zwei kleine Koffer mit dem Nötigsten, was ich für die Flucht und meinen Neustart brauchen würde. Doch nichts darin, was mich an Deutschland erinnern könnte. In meiner Jackentasche steckten 400.— Euro, die gleichzeitig Reisekasse und mein Startkapital waren und ein Pass, der nicht mir gehörte. Der eigentliche Inhaber hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit mir. Er war 10 Jahre jünger, hatte gut und gern 30 Kilo Lebendgewicht mehr auf den Rippen und war Brillenträger. Eine Brille hatte ich mir schon vor der Abfahrt zugelegt, das war das geringste Problem. Der Rest gehörte zu den vielen offenen Fragen, die mir während der Fahrt durch den Kopf gingen und deren Antworten noch fehlten. Die letzten Reisenden stiegen am Busbahnhof in München zu. Zwei Polizeiwagen kurvten zwischen den wartenden Bussen hindurch wie Schäferhunde, die ihre Herde bewachen und zusammenhalten. Anscheinend suchten sie jemanden, der vielleicht die gleiche Idee wie ich hatte. Ein immer wärmer werdendes Gefühl stieg in mir auf. Meine Nerven vibrierten, ständig hielt ich die beiden Autos im Auge. Erleichtert registrierte ich, wie sich unser Bus langsam in Bewegung setzte und auf die Ausfahrt des Bahn-
-6-
hofes zusteuerte. Die Blaulichter der Streifenwagen durchzuckten die hereingebrochene Dunkelheit wie Leuchtfinger, die mir eine letzte Botschaft mit auf den Weg geben wollten: “Wir warten!“ Im gleichen Maß, wie das monotone Singen der Reifen auf der Autobahn alle anderen Geräusche überlagerte, fiel nach und nach die Anspannung von mir ab. Die bedrohlichen blauen Lichter verblassten in meinen Gedanken. Eine gnädige Finsternis umschloss uns, nur durchbrochen vom fahlen Weiß der Notbeleuchtung. Manchmal jäh zerrissen von den Leuchtkegeln entgegenkommender Fahrzeuge, untermalt vom gedämpften Stimmengemurmel der Unununs, unter denen ich mich als einziger Deutscher befand. Den Tag über war es lauter zugegangen, als der Bus noch nicht voll besetzt war. Nach und nach sammelten wir in den verschiedenen Städten die weiteren Passagiere ein. Es herrschte eine heitere ausgelassene Stimmung, sie spielten ihre Musik, ab und zu versuchten sie, mit mir ins Gespräch zu kommen. Jetzt schien es fast, als würden sie mit mir gemeinsam den Atem anhalten, während der Bus die österreichische Grenze anstrebte. Die Grenzen sind offen, es werden keine Kontrollen gemacht, das wusste ich. Doch gab es eine Garantie dafür, dass nicht gerade in dieser Nacht, aus welchen Gründen auch immer, eine stattfinden würde? Meine Gedanken kreisten immer mehr um den Ausweis, der meinem Äußeren so gar nicht entsprach. Für kritische Fragen hatte ich in den letzten Stunden hinreichend Antworten durchdacht. Abrufbereit lagen sie parat, aber so richtig überzeugen konnte mich keine davon. Die Autobahnschilder zeigten mir, wie schnell der Abstand zur Grenze schrumpfte. Allmählich spürte ich
-7-
ein leichtes Kribbeln in meiner Magengegend. Mit jedem neuen Schild wurde es intensiver, schlich sich hoch bis in meinen Hals und schnürte meine Kehle zu. Immer wieder hämmerte ich mir die beruhigenden Worte ein: „Es kann nichts passieren. Es wird nicht kontrolliert! Mach dich nicht selbst verrückt.“ Ein Dampfkochtopf mit verstopftem Ventil, lieber irgendetwas tun als gar nichts. Noch 25 Kilometer zeigte das letzte Schild an, ich schnappte mir ein Paket Tempotaschentücher, verzog mich auf die Bordtoilette des Busses. Damit wenigstens mein Gesicht etwas dicker wirkte, drehte ich kleine Rollen aus den Taschentüchern, stopfte mir diese zwischen Wangen und Zahnfleisch. Für seine Rolle in “Der Pate“ musste Marlon Brando diese Prozedur während der gesamten Dreharbeiten täglich über sich ergehen lassen. Wie er sich damals dabei fühlte, erfuhr ich jetzt am eigenen Leib. Schon alleine für diese Tortur hatte er sich seine Gage wohl redlich verdient. Die zwei Tage der Fahrt spielte ich so den Aushilfspaten, sie reichten mir voll und ganz. Es dauerte danach einige Tage, bis die wunden Stellen in meinem Mund abgeheilt waren. Objektiv betrachtet konnte man nicht behaupten, meine Ähnlichkeit mit dem eigentlichen Passinhaber hätte dadurch immens zugenommen, die Unterschiede wären nicht mehr so augenfällig gewesen. Dennoch beruhigte es mich irgendwie, vermittelte mir das Gefühl einer Pseudo—Sicherheit. Unauffällig kehrte ich als „Rudi der Pate“ zu meinem Sitz zurück. Aus den Augenwinkeln bekam ich gerade noch mit, wie das erste österreichische Autobahnschild am Fenster vorbei huschte. Verblüfft bemerkte ich, dass wir Deutschland schon verlassen hatten. Meine hektischen Bemühungen als Maskenbildner hatten mich von allen Geschehnissen abgelenkt, selbst den Grenzübertritt hatte ich so verpasst. Darüber war ich sicherlich nicht böse, muss-
-8-
te nur zunächst einmal verarbeiten, dass ich mich nicht mehr in meinem Heimatland befand. Die erste Hürde war genommen, jeder Kilometer brachte mich jetzt weiter davon weg. Die Generalprobe meiner kleinen Maskerade hatte auch mehr oder weniger geklappt. Noch wusste ich nicht, ob ich auf sie wieder zurückgreifen müsste. Die Länder, die ich noch durchqueren musste, waren zwar auch Unterzeichner des Schengener Abkommens, doch eine Frage blieb: Hatten sie es auch bereits umgesetzt? Die Antwort darauf kannte ich nicht, so blieben die Unsicherheit, die Anspannung und alle Unwägbarkeiten, nichts hatte sich geändert. Würde meine Fahrt weiter so reibungslos verlaufen wie bisher? Das hoffte ich zwar, konnte aber in keiner Weise davon ausgehen. In Sicherheit befand ich mich noch lange nicht, auch wenn der erste Schritt getan war, ein weiter Weg lag noch vor mir. Vorsichtig sah ich sah ich mich im Dunkeln des Busses um. Niemand schien von meinen Aktivitäten etwas mitbekommen zu haben. Selbst das Stimmengemurmel war verstummt, von allen Seiten vernahm ich nur die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge meiner fremdländischen Weggefährten. In ihren Träumen waren sie wohl schon in ihrer Heimat. Also tat ich es ihnen nach, stellte meinen Sessel zurück und zog die Lederjacke über meinen Oberkörper. Während wir durch Österreich fuhren, versuchte ich wenigstens etwas zu dösen, schloss meine Augen, versuchte mich zu entspannen. Die kribbelnde Nervosität in mir hatte sich ein wenig gelegt, doch bei jeder Änderung des Fahr-Rhythmus schreckte ich hoch, riss die Augen auf, versuchte die Ursache dafür zu erkennen. Erst wenn ich mich überzeugt hatte, dass keine Gefahr drohte, lehnte ich mich zurück, wartete auf das nächste Schild mit Entfernungsan-
-9-
gaben, um mich dann wieder unter meiner Jacke zusammen zurollen. Meine Augen fielen wie von selbst zu, doch eine tiefe innere Unruhe hielt mich gefangen. Sie flammte erst recht wieder auf, als auf den Entfernungstafeln die ersten italienischen Ortsnamen auftauchten. Automatisch stieg meine Pulsfrequenz, wenn auch nicht mehr in dem Masse wie Stunden zuvor. Mit meinen Blicken versuchte ich die Nacht zu durchbohren, wie ein Radargerät, das auftretende Hindernisse oder Probleme weit im Voraus erkennt. Das Innere des Busses glich einem Walfischbauch, düster, totenstill, nur die leisen Schlafgeräusche der anderen Passagiere drangen durch die Dunkelheit. Diese Ruhe war für mich nicht verständlich. Konnte nicht jeder sehen, spüren, welche knisternde Spannung von mir ausging? Ein neongreller Leuchtpfeil, der hell das Schwarz der Nacht zerreißt, ein Umspannwerk für Hochspannungsleitungen mit laut sprühendem Funkenregen, so kam ich mir vor. Bemerkte ‚ fühlte keiner, was in mir vorging? So offensichtlich, verräterisch und nicht zu verbergen, doch niemand nahm Notiz von mir. Weder von mir, noch von dem Schild, das den nahenden Grenzübergang ankündigte. Mein Herz schlug bis zum Hals, ich drückte meine Nase an der Scheibe platt. Vergebens suchten meine Blicke die Grenzstation. So wie ich sie von früher kannte, gab es sie nicht mehr. Keine Schlagbäume, die Autobahn führte einfach weiter. Nur die Sprache auf den Schildern änderte sich und sie verrieten mir: Du bist jetzt in Italien! Ach so einfach geht das?!
- 10 -
Schlagartig ließ der Druck in mir nach, ein paarmal holte ich tief Luft — durchatmen, die ganzen Befürchtungen umsonst, alles glatt gelaufen. Was gäbe ich jetzt für eine Zigarette, einfach eine rauchen. Da aber das militante Nichtraucherlager die Vorherrschaft übernommen hat, blieb es somit nur beim frommen Wunsch. Dafür wurden meine Glieder schwer wie Blei, ich fühlte mich nur noch müde, schlapp und ausgelaugt. Bis zur Fähre hatten wir noch einige Stunden Fahrt vor uns, bis dahin konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Endlich konnte ich die schon ziemlich aufgeweichten Temporollen aus meinem Mund nehmen. Dann brachte ich meinen Sitz in Schlafstellung, sicherheitshalber schaute ich mich noch mal im Bus um, ein Pulli diente als Kopfkissen, schon begann ich, unter meiner Jacke in den Schlaf zu dämmern. Das erste Sonnenlicht drang durch meine Augenlider. Dem angeschwollenen Stimmpegel der Unununs konnte ich entnehmen, dass der Morgen angebrochen war. Doch ich wollte meine Augen noch gar nicht öffnen, lieber etwas weiter vor mich hin dösen, so berauschend waren die wenigen Stunden Schlaf gerade nicht. Aber ich bemerkte, dass wir unsere Geschwindigkeit verringerten, also blieb mir keine Wahl. Etwas missmutig und zerknautscht schaute ich mich um. Wir bogen in die Einfahrt einer Raststätte ein, naja, ein Kaffee konnte nichts schaden. Alle krabbelten ein wenig steif die Treppe hinab, bewegten sich direkt auf das Café der Raststätte zu. Mit meinem verschlafenen Gesichtsausdruck stand ich an der Kasse, zahlte meinen Kaffee, ein Croissant. Skeptisch schaute mich die Kassiererin an, ich dachte nur: “Wer morgens zerknittert aufsteht, kann sich tagsüber viel besser entfalten“ also sieh mich nicht so kritisch an! Außerdem wagte ich vor
- 11 -
24 Stunden, noch nicht einmal von italienischem Kaffee zu träumen. Morgens habe ich gerne meine Ruhe, trinke gemütlich meinen Kaffee. Heute setze ich mich an den Tisch zu einigen Mitreisenden, die trotz der frühen Stunde sich bereits laut und intensiv unterhielten. Noch kannte ich den Ablauf im Fährhafen nicht, musste mich aber unbedingt darauf einstellen und vorbereiten, folglich benötigte ich weitere Informationen. Beiläufig lenkte ich das Gespräch in diese Richtung. Mitteilsam sind die Unununs schon, sie helfen gerne und sind auch stolz, wenn sie Auskunft erteilen und mit ihrem Halbwissen ein wenig angeben können. Das Ganze hat nur einen kleinen Haken, befragt man 10 von ihnen zu ein und der gleichen Sache, so erhält man 10 grundverschiedene Aussagen. Aber jede im Brustton der tiefsten Überzeugung hervorgebracht. Die Erklärungen reichten von: Die Zöllner kommen auf die Fähre und überprüfen dort die Reisenden, bis hin zu: Es gibt keine Kontrollen mehr. Folglich war ich danach genau so schlau wie vorher. Wieder hatte ich das große Überraschungspaket gewonnen, musste mich also auf alles vorbereiten. Nach der Weiterfahrt zog ich mich dezent in mein provisorisches Maskenbildner-Studio zurück‚ bereitete meinen nächsten Auftritt als „Der Pate II“ vor. Das ging nun schneller und ruhiger als beim ersten Mal, die Routine zahlte sich schon aus. Den anderen Passagieren fiel die kleine Veränderung nicht auf, wahrscheinlich hätten sie auch nichts bemerkt, wäre ich mit einer Gasmaske von der Bordtoilette gekommen. Die letzten 30 Kilometer bis zum Hafen führte uns die Autobahn am Meer entlang, ein Anblick, den ich stundenlang genießen kann, jetzt nahm ich ihn noch nicht einmal richtig wahr. Erneut begann die Achterbahnfahrt meiner Gefühle, eine Tour mit unbekanntem Ausgang, mit Loopings, die
- 12 -
immer wilder wurden, je näher unser Ziel rückte. Mein Inneres schien hin und her zu schwingen, Schwingungen, die immer schneller wurden, bis fast ein anhaltendes Zittern daraus wurde. In meiner Brust breitete sich ein warmes Druckgefühl aus. Im gleichen Verhältnis, wie es zu nahm, versuchte ich nach außen den Eindruck eines absolut Unbeteiligten zu vermitteln. In dem Sektor, den unser Bus nun ansteuerte, waren nur wenige Uniformierte zu sehen. Bei der Einfahrt in den Hafen war mir das direkt aufgefallen, für mich war das ein gutes Zeichen. Der Bus hielt, damit der Fahrer unsere Tickets besorgen konnte, wir vertraten uns in der Zwischenzeit die Beine. Diese Zeit nutzte ich, um mir bei anderen Fähren die Abfertigung anzusehen. Wie es aussah, erfolgte keine Kontrolle und ich versuchte, meinen Adrenalin-Spiegel wieder herunter zufahren. Beim Auffahren auf die Fähre war niemand zu sehen, dessen Erscheinungsbild mir irgendwelche Kopfschmerzen bereitet hätte. Kaum stand der Bus, stieg ich aus, stellte mich unauffällig an die Reling, beobachtete den Beladevorgang und das Ablege-Manöver. Auch wenn ich schon ruhiger geworden war, wollte ich doch keine unangenehmen Überraschungen erleben. Die letzten Leinen wurden losgemacht und in mir löste sich ebenfalls ein dickes Bündel davon, federleicht schwebte ich davon. Dieser Zustand würde nur ein paar Stunden anhalten, doch die Überfahrt vermittelte mir ein Gefühl der Sicherheit. Entspannt sah ich zu, wie die italienische Küste hinter uns auf Postkartenformat zusammenschrumpfte. Nun meldete sich auch mein Magen, seit der Abfahrt aus Mannheim hatte er bislang keine Lust auf Beschäftigung verspürt. Die scheinbar endlose Weite des Meeres übertrug auf mich ein Gefühl von Ruhe und Gelassenheit, das Stampfen der Dieselmotoren und der Gang der
- 13 -
Wellen gab mir Geborgenheit. All das zusammen ließ die Erinnerung an die nervliche Belastung der bisherigen Reise in den Hintergrund treten. Jetzt freute ich mich auf ein gemütliches, leckeres Essen und auf eine heiße Dusche, die wir hier an Bord nutzen konnten. Danach fühlte ich mich wie neugeboren. Das warme Wasser hatte scheinbar die Anspannung der letzten 24 Stunden aus jeder Faser meines Körpers heraus gespült. Das Essen hatte meinen Akku wieder aufgeladen, die Lebensgeister neu geweckt. So stand ich auf dem obersten Deck, betrachtete, wie die Sonne in einem blutroten Himmel und in einem gelb—orangefarbenen Lichterkranz langsam in der See versank. Wollte sie mich mit diesem wunderschönen Naturschauspiel für den vorangegangenen Nervenkrieg entschädigen und mir neue Kraft schenken? Die kritischsten Situationen standen mir bei der Ausreise aus Griechenland und der Einreise ins Ununun—Land noch bevor. Dort würde mit Sicherheit intensiv kontrolliert werden, dann war Schluss mit lustig, alles musste sitzen. Im Moment galt es, noch einmal die Seele baumeln zu lassen, Kraft zu schöpfen, sich mental darauf vorzubereiten. Im Geist spielte ich alle möglichen Szenarien durch, rief die einzelnen Antworten und Argumente ab. Als in Griechenland der Bus aus dem Bauch der Fähre heraus rollte, hatte ich das Empfinden, etwas Vertrautes, das Schutz und Geborgenheit gab, zu verlassen. Die Nacht umhüllte uns mit einem warmen, schützenden Tuch, scheinbar hatte sie meine Ängste und Befürchtungen verspürt. Wie ich es aufgrund der Erfahrungen in Italien erwartet hatte, standen keine Zöllner am Kai und wir fuhren durch das nächtliche Griechenland dem letzten „Showdown“ entgegen. Die Zeit auf der Fähre hatte mir gut getan, relaxt und locker döste ich die ersten Stunden unserer Fahrt durch das Land der Hellenen vor mich hin. Von der Land-
- 14 -
schaft hätte ich auch nichts mitbekommen, wenn es hell gewesen wäre. Immer schneller drehten sich meine Überlegungen um die kommenden Ereignisse. Wie gründlich würde man sich das Foto im Ausweis anschauen? Welche Fragen könnte man mir stellen? Was mache ich am besten bei einem „Worst Case“? Eine Flasche Champagner, geschüttelt, nicht gerührt, so fühlte ich mich, der ganze Druck wollte nur noch den Korken aus der Flasche schießen. Das Ganze beenden, egal wie die Hauptsache, alles vorbei! Diesem Augenblick fieberte ich entgegen, jeder einzelne Nervenstrang in mir war zum Zerreißen gespannt. Jede Minute, die wir der Grenze näher kamen, schien jemand ein weiteres Gewicht daran zuhängen, um ihre Belastbarkeit auszutesten. Die ersten Sonnenstrahlen kletterten zaghaft über die Berggipfel, als wir auf die griechische Zollstation langsam zufuhren. Mit einem Tunnelblick fixierte ich den griechischen Zöllner, auf dessen Höhe der Bus zu stehen kam. Was würde er als Nächstes tun? Er tat — nichts, er lächelte uns freundlich zu, ließ uns aussteigen und sammelte die Pässe ein. Mein Puls raste, mein Herz schlug in meinen Ohren so laut wie eine Trommel. Das wird, das muss er hören, dachte ich, als ich ihm meinen Ausweis in die Hand drückte, freundlich lächelte ich ihn an. Er grinste zurück, würdigte das Passbild keines Blickes. Dafür hast du 10 Minuten mit dem Anlegen der Maske auf der Toilette verbracht. Jetzt achtet kein Mensch darauf, schoss es mir durch den Kopf, als ich mich von ihm entfernte, aber innerlich schmunzeln musste. Der Beamte hatte alle Pässe eingesammelt und verschwand mit ihnen im Gebäude um sie zu überprüfen. Zunächst schnaufte ich einmal kräftig durch, zündete mir eine Zigarette an, auf die gleich die Nächste folgte. Minuten können sich endlos ziehen, wie Stunden erscheinen, eine Zigarette nach der anderen verglühte. War-
- 15 -
ten, ein paar Schritte hin — und herlaufen, um die ungeheure Spannung abzubauen, die Unruhe in mir zu bändigen. Die Tür schwang auf, in ihrem Rahmen erschien unsere kleine Kalorienkugel mit den Ausweisen in der Hand und eilte auf unseren Bus zu. Seinen Hang zur deftigen Landesküche konnte er beim besten Willen nicht verleugnen, doch Dicke sind bekanntlich gemütlich und so versammelten wir uns um ihn. Er rief die Namen auf, drückte dann einfach jedem seinen Pass in die Hand. Der Mann hat recht, durchzuckte mich der Gedanke, bloß keine unnötige Arbeit. Schon händigte er mir den Ausweis aus, wow!! ‚ am liebsten wollte ich ihn jetzt knuddeln. Wie benommen quetschte ich mich auf meinen Sitz, schloss erst einmal meine Augen, atmete tief durch, merkte, wie sich der Bus in Bewegung setzte. „High noon“ jetzt ging es um alles oder nichts, mühsam versuchte ich, meine flatternden Nerven zu bändigen. Zwei Kilometer rollten wir durchs Niemandsland gemächlich auf die Ununun-Grenze zu. Dann stand der Wagen am Grenzposten, mein Herz wollte schier zerspringen, doch wir bekamen eine Galgenfrist. Wir mussten aussteigen und unser Gepäck zur Kontrolle bereitstellen. „Nehmt mich als Erstes an die Reihe, mein Gepäck könnt Ihr bis morgen früh überprüfen!“ wollte ich herausschreien, doch kein Wort kam über meine Lippen. Stattdessen durften wir vor der offiziellen Einreise im Duty—free Shop Einkäufe tätigen. Um nicht aufzufallen, lief ich mit der Gruppe mit. Eine Peepshow, ein Panoptikum oder ein Kino, man hätte mich überall hin mitschleppen können, ein Unterschied wäre mir im Augenblick sowieso nicht aufgefallen. Für ein paar Euro kaufte ich irgendetwas ein und stand gleich wieder in der Morgensonne. Auf der kurzen Fahrt durchs Niemandsland hatte ich schnell überprüft, ob meine kleine Maske
- 16 -
noch saß, alles perfekt, soweit man es so nennen konnte. Im Kopf ging ich nochmals alle Antworten und Argumente auf kritische Fragen durch, dabei beobachtete ich die verschiedenen Zollhäuschen mit ihren Beamten. Alle Fenster waren zum Sonnenschutz mit schwarzer, lichtdurchlässiger Folie beklebt, das fand ich schon mal sehr sympathisch. Welchen netten Zöllner wähle ich mir nun aus? Egal, Augen zu und durch! Fast automatisch setzte ich mich in Bewegung, es gab nur diese eine Chance. Keine Hektik, keine Fehler, kein Zittern und keine Anspannung zeigen, auch wenn alles in mir vibrierte. Ganz cool, wie ein frisch aus der Arktis importierter Eisberg schob ich dem Beamten den Ausweis zu, stellte mich so, dass er etwas in die Sonne schauen musste. Ein Vulkan brodelte in mir, ich bekam keine Luft mehr, eine Riesenfaust schien meine Brust zusammenzudrücken. Bloß nicht umfallen, durchfuhr es mich—da war es auch schon vorbei. Der Grenzbeamte reichte mir durchs Fenster den Pass zusammen mit dem Blatt des Einreisestempels zurück. Sehen und greifen war bei mir nur noch eins. Langsam drehte ich mich um, Ausweis und Einreiseblatt zitternd in der Hand. Ein Feuerwerk an Emotionen brach in mir aus, nur mühsam konnte ich mich beherrschen. An Ort und Stelle wollte ich die „Beckerfaust“ recken, brüllend loslachen, einen lauten Urschrei ausstoßen oder einen wilden Tanz aufführen, am liebsten alles zusammen. Irgendwie hätte das wohl den vertrauensseligen Ununun—Zöllner irritiert. Also verzichtete ich darauf und versuchte mich innerlich abzureagieren. Zentnerlasten fielen von meinen Schultern, der eiserne Ring um meine Brust war gesprengt, ich konnte wieder atmen. Schlapp wie ein Luftballon, aus dem man die Luft herausgelassen hat, fühlte ich mich, aber glücklich! Die alte Devise: „Du hast keine Chance, also nutze sie!“ alle Anspannung vorbei — ich war im
- 17 -
Land der Unununs! Nun ging ich, nein, schwebte ich zur Gepäckabfertigung, wie durch Watte hindurch bekam ich mit, dass wir unsere Koffer noch identifizieren mussten. Schenken könnte ich sie ihnen, für mich gab es nur einen Gedanken: GESCHAFFT! All meine positiven Lebensweisheiten fielen mir ein: „Aufgeber gewinnen nie— Gewinner geben nie auf!“ „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren!“ und .. und... Sie treffen alle zu, hier stehe ich als lebender Beweis dafür, brüllte es laut aus mir heraus! Aber kein einziger Ton davon drang nach außen, ruhig, ganz gelassen packte ich meine Koffer, reichte sie an den Fahrer weiter, damit er sie in der Ladeluke verstauen konnte. Freude und Erfolg sind doppelt schön, wenn man sie mit jemand teilen kann. Mir blieb aber nichts anderes übrig, als mich ganz still für mich alleine zu freuen. Der Bus nahm langsam Fahrt auf, entfernte sich immer weiter von der Grenzstation. Zum letzten Mal begab ich mich in mein rollendes Maskenstudio, entfernte die Taschentuchröllchen aus meinem Mund. Haben sie wirklich was genutzt, hat überhaupt jemand darauf geachtet? Fragen, die ich mir stellte, als ich sie in die Toilette spülte. Die Antworten darauf waren nicht mehr wichtig, mir jetzt auch ziemlich gleich. Sie gaben mir etwas mehr Sicherheit, auch wenn es vielleicht nur ein netter Placebo—Effekt war. Unglücklich war ich nicht, sie jetzt endgültig loszuwerden. Auf dem Sessel machte ich es mir bequem, ließ mich einfach durchsacken, spürte, wie die fortdauernde Belastung der letzten zwei Tage immer mehr von einer grenzenlosen Erleichterung verdrängt wurde. Ganz allmählich stahl sich auch mein Grinsen wieder ins Gesicht. Neugierig begann ich, die Landschaft zu betrachten. Etwas grün, karg, ab und zu durchbrachen kleine Plantagen mit Apfelsinenbäumen oder Palmengruppen das eintönige
- 18 -
Bild. Kleine Dörfer aus Lehm gebaut, die sich an Hänge klammerten, überspannt von einem strahlend blauen Himmel. Alles etwas fremd für mich und doch für die nächsten Jahre meine Heimat. Unaufhaltsam näherten wir uns indessen dem Endziel meiner 3.000 Kilometer langen Reise, der größten Stadt der Unununs, 16 Millionen Einwohner, riesig und erdrückend, mit ihrem antiken Stadtkern irgendwie geheimnisvoll, Byzanz, Konstantinopel, oder wie sie jetzt hieß — Istanbul. Die Stadt, in der ich einen neuen Anfang machen wollte, auch wenn mir noch nicht so ganz klar war wie. Diese alte Dame mit ihrer wechselvollen Geschichte kannte ich, dreimal hatte ich sie schon besucht, als Tourist, für 4, 5 Tage, bequem mit dem Flugzeug und ohne Stress. Einmal sogar zusammen mit 40 Unununs. In meiner ersten eigenen Firma hatte ich einen Incentive veranstaltet und von allen Mitarbeitern hatten die 40 Besten diesen Kurztrip gewonnen. Vier lustige Tage waren es, jeder hatte Spaß, gerne dachte ich an diese Tage zurück, doch heute war alles anders. Damals bezeichnete ich die Bewohner dieses Landes noch nicht als Unununs. Diesen Begriff wählte ich erst nach den Erfahrungen der letzten zwei Jahre für sie. Er setzt sich zusammen aus den Anfangssilben ihrer hervorstechenden Eigenschaften, mit denen ich im geschäftlichen Bereich ständig konfrontiert wurde. Selbst ihre Landsleute bestätigten mir in Gesprächen diese sehr häufig und stimmten meist meiner Auffassung zu. Die Eigenschaften, die ich bis auf wenige Ausnahmen erlebte, waren: —Unvernunft — Unberechenbarkeit — Unfähigkeit — Unzuverlässigkeit, um nur einige der „ Un“ anzuführen, wobei diese Aufzählung beliebig
- 19 -
erweitert werden könnte. Deshalb beschränkte ich mich auf drei davon, also einfach „Ununun“. Mit Sicherheit gibt es viele liebenswürdige Menschen in diesem Volk, es soll auch keine Herabsetzung sein. In Deutschland kenne ich viele davon, manche schon jahrelang und teilweise sehr gut. Einer von ihnen ist Mehmet, einer meiner wenigen echten Freunde. Wir haben uns in guten Zeiten Luxus und Reichtum geteilt, in schlechten die letzten 10.— Euro. Ihn kenne ich seit über 20 Jahren und in schwierigen Lebenslagen bin ich genauso für ihn da wie er für mich. In meinem letzten Unternehmen in Deutschland beschäftigte ich eine Ununun als meine Assistentin. Die kleine Bedia war das Beste, das einem als Chef passieren konnte. Kompetent, intelligent, einsatzwillig und firmenloyal bis an die Grenze zur Selbstaufopferung. Eine kleine Persönlichkeit, aber menschlich ein Riese. Sie hatte meine Hochachtung und vollsten Respekt. Während der Zeit im Ununun—Land konnte ich die Momente gar nicht zählen, in denen ich dachte, wie vieles leichter und einfacher wäre, stünde mir hier die kleine Bedia zur Seite. Eine der wenigen Erinnerungen an meine Vergangenheit war eine Geburtstagskarte von ihr. In der Seitentasche eines Koffers führte ich diese mit, neben einer weiteren Karte, ebenfalls von einer Ununun. Einer verflossenen Liebe, die beinahe meine vierte Ehefrau geworden wäre, das Ganze aber unter etwas tragischen Umständen endete. Diese Ausführungen ließen sich noch um einige Punkte fortführen. Insoweit stehe ich diesem Volk in keiner Weise negativ oder mit Vorurteilen behaftet gegenüber. Allerdings ist es ein gravierender Unterschied, ob man in einem Land 14 Tage Urlaub macht oder man intensiv mit den Einheimischen arbeitet. In meinen früheren Firmen beschäftigte ich bis zu 500 Unununs, deshalb war ich nicht unvorbereitet, kannte ihre
- 20 -
Mentalität und die Schwierigkeiten, die im Umgang mit ihnen auftreten können. Die Emigranten bei uns haben teilweise ein europäisches Verhalten angenommen. Im Vergleich dazu mutieren sie im eigenen Land fast zu „Extrem—Unununs“, die eine gemeinsame ‚ erfolgreiche Arbeit erheblich erschweren oder gar unmöglich machen. Noch ahnte ich nichts davon, als die ersten Hochhäuser von Istanbul am Horizont emporwuchsen. Wie jedes Mal faszinierte mich dieser gigantische Moloch, in den wir eintauchten, als wir die kleinen Vororte durchfuhren. Mein letzter Besuch lag schon einige Jahre zurück, jetzt erschien es mir noch lauter, riesiger und unübersichtlicher. Als hätte ein Riese seine Spielzeugkiste mit Bauklötzen ausgeschüttet und willkürlich in der Gegend verstreut, so wirkten die Stadtteile mit ihren bonbonfarbenen Hochhäusern auf mich. Ein buntes Gemisch aus Farben und Kulturen, pulsierend und hektisch, das Moderne hatte endgültig von Istanbul Besitz ergriffen. Täglich breitete es sich weiter aus, wild wuchernd wie eine Geschwulst. Es schien, als kämen die Menschen von überall her, um an diesem Wachstum teilzuhaben, dieses unausgesprochene Versprechen auf eine bessere Zukunft. Oben aus der Höhe des Flugzeugfensters sah alles so klein aus, verspielt, hier unten schien die Metropole ihre ganze Größe, Monstrosität zeigen zu wollen, ein Gigant, der seine Muskeln spielen ließ. Winzig und ein wenig verloren fühlte ich mich auf einmal, ein Segelboot auf dem riesigen Ozean, ohne festen Ankerplatz, ohne Hafen. Doch diese Beklommenheit währte nur kurz, dann gewann schnell wieder mein positives Denken die Oberhand. Es gab nur eines das zählte, dass ich hier war, nur das. Alles Andere würde ich schaffen, es war nur eine Frage der inneren Einstellung, den Slogan „You can !“ hatte ich schon lange vor dem amerikanischen
- 21 -
Präsidenten. Nach der Landung in Britannien ließ Cäsar vor den Augen seiner Truppen die Boote in Brand setzen. Die Legionäre hatten nur die Wahl: „Kämpfen — Siegen— oder Untergehen“. Ähnlich war nun auch meine Situation, für mich gab es kein zurück mehr, aufgeben konnte ich noch nie, jetzt hieß es, sich durchzukämpfen. Der Busbahnhof, den wir anstrebten, glich einem Ameisenhaufen, doppelstöckig, fast wie ein Flugzeugterminal, ein ständiges Kommen und Gehen, überall riesige Menschentrauben von Unununs, die Verwandte oder Freunde gerade verabschiedeten oder begrüßten. Dazwischen huschten die verschiedensten Händler mit ihren portablen Ständen, versuchten ihre Süßigkeiten, Sesamkringel oder Reisemitbringsel mit lautem Geschrei an den Mann zu bringen, tatkräftig unterstützt von den Busfahrern, die lauthals noch ihre letzten freien Plätze loswerden wollten. Wie eine Flutwelle brandeten diese Eindrücke über mich herein. Vor dem Gepäckraum des Busses hatte sich ein Menschenknäuel gebildet, indem ich wie die anderen Passagiere auf die Koffer wartete. Schon scharten sich die ersten Schlepper um mich herum, fragten, ob ich ein Taxi brauchte. Man fühlte sich wie in Hamburg auf der Reeperbahn, nur wurde eine andere Dienstleitung angeboten. Solche Angebote sind mir immer suspekt, kaum hatte ich die Ersten abgewiesen, standen mir bereits die Nächsten auf den Füssen. Kurzerhand schnappte ich meine Koffer, brachte mich in das Innere des Terminals in Sicherheit. Auf der gegenüberliegenden Seite wählte ich mir am normalen Taxistand einen Wagen aus, doch wohin? Nachdem ich meine Koffer verstaut hatte, ließ ich mich in den Fond fallen und nannte mit fester Stimme einen Stadtteil, den ich aus der Vergangenheit noch ungefähr in Erinne-
- 22 -
rung hatte. Der Taxifahrer erkannte natürlich mit seinem geübten Auge direkt, dass er es mit einem willkommenen Opfer zu tun hatte. Die Grundgebühr betrug schon einmal gleich das Dreifache des Üblichen, mit was Ähnlichem hatte ich bereits gerechnet, ein wenig Touristen-Nepp findet man überall. Viele seiner Kollegen in Deutschland können der Versuchung auch nicht widerstehen, wenn ein Fahrgast aus Amerika oder Japan zu ihnen steigt. Doch als wir in der von mir gewählten Gegend ankamen und er nochmals versuchte, mir einen Trick zu zeigen, musste ich ihn wieder auf den Teppich zurückholen. Mein Psycho—Blick, ein heftiges Kopfschütteln und ein energisches „Nein“, das ich in der Ununun—Sprache beherrschte, reichten dafür schon aus. In der Straße, in der ich ausstieg, lagen mehrere Hotels, ich entschied mich für eines, das von außen einen vernünftigen und etwas europäischen Eindruck machte. Das Zimmer war sauber, mit 15.— Euro die Nacht war es auch preislich in Ordnung. Die Dusche lag zwar auf dem Flur, das störte aber weniger, denn an diesem Tag gab es sowieso kein Wasser. Beim Einchecken sorgte mein Ausweis für allgemeine Erheiterung. Das Personal am Empfang hatte sich das Bild darin genauer angesehen und mit meinem Gesicht verglichen. Scheinbar die einzigen Personen auf meiner Reise, die sich diese Mühe machten. Jetzt war mir das ziemlich gleichgültig, mit vergnügtem Gelächter und Gesten reichen Erklärungen diskutierten wir über die Gründe des Unterschiedes zwischen Bild und Wirklichkeit. Da das Duschen für mich flach fiel, entschied ich mich, den Stress der letzten beiden Tage zumindest innerlich abzuspülen, setzte mich an die Bar und genehmigte mir ein paar Bierchen. So saß ich nun mutterseelenallein und fremd unter 16 Millionen Unununs — „Kevin allein zu Haus“. Auch in den schwierigsten Lebenslagen
- 23 -
war mir immer etwas eingefallen, hatte ich immer eine Lösung gefunden. Dieses Mal, das wusste ich, würde es mit dem Einfallen nicht so leicht gehen und Geld hat die unangenehme Eigenschaft, dass es endlich ist. Meine Reisekasse war bereits auf der Fahrt hierher angeknabbert worden. Es war ungefähr absehbar, wann es für mich hieß: „Houston, wir haben ein Problem!“ Nach einiger Zeit fiel mir ein, mein Freund Mehmet hatte mir vor kurzem von Muzaffer erzählt. Muzaffer besaß früher in Deutschland ein Reisebüro, er war es auch, über den ich damals die Wettbewerbsreise mit den 40 Unununs nach Istanbul organisiert hatte. Aufgrund seiner Scheidung hatte er dann alle Zelte in Deutschland abgebrochen und in Istanbul ein Büro eröffnet. An dieses Gespräch konnte ich mich noch gut erinnern. So rief ich am nächsten Morgen Mehmet zu Hause an und ließ mir Muzaffers Telefonnummer geben. Natürlich war Mehmet neugierig, hatte direkt viele Fragen, doch ich musste vorsichtig sein, deshalb würgte ich das Telefonat nach einigen Sätzen regelrecht ab. Von meinem Anruf war Muzaffer total überrascht, sprühte förmlich vor Begeisterung, als er hörte, ich sei in Istanbul. Er kündigte seinen Besuch schon für den gleichen Abend an. Tatsächlich saß er um 20.00 Uhr in der Lobby meines Hotels, zwar fast zwei Stunden später wie verabredet, aber er war da. Klein, drahtig und agil wie damals, aber grau war er geworden, die letzten 15 Jahre waren nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Doch der Zahn der Zeit hatte ja auch an mir genagt, sicherlich wirkte ich nicht jünger als bei unserem letzten Treffen. Wir sprachen zunächst über alte Zeiten und natürlich über sein neues Leben in der Metropole. Nun erzählte ich ihm, dass ich hier bleiben würde, sofort war er Feuer und Flamme. Genau jemanden wie mich brauchte er für sein neues Geschäft, eine Person, die die Verwaltung, Administra-
- 24 -
tion und den Vertrieb übernehmen könnte. Sogleich begann er, euphorisch von seinem Geschäftskonzept zu schwärmen. Alle größeren Städte des Landes hätten begonnen, in ihr Erscheinungsbild zu investieren, um es ihren europäischen Partnerstädten gleichzutun. Um eine positive Außenwirkung zu erzielen, würden für die Infrastruktur aber auch für die Grünanlagen erhebliche öffentliche Mittel aufgewandt, um die Gesamtoptik zu verbessern. Ein Hauptproblem der bepflanzten Anlagen stellte die Bewässerung dar, in vielen Städten war Wasser knapp, die Verdunstung in den Sommermonaten sehr hoch. Die optimale Lösung hierfür sei Rindenmulch, da er die Verdunstung stark reduziert und das Wasser zurückhält, genau, wie wir es aus Deutschland kennen. Er hatte bereits einige Gespräche geführt und war auf offene Ohren gestoßen. Allerdings hatte er noch keine Aufträge und auch keinen Organisationsplan, doch er ließ schon fleißig in Waldgebieten Baumrinde sammeln. Vorsorglich hatte er dafür schon mal eine Häckselmaschine bestellt, auch wenn er noch nicht wusste, wie er sie bezahlen sollte. Während seines Vortrages schwankte meine Meinung zwischen: „Oh mein Gott!“ bis „Wenn die Städte tatsächlich investieren, könnte etwas daraus werden“. Vor allem sah ich für mich einen ersten Ansatzpunkt, da Muzaffer vorschlug, sein Büro dafür zur Verfügung zu stellen. Als ich zusagte, war er ganz in seinem Element und nahm sogleich das Heft in die Hand. Am nächsten Tag sollte ich in ein anderes Hotel umziehen, das in der Nähe seines Büros lag, preislich günstiger sei und die Dusche sich auf dem Zimmer befand, sie hätte sogar Wasser. Wer kann da schon nein sagen? Am nächsten Morgen holte er mich ab, um mich zu meinem neuen Hotel zu bringen. Nein, Taxi brauchten wir nicht und auch die 60 Cent für die Metro könnten wir uns
- 25 -
sparen, das Hotel sei gleich in der Nähe. Bekanntlich sind viele Dinge im Leben interpretationsfähig und relativ. Ein Haar in der Suppe ist relativ viel, ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „nah“, so packte ich meine zwei Koffer und folgte Muzaffer. Nach 45 Minuten und ca. 4 Kilometer strammen Fußmarsches erreichten wir das Hotel, soweit zum Thema „nah“. Es kostete wirklich nur 8.- Euro die Nacht, die Dusche war auf dem Zimmer, hatte sogar an fast allen Tagen warmes Wasser und Aussicht auf den Bosporus. Man sah nicht so viel von ihm, aber immerhin konnte man ein klitzekleines Stückchen davon erblicken und auch das Stadion von Galatasaray Istanbul, das alles ohne Aufpreis. Eine Kleinigkeit hatte mir Muzaffer allerdings verschwiegen, die Mitbewohner des Zimmers. Nun gut, sie waren recht klein, nicht so groß wie ihre spanischen Artgenossen, maximal zwei Zentimeter lang, außerdem kamen sie auch nur nachts, da schlief ich ja sowieso. Etwas Schimmel an den Wänden sollte man ebenfalls nicht so eng sehen, für einen guten Roquefort—Käse zahlt man teures Geld, auch nur für ein bisschen Schimmel. Ein spontaner Umzug war nicht so einfach möglich, man möchte ja einem neuen Geschäftspartner, der sich so bemüht, nicht gleich vor den Kopf stoßen. Also arrangierte ich mich mit den Mitbewohnern und dem lebenden Wandschmuck. Dafür lag das Büro in unmittelbarer Nähe, es befand sich in einem Geschäftshaus, was in Istanbul bedeutet, dass sich im unteren Teil des Gebäudes Geschäfte befinden. In Muzaffers Bürohaus befanden sich in den Räumen der ersten beiden Stockwerke Kaffe—und Teestuben mit intensivem OKAY—Spielbetrieb. Okay ist nach Fußball wahrscheinlich das beliebteste Spiel der Unununs. Wie bei Scribble haben alle Spieler eine Plastikleiste vor sich stehen, Spielsteine mit Zahlen anstatt
- 26 -
Buchstaben, alles nur größer, vor allem lauter. Der Lärmpegel einer Spielrunde ist vergleichbar mit der Geräuschkulisse eines Fußballspiels der Kreisklasse. Einfache Tische mit Plüschtischdecken, Tee wird serviert und von morgens bis abends immer voll besetzt. Einmal sprach ich Muzaffer darauf an, wieso immer so viele Leute darin sitzen würden, ob sie denn keine Arbeit hätten. Daraufhin erklärte er mir, viele davon hätten Transportunternehmen, würden hier auf den nächsten Auftrag warten. Wie dumm von mir, ab diesem Zeitpunkt nannte ich das Café nur noch die “Istanbuler Speditionsbörse“. Darüber befand sich dann Muzafffers Büro, in diesem Stock gab es vier Räume, drei standen leer, voraus schauend hatte sich Muzaffer darauf bereits eine Mietoption einräumen lassen. Den vierten Raum hatte er als Büro angemietet. Wie es sich später herausstellte, nutzte er es auch gleichzeitig als Schlafstätte, duschte nur hin und wieder in dem Hotel, das ich bezogen hatte. Das Büro selbst war zweckmäßig eingerichtet, was man immer darunter verstehen mag. Darin befand sich ein Schreibtisch, eine Couch, ein Sessel und ein Garderobenständer an dem Muzaffers ganze Kleider hingen. Es gab zwar keinen Computer, dafür aber ein Telefon und die Wände zierten Tourismusposter des Landes. Deren Hintergrund erfuhr ich erst später, denn es war wie vieles Teil des Geschäftsbereiches seiner Firma. Eines Tages zeigte er mir seine Gewerbeanmeldung, stolz erläuterte er, welche Geschäfte neben Tourismus und Vertrieb von Rindenmulch sonst noch betrieben werden durften. Außer Drogen- und Waffenhandel waren so ziemlich alle Geschäftszweige aufgeführt. Als lebendes Dekorationsstück saß noch ein Architekt im Büro, in erster Linie hielt er den Schreibtisch besetzt und fertigte Zeichnungen an. Ob es wirklich ein Architekt war, weiß ich nicht so genau, seine Zeichnungen stellten jedenfalls Häuser dar. Lange Zeit ihn kennenzulernen hatte ich
- 27 -
nicht, am Ende der zweiten Woche nach meiner Ankunft, lieh er sich 100.- Euro von mir. Den darauf folgenden Montag stand eine Auszahlung für einen seiner Aufträge an, dies bestätigte mir auch Muzaffer. Damit sollte ich mein Geld zurück erhalten. Weder ihn noch meine 100.- Euro sahen wir nach diesem Wochenende je wieder. Dafür standen jetzt laufend fremde Leute im Büro, die ihn suchten und denen er Geld schuldete. Es waren also die optimalen Bedingungen gegeben, um erfolgreich in die große Welt des Rindenmulch—Business zu starten. Doch ich hielt mir Bill Gates vor Augen, der hatte schließlich in einer Garage begonnen. Eine verwinkelte Hinterhof-Lage hatte das Gebäude auch, was sollte da noch schiefgehen? Muzaffer war ein Mensch voller Widersprüche, in seiner Aktentasche führte er ständig eine türkische Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ bei sich, war liebenswürdig, fleißig und nett, im geschäftlichen Bereich chaotisch und von einer Naivität, die bis an die Schmerzgrenze heranreichte. Manchmal schien er nicht von dieser Welt zu sein. In endlosen Gesprächen erklärte ich ihm zunächst, sein Konzept könnte nur dann funktionieren, wenn wir vorab Rahmenverträge mit den betreffenden Städten abschließen und erst nach erfolgter Vorbestellung mit der Produktion beginnen würden. Einen Rahmenvertrag kann man aber nur abschließen, wenn man einen genauen Preis des Produktes hat. Das war die schwierigste Geburt an dem Ganzen überhaupt. Unununs neigen zu Vermutungspreisen, bei einem geschätzten Kaufpreis lässt man zumindest die Entstehungskosten mit einfließen, schlägt die geplante Gewinnspanne obendrauf, damit hat man wenigstens eine ungefähre Orientierungsbasis. Beim Vermutungspreis zählt für den Ununun ausschließlich der Gewinn, den er erzielen will. Die restlichen Werte interessieren überhaupt
- 28 -
nicht, aus dem Bauch heraus wird eine Zahl in den Raum gestellt, die oft entweder noch nicht mal die Produktionskosten deckt oder maßlos überzogen ist. So vergingen meine Tage damit, den Unternehmensplan für Muzaffer zu erstellen und einen realistischen Verkaufspreis zu kalkulieren. Die Abende verbrachte ich mit Spaziergängen durch Istanbul, mein Hotelzimmer hatte keine so wirkliche Anziehungskraft auf mich. Aktiv konnte ich an dem bunten Treiben in den engen Gassen nicht teilnehmen, nur zuschauen. Meinen Barreserven konnte ich täglich beim Schrumpfen zusehen, deshalb musste ich mich zurückhalten und auf Vieles verzichten. Bei einem dieser Spaziergänge lernte ich Timi und Raffi kennen, zwei junge Schweizer, die nach Istanbul gekommen waren, um sich im Bereich Event—Business etwas aufzubauen. Wir verbrachten danach auch die meisten Abende zusammen. Vermutlich waren sie genau so froh wie ich, sich mal nicht mit Einheimischen zu unterhalten. Nachdem das Konzept “Rindenmulch“ stand, vereinbarte Muzaffer Termine mit den entsprechenden Behörden. Beim ersten Treffen konnte er mich noch einmal aufs Glatteis führen. Auf seine Zusicherung, „Ist ganz in der Nähe“, war ich wieder kilometerweit mit getrottet. Danach fuhren wir mit der Metro oder auch mal mit dem Taxi, meine Füße haben es mir gedankt. Wir führten bei den zuständigen Stellen sehr nette Gespräche, stießen auf großes Interesse und erhielten auch Aufträge. Mal sollten im Park 5.000 qm mit Rindenmulch abgedeckt werden, mal an der Stadtautobahn 10.000 qm. Eine wunderbare Sache, nur mit einem kleinen Wehmutstropfen durchsetzt. Die Arbeiten sollten zunächst ausgeführt werden, dann werde man sich das Ganze anschauen, ob es gefällt. Sollte dies der Fall sein, war das Geschäft längst nicht unter Dach und Fach. Erst danach würde entschie-
- 29 -
den, ob man es will, der Preis verhandelt und gegebenenfalls neue Aufträge erteilt, nur diese würden auch bezahlt werden. So etwas war kein Einzelfall, in den kommenden zwei Jahren stieß ich ständig auf diese Einstellung. Mach erst die Arbeit, wenn sie uns zusagt oder noch besser, wir haben dadurch schon Geld verdient, dann wollen wir mal großzügig sein und sind eventuell bereit, dafür etwas zu bezahlen. Meine Versuche, ein Umdenken zu bewirken, waren nie von Erfolg gekrönt. Mit vernünftigen Argumenten, mit Beispielen: „Sie bestellen Verkaufsschilder für ihr Unternehmen. Sie können dann dem Grafiker auch nicht sagen, erst wenn wir Produkte oder Dienstleistungen durch Deine Schilder, Deine Werbung verkauft haben, zahlen wir Deine Rechnung.“ Vergeblich, es nutzte nichts, kein Einsehen, keine Veränderung, keine Kompromisse. Als hätten sie einen deutschen Kneipen-Spruch für bare Münze genommen: „Herr Ober, bringen Sie mal Geld, ich will zahlen!“ Muzaffer verstand nicht ganz, weshalb ich die Gespräche abbrach und die Aufträge dankend ablehnte. Auch wenn ich so ziemlich alles in Deutschland zurücklassen musste, logisches Denkvermögen und geschäftliche Kompetenz gehörten sicherlich nicht dazu. Die besten Geschäfte können manchmal die sein, die man gar nicht erst macht. Deshalb wurde es nichts mit dem Rindenmulch, dem Riesengeschäft, uns und der Stadt Istanbul.
- 30 -
Inzwischen hatte ich mich recht gut eingelebt, oder wie immer man es betrachten will. Auf jeden Fall fühlte ich mich nicht mehr so ganz fremd, was sicher auch mit dem Mikrokosmos zusammenhing, den ich mir ein wenig geschaffen hatte. Tagsüber die Arbeit mit Muzaffer, abends Spaziergänge oder in der Hotellobby Gespräche und Schachspiele mit Timi und Raffi. Istanbul ist eine faszinierende Metropole. Pulsierendes Leben rund um die Uhr, die Märkte und Bazare mit ihrem wilden Mix aus Einheimischen und Touristen eine Welt für sich, eine knallbunte Mischung ausgeschüttet aus dem Weltkaleidoskop. Der Bosporus mit seinen Landungsbrücken, fast im Minutentakt ergießen sich Wogen von Unununs aus den anlegenden Fähren, streben ihrem Arbeitsplatz zu oder wollen als Urlauber das erste Mal die Geheimnisse ihrer alten Lady erkunden. Verbunden mit der Brücke, die zum Stadion führt und nie zur Ruhe kommt. Ein ständig vibrierender Lebensnerv, unter ihr die Fischrestaurants und Souvenirshops, an ihrem Geländer Heerscharen von Anglern, so viele davon, unwillkürlich denkt man: Die können gar nicht alle was fangen, die baden nur ihre Würmer. In Schwingung gehalten von den Blechkarawanen der Autos, die Stoßstange an Stoßstange darüber rollen. Durchschnitten vom silbernen Bandwurm der Metro, die sich erhaben zwischen ihnen hindurchschiebt und einmal in der Woche in ein Farbspektakel von gelb—rot gehüllt, wenn sich die Fans von Galatasaray wie ein lebendes Farbband Richtung Stadion bewegen. Eine Faszination, die schnell ihren Reiz verliert, wenn man selbst nicht darin eintauchen, nicht teilhaben kann. Wenn die Party ohne einen stattfindet, man sich nur von außen die Nase an der Scheibe platt drückt und zusieht. Vereinfacht ausgedrückt: „Ohne Moos nichts los!“ Vor allem, nachdem der Architekt oder was immer er auch war, mit meinen 100.- Euro untertauchte, leuchteten bei mir jedenfalls alle finanziellen Warnlampen. Einige Tage
- 31 -
nach dessen Verschwinden hatten wir aber mit Timi, Raffi und Muzaffer eine Besprechung im Büro. Zwangsläufig kam auch die Sprache auf diesen Vorfall. Auf einmal griff Muzaffer in die Schreibtischschublade und zog ein Uhr hervor. Diese hatte der Architekt wohl bei seiner Flucht vergessen und Muzaffer wollte sie mir als kleine Entschädigung schenken. Mit meiner Swatch, einem Geburtstagsgeschenk meiner verschollenen UnununFreundin, meiner beinahe Lebensabschnittsgefährtin, bin ich zufrieden und es ist auch eine Erinnerung für mich, außerdem trage ich keine Blender, deshalb lehnte ich höflich ab. Nur Timi bekam auf einmal leuchtende Augen, meinte, wenn ich sie nicht brauchte, würde er sie gerne nehmen, also erhielt er eine La— Croix—Uhr. Nach dem Meeting verließen wir das Büro, Timi zog es direkt ins Internetcafé, den Grund wollte er uns nicht verraten. Nach einer Viertelstunde war er darin fertig, bezahlte und lud uns zum Tee ein. Gespannt sahen wir ihn an, er legte die Uhr auf den Tisch, meinte, der Architekt sei doch kein so schlechter Mensch, wie wir denken würden. Seine Schulden bei mir hätte er immerhin beglichen. Verblüfft schaute ich ihn an, er grinste frech zurück. „Die Uhr ist kein Blender, sondern echt, ich habe eben die Merkmale beim Hersteller im Internet überprüft, es stimmt alles. Im Laden wird die für ca. 2.000.- Euro verkauft, wenn man Glück hat, erhält man hier beim Verkauf zwischen 800.- bis 1.000.-Euro!“ Für einen Augenblick verschlug es Raffi und mir die Sprache, fassungsloses Staunen hatte sich auf unseren Gesichtern ausgebreitet, schlagartig begannen wir alle gleichzeitig durcheinanderzureden und die Freude darüber brach aus uns heraus. Unser Beschluss fiel schnell und einstimmig, sogleich machten wir uns auf den Weg zum Schmuckbasar. Nach zwei Stunden hatten wir das gute Stück
- 32 -
für 800.- Euro an den Mann gebracht. Davon bekam ich meinen Verlust ersetzt, jeder von uns erhielt einen Teil für seine Reisekasse. Abends luden wir Muzaffer ein, gönnten uns zusammen ein opulentes Essen, denn in den letzten Tagen mussten wir auch daran knausern. Für all wurden es ein paar sehr schöne Stunden und wir schlugen uns so richtig die Bäuche voll. Zwischenzeitlich hatte unser Muzaffer bereits das nächste Geschäft an Land gezogen. Nachdem seine Träume von „Big Mulch“ so abrupt beendet wurden, war er ständig auf der Suche nach etwas Neuem gewesen. Ein Bekannter von ihm hatte ein medizinisches Labor, war selbst Arzt und wollte Diagnosegeräte zum Schnelltest von Erkrankungen importieren. Der Vertriebsweg und auch die Endabnehmer dafür standen ihm zur Verfügung. Das Einzige, das ihm fehlte, war der Exporteur aus Deutschland und vernünftige Preise. So machte Muzaffer mich mit seinem Freund Mehmet bekannt, dieser machte vorab einen vernünftigen Eindruck auf mich. Nun lasse ich mich von einem Dr. auf einer Visitenkarte weder beeindrucken noch täuschen, dieses Dr. kann auch durchaus für die Abkürzung von „Dieter“ stehen. Es gibt natürlich viele Akademiker mit einem echten Titel, bei denen man sich dennoch fragt, ob im Ausweis nicht doch irgendwo dieser Vorname auftaucht. Bei einem Besuch konnte ich mich aber überzeugen, dass sowohl das Labor als auch der Titel real waren. Über unser erstes Treffen, die Vorstellungen und das geplante Konzept machte ich mir einige Gedanken. Nachdem ich das Vorhaben für interessant und realisierbar hielt, vereinbarten wir einen Termin mit unserem Doktor und einiger seiner Kollegen, die bei diesem Unternehmen involviert waren. Das Labor lag soweit vom Büro entfernt, dass selbst Muzaffer erst gar nicht auf die Idee eines Fußmarsches
- 33 -
kam. Im Labor bestand Rauchverbot, so dass die Besprechung in der Küche abgehalten wurde, der einzige Raucherraum. Es war ein lustiges Stimmengewirr aus Englisch, Ununun und Deutsch, mit dem wir uns verständigten. Wichtige Worte Ununun für solche Anlässe hatte ich mittlerweile gelernt. In kritischen Gesprächssituationen, so hatte ich bemerkt, fielen häufig unbequeme Punkte einfach unter den Tisch, deshalb wollte ich sie lieber selbst erwähnen oder wichtige Dinge hervorheben. Am Ende des Meetings waren wir uns in allen Punkten einig, allen Beteiligten schien der weitere Verlauf klar zu sein. Zum Abschluss wies ich nochmals eindringlich und eindeutig darauf hin, nur wenn die finanziellen Mittel auch tatsächlich vorhanden seien, könnte dieses Geschäft erfolgreich gestaltet werden. Alle Anwesenden versicherten mit treuem Augenaufschlag und entrüstetem Gesichtsausdruck, Geld sei definitiv kein Thema, „Großes PfadfinderEhrenwort!“ oder so ähnlich. Nun hatte ich wieder eine Aufgabe. Stress und Hektik machten mir schon immer mehr Spaß, als untätig herumzusitzen, auch wenn es mal nett war, in den Basaren und Themenstraßen herumzustromern. Die Themenstraßen sind eine Eigenart der Unununs, es gibt Bücher-Handy-Goldstraßen und viele mehr. Hat sich ein Händler für seine Branche einen Top-Standort ausgesucht und sein Laden brummt, kann man die Uhr danach stellen, wann in unmittelbarer Nachbarschaft ein Geschäft mit einer identischen Produktpalette eröffnet. Wo einer satt wird, wird es wohl auch für zwei reichen. Der Kuchen wird halt in zwei Stücke geteilt, bis der nächste Laden in der Nähe eröffnet, die Stücke für alle immer kleiner werden, bis am Ende für jeden nur noch Krümel bleiben. Befindet sich zu Saisonbeginn ein Lederwarenshop auf einer Straße und wirft einen guten Ertrag ab, so findet man am
- 34 -
Ende der Urlaubszeit zwischen 6 und 10 Läden auf dieser Strecke. Nur verdient kein Händler mehr Geld und jeder kämpft ums nackte Überleben — halt Ununun-Logik. Doch dieser betriebswirtschaftliche Schwachsinn war nicht unser Problem, wir strolchten einfach durch das Blockangebot dieser Gassen und die vielfältige Palette der Basare. Durch den Verkauf der Uhr war wieder Luft in unseren Kassen, wir konnten also in den Folgetagen nicht nur schauen und staunen, sondern auch kaufen. So durchstöberten wir die Basare, um uns von ihrer einzigartigen Atmosphäre einfangen zu lassen und zu genießen, für uns schien es Luxus pur. Es gibt dort fast nichts, was es nicht gibt. Haustiere, Gewürze, Bekleidung, Lederwaren, die ausgefallensten Schmuckstücke und wertvolle Handarbeiten. Mit einer ausführlichen Beschreibung, einer kompletten Auflistung könnte man alleine schon ein Buch füllen. Nette Cafés und Restaurants gibt es darin, die auch Kleinigkeiten anbieten, die man als Westeuropäer schon mal vermisst. Beispielsweise Filterkaffee oder Cappuccino, ansonsten erhält man überall nur löslichen Kaffee, mit der Zeit ist das recht eintönig, um nicht zu sagen ätzend. Bei einem unserer Besuche beschlossen meine Schweizer und ich, uns etwas Gutes zu tun, uns einen original italienischen Cappuccino zu gönnen. Ein exklusives aber gemütliches Café, nicht ganz billig, doch wir wollten uns ja etwas verwöhnen. Also bestellte ich in der Ununun— Sprache unsere Getränke, denn jeden Morgen lernte ich fleißig eine Stunde die einheimische Sprache, um nicht immer wie ein dummer Ausländer da zustehen. Der Kellner sah mich fragend an, ich wiederholte die Bestellung, er antwortete zwar in seiner Landessprache, tat aber so, als hätte er mich nicht verstanden. Normalerweise sind die Unununs begeistert und freuen sich, wenn man sie in ihrer Sprache anspricht, auch wenn es nur ein paar
- 35 -
Brocken sind. Unser „Garçon“ war scheinbar ein Sonderfall, etwas provozierend lächelte er mich an, um auf Englisch nach unseren Wünschen zu fragen. Antworten in seiner Sprache ignorierte er spöttisch grinsend, also bestellten wir auf Englisch unsere Getränke. Timi war außer sich: „Der führt uns vor, was bildet der sich ein? Du bist höflich zu ihm, redest mit ihm Ununun und er behandelt Dich so!“ Wenn Timi aufgeregt war, verfiel er in sein Schwyzer—Deutsch, selbst ich hatte dann Mühe ihm zu folgen, hörte sich aber niedlich bei ihm an. Jetzt tobte er am Tisch herum und schimpfte über den Kellner. Schmunzelnd sah ich zu ihm herüber: „Warte nur ab, er versteht kein Deutsch!“ Als wir gehen wollten, bestellte ich die Rechnung, da verstand er auch wieder seine Muttersprache. Er brachte das Wechselgeld zurück, jetzt war die Zeit für unsere kleinen Gemeinheiten gekommen. Er wünschte uns einen schönen Tag, „Du mich auch!“ lautete meine Antwort und nahm das Wechselgeld bis auf 5 Cent vom Tablett. Freundlich lächelnd schaute ich ihn an, sein Blick sprach Bände, er drückte ungefähr Folgendes aus: „Das kann ich doch nicht annehmen, das kann ich doch nicht annehmen, dass das alles ist!“ Sein Gesicht wurde immer länger, weshalb ich ihm sagte: „Achte auf Deine Kinnlade, damit schlägst Du gleich noch Dellen in den Boden.“ Jovial klopfte ich ihm auf die Schulter, zeigte grinsend auf das Geldstück, das so einsam auf dem silbernen Tablett lag und sprach mit erhobenem Zeigefinger gönnerhaft zu ihm: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben!“ Timi und Raffi neben mir konnten kaum ihr prustendes Lachen unterdrücken, das aus ihnen vollends herausbrach nachdem wir das Café verlassen hatten. Ein paar Minuten mussten wir stehenbleiben, da sich die beiden vor Lachen bogen und ihnen die Tränen die Wangen he-
- 36 -
runterliefen. Auch wenn unser lieber Kellner nicht alles verstand, die Botschaft dürfte dennoch bei ihm angekommen sein. Mit meinem neuen Auftrag war die Zeit des Herumstreunens vorbei, worüber ich recht froh war. Neue Herausforderungen reizen mich immer besonders. Es war zwar ein für mich unbekanntes Fachgebiet, doch in medizinische Bereiche kann ich mich recht schnell einarbeiten. Zudem bestand meine Hauptaufgabe darin, günstige Anbieter zu finden, Abnahmepreise, Rahmen— und Lieferbedingungen auszuhandeln. Muzaffers Büro verfügte weder über PC noch Internet, also musste ich meine ganzen Recherchen und Verhandlungen im Internetcafé und aus Telefonläden führen, denn Gespräche ins Ausland waren aus dem Büro heraus nicht möglich. Eine Übersicht der infrage kommenden Anbieter hatte ich relativ schnell erstellt und die benötigten Angebote angefordert. Dabei hielt ich engen Kontakt zu Mehmet, damit keine Missverständnisse auftreten konnten und alles zügig über die Bühne ging. Die deutschen Firmen wunderten sich zwar über das angefragte Volumen, doch sie wollten alle Umsatz machen. Die Preise waren wie üblich die größte Hürde, die es zu nehmen galt, als wir dafür eine Basis gefunden hatten, stimmte ich noch die restlichen Lieferbedingungen ab. Jetzt konnte Geld verdient werden, unserem Erfolg stand nichts mehr im Wege. Muzaffer suchte bereits eine Sekretärin und stattete in seinem Kopf schon die restlichen Büroräume aus. Mit unseren Doktoren vereinbarten wir einen Termin, um die Bestellung, Lieferbedingungen und die Zahlungen zu besprechen, damit die Verträge ausgefertigt und unterschrieben werden konnten. Wir trafen uns wieder in der Raucherküche von Mehmets Labor und ich legte dem Gremium die nötigen Unterlagen vor. Von den Preisen waren alle restlos begeistert. Wie anfangs besprochen, war auch
- 37 -
Geld kein Thema, nur etwas anders als gedacht. Nun hieß es, der deutsche Lieferant sollte zunächst die Geräte und das Verbrauchsmaterial liefern und ein Zahlungsziel von drei Monaten einräumen, dann würde man alles bezahlen. Zuerst hielt ich es für einen Übersetzungsfehler und fragte zweimal nach, was ich hörte, konnte ich kaum fassen. Hatte ich mich bei unserem ersten Meeting nicht klar und deutlich ausgedrückt? Hatte ich ihnen nicht alles aufgeschrieben, die Abläufe sogar aufgezeichnet? Suchend blickte ich mich um, ob vielleicht gleich Felix und Paola mit „Versteckter Kamera“ um die Ecke kämen. Nepper, Schlepper, Bauernfänger, dachte ich spontan, jeden Tag steht ein Dummer auf, man muss ihn nur finden. Glaubten meine Doktoren, den in mir gefunden zu haben? Arbeit, Zeit und Geld hatte ich in dieses Projekt investiert, der „kleine Rudi“ in mir lief Amok. „Was sagen Sie als Unbeteiligter zum Thema Intelligenz?“ oder „Wo lassen Sie denken?“ waren die freundlichsten Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf schossen. Doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben, schüttelte „mein weißes Haupt“, appellierte an den gesunden Menschenverstand, versuchte es, argumentativ verständlich zu machen. Kein deutscher Anbieter würde jemals an eine ihm unbekannte Firma im Land der Unununs Waren im Wert von über 300.000.- Euro ohne Sicherheiten liefern. Die Antwort darauf riss mich fast vom Stuhl: „Tja, etwas Vertrauen müssen die schon mitbringen, schließlich wollen die doch auch Geschäfte machen.“ Ab und zu erlebte ich in Deutschland mal was Ähnliches, bei Geschäftspartnern, die mir sinngemäß sagten: „Trauen Sie nicht dem Wort eines ehrbaren Kaufmannes?“ Stets entgegnete ich lächelnd: „Aber sicher, sobald Sie einen finden, kommen Sie mit ihm bei mir vorbei!“ Aufgrund der hiesigen Erfahrungen würde
- 38 -
ich diesen Satz erweitern und hinzufügen: „Zu unserem Termin bestelle ich auch die Medien, an einem solchen Augenblick sollten alle Menschen im Land teilhaben können.“ Mit Vernunft und gutem Zureden versuchte ich, bei diesem Gremium ein Umdenken herbeizuführen. Doch es war vergebene Liebesmüh, ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlenflügel, den ich nach einer nutzlosen Debatte von über einer Stunde entnervt abbrach. Das Kapitel hatte ich für mich abgeschlossen.
Verärgert und frustriert saß ich an diesem Abend mit Timi und Raffi in der Hotellobby. Lange tauschten wir unsere Eindrücke und Erfahrungen aus, die wir in den 4 Wochen in Istanbul gesammelt hatten. Ihre waren ähnlich, fast deckungsgleich mit den Verhaltensmustern, die ich erlebt hatte. Es werden Vereinbarungen getroffen, an die sich später niemand erinnern kann und noch weniger sich daran hält, es wird versucht, dem Partner die ganze Arbeit, sämtliche Kosten und Risiken aufzubürden und die Meinung ändert sich fast im Stundentakt. Als Fazit gelangten wir zur Überzeugung, Istanbul sei doch nicht so die optimale Stadt, um einen erfolgreichen Neubeginn zu starten. In einer deutschsprachigen Zeitung, die überwiegend im Raum Antalya/Alanya vertrieben wird, war ich auf einen interessanten Kontakt gestoßen. Für seine Immobilienfirma suchte Adnan, ein in Österreich aufgewachsener Ununun händeringend einen Partner zum Vertrieb eines Projektes. Schon seit Tagen bekniete er mich, nach Antalya zu kommen und mit ihm zu arbeiten. Nach einer ersten Analyse erschien sein Immobilienobjekt tragfähig und lukrativ und ich schätzte die Erfolgschancen positiv ein. Vertrieb war schon immer meine Stärke und seine geplante Senio-
- 39 -
renresidenz stellte eine interessante Perspektive da. Nach den letzten Ereignissen gab es nichts, was mich in Istanbul hielt, auch in den Augen von Timi und Raffi sprach nichts dagegen. Die Beiden sollten mich begleiten, denn der Vertrieb sollte hauptsächlich über Internet abgewickelt werden. Zu diesem Zeitpunkt erschöpften sich meine PC-Kenntnisse im Ein- und Ausschalten eines Computers oder noch im Ausdruck eines Schriftstückes. Damit war ich für hiesige Verhältnisse fast ein Computerfachmann, doch für das geplante Vorhaben war dies eindeutig zu wenig, da benötigte ich die Unterstützung meiner Schweizer. Deshalb musste ich im Vorfeld alle Rahmenbedingungen abklären. Am Telefon feilschte ich über eine Stunde um unsere Forderungen und die wichtigsten Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit. Letztendlich trafen wir eine Vereinbarung, mit der wir mehr als zufrieden sein konnten. Deren wichtigste Eckpunkte waren eine Wohnung und ein Pkw, beides wollte uns Adnans Firma kostenfrei zur Verfügung stellen. Des Weiteren sollte eine monatliche Kostenpauschale für die laufenden Aufwendungen gezahlt werden und eine Provision für erfolgte Verkäufe. Für unsere Aufgabe stand uns ein Büro zur Verfügung, das mit Telefon, PCs und Internet ausgestattet und sofort arbeitsbereit war. Also ein Angebot, das ich vor allem in der jetzigen Situation nicht ablehnen konnte. Zügig planten wir für den nächsten Tag unsere Abreise, denn länger konnten wir auch nicht mehr warten, unsere Finanzen liefen schon auf Reserve, reichten noch etwas über die Kosten für die Bustickets und eine Übernachtung knapp hinaus. Bei der Verabschiedung war Muzaffer sichtlich geknickt, wir versprachen ihm, in Verbindung zu bleiben. Unsere Entscheidung hatten wir ihm erklärt, er versuchte sie zu verstehen und sah sie auch ein. Mit einem lachenden und einem weinenden Augen ließ
- 40 -
er uns ziehen, bestand sogar darauf, dass ich den Büroschlüssel behielt. Jederzeit könnte ich zurückkommen, seine Tür wäre für uns immer offen. Vier Wochen zuvor war ich mit dem Bus in diese Riesenstadt gekommen, mit ihm verlies ich sie jetzt wieder. Damals war es ein unendliches Gefühl der Erleichterung, das mich begleitete, gepaart mit einem Wechselbad von Gefühlen zwischen Neugierde und Unsicherheit, diesem ganzen Schrankkoffer voller offener Fragen. Als wir an diesem Abend in die dunkle Nacht aufbrachen, war es ganz anders. Mit 12 Stunden Fahrt war auch diese Reise nicht unbedingt kurz, doch stand zumindest ein klares Ziel im Raum. Die Aufgaben waren fest geplant, die Vereinbarungen eindeutig definiert und eine zukünftige Entwicklung vor Augen, die hoffen ließ. Außerdem war ich nicht mehr der auf sich allein gestellte Einzelkämpfer, sondern reiste in Begleitung meiner beiden Schweizer. Ganz besonders fehlte natürlich die nervliche Belastung dieser Tage, aber die vermisste ich ganz und gar nicht. Wieder saß ich im Bus, einfach frei und entspannt, freute mich auf Antalya wie auf ein neues Abenteuer. Ein großer Junge, der „kleine Rudi“, der gespannt auf die Weihnachtsbescherung wartet, ging es mir durch den Kopf, während wir das nächtliche Lichtermeer der Stadt durchquerten. Und Istanbul hatte alle Lichterketten am Baum angeknipst, um uns zu verabschieden.
- 41 -
Kapitel II Anfangs betrachteten wir neugierig die Gegend im Licht der Scheinwerfer, unterhielten uns über unsere neue gemeinsame Herausforderung, jetzt dösten wir vor uns hin, versuchten, eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Mit unserer Ankunft in Antalya würde es direkt in Besprechungen gehen, es blieb dann keine Zeit zum Ausruhen und wir mussten fit sein. Nach einigen Zwischenstationen und wenigen Stunden Schlaf stahlen sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont und tauchten die Gebirgskette, die wir durchfuhren, in ein rotgelbes Farbenmeer. Wild zerklüftete, majestätische Berge, durchschnitten vom geschwungenen Band der Autobahn, die geradewegs auf die Stadt zuführte. Antalya, die Perle des Südens genannt, jetzt lag sie uns zu Füssen, funkelnd in den Strahlen der Morgensonne, es schien, als habe sie sich besonders hübsch für uns zurechtgemacht. Das Willkommensbild wirkte einfach ruhiger, wärmer und freundlicher als das turbulente und manchmal kühl erscheinende Istanbul. Hatten wir auch noch keinen Fuß hineingesetzt, so fühlten wir uns doch schon wohl. Der Busbahnhof schien im Vergleich zu dem der Metropole fast winzig. Er signalisierte: Keine Hektik, immer mit der Ruhe, hier ist kein Platz für Stress. Die Grünanlage des Terminals mit Palmen und Bananenstauden lud mehr zum Urlaub als zur Arbeit ein. Aus den ausgeladenen Gepäckstücken suchten wir unsere Koffer heraus, waren fast ein wenig irritiert, niemand kam auf uns zu, um uns ein Taxi oder sonstige Dienstleistungen aufzuschwatzen. Nun suchten wir zunächst eine preiswerte Beförderungsmöglichkeit, um weiter Richtung Zentrum zu gelangen. Dadurch lernten wir einen der wichtigsten Kultgegenstände der Unununs kennen: den Dolmusch. Eigentlich ein Großraumtaxi oder besser ein Kleinbus für den Nahverkehr. Je nachdem wie
- 42 -
man die Fahrgäste stapelt, bietet der Dolmusch Platz für 30 bis 35 Personen. Voll ist er dann, wenn die sich in der Mitte befindliche Automatiktür noch knapp schließen lässt und die Brustatmung der stehenden Passagiere mal eben geradeso funktioniert. Bei dieser Fahrt erlebten wir eine Riesenüberraschung. Woher wussten die Unununs, dass es uns finanziell nicht so gut ging? Kaum hatten wir uns mit dem Gepäck und einer Menschentraube in den Dolmusch hineingezwängt, steckten sie uns von allen Seiten Geld zu. Wir drei sahen uns erstaunt an, das Geld in der Hand und die unausgesprochene Frage: „Was ist denn jetzt los?“ Hatten sie sich unsere Aktion nach dem Fall der Mauer gemerkt, kopierten sie und steckten uns das Begrüßungsgeld zu? Noch hielten wir das Geld unschlüssig in der Hand, als wir ein paar böse Blicke ernteten. Vielleicht war das doch nicht so ganz der Fall, beschlich uns der Gedanke, als wir beobachteten, wie andere Fahrgäste Gelder nach vorne zum Fahrer reichten. Langsam fiel auch bei uns der Groschen. Der Dolmuschfahrer hatte ein Körbchen mit Wechselgeld vor sich, aus dem er bei voller Fahrt in aller Seelenruhe das Rückgabegeld abzählte. Auf dem gleichen Weg, wie es in dieser Kette zu ihm gelangte, wanderte anschließend der Restbetrag wieder zurück. Mit den letzten Passagieren beendeten wir irgendwo in der Stadt unsere kleine Erlebnistour, suchten auf gut Glück ein Hotel mit erschwinglichen Preisen. Die Restbestände aus unseren Reisekassen legten wir zusammen, so reichte es noch für ein gemeinsames Hotelzimmer. Abwechselnd konnten wir uns frisch machen und hatten einen Aufbewahrungsort für unsere Koffer. Frisch herausgeputzt begaben wir uns zum vereinbarten Treffpunkt.
- 43 -
Dann stand er vor uns, Adnan, unser Architekt oder Baumeister in Österreich genannt, wo er diesen Titel erworben hatte. Hieß es nicht Braumeister und er hatte nur dieses eine „r“ unterschlagen? Diese Frage stellte ich mir später im Verlauf unserer Zusammenarbeit immer häufiger. Was seine fachliche Kompetenz betraf, konnte ich sie nie abschließend beantworten. Überschwänglich begrüßte er uns, wir stiegen ins Auto und fuhren zum Büro der GC Konut. Das war zwar nicht Adnans Firma, wie er das in den EMails und Telefonaten dargestellt hatte, aber immerhin nahm er dort eine leitende Position ein. Das Büro entsprach sogar europäischem Standard, auch wenn die roten Polstermöbel gewöhnungsbedürftig waren. Die Wände zierten Poster von Projekten, die diese Baugesellschaft erstellt hatte oder zurzeit baute. Die Basis für eine tragfähige Geschäftsbeziehung schien zu bestehen, alles machte einen vernünftigen und wohlorganisierten Eindruck. Zunächst musste aber mit den beiden Geschäftsinhabern erneut die Verhandlung über die ursprünglich vereinbarten Konditionen unserer Kooperation geführt werden. Überraschenderweise verlief sie recht unkompliziert, die mit Adnan besprochenen Bedingungen wurden von ihnen weitestgehend akzeptiert. Die getroffenen Vereinbarungen wurden schriftlich fixiert, von allen Beteiligten unterschrieben und jeder erhielt eine Ausfertigung davon. Nach der Unterzeichnung lud man uns in ein nobles Restaurant zum Essen ein. Direkt am Meer, hoch oben auf den Klippen gelegen, mit einem atemberaubenden Ausblick kilometerweit über die funkelnde tiefblaue See. Über allem thronte eine Sonne, die uns schon nach wenigen Minuten mit ihren warmen Strahlen aus unseren Jacken und dicken Pullis heraus zwang, dazu noch ein hervorragendes Essen, einfach Urlaubsfeeling pur. So macht Arbeit Spaß, dachte ich, so kann es
- 44 -
bleiben und langsam besser werden. Im Vergleich zu Istanbul waren wir scheinbar von einem alten, klapprigen Käfer auf einen neuen schmucken Daimler umgestiegen. Unser neues Hotel, das wir abends bezogen, war zwar nicht das Hilton. Doch die Zimmer waren sauber und gemütlich, mindestens zwei Klassen besser, ohne kleinen Mitbewohner, wie in der Großstadt und lag nur 100 Meter vom Strand entfernt. Es schien wie ein kleiner Traum, doch auch Träume können enden oder sich zum Alptraum entwickeln. An diesem Abend feierten wir unsere Ankunft euphorisch und begeistert wie einen kleinen Triumph. Am nächsten Morgen fuhren wir zum Ortsausgang von Antalya, rund 500 Meter vom Meer entfernt befand sich eines der Projekte von GC Konut im Bau. In unmittelbarer Nähe sollte die geplante Seniorenresidenz für europäische Kunden entstehen. Für deren Finanzierung und den Vertrieb waren wir jetzt zuständig. Direkt an der Hauptstraße hatte man einen großen Parkplatz angelegt und darauf ein grellorange-farbenes Büro aus Fertigteilen gesetzt. Es war für die Verkaufsgespräche mit Interessenten gedacht, war zweckmäßig eingerichtet, bestand aus drei Räumen und einer Küche, verfügte vor allem aber über Computer, Internet und Telefon. Unser Projekt „Delight Residence“ konnte also starten. In diesem Büro arbeiteten auch Halil, ein ehemaliger Offizier der Armee, der den Verkauf an Einheimische leitete und Aynur, die gleichzeitig Sekretärin, Putzfrau und Köchin darstellte. Beides sehr nette Menschen, wenn auch die Verständigung mit ihnen gewissen Problemen unterworfen war, da sie weder englisch noch deutsch sprachen. Dafür waren sie aber herzensgut und hilfsbereit, Aynur nahm im Laufe der Zeit sogar meine Hemden zum Bügeln mit nach Hause. Von der Figur wirkte sie etwas rustikal und verfügte über den üblichen „Brothintern“.
- 45 -
Dieser Begriff basiert auf einer der wichtigsten Errungenschaften der Unununs, dem Gummibrot. Die Weißbrote hier sehen aus wie in Deutschland oder Frankreich die leckersten Baguettes, rückt man ihnen aber mit dem Messer zu Leib, drücken sie sich beim Schneiden um über die Hälfte des Volumens zusammen. Nach ungefähr 5 Minuten haben sie sich wieder auf ihre ursprüngliche Größe ausgedehnt, man kann auch durchaus eine Kugel daraus formen, nach wenigen Minuten hat man wieder einen Brotlaib in der ursprünglichen Form in der Hand. Der bei uns in Deutschland so beliebte Bierbauch ist auf den verstärkten Genuss unseres Gerstensaftes zurückzuführen. Der Brotkonsum der Unununs ist extrem, mindestens zwei bis drei dieser Weißbrote verschwinden am Tag in ihrem Dönergrab. Abgesehen von den sonstigen Essgewohnheiten ist das Brot weitestgehend für die ausladenden Hinterteile der einheimischen Frauen verantwortlich, folglich „Brothintern“. Den Rest trägt die leichte einheimische Küche bei. Das „leicht“ steht für: „In das Essen können wir leicht noch eine halbe Flasche Öl mehr rein tun“. Ein guter Eintopf sollte mindestens von einem Zentimeter Öl bedeckt sein, es müssen ja mehr Augen hinaus-als hineinschauen. Zuerst sahen wir uns die nähere Umgebung an und Adnan zeigte uns die im Bau befindlichen Objekte. Auf den Fahrten durchs Land hast du schon schlimmere Häuser gesehen, du musst auch nicht darin wohnen, ging es mir durch den Sinn, als ich die Bauqualität betrachtete, also alles in Ordnung. Wir konzentrierten uns auf unser Projekt, Timi und Raffi gestalteten die Internetpräsenz dafür, bereiteten den E-Mail-Versand vor, ich entwickelte die Gesamtkonzeption, erstellte die Unterlagen für die Finanzierung und den Vertrieb. Jeden Morgen holte man uns um 09.30 Uhr am Hotel ab, 5 Minuten später befanden wir uns im Büro. Ob
- 46 -
wir dann auch direkt arbeiten konnten, war aber noch lange nicht gesagt. Mal gab es keinen Strom, mal fiel das Internet aus oder man stellte das Telefon ab. Verbrachten wir mehr Zeit mit Arbeiten oder Warten? So ganz sicher bin ich mir da nicht. An manchen Tagen blieb uns nichts anderes übrig, als das Gleiche zu tun wie die kleine Kolonie von Schildkröten, die in dem kleinen, am Büro vorbei fließenden Bach lebte. Die Köpfe in die warme Märzsonne strecken, ab und zu mal untertauchen und nichts tun. Raffis silbernes Schachspiel für die Jackentasche hatte uns in Istanbul an manchen Abenden schon gute Dienste geleistet. Jetzt konnte es sich wieder bewähren, vertrieb uns die Langeweile, sorgte für gute Laune, wenn Deutschland gegen das Team aus der Schweiz antrat. Die aufgeregten Streitgespräche in SchwyzerDeutsch über den nächsten Zug sorgten für allgemeine Heiterkeit und ließen den Ärger über die ungewollten Zwangspausen verfliegen. Hin und wieder verdrängte ich an solchen Tagen Aynur aus der Küche, brutzelte einige deutsche Gerichte oder Schweizer Rösti mit Spiegelei. Meine improvisierten Kreationen wurden selbst dem kritischen Urteil meiner Schweizer Eidgenossen gerecht aber auch mit großem Appetit von unseren einheimischen Mitstreitern verspeist. Ungeachtet aller Beeinträchtigungen stand nach 14 Tagen das Gesamtkonzept, die Website lief reibungslos, der, Finanzierungsplan und die Vertriebsstrategie war zu Papier gebracht. Unsere Hausaufgaben hatten wir gemacht, alles war soweit vorbereitet, das Einzige, das fehlte waren die Unterlagen wie Baupläne, Baubeschreibung, eben jene Dokumente, die eine Bank benötigt, wenn sie eine Immobilie finanzieren soll und ein Verkaufsprospekt entwickelt wird. Der Architekt hatte alle Papiere fertiggestellt und angeblich lagen sie abholbereit bei ihm vor. Doch es
- 47 -
wurde eine „Unendliche Geschichte“ daraus. Jeden Tag hatten wir deshalb endlose Debatten mit Adnan, unserem Baumeister. Mal wusste er nicht, was benötigt wurde, dann erhielten wir Unterlagen von anderen Objekten oder Belege, die absolut unnötig waren. Über einen Zeitraum von 6 Wochen trudelten scheibchenweise nach und nach die dringend benötigten Schriftstücke und Zeichnungen ein. Die Demir-Halk Bank in Amsterdam hatte Interesse bekundet, das Objekt zu finanzieren, doch ohne die kompletten Beleihungsunterlagen erübrigte sich dort jedes Gespräch. Beide Firmenchefs, oder auch Patron bei den Unununs genannt, verstanden den ganzen Aufwand und die Intensität nicht, mit der wir auf den Unterlagen bestanden. Der Grundbuchauszug und die Projektzeichnungen müssten doch ausreichen, auf dieser Basis könnte die Bank doch schon mal 7 Millionen Euro überweisen, man würde auch ganz bestimmt dann mit dem Bau beginnen. Diese Einstellung war für mich nicht neu und mir bereits aufgrund der Erfahrungen in Istanbul wohl bekannt. Doch die naive Überzeugung und Selbstverständlichkeit, mit der diese Erwartungshaltung vertreten wurde, erweckte in mir immer wieder grenzenloses Erstaunen. Die Sprachbarriere erwies sich immer mehr als erhebliches Hindernis. Adnan war der Einzige der Unununs, der deutsch sprach und bei uns festigte sich der Eindruck, dass er nur das übersetzte, was ihm genehm war. Versäumnisse oder Fehler bei seiner Arbeit ließ er einfach unter den Tisch fallen. Deshalb hatten wir mit Hilfe der ortsansässigen Universität eine Dolmetscherin gesucht, um in den Besprechungen eine wertneutrale, korrekte Übersetzung zu erhalten und auch die Patrons auf offensichtliche Missstände hinzuweisen. Mit unserer Übersetzerin Nursel erläuterten wir
- 48 -
ihnen dann sehr ausführlich, was getan werden musste, um das Projekt erfolgreich zu realisieren, erklärten, weshalb mit der bisherigen Arbeitsweise das Vorhaben zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war. Diese Termine waren immer sehr zeitintensiv und stellten unsere Nerven meist auf eine harte Belastungsprobe. Es schien, als wollten wir Blinde in die bunte Welt der Farbenlehre einführen. Zum anderen hatte Nursel auch die Aufgabe, für uns die Fachbegriffe und die genauen Inhalte aller Dokumente und Beschreibungen zu übersetzen. Das war besonders wichtig, denn Adnan war immer für eine Überraschung gut. So hatte er uns erzählt, jede Wohnung verfüge über eine Gasheizung, für Senioren im Winter sicherlich sinnvoll. Nur konnten weder wir noch Nursel den Heizungsraum in den Bauplänen finden. Schließlich sprachen wir Adnan darauf an. Bei seiner Antwort fielen wir aus allen Wolken. In den Plänen zeigte er auf den Grundriss einer Küche, darin war ein winziger Abstellraum eingezeichnet. „Da wird die Gasflasche aufbewahrt, mit der ein Heizstrahler betrieben wird.“ Unsere entsetzten Gesichter sprachen Bände, schnell fügte er hinzu: „Wir können die Flasche auch auf dem Balkon unterbringen.“ Die Einwände, die wir daraufhin vorbrachten, konnte er nun gar nicht nachvollziehen. Er vertrat den Standpunkt, schließlich sei es die übliche einheimische Standardheizung. Ein Preis von 130.000.- Euro bei einer solchen Wohnausstattung ist recht schwer darstellbar. Das versuchten wir, ihm zu erklären, redeten mit Engelszungen auf ihn ein, um ihm das begreiflich zu machen. Doch unser guter Baumeister ließ sich natürlich nicht beirren, sah es ganz anders, wie auch die meisten Unununs. Diese Grundeinstellung kann man recht gut beim Kauf einer Immobilie erkennen. Der ausländische Käufer zahlt im Regelfall den gleichen Preis wie der Einheimische, bis auf einen klitzekleinen Unterschied. Die Zahlen des Verkaufspreises bleiben
- 49 -
gleich, ändern sich nicht, nur die Währung, die dahinter steht, wird getauscht, beim Einheimischen findet man die Bezeichnung YTL, für den Ausländer Euro. Ist wirklich nur eine Lappalie, kaum der Rede wert, bei den aktuellen Wechselkursen ergibt es nur eine kleine Differenz von rund 100 %. Nun wollen wir aber nicht knistig werden, ein Platz an der Sonne sollte einem das allemal wert sein, oder?! So verstrichen die Tage, gespickt mit den üblichen Fragen, gibt es Strom, haben wir Internet, funktionieren die Telefone, welche Unterlagen erhalten wir heute, immer aufs Neue eine interessante Wundertüte. Wurde es einmal langweilig, stand uns immer noch die kleine Schildkrötenkolonie zur Beobachtung und zum stummen Dialog zur Verfügung. Abends hatten wir etwas Abwechslung, in der Hotelbar stand ein Billardtisch ‚ doch ich bin schon zufrieden, wenn ich beim Spielen mit nicht dem Queue die Bespannung ruiniere. Deshalb saßen wir mehr am Strand, konnten zusehen, wie er sich Woche für Woche mit immer mehr Touristen füllte und wir andere Leute kennenlernten. Oft schloss sich Adnan an, da er dort gerne ein Bierchen trank, auch wenn es erheblich teurer war als in anderen Lokalen. Er lud sich gerne dazu ein, er verfügte sowieso selten über Geld, so war es auch egal, was es kostete, die Hauptsache, ich zahlte. Immer? Wenigstens bis zu jenem Abend, als ich die Rechnung beglich und er zu mir meinte: „Was mir aufgefallen ist, wenn wir etwas Essen oder Trinken gehen‚ zahlen immer Sie!“ Selten bin ich um einen Spruch verlegen, doch bei so viel feinsinnigem Humor verschlug es selbst mir für einen Augenblick die Sprache. Ab diesem Tag nahmen wir ihn nur noch selten mit. Mein schlechtes Gewissen ließ es nicht zu, dass sich der arme Kerl zu sehr darüber den Kopf zerbrach, am Ende darüber gar noch in Depressionen verfiel.
- 50 -
Unsere Vorliebe für den Strand wurde aber auch dadurch gefördert, dass im Hotel atmosphärische Störungen auftraten. Das Personal hatte uns nach zwei, drei Wochen auf eine A-KontoZahlung angesprochen, mit der uns zugesagten Wohnung hatte sich bislang noch nichts getan. Die Mahnung des Hotels gaben wir an unsere Patrons weiter, wiesen nochmals daraufhin, dass eine Wohnung deutlich kostengünstiger sei, als für drei Personen die Hotelzimmer zu zahlen. Die Patrons versprachen, sich um die ausstehende Zahlung zu kümmern, dabei blieb es auch. Jetzt wurden wir jeden Abend bei unserer Rückkehr auf die offene Rechnung angesprochen. Prompt mahnten wir diese wieder am nächsten Tag im Büro an, worauf uns natürlich zugesichert wurde, dies in den nächsten Stunden zu erledigen. Dieses Spiel lief eine Woche, erst als wir drohten, unsere Arbeit einzustellen, wurde die Forderung des Hotels beglichen. Über den zugesagten Pkw wurde kein Wort mehr verloren, mit der Anmietung der Wohnung vertröstete man uns ständig. Anfangs erhielten wir die wöchentlichen Pauschalen für unsere Auslagen regelmäßig, jetzt erfolgten die Zahlungen wenn überhaupt nur noch schleppend. Immer häufiger wurden wir Ohrenzeugen von Telefonaten der Chefs, aus denen man entnehmen konnte, irgendjemand wollte Geld von ihnen. Beängstigend nahm die Zahl der Leute zu, die im Büro erschienen und warteten, bis die Patrons eintrafen. Bei den dann folgenden Treffen ging es meist laut und heftig zu und drehte sich natürlich immer um Geld. In Deutschland haben wir den Gerichtsvollzieher, der auf gepfändete Gegenstände sein Amtssiegel klebt, vom Volksmund liebevoll „Kuckuck“ genannt. Ob die Unununs so etwas haben, weiß ich nicht. Doch nachdem sich die verbalen Auseinandersetzungen stark häuften, kam mir eine alte Berufsweisheit in den Sinn. „Du
- 51 -
weißt, dass es Zeit ist, den Job zu wechseln, wenn auf allen Büromöbeln der Kuckuck klebt und dein Chef will dir erklären, dies sei nun das neue Firmenlogo.“ Die nächsten zwei, drei Wochen waren geprägt von Diskussionen über fehlende Unterlagen, anmahnen von nicht eingehaltenen Zahlungszusagen gegenüber dem Hotel, Beschwichtigung des Hotelbesitzers bei ausgebliebenem Geldeingang vonseiten der Firma, dann und wann fortführende Arbeiten am Business-Plan des Projektes, wenn neue Papiere eintrafen. Schwerpunkt dürfte eindeutig in dieser Zeit das Studium der Schildkröten und ausgedehnte Spaziergänge gewesen sein. Da es mittlerweile fast täglich zu Reibereien zwischen Patrons, Geschäftspartnern und Arbeitern kam, gingen wir dem Ganzen lieber aus dem Weg und verließen das Büro, statt uns die lautstarken Streitereien anzuhören. Mit den technischen Problemen wie Stromausfall und Ähnlichem hatten wir uns arrangiert aber der interne Firmenstress nervte und man konnte ihn nicht einfach abschalten. Deshalb verlegten wir unsere Arbeitszeit teilweise in die Nachtstunden, um ungestört unseren Auftrag fertigzustellen. Es war absehbar, dass auf Dauer das keine Bedingungen mehr waren, um dieses Vorhaben erfolgreich mit Leben zu erfüllen.
- 52 -
In diese Phase fiel ein Anruf unseres Freundes Muzaffer, sein Geschäft mit dem Rindenmulch lief zwar wie erwartet immer noch nicht, doch er träumte weiter. Ein Bekannter von ihm hatte in Antalya eine Firma als Reiseveranstalter gegründet, er benötigte unbedingt Unterstützung im Bereich Marketing und Vertrieb, ob ich Interesse hätte, ihm zu helfen. Ein Gespräch zu führen kann niemals schaden, also sagte ich zu. Zwei Tage später fuhr Muzaffers Freund Mehmet mit einem dicken Daimler am Büro von GC Konut vor. Damals wusste ich nicht, dass es der Wagen seines Schwiegervaters war, die Firma seiner Frau und der Schwiegermutter gehörte. Er selbst hatte eigentlich nichts zu sagen, der Geschäftsaufbau wurde mit Kapital finanziert, das aus dem Verkauf von Familiengrundstücken stammte. Sein Auftreten hingegen entsprach mehr dem eines kommenden Stars der Tourismusbranche. Mir erschien er mehr wie Homer Simpson, der in die große bunte Businesswelt einsteigen will. Irgendwelche Boshaftigkeiten konnte man ihm nicht zutrauen, seine Frau Aysegül sagte ihm, wo es lang ging und hatte die Hosen an. Argwöhnisch beobachteten die Patrons der GC Konut unser Treffen. Auch wenn sie kein Geld zahlten und ihre Vereinbarungen nicht einhielten, betrachteten sie mich immer noch als Firmeneigentum, was mich aber herzlich wenig störte. Zwei Tage darauf sah ich mir Mehmets Unternehmen an. Bei der Besichtigung waren auch zwei Vertreter seiner Bank anwesend. Sie genehmigten ihm bei diesem Termin einen Kredit zum Kauf zweier Kleinbusse für den Transferbereich und eines Pkws für die Reiseleitung. Im Büro arbeiteten 6 Angestellte, die fast alle deutsch sprachen, die Software für Hotel— und Flugreservierung war für ihn entwickelt worden und einsatzbereit, mittags wurde für die Mitarbeiter gekocht, alles schien rund zu laufen. Aus den negati-
- 53 -
ven Erfahrungen der letzten Monate hatte ich gelernt. Von GC Konut waren trotz der bestehenden schriftlichen Verträge im März und April gerade einmal die Hälfte der vereinbarten Leistungen bezahlt worden. Es war der „Wilde Westen“ oder besser der „Wilde Orient“, hier zählte weder das gegebene Wort noch schriftliche Verträge. Deshalb hatte ich beschlossen, zukünftig nur noch gegen Vorkasse zu arbeiten. Für Mehmets Projekt erstellte ich mit ihm gemeinsam einen Budget - und Zahlungsplan mit festen Terminen. Die erste Zahlung erfolgte wie zugesagt und ich begab mich an die Arbeit. Sein Geschäftskonzept erschien mir schlüssig und das Vertriebskonzept, das ich für GC Konut erarbeitet und für den Computereinsatz vorbereitet hatte, konnte ich mit kleinen Änderungen direkt in das neue Firmenmarketing einfließen lassen. Mit der Gestaltung des neuen Konzeptes verband ich die Hoffnung, dass man sich dieses Mal auch daran halten würde. So begann ich, alle Daten vorzubereiten und für meine geschäftliche Veränderung die Weichen zu stellen. Noch wichtiger war aber ein Hotelwechsel, denn jetzt hatten wir schon fast jeden Abend Ärger im Hotel, da GC Konut ständig ihre Zahlungszusagen platzen ließ. Nursel hatte uns auf dem Gelände der Universität ein sehr schönes, aber doch preiswertes Hotel besorgt, das normalerweise den Gästen der Uni vorbehalten war. Mit dem erhaltenen Betrag aus der Vereinbarung von Mehmet konnte ich das neue Hotel für 14 Tage im Voraus bezahlen und mit meinen Schweizern umziehen. Damit waren wir den abendlichen Stress auf einen Schlag los. Bei GC Konut zog ich mich zurück und legte den Schwerpunkt auf die Arbeit bei MAG-Travel, so hieß Mehmets Firma. Während dessen versuchten Timi und Raffi weiterhin, den Business-Plan für
- 54 -
Die „Delight—Residence“ mit den fehlenden Dokumenten zu vervollständigen, damit sie nach Holland fliegen konnten. Sie standen im ständigen Kontakt zur Demir Halk-Bank und warteten verzweifelt auf die letzten Unterlagen, doch permanent warf man ihnen Knüppel zwischen die Beine und hielt sie hin. Nach zwei weiteren Wochen, erfüllt von Frust und leeren Versprechungen, hatten sie endgültig die Nase gestrichen voll, von GC Konut und dem Land der Unununs. Wir verbrachten noch ein nettes gemeinsames Wochenende am Strand und montags traten sie entnervt und desillusioniert den Heimflug an. Meinen Arbeitsplatz verlagerte ich weitestgehend ins Büro von MAG-Travel, zumindest gab es dort konstant Strom, Internet und Telefon. Im Laufe der Zeit hielt ich nur noch zu Adnan Kontakt, wenn auch auf sehr lockerer Basis, er hatte inzwischen bei GC Konut gekündigt, versuchte nun kurzfristig bei anderen Baufirmen eine neue Stelle zu finden. Bei Verhandlungen mit diesen Unternehmen brachte er mich häufig ins Spiel, bat mich bei einigen Gesprächen mit zu kommen. Er schien mich fast wie einen Wanderpokal herumzureichen. Die Angebote, die man mir machte, hatten alle das gleiche Strickmuster: „Natürlich kannst du bei uns im Büro arbeiten, für uns Marketing und Vertrieb aufbauen. Wenn wir dadurch Geld verdient haben, sind wir auch bereit, dir ein klein wenig davon abzugeben“. Wenn ich manche dieser Gesprächspartner und ihre Office-Einrichtung betrachtete, dachte ich unwillkürlich: Wenn die pünktlich ihre Miete bezahlen, kommt sicherlich die Polizei vorbei und fragt, wo sie das Geld herhaben. Nach zwei, drei solcher Meetings empfahl ich Adnan, künftig auf mich zu verzichten und ließ diese Verbindung zu meinem Baumeister langsam einschlafen.
- 55 -
Die neue Herausforderung verlangte meine ganze Konzentration. MAG-Travel hatte drei Geschäftsbereiche, zum einen Transferleistungen, der Transport von Touristen vom Flughafen zum Hotel und zurück. Dafür bestand ein Rahmenvertrag als Subunternehmer, die Aufträge hierfür wurden von einem anderen Reiseveranstalter zugewiesen. Des Weiteren bestanden Vereinbarungen mit allen größeren Hotels an der Küste, deren Zimmerkontingente sollten an Reisebüros in Deutschland, Österreich und der Schweiz vermittelt werden. Ziel war es, im Baukastensystem die Angebote mit Flügen zu kombinieren und so Individualreisen zu gestalten. Abgerundet werden sollte dieser Bereich mit einem Ausflugsangebot, das sich von den üblichen Standardangeboten deutlich abhob. Das dritte Segment bildete das Projekt “medical line“. Beim Vergleich zwischen Deutschland und dem Ausland ergeben sich bei vielen medizinischen Dienstleistungen Preisunterschiede von 50 % und mehr. In Antalya befinden sich hervorragende Kliniken für plastische Chirurgie, Lasik, Zahnersatz und künstliche Befruchtung, die ihren deutschen Konkurrenten in keiner Weise nachstehen. Die Idee, dieses Preisgefälle zu nutzen und gleichzeitig Urlaubsfeeling zu vermitteln ist ein Riesenmarkt mit einem enormen Entwicklungspotenzial. Eine Vergleichszahl hierzu, 2007 ließen sich in thailändischen Kliniken über eine Million Ausländer behandeln, also ein Businessbereich mit glänzenden Zukunftsperspektiven. Dafür sollten Patienten aus dem deutschsprachigen Raum gewonnen werden und ich beabsichtigte, die Reisebüros aktiv in die Werbung einzubinden. Da ich der Urheber dieser Idee und des Vorhabens war, fielen mir auch alle die damit verbundenen Aufgaben zu. Das war nicht nur die Konzeption, sondern auch die komplette Umsetzung, angefangen bei der Akquise der Reisebüros, Vertragsgestaltung, Verhandlungen mit den hiesigen Privatkliniken, Vorbereitung der Webseiten. Ebenso alle Marketing-
- 56 -
aktivitäten, Aufbau des „Back Offices“ im Verbund mit den Kliniken bis zur Nachbetreuung der Patienten. Ein Fulltime-Job mit 80 bis 100 Stunden in der Woche, doch das war ich aus Deutschland gewohnt. „Nur Action bringt Satisfaktion“, das macht mir Spaß, wobei es für die anderen im Team eher ungewohnt war. Sie verstanden es noch, wenn ich morgens um 09.00 Uhr als Erster vor der Tür stand, auch wenn der Patron mit Familientross erst gegen 11.00 Uhr anrückte, doch meine Arbeit abends mit „open end“ war ihnen fremd. Länger als bis 20.00 — 21.00 Uhr konnte ich aber nicht arbeiten, denn es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Familienbetrieb. Mehmet kam mit Aysegül und ihrem zwei Monate alten Baby anmarschiert, im Schlepptau meist Schwiegermama und -papa, bisweilen auch Aysegüls Schwester, verständlich, dass die irgendwann alle mal nach Hause wollten. Bezieht man die Familie, Angestellte, mich sowie die Putzfrau und Köchin mit ein, befanden sich oftmals 12 bis 14 Personen in den 4 Büroräumen von 100 — 120 qm, es war richtig Leben in der Bude. Hin und wieder wurde ich bei Telefonaten auf das Babygeschrei im Hintergrund angesprochen. Meine Antwort lautete immer: „ Wie Sie wissen, haben wir in Deutschland massive Probleme mit dem Generationswechsel in Familienunternehmen, deshalb kann man gar nicht früh genug damit anfangen, den Nachwuchs im Betrieb zu integrieren“. Aber lieber Babygeschrei und etwas Chaos, als kein Internet wie bei GC Konut. Das war mittlerweile meine Einstellung, denn das Internet wurde für meine gesamten Aktivitäten unabdingbar. Als kleinen Ausgleich versuchte Mehmet dafür, die Firmenatmosphäre familiär zu halten. An einem der ersten Maisonntage gab es für alle eine Grillfete am Meer, so richtig mit Holzkohlengrill,
- 57 -
viel Hähnchenfleisch, Salaten und sogar mit einer ganzen Flasche Raki, nicht unbedingt viel bei 7 Männern, doch es war ein Betriebsfest, kein Besäufnis. Das Wetter spielte auch mit, zwar lief alles nicht so ganz organisiert ab, doch das war ich inzwischen in diesem Land gewohnt und maß dem keine weitere Bedeutung zu. Schließlich könnte der Spruch „Wo ich bin, ist Chaos, doch ich kann nicht überall sein!“, von einem Ununun stammen. Vielmehr zählte der gute Wille und ich betrachtete es als wohlgemeintes Geschenk, die Gelegenheit, mal abzuschalten. Die gelöste Stimmung nutzte ich, um ein wenig über mich und meine Vergangenheit nachzudenken, in den letzten Monaten war dafür wenig Zeit geblieben. Eigentlich war ich nur damit beschäftigt, mich über Wasser zu halten, dafür zu sorgen, dass es wieder Schritt für Schritt aufwärtsging. Am Strand setzte ich mich auf einen Felsen, genoss einfach den Augenblick, den weiten Blick übers Meer und die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht.
- 58 -
Kapitel III Im Geist ließ ich die letzten Wochen in diesem Land Revue passieren. Hätte ich etwas anders machen sollen oder in Deutschland eine andere Entscheidung treffen können? Die Flucht war nicht von langer Hand geplant und durchdacht. Es war ein Entschluss nach einem Wochenende erfüllt mit Gedanken und Überlegungen, der Gewissheit, in Freiheit ein neues Leben einfacher planen und vorbereiten zu können als aus einer Zelle von 10 qm und eingeschränktem Kontakt zur Außenwelt. So kehrte ich sonntags nach einem Wochenendurlaub nicht in die Haftanstalt zurück, befand mich ab 21.01 Uhr offiziell auf der Flucht. Mein Bruder hatte mir vor geraumer Zeit ein Auto angemietet, das ich bis dahin auch beruflich nutzte. Ab diesem Sonntagabend setzte ich mich nicht mehr ans Steuer, zu groß war die Gefahr, bei einer Verkehrskontrolle aufzufallen. Meine privaten Kontakte hatte ich alle abgebrochen, die Personen, mit denen ich weiter in Verbindung bleiben wollte, erhielten ein zusätzliches Handy mit einer neuen SIM-Karte. Nichts davon war zurück zu verfolgen oder stand in irgendeinem Zusammenhang mit mir. Damit wurden nur Gespräche mit mir oder innerhalb dieses Personenkreises geführt. Die ersten 6 Wochen verbrachte ich in Essen, in einem etwas abgelegenen „Low Budget“ Hotel, keine Rezeption, keine Kontrolle, keine lästigen Fragen. In der Nähe gab es eine American-Bar, in der man auch etwas Leckeres zu Essen bekam. Eines Abends hatte ich dort einige Bierchen über den Durst getrunken. Danach ging ich, besser gesagt, wankte ich zurück Richtung Hotel, plötzlich hielt neben mir ein Streifenwagen. Verdutzt schaute ich die Beamten an, die ausstiegen und auf mich zukamen. Sie sagten, in
- 59 -
der Nähe sei ein Einbruch verübt worden, die Beschreibung des Täters treffe auf mich zu. Deshalb würden sie mich zur Gegenüberstellung mit zum Tatort nehmen. „Wie heißen Sie?“ „Sind Sie Ausländer?“ war die nächste Frage, als ich nicht direkt antwortete. „Einbruch, ich? In diesem Zustand?“ wollte ich sagen, doch meine Zunge spielte nicht mehr so richtig mit. Ich versuchte klarzuwerden, die Gedanken im Kopf zu ordnen, auch wenn es nicht leicht fiel. Lieber nichts sagen als etwas Falsches, pulsierte es in meinen Überlegungen. Das war also jetzt deine große Flucht, waberte der Gedanke durch mein alkoholumnebeltes Gehirn. Im Auto bekamen auch die Polizisten meinen Zustand mit, hatten Verständnis ‚ dass meine Antworten auf sich warten ließen. Jetzt spielte ich bewusst den total Betrunkenen, während ich vereinzelt wieder klare Gedanken fassen konnte. Genau überlegen, sonst war es das, durchfuhr es mich, ich zermarterte mein Hirn. Da fiel mir eine rettende Idee ein, bei der Anmietung hatte mein Bruder seinen Ausweis im Wagen vergessen. Damit er nicht verloren ging, hatte ich ihn an mich genommen. Diesen nestelte ich aus meiner Jacke hervor und präsentierte ihn den Beamten. Wir sehen uns recht ähnlich, Passfotos sind sowieso immer etwas ungenau, denn wer sieht schon genau aus wie in seinem Ausweis? Die Personalien von ihm konnten sie getrost überprüfen, was sie auch taten, natürlich ohne Ergebnis. Aber sie fragten nach, was ich in Essen mache, immerhin 120 Kilometer von meinem „Wohnort“ entfernt. Betrunkene und kleine Kinder sagen bekanntlich immer die Wahrheit, so lautete meine Antwort: „Ich besuche einen Freund.“ Glücklicherweise fiel mir Mehmets Adresse ein und die Männer in Grün gaben sich damit zufrieden. Am Tatort konnte mich das geschädigte Ehepaar nicht identifizieren, wie sollten sie auch, zur Tatzeit saß ich gemütlich beim Bier.
- 60 -
Meine uniformierten Begleiter ließen mich wieder laufen und so schwankte ich von dannen. Noch keine 200 Meter hatte ich hinter mich gebracht, als der gleiche Polizeiwagen wieder neben mir hielt. „Das ist noch ein weiter Weg zu Ihrem Freund, die Adresse liegt auf unserer Strecke. Sollen wir Sie mitnehmen?“ fragten die freundlichen Beamten. In mir schrie alles: „Oh, Sch...“ verwies aber auf die brennende Zigarette in meiner Hand. „ Auf den Schreck muss ich erst mal eine rauchen. Bei Ihnen im Auto besteht ja Rauchverbot, aber vielen Dank.“ kam meine Entgegnung zurück, langsam war ich schon etwas klarer im Kopf. Verständnisvoll lächelnd fuhren sie weiter, ließen mich zurück. Sobald sie jedoch außer Sichtweite waren, schlug ich mich blitzschnell in die Büsche, damit sie mich nicht noch ein drittes Mal aufgabelten. In einem kleinen Wäldchen setzte ich mich auf einen Baumstumpf und brachte erst einmal mein ramponiertes Nervenkostüm wieder in Ordnung. Inzwischen war ich auch wieder halbwegs nüchtern. Über Feldwege und Seitenstraßen trat ich den Weg zum Hotel an, bloß nicht mehr auffallen, mein Bedarf an Aufregung war für diesen Tag gedeckt. Am nächsten Morgen checkte ich im Hotel aus, es gab nur eines für mich, weg in eine neue Stadt, das Schicksal nicht herausfordern.
- 61 -
Nach der kleinen Feier lief montags im Büro alles seinen gewohnten Gang, Transferleistungen für Touristen, Verhandlungen mit Reisebüros und die Vorbereitung von „medical line“. Am Computer konnte ich inzwischen mehr, als ihn nur ein- und auszuschalten, in die verschiedenen Programme hatte ich mich eingearbeitet, auch wenn sie nur in der Ununun—Sprache liefen. Einweisen und unterstützen sollte mich bei dem Ganzen Meltem, vom Äußerlichen wäre sie durchaus als Olivia, der Freundin von Popey durchgegangen. Sie war eine normale Angestellte des Unternehmens, fühlte sich aber irgendwie zu Höherem berufen, mindestens zweite Geschäftsführerin oder mehr. Persönlich hatte ich nichts gegen sie, doch aus welchen Gründen auch immer, war es Feindschaft auf den ersten Blick. Vom ersten Tag an führten wir einen kleinen gepflegten Privatkrieg miteinander. Anweisungen von mir legte sie prinzipiell anders aus, als ich sie vorgab, übertragene Aufgaben erledigte sie generell nach ihren Vorstellungen. Gutes Zureden und Erklärungen halfen in keiner Weise, im Gegenteil, sie versuchte, den Spieß umzudrehen. Mit Argusaugen beobachtete sie meine Aktivitäten, versuchte krampfhaft, Fehler zu finden und mich zu kontrollieren. Kontrolle, das läuft bei mir immer schief, dieser Schuss geht garantiert nach hinten los. Viele Dinge verstand sie auch nicht, glaubte aber trotzdem, damit auftrumpfen zu können. So stand sie im Türrahmen meines Büros, hielt 30,40 Ausdrucke des PCs in der Hand, konnte aber nicht den geschäftlichen Hintergrund der Schriftstücke erkennen. Mit einem zufriedenen, triumphierenden Blick und in ihrer Stimme den elternhaften Unterton von: Wobei haben wir unseren Kleinen denn ertappt?, fragte sie „ Was ist das?“. Mit dem nettesten Augenaufschlag der ganzen Welt sah ich sie an, setzte mein Feiertagslächeln auf und sagte im verständnisvollen Ton: „Wonach
- 62 -
sieht es denn aus?“ Schrill klang es zurück: „Das weiß ich!“ „Liebe Meltem, wenn Du es weißt, warum fragst Du mich dann?“ Immer noch freundlich lächelnd schüttelte ich leicht den Kopf, drehte mich um und widmete mich wieder meiner Arbeit. Manchmal kann ich schon ein wenig fies sein, aber diese Frau liebte mich in ihrem Innern scheinbar abgöttisch, es war nicht zu übersehen. Wir galten schnell als das Traumpaar der Firma. Ein Dialog zwischen uns hätte folgender sein können: „Wenn Du mein Mann wärest, würde ich Dir Rattengift geben!“ „Wenn Du meine Frau wärest, ich würde es nehmen!“ Doch von solchen kleinen Nickeligkeiten ließ ich mich nicht ablenken, das Konzept für „medical line“ hatte ich abgeschlossen und setzte es nun in die Tat um. Die Reaktionen der deutschen Reisebüros waren durchweg positiv, ein Deutscher und ein Schweizer Reisveranstalter hatten reges Interesse an einer Kooperation bekundet. Fast täglich erhielten wir neue Anfragen, die Kontakte, die sich aufbauten, gingen mit ihren Möglichkeiten weit über das hinaus, was wir im kleinen Rahmen geplant hatten. In Antalya hatten wir die zwei besten Privatkliniken ausgewählt und konnten den Patienten exzellente Leistungen bieten und eine optimale medizinische Versorgung gewährleisten. Die Verträge mit ihnen lagen unterschriftsreif vor, auch wenn die Verhandlungen sehr zäh verlaufen waren, da sich die Kliniken finanziell an dem Projekt beteiligen mussten. „Das machen die nie!“ sagten mir vorab alle, allen voran natürlich meine Freundin Meltem. Von Beginn an war sie gegen dieses Vorhaben, vielleicht, weil es nicht von ihr stammte oder sie in irgendeiner Form ihre Position gefährdet sah. Die Chancen für das Unternehmen und die langfristige Sicherung ihres Arbeitsplatzes übersah sie geflissentlich. Sie war damit ausgefüllt, meine Fehldrucke aus dem PC zu sammeln und zu zählen, da hatte sie auch einiges zu tun, denn Windows in Ununun ist nicht jedermanns
- 63 -
Sache, vor allem nicht meine. Die verkehrten oder überflüssigen Schriftstücke, die der Drucker ausspuckte, gingen nicht verloren. Fast war es schon ein Ritual, dass Meltem diese bei gemeinsamen Besprechungen mit Mehmet auf den Tisch legte. Kerzengerade saß sie da, um mit ihrer hohen Fistelstimme die durch mich verursachte Geldverschwendung anzuprangern. Ganz besonders liebte sie es, ihre Vorbehalte gegen „medical line“ vorzubringen, zu erklären, warum das Konzept nicht funktionieren konnte. Erläuterte, weshalb sie Aufträge ganz anders ausgeführt hatte, wie von mir aufgetragen. Sie verteidigte sich, obwohl sie nicht angegriffen wurde, klagte an, man erlebte, wie ihre Aufregung und Empörung von Sekunde zu Sekunde wuchs, sich ihre Stimme überschlug. Meist sagte ich dazu kein Wort, dachte manchmal nur: „Früher hätte man so was auf dem Scheiterhaufen verbrannt“. Leider konnte ich mir bei solchen Gedanken ein Grinsen nicht verkneifen. Je breiter dieses wurde, desto mehr steigerte sich Meltem in ihre Erregung, desto keifender wurde ihr Tonfall. Am Ende solcher Auftritte zierte ein fast 360-GradRundumgrinsen mein Gesicht, ich hatte kaum ein Wort gesprochen und Meltem verlies schnaubend das Zimmer. Ein aufgepusteter Luftballon, der losgelassen laut zischend durch den Raum sauste, um dann schlapp auf den Boden zu fallen. Mehmet und ich schmunzelten nur kopfschüttelnd, um uns dann den wichtigen Gesprächspunkten zu zuwenden. Nun gut, ich gestehe ein, mir ist wohl bewusst, wie sehr man mit einem schweigenden Lächeln provozieren kann. Doch in meinen Augen ist es ein eleganterer Weg, als sich auf eine unnütze, emotionale Diskussion einzulassen, vielleicht auch ein wenig amüsanter. Wir waren halt für einander geschaffen, Meltem und ich, das geborene „DreamTeam“, ein Grinsen von mir, ihr Adrenalin Spiegel schoss in den Orbit. Soll mal einer sagen, ich wirke nicht auf Frauen.
- 64 -
Zum erfolgreichen Start unserer „medical line“ fehlte jetzt nur noch die Internetpräsenz. Mit ihrer Hilfe sollten sich die Kunden über die angebotenen Leistungen informieren und die Reisebüros die jeweiligen Buchungen vornehmen können. Mit der Gestaltung hatte Mehmet den Web-Designer beauftragt, der bereits das Buchungsprogramm der Hotels programmiert hatte. Dieser weilte jetzt fast täglich zu Besprechungen in Mehmets Büro, ob der Begriff Meeting dafür angebracht wäre, dessen bin ich mir nicht so sicher. Denn im Raum befanden sich dann zumindest Mehmet, Aysegül mal mit, mal ohne Baby, Schwiegermama, -papa, teilweise Aysegüls Schwester, der Designer nebst Ehefrau, je nach Bedarf Melih, der Reiseführer, der für mich den Dolmetscher mimte und ich selbst, im Hintergrund lief der Fernseher und das Ganze auf 12 qm. Im Wesentlichen wurden Kinderkrankheiten des Hotelreservierungsprogrammes besprochen, und da der WebDesigner kein deutsch sprach, war „Ununun“ die vorherrschende Sprache. Alle redeten wild und laut durcheinander, mittendrin saß ich, versuchte ein halbwegs intelligentes Gesicht zu machen und empfand meine Anwesenheit so sinnvoll wie ein Tretboot in der Wüste. Diese Veranstaltungen tat ich mir zweimal an, dann bat ich Mehmet, mich nur hinzu zuziehen, wenn es konkret um die neue Website und die Datenbank für das Back-Office ging. Die Skripts und die Masken für diese Datenbank hatte ich inklusive der Beschreibung entwickelt und grafisch vorgegeben. Unser Spezialist sollte sie nur noch umsetzen, dann wäre alles einsatzbereit gewesen. Die beruhigende Botschaft war, er brauche dafür nur 3,4 Tage, schon könnten wir damit arbeiten. Und auch beim nächsten Treffen versicherte man mir, nächste Woche sei alles fertig. Im Land der Unununs gibt es immer eine nächste Woche, das lernte
- 65 -
ich jetzt, zu begreifen. Dieser Satz brannte sich bei mir ein und ich habe ihn nie vergessen: „Nächste Woche ist alles fertig“. Ihn bekam ich von nun an nicht nur bei MAG-Travel jede Woche zu hören, er begleitete mich auch später auf Schritt und Tritt im Land der Unununs. Aus der einen Woche wurden schnell vier, ständig fragten die Reisebüros und Kliniken, wann steht die Website, wann geht es los? In den Zeitplänen meines Konzeptes war der Beginn für Mitte Juli vorgesehen, mittlerweile war es Anfang August. Die erste Zeit war ich wegen der Verzögerung auf die Barrikaden gegangen, nunmehr nahm ich es etwas gelassener auf. Nicht, weil ich resigniert hatte, vielmehr war ich an eine interessante Aufgabe geraten, sodass ich die Zeit nicht unnütz verstreichen ließ. Im Rahmen von „medical line“ boten wir in Zusammenarbeit mit dem in Antalya ansässigen Delfinarium eine Delfintherapie für behinderte Kinder an. Eine deutsche Therapeutin, die dort beschäftigt war, erzählte mir, sie hätten einige Kunden, deren Kinder an der Therapie teilgenommen und sehr gute Heilungserfolge erzielt hätten. Diese würden gerne die Behandlung wiederholen, aber die finanziellen Mittel fehlten. Sie fragte, ob man diesen Familien irgendwie helfen könnte und gab mir die Telefonnummer von einigen. Die Telefonate, die ich führte, gingen mir schon zu herzen. Die Eltern schilderten ihre alltäglichen Sorgen und Nöte mit einem behinderten Kind aber auch die mangelnde Unterstützung in Deutschland. Daraufhin begann ich, mir Gedanken zu machen, Geld konnte ich keines zur Verfügung stellen, ich war froh, selbst einigermaßen über die Runden zu kommen. Um eine gute Idee bin ich aber selten verlegen, was man im Marketing für den Vertrieb von Produkten oder Dienstleistungen nutzt, kann man auch in den Dienst einer guten Sache stellen.
- 66 -
Eine Spendenaktion für die Kinder war die Hilfestellung, die ich leisten konnte, allein eine Website fehlte dazu, alles Andere konnte ich selbst realisieren. Die Familie des kleinen Marcel hatte alle Unterlagen dafür vorbereitet und mir zugemailt. Fotos, Krankheitsgeschichte und auch ein Spendenkonto hatte sie bereits eröffnet, so dass Spenden direkt an die Familie gehen konnten. In den darauffolgenden Tagen sprach ich so ziemlich jeden darauf an, den ich in den letzten Monaten kennengelernt hatte, ob er nicht jemanden kennt, der eine Website gestalten kann. Ohne kommerziellen Hintergrund, es ginge um eine gute Sache, sollte schnell gehen und ohne große Kosten, so lauteten meine Vorgaben. Wieder erlebte ich den mir vertrauten Ablauf, man hat einen Bekannten, der kennt einen, der einen kennen könnte, der einen kennt, dessen Bekannter Webdesigner ist, der das unter Umständen eventuell machen könnte oder zumindest jemanden kennt, mit dem man darüber reden kann oder vielleicht auch noch einen kennt. Geschehen ist natürlich nichts. Mit Marcels Mutter hatte ich häufiger Kontakt, Marcel war 10 Jahre alt, ein süßer Junge, der an Autismus litt, für das Engagement der Eltern empfand ich größten Respekt und Hochachtung. Aus Wut wird Mut — so einfach konnte ich den kleinen Marcel nicht hängenlassen. Also beschloss ich, die Website selbst zu basteln. Zwar hatte ich keinen blassen Schimmer, doch Andere lernen das, warum nicht auch ich?! Im Internet suchte ich nach einer kostenlosen Software zum Gestalten von Webseiten. Kostenlos auch deshalb, da scheinbar bei MAG—Travel das Geld knapp wurde, die Gehälter wurden später gezahlt, auch ich erhielt nur nach hartem Ringen zumindest einen Teil meiner vereinbarten Vergütung. Bei „Adobe“ gab es eine Testversion der Software, mit der man fast schon professionell Webdesign gestal-
- 67 -
ten konnte, diese konnte man 4 Wochen kostenlos nutzen, also lud ich sie mir auf meinen PC. Wie „Alice im Wunderland“ stand auf einmal „Rudi Ratlos“ in der bunten, fremden Welt der WebDesigner. Da dieses Programm wenigstens in deutscher Sprache angeboten wurde, konnte ich damit herumexperimentieren. Was nun folgte, war weniger „Learning by Doing“ mehr ein „Trial and Error“ — Versuch und Irrtum. Besonders von den Irrtümern gab es in der Angangsphase mehr als genug und ich musste die Zähne aufeinander beißen, bis ich mich regelrecht durchs Programm durchgewurschtelt hatte und es einigermaßen bedienen konnte. Zum Aufbau der Website benötigte ich über eine Woche, eine Menge Nerven und noch vielmehr Tee, den ich in den langen Stunden in mich hinein schüttete. Es war kein Meisterstück und recht einfach gehalten, aber sie funktionierte. Marcels Mutter hatte bei einem günstigen Anbieter eine Domain angemietet und so konnte ich die Seite ins Netz stellen. Falls der Anbieter noch existiert, kann man sie unter www.marceljus.de noch betrachten. Damit war der erste wichtige Schritt geschafft, der Nächste bestand darin, mit einem E-Mail Programm täglich 10.000 E-Mails an potenzielle Spender zu versenden. Es gab ein nettes Anschreiben, verbunden mit der Bitte, diese Seite zu besuchen und sich über das Schicksal von Marcel zu informieren. Jeden Abend programmierte ich unter den skeptischen Blicken von Meltem und Mehmet den PC für den nächtlichen Versand der E-Mails. Die Beiden sagten nichts dazu, schienen aber alles Andere als begeistert zu sein. Dem Unternehmen entstanden keine Kosten, zwar auch keine Einnahmen doch für das Firmenimage sei das viel wertvoller als Geld. Mit dieser Erklärung hatte ich ihnen diese Aktion etwas schmackhaft gemacht, Geschichten erzählen konnte ich schon immer gut. Es war für uns schon ein wenig enttäu-
- 68 -
schend, dass wir mit 150.000 versendeten E-Mails keine nennenswerten Resultate erzielten. Deshalb werde ich in der nächsten Zeit die gleiche Aktion wieder aufgreifen, auch wenn ich sie aufgrund meiner derzeitigen Situation vielleicht nicht direkt leiten kann. Ein einmal gesetztes Ziel darf man nie aus den Augen verlieren und ungeachtet aller negativen Bedingungen weiterverfolgen, bis es erreicht ist. „Aufgeber gewinnen nie, Gewinner geben nie auf“, mein bereits zitiertes Lebensmotto. Argwohn und Misstrauen bei einer Zusammenarbeit wachsen meist dann, wenn sich die wirtschaftlichen Hintergründe negativ verändern. So wurde mittlerweile bei MAG-Travel jeder meiner Schritte genau beobachtet, meine neue Fähigkeit, Websites zu gestalten mit Befremden registriert. Die finanzielle Situation der Firma hatte sich drastisch verschlechtert, die Angestellten warteten auf ihre Gehälter, der Webdesigner hatte Mehmet seine Arbeit übertragen, gab nur noch Anweisungen, da seine Rechnungen nicht bezahlt wurden. Schwiegerpapa war bemüht, Geld aufzutreiben, er versuchte seinen Daimler zu verkaufen, führte laufend Gespräche bei Banken, um seine ihm noch verbliebenen Grundstücke zu beleihen. Auch ich hatte kein Geld mehr erhalten, selbst für ein paar Euro Fahrgeld reichte es an manchen Tagen nicht. So blieb mir nichts anderes übrig, als morgens und abends den Weg vom Hotel zum Büro zu Fuß zu bewältigen. Die Strecke betrug nur 8 Kilometer, 16 Kilometer Fußmarsch am Tag, das hält gesund und stärkt den Kreislauf. Muzaffer hatte mich in Istanbul mit der ersten Trainingseinheit an das Pensum herangeführt, jetzt konnte es ausgebaut werden. Viele Leute zahlen eine Menge Geld für ihr Fitnessstudio, hier gab es das kostenlos, verbunden mit einer entsprechenden Diät ist man nach wenigen Tagen richtig fit und hat wieder eine Top-Figur. Es reichte abends gerade mal
- 69 -
noch für ein leckeres Gummibrot, das ich mir vom letzten Geld noch leisten konnte. Damit setzte ich mich auf den Balkon, knabberte es auf und trank Leitungswasser dazu. So etwas nennt man wohl „Life style“, man blickt in eine wunderschöne Hotelanlage, schnuppert an dem bescheidenen Luxus, von dem man umgeben ist. Sich selbst unterwirft man einer gewissen Askese, wenn auch nicht ganz freiwillig. Es sind die Gegensätze, die das Leben aufregend und prickelnd gestalten. Als die letzten Cent aufgebraucht waren, gab es auch kein Brot mehr, stattdessen wartete ich im Zimmer auf den Einbruch der Dunkelheit. In deren Schutz streifte ich übers Universitäts-Gelände, um einige sich darauf befindliche Obstbäume heimzusuchen. Sie trugen bereits aprikosenähnliche Früchte, mit denen ich mir die Taschen vollstopfte. Durch einen Nebeneingang gelangte ich wieder auf mein Zimmer, wo ich mich über meine Beute hermachte. Hunger und Not machen bekanntlich erfinderisch, das Frühstück morgens war im Zimmerpreis mit enthalten und so konnte ich frisch gestärkt zu meinem kleinen Morgenspaziergang aufbrechen. Ganz überraschend traf mich die wirtschaftliche Entwicklung nicht, recht früh, zwei, drei Wochen nach Beginn unserer Geschäftsbeziehung hatte ich Mehmet darauf hingewiesen. Die Haupteinnahmequelle des Unternehmens waren bis dato die Transferleistungen als Subunternehmer. Mehmet hatte mit dem Reiseveranstalter Transportpauschalen ausgehandelt, die wenn überhaupt, die Spritkosten abdeckten. Damals sagte ich zu ihm: „Mehmet, das kann niemals gutgehen, lass die Finger weg oder handele andere Pauschalen aus. Diese Konditionen sind betriebswirtschaftlicher Selbstmord!“ Er sah mich nachsichtig durch die Brille mit seinem HomerSimpson-Blick an, erklärte einem Unwissenden die große Busi-
- 70 -
ness-Welt: „Schau mal, wenn wir bei einer Fahrt nur ein oder zwei Gäste transportieren, legen wir Geld drauf. Sind es aber drei, vier oder mehr Touristen, verdienen wir gut“. Leider waren es aber meist nur ein oder zwei Passagiere, die abgeholt wurden und bis zu 120 Kilometer in ihr Hotel gebracht wurden, also die optimale Auslastung für einen 16 sitzigen Kleinbus. In dieser Situation erinnerte er mich an einen Westdeutschen, der kurze Zeit nach der Wende auf einem Marktplatz in Dresden stand. Er verkaufte blankgeputzte 5.- DM Stücke für 4,99 DM. Kopfschüttelnd sagte ich zu ihm: „Das ist aber nicht besonders schlau, bei jedem Verkauf machen Sie einen Verlust. Mit Verschwörer-Miene sah er mich an, lächelte verschmitzt: „Klar, bei einem Verkauf mache ich einen Verlust, aber denken Sie an Aldi, da geht es nur über die Masse, die Masse muss es bringen!“ Die ganzen Wochen hatte ich Mehmet bekniet, die Website fertigzustellen, mit dem Beginn von „medical line“ wären die wirtschaftlichen Schwierigkeiten erst gar nicht aufgetreten oder längst wieder beseitigt. Als es jetzt lichterloh brannte und keine Liquidität mehr vorhanden war, wurde die Internetpräsenz innerhalb kürzester Zeit fertiggestellt. Auch ein wenig typisch für die Ununun-Mentalität, den Vertreter für die Feuerversicherung schicken sie weg, aber nicht ohne ihm zu sagen: „Lassen Sie für alle Fälle mal Ihre Visitenkarte da. Sollte das Haus brennen, rufen wir Sie sofort an und wir können dann noch schnell den Vertrag abschließen.“ Mit der Website war die letzte Voraussetzung für den Start von „medical line“ erfüllt. Somit konnte ich bei den Kliniken die vereinbarte finanzielle Beteiligung einfordern. Viele Reisebüros hingegen, die anfangs von dem Konzept begeistert schwärmten, waren mittlerweile abgesprungen, hatten kein Interesse mehr, da
- 71 -
wir unsere Glaubwürdigkeit verloren hatten, denn inzwischen war es schon Mitte September. Als wir das Projekt „medical line“ aus der Taufe hoben, vereinbare ich mit Mehmet eine 50%-Beteiligung für mich. Der wichtigste Punkt dieser Abmachung war die Vereinbarung, alle dafür einfließenden Gelder über ein separates Konto zu führen, damit diese Mittel auch zweckgebunden verwendet würden. Die Buchhaltung sollte ebenfalls projektbezogen und vom normalen Veranstaltungsgeschäft getrennt erfolgen. In Krisenzeiten ist man in Firmen geneigt, verlustträchtige Geschäftszweige mit frischem Kapital von neuen Betriebsaktivitäten quer zu subventionieren. Diese Methode ist mir hinreichend bekannt, deshalb wollte ich mit der getroffenen Vereinbarung dem im Voraus einen Riegel vorschieben. Die Kliniken leisteten ihre Zahlungen an MAG-Travel, nur gab es weder ein separates Konto noch die vereinbarte Kontrolle und Verfügungsgewalt durch mich. Dafür aber Mehmets naiver Versuch einer Erklärung und Beschwichtigung: „Wir konnten aus steuerlichen Gründen kein externes Konto dafür eröffnen. Alles muss über das Hauptkonto der Firma abgewickelt werden. Wir können unsere Abmachung gerne schriftlich fixieren, Dir stehen 50 % vom Gewinn zu. Darauf kannst Du Dich verlassen, das unterschreibe ich und wir können das auch durch einen Notar-Vertrag regeln.“ Was sollte ich dazu sagen? „Mehmet, mit Schriftstücken oder Vereinbarungen, die Deine Unterschrift tragen, kann ich eigentlich nur eine Toilette mit tapezieren. Du hast im Unternehmen weder was zu sagen noch zu unterschreiben“ Oder auch: „Mein lieber Homer Simpson, es ist eigentlich egal, ob ihr mir 50 % oder
- 72 -
90 % des Gewinnes zusichert. Wenn Du oder Deine Frau mit Eurer nachgewiesenen kaufmännischen Genialität das Geld in die Finger bekommt, wird der Gewinn sich immer bei 0.-Euro bewegen. Egal ob 50 oder 90 % von 0.- Euro, unterm Strich bleiben immer 0.- Euro übrig. Ein Schneeball in der Hölle hat mehr Chancen, als Kapital in Euren Händen!“ Dazu war ich zu höflich, es hätte auch nichts gebracht, ich schüttelte den Kopf und lachte, ich wusste, was zu tun war. Die eingehenden Überweisungen der Kliniken fielen, wie ich es erwartet hatte, in das große schwarze Loch der Firmenverluste. Mehmet drückte mir aber ganz großzügig 500.- Euro in die Hand und meinte gönnerhaft: „Wenn Du mal Geld brauchst, musst Du es nur sagen, Bruder.“ Fast war ich zu Tränen gerührt, ich musste also nur Geld ins Unternehmen bringen, es Mehmet geben und wenn ich welches benötigte, musste ich ihn nur fragen, schon bekam ich davon etwas zurück. So einfach war das, manchmal bin ich halt schon ein wenig dumm ‚ mache die Dinge nur unnötig kompliziert. An dem Abend nach diesem Gespräch saß ich in meinem Garten, es war zwar die Anlage des Hotels, doch wahnsinnig gemütlich und familiär, deshalb war es für mich „mein Garten“. Bis auf die Tage, als ich von MAG-Travel kein Geld mehr erhielt, nahm ich dort meistens mein Abendessen ein, ließ den Tag im Kopf noch mal ablaufen und schaute den Fledermäusen zu, die statt Vögel zwischen den Palmen hin und her huschten. Nach diesem Tag konnte ich beim Abendessen und einem gepflegten Bierchen nur noch lachen, in erster Linie über mich selbst, über Mehmet und die ganze Entwicklung. Immer wieder schüttelte ich den Kopf und lachte still in mich hinein. Völlig unerwartet war Mehmets Verhalten nicht für mich, denn diesen ersten Geldeingang hatte ich als
- 73 -
„Soll-Bruchstelle“ eingeplant. Im Vorfeld waren von mir bereits die Weichen gestellt worden, würden alle Vereinbarungen eingehalten werden, so plante ich die Weiterführung des Vorhabens, sollte dies nicht der Fall sein, war der Zeitpunkt gekommen, um auszusteigen. Es war zwar ein tolles Projekt und eine Riesenchance, doch von Beginn an hatte ich mit allem gerechnet und beschlossen, unter solchen Bedingungen nicht weiterzuarbeiten. In schwierigen Zeiten kann man in diesen Situationen sehr gut den Charakter eines Menschen erkennen. Wird in einem entscheidendem Moment Wort gehalten oder dient das eingebrachte Kapital als willkommener Not-Stopfen, um Löcher in den Firmenfinanzen zu stopfen, um eigene Probleme zu lösen?! Jetzt war ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Mein Homer Simpson konnte mit dem Geld, das ich besorgt hatte, vielleicht ein paar Rechnungen zahlen, doch es fehlte dadurch die Liquidität, die notwendig war, eine gute Geschäftsidee erfolgreich umzusetzen. Geschadet hat Mehmets Verhalten allen, dem Unternehmen, mir und am meisten ihm selbst, denn er ging so seinen eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Zwei Monate nach meinem Ausscheiden wurde die Firma geschlossen, das Büro geräumt und meine Freundin Meltem wartet auf ihre ausstehenden Gehälter sicherlich heute noch.
- 74 -
Doch zunächst verblieb ich noch 14 Tage in den Geschäftsräumen von MAG-Travel, nutzte den PC-Arbeitsplatz, um eigenständig meinen Lebensunterhalt zu verdienen und andere Geschäfte vorzubereiten. Meine Fähigkeit, Websites zu gestalten war zwar aus der Not heraus geboren worden, doch jetzt konnte ich damit mein Einkommen bestreiten. Der Auftrag zum Aufbau einer Internetpräsenz für einen deutschen Unternehmer machte mich durch ihr Volumen von 250 Seiten unabhängig von der wirtschaftlichen Lage bei MAG-Travel. Im Büro führte ich Gespräche mit neuen Business-Partnern, programmierte die Websites und initiierte E-Mail Kampagnen. Meine neuen Aktivitäten wurden missmutig geduldet, regelrecht observiert, mit dem sprichwörtlich schlechten Gewissen auf Mehmets Gesicht, doch niemand verlor mir gegenüber ein Wort. An den Sonntagen ging ich zum Strand, um etwas Abstand zu gewinnen und mir neue Strategien zu überlegen, aber auch um einfach abzuschalten und vielleicht endlich ein wenig Urlaubsfeeling zu genießen, denn das war bislang komplett auf der Strecke geblieben. Im Hotel hatte ich mich in den letzten Wochen mit Ilker angefreundet. Er war in der Schweiz aufgewachsen, der Neffe des Hotelmanagers und versuchte hier unter Aufsicht seines Onkels von seinen Drogen loszukommen. Wenn ich abends aus dem Büro zurückkehrte, leistete er mir beim Essen oft Gesellschaft. Häufig schlossen sich daran noch lange Gespräche bis tief in die Nacht an, über seine Drogenprobleme, meine Geschäftstätigkeiten und vor allem über Computer, denn damit kannte er sich scheinbar aus. So war er auch über die Schwierigkeiten an meinem „Noch Arbeitsplatz“ auf dem Laufenden, deshalb schlug er mir vor, von seinem Onkel ein Internetkabel in mein Zimmer legen zu lassen, so dass ich von dort aus arbeiten könnte. Keine
- 75 -
Busfahrt mehr, täglich zwei Stunden Zeitersparnis, arbeiten ohne permanente Kontrolle und vorwurfsvolle Blicke, den Swimmingpool direkt vorm Balkon, das Angebot war mehr als verlockend. In die letzten Arbeitstage bei MAG-Travel fiel der Besuch von Mergim. Bei meiner Suche nach einem Webdesigner für Marcel war ich über einen Kontakt auf sein Call-Center gestoßen, das er mit zwei Partnern betrieb. Nun saß er vor mir und schilderte seine Probleme. Er wollte sich von seinen Partnern trennen, ein eigenes Call-Center gründen, dafür brauchte er eine Website, Kontakte und Produkte, anscheinend auch eine Hand, die ihm mal tröstend den Kopf streichelte. Ein Kerl wie ein Baum, innerlich ein kleiner Schlumpf, nur nicht in Blau, das war mir bereits beim ersten Treffen aufgefallen. Als ich ihn und seine beiden Geschäftsfreunde kennenlernte, erinnerte er mich sogleich an „Nemo“ im Haifischbecken, nur hatte man es versäumt, diesen beiden den wichtigen Satz: „Fische sind kein Futter, Fische sind Freunde!“ beizubringen. Er brauchte Hilfe und Unterstützung, hatte zwar wenig Geld, bot aber stattdessen an, mir einen PC aus seinem Center zu überlassen. Bezahlung quasi in Naturalien, warum nicht, passte mir sogar hervorragend. Mein Home-Office im Hotel war damit komplett, es war somit einsatzbereit und ich konnte MAG-Travel endgültig verlassen. Nun erlebte ich ein völlig neues Arbeitsgefühl, nach dem Frühstück konnte ich mich direkt an den Computer begeben und meine Aufgaben in Angriff nehmen. Keine Fahrerei mehr, kein Warten vor der Bürotür, bis jemand zum Aufschließen eintraf, abends konnte ich solange arbeiten, wie ich wollte und auch sonntags konnte ich weiterpowern, ohne einen Zwangsstopp einlegen zu müssen. Meine Freundin Meltem vermisste ich nicht wirklich, das fröhliche Lachen, das durch die offene Balkontür drang, war er-
- 76 -
heblich inspirierender als die negativgeladene Atmosphäre bei MAG. Benötigte ich eine kreative Pause oder Erfrischung, so waren es 10 Schritte zum Pool. Auch dem leiblichen Wohl wurde Sorge getragen, der Mittagstisch für die Professoren und die leitenden Angestellten der Universität kostete als Drei-Gang– Menü zwei Euro, da konnte man nicht meckern. Unter diesen Bedingungen hatte ich Mergims Website recht schnell erstellt und nahm Kontakt zu Anbietern von Call-Center-Produkten auf. Je mehr ich mich mit dieser Materie beschäftigte, desto interessanter wurde sie für mich. Eine ähnliche Tätigkeit hatte ich relativ lange in Deutschland ausgeübt, als ich Produkte für Finanzvertriebe analysierte, die Vertriebe schulte und betreute. Zum anderen war die Marktsituation sehr reizvoll, der größte Teil der Center vertrieb Telefondienstleistungen. Der bisherige Handelspartner, die Deutsche Telekom hatte zum 30.09 einen Annahmestopp verfügt, neue Verträge wurden nicht mehr angenommen, Provisionen nicht ausgezahlt. Fast alle Center gerieten dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten, kämpften ums nackte Überleben, landesweit mussten mehr als die Hälfte von ihnen bis zum Jahreswechsel den Geschäftsbetrieb einstellen. Die Situation war überall gleich, kein Geld, kein Produkt, keine Schulung und Betreuung, also eine optimale Aufgabe für mich. In dieser Zeit versuchte Mergim, die Verbindung zu mir zu intensivieren, unsere Geschäftsbeziehung enger zu gestalten. In Antalya verfügte er über gute Kontakte zu den meisten hier ansässigen Centern, deshalb schlug er vor, auch diese mit Produkten zu versorgen. Wir vereinbarten eine Umsatzbeteiligung für ihn, die er für jedes zugeführte Unternehmen erhielt, ich versorgte diese mit Verträgen der jeweiligen Anbieter und schulte die Mitarbei-
- 77 -
ter. Außerdem erteilten mir die meisten Firmen zusätzlich noch Aufträge für ihre Websites, eine angenehme Begleiterscheinung, zu der ich nicht Nein sagen konnte. In die jeweiligen InternetAuftritte baute ich dazu noch Werbebuttons aus dem Bereich „affiliate-business „ ein, ein Geschäftszweig im Netz, der den Centern ohne zusätzliche Arbeit Einkünfte durch ihre Domains gewährleistete. Alle verdienten dadurch Geld und für mich war es eine sichere, unkomplizierte Einnahmequelle ohne Zeitaufwand. Anfang des Jahres war ich fast noch ein Neandertaler am PC, jetzt war der Computer zu meiner Existenzgrundlage geworden. Es gab niemanden, der mehr darüber überrascht war als ich selbst. In erster Linie hatte Mergim die Aufgabe, die Termine mit den Call-Centern zu vereinbaren, die Verhandlungen dort führte ich alleine oder mit ihm gemeinsam. So lernte ich die wichtigsten Center der Stadt und deren Besitzer kennen. Auch einen seiner ehemaligen Partner, Kadir Iba, der aufrecht unter allen Bürotischen durchlaufen konnte. Ein kleiner Napoleon, nicht nur wegen seiner Körpergröße, auch die „ Haarpracht“ und ein gewisses cholerisches Auftreten ließen Parallelen erkennen. Später legte er sich eine Perücke zu, mit der glich er eher einem abgebrochenen umgestülpten Wischmob auf zwei Beinen. Hilmar der Deutsche, den man im Januar vergangenen Jahres verhaftete und im Juni nach Deutschland auslieferte. Jetzt saß ich in der gleichen Zelle, nutzte denselben Spind wie er vor einem Jahr, Mithäftlinge konnten sich noch gut an ihn erinnern. Wer kann da abstreiten, dass bisweilen auch das Schicksal über einen sehr makaberen Sinn für Humor verfügt. Hilmars Partner Sahin, eine kleine runde Kanonenkugel mit polierter Birne, der ganz stolz von seinen Gefängnisaufenthalten in Deutschland erzählte. Er berichtete davon voller Empathie und solcher Inbrunst, unwei-
- 78 -
gerlich schaute ich mich unauffällig im Büro um, ob ich an den Wänden irgendwelche Urkunden oder Diplome entdecken konnte, z. B. 1992 — 1996 Stuttgart—Stammheim, 4 Jahre wegen schwerer Körperverletzung mit Erfolg abgesessen. Die Gespräche mit ihm gestalteten sich etwas schwierig, da er Sätze bevorzugte, die er mit der Formulierung: „...dann töte ich ihn“, beenden konnte. Sera-Call mit Zeynep und ihrem Mann Ilker, der die Mafiosis des Landes fast alle persönlich kannte. Wenn man den Erzählungen der Unununs Glauben schenken darf, ist das Land strikt aufgeteilt, die eine Hälfte der Bevölkerung gehört zur Mafia, die andere zur Geheimpolizei. Eine blühende Fantasie kann man ihnen nicht absprechen, zudem zeigen auch die 12 Stunden tägliche Fernsehberieselung langsam Wirkung. Letztendlich auch Christian Schwarzkopf und seinen Partner Hakan mit ihrer Firma “Deutsche Werbeagentur Antalya“, kurz DWA genannt, die in einer repräsentativen Villa residierte. Mit Christian Schwarzkopf, ein Meister Propper, nur ohne Muskeln, kam ich schnell ins Gespräch, man war auch mal froh, wieder mit einem Deutschen reden zu können. Wir unterhielten uns über mein Geschäftsvorhaben, es gefiel ihm sehr gut. Seit 20 Jahren war er in diesem Bereich tätig, aus diesem Grund machte er den Vorschlag, es gemeinsam zu betreiben, da er als “alter Hase“ sicherlich bessere Konditionen von den Anbietern erhalten würde wie ich als Newcomer. Zudem bot er an, dafür das “Back-Office“ zu stellen, um die Verwaltung und Betreuung zu gewährleisten. Im Gegensatz zu mir verfügte er bereits über die dafür benötigte Organisations-Struktur. Eine Riesenvilla, 20 Agenten, Arbeitsplätze für 50 Mitarbeiter, ein deutscher Geschäftspartner, kann da noch was schief gehen?!
- 79 -
Drei Tage später hatte er für die gleichen Produkte, die ich den Centern anbot, ein Angebot mit besseren Konditionen vorliegen, so wurden wir uns schnell einig. Sein Aufgabengebiet betraf die Vertragsunternehmen in Deutschland, mit ihnen gestaltete er die Vertriebsvereinbarungen, reichte bei ihnen die Umsätze der Center ein und rechnete mit ihnen ab. Mein Schwerpunkt war die Akquise der Call-Center, deren Betreuung und die Schulung der Agenten. Die Überprovision, die so verdient wurde, sollte geteilt werden und Mergim seine Umsatzbeteiligung aus meinem Anteil erhalten. Ein Handschlag und die Vereinbarung stand, tja, manchmal bin ich schon ein wenig naiv. Christians Partner Hakan war in das Ganze nur am Rande involviert, da er im Begriff war, nach Thailand umzusiedeln, umso seinen noch offenstehenden Militärdienst zu umgehen. In meinem „Home Office“ erstellte ich die Internetpräsenz für die DWA und bereitete meine Aktivitäten vor. Innerhalb von 10 Tagen hatte ich mit Mergim alle Center besucht. Fünf Center davon wollten mit uns zusammenarbeiten und unsere Produkte verkaufen, dafür schloss ich die nötigen Verträge mit ihnen ab und begann ihre Mitarbeiter auszubilden. Jeden Abend erhielt ich von den Centern per E-Mail deren Umsätze und leitete sie an Christian weiter. Die Geschäfte entwickelten sich vom ersten Tag an mehr als erfolgreich und es machte mir eine Menge Spaß. Täglich besuchte ich die verschiedenen Center, bildete deren CallAgenten weiter aus, motivierte diese und sorgte so für eine ständige Umsatzsteigerung. Im gleichen Zeitraum hatte ich Mergim nach Izmir geschickt, damit er dort weitere Kontakte mit anderen Centern vorbereiten konnte. Kurze Zeit danach nahm ich dort dann die von Mergim vorbereiteten Termine war, um auch die
- 80 -
neuen Center unter Vertrag zu nehmen. Jetzt glich ich einer Kerze, die von beiden Seiten brannte, und war voller Power. Auch privat gab es Veränderungen, durch den Onkel von Ilker hatten wir eine günstige, teilmöblierte Wohnung gefunden, die ich mir mit Ilker teilte. Mit 120 qm bot sie genügend Platz für uns beide und mit einem Mietanteil von 175.- Euro für jeden war sie deutlich preiswerter als das Hotel. Da auch die Küche bereits eingerichtet war, freute ich mich, selbst wieder kochen zu können, ein paar deutsche Gerichte zu zaubern. Da ich selbst von morgens bis abends unterwegs war, schien es mir als die beste Lösung, dass sich Ilker um den ganzen Papierkram der Wohnung und um die Zahlungen kümmerte. So drückte ich ihm das nötige Geld in die Hand und konnte mich um wesentliche Dinge kümmern. Nun setzte bei mir auch wieder so etwas wie Zukunftsplanung ein. Die anstehenden Provisionszahlungen würden für mich den Zustand des „von der Hand in den Mund leben“ beenden. Es würde Geld übrigbleiben, die Wohnung weiter auszustatten, meine Garderobe etwas auszustaffieren. Diese war in den letzten Monaten ziemlich stiefmütterlich behandelt worden und immer nur geringfügig um das Notwendigste ergänzt worden und machte schon einen recht ramponierten Eindruck. Bei meinen neuen Geschäftspartnern würden die Provisionen das Vertrauen weiter festigen und sicherlich einen zusätzlichen Umsatzschub bewirken. Die Kosten für die weitere Expansion wären gedeckt, denn der nächste Schritt nach Istanbul war bereits geplant. Soweit zur Theorie und meinen Vorstellungen, nur zu den vereinbarten Terminen kam kein Geld aus Deutschland. Christian begann mich zu vertrösten, das sei sicher nur eine kurze Verzögerung, schließlich kannte er die dortigen Anbieter schon jahrelang, da würde nichts schief gehen. Nette Worte, mit denen die Tage
- 81 -
wie Kaugummi gezogen wurden. Dafür lief bei mir das Telefon heiß, die Center warteten auf ihre Provisionen. So blieb die unangenehmste Aufgabe an mir hängen, Feuerwehr zu spielen, jede Firma besuchen, erklären, warum sich die Zahlungen verzögerten, gute Laune und Zuversicht verbreiten. Das war natürlich einfacher gesagt als getan, denn ich hatte nichts Konkretes für sie, eigentlich nur heiße Luft im Gepäck. Noch vertraute ich Christian, auch wenn er es sich recht bequem machte und mich mit ein paar lapidaren Worten abfand. Er saß gemütlich in seiner Villa, hatte mit allem nichts zu tun und ich steckte die Prügel bei unseren Partnern ein. Kam mir das nicht allmählich nicht allzu bekannt vor? Während meiner Vertriebszeit in Deutschland hatte ich das oft genug erlebt. „Der Scheck liegt in der Mappe zur Unterschrift, geht heute noch raus“. „Der Scheck ist raus. Die Post hat ihn aber zurückgeschickt, mit der Adresse stimmt scheinbar etwas nicht.“ „Das Geld ist raus, wurde unserem Konto schon belastet.“ „Wir hatten überwiesen, das Geld ist aber wieder zurückgekommen, in der Kontonummer war ein Zahlendreher.“ Die Liste dieser Ausreden ließe sich spielend auf ein, zwei Seiten erweitern. Manchmal will man Dinge nicht wahrhaben, verdrängt Fakten und Tatsachen, obwohl man sie bereits klar erkennen kann, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Anfang Dezember packte Christian seine Golfausrüstung. Nein, er zählte nicht zum klassischen Potenzial für die Frage: „Spielen Sie Golf oder haben Sie noch Sex?“ Seine Ununun-Freundin war 20 Jahre jünger, wahrscheinlich galt für ihn sowohl — als auch. Er wollte nach Südafrika fliegen, um sich dort mit Geschäftspartnern zu treffen und neue Produkte für die Center besorgen. Natürlich versprach er mir, sich weiter darum zu kümmern, dass endlich die Provisionen für die
- 82 -
Center überwiesen würden. Daran glaubte ich genauso, wie ich dem deutschen Wetterbericht traue. Als seine Freundin eine Woche später ihm nachreiste, wusste ich: Jetzt habe ich ein Problem. Ungefähr so wie: „Du weißt, dass Du ein Problem hast, wenn Du im Dortmunder Westfalenstadion in der Südtribüne stehst und Du als Einziger einen Schalke—Fan-Schal trägst“. Ob ich Christian wohl wiedersehen würde oder er sich tatsächlich um die ausstehenden Zahlungen kümmern würde? Diese Überlegungen waren so mühsig, als wollte ich ernsthaft darüber nachdenken, ob das Christkind und der Nikolaus trotz des großen Altersunterschiedes vielleicht doch noch eines Tages heiraten würden. Im Nachhinein stellte sich heraus, Christian hatte sich um die Überweisungen gekümmert, nur waren die Provisionen an ihn geflossen und auch dort geblieben. Was immer ich auch letztlich überlegte, es führte kein Weg daran vorbei, ich musste alle Firmen aufsuchen, die Situation erklären, um Verständnis werben und sie vertrösten. Mit mir hatten sie ihre Verträge geschlossen, ich stand für alles gerade und musste mir den Kopf zerbrechen, wie ich ihnen ihr zustehendes Geld besorgen konnte. Solche Probleme werden in diesem Land etwas anders geregelt als in Deutschland. Dort erhält man in solchen Fällen einige böse Briefe, ein paar Schreiben von Rechtsanwälten flattern ins Haus und es folgt vielleicht noch ein Mahnbescheid. Hier beginnt es mit subtilem Telefonterror, die ersten Anrufe noch freundlich: „Wann kommt die Provision?“ „Wann können wir mit dem Geld rechnen?“ Die Nächsten werden schon etwas unfreundlicher: „Wo bleibt unser Geld? Du hältst uns lange genug hin!“ Danach folgen die “wenn — dann“ Anrufe: „Wenn Du bis…… nicht zahlst, dann komme ich bei Dir vorbei, dann kannst Du was erleben!“ Die letzte Phase besteht nur noch aus Anrufen, die mit
- 83 -
Drohungen für Leib und Leben verbunden sind, größtenteils von wüsten Beschimpfungen begleitet. Die nächste Stufe ist der persönliche Besuch, sie stehen auf der Matte, machen lauthals ihrem Ärger Luft und man benötigt einen gewissen Zeitraum, bis sie wieder für logische Argumente zugänglich sind. Je nach Dramatik ihrer eigenen Lage sind sie auch bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. So warteten von Sera-Call Ilker und einer seiner Mitarbeiter vor Hilmars Büro auf mich. Sein Mitarbeiter hielt mir eine Pistole an den Bauch, wollte mich zwingen, in ihr Auto zu steigen: „Du kommst jetzt mit!“ „ Das mache ich sicherlich nicht, wenn ihr reden wollt, können wir das gerne tun aber einsteigen werde ich bestimmt nicht“, war meine Antwort. Mit Drohungen oder Gewalt kann man mich nicht einschüchtern. Seltsamerweise reagiere ich dann stur wie ein Maulesel, bleibe aber auch absolut ruhig, wie kritisch auch immer die Situation sein mag. Nach meiner Weigerung setzte ein allgemeines Lamentieren ein, einige Leute aus Hilmars Büro stießen zu uns. Die Debatte wurde laut und hektisch, schnell hatte sich eine kleinere Menschenmenge um das Auto gebildet. Nach einigen Minuten wildem Tamtam einigten sie sich darauf, dass sie nur mit mir sprechen wollten, dagegen hatte ich ja auch nichts einzuwenden. Zusammen gingen wir in Hilmars Büroräume, führten darin die Diskussion in großer Runde weiter, zunächst etwas heftig, aggressiv und emotionsgeladen, doch nachdem sich die Gemüter ein wenig beruhigt hatten, sogar vernünftig, so dass wir eine Reglung hinsichtlich der offenen Provisionen finden konnten. Menschen, denen das Wasser bis zum Hals steht, neigen nun mal zu Überreaktionen, deshalb konnte ich sie verstehen. Sie wussten nicht mehr weiter, aber Lösungen kann man nur schaffen, wenn man miteinander spricht und akzeptiert, dass nicht alles von jetzt auf
- 84 -
gleich funktioniert und einfach eine gewisse Zeit benötigt. Mein neu anlaufendes Internetgeschäft warf zwar die ersten Erträge ab, doch damit musste ich erst einmal das Geld wieder verdienen, das sich mein Freund Christian in die Tasche gesteckt hatte. Im Laufe des neuen Jahres zahlte ich aus eigenen Mitteln an alle Center diese unterschlagenen Provisionen aus, zwar nicht auf einen Schlag, doch nach und nach erhielt jeder sein ihm zustehendes Geld. Zwei Stunden später hatten sich die Wogen geglättet, Ilkers Agent mit der Pistole entschuldigte sich bei mir, allgemeines Händeschütteln und Schulterklopfen, die Runde löste sich auf. Jetzt konnte ich mal durchschnaufen, das Wildeste lag hinter mir. Dachte ich zumindest, bis Hilmar, der am Fenster stand, trocken bemerkte: „Jetzt hat gerade die Polizei Ilkers Pistolero verhaftet.“ Passanten hatten anscheinend den Vorgang mitverfolgt, die Waffe gesehen und die Polizei gerufen. Schon schrillten bei mir die Alarmglocken: Gleich werden sie auch mit dir sprechen wollen, brandete es siedend heiß in mir auf. Durch so einen blöden Zufall aufzufallen wäre nicht unbedingt clever, bloß keine Überprüfung der Personalien! Blitzschnell verließ ich Hilmars Büro, gelangte durch einen Hinterausgang in ein mit kleinen Bäumen bewachsenes Baugelände und tauchte dort unter. Um das Bürogebäude schlug ich einen weiten Bogen, abwarten, alle Straßen beobachten, kein Risiko eingehen. Den Heimweg erst antreten, wenn sich alles beruhigt hat, die Situation sicher ist. Mit dieser Strategie war ich in Deutschland immer gut gefahren. Als man mich zum zweiten Mal schnappte, konnte ich dadurch noch mal meinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Meine Gedanken wanderten zurück.
- 85 -
Kapitel IV Nachdem ich meine Unterkunft in Essen verlassen hatte, bezog ich in Wuppertal ein anderes Hotel der gleichen Kette. Es lag etwas außerhalb, direkt am Autozubringer und war genauso anonym. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein nettes Restaurant mit einer sehr guten Küche, sympathischem Servicepersonal, mit dem man sich gut unterhalten konnte. Alles Gründe, weshalb ich abends recht häufig dort zu Gast war. An der Straße Richtung Autobahn lag 50 Meter weiter eine Tankstelle, die ich nicht nur zum Tanken nutzte, sondern auch für kleinere Einkäufe. So lernte ich Jenny kennen, die darin als Kassiererin arbeitete. Bald telefonierten wir täglich miteinander, manche Telefonate dauerten auch mal mehrere Stunden und zweimal hatten wir uns in der Stadt zu einem Kaffee getroffen. Jenny verfügte über PC-Kenntnisse und einen Computer, beides fehlte mir. Darum dachte ich mir: warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Es gab einige Unterlagen, die sie für mich grafisch bearbeiten sollte und sich somit zusätzlich etwas Geld verdienen konnte. Für einen der folgenden Abende lud ich sie in „mein Restaurant“ ein, um ihre Arbeitsergebnisse zu besprechen aber auch natürlich um sie näher kennenzulernen. Auf dem Weg zum Lokal fiel mir ein Wagen auf, er stand auf dem Bürgersteig des Hotels und darin befanden sich zwei Personen. Es kam mir zwar etwas merkwürdig vor, da der Parkplatz des Hotels groß genug war, schenkte ihm aber weiter keine Beachtung. Wenige Minuten nachdem ich im Restaurant Platz genommen hatte erschien Jenny in der Tür. Ihrem erstaunten Gesichtsausdruck konnte man deutlich ablesen, das Ambiente des kleinen Gourmettempels überraschte sie. Was hatte sie erwartet? Eine bessere Pommesbude? Auf jeden Fall nicht so was, das war klar erkennbar.
- 86 -
Insgeheim musste ich etwas schmunzeln, als sie mich unsicher und sichtlich beeindruckt bat, für sie mit zu bestellen. Mit den Bezeichnungen auf der Speisekarte kannte sie sich nicht aus, hatte in einem solchen Lokal noch nie gegessen, wie sie mir gestand. „Gentlemanlike“ übernahm ich diese Aufgabe natürlich gerne. So wählte ich für uns ein Menü, bei dem ich wusste, dass es weder handwerkliche Probleme beim Umgang mit Messer und Gabel bereiten würde und auch nicht zu außergewöhnlich war, so dass sie es mit Genuss verspeisen konnte. Nach der Bestellung besprachen wir kurz ihre Designvorschläge, so richtig umwerfend waren sie nicht, man könnte auch sagen, sie waren ziemlich schlecht. Das muss man aber nicht immer in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen, deshalb ging ich dezent darüber hinweg und das Gespräch glitt mehr in den privaten Bereich ab. Aber sie wirkte dabei sehr kühl, einfach kalt und abweisend. War das die gleiche Frau, die mir 7 Stunden lang am Telefon ihr Herz ausgeschüttet hatte? Distanziert, als lernten wir uns heute erst kennen, ich grübelte, was war auf einmal mit ihr los? Hatte ich irgendetwas falsch gemacht? Ihre Körpersprache deklarierte sie als höchst geheime Verschlusssache, versehen mit 7 Vorhängeschlössern. Bei unseren ersten Treffen zeigte sie keinerlei Berührungsängste, nun streifte ich während unseres Geplauders kurz ihre Hand, sie zuckte zurück als hätte sie ihre Handfläche auf eine glühend heiße Herdplatte gelegt. Etwas stimmte nicht, nur was? So sehr ich mir den Kopf zerbrach, ich konnte keine Erklärung finden. Die letzten Telefonate, die wir führten, wir hatten gelacht, Blödsinn gequatscht, alles schien normal. Jetzt saß ein Eisklotz vor mir, ihre Augen wichen meinem Blickkontakt aus, huschten wie ein aufge-
- 87 -
schrecktes Reh durch den Raum. Alles war so widersprüchlich für mich, nicht nachvollziehbar, was lief da? Als das Essen serviert wurde und wir es zunächst stumm in uns hinein schaufelten, konnte ich nicht anders, ich musste sie darauf ansprechen, musste sie fragen: „Fühlst Du Dich hier nicht wohl? Dein Körper sendet eine Flut von Abwehr- und Fluchtsignalen aus.“ und führte ihr ein paar Beispiele dazu an. Das Besteck in ihren Händen zitterte leicht, ihre Pupillen glichen tanzenden Irrlichtern auf dem Wasser, als sie in einem verletzten Tonfall antwortete: „Wenn Du so meine Körpersprache analysierst, fühle ich mich bei Dir wie auf dem Seziertisch!“ Also war ich in der Folge höflich, ich wollte sie nicht bedrängen, deshalb hakte ich nicht nach, überlegte aber weiterhin krampfhaft, was die Ursache für diese Veränderung sein könnte, doch ich kam einfach nicht dahinter. Die Unterhaltung schleppte sich oberflächlich dahin, während wir unsere Poulardenbrust an mediterranen Kräutern verzehrten. Nunmehr begann sie mich nach persönlichen Daten zu befragen, was mich vollends irritierte, denn als ich etwas ausweichend antwortete, versuchte sie, intensiver nachzubohren. Dadurch wurde ich nicht nur nachdenklicher, sondern auch zurückhaltender, so richtig schmecken wollte mir das Essen nicht mehr. Da saß eine ganz andere Frau vor mir, ein komisches Bauchgefühl machte sich in mir breit und das lag sicher nicht am Menü. Doch ich konnte mir nach wie vor auf das Ganze keinen Reim machen. Typisch Mann, könnte man sagen, kaum ist eine hübsche Frau im Spiel, schon setzt das logische Denkvermögen aus. Umso schlagartiger setzte es dafür nach dem Verlassen des Lokals wieder ein. Jenny musste mit dem Bus in die Stadt zurück, die Bushaltestelle lag ein paar Meter entfernt. Wie es sich gehört, brachte ich sie
- 88 -
dahin, wartete mit ihr auf den Bus. Kaum standen wir dort, öffneten sich die Türen des Pkws, der mir an diesem Abend aufgefallen war. Ihm entstiegen zwei kräftig gebaute Männer, jeder fast einen Kopf größer als ich und steuerten zielstrebig auf uns zu. Nanu, war das der Abend der Überraschungen, hatte ich unwissentlich in ein Wespennest gestochen, mir ungewollt Ärger eingehandelt? Die beiden Herrschaften zückten ihre Dienstausweise, stellten sich als Angehörige der Wuppertaler Kripo vor, sie würden eine allgemeine Personenkontrolle durchführen. Mit voller Wucht traf mich eine Baseballkeule mitten ins Gesicht — so wirkte die Erkenntnis auf mich, was tatsächlich abgelaufen war, der Grund für das veränderte Verhalten Jennys. “Guten Morgen, Herr Arzten“ durchfuhr es mich, „Wie kann man nur so doof sein?“ Im Gegensatz zur vorangegangenen Begegnung der unerfreulichen Art in Essen war ich diesmal nüchtern. Zwar überrascht, doch innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte ich mich in Griff. Meine Gedanken fuhren Karussell, überschlugen sich in meinem Kopf, fieberhaft überlegte ich, suchte den besten Ausweg. Weglaufen? Die Schlechteste aller Lösungen. Wie sollte ich argumentieren, welche Story sollte ich präsentieren? Jenny kannte meinen richtigen Namen, sie war die Schwachstelle, ein hochexplosives Pulverfass. Wie konnte ich vermeiden, dass sie mich direkt hier an Ort und Stelle ans Messer lieferte? Sie hatte ihren Pass schon aus der Tasche gekramt, drückte ihn dem Beamten in die Hand. Den Ausweis meines Bruders hatte ich noch in der Jacke, diesen reichte ich dem Polizisten, zog Jenny leicht zur Seite: “Was die wohl suchen? Wieso die gerade uns kontrollieren?“ ich spielte den Arglosen, musste sie ins Gespräch verwickeln.
- 89 -
Viele unnütze Fragen an Jenny, ich durfte sie nicht zum Denken, nicht zum Reden kommen lassen, ablenken und verwirren. Äußerlich ruhig, fast schon unbeteiligt, innerlich war jeder Nervenstrang bis zur Grenze der Belastbarkeit gespannt, da kam auch schon Jennys Bus. Der Kripobeamte gab ihr den Ausweis zurück, hatte ihn nur pro forma überprüft. Jenny stieg ein, das BehördenDuo fragte mich, ob ich auch mitfahren wolle. „Kein Problem, ich fahre später.“ hörte ich mich sagen, die Hauptsache, Jenny war weg. Cool bleiben, nicht wackeln und nicht zappeln, mit einem betont genervten aber auch gelangweilten Gesichtsausdruck stand ich mit den Polizisten an der Haltestelle, wartete das Ergebnis der Überprüfung ab. Einige Minuten später, alles in Ordnung, ich erhielt den Pass zurück. Die Sache war noch nicht zu Ende, das Ganze noch nicht ausgestanden, das wusste ich: „Naja, bis der nächste Bus anrollt, gehe ich noch ein Bierchen trinken“, kam es salopp über meine Lippen. Gemütlich schlenderte ich über die Straße zum Lokal zurück, die Blicke spürte ich wie Dolche in meinem Rücken. Unverkrampft und locker, ich zwang mich, ruhig zu bleiben, setzte Schritt für Schritt voreinander, auch wenn alles in mir schrie: „Renn! Renn so schnell Du kannst!“ Ohne eine Spur von Hektik zu zeigen, erreichte ich die Tür des Restaurants, als ich eintrat, warf ich einen unauffälligen Blick über die Schulter, meine Kontrolleure waren dabei, wieder ins Auto zu steigen. Von Andre ließ ich mir ein Pils zapfen, stellte mich so an den Tresen, dass ich durchs Fenster den Pkw weiter im Blick hatte. Mein Pils konnte ich noch nicht einmal antrinken, da gingen die Autotüren schon auf und die Kripobeamten stiegen aus, bewegten sich in meine Richtung. Die nächste Runde war eingeläutet, ich wusste, die kamen nicht, um gemütlich ein Bier mit mir zu trinken. Irgendwas murmelte ich zu Andre, ging ganz ruhig in den seitli-
- 90 -
chen Nebenraum, zwei, drei schnelle Schritte brachten mich zur Terrassentür. Wie immer steckte der Schlüssel im Schloss, Tür auf, Tür zu — Rudi weg. Die Terrasse war in den Hang gebaut, drei Meter über dem Boden, keine Zeit zum Überlegen, über das Geländer und ein entschlossener Sprung nach unten. Morgens hatte es geregnet, der Boden war noch weich, aufrappeln und über die Pferdeweide bergab Richtung Wald zu. Nicht umdrehen, einfach rennen, jetzt waren schnelle Beine gefragt, Vorsprung gewinnen, hinein in den Schutz der Bäume. Die Handys flogen mir zweimal aus der Anzugsjacke, schnell einsammeln, weiter, einfach nur weiter. Durch einen Bach, über Stacheldrahtzäune, ich hörte, wie die Zacken den Stoff meiner Hose zerrissen, spürte, wie sie sich in meine Haut bohrten und den brennenden Schmerz, als sie lange, blutige Striemen auf meinen Beinen hinterließen, egal, nur weg. Schnell war ich immer noch, auch wenn Tausende von Nadelstichen in meiner Brust wüteten. Die ersten Bäume nahmen mich unter ihre Fittiche, ein kurzer Moment um Luft zu holen, ich pumpte wie ein Maikäfer, keuchte wie ein alter Sittenstrolch am Telefon, keine Zeit zum Ausruhen, nicht stehenbleiben. Die Sicherheit des kleinen Wäldchens war nur trügerisch, ich musste weiter zum Fuß des Berges, über die Hauptstraße, denn sonst könnten sie dort mit zwei Streifenwagen alles abriegeln, den Sack zumachen, aus dem ich nicht mehr herauskommen würde. Die ersten Häuser tauchten auf, im Schein der Laternen endlich die Straße, zu hell, zu offen, doch es gab keine Wahl. Ein Blick nach rechts, nach links, kein Blaulicht, keine Scheinwerfer, rüber und sofort in den Straßengraben, Deckung suchen. So lag ich da, schaute über die Grasnarbe, beobachtete die Straße, meine Lunge brannte höllisch, ich wollte einfach liegen bleiben, doch das
- 91 -
kann ich noch lang genug, wenn ich tot bin. Jetzt musste ich raus aus einem möglichen Überwachungsbereich, auch wenn die größte Gefahr gebannt schien, ich musste mehr Abstand gewinnen, mir einen sicheren Standort suchen. Ganz vorsichtig entfernte ich mich durch Seitenstraßen nach und nach einen Kilometer weiter weg, immer bereit, bei auftauchenden Scheinwerfern hinter Mülltonnen oder Vorgartenhecken zu verschwinden. Einen sicheren Ort hatte ich schnell gefunden, man konnte mich nicht sehen, doch ich überblickte die gesamte Umgebung. Hastig entfernte ich den Akku aus meinem Handy, dessen Nummer Jenny kannte, vielleicht etwas übertrieben, aber sicher war sicher. Den Standort eines Handys zu orten ist ein Kinderspiel, auch wenn es ausgeschaltet ist. Je nach Fahndungsintensität konnte das sehr flott gehen und ich wusste einfach nicht, wie ernst sie den Vorgang nahmen. Für mich war es eine Blackbox, ich wusste gar nichts, ich konnte nur vorsichtig sein und abwarten, das war mein einziger Schutz. Zwei Stunden später ließ ich mich an einem Treffpunkt abholen. Abgerissen, blutend, ich sah grauenvoll aus, der Anzug und die Schuhe hatten es nicht überstanden. Die Hauptsache, ich war davongekommen, jetzt hieß es nur weg von Wuppertal.
- 92 -
Aufgrund solcher Erfahrungen wollte ich auch die Risiken im Ununun-Land so gering wie möglich halten, war immer auf der Hut und versuchte allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Diese Prämisse war auch mit einer der Gründe, weshalb ich mit allen Centern eine Vereinbarung traf, die von Christian unterschlagenen Provisionen in einem festgelegten Zeitrahmen zu begleichen. Auf zusätzlichen Stress war ich nicht unbedingt erpicht, vor allem war ich nicht unbedingt scharf auf die besondere Aufmerksamkeit vonseiten der Behörden. Die Probleme, die mir mein „Meister Propper“ eingebrockt hatte, reichten auch so zur Genüge. Hinzu kam, dass ich für die Firmen neue Vertrags-Partner suchen musste, die auch tatsächlich zahlen würden. Zusätzlich war ich gezwungen, mein Internetgeschäft zu forcieren, um das nötige Geld für die getroffenen Vereinbarungen zu verdienen, somit hatte ich genug Dinge vor der Brust. Damit garantiert keine Langeweile aufkam, hatte ich obendrein noch meinen Mitbewohner Ilker, der sich immer mehr zu einem Sorgenkind entwickelte. Er hatte keinen Job, somit auch kein Einkommen, doch darüber war ich mir bewusst, als wir die Wohnung anmieteten. Es war für mich kein Problem, dass viele anfallende Aufgaben einer WG an mir hängen blieben. Die Supermärkte hier hatten bis 24.00 Uhr geöffnet, kleinere Läden sogar rund um die Uhr. So konnte ich abends nach der Arbeit noch bequem einkaufen. Es machte dann keinen Unterschied, ob ich für ein oder zwei Personen kochte. Dass Ilker bis mittags schlief, war für mich nachvollziehbar, warum sollte er morgens aufstehen, wenn er eh nicht arbeiten ging. Nur hatte er seinen Hund “Charly“ in unsere WG mit eingebracht und dieser blieb morgens nicht liegen, sondern hatte gewisse Bedürfnisse. Wenn sich Ilker nicht aus seinem Bett bewegte, nutzte er anfänglich einen der beiden Bal-
- 93 -
kone um sich zu erleichtern, später fanden sich auf dem Teppich im Flur verräterische, nasse Flecken. „Charly macht so was nicht, wahrscheinlich hast Du dort Wasser verschüttet.“ war die Antwort, als ich dieses Thema anschnitt. Schließlich ertappte ich „Charly“ beim Versuch, mein Zimmer als Gästetoilette zu benutzen. Bei der darauffolgenden ernsten Aussprache bekam unser Verhältnis erste Risse. Diese vertieften sich, als er mir eines Morgens gestand, er sei wieder rückfällig geworden. Dies beichtete er auch seinem Onkel, der bislang seinen Entzug und seinen Lebensunterhalt finanziert hatte. Enttäuscht strich ihm dieser als Konsequenz jegliche Unterstützung, als logische Folge blieb die Miete komplett an mir hängen, darüber hinaus bettelte er mich jeden Morgen um 15.- Euro für seine Drogen an und ich kann so verflucht schlecht „nein“ sagen. Mitte Dezember rief mich Christians Partner Hakan aus Thailand an. Scheinbar ging er nicht mehr davon aus, dass Christian zurückkehren würde, auch wenn niemand das offen eingestand. Dementsprechend schwammig fielen folglich seine Formulierungen aus, doch zwischen den Zeilen konnte man vieles herauslesen. In der aktuellen Situation sei sein Bruder Kenan alleine mit der Leitung der Firma betraut, vielleicht auch ein wenig damit überfordert, ob ich ihn nicht unterstützen könnte. In der Gegenwart von Ilker und Charly empfand ich die Arbeit von zu Hause aus nicht ganz so prickelnd. Der Umgang mit Menschen ist immer eine interessante Aufgabe für mich, ausbilden und Leistungen zu steigern eine Herausforderung, die ich liebe, also sagte ich zu.
- 94 -
Der Weg von der Wohnung zur Villa der DWA war immer eine kleine Weltreise. Mit dem Dolmusch war ich anderthalb Stunden unterwegs, doch es sollte ja nur für eine kurze Zeit sein. Insbesondere konnte ich so auch Ilker weitestgehend aus dem Weg gehen. Diese „Aushilfstätigkeit“ war nicht nur eine reizvolle Aufgabe, sie gab mir auch ein Stück Selbstbestätigung, als bereits nach kurzer Zeit eine deutliche Umsatzsteigerung erkennbar wurde. Da die Unununs kein Weihnachtsfest feiern, nutzte ich die beiden Feiertage, um mit den Agenten ein zweitägiges Verkaufstraining durchzuführen. Eine willkommene Ablenkung für mich, um nicht doch noch über diese Tage in ein emotionales Loch zu rutschen. Im Zuge dieser Geschäftsverbindung sah ich für mein Sorgenkind Ilker eine Möglichkeit, ihm dort eine Halbtagsstelle zu verschaffen. Im Januar stand der Umzug in ein neues Büro an, es war mit 350 qm deutlich kleiner als die Villa, dafür aber Familieneigentum und somit erheblich kostengünstiger. Es lag näher zum Stadtzentrum, dadurch verkürzte sich meine Fahrzeit um 30 Minuten. In der Villa waren alle Umzugsvorbereitungen zu treffen und im neuen Büro mussten alle PCs vernetzt und betriebsbereit gemacht werden. Vom Grundgedanken schlug ich damit zwei Fliegen mit einer Klappe, Ilker hätte eine sinnvolle Beschäftigung und würde sein eigenes Geld verdienen. Somit könnte er zumindest seine Drogen finanzieren und so mich finanziell entlasten. Mit seinem Moped wäre für uns beide der Weg gemeinsam morgens kürzer und schneller, ich müsste mich auch nicht mehr in die hoffnungslos überfüllten Dolmusche hinein quetschen. Meine angefangene Schnüffeltestreihe für Achselschweiß würde ich dann zwar nicht mehr beenden können, damit könnte ich aber leben.
- 95 -
Doch der gemeinsame Arbeitsweg blieb Theorie, da er zuvor erst immer bei seinem freundlichen Dealer vorbeifuhr und dadurch erst später ins Büro kam. Seine selbst gerühmten EDV- und Netzwerkkenntnisse erwiesen sich in der Praxis als recht begrenzt, sein Ausreden-Repertoire war dafür aber umso größer. Seine Arbeit wies nicht nur eine hohe Fehlerquote auf, oft schlief er auch aufgrund seines Drogenkonsums dabei ein. Deshalb kam es im Büro vermehrt zwischen uns zu Auseinandersetzungen, die unserer häuslichen Atmosphäre nicht unbedingt zuträglich waren. Da ich meist bis 22.00 Uhr arbeitete, kehrte ich erst einige Stunden später als er in die Wohnung zurück. Dann lag er entweder schon zugedröhnt im Wohnzimmer, bekam gar nichts mehr mit oder starrte mich mit glasigen Augen böse an. Der Umzug war Mitte Januar abgeschlossen, weiterbeschäftigen wollte man ihn auf keinen Fall. Beim besten Willen konnte ich mich auch nicht für ihn verwenden, da er auch hier zu einer Belastung für mich geworden war. Die Situation eskalierte vollends, als sich kurz danach herausstellte, dass er Geld, das ich ihm für die Miete gab, in Drogen umgesetzt hatte. Eines Morgens, bevor ich in Büro fuhr, sprach er mich auf die Miete für seinen Onkel an, da über diesen alle Zahlungen liefen. Da ich mich weigerte, ein weiteres Mal zu zahlen, schleppte er zwei Polizisten an, die er anscheinend kannte. Einer der beiden konnte etwas deutsch, ich etwas Ununun, so konnten wir uns verständigen und so erfuhr ich, dass er behauptete, ich zahle keine Miete. Ein genialer Moment, bislang hatte ich jeden Behördenstress vermieden und jetzt das. Unverfroren konfrontierte er mich mit seiner Unterschlagung, versuchte mich zu erpressen und ich musste noch dazu ein freundliches Gesicht machen. Am liebsten
- 96 -
hätte ich diesem verfixten W... den Hals umgedreht, eine richtig tolle Situation, ich hatte die freie Auswahl zwischen Pest und Cholera. Mir blieb nur, beide Hände in den Taschen zur Faust zu ballen und zähneknirschend mit seinem Onkel zu telefonieren. Mit ihm vereinbarte ich einen Zahlungstermin, damit die Polizisten aus der Wohnung verschwanden, ich durfte also zum zweiten Mal zahlen. Selbst schuld, irgendwie hatte ich sie wohl nicht alle auf der Reihe. Wie konnte man nur so bescheuert sein und einem Junkie das ganze Geld in die Hand drücken, Dummheit muss bestraft werden. Nachmittags erhielt der Onkel seine Miete und ich zog noch am gleichen Tag aus. Apo und Serkan arbeiteten als Subunternehmer für die DWA, in ihrer Wohnung war ausreichend Platz, so kam ich für die nächsten Monate bei ihnen unter. Ohne es zu wollen, rutschte ich dadurch in eine viel engere Geschäftsverbindung zur DWA als ursprünglich geplant. Von deren Seite wurde das begrüßt, denn man versuchte mich bereits intensiv in den Betriebsablauf langsam einzubinden, da die Ergebnisse meiner Arbeit für sich sprachen. Ab der zweiten Januarhälfte arbeitete ich fast nur noch für die DWA.
- 97 -
Kapitel V Um die Firmenhintergründe, die Strukturen zu durchschauen, die Stellung der verschiedenen Personen einzuordnen, benötigte ich zwei, drei Monate. Zum besseren Verständnis fasse ich das Ganze ohne chronologischen Ablauf vereinfacht zusammen. Bevor die DWA gegründet wurde, besaß Christian Schwarzkopf zunächst in Istanbul, später in Izmir ein Call-Center. In jeder Stadt überwarf er sich irgendwann mit seinen Partnern, ließ ein kleines Chaos zurück und zog auf der Suche nach einem Opfer weiter wie eine Wanderheuschrecke. So hatte er in Antalya die DWA gegründet, wobei von Beginn an das Gewerbe als Einzelfirma auf Hakan angemeldet wurde. Mit diesem System hielt er sich elegant aus der ganzen Haftung heraus und schöpfte nur die Gewinne ab. Steuern und Verbindlichkeiten des Unternehmens, damit hatte er nichts am Hut, wenn er weiterzog, war das seine Hinterlassenschaft für den Gewerbe-Inhaber. Bei der DWA war er für die Organisation und die Verwaltung verantwortlich, Hakan mehr für das Grobe zuständig. Bis zum 31.12.07 wurden von den Mitarbeitern hauptsächlich Lose der Norddeutschen-und Süddeutschen Klassenlotterie an Privatkunden verkauft. Der Telefonverkauf von SKL-und NKL-Losen wurde zum 31.12.07 verboten, dadurch hatte sicherlich nicht nur Günther Jauch einen Einkommensverlust, auch die DWA bekam ein dickes wirtschaftliches Problem. Nachdem sich Christian nach Südafrika abgesetzt hatte, lag jetzt das Schicksal der Firma ausschließlich in den Händen der Familie C. Die Familie C. bestand aus Papa und Mama, beide sehr nett und liebenswürdig, auch wenn Mama C. mit ihrem Sparzwang manchmal etwas nerven konnte. Fleißige Leute, die mit ihrer
- 98 -
Arbeit in Deutschland und eiserner Sparsamkeit diese zweistöckige Dachgeschosswohnung, von den Einheimischen Duplex genannt, und eine Pension in Isparta gekauft und ausgebaut hatten. In dem Duplex befand sich jetzt das neue Büro, sie selbst lebten von ihrer Rente teilweise in Deutschland, teilweise in Isparta, wo sie trotz ihres Alters alleine die Pension führten. Dann gab es fünf Söhne, alles wahre Prachtstücke, über die sogar die eigene Mutter zu mir in ihrem gebrochenen Deutsch sagte: „Meine Söhne nicht gut, alle schlecht, pass Dich auf!“ Es gab Kemal, Kenan, Hakan, Erdal und Erkan. Der Älteste von ihnen war Kemal, in der Familie trug er den Spitznamen „Sadam“, alle Brüder hatten ziemlichen Respekt vor ihm, bezeichneten ihn als unberechenbar und gingen ihm lieber aus dem Weg. Gut, er zockte gerne, wahrscheinlich hätte er auch ohne mit der Wimper zu zucken seine Mutter als Spieleinsatz gebracht, doch von allen Söhnen machte er auf mich den vernünftigsten und ruhigsten Eindruck. Ihn lernte ich erst im Juli kennen, als er seinen Wehrdienst ableistete und er für zwei Wochen in Antalya weilte. Ansonsten hatte ich mit ihm keine Berührungspunkte, da er mit dem Call-Center-Bereich nichts zu tun hatte und in Deutschland lebte. Der jüngste Sohn war Erkan, das „Krümelmonster“, die Ähnlichkeiten was die Figur, Verhalten und Intellekt betraf, waren sehr stark ausgeprägt und nicht zu übersehen. Doch statt Kekse war er ständig auf der Suche nach Spaß und Fun. Gemeinsam mit Erdal betrieb er ein Wettbüro in Mainz. Diese Aussage muss vielleicht jetzt gar nicht mehr zutreffen, die meisten Geschäfte, die sie anpackten, waren selten von langer Dauer. Für das Call-Center in Antalya war Kenan zuständig, wie andere Kinder davon träumen, wenn sie mal groß sind, Lokomotivführer oder Feuerwehrmann zu werden, war es sein innigster Wunsch, die Position eines
- 99 -
mächtigen Mafioses einzunehmen. Da es damit nicht so ganz geklappt hatte, spielte er gerne den „Scarface für Arme“, doch nur, wenn einer seiner kräftigen Brüder in der Nähe weilte. Er selbst war schon von seiner Statur her sehr schmächtig und sein Erscheinungsbild war so farblos, dass er schon zweimal den Raum betreten musste, damit man ihn einmal wahrnahm. Freunde von Fantasy-Filmen würden sicherlich ein Autogramm von ihm erbitten, wenn sie ihn morgens nach dem Aufstehen mit nacktem Oberkörper und zerfledderten Haaren zu Gesicht bekämen. Wann hat man schon mal die Chance, den „Original—Golom“ aus „Herr der Ringe“ persönlich zu treffen? Nur war sein Schatz nicht wie im Film ein Ring, sondern eine Flasche Wodka, die eifersüchtig von ihm bewacht wurde. Das bedeutet nicht, dass er hoffnungslos dem Alkohol verfallen war, er hatte schon klare Regeln und Prinzipien, an die er sich konsequent hielt. Er trank nie, bevor es dunkel war, aber zum Glück ist es in irgendeiner Zeitzone auf dieser Welt bestimmt dunkel. Der zweit jüngste Sohn Erdal war nur für sechs Wochen in Antalya und sollte ursprünglich das Center gemeinsam mit Kenan führen, eine Aufgabe, die ich letztendlich übernahm. Er war eigentlich der geborene Patron, die Perfektion, wenn er mittags die Anwesenheit der Agenten kontrollierte, im Center stand, um ihre Namen aufzurufen und auf der Liste abzuhaken, das war allererste Sahne. Leider beschränkten sich seine Aktivitäten so ziemlich auf diesen Punkt. In Mainz betrieb er mit Erkan das Wettbüro. Als erfolgreicher Hartz IV Empfänger gab er gerne den Bonsai-Paten und versuchte bei illegalen Pokerabenden im Hinterzimmer seines Wettbüros, Jugendlichen ihr erstes selbst verdientes Geld aus der Tasche zu ziehen.
- 100 -
Der Kopf der C-Brothers war Hakan, „The Brain“, er hielt die Zügel straff in der Hand. Ständig faselte er etwas über seinen Scharfsinn, hörte man ihm etwas länger zu, drängte sich unweigerlich die Frage auf, ob er wie so oft die Ausdrücke wieder verwechselt hatte und er nicht statt Scharfsinn-Schwachsinn meinte. Er hatte sich in Thailand niedergelassen, um dem Militärdienst in seinem Heimatland zu umgehen. Für ihn hatte ich den Nickname „Gott“ gewählt, nicht weil er sich wie ein kleiner aufführte, wenn er von Pattaya nach Antalya herüber schwebte. „Oh Gott“ war stets mein erster Gedanke, wenn er mit einem seiner genialen Vorschläge oder einer cleveren Geschäftsidee auf mich zukam. Meist konnte ich dabei ein verständnisloses oder verwundertes Kopfschütteln nicht vermeiden und musste zunächst einmal Schlucken oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch es hieß auch „Oh Gott“, wenn ein Telefonat mit ihm anstand. Ein solches Gespräch dauerte zumindest 30 Minuten, denn irgendwo verbarg sich bei Hakan eine „Repeat—Taste“, die sich zu allem Unglück verklemmt hatte. Er wiederholte sich ständig wie eine hängen gebliebene CD, weshalb diese Unterhaltungen nicht nur ermüdend, sondern auch bei allen im Büro extrem gefürchtet waren. Alle Söhne achteten strikt auf die Einhaltung von Familientraditionen, sie hatten diese sogar um eine weitere ergänzt. Nur Erkan hielt sich noch nicht so ganz an die neue Tradition, er war so was wie das schwarze Schaf unter den Brüdern. Er war der Einzige, der noch nicht im Gefängnis gesessen hatte, wie es schien, eine kleine Charakterschwäche, doch alle Brüder arbeiteten zusammen daran, diese auszumerzen. Die restlichen Brüder hatten alle schon mehrjährige Haftstrafen hinter sich, sie hatten sich recht frühzeitig für den Fachbereich „Drogenhandel“ entschieden. Alle bis auf Kenan, dieser interessierte sich mehr für das Spezialgebiet
- 101 -
„Einbruch—Diebstahl“. Nach seiner Abschiebung aus Deutschland fiel ihm aufgrund seiner Vorkenntnisse die Umschulung zum Schmuckverkäufer recht leicht. Seiner Meinung nach gab es keinen großen Unterschied, ob man einer reichen Touristin das Geld aus der Tasche zog oder einen kleinen Diebstahl beging. Eine Fähigkeit zeichnete sie aber alle aus, damit überragten sie alles und die brachten sie zur absoluten Perfektion: „Patron spielen“. Darin konnte ihnen niemand das Wasser reichen, die Rolle war ihnen einfach auf den Leib geschrieben. Im Center von Antalya konnte ich die vier Brüder abwechselnd dabei bewundern, das hatte schon was für sich. Wie oft blickte ich ihnen andächtig nach, wenn sie durch die Räume stolzierten, die Arme breit vom Körper abgewinkelt, ausladender, wippender Gang, das hatte schon Klasse, das kann nicht jeder. Vermutlich wurden sie schon in früher Jugend auf diese Aufgabe vorbereitet und man hat ihnen wahrscheinlich schon als Kinder Rasierklingen unter die Arme gebunden, bis ihnen diese Haltung in Fleisch und Blut überging. Mit Wehmut erinnere ich mich an die kurze Zeit, in der es mir vergönnt war, Erdal live zu erleben. Alleine der Moment, wenn er das Büro verließ, die Pistole einsteckte, nun ja, seitdem sich eine Patrone im Gehäuse verklemmt hatte, funktionierte sie nicht mehr, aber das spielte scheinbar keine Rolle, ernster, gerader Blick, er atmete tief durch. Voller Ehrfurcht wartete ich in solchen Augenblicken darauf, ob er nicht doch den Satz murmeln würde: „In den Straßen herrscht Krieg!“ Genau in solchen Momenten erkannte ich, wie wenig ich doch vom wahren Leben der Einheimischen wusste, wie viel mir nach wie vor verborgen blieb. Leider kehrte er nicht wieder nach Antalya zurück, soviel hätte ich von diesem Mann lernen können, diesen ernsten Blick, das Abwinkeln der Arme, doch diese Chance
- 102 -
hatte ich verpasst. Für ihn blieb ich nur „der Deutsche“, selbst Telefonate mit mir lehnte er ab, doch zum Trost blieben mir zumindest drei der Brüder erhalten. Das half mir etwas über diesen Verlust hinweg, da sie sich charakterlich weitestgehend ähnelten. So verfügten sie durch die Bank weg alle über die Gabe der begrenzten Wahrnehmung. Man könnte es auch anderes ausdrücken, doch hätte ich beispielsweise Kenan gesagt, er sei ziemlich dumm, wäre ein heftiger Streit ausgebrochen. Lobte ich ihn aber: „Kenan, ich habe selten einen Menschen erlebt, der so über die Gabe der begrenzten Wahrnehmung verfügt wie Du!“, so strahlte er zurück: “Wenn die Leute mit mir arbeiten, merken sie ganz schnell, was ich draufhabe.“ Unterstützt wurde das Familienunternehmen der Patrons vom Onkel, kein richtiger Onkel, mehr ein irgendwie zugelaufener. Eine Mischung aus Türsteher und Wachhund, ein Teletubby mit Schlagring, der auf Kenan aufpassen sollte, wenn keiner seiner starken Brüder in Antalya war. Später sollte er nach Kenans Vorstellung mich als Fahrer zu den anderen Call-Centern bringen und für meinen Schutz sorgen. Rückblickend betrachtet war der einzige Schutz, den ich vielleicht benötigte, der vor der Familie C. selbst. Er hatte schon seine Eigenarten, während der Fahrt oder auch im Büro plärrte er des Öfteren urplötzlich aus heiterem Himmel: „Rudi guud män!“, so dass ich schon ins Grübeln kam, aus welcher Anstalt er denn entsprungen sein könnte. Abgerundet wurde das „Team“ durch Nese, die Haushälterin und Köchin. Eine Erscheinung wie Bud Spencer, nur ohne Bart und weiblich. Ihre Kochkünste überschritten deutlich die Grenzen zur Körperverletzung, sie kannte nur: „fettig und scharf“. Wüsste ich nicht ziemlich sicher, dass die „Addams Family“ eine schon sehr alte Fernsehserie ist, würde ich steif und fest behaupten, dass
- 103 -
bei der Familie C. die Urheberrechte liegen und sie als Serienvorlage diente. Doch Mitte Januar war ich von diesen Erkenntnissen noch Lichtjahre entfernt. Im Unternehmen bestanden Schwierigkeiten, das war nicht zu übersehen, auch wenn man versuchte, mir gegenüber den Schein zu wahren und die Fassade von der heilen Welt aufrechtzuerhalten. Nun war es ein moralisches Dilemma, in dem ich steckte. Man hatte mir geholfen, ich wohnte bei Apo, es war eine unausgesprochene Verpflichtung, in die ich ungewollt hineingerutscht war. Doch es war auch mein Ego, das etwas angekratzt war und mein verbissener Ehrgeiz, der sich meldete. Das konnte, das durfte doch einfach nicht wahr sein, jedes Mal, wenn ich in ein Boot stieg, stand es kurz vorm Absaufen. Waren die Firmen in diesem Land alle, so oder lag es an mir? Musste ich vielleicht meinen Slogan ändern: „Sie wollen Ihre Firma ruinieren oder schließen? Rufen Sie mich, ich biete eine 100%-Erfolgsgarantie, vier Wochen und Ihr Laden ist dicht!“ „Noch nicht pleite— Rudi hilft!“ Aber all diese Faktoren führten bei mir zur typischen Trotzreaktion: jetzt erst recht! Was der Verhaltensforscher Pawlow bei seinem bekannten Experiment mit den Hunden bewiesen hat, das Glöckchen läutet— es gibt Futter, funktioniert irgendwie auch bei mir. Es gibt Probleme, Lösungen werden gesucht, Solidarität ist gefordert — in meinem Köpfchen bimmelt die Glocke. Entweder ein Gendefekt oder ich bin genauso einfach strukturiert wie Pawlows Hunde. „Gestern standen wir noch am Rande des Abgrundes, heute sind wir schon einen Schritt weiter.“ Treffender lässt sich die damalige Situation und Entwicklung des Unternehmens nicht beschreiben, alles stand auf der Kippe. Mit der Einstellung des SKL-Verkaufes
- 104 -
gab es ab dem 01.01.08 kein vernünftiges Produkt mehr für den Vertrieb und somit auch keine Einnahmen für die Firma. Das Versicherungspaket, das danach am Telefon verkauft werden sollte, hatte sich als Flop erwiesen. „Wir leben zwar ständig über unsere Verhältnisse, aber immer noch nicht standesgemäß!“ Unter diesem Motto war in der Vergangenheit gewirtschaftet worden, so dass sich ein riesiger Schuldenberg aufgetürmt hatte und folglich keinerlei finanzielle Reserven bestanden. Es gab kein Verkaufsprodukt, die Motivation der Mitarbeiter lag weit unter dem Nullpunkt und erste Auflösungserscheinungen zeichneten sich ab. „Wir können nur billig!“, lautete zeitweilig die Werbebotschaft einer großen Elektromarktkette in Deutschland. „Ich kann nur schwierig und kompliziert“, könnte mein Credo lauten, scheinbar habe ich die Macke, dass es für mich nur reizvoll ist, wenn alles schwierig, kompliziert, fast schon unmöglich erscheint. In meinem Hinterkopf hatte sich auch der Gedanke festgesetzt, nicht schon wieder was Neues beginnen, keine neue Firma, keine neuen Geschäftsfelder mehr. Die Aufgabe, diese Thematik war mir nicht fremd, Menschenführung und -motivation, Unternehmensleitung war ein Großteil meines Lebens bislang gewesen. Nimm die Herausforderung an, zeig was du noch drauf hast, sagte alles in mir. Doch es war keine Sanierungsaufgabe, es war eher ein Job für die Abrissbirne mit anschließendem Neuaufbau. Das Chaos, das ich in allen Bereichen vorfand, hätte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erwartet, geschweige nur annähernd damit gerechnet, als ich meinen Entschluss traf. Im Laufe meiner früheren Tätigkeiten hatte ich einen etwas exzentrischen Kleinunternehmer kennengelernt. Nachdem er sich über die Mahnung eines Lieferanten
- 105 -
geärgert hatte, zeigte er mir den Brief, den er darauf als Antwort zurückschrieb: „Sehr geehrter Lieferant, Ihr Schreiben haben wir erhalten und es hat uns sehr missfallen. Deshalb wollen wir Sie mit den Abläufen unseres Rechnungswesens vertraut machen. Am Ende eines Monats kommen alle offenen Rechnungen in eine große Lostrommel. Daraus werden drei Rechnungen gezogen, die dann auch direkt bezahlt werden. Sollte uns ein weiterer Brief von Ihnen zugehen, der in einem ähnlichen Stil gehalten ist, werden Sie mit sofortiger Wirkung von der Ziehung ausgeschlossen.“ Ungefähr so schien es auch bei der DWA zu laufen, alle Rechnungen und Belege landeten in einer großen Kiste aus geflochtenem Korb. Rief jemand an, der Geld zu bekommen hatte, wurde der Beleg aus der Kiste herausgesucht, danach setzte ein kurzweiliges Ratespiel ein: „Haben wir schon bezahlt oder nicht?“ Nur die Telefon-und Internetgesellschaften reihten sich nicht in diese Spielregeln ein, sie riefen nicht an, sondern sperrten einfach die Anschlüsse. So konnten dann die Agenten einen Tag nicht arbeiten, bis die Forderungen beglichen und die Leitungen wieder freigeschaltet waren. Um eine halbwegs vollständige Übersicht der Schulden und der Verbindlichkeiten des Unternehmens zu erstellen, benötigte ich über sechs Wochen. Es war weniger eine Buchhaltung, mehr eine Babuschka-Puppe, bei der die nächste Puppe schon in der größeren steckt. Sobald ich dachte, alles sei komplett, alle Unterlagen vollständig, kam todsicher irgendwo die nächste Rechnung zum Vorschein. Dabei faszinierte mich immer wieder Kenans Unschuldsmiene und der qualifizierte Kommentar, der dieses Auftauchen begleitete: „Wo die jetzt herkommt, weiß ich auch nicht!“ Die eingehende Post pflegte er direkt in seine Höhle zu schleppen, wie ein Hund seine Knochen verbuddelt, vergrub er die Briefe in seinem „Bermudadreieck“. So hatte ich
- 106 -
die Ecke seines Schreibtisches und des Sideboards getauft in der er allen Papierkram sammelte. Einmal in den dort aufgetürmten Papierstapeln eingetaucht, war jedes Schriftstück unwiederbringlich verloren. Nur noch später eintrudelnde Mahnungen erinnerten dann vage an deren Existenz. Die Abrechnungen der Mitarbeiter wurden mehr oder weniger geschätzt, die Provision nach Bauchgefühl festgelegt, auf keinen Fall aber ausgedruckt, um bloß nicht den Agenten irgendwelche Nachweise an die Hand zu geben. Sonst könnten diese der Firma mal Schwierigkeiten machen, war die Begründung hierfür. Im letzten Monat meiner Tätigkeit bei der DWA verstand ich schließlich, wie das zu verstehen war. Angeblich waren alle Mitarbeiter versichert und angemeldet, Kenan entnahm auch während dieser Zeit die Beiträge der Sozialabgaben, um sie einzubezahlen. Der Steuerberater versicherte mir bei verschiedenen Gesprächen immer wieder, alles sei geregelt, alles in Ordnung und bezahlt. Bis sich in diesem letzten Monat herausstellte, dass in den 10 Monaten unter meiner Leitung kein einziger Agent versichert war, geschweige denn ein einziger Euro an Beiträgen entrichtet wurde. Als im Februar die ersten Einnahmen zaghaft flossen, war der Auszahlungsmodus recht simpel, wer sich am schnellsten und am lautesten meldete, erhielt als erstes Geld. Doch eigentlich war das immer eine sehr einseitige Sache, gegen Hakan hatte niemand den Hauch einer Chance. Die Tinte des Kontoauszuges war noch feucht, da meldete sich Hakan spätestens fünf Minuten nach dem Geldeingang aus Thailand und deklarierte seinen Finanzbedarf. Danach schnappte der ein oder andere der Brüder davon was weg und von dem verbleibenden Rest konnten dann noch ein paar Kosten bestritten werden. Das „FinanzManagement“ konnte man nur mit einem Satz charakterisieren:
- 107 -
„Nur der Schwache hält Ordnung, der Starke beherrscht das Chaos!“, wenn ich das Ganze betrachtete, konnte ich nur eingestehen, die Brüder mussten verdammt stark sein. Die Führung der Verkaufsmannschaft eröffnete mir völlig neue Horizonte, doch ich bin lernfähig. Zugegeben, es war kein einfaches Team, es gab darin vier Frauen, die einen vernünftigen Job machten. Der Rest bestand aus Psychopathen, Junkies und aus Deutschland abgeschobenen Straftätern. Jetzt dürfte ich natürlich der Letzte sein, der darüber ein Wort verliert: „Wer im Glashaus sitzt, sollte das Licht ausmachen, wenn er sich auszieht.“ oder so ähnlich heißt es doch. Ein Unterschied bestand nicht nur darin, dass ich Anzug und Krawatte trug, es betraf auch die Umgangsformen, die Meisten von Ihnen waren den eher rustikalen Führungsstil von Hakan und Kenan gewohnt. Erschien ein Agent nicht zur Arbeit, wurde er unter Drohungen von zu Hause abgeholt. War Hakan nicht in Antalya, oblag diese Aufgabe dem Onkel, „Scareface“ Kenan warf eher mit Wattebäuschen. Hakan stattdessen legte gerne selbst Hand an, dafür zog er Mitarbeiter mal an den Haaren aus dem Restaurant oder auch wenn er im Büro „Mitarbeiter an die Wand klatschte“ wie er sich gerne ausdrückte. Das Highlight des Tages erlebte ich aber abends. Nach Feierabend strömten fast alle Mitarbeiter zu Kenan ins Büro, sie brauchten Vorschüsse, bei manchen war es beinahe täglich der Fall. Alle schrien laut durcheinander, Kenan beschimpfte die Agenten, die Agenten beschimpften Kenan. Wie in einem Basar wurde um die Höhe des Vorschusses gefeilscht, jeder bekam ein paar Euro in die Hand gedrückt. Aber genauso schnell, wie er begonnen hatte, war der Spuk auch schon nach wenigen Minuten wieder vorbei und es kehrte himmlische Ruhe ein. „ Bist du irgendwo im falschen Film gelandet?“ dachte ich
- 108 -
anfangs noch, doch nach einer Weile schaute ich dem anarchischen Treiben mit wachsender Begeisterung amüsiert zu, besser als Kabarett und dazu noch kostenlos.
Anfang Februar hatten wir endlich ein neues, verkaufsfähiges Produkt und ich konnte mit der Neuorganisation des Vertriebes beginnen. Ein Konzept erstellte ich dieses Mal nicht. Wenn aus allen Stockwerken eines Hauses meterhohe Flammen schlagen, hält man keine Mieterversammlung ab, um die Fluchtwege im Brandfalle zu besprechen, dann gibt es nur eines, allen einen Eimer in die Hand drücken und löschen. Im gleichen Monat war auch Hakan für eine Woche in Antalya, wir besprachen die Ziele, Aufgaben und meine Firmenbeteiligung. Bei Hakan war das eine heikle Sache, denn er vertrat eine relativ simple Philosophie: „Jedem das Seine, mir das Meiste.“ Offiziell übertrug er mir die Führung der Mitarbeiter und gemeinsam mit Kenan die Leitung des Unternehmens, soweit man überhaupt noch von einem Unternehmen reden konnte. Doch nun begann ein Zweifrontenkrieg für mich. Bei den Mitarbeitern mangelte es nicht nur an Disziplin, auch im Verkauf lag einiges im Argen. Er war geprägt von Halb- und Falschinformationen für den Kunden und die Verkäufer waren schon recht kreativ, was den Umgang mit der Wahrheit betraf. Hörte man sich einen ganzen Tag an, was die fleißigen Unununs so vom Stapel ließen, so mussten unweigerlich ernsthafte Zweifel in einem aufsteigen, ob Baron von Münchhausen vielleicht doch keine Märchengestalt war. Hatte es ihn doch vielleicht gegeben, war er damals ein Mensch aus Fleisch und Blut, als die Vorfahren meiner Agenten noch unter ihrem Herrscher Wien belagerten? Hatte dieser alte
- 109 -
Haudegen es doch tatsächlich geschafft, unentdeckt und heimlich in den Harem des Sultans zu gelangen und mit den darin lebenden Schönheiten unbemerkt für reichlich Nachwuchs zu sorgen? „ . . .und morgens frühstücken Sie im Hotel mit Rudi Carell, nachher ruft Sie noch der Präsident vom deutschen Lottoblock an und gratuliert Ihnen persönlich.“ Ganz ruhig bleiben, verständnisvolles Lächeln: „ Lieber Flip, Rudi Carell ist bereits zwei Jahre tot, was nachher erfolgt, ist ein Kontrollanruf von mir. Und ich bin weder Präsident noch sonst irgendetwas, geschweige denn, gratuliere ich dem Kunden, ich überprüfe lediglich die Qualität Deiner Arbeit.“ Erstaunter Blick, nachdenkliches Stirnrunzeln: „Ist es schlimm, wenn ich das trotzdem sage?“ Augenrollen, tief durchatmen, weiterhin ruhig bleiben: „Der Papst ist doch jetzt ein Deutscher, Flip, wäre es für den Verkauf nicht besser, viel einfacher, wenn Ihr sagt, Ihr ruft im Auftrag der katholischen Kirche an?“ Zweifelnder, grüblerischer Gesichtsausdruck: „Meinst Du wirklich, das geht, die Leute glauben das?“ „ ... und Sie spielen zwei Monate mit, dann ist es für Sie vorbei!“ „Der Kunde muss vier Monate mitspielen, keine zwei!“ „Aber mit zwei Monaten verkauft es sich leichter.“ „Ein BMW— Verkäufer kann doch auch nicht einfach die Hälfte des Preises auf das Verkaufschild schreiben und den Wagen dafür abgeben.“ „Warum nicht, wenn er dadurch mehr verkauft!“
- 110 -
Wie viele graue Haare es mich gekostet hat, den Verkauf zu verändern? Keine Ahnung, nicht wenige, doch richtig böse konnte man den Ununun—Verkäufern nicht sein, es war einfach grenzenlose Naivität, sie redeten, ohne sich dabei etwas zu denken. Die zweite Front bestand aus allen wichtigen Personen in der Firma, oder wer immer sich dafürhielt. In irgendeiner Form musste sich jeder einmischen, jeder glaubte, er hätte was zu sagen. Was ich vorne mühsam mit den Händen aufbaute, warfen sie hinten mit ihrem A...llerwertesten wieder um. Ein Gebiet, auf dem besonders Kenan ungeahnte Fertigkeiten entwickelte: „Ich weiß zwar nicht, was ich tue, doch dafür mache ich es mit doppelter Überzeugung!“ Deshalb war ich nie unglücklich darüber, wenn er sich nicht im Büro befand. Die beiden Stockwerke des Büros wurden im oberen Bereich privat, im unteren geschäftlich genutzt. Der private Teil des Duplexes bestand aus zwei großen Dachterrassen, einer komplett eingerichteten Küche, Bad und zwei kleinen Zimmern, von denen Kenan eins bezogen hatte, von uns die Einzelzelle genannt. Das Untergeschoss umfasste einen großen Raum, der mit 12 Arbeitsplätzen ausgestattet war, daneben befand sich eine Küche, die als Pausenraum für die Agenten diente. Daneben schloss sich ein kleines Zimmer mit sechs Arbeitsplätzen an. Der mittelgroße Raum, der darauf folgte, erfüllte zunächst mehr die Funktion eines Abstellraumes, später baute ich ihn mit 10 weiteren Computerplätzen aus und er fungierte als Nichtraucherbüro. An jedem Arbeitsplatz befand sich ein Bildschirm mit einem PC, der mit dem Zentralcomputer vernetzt war. Mit einem Headset versehen konnten die Mitarbeiter darüber ihre Telefonate abwickeln und waren damit gleichzeitig in die Arbeitssteuerung eingebunden. Den hinteren letzten Büroraum nutzten Kenan und ich für
- 111 -
die Verwaltung und Besprechungen. Mit 12 qm war er recht knapp bemessen, denn neben dem Server für alle PCs befand sich eine Dreier-Couch mit Sessel sowie einem kleinen Tisch nebst Kühlschrank darin. Abgerundet wurde diese anheimelnde Enge von zwei Schreibtischen und vor allem einem Kleiderständer, der nie genutzt wurde. Unterhielten sich darin mehr als zwei Unununs wie üblich lautstark in ihrer Landessprache, konnte man getrost jegliche Arbeit vergessen. Beide Stockwerke wurden von einer Treppe mit dem Charme einer besseren Hühnerleiter verbunden. Der Boden in beiden Geschossen war mit hochqualitativem Nadelfilz für 1,50 Euro pro Quadratmeter ausgelegt und die Wände der Büros hatte Kenan mit sich leicht wellenden Postern von Berlin bepflastern lassen. Für unser Büro hatte er tief in seine ästhetische Trickkiste gegriffen. Er hatte Kunstdrucke mit dem „Röhrenden Hirschen“ der in den 60zigern jedes deutsche Wohnzimmer zierte, aufgehängt, zwar ohne den obligatorischen Goldrahmen, doch auch so schon bedrückend genug. Musste man sich so nicht heimisch fühlen? Durch die Gesamtentwicklung war die Verkaufsmannschaft auf 10 Agenten zusammengeschrumpft, für die zunächst der große Raum völlig ausreichend war. Die Konzentration auf einen Platz bringt viele Vorteile mit, nicht nur, dass die Kontrolle erleichtert wird. Es entsteht automatisch eine gewisse Gruppendynamik, die stark motivationsfördernd wirkt. So dümpelte das kleine Zimmer, mit PCs ausgestattet und arbeitsbereit, unbesetzt und herrenlos vor sich hin. Mit allem hatte ich gerechnet, doch nicht mit dem Einfallsreichtum der Einheimischen. Quasi von heute auf morgen wurde der kleine Raum zum Internetcafé umfunktioniert. Alle wichtigen Personen, allen voran natürlich der Onkel, Bekannte der Familie, die plötzlich von überall her auftauchten, besetz-
- 112 -
ten ihn und chatteten den ganzen Tag, das Angebot erfreute sich schnell großer Beliebtheit. Da ich mich bei der Neuorganisation weiter von Mitarbeitern trennte, saßen an manchen Tagen mehr Leute im „Internetcafé“ als Agenten beim Arbeiten. Die Idee, die verfolgt wurde, war auch gnadenlos revolutionär. Man konnte nicht nur kostenfrei das Internet nutzen, nein, den Tee oder Kaffee reichte man gratis dazu und ein kostenloses Mittagessen gab es noch obendrauf, brauchte jemand Geld, steckte ihm Kenan flink ein paar Euros zu. Ein grandioses Geschäftskonzept mit Zukunft, oder?! Einem eingefleischten Bayern-Fan seine Jahreskarte für die Allianz-Arena abzuschwatzen und durch ein Jahresticket für den VfB Stuttgart zu ersetzen, ist eine einfache Umtauschaktion gegen den Kampf, den ich durchstehen musste, als ich diesen Raum wieder einem geschäftlichen Zweck zuführen und mit neuen Mitarbeitern besetzen wollte. Der Begriff „ Neuorganisation“ des Verkaufsteams ist auch nicht so ganz zutreffend für meine Aktivitäten, es war eher ein Neuaufbau. Bis auf zwei Frauen hatte ich mich Ende März von allen alten Mitarbeitern getrennt oder sie saßen im „Abschiebe-Raum“. Dies war meine ironische Bezeichnung für das ehemalige „Internetcafé“, darin saßen Verkäufer, die nicht mehr in die neue Firmenphilosophie passten, von denen ich mich trennen wollte. Hakan sah das etwas anders. In seinen Augen produzierten diese noch einen guten Umsatz, er wollte den Verdienst daran unter keinen Umständen verlieren. In Thailand hatte er Appartements angemietet, diese als Wohnung und gleichzeitigen Telefonarbeitsplatz eingerichtet. Agenten, die von mir die “Rote Karte“ erhielten, konnten in diesem „Abschiebe-Zimmer“ eine befristete Zeit arbeiten, um sich das Ticket nach Thailand zu verdienen.
- 113 -
Meine Philosophie war einfach, unkompliziert und wurde von mir konsequent umgesetzt. Befindet sich in einer Schale mit Äpfeln ein fauler darunter, weiß jeder, entfernt man ihn nicht rechtzeitig, verschimmeln bald alle. Das Gleiche gilt für ein gutes Team, schadet ein Mitarbeiter mehr als er nutzt, sollte man sich von ihm trennen. Davon gab es in der Anfangsphase reichlich. Agenten, die sich in der Mittagspause einen Joint drehten und danach mit glasigen Augen am Telefon saßen. Oder einige, die sich abends zwei, drei Bier rein kippten, um wieder auf Touren zu kommen, aber anschließend beim Verkauf Kunden wüst beschimpften, die musste ich nicht unbedingt haben. Mitarbeiter, die von zu Hause abgeholt werden mussten, gab es nicht mehr, wer unentschuldigt fehlte, erhielt die “Gelbe Karte“, beim nächsten Vorfall gab es die “Rote“ und er saß entweder im Abschiebe-Raum oder wurde dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung gestellt. Sollte sich Hakan mit seinen „Importen“ herumärgern oder sie verprügeln, mein Führungsstil war es nicht. Mag sich auch etwas hart anhören, doch wenn man zu Beginn nicht mit dem eisernen Besen durchgeht, wird man zwangsläufig scheitern. Die Fundamente, die in einer solchen Phase gelegt werden, müssen die Tragfähigkeit für den gesamten Neuaufbau besitzen, damit nicht später alles wie ein Kartenhaus einstürzt. Die neuen Agenten, die ich laufend einstellte, kamen gerne zur Arbeit, hielten sich an die Regeln, so fiel es mir leicht, meine klare Linie beizubehalten und auf die alten Agenten zu verzichten. Viele Gesetzmäßigkeiten des Vertriebes treffen immer wieder zu, eine davon ist die 20:80-Regel: 20 Prozent der Mitarbeiter verursachen 80 Prozent aller Probleme. Warum sollte ich mir Schwierigkeiten konservieren und tickende Zeitbomben im Team mitschleppen, wenn es eleganter und erfolgreicher ging. Von Zoff
- 114 -
und Ärger hatte ich die Nase voll, ich wollte mich auf meinen Job konzentrieren und Erfolg haben. Hinsichtlich der Führung und der Einkommensmöglichkeiten der Mitarbeiter bestanden bei mir klare Vorstellungen, mich davon abzubringen, ist recht schwierig. Meist gebe ich auch erst Ruhe, wenn ich diese durchgesetzt habe. Auch gegen Kenans Meinung, denn er vertrat die Auffassung: „Ein Agent, der bei uns 500.- Euro verdient, kann damit in unserem Land gut leben, das reicht für ihn.“ Es ist immer eine Frage, unter welchem Aspekt man das sieht. In diesem Land beträgt der gesetzliche Mindestlohn 300.Euro und ein Arzt verdient rund 1.000.- Euro im Monat, von diesem Punkt aus betrachtet, stimmen vielleicht die Verhältnisse. Doch was will man erreichen? Möchte man durchschnittliche Gehaltsempfänger, Mitläufer oder Spitzenverkäufer mit TopLeistungen? Immer dieses kleinkarierte Denken, die Angst, einen Euro zu viel abzugeben, der stetige Versuch, Menschen klein zu halten, nichts gönnen zu können. Darüber hatte ich mich mit Kenan häufig in den Haaren, er blies dann seine Backen dick auf: „Aber dann verdienen die viel zu viel!“ „Warum nicht, wenn sie herausragende Arbeit leisten?!“ Solche Kritik liebe ich, wenn sie von Menschen kommt, die diesen Job nie praktisch ausgeübt haben. Personen, die nicht die leiseste Ahnung besitzen, wie hart sich der Mann, die Frau ihre Brötchen verdienen und acht Stunden an sechs Tagen in der Woche telefonieren. Momente, in denen ich ausflippen konnte: „Kenan, setz Dich einen Tag hin und telefoniere. Danach reden wir wieder darüber!“ „Nö, das kann ich nicht!“ „Dann halt Dich da raus, misch Dich nicht in Dinge ein, von denen Du keine Ahnung hast!“ bellte ich wütend zurück. Sauer, stinksauer war ich, neidete den kleinen, einfachen Leuten, die sich den A.. aufrissen, jeden Euro. Die Hauptsache, er hatte seine
- 115 -
zwei Flaschen Wodka am Tag, die er in seiner Einzelzelle Schluck für Schluck vernichtete. Bezahlt man Mitarbeiter leistungsorientiert und -gerecht, gibt ihnen die Möglichkeit, unbegrenzt zu verdienen, schafft man nicht nur Motivation, sondern es werden Leistungspotenziale freigesetzt, von denen alle profitieren, sowohl Mitarbeiter als auch das Unternehmen. So schaffte ich das Gehalt mit Miniprovisionen ab, die Agenten wurden versichert, zumindest glaubte ich das, das Einkommen war ausschließlich erfolgsorientiert auf Provisionsbasis aufgebaut. Die Folge waren deutlich höhere Einnahmen für die Firma aber auch jeder im Team verdiente mehr als je zuvor. Im Laufe der Zeit erzielten die besten Verkäufer monatliche Einkünfte von bis zu 2.500.— Euro, verfügten damit über fast das doppelte Gehalt eines Universitätsprofessors, selbst die durchschnittlichen Agenten lagen mit ihrem Einkommen deutlich über dem der einheimischen Ärzte. Außerdem erhielten sie ihr Geld pünktlich, auf den Tag genau. Total ungewöhnlich für ein Land, in dem die Angestellten manchmal bis zu zwei Monate auf ihr Gehalt warten müssen. Benötigen sie zumindest einen Teil davon annähernd pünktlich, bedarf es einer Menge an Ausreden und Vorwände, um das ihrem Patron plausibel zu machen. Meinen Änderungen waren lange Streitgespräche mit Hakan und Kenan vorausgegangen, die vielleicht heute noch zu Gange wären. Doch ich hatte vollendete Tatsachen geschaffen, indem ich die Mitarbeiter über die Umstellung bereits informiert hatte, danach gab es kein zurück für die C—Brothers. Doch der von Woche zu Woche steigende Umsatz gab mir recht, bestätigte meine Philosophie und gestaltete so jede Gegenreaktion recht schwierig, dadurch wurde ich beinahe unangreifbar. „Der Erfolg ersetzt alle Argumente!“ So war es auch jetzt, der kleine Rudi in
- 116 -
mir hüpfte begeistert von einem Bein aufs andere und lächelte vergnügt, meinen Kopf hatte ich durchgesetzt.
Die Mitarbeiter fühlten sich wohl, hatten Spaß an ihrer Arbeit. Das fiel selbst Kenan auf, entrüstet stellte er mich eines Tages zur Rede: „Was wollen die alle um 11.00 Uhr hier, wieso kommen die schon so früh?“ „Soll ich sie wieder nach Hause schicken?“ war meine einzig mögliche Antwort. Offizieller Arbeitsbeginn war um 12.00 Uhr und mit einer Stunde Mittagspause wurde bis 21.00 Uhr gearbeitet. Das neue Team setzte sich davor gerne zu einem Kaffee und kleinem Plausch zusammen, Pünktlichkeit und Disziplin waren die letzten Sorgen, die ich mir bei den Leuten machen musste. Auch die abendlichen Vorschusszahlungen, die ich übernommen hatte, liefen ganz zivilisiert ab. Jeder Agent trat einzeln ein, führte ein kurzes Gespräch mit mir, erhielt sein Geld und schickte danach den Nächsten herein, keine Hektik, kein Geschrei und für jeden ein paar aufmunternde Worte. Morgens zwischen 09.00 und 10.00 Uhr kam ich zum Büro und klingelte zunächst Kenan aus dem Bett. Er öffnete mir meist zerknautscht und noch alkoholumnebelt und zog sich wieder in sein Räumchen zurück. Währenddessen konnte ich beginnen, die Adressen für die Agenten vorzubereiten, die an diesem Tag bearbeitet werden sollten. Danach aktualisierte ich die Ranglisten der Agenten. Im Flur war zur Motivation des Teams eine große Tafel angebracht, auf der die Erfolge eines jeden Mitarbeiters im laufenden Monat aufgeführt wurden. Ursprünglich war Kenan strikt dagegen gewesen, Besucher würden somit direkt unsere besten Mitarbeiter erkennen können. Befürchtungen hatte er prinzipiell, er ängstigte sich vor der Konkurrenz, vor der Mafia,
- 117 -
wahrscheinlich auch vor seinem eigenen Schatten. Die Mitarbeiter hingegen standen morgens als Erstes im Pulk vor der Übersicht und diskutierten angeregt ihre Leistungsbilanz, schlossen unter sich kleine Wettbewerbe ab, wer noch welchen Platz bis zum Ende des Monats erreichen würde. Kenan konnte das gar nicht verstehen, musste er auch nicht. Bis die ersten Agenten eintrafen, hatte er sich ebenfalls in sein Business-Dress geworfen, kurze Hose, T-Shirt und Flip-Flops an den nackten Füssen, damit man seine Schuppenflechte besser sehen konnte. Manchmal kam er auch vor 12.00 Uhr nach unten, öffnete hin und wieder die Tür. Eines fiel mir dabei auf, häufig zog er sein T-Shirt hoch und rieb sich den nackten Bauch. Das Verhalten legte er auch ohne Weiteres an den Tag, wenn sich neue Bewerber vorstellten. Bis heute bin ich mir noch nicht schlüssig, ist dies ein alter Ununun—Brauch oder nicht? Sollten Sie also in Deutschland zu einer Ununun—Familie eingeladen sein, der Hausherr steht in der Tür und reibt sich bei der Begrüßung den nackten Bauch — keine Gedanken machen, das ist nur Brauchtum. Allerdings wusste man bei „Scareface“ nicht immer genau, was die tatsächliche Ursache für ein bestimmtes Verhalten war. Seine einfach gehaltene Denkstruktur konnte dafür infrage kommen als auch der Umstand, dass er bereits am frühen Nachmittag die Benchmark von einer Flasche Wodka erreicht hatte. In diesem Zustand wandelte er gerne durchs Center, flanierte unauffällig hinter den Verkäufern vorbei, um dem ein oder anderen plötzlich einen Faustschlag auf den Arm oder in die Rippen zu versetzen. Bei Frauen war er schon etwas feinfühliger, denen schlug er eher mit der flachen Hand kräftig auf den Rücken. Ertappte ich ihn
- 118 -
dabei, erfolgte auf mein scharfes: „Kenan!“ ein völlig verständnisloser, erstaunter Blick. Von mir zur Rede gestellt: „Was soll das? Hast Du ein Rad ab?“, ein unschuldiger, treuherziger Gesichtsausdruck: „Wieso, was hab ich denn getan?“
Mir war es schon lieber, er blieb oben in seiner „Verwahrungszelle“, sah Fernsehen und bewachte dabei seinen Schatz. Das Bewachen konnte man ruhig wörtlich nehmen, wenn ich nach Feierabend noch unten im Büro zu tun hatte, warteten Apo und Serkan bei ihm auf mich. Doch wehe, einer von den beiden wollte ein Glas Wodka-Orange und bat unseren „Golem“ darum. Ein Löwe, der seine Jungen verteidigt, ist dagegen eine Streichelkatze, bloß keinen Tropfen abgeben, fest an den Körper gepresst schützte er seine Flasche, seinen „Schatz“ gegen alle Begehrlichkeiten. Seine beiden Hauptaufgaben bestanden aus der Überwachung des Fernsehprogramms, die Kontrolle des ordnungsgemäßen Ablaufes aller Sendungen und die Fahrten in die Stadt, zur Bank und zur Post. Ein, zweimal in der Woche musste er zur Bank, wenn Überweisungen unserer deutschen Partner eingegangen waren. Das Geld hob er ab, um Rechnungen zu bezahlen und per Western-Union nach Thailand und Deutschland Blitzüberweisungen vorzunehmen. Natürlich hätte man das Ganze bequem vom Büro aus veranlassen können, doch er misstraute dem OnlineBanking, hielt es für unsicher. Die eigentlichen Gründe für seine Ablehnung lagen woanders. Einerseits war er unfähig, damit umzugehen, mehrmals mussten wir neue Zugangscodes beantragen, da er schon beim Einloggen mit seinen falschen Eingaben die Sperre des Zugangs verursachte. Andererseits bot sich ihm mit
- 119 -
den Bankbesuchen eine willkommene Abwechslung. Meist ließ er sich von Apo fahren, wurde mit einer Dose Bier in der Hand durch die Stadt kutschiert, um sich nach den erfolgten Transaktionen am Strand niederzulassen und sich noch ein paar weitere Bierchen zu gönnen. Völlig geschafft kehrte er später zurück, stöhnte über diesen tierischen Stress und verzog sich wieder in seine Zelle. Die Budget-und Finanzplanung hatte ich mittlerweile übernommen, besser gesagt überhaupt erst eine eingeführt, dadurch war der Donnerstag immer ein Alptraum. Meist gingen an diesem Tag die Provisionen auf dem Konto ein. Wie eine Spinne im Netz, die auf ihre Beute lauert, saß Hakan in Thailand und wartete. Ein kurzes Zappeln — blitzschnelle Reaktion, nur Minuten, nachdem der Zahlungseingang im Konto ersichtlich war, erfolgte schon sein Anruf. Wer bekommt wie viel Geld? Wieso so wenig für mich? Warum ist Kenan noch nicht auf dem Weg zur Bank? Das Geld war noch nicht richtig da, schon war es weg. Vielleicht ist Geld eine leicht verderbliche Ware, die schnell aufgebraucht werden muss? Wie bei Hackfleisch zum Rohverzehr, sollte man nicht besser alle Geldscheine mit dem Aufdruck versehen: „Zum sofortigen Verbrauch bestimmt!“ Diese Tage waren schlimm, ich fühlte mich wie im Dschungel, dort, wo der Amazonas noch wild ist. Man warf einen Brocken Fleisch hinein und wie aus dem Nichts tauchte ein Schwarm Piranhas auf, um ihn in Sekundenschnelle bis auf die Knochen abzunagen. Diese Situation erlebte ich jeden Donnerstag, ich stand im Fluss und drosch mit einem Stock auf die Piranhas ein, um wenigstens ein Stückchen von diesem Brocken zu retten. Versuchte, einen Teil des Geldes in Sicherheit zu bringen, damit die Agenten pünktlich ihre Provisionen erhielten. Irgendjemand in der Familie C. brauchte immer Geld,
- 120 -
stets dringend, schnell und wichtig, ganz besonders bei Hakan. Manchmal schien es auf Stunden und Minuten anzukommen. Die Mitarbeiter oder die Firmenschulden interessierten zunächst herzlich wenig. So war es jedes Mal ein zäher, unerfreulicher Kampf, bis ich zumindest den Anteil für die Provisionen und die wichtigsten Firmenkosten gerettet hatte. Abends fühlte ich mich danach einfach nur ausgelutscht und ausgebrannt, die emotionsgeladenen Streitgespräche mit Hakan kosteten eine Menge Kraft, gingen an die Substanz. Wollten die Brüder die Firma mit Gewalt gegen die Wand fahren? Hatte ihnen noch nie jemand den Unterschied zwischen Firmenführung und Selbstbedienungsmentalität erklärt? Zwei Monate benötigte ich, um Hakans Ansprüche wenigstens etwas herunterzuschrauben. Seine Privatentnahmen betrugen vorher 30 % der gesamten Provisionseinnahmen, er konnte kaum einsehen, dass diese Größenordnung maßlos überzogen war und so die Existenz des Unternehmens gefährdete. Seine Eltern waren anständige, sparsame Leute, wieso hatten sie es versäumt, ihm beizubringen, dass man Geld nur einmal ausgeben kann?! Richtig interessant wurde es, als ein Anbieter keine Auslandsüberweisungen vornehmen konnte. Für einen Zeitraum von vier Wochen mussten wir die Provisionen über ein deutsches Konto von Erdal und Erkan fließen lassen, die sie dann von dort an uns weiterleiteten. Es schien für sie eine willkommene Zwischenfinanzierung zu sein. Sie hatten die bereits erwähnten speziellen Fachgebiete und die Summen passten, um schnell noch ein paar ihrer Geschäfte zu drehen. Der Überweisungsweg in Deutschland dauerte nun länger, erheblich länger als zuvor der Transfer ins Ausland. Bei unserem Vertragspartner konnten wir normalerweise die Uhr nach dem Zahlungseingang stellen. Jetzt blieb das Geld
- 121 -
für zwei, drei Tage verschwunden, angeblich konnte niemand die Verzögerung der Überweisungen verstehen und die Bank es auch nicht erklären. Doch ich wusste sehr wohl, was lief, die Ursache dafür war zu offensichtlich. Tauchte das Geld wieder auf, wurde es nach Antalya gesendet, aber nicht ohne sich immer noch ein paar Hundert Euro davon abzuzwacken. Natürlich ging ich auf die Barrikaden, sagte Hakan, dass es so nicht ginge. Doch er wiegelte stets ab: „Bruder, das musst Du verstehen, das ist Familie, wenn die mal was brauchen, ist das nicht so schlimm, für die Probleme mit der Bank können die auch nichts, das ist keine Absicht von denen“. Das „mal was brauchen“ belief sich auf über 2.000.- Euro, die in diesen vier Wochen in Mainz kleben blieben. Sagt ein Ununun zu Dir: „Arkadasam — mein Freund“ — Alarmstufe rot — dann will er Geld von dir, das wusste ich schon aus Deutschland. Hier erfuhr ich, sagt er: „Abe — Bruder“ zu dir, gibt es nur eines — rennen, blitzschnell wegrennen, soweit die Füße tragen. Gehörst du erst zur Familie, ist alles vorbei, da verlangt man kein Geld, für die Familie arbeitet man doch kostenlos. Na ja, ganz umsonst habe ich nicht gearbeitet, mittags gab es was zu essen, abends nach den Vorschusszahlungen entnahm ich 10.-, 15.- Euro dem Tresor und warf es mit Apo und Serkan in einen gemeinsamen Pott. Davon kauften wir was zu kochen, Zigaretten und auch ein paar Bierchen, wenn wir in Apos Wohnung noch zusammen quatschten. Für das Unternehmen war es eine wirtschaftlich schwierige Zeit, deshalb hielt ich meine persönlichen Ausgaben so gering wie möglich. Die mit Hakan getroffenen Vereinbarungen wollte ich erst einfordern, wenn diese kritische Phase überstanden und die Firma halbwegs saniert war. Dafür genossen wir den Luxus, den angemieteten Firmenwagen zu nutzen. Es war schon etwas angenehmer sich damit mobil zu halten, insbe-
- 122 -
sondere fuhren auch abends nach meiner Arbeit keine Dolmusche mehr. Meistens saß Apo am Steuer, da er auch Kenan tagsüber chauffierte, er hatte zwar keinen Führerschein, doch bei den Fahrkünsten der Unununs machte es keinen großen Unterschied. Rote Ampeln sind nur was für Weicheier, richtige Männer haben den ganzen Verkehr mit einem Blick im Griff. Rauscht man mit 80—100 km/h durch die Stadt, müssen sich halt die Fußgänger flotter bewegen, das hält jung. Verkehrsregeln gelten nur, wenn die Polizei in unmittelbarer Nähe ist. Deshalb ist es sinnvoll, immer so ziemlich das Gegenteil mit einzukalkulieren, was man von europäischen Verkehrsregeln her kennt. Eine Einbahnstraße bedeutet noch lange nicht, dass kein Auto entgegen kommt. Im Stau kommt der Verkehr nicht tatsächlich zum Stillstand, zwischen den Fahrzeugkolonnen brettern mit 30,40 km/h die Mopeds hindurch, teilweise ersetzen diese komplette Pkws, denn bis zu vier Personen passen schon darauf. In Wohngebieten empfiehlt es sich, während der Fahrt die Fensterscheiben zu öffnen, bei gleichberechtigten Straßen wird gerne nach Gehör gefahren. An Kreuzungen wird nicht angehalten, sondern kräftig gehupt, zweispurige Straßen können durchaus auch vierspurig genutzt werden und gebremst wird erst im letzten Augenblick. Am Besten verhält man sich wie die Einheimischen: „Augen zu und durch!“
- 123 -
Kapitel VI Diese Einstellung glich ein wenig meiner Situation bei der DWA: Augen zu und durch, nach Deutschland gab es kein zurück mehr, zu eng hatte sich damals das Netz um mich gezogen. Den Trick mit dem Ausweis meines Bruders dürfte die Polizei mittlerweile auch durchschaut haben. Nach meiner heiklen Flucht in Wuppertal war ich in einer kleinen Familienpension in Duisburg untergekommen. Es gab eine gutbürgerliche Küche und ein gepflegtes Bier. So ganz sicher fühlte ich mich nicht mehr, die letzten Aktionen hatten Spuren hinterlassen. An einem Abend kehrte ich in die Pension zurück und bemerkte auf dem gegenüberliegenden Parkplatz einen Wagen, in dem eine Person saß. Seit Wuppertal reagierte ich auf solche Umstände sehr sensibel. Beim Betreten der Pension waren meine Antennen in mir alle aufgestellt, von einem Flurfenster beobachtete ich das Fahrzeug, ging im Kopf meine geplanten Fluchtwege durch. Kurze Zeit später traf die Pensionsbesitzerin ein, mein Observationsobjekt stieg aus und half ihr beim Ausladen. Entwarnung, jetzt konnte ich aufs Zimmer, mich frisch machen und später die Gaststätte aufsuchen. Die Wirtin machte ein hervorragendes Gulasch und zapfte ein gutes Pils. An der Theke saßen zwei, drei Gäste und ihr Helferlein, meine verdächtige Person. Nach dem Essen stellte ich mich zu Horst an den Tresen, ein paar Tage zuvor hatte ich ihn hier kennengelernt. Horst war ein KumpelTyp, sehr offen, machte aus seiner Vergangenheit, die nicht immer im legalen Bereich verlaufen war, auch kein Hehl. Ein wenig konnte man es ihm am äußeren Erscheinungsbild mit seiner langen Matte und seinen Tattoos, schon ansehen. Das war bei mir mit Anzug und Krawatte schon etwas schwieriger.
- 124 -
Er kannte Manfred, dem ich so intensiv meine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, recht gut und stellte ihn mir vor. Nach ein paar Bierchen bemerkte er so ganz nebenbei: „Manfred und ich verstehen uns ganz gut, wir trinken gerne ein Bier zusammen. Beruflich stehen wir zwar in verschiedenen Lagern, er ist Kommissar bei der Kripo, sonst ist er aber ok“. 60.000 Zuschauer im Stadion und ausgerechnet ich bekomme den Ball an den Kopf, schoss es mir spontan durch meine Gedanken. Die nun aufwallenden Gefühle in mir waren eine Mixtur aus Fassungslosigkeit, Galgenhumor und Sarkasmus. Durfte das denn wahr sein? Gab es wirklich so viele Zufälle oder war ich inzwischen ahnungsloser Hauptdarsteller in einer Comedy-Show? Bei diesem Gedanken konnte ich nur breit lächeln, wohl wissend, jetzt schön ruhig, ganz, ganz ruhig bleiben zu müssen. Mein kaum merkliches Kopfschütteln und leicht sarkastisches Grinsen wurde von niemandem registriert, als ich die nächste Runde bestellte. Es wurde noch ein feucht fröhlicher Abend und wir führten einige amüsante Gespräche. In dieser Runde trafen wir uns in den letzten Tagen meines Aufenthaltes noch hin und wieder zum Bier, doch in mir strahlte in roter Leuchtfarbe der Warnhinweis: „Es wird Zeit, schaff dich vom Acker!!“. Das war auch für die kommenden Tage geplant. Doch zunächst mussten wir noch den Mietwagen tauschen, die Autovermietung hatte bereits Druck gemacht und meinen Bruder deshalb mehrmals angerufen. Bei dieser Gelegenheit wollten wir auch den Anbieter wechseln und hatten einen neuen Wagen bereits angemietet. Aus diesem Grund kam dazu mein Freund Mehmet als zweiter Fahrer mit. In Köln warteten wir auf einem Parkplatz während Mehmet zur Station weiterfuhr, um das Auto abzugeben. Danach sollte er anrufen, damit wir ihn abholen könnten.
- 125 -
Eine halbe Stunde verging, kein Anruf von Mehmet, wir warteten weitere 20 Minuten, immer noch kein Lebenszeichen von ihm, auch auf unsere Anrufe reagierte er nicht. Irgendwas lief schief, was stimmte hier nicht? Da war es, dieses komische Gefühl, das einen in solchen Momenten beschleicht und sich im Innern immer breiter macht. Die dumpfe Ohnmacht, nichts tun zu können, als zu warten. An der Mietstation war ich bereits zu Fuß entlang gelaufen, doch weit und breit von Mehmet keine Spur. Je mehr Zeit verstrich, desto größer wurde die Gewissheit, dass Dinge aus dem Ruder liefen, doch nur was und wie? Zwei Stunden später die Erlösung, Mehmets ersehnter Anruf, er sagte uns, wo wir ihn abholen sollten. „Was war los? Was ist passiert?“ Tausend Fragen auf einmal — die Polizei hatte in der Autovermietung bereits gewartet — eigentlich auf mich. Tja, wegen „ist nicht“ hatten sie wohl oder übel halt ihn mitgenommen, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Mein Bruder und ich sahen uns an, wir bliesen beide die Backen auf, gerade noch einmal gutgegangen. Schnell gab ich ihm einige wichtige Instruktionen, die er beim Abholen von Mehmet beachten musste. Jetzt hieß es doppelt vorsichtig sein, nun hatte die Kripo ihre brandheiße Spur. Hektisch die wichtigsten Punkte besprechen, nichts vergessen, auf alles achten, zu viel hing davon ab — zuerst raus auf die Autobahn, prüfen ob ein Fahrzeug folgte, keine Schatten mitziehen, auf Nummer sicher gehen, bei unklarer Sicherheitslage lieber eine Runde mehr drehen! Alles durchdacht — nichts vergessen? Mein Bruder fuhr los. Im Café wartete ich auf ihn und Mehmet, wir hatten eingeschränkten Telefonkontakt vereinbart, da die Polizei Mehmets
- 126 -
Telefon für die interne Telefonverbindung in Händen hatte. Wie nach den letzten Vorfällen würden auch nach diesem wieder neue Telefonkarten und Handys fällig werden, doch das zählte jetzt nur am Rande. Warten und dann nichts wie raus aus Köln. Wie ein brodelnder Dampfkessel saß ich am Tisch, drei Kaffee hatte ich schon weg, eine Zigarette nach der anderen verpaffte ich, grübelte, überlegte. Würden die beiden intensiv genug auf mögliche Verfolger achten? Bemerken ist eine Sache, doch könnten sie diese auch unauffällig abschütteln? Welche Sicherheitsvorkehrungen konnte ich noch treffen, auf welche weiteren Fahndungsmaßnahmen musste ich mich einstellen? Im Sekundentakt schossen immer neue Fragen in mir hoch, schrien nach einer Antwort. Meine Unruhe in den Griff zu bekommen glich dem Versuch, einen Tiger zu reiten, zu sehr schüttelte sie mich durch. Wieso zog sich die Zeit wie Kaugummi, immer wieder mein Blick zur Uhr, als würden sich die Zeiger dadurch schneller drehen, meine Augen wanderten ständig zur Tür, nur mein nervöses Fußwippen ließ einen geübten Beobachter meine Anspannung erkennen. Wieder schaute ich aufs Zifferblatt, die Beiden müssten längst hier sein. Auf der Autobahn Richtung Bonn sollten sie zwei Abfahrten passieren, umdrehen und nicht bis nach Frankfurt fahren. Wo blieben die bloß? Wurden sie vielleicht ihre Verfolger nicht los? Doch dann hätten sie mich schon informiert. Es hielt mich nichts mehr auf dem Stuhl. Ich zahlte die Rechnung, atmete vor der Tür die kühle Luft tief in meine Lungen ein. Die Spannung abbauen — so lief ich einige Schritte hin und her, starrte dabei ständig zur Ecke, um die gleich ihr Wagen biegen musste. Bei ihrer Ankunft abchecken, ob jemand gefolgt ist, einsteigen und nichts wie weg, hämmerte es in meinem Kopf. Eine Menge Autos kamen, nur nicht das meines Bruders. Doch dafür klingelte mein
- 127 -
Telefon, Mehmet, endlich — aber mit einer Hiobsbotschaft — Berthold war verhaftet worden. Ein Autostopp wie aus einem Actionfilm, als sie wieder nach Köln hineinfuhren, schoss ein Wagen vor sie und blockierte die Straße, von allen Seiten wurden sie schlagartig von Zivil- und Streifenwagen der Polizei eingekeilt. Blitzschnell waren sie von Beamten umringt, mein Bruder verhaftet, Mehmet ließen sie laufen. An dieser Aktion waren insgesamt 17 Fahrzeuge beteiligt, das erfuhr später mein Bruder auf dem Polizeipräsidium. Absolut professionell, rasend schnell — und doch hatten sie leider den Falschen erwischt. Mehmet fragte, was er tun sollte, für einen Moment war ich noch ratlos, Hunderte von Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf. Meinem Bruder konnte nichts passieren, den mussten sie wieder freilassen. Mehmet war frei, konnte sich aber nicht mit mir treffen, zu groß das Risiko, dass jemand an seinen Fersen klebte. Die Entscheidungen mussten schnell und direkt fallen, der Akku musste schleunigst aus meinen Handys, damit man mich nicht orten konnte. Mit dem Zug schickte ich Mehmet nach Essen, ich würde mich bei ihm melden. Akku raus, damit war zumindest dieses Problem vom Tisch. Jetzt musste ich hier wegkommen, schon stürmte ich Richtung Straßenbahn. Dabei kramte ich die Telefonnummer eines Anwalts heraus. Wochen vorher hatte ich mit ihm alle möglichen Szenarien durchgesprochen und einen Honorarvorschuss hinterlegt, damit er im Notfall direkt aktiv werden konnte. Die erste Telefonzelle auf dem Weg zur Bahn gehörte mir und ich erreichte den Anwalt auch direkt. Schnell erhielt er von mir alle nötigen Informationen, er würde sich um alles Weitere kümmern,
- 128 -
auch Bertholds Lebensgefährtin informieren. Damit war schon mal ein weiterer Punkt erledigt, nun ging es nur noch um mich. Wie könnte ich schnellstens und sicher aus Köln verschwinden? Mit dem Zug? Zu riskant, ich musste erst einmal aus dem Stadtzentrum. An der Haltestelle der Straßenbahn musterte ich jeden Herumstehenden, als liefe in ganz Köln eine Ringfahndung nach mir. Ab in die nächste Bahn, die aus der Stadt fuhr, wie Hammerschläge spürte ich in meiner Brust das Pochen meines Herzens. Einsteigen — mein Blick schweifte nach rechts und links. Wo standen zwei Personen zusammen, was sah nach Polizei in Zivil aus. Die Bahn fuhr an, nichts Verdächtiges zu sehen, noch immer hämmerte mein Puls im Akkord. Aufmerksam studierte ich die Insassen meines Wagens, sicher war sicher. Bei jedem Halt registrierte ich, wer stieg aus, wer stieg zu oder bewegte sich in meine Richtung. Und wieder einer dieser unmöglichen Zufälle, ein ehemaliger Arbeitskollege und Mithäftling der gleichen Haftanstalt stieg ein. War er schon frei und entlassen oder kehrte er dorthin zurück? Noch hatte er mich nicht gesehen, vorsichtshalber zog ich mich in den hinteren Teil des Wagens zurück. Vor jeder Haltestelle sondierte ich die Straßen, beobachtete die Umgebung, durchbrach irgendwo Blaulicht die Nacht, wo standen Streifenwagen? Tausend Eindrücke nahm ich gleichzeitig auf und doch nur ein Gedanke: „Weg!“ Ein kräftiges Rumpeln durchschüttelte die Bahn, dann waren wir über die äußere Ringstraße der City hinweg. Eine Last fiel von mir ab, den Stadtkern hatte ich hinter mir gelassen. Hier gab es Baumbestand, in dessen Schutz ich mich bewegen konnte, hier kannte ich mich aus. Ich tauche darin ein, wie eine Tarnkappe, die ich nach Verlassen der Bahn überziehen konnte und schon war ich verschwunden. Noch ein Anruf, 30 Minuten warten an einem siche-
- 129 -
ren Platz und schon holt mich ein Bekannter ab. Weg von Köln, Kilometer für Kilometer entfernten wir uns davon und mit jedem Meter sank mein Adrenalin-Spiegel weiter. Das pulsierende Pochen in mir wich bald einem gleichmäßigen ruhigen Rhythmus, der eine bleierne Erschöpfung in meinem Körper verbreitete. Durch die Autofenster blickte ich in die Dunkelheit. Mir war bewusst, ich musste umdenken und handeln. Die meisten meiner Unterschlupfmöglichkeiten waren unbrauchbar, viele Kontakte und Verbindungen aufgedeckt. Die Bewegungen in der Region wurden für mich immer gefährlicher. Die Schlinge um meinen Hals zog sich immer weiter zu, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endgültig darin zappelte. Mein Bruder wurde morgens um 04.00 Uhr freigelassen, nicht ohne ihm eine kleine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Durch die Blume gab ihm der Kripobeamte zu verstehen, dass man davon ausging, mich bis Weihnachten zu schnappen. Es waren nur noch ein paar Tage bis dahin, doch der nette Polizist hatte sich schließlich nicht auf das Jahr festgelegt. Über eine sichere Leitung telefonierte ich am nächsten Tag mit meinem Bruder. Ausführlich berichtete er mir von dem enormen Aufwand, den man für diese Falle betrieben hatte. Eines war mir nun klar, ich musste die Region wechseln, aber wie? Die Bahnverbindungen konnte ich von vorneherein ausschließen, weder Mehmet noch Berthold konnten mich mit dem Auto fahren, andere Fahrer waren mir zu unsicher. Zwei einfache Fragen stellten sich mir: wohin und wie dahin kommen? Leichter gesagt als getan. Nach etlichen Überlegungen und einigen Recherchen im Internet stand mein Entschluss fest, über eine Mitfahrzentrale würde ich ins Saarland gelangen. Recht schnell fand ich ein Angebot, das mir zusagte. Mit meinen Verwandten dort hatte ich be-
- 130 -
wusst keinen Kontakt aufgenommen, auf gut Glück fuhr ich in meine Geburtsstadt. Eine Lösung würde sich irgendwie finden, davon war ich überzeugt. Aus dem Minenfeld, in dem ich mich hier befand, musste ich zunächst einmal heil herauskommen, alles Andere war nebensächlich. Drei Tage vor Weihnachten stieg ich in Essen in das Auto einer Studentin, die ihre Familie im Saarland über die Feiertage besuchte. Mit einem weiteren Mitreisenden machten wir uns auf den Weg nach St.Wendel, alles war schön anonym und nicht nachzuvollziehen, alle Telefonate hatte ich von öffentlichen Fernsprechern geführt. Das Risikopotenzial dieser Reiseform stufte ich als recht niedrig ein, wir fuhren nicht schnell, unterhielten uns unterwegs angeregt und kamen sicher in meiner Heimatstadt an. Es war schon fast 23.00 Uhr, als wir eintrafen, doch nach ein paar Telefonaten hatte ich ein Hotel gefunden, in dem ich am gleichen Abend noch einchecken konnte. Allzu groß ist St. Wendel nicht, ein kleines Örtchen mit 20.000 Einwohnern. Deshalb kannte ich auch die Adresse des Hotels gut, in meiner Kindheit hatte ich in unmittelbarer Nähe gewohnt, nur gab es damals dort kein Hotel. Umso größer war meine Überraschung, als ich es betrat. Mehrere Häuser des alten Stadtkerns hatte man zu einem Gebäude zusammengefasst und umgebaut, unter anderem auch mein Geburtshaus, in dem ich 50 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickte und die ersten sechs Jahre meiner Kindheit verbrachte. Das Zimmer, das ich bezog, war identisch mit unserem früheren Wohnzimmer, liebevoll hatte man die alten Mauern restauriert und mit einer gekonnten Mischung aus Antik und Modern eingerichtet. Da konnte ich mich nur wohlfühlen, beim Einschlafen empfand ich die gleiche Geborgenheit wie damals in meinen Kindheitstagen. Bevor ich einschlummerte, dachte ich nur: „So seltsam kann
- 131 -
manchmal nur das Leben selbst sein.“ Am nächsten Tag traf ich mich mit einigen Verwandten, vermied aber bewusst den Kontakt zu meinen Eltern, denn da würden meine Freunde von der Justizbehörde mich als Erstes vermuten. So verbrachte ich Weihnachten im Familienkreis meiner Tante, die sich fürsorglich um mich kümmerte, viel dafür tat, dass die Festtage auch unter diesen Umständen angenehm für mich verliefen. Da wir beide Kochfreaks sind und sie über die Feiertage Gäste eingeladen hatte, machte es richtig Laune, für uns ein Mehr-Gang-Menü auf einem gehobenen Niveau zu kreieren. Sie stellte mir ein Appartement zur Verfügung, so dass ich in Ruhe meine Entscheidung treffen konnte, wie es für mich weitergehen sollte. In Deutschland würde man den Fahndungsdruck erhöhen, das war abzusehen. Dreimal war ich der Polizei durch die Finger gerutscht, das würde sicherlich auch den sportlichen Ehrgeiz meiner Verfolger anstacheln. Bis sich das wieder beruhigte, würde einige Zeit ins Land gehen, eine Zeit, in der all meine Aktivitäten recht schwierig, aber auch mit einem erhöhten Risiko verbunden sein würden. Wenn schon ein Neuaufbau, musste er unbedingt hier erfolgen? In welchem Land waren die Möglichkeiten gegeben, etwas Größeres aufzubauen, ohne laufend die Behörden auf der Matte stehen zu haben? Fragen über Fragen, die sich auftürmten, nach langen Überlegungen entschied ich mich für das Land der Unununs, auch wenn ich wusste, dass es ein Abenteuer war, vor allem kein ungefährliches. Als das Ziel feststand, war nur die Reisestrecke offen, da der Flug von vorneherein ausschied, blieb nur der Landweg. Am Besten in einer unauffälligen Gruppe um das Risiko zu minimieren, also wählte ich die Fahrt mit dem Reisebus. Nachdem ich das Busticket gekauft und zufällig einen Ausweis gefunden hatte, fehlte nur noch die Lösung für die Frage: Wie
- 132 -
komme ich nach Mannheim zur Abfahrtsstelle? Lesen bildet bekanntlich, in der Zeitung hatte ich die Anzeige eines Frührentners gesehen, der Aufträge als Fahrer suchte, für mich die optimale Alternative zur riskanten Zugfahrt. Von meinen Verwandten verabschiedete ich mich schweren Herzens und bestellte meinen Rentner. Am frühen Morgen des 25.01.07 stand er pünktlich vor der Tür, es hieß Abschied nehmen, meine Reise ins Ungewisse begann.
- 133 -
Kapitel VII Vor diesem Hintergrund schien es vielleicht der einzige Weg zu sein, das kleinere Übel, das ich mit der Zusammenarbeit mit der Familie C. gewählt hatte. Die Firma wuchs weiter, ungeachtet aller Schwierigkeiten, trotz aller Widerstände. Man konnte zusehen, wie sie sich von Woche zu Woche weiterentwickelte und es erfüllte mich auch ein kleinwenig mit Stolz, es war mein Baby. Obwohl es mehr eine Zangengeburt war und die Geburtswehen keineswegs schon ausgestanden waren, konnte man jetzt schon erkennen, wie hübsch es einmal werden würde. Wie häufig bei ungewollten Schwangerschaften will zunächst niemand von der Vaterschaft wissen, ist das Kind erst einmal auf der Welt, macht später die ersten unbeholfenen Schritte, dann strahlen alle, sind glücklich und schwärmen von ihm in den höchsten Tönen. Geben ein wenig damit im Bekanntenkreis an, am euphorischsten meist diejenigen, die vorher vehement für eine Abtreibung eingetreten sind, wie Hakan, der im März noch gemeinsam mit Erdal die Schließung der Firma erwogen hatte. Jetzt, wo sich das Unternehmen zu einer sprudelnden Einnahmequelle entwickelte, hatte es jeder ja gewusst, selbst Kenan, der sogar den Grund dafür kannte: „Da hast Du einfach nur Glück gehabt!“ Solche Kommentare, die Debatten mit Hakan und auch die wöchentlichen Verteilungskämpfe versuchte ich, einfach mit Humor zu nehmen. Die eingehenden Zahlungen konnten noch so hoch sein, spätestens nach vier, fünf Stunden hatten sie sich aufgelöst, waren verschwunden. „The Brain“ stellte dann oft mit seinem Scharfsinn fest: „Ich verstehe das nicht, egal, wie viel Geld kommt, es ist immer weg. Wir können gar keine Rücklagen bilden“. Fast das Gleiche sagte eine kräftige, wohlbeleibte Frau, die
- 134 -
ihrem Arzt ihr Leid klagte: „Herr Doktor, ich verstehe das nicht, ich kann so viel essen, wie ich will, ich nehme einfach nicht ab!“ Über Privatentnahmen für ein Familienmitglied wurde nie groß ein Wort verloren. Aufwendungen für den Geschäftsaufbau hingegen zogen ellenlange Diskussionen mit sich. Kleinigkeiten, wie Stellenanzeigen mit Kosten von 100.-, 200.- Euro beispielsweise: „Muss die Anzeige so groß sein?“ „Wieso ist die so teuer?“ „Kenan, wenn ein einziger Mitarbeiter damit gewonnen wird, sind durch dessen Arbeit bereits nach zwei Tagen nicht nur die Kosten dafür gedeckt, wir haben auch schon Geld verdient. Also gib bitte die Anzeige auf!“ Diese Aufgabe musste er übernehmen, da bei der Zeitung niemand deutsch sprach. Das Inserat gestaltete ich in Deutsch und so wurde es auch abgedruckt, er sollte die vorbereitete E-Mail nur weiterleiten. Es dauerte fünf, sechs Wochen in denen ständig ähnliche Dialoge stattfanden, bis er kapiert hatte, dass ich mich von meinen Vorstellungen nicht abbringen ließ. Danach ersparte er uns diese Zwiegespräche und gab die Anzeigen unkommentiert weiter. Dachte man, die Mitarbeiter klopften von selbst an die Tür, um zu fragen, ob wir Arbeit für sie hätten? Gingen die Brüder C. davon aus, Einnahme ist gleich Verdienst? Wie ein Kneipenwirt, der nach Feierabend in die Kasse schaut und in grenzenloser Naivität glaubt, das wäre sein heutiger Nettogewinn? Will man ein Unternehmen weiter ausbauen, muss man auch weiter investieren, manchmal konnte ich ihre Einstellung beim besten Willen nicht nachvollziehen. Die Gans, die goldene Eier legte, wollte man schlachten, damit mal ein ordentlicher Braten auf den Tisch kam, erwartete aber nach wie vor die goldenen Eier. Nun, ich muss nicht alles verstehen, dafür bin ich vielleicht nicht intelligent genug. Kenan dagegen war Profi, immerhin arbeitete er bereits über ein Jahr in dieser Branche. Ein perfekter
- 135 -
Profi, wie er sich gerne sah, auch wenn ihm ab und zu der Überblick abhandenkam, wie beispielsweise bei den Agenten deren Namen er teilweise selbst nach zwei Monaten noch nicht kannte. Doch das war verständlich, schließlich handelte es sich hierbei um „Künstlernamen“, die jeder von ihnen bei der Arbeit führte. Während der Arbeitszeit hieß der Mitarbeiter Frank Lehmann oder Petra Müller, denn sicherlich wäre der deutsche Kunde etwas irritiert, einen Sükrü Sipayoglu oder eine Zeynep Bicakci am Telefon zu haben. Versuchen Sie doch einmal damit eine Unterhaltung zu führen, ohne eine mittelschwere Zungenverknotung davonzutragen. Mit deutschen Namen war es einfacher, selbst in ihrer Freizeit reagierten die Agenten darauf und neue Mitarbeiter gaben sich vor der Aufnahme ihrer Tätigkeit aller größte Mühe bei der Wahl ihres „Namens“. Nur Kenan wusste meist weder den echten noch den gewählten Namen, aber dafür war schließlich ich da. Das war mir auch ganz recht, lieber übernahm ich mehr Arbeit, als mich später über Fehler und die Unfähigkeit zu ärgern. Über mangelnde Beschäftigung konnte ich mich somit nicht beklagen, doch es war meine eigene Entscheidung und ich fühlte mich wohl dabei. Neben der Vorbereitung der Daten und Ranglisten am Morgen, gab ich tagsüber die Ergebnisse der benutzten Kundenlisten in den PC ein, wies die Agenten ein, bildete sie aus, motivierte sie, stand als Ansprechpartner für ihre Probleme zur Verfügung, trug die Verantwortung für den reibungslosen technischen Ablauf und führte die Qualitycalls durch. Diese Anrufe waren eine wichtige Aufgabe aber auch zeitintensiv. Jeder Kunde, der einem Verkäufer einen Auftrag erteilt hatte, wurde von mir nochmals angerufen, um zu prüfen, ob er das Produkt oder die Dienstleistung tatsächlich bestellt hatte oder ihn mittlerweile vielleicht
- 136 -
doch die Kauf-Reue plagte. Das Gefühl kennen wir alle, tritt vor allem nach ausgeuferten Shopping-Touren auf, besonders ausgeprägt beim weiblichen Teil der Bevölkerung. Bei meinen jeweiligen Lebensabschnittsgefährtinnen konnte ich die Uhr danach stellen, wenn es abends hieß: „Du, Schatz, meinst Du nicht auch, das Kleid war mit 300.- Euro zu teuer?“ „Nein, das bist Du mir wert, es steht Dir hervorragend,“ „ Ja, aber 300.- Euro. Steht es mir wirklich?“ „Ja ‚wie für Dich gemacht, hätte ich es nicht schon längst getan, — Du in diesem Kleid — ich würde mich direkt wieder in Dich verlieben!“ „Na gut, wenn Du so darauf bestehst, behalte ich es!“ Die Kontrolle lief zwar nicht ganz so in dieser Form ab, doch manche Parallelen ließen sich nicht verleugnen, wobei ich vornehmlich die Qualität der Beratung durch meine Leute prüfte. So kamen am Tag noch 80—100 Telefonate auf mich zu. Nach 21.00 Uhr erledigte ich die laufende Buchhaltung und Budgetplanung. Sonntags erfasste ich alle Umsätze der Woche, bereitete sie als Datei auf und sendete sie per E-Mail an unsere Vertragspartner. Im Schnitt vergingen damit sieben, acht Stunden, so dass vom Sonntag kaum was übrig blieb. Doch lieber ein Pensum von 80, 90 Stunden in der Woche als die Unterstützung durch Kenan. Schon seine Anwesenheit oder die seines Anhangs stellte im Büro einen unmittelbaren Gefahrenherd dar. Durch geschicktes Umstecken der Stromkabel hatten er und auch der Onkel es schon zweimal geschafft, mir elegant die Stromzufuhr des Computers zu unterbrechen. Dabei wurde jedes Mal die Arbeit von mehreren Stunden gelöscht. Ihre chaotischen Geniestreiche begleitete dabei immer der absolute „Ups—Gesichtsausdruck“. Weit aufgerissene Augen, erstaunter Blick, unsicheres Grinsen, verbunden mit der hilflosen Frage: „Ups, was habe ich denn jetzt
- 137 -
schon wieder angestellt?“ Mit der ganzen Eingabe konnte ich wieder von vorne beginnen, ich tobte innerlich und konnte mich mit Mühe zurückhalten, sie nicht zu beschimpfen oder ihnen Schlimmeres anzutun. Seitdem hatte ich mir angewöhnt, beim Arbeiten am PC alle zehn Minuten eine Datensicherung durchzuführen, denn war jemand von ihnen in der Nähe, konnte man gar nicht Augen genug haben. Das kleine Büro, in dem ich arbeitete, war auch allseits beliebt, man ließ sich gerne darin nieder, um seinen Tee zu trinken, Zeitung zu lesen und morgens seinen Sesamkringel zu verdrücken. Bei Einstellungsgesprächen machte es schon einen professionellen Eindruck, wenn ich zunächst einige Leute aus dem Büro scheuchte, Zeitungen, Teetassen abräumen und Krümel vom Tisch wischen ließ, damit sich der Bewerber setzen konnte. Es dauerte zwei Monate, darin eine beruhigte Zone zu schaffen, denn die „Unnötigen“ fanden es dort urgemütlich. Diese Bezeichnung hatte ich für Leute wie Onkel, Ibo oder andere auserkoren, größtenteils Relikte aus der kurzen Blütezeit des „alternativen Internetcafés“. Nachdem dieses nicht mehr zur Verfügung stand, hatten sie sich zunächst im kleinen Büro eingenistet und nun drohte ihnen bereits die nächste Vertreibung. Unnötig waren sie in jeglicher Hinsicht, eine Daseinsberechtigung im Unternehmen war kaum nachvollziehbar, sie hatten teilweise gar nichts damit zu tun, schadeten mehr als sie nutzten, verursachten Chaos und kosteten noch Geld obendrein. Müslim war der stillste Vertreter von ihnen, ein arbeitsloser Koch, nachdem er im Internetcafé nicht mehr chatten konnte, breitete er in meinem Büro auf dem Tisch sein Frühstück aus und las seelenruhig die Zeitung. Er tolerierte es aber, dass ich im Büro weiterarbeitete, und hatte keine Einwände dagegen. Ein anderer
- 138 -
Typus war Ibo, eher ein Internetabhängiger, wie ein Junkie auf Entzug streifte er durchs Center, sein Blick huschte hin und her um einen freien PC zu erhaschen, mit dem er für eine halbe Stunde schnell ins Netz eintauchen konnte. Ein langhaariger Zottel, der mit seinem Motorroller Besorgungen für die Firma erledigen sollte. In erster Linie war er für den Einkauf von Kenans Wodka zuständig, als sein alter Freund erhielt er von ihm jeden Abend fünf Euro Anwesenheitsprämie zugesteckt. Im Trickfilm „Rettet Nemo“ versucht man die Fressgewohnheiten der Haie mit dem Slogan zu ändern „Fische sind kein Futter, Fische sind Freunde!“ Ähnlich versuchte ich die Gepflogenheiten der „Unnötigen“ zu ändern, indem ich gebetsmühlenartig meine Ermahnung herunterleierte: „Das ist kein Aufenthaltsraum, das ist ein Büro zum Arbeiten!“ Allerdings mit sehr dürftigem Erfolg, einen allein konnte man noch ertragen, doch meist traten sie in Gruppen auf. Dann erfüllte ein weit vernehmbares Stimmengewirr und Gelächter den Raum, bei allen herrschte eine ausgelassene Stimmung. Und mittendrin saß ich als Spielverderber und Miesepeter, die ganzen Anrufe nach Deutschland mussten doch nicht unbedingt gerade jetzt sein. Die von mir angerufenen Kunden konnten schon den Eindruck gewinnen, dass im Hintergrund das „Millowitsch-Theater“ mit einer Sondervorstellung gastierte. Notwehr, definitiv Notwehr war es einige Male, als ich mit Gegenständen durch den Raum warf, da ich anders nicht für Ruhe sorgen konnte und mein eigenes Wort am Telefon nicht mehr verstand. Prompt flogen mir empörte, entrüstete Blicke zu, beleidigte Mienen wurden aufgesetzt und eingeschnappt verließen sie das Büro. Von den Gesichtern konnte man den stillen Vorwurf ablesen: „Was stellst Du Dich so an, wir haben doch nichts getan. Wir wollten doch nur helfen!“
- 139 -
Ein wenig ungerecht war das schon von mir, das gebe ich zu, es stimmte ja, diesen Anspruch konnte Kenan mit seinen „Unnötigen“ proklamieren, sie hatten wirklich nichts getan. Und hilfsbereit waren sie auch, generell ist die Hilfsbereitschaft bei den Unununs wahnsinnig stark ausgeprägt, das durfte ich oft erleben. Meist kam mir dabei „Sisyphos“ in den Sinn, der tragische Held aus der griechischen Sage. Von den Göttern verdammt muss der arme Kerl immer einen Riesenfelsbrocken zum Gipfel eines Berges schieben, doch kurz davor rollt dieses Mist-Ding immer wieder zurück ins Tal und für ihn beginnt die ganze Maloche wieder von vorn. In dieser Rolle fand ich mich recht häufig wieder. Den Felsen hatte ich alleine zur Bergspitze gerollt, das Ziel greifbar nah, schon sprangen dahinter Unununs hervor, riefen: „Wir helfen Dir, wir helfen Dir!“ Das taten sie auch und wie. Mit all er Macht halfen sie, schoben und drückten, leider nur von der falschen Seite. Deshalb wurde es zu einem meiner geflügelten Worte: „Bitte, helft mir nicht!“ Vieles wurde dadurch einfacher, Kenan mit seinem „Schatz“ vorm Fernseher, mit einem Bierchen im Auto in der Stadt unterwegs oder am Strand — alles wird gut. Mit der Expansion des Unternehmens wuchs aber auch das Arbeitsvolumen und die Anforderungen so rasant, dass ich nicht mehr daran vorbeikam, Aufgaben zu übertragen und zu delegieren. Die Telefonate für den Qualitycall übernahm weitestgehend Apo, mein Mitbewohner und Freund. Für mich war es „Mogli“ wie der aus dem Dschungelbuch, auch wenn sein Aussehen mehr dem von “Balu, der Bär“ entsprach. Von seiner Art und seinem Inneren traf eher „Mogli“ zu. Nach einer kurzen Einweisung erledigte er diesen Job von Beginn an sehr gut, war zuverlässig und hatte Spaß daran.
- 140 -
Die Entlastung für mich war erheblich, 80 Telefonate, die ich am Tag nicht mehr führen musste, bedeuteten eine spürbare Erleichterung. Eine Unterstützung im organisatorischen Bereich zu finden war hingegen nicht einfach. Kenan konnte mir sofort sagen, es sei unmöglich eine Sekretärin und einen Programmierer zu finden, die beide deutsch sprechen, das könnte ich vergessen. Diese Einstellung kannte ich zur Genüge, nicht nur von Kenan. Die Menschheit kann sich glücklich schätzen, dass sich Edison der Erfindung der Glühbirne angenommen hat, auch wenn er 10.000 Versuche benötigte, bis sie brannte. Hätte ein Ununun die Sache angepackt, wäre er nach 10 Versuchen an die Öffentlichkeit getreten. Mit wissendem Blick und im Pathos vollster Überzeugung hätte er verkündet: „Macht Euch keine Hoffnung, die Sache könnt Ihr Euch abschminken, das wird nie funktionieren!“ Weitere Experimente von anderen Erfindern wären sofort unterbunden worden, in Schulbüchern wäre der Vorgang erwähnt worden, versehen mit dem Hinweis: „ Dieser Ansatz muss nicht weiter verfolgt werden. Er wurde bereits von Mehmet Uzun hinreichend getestet, er hat herausgefunden und bewiesen, es ist unmöglich und wird nie klappen!“ Ähnlich hatte Kenan auch reagiert, als ich Nese, unsere Putzfrau kündigen wollte. „Die weiß zu viel über die Firma, die kann uns schaden“. „ Eine vernünftige Putzfrau zu finden, ist ziemlich schwierig, da müssen wir schon Glück haben!“ Wollte ich mich vom Vorstand eines Großkonzerns trennen, der über geheimes Insiderwissen verfügte? War es doch die Geheimpolizei oder die Mafia, der sie heimlich angehörte und unser Unternehmen zum Ziel einer gefährlichen Infiltrierung gemacht hatte? Bestand in Antalya die totale Vollbeschäftigung, sodass Putzfrauen mit horrenden Ablösesummen unter der Hand gehandelt wurden? Si-
- 141 -
cherheitsstufe zwei, als Geheimnisträgerin geeignet, zwei Fremdsprachen in Wort und Schrift — waren die Anforderungen so hoch geschraubt, dass man sie so selten fand wie einen freien Parkplatz in der Kölner Innenstadt zu Karneval? Ein Gebirge von Sorgenfalten auf der Stirn, verschwörerischer Ton und bekümmerter Blick, so versuchte er mich intensiv in einem eindringlichen Gespräch von meinem Entschluss abzubringen. Die komplette Familie einschließlich der Eltern musste ich einschalten und überzeugen, um meine Entscheidung durchzusetzen. Logisch betrachtet konnte ich den ganzen Wirbel darum nicht verstehen, er nervte mich nur und steigerte meine Aversion gegen diese Frau. Gründe zur Kündigung gab es genug, rein anatomisch war es für sie schon fast unmöglich, in den Ecken und an schwer zugänglichen Stellen sauberzumachen. Die Aufgabe, für unsere Mitarbeiter das Mittagessen zu kochen, bereitete ihr scheinbar die meiste Freude. Weit im Voraus plante sie akribisch die Menüs. In der Praxis bedeutete das, ein, zwei Stunden vor der Mittagspause rief sie nach Kenan, Serkan oder einem „Unnötigen“. Erklärte, was zum Kochen schnell besorgt werden musste, stand niemand für den Einkauf direkt zur Verfügung, wurde gewartet, das Essen gab es dann halt eine Stunde später. Nein, selbst einkaufen, das ging auf keinen Fall, bei ihrem Gewicht beim besten Willen nicht, die beiden Supermärkte waren mindestens 20, wenn nicht sogar 25 Meter vom Büro entfernt. In ihrem Arbeitsvertrag stand vielleicht etwas von Kochen, doch sicherlich nichts von Einkaufen. Zudem hätte das auch ihre Konzentration gestört, wenn man auf solch hohem Niveau kochte wie sie, durfte man sich nicht ablenken lassen. Ihre Kochkünste schienen mir wie von einem anderen Stern, alles, was ich bisher kannte, stellte sie in den Schatten. Ohne jegliche Mühe konnte sie einen ganzen Esslöffel Öl in einen
- 142 -
Teller Naturreis zaubern. Selbst den einfachsten Tütensuppen von „Knorr“ oder „Maggi“ verlieh sie den letzten Pfiff. Elegant ein, zwei Löffel gemahlenes, scharfes Peperonipulver hinein gestreut, schon hatte man eine ungenießbare Mahlzeit. Deshalb verzichtete ich seit geraumer Zeit auf das Mittagessen, vermutlich war das der Grund für die bösen Blicke, mit denen sie mich nun oft musterte. Ihre Kochkünste zu verschmähen, einfach unverzeihlich! Meine Agenten dagegen litten still vor sich hin, von ihren regelmäßigen Magenkrämpfen nach dem Essen erzählten sie mir erst später nach Neses Gang ohne Wiederkehr. Ihre Qualen konnte ich nachvollziehen, hatte ich sie doch am eigenen Leib erfahren müssen. Doch diese Frau hatte auch etwas Faszinierendes und war clever, das konnte man ihr nicht absprechen. Mit einer Halterung hatte man einen Fernseher an der Küchendecke angebracht. Eine Notwendigkeit dafür, konnte ich zwar nicht erkennen, doch dies hat im Land der Unununs nicht unbedingt was zu besagen. Aber unsere Nese erkannte intuitiv sofort die Schwachstelle dieser Befestigung. Glasklar und brillant analysierte sie, die Höheneinstellung war nicht in Ordnung, um den optimalen Blickwinkel zu haben, musste man beim Sitzen doch glatt den Kopf ein wenig in den Nacken legen. Über solchen Dingen stand sie aber drüber, sie war nicht anspruchsvoll. Stundenlang konnte sie in das Fernsehen schauen, aber auch ohne Probleme durchs Backofenfenster dem Essen zusehen, wie es vor sich hin garte. Nebenbei bemerkt, fast sogar ansprechender als die einheimischen Fernsehprogramme mit fünf Wiederholungen in einem Monat. Einen Verdacht wurde ich allerdings nie ganz los. Sah sie sich heimlich auch das Programm der Waschmaschine an? Wie gesagt, nur ein Verdacht, mit dem Backofen hatte ich sie mehrmals ertappt, doch mit der Waschma-
- 143 -
schine? War sie vielleicht krank, abhängig, musste sich wegen ihrer Sucht alle drei Programme gleichzeitig reinziehen? Zumindest hätte dies unseren hohen Stromverbrauch erklärt.
Neses Kündigung war der Beginn einer Reihe von Trennungen aus Der „Riege der Unnötigen“. Eine Person aus diesem Dunstkreis zu entfernen war ein schwieriges Unterfangen und nur gegen enorme Widerstände durchzuboxen. Sie waren wie Fußpilz, den wird man aber eindeutig einfacher und schneller los. Seltsamerweise waren gerade die „Unnötigen“ die beliebtesten und angesehensten Leute. Ununun—Logik? Die haben nichts getan, also haben sie auch keine Fehler gemacht? Hat man mit Grausamkeiten erst begonnen, sollte man sie schnell und konsequent zu Ende führen. Deshalb folgte der „Onkel“ Nese bald nach, auch wenn wir noch nicht genau wussten, wer sein mannigfaltiges Aufgabenspektrum übernehmen sollte. Klingelte es an der Tür, schritt der „Onkel“ würdevoll gemessenen Schrittes zum Türöffner und drückte drauf. Ansonsten saß er mit Nese vorm Fernseher, zeitweise im „Internetcafé“ und nach dessen Auflösung im Aufenthaltsraum. In den Pausen baggerte er fleißig die weiblichen Agenten an, nicht so ganz direkt wie Ingo Appelt mit seinem Schild „F. …“ lag aber nur knapp über diesem Niveau. Genau so etwas brauchte man, wenn man ein Team mit Disziplin und Motivation aufbauen wollte. Die Lücke, die er hinterließ, ersetzte ihn vollkommen, auch wenn Kenan den Verlust nie ganz verschmerzen konnte. Danach war ich für unseren „Onkel“ sicher nicht mehr „Rudi, guud män“, doch bei einer Firmensanierung bleibt wenig Platz für Freundschaften, besonders, wenn man auf manche gerne dankend verzichten kann.
- 144 -
Müslim fand kurze Zeit später eine vorübergehende Anstellung als Koch. Da ich ihm auch recht unmissverständlich zu verstehen gab, dass ich von seinem täglichen Brunch-Buffet in meinem Büro nicht so richtig begeistert war, schien er doch ziemlich beleidigt zu sein und besuchte uns nur noch selten. So ganz ehrlich wäre ich nicht, würde ich behaupten, ich sei traurig darüber gewesen. Durch den freundschaftlichen Kontakt zu Kenan, war Ibo die härteste Nuss, die es zu knacken gab. Mit Logik und Vernunft konnte ich hier nichts erreichen, dessen war ich mir bewusst. Also entzog ich ihm den Nährboden, nach und nach wurden alle Computer mit Mitarbeitern besetzt und schon bald fehlten die Möglichkeiten, wo er mal schnell hin switchen und eine Stunde chatten konnte. Dadurch erlosch recht schnell das Interesse und seine Besuche wurden spärlicher, wurden nur noch zu kurzen Stippvisiten.
So strikt, wie ich alte Zöpfe abschnitt, unfähiges Personal abbaute, erweiterte ich andererseits die Mannschaft nach meinen Vorstellungen. Ende April stellte ich Ebru ein, meine deutschsprachige Sekretärin, die es laut Kenan in Antalya nicht gab. Nun wurde mir von Apo und ihr ein ganzer Berg Arbeit abgenommen. Ebru verarbeitete die Datensätze, bereitete die neuen für den kommenden Tag vor, nahm die Anrufe der Bewerber entgegen, mein „Mogli“ leitete die Qualitätsabteilung, ich selbst fühlte mich beinahe arbeitslos. Ungewohnt, aber auch sehr angenehm, Aufträge zu erteilen, die auch erledigt wurden, nicht mehr im Laufschritt durchs Büro zu stürmen. Eine entspannte Atmosphäre, auf einmal stand Zeit zur Verfügung sich um wichtige Dinge zu kümmern, Sachen zu erledigen, die etwas auf der Strecke geblieben waren, so auch ein wenig die Ausbildung der Agenten.
- 145 -
Neben meinen bisherigen Aufgaben führte ich noch die Einstellung der neuen Bewerber durch und wies sie ein. Viel Zeit für den Einzelnen war nie geblieben, dennoch funktionierte es, auch wenn Kenan das nicht verstand: „Das begreife ich nicht, so besonders viel ausbilden tust Du die Leute nicht. Du redest mit ihnen eine Viertelstunde, danach verkaufen die!“ „Siehst Du Kenan, es ist tatsächlich so, wie Du immer sagst, ich habe einfach nur Glück, sonderlich viel kann ich wirklich nicht. Reine Glückssache!“ Die Ursache war noch viel einfacher, das Team war der Star. Einem Bewerber, der sich vorstellte, erklärte ich kurz das System, nahm seine Daten auf, danach setzte ich ihn eine halbe Stunde ins Center, live mithören, Atmosphäre schnuppern. In dieser Zeit unterhielt er sich auch mit den Mitarbeitern, erfuhr, was wirklich lief, keine geschönte Version wie bei Bewerbungsgesprächen üblich, sondern echte Fakten. Die Begeisterung meiner Leute sprang automatisch auf ihn über, er wollte dabei sein, mal ehrlich, zu einem erfolgreichen Team will doch jeder gehören. Waren wir nicht lieber Cowboy statt Indianer, wenn wir als Kinder spielten? Warum wohl? Nach diesen 30 Minuten Schnupperkurs musste ich meist nur noch den Tag festlegen, wann er zur Arbeit erscheinen sollte. Meine Leute waren viel besser als ich, da hatte Kenan recht, denn jeder trug den Erfolg in sich. In dem kurzen Gespräch drückte ich ihnen nur den Schlüssel dazu in die Hand. Okay, eines tat ich doch, die ersten 30 Minuten nach Arbeitsbeginn hielt ich mit ihnen ein Meeting ab. Das hatte man mir anfangs zwar angekreidet, mir vorgerechnet, welcher Umsatz uns in dieser Zeit entging. Jetzt gaben mir die Zahlen recht und kein Hahn krähte mehr danach. Meinen Agenten fehlte was, wenn sie ohne meine aufmunternden Worte mit der Arbeit beginnen sollten. Kenan sah das unter einem anderen Aspekt. Er wollte die
- 146 -
Leute nur zusammenholen, wenn man eine Ansage zu machen hatte, anders ausgedrückt, wenn man einen kollektiven Anschiss verpassen sollte. Als er das erste Mal zu mir sagte: „Du musst eine Ansage machen“, konnte ich nur entgegnen: „Du weißt doch, wie das im Fernsehen bei den Ansagen ist, entweder schlafen die Zuschauer dabei ein oder zappen auf einen anderen Kanal. Da ich weder ein Ansager noch eine Bildstörung bin, mach es besser selbst!“ Zum Arbeitsbeginn sollten die Agenten motiviert und nicht frustriert werden, nur dann hat man Freude an der Arbeit. Deshalb stand ich jeden Tag vor dem Team, um es zu motivieren und nicht weil ich keine Parkuhr gefunden hatte, der ich ein Gespräch aufzwingen konnte. Eine „Wohlfühl-Atmosphäre“ ist viel leistungsfördernder als jeder Druck, den man ausübt. Meist sind es die Kleinigkeiten, die viel bewirken. Als kleine Überraschung gab es zwischendrin für das ganze Team frische Erdbeeren mit Sahne oder Eis mit Früchten, insgesamt ein Kostenaufwand von 5.-Euro für alles. Jeder war happy, alle gaben sich automatisch mehr Mühe. In der Vergangenheit erhielten sie selbst einen Kaffee erst dann, wenn sie einen Verkauf getätigt hatten. Lag früher die durchschnittliche Erfolgsquote der Verkäufer bei drei Aufträgen, pendelte sie jetzt zwischen 6 und 8 Abschlüssen am Tag, kleine Ursache — große Wirkung. Es ist immer eine reine Kopfsache, die Einstellung entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, sei es im Sport aber auch im Verkauf. Deshalb zog ich alle Register, damit die Agenten mit einer positiven Einstellung ihren Job machten. Nicht immer lief alles glatt, sobald sich etwas Negatives festgesetzt hat, ist es schwierig, gegen zu steuern. In einer Woche im April senkte sich die Umsatzkurve bedenklich nach unten, egal, welche psychologischen Kniffe ich anwendete, es änderte sich nichts. Die Situation in
- 147 -
Deutschland ist schlecht, das Adressmaterial nicht gut, die Kunden sind unfreundlich, es läuft im Moment nicht besonders. Das konnte doch nicht sein, dass alle Kunden ausgetauscht worden waren, der Markt sich um 180 Grad gedreht hatte. Oder war ich als Motivator schon abgenutzt? Beim Fußball hört man es von den Trainern, wenn es heißt: „Ich erreiche die Mannschaft nicht mehr!“ War das bei mir nach so kurzer Zeit bereits der Fall? Wie konnte ich die negative Grundhaltung aus der Mannschaft herausbekommen? Die Mitarbeiter waren nicht schlechter geworden, weder das Produkt noch das Verkaufsgespräch hatten sich geändert, es klemmte nur im Kopf der Leute. Von Tag zu Tag sackte der Umsatz weiter ab und genauso die Stimmung im Team, etwas musste geschehen, doch was? Zu predigen, ihr müsst eure Einstellung ändern fruchtet in solchen Moment in keiner Weise. Wie es heißt, versetzt der Glaube Berge, also mussten sie diesen Glauben wiedergewinnen, nur wie? Ganz spurlos sind meine zehn Jahre beim Militär nicht vorübergegangen, auch wenn Vieles fürs Zivilleben nicht verwendbar war. Doch bestimmte Denk— und Handlungsstrukturen wurden geprägt, einige wichtige Grundsätze eingebrannt. Grundlagen der Führung: „Führen durch Vorführen!“ „Vorne wird geführt!“ Solche Aussagen treffen auch im geschäftlichen Bereich zu, besonders, wenn man intensiv mit Menschen arbeitet. Kenan war, wenn man es darauf überträgt, eher der Vertreter der Strategie: „Seid nicht feige Leute, lasst mich hinter den Baum!“ „Führen durch Vorführen!“, das erschien mir die einzige Lösung dieser Misere zu sein, dazu hatte ich mich nach langen Überlegungen entschlossen. Als ich Kenan samstags mitteilte, heute würde ich im Center zusammen mit den Agenten telefonieren, erfolgte sogleich ein Wust von Einwänden: „Das kannst Du nicht
- 148 -
machen, wenn das schief geht, glauben die Leute Dir nichts mehr. Du kannst Dich dabei blamieren, die nehmen Dich dann nicht mehr ernst.“ „In der Vergangenheit habt ihr meine Autorität durchlöchert wie einen Schweizer Käse, die Karre beinahe vehement gegen die Wand gefahren, so dass ich nur mit Mühe einen Totalschaden vermeiden konnte. Und jetzt machst Du Dir Gedanken, ob ich einen kleinen Kratzer in den Lack bekomme?“ Diese Worte brannten mir auf der Seele, liebend gern hätte ich sie ihm um die Ohren gehauen. Doch das konnte ich schlecht bringen, sagte stattdessen: „Schaun mer mal, jeder blamiert sich so gut er kann, ich sehe darin die einzige Chance, diesen Trend umzukehren“. „Dann mach doch nur so, als würdest Du verkaufen und wir schreiben die Umsätze einfach nur auf die Tafel!“ „Kenan, ich bin kein Hütchenspieler, wenn untergehen, dann schon mit wehenden Fahnen!“ Erwartungsvoll saßen die Agenten um 12.00 Uhr im Center, warteten auf ein paar motivierende Worte von mir. Die Verkündung eines kleinen Wettkampfes zwischen dem Team der weiblichen und der männlichen Agenten war nichts Neues, das hatten wir schon einmal gemacht, wobei die Männer sang — und klanglos gegen die Frauen untergegangen waren, obwohl 65 % des Teams männlich waren. Als ich ihnen mitteilte, dass ich die Männerriege verstärken würde, damit diese vielleicht den Hauch einer Chance gegen die Frauen hätten, brandete zwar zunächst Gelächter auf, doch auf allen Gesichtern konnte man die Verblüffung darüber ablesen. So schnappte ich mir eine Kundenliste, suchte einen freien Arbeitsplatz, zog meine Kopfhörer auf und saß damit wie eine
- 149 -
Mickey Maus vor dem Computer. Ehrlich gesagt, am Telefon verkauft hatte ich noch nie. Während meiner aktiven Verkaufszeit hatte ich zwar viel mit Kunden telefoniert, um einen Termin zu vereinbaren aber nicht um telefonisch Aufträge abzuwickeln. Dementsprechend nervös saß ich am Telefon, aufgeregt wie im Alter von 17 Jahren vor dem ersten Date. Insgeheim dachte ich, wenn Neue das fertigbringen, wirst auch du ein, zwei Aufträge schaffen, irgendwas werde ich mir am Telefon schon zurecht stammeln. Die erste Stunde war auch ein wenig schwierig, da relativ viele Kunden nicht erreichbar waren oder aus wirtschaftlichen Gründen nicht infrage kamen. Bei zwei, drei hatte ich ziemlich herumgeeiert und sie in den Sand gesetzt, da ich noch meine Gesprächslinie suchte. „Hast Du eigentlich einen Sprung in der Schüssel?“ fragte ich mich, „Was machst Du eigentlich hier? Für die Agenten hast Du einen Leitfaden entwickelt mit dem diese erfolgreich verkaufen. Du versuchst mit einem neuen, hochtrabenden Gespräch in Schönheit zu sterben, bist Du noch ganz dicht?“ Von da an führte ich alle Telefonate mit diesem simplen, einfach gehaltenen Text. Das, was ich in der Theorie entwickelt hatte, bestätigte mir nun die Praxis, fast jeder Kunde, den ich erreichte, erteilte mir eine Auftragsbestätigung. Alles lief so reibungslos und glatt, dass ich schon grübelte, ob Kenan mir keine gefakte Liste untergeschoben und alles mit den Kunden getrickst hatte. Um sicherzugehen, suchte ich mir willkürlich eine neue heraus, doch auch diese Kunden hielten sich genau an die vorgegebenen Antworten des Leitfadens. Nach insgesamt vier Stunden hatte ich sechs Aufträge erzielt, als ich die einfache Version verwendete, nur zwei Ablehnungen erhalten, mit der Quote und auch dem Ergebnis konnte ich zufrieden sein.
- 150 -
Aus dem Wettbewerb klinkte ich mich aus, arbeitete die restlichen vier Stunden nicht mehr am Telefon. Doch nicht, weil ich keine Lust mehr hatte, sondern der Wettbewerb sonst zu einseitig verlaufen wäre. Die Männer hatten richtig Gas gegeben, keiner wollte sich die Blöße geben, mit mir im Team zu verlieren. Das, was ich erhofft, der Effekt, den ich insgeheim erwartet hatte, war genauso eingetreten. Am Abend hatte die ganze Mannschaft ein Spitzenergebnis erzielt, jeder einzelne Agent hatte wieder an seine alten Verkaufszahlen angeknüpft. Vor allem verlor niemand mehr ein Wort über die Qualität der Adressen oder das Verhalten der Kunden, die ganzen Themen waren vom Tisch und tauchten nie wieder auf. Insbesondere waren meine Leute jetzt top motiviert. Wie Kenan es richtig erkannte, ich hatte mal wieder Glück gehabt. Anfang Mai flog unser „Gott“ Hakan ein. Er brachte eine Menge Geschenke mit, Geld hatten wir ihm dafür ja genug rübergeschickt. Ein Füllhorn voll des Lobes schüttete er über mir aus und schwelgte in Begeisterung: Er konnte schon charmant und kumpelhaft sein, wenn es seinen Zielen diente. Alle waren riesig stolz auf das, was inzwischen aufgebaut worden war, ganz vorn an der Spitze natürlich Kenan, der unermüdliche Macher. In einer lockeren Runde auf der Terrasse machte er uns eines Abends alle sprachlos, als er sagte: „Ja, Rudi, Du bist genauso ein Arbeitstier wie ich!“ Alle Anwesenden hielten den Atem an, um nicht in ein prustendes Gelächter auszubrechen. Unsere Blicke sagten alles, weise nickten wir zustimmend mit dem Kopf. Gegenüber Hakan hob er immer wieder unsere Verdienste um die Firma hervor. Gab es da nicht die Maus, die gemeinsam mit dem Elefanten unter lautem Getöse über eine Holzbrücke trippelte. Sie schaute zum Elefanten hoch und schrie durch den ohrenbetäubenden
- 151 -
Lärm: „Gell, wir zwei machen einen ganz schönen Krach!“ Deshalb konnte ich darüber nur schmunzeln. Hakan erkannte das Unternehmen nicht wieder, bis auf zwei weibliche Agenten, Serkan und meinen Mogli hatte ich die gesamte Belegschaft ausgetauscht und erneuert. Alles lief wie am Schnürchen, er war zufrieden, musste sich um nichts kümmern, konnte Freunde besuchen, in der Stadt Einkäufe erledigen oder im Fitness—Studio trainieren. Darüber war ich ihm nicht im Geringsten böse, so brachte er wenigstens den Geschäftsbetrieb nicht durcheinander. Die Gespräche mit ihm reichten mir abends voll und ganz, denn er war sehr anstrengend. Vor seinem Abflug sprach er noch mal zu allen Mitarbeitern, sagte, wie stolz er darauf sei, was wir auf die Beine gestellt hätten, informierte sie, dass ich gleichberechtigter Partner in der Firma geworden sei und schon entschwand er wieder nach Thailand. Selbstverständlich nahm er noch die nötige „finanzielle Wegzehrung“ aus der Kasse mit, wir brachten ihn zum Flughafen und schon kehrte wieder Ruhe ein.
- 152 -
Kapitel VIII Danach hatte ich wieder meinen normalen Tagesablauf. Gegen 09.00 Uhr fuhren wir zum Büro, um 22.00, 23.00 Uhr kehrten wir zu Apos Wohnung zurück. Das Privatleben bestand mehr oder weniger aus den paar Stunden danach, die wir meist mit einer Unterhaltung und einem Bierchen auf dem Balkon verbrachten. Izmail, ein Bekannter von Hakan war vorzeitig aus der Haft entlassen und aus Deutschland abgeschoben worden. Jetzt arbeitete er bei uns als Call—Agent, war ebenfalls bei Apo und Serkan untergebracht worden und ergänzte so unsere abendliche Runde. Morgens um 07.00 Uhr war die Nacht zu Ende, dann warf uns der Russe aus den Betten. Unser Domizil lag genau in der Einflugschneise des Flughafens. Die alten russischen Touristenbomber brachten nicht nur einen irren Sound mit, sondern auch “Good Vibrations“. Alle paar Tage mussten wir die Gegenstände auf Schränken und Vitrinen an ihren angestammten Platz rücken, damit sie nicht herunterfielen. Ein Nachtflugverbot bestand nicht, so hatten wir auch abends den idealen Ort, um in Ruhe abzuschalten. Unterstützt wurde dieses Unterhaltungsprogramm von einem Trupp Eingeborener aus einem anderen Teil des Landes, dem wilden Kurdistan. Mit ihrem folkloristischen Gesang und dem lustigen Lärmen ihrer Baumaschinen waren sie damit beschäftigt, rechts und links von uns zwei Wohnblöcke hochzuziehen. Am Morgen des 02.06 war mein Mogli scheinbar mit den akustischen Darbietungen nicht ganz zufrieden. Am Fenster lieferte er sich mit einem der Künstler ein heftiges Wortgefecht. Möglicherweise konnten sie sich nicht auf den nächsten musikalischen Vortrag einigen. Apo stürmte aus der Tür, was bei ihm nicht immer als Ausdruck von Begeisterung zu werten ist. Er neigt auch mal gerne
- 153 -
zu cholerischen Wutausbrüchen. Eigentlich standen wir fürs Büro abmarschbereit parat. Izmail und ich rannten hinterher, beide hatten wir die gleiche böse Vorahnung und wollten Schlimmeres verhindern. Wir liefen aus dem Haus, bogen um die Ecke und sahen Apo mit mehreren Arbeitern zusammenstehen. Alle gestikulierten wild miteinander, plötzlich gab einer der Arbeiter meinem Mogli eine Ohrfeige. „Oh, oh, das hat gerade noch gefehlt!“ durchfuhr es mich. Mir war klar, was jetzt passieren würde, Apo kann nicht nur einstecken, er kann auch austeilen, was er auch reichlich tat. Jeder der Umstehenden erhielt von ihm eine kleine Morgengabe. Eine Eigenart des Volksstammes aus dem wilden Kurdistan ist, dass man selten einen Einzelnen davon antrifft, meist treten ganze Rudel von ihnen auf. Ruckzuck war Apo von weiteren Stammesmitgliedern umringt. Als hätte man eine Schleuse geöffnet, schienen sie von allen Seiten herbeizuströmen. Musste das denn jetzt unbedingt sein? Gab es im Büro nicht genug Arbeit und Probleme, mussten wir uns unbedingt so was noch antun? Bis 12.00 Uhr sollte ich per E-Mail eine dringende Rechnung nach Deutschland schicken, sonst gab es diese Woche kein Geld. Wir hatten keine Zeit für solchen Schwachsinn, der ganze Zeitplan kippte. Verdammt, konnte man niemanden unbeaufsichtigt lassen, ohne direkt Gefahr zu laufen, dass er was Verrücktes anstellte? Ein Freund von körperlichen Auseinandersetzungen war ich sowieso nicht, das ist nicht so mein Ding. Bis auf die üblichen Raufereien in der Schulzeit konnte ich in meinem Leben solche Streitereien fast immer vermeiden und jetzt das! Deeskalieren? Hilft es, einer rasenden Büffelherde zu zurufen: „Bleibt doch bitte stehen!“? Weglaufen, die beiden im Stich lassen? Der Termin war wichtig, noch nicht einmal eine
- 154 -
Ausrede. Versuchen, alles abzubrechen? Schulterklopfen: „War alles nicht so gemeint, lasst uns wieder miteinander vertragen!?“ Für solche Gedanken war jetzt keine Zeit, es war überhaupt keine Zeit für irgendwelche Überlegungen. Verflucht, zu spät, alles vorbei. Aus allen Richtungen stürmten braunhäutige Typen mit wilden Schnurrbärten heran, die nicht unbedingt freundlich ausschauten und irgendwelche Gegenstände in den Händen hielten. Die eiserne Militärregel: „Keinen aus dem Team hängenlassen, egal wie stark der Gegner ist!“ „Stahlhelm auf und durch!“ Der Moment der Wahrheit, so sah er also aus, Tausende von Gedanken schossen in Sekundenbruchteilen gleichzeitig durch meinen Kopf. Automatische Abläufe, vor Jahrzehnten antrainiert und scheinbar längst vergessen, übernahmen das Kommando. Adrenalin pur, keine Furcht, nur wilde Entschlossenheit und Wut, alles Andere steuerte das Unterbewusstsein. Izmail hatte sich bereits zu Apo durchgearbeitet, zwei, drei Mann auf sich gezogen. Doch es tauchten immer mehr Angreifer auf, die Büchse der Pandora war geöffnet, es wimmelte nur so von ihnen. Die erste Gruppe der Eingeborenen, die auf mich zustürzte, deckte ich mit einem Geschosshagel von Bodenfliesen ein. Der Stapel stand gerade so günstig und es waren davon reichlich da. Rasend schnell wie bei einer Stalinorgel flogen sie raus, als alter Artillerist traf ich auch sehr gut. Die hatten harte Schädel, die Wenigsten fielen um, wunderte ich mich noch. Sie hatten genug, drehten von mir ab, wollten zu Apo und Izmail. Diesen Weg musste ich ihnen abschneiden. Bei ihrem Anmarsch mussten sie an einer Wagenladung Steinpaletten vorbei, schnell wechselte ich meinen Standort, war vor ihnen dort. Handfreundliche, tonfarbene Ziegelsteine, der Reihe nach zerschlug ich sie auf ihren Köpfen, kaum einer kam ungeschoren davon. Waren ja
- 155 -
nicht meine Steine, also war ich sehr freigiebig. Apo und Izmail bekamen Luft, konnten ihre Widersacher abschütteln. Aus dem Augenwinkel nahm ich schemenhaft eine Eisenstange wahr, die auf mich zu sauste. Zwei heftige Einschläge schüttelten meinen Schädel durch, die Stange und eine große Keramikkachel hatten mich erwischt. Instinktiv tauchte ich einem Gegner zwischen den Beinen durch. Die Wunden und Spuren von anderen Schlägen sah ich erst Tage später im Krankenhaus, die hatte ich gar nicht mitbekommen oder gespürt. Doch die Treffer auf dem Kopf waren schon von einem anderen Kaliber, jetzt bloß keinen weiteren Wirkungstreffer einstecken, zuckte es in mir auf. Bevor ich aufstehen konnte, hektisches Getrappel und Gerenne um mich herum, ganz alleine saß ich am Boden. Alle Anderen waren plötzlich weg, nur noch zwei, drei von ihnen standen bei ihrem Bauleiter, der Rest war verschwunden. Weshalb, begann ich langsam zu begreifen, als ich die anschwellenden Polizeisirenen hörte, die sich näherten. Der Bauleiter kam herüber, half mir, mein Hemd auszuziehen. Gemeinsam banden wir es über meinen Kopf, bei jedem Pulsschlag strömte Blut über mein Gesicht und über die Schulter. Mit dem improvisierten Verband wurde es zum Rinnsal, tropfte nur noch. Die rationalen Gedanken gewannen wieder die Oberhand: „Das ist das Letzte, was du brauchen kannst!“, ging es durch meinen Kopf. „Die Kleider total schmutzig, eine offene Wunde und Ärger mit der Polizei, na prima!“ Den Notverband zog ich enger, ging zum Haus zurück. Fieberhaft suchte ich eine Lösung, zermarterte mir das Hirn. Auf keinen Fall in die Wohnung zurück, für Vernehmungen wird die Polizei sicher auch zu Apo gehen. Weiter nach oben, vorbei an der Wohnung ging ich die Treppen hoch in den vierten Stock. Vor der Tür der Dachterrasse setzte ich mich auf einen Karton, Blut tropfte vor mir auf
- 156 -
den Boden. Abwarten, bis sich die Aufregung gelegt und die Polizei ihre Arbeit getan hat. Die Rechnung bis 12.00 Uhr raus zu jagen würde ganz schön eng werden. Sobald die Uniformierten abgerückt wären, wollte ich schnell runter in die Wohnung, eine heiße Dusche, Pflaster auf den Kopf, frische Klamotten und ab ins Büro. So saß ich auf dem Karton und betrachtete die Muster, die von den Blutstropfen aus meinem Verband nach und nach auf den Boden, gezeichnet wurden. Alles schien ruhig, kein Stimmengewirr mehr zu hören. War es vorbei? Leise, leichte Schritte durchbrachen zaghaft die Stille. Ein älterer, freundlicher Polizist kam die Treppe langsam empor, baute sich vor mir auf, schaute mich an und bedeutete mir, mitzukommen. Dieser Beamte hat vielleicht mein Leben gerettet. Mit Sicherheit hätte ich ansonsten das getan, was ich vorhatte und wäre auch noch ins Büro gefahren. Er rief einen Krankenwagen, der mich zur Anadolu-Klinik brachte. Auf seine Frage nach dem Krankenhaus hatte ich diese spontan als Ziel angegeben, eine der beiden Kliniken, für die ich mit MAGTravel die Verträge vereinbart hatte. Was den deutschen Kunden bei der geplanten „medical line“ versprochen wurde, hielt sie zu meinem Glück auch voll und ganz. Wogegen die Fahrt im Ambulanz-Wagen in die Rubrik Abenteuer gehörte, so etwas sollte eigentlich nur gesunden und körperlich belastbaren Patienten vorbehalten sein. Die hektische Aufregung bei meiner Einlieferung konnte ich nicht so ganz nachvollziehen, als ob die noch nie eine Platzwunde gesehen hätten. Eine deutschsprachige Krankenschwester, die ich aufgrund des früheren Kontaktes kannte, wollte die genauen Daten von mir erfassen. Dabei tat ich mir etwas schwer, da sie meinen Namen kannte und ich noch keinen genauen Plan hatte,
- 157 -
wie ich mit der Polizei verfahren würde. So drückte ich mich bewusst schwammig aus und markierte den armen Kerl mit Ausfallerscheinungen. Schließlich hielt sie mir einige Papiere unter die Nase, die ich unterschreiben sollte, da man mich operieren müsste. Naja, wenn es schnell geht, dachte ich, denn ich wollte ja unbedingt ins Büro und die Zeit lief mir weg. Auch wenn meine Kleider schmutzig waren, es gefiel mir ganz und gar nicht, dass die Schwester diese einfach mitnahm. Wie sollte ich ohne sie die Klinik verlassen? Nach der Operation wollte ich mich still und klammheimlich verdrücken, bevor die Polizei zur Vernehmung anrückte. Um den Papierkram und die Bezahlung könnte sich danach Kenan kümmern, die Hauptsache war raus aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Und vor allem musste heute unbedingt die Rechnung nach Deutschland versenden, aber da würde ich mit unserem Partner telefonieren und ein paar Stunden Fristverlängerung vereinbaren. Das war mein letzter Gedanke, bevor man mich in den OP schob, die Wirkung der Narkose setzte allmählich ein.
Dies war auch wieder mein erster Gedanke, als ich langsam aus der Betäubung erwachte. Operieren können sie waberte der Gedanke durch mein umnebeltes Gehirn, keine Benommenheit, keine Schmerzen, noch nicht einmal den üblen Geschmack im Mund, den man nach einer OP normalerweise hat. Alles optimal, sobald ich meine Kleider hatte, konnte ich ab ins Büro, solange hatte es anscheinend nicht gedauert, es war immer noch hell. Wo waren nur meine Kleider? Wie konnte ich unauffällig von der Intensivstation kommen, um die es sich anscheinend handelte? Was war mit Apo und Izmail, wie könnte ich am Besten ins Büro gelangen? Mir fiel ein, dass es gleich einen Taxistand an der Ecke
- 158 -
gab, daran war ich bei meinen Verhandlungen oft vorbeigekommen. Nur die Schläuche, die überall an mir herumhingen, störten, ansonsten fühlte ich mich topfit. Wie komme ich hier schleunigst weg, nur dieser Gedanke beherrschte mich. Irgendwann öffnete sich ganz langsam einen Spaltbreit die Tür, mein Mogli und Izmail steckten vorsichtig ihre Köpfe herein. Apos Gesicht spiegelte das personifizierte schlechte Gewissen wieder. Doch meinem Mogli konnte ich einfach nicht böse sein und begann zu grinsen. Seine Gesichtszüge hellten sich auf, als er mein Schmunzeln sah. Lachend meinte ich zu ihm: „Na, weißt Du jetzt, mit wem Du in den Krieg ziehen kannst?“ Zentnerlasten schienen den Beiden von den Schultern zu fallen und zögerlich traten sie ein. Nun begannen auch sie zu grienen, brachten mir zunächst schonend bei, dass ich meinen Gedanken, einen schnellen Abgang hinzulegen, ziemlich vergessen könnte. Man hatte mich für zwei Tage ins künstliche Koma versetzt, mein Schädel war aufgeplatzt wie eine überreife Melone, zwei Krankenschwestern mussten ihn bei der Operation zusammendrücken, damit der Arzt die Nähte setzen konnte. Dabei hatten sie noch einen drei Zentimeter langen Keramiksplitter aus meinem Kopf entfernt. Die Ärzte konnten es beim besten Willen nicht verstehen, dass ich mit meinem Schädelbasisbruch jetzt bereits wieder so fit war. Nun schilderten sie mir die Ereignisse, die ich verpasst hatte und den Verlauf der letzten Tage. Man hatte sie zur Polizeiwache gebracht, die sie nach ihrer Vernehmung gleich wieder verlassen konnten, der Fall würde nicht so hochgespielt werden. Dort hatten sie auch all unsere Kontrahenten getroffen, insgesamt 16 Angehörige dieses Völkchens waren an unserer Auseinandersetzung beteiligt. Die meisten von Ihnen trugen dicke Kopfverbände,
- 159 -
wie es aussah, hatte ich ganze Arbeit geleistet. Zwei der Gegner hatte man für längere Zeit aus dem Verkehr gezogen, da sie wegen Mordes gesucht wurden. Die restlichen sahen das Ganze mehr unter dem sportlichen Aspekt. Gegenseitig verzichteten alle Beteiligten auf Anzeigen, der Bauleiter hatte genauso wenig Interesse, die Geschichte aufzubauschen wie wir. So verlief die kurze aber heftige Fehde weitestgehend im Sande und ohne Folgen. Nur nach Fertigstellung der Baustelle wurde noch etwas nachgetreten. Das vor Apos Wohnung abgestellte Firmenauto wurde über Nacht ein wenig demoliert, aber Blech und Glas kann man ersetzen. Auch wenn ich einige Zeit nicht arbeitsfähig sein würde, fiel allen ein Stein vom Herzen, auch Kenan. In der Zwischenzeit hatte er schon Hakan von Thailand nach Antalya geordert. Kurz nach der Operation hatte er mit den Ärzten gesprochen, diese hatten ihm die möglichen Folgen meiner Verletzung scheinbar in den düstersten Farben ausgemalt. Unter Umständen könnten Monate vergehen, bis ich meine Arbeit wieder aufnehmen würde. Sein Schreckensszenario reichte von Gedächtnisverlust, Ausfallerscheinungen bis zur Frage, ob ich meine Aufgaben überhaupt je wieder wahrnehmen könnte. Doch wie so oft täuschte er sich, 12 Tage nach der Operation saß ich wieder am Schreibtisch. Eigentlich musste er sich keine Sorgen machen, in den letzten vier Wochen davor hatte ich mit Hilfe von Ebru und Apo klare Organisationsstrukturen geschaffen. Wenn auch mit Einschränkungen konnte alles durchaus ohne mich laufen, doch alleine traute er sich das nicht zu. Vom Flughafen ließ sich Hakan bei seiner Ankunft direkt zum Krankenhaus fahren, um mich zu besuchen. Die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken, als er sah, die Schreckensmeldungen seines Bruders trafen so nicht zu. Das hätte
- 160 -
sonst durchaus in Arbeit für ihn ausarten können, so was muss ja nicht unbedingt sein. In erster Linie widmete er sich der Schadensbegrenzung, sorgte dafür, dass die Polizei kein allzu großes Interesse an mir entwickelte. So wurde der Vorfall weitestgehend unter den Teppich gekehrt. Mit der Klinik vereinbarte er eine mehr als vertretbare Gesamtrechnung. Für meine Operation und die 12 Tage Aufenthalt betrug sie insgesamt 6.000.- Euro, in Raten zahlbar, deutsche Krankenkassen können von solchen Tarifen nur träumen. Verhandeln und Leute einwickeln, das konnte Hakan, das musste man ihm uneingeschränkt zugestehen, es durfte nur nicht zur Arbeit werden. Auch um mich kümmerte er sich in dieser Zeit bis zu seinem Abflug wie eine Mutter ohne Brust, betütelte mich von hinten bis vorn, brachte selbst von Burger King ein paar Tüten mit Burgern und Pommes mit. Als Alternative zur faden Krankenhauskost waren die sehr willkommen.
Einfach nur herumliegen und nichts tun ist für mich der Horror, also fing ich bald an, Apo zumindest Anweisungen für die Firma zu erteilen. Zunächst geschah das bei seinen abendlichen Besuchen persönlich, nach einigen Tagen, als ich wieder über ein Handy verfügte, war niemand mehr vor mir sicher. Zeit hatte ich genug, ich denke, manchmal habe ich alle im Büro ganz schön genervt und sie waren froh, wenn ich zwischendurch ein, zwei Stunden schlief oder zu irgendwelchen Untersuchungen durch die Klinik geschoben wurde. Die Mitarbeiter wollten mich gerne besuchen, doch das wollte ich nicht, hatte es untersagt. Mit dem blauen Kittelchen, den ganzen Schläuchen mussten sie mich nicht unbedingt sehen. Ach, was für ein komischer Kauz, könnte man meinen, eitel ist er auch noch, aber ich hätte mich dabei total unwohl gefühlt. Irgendwie lächerlich oder bemitleidenswert.
- 161 -
„Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommt man geschenkt“. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ich auf Mitleid allergisch reagiere, dabei auch eine mittlere Krise bekommen kann. Lieber ließ ich den Agenten regelmäßig ein paar nette Worte durch Apo ausrichten. Wurde es mir trotz Handy zu langweilig, so sorgten die Krankenschwestern der Unununs für die fehlende Aufregung. Nein, nicht mit ihrem Aussehen, vielmehr, wenn sie lächelnd mit einer Spritze oder Infusion in der Tür standen. In meinem Leben hatte ich davon sicherlich schon genügend erhalten, nie stellten sie ein Problem für mich dar. Die Anadolu-Klinik hat eine hervorragende Arbeit geleistet. Weder im Krankenhaus noch in der Zeit danach hatte ich Kopfschmerzen oder sonstige Beschwerden bis auf die unvermeidlichen Schwindelgefühle. Die Schwestern jedoch waren eine Klasse für sich. Venen und Arterien suchten sie an Stellen, an denen man nie eine vermuten würde. Die Betonung liegt auch auf Vermutung. Alle Einstichpunkte, die ein deutscher Arzt, Arzthelferin oder Krankenschwester wählen würde, konnte man getrost vergessen. War es nicht viel spannender, zunächst mal eine Nadel in den Unterarm hineinzustoßen, verbunden mit der Hoffnung, in der Nähe des Einstiches könnte sich eine Ader befinden? Nun begann man systematisch unter der Haut die Nadel hin- und her zubewegen, um zu prüfen, ob diese Annahme richtig oder falsch war. Die Ergebnisse dieser Methode sind kinderleicht zu erkennen, selbst für den Laien die Resultate leicht ersichtlich, wahrscheinlich ist sie deshalb so beliebt und hier weit verbreitet. Traf die Vermutung zu, eine zufällig in der Gegend weilende Ader wurde getroffen, füllte sich der Glas- oder Plastikkolben der Spritze mit einer roten Flüssigkeit, Volltreffer, Jubel! Lag man etwas daneben, konnte
- 162 -
man anhand des sich ausbreitenden, meist handtellergroßen Blutergusses und dem schmerzverzerrten Gesicht des Patienten erkennen, dass es nicht so optimal lief. Spätestens, wenn das Opfer drohte, der Schwester den Infusionsständer über den Schädel zu ziehen, wurde ernsthaft in Erwägung gezogen, zumindest diesen Versuch abzubrechen. Hinreichend klären, ob diese Technik aus dem Handbuch von Dr. Mabuse oder dem Leitfaden für den kleinen Hobby-Sadisten entnommen wurde, konnte ich bislang noch nicht. Es steht aber zweifellos fest, dass sie verbindlich für alle Krankenschwestern des Landes übernommen wurde. Die Narben auf meiner Stirn und dem Kopf werden mich immer an den 02.06.08 erinnern. Durch die kleinen Knubbel in meinen Unterarmen werden jedoch auch die Schwestern für mich unvergesslich bleiben.
Zwölf Tage nach der Operation nahm man mir die letzte Infusion ab, zog einen Teil der Nähte und ich wurde aus der Klinik entlassen. Die Freude war riesengroß, jeder war sichtlich froh und erleichtert. Die Ärzte, dass alles ohne Komplikationen verlaufen war, nach wie vor war mein Zustand und der schnelle Genesungsprozess ein Rätsel für sie. Vor allem ging ich ihnen nicht mehr mit der ständigen Frage auf den Geist, wann ich denn endlich gehen könnte. Die Schwestern, die mein Grummeln und den wütenden Gesichtsausdruck nicht mehr ertragen mussten, wenn sie sich durch einen meiner Unterarme hindurch improvisierten. Hakan, der jetzt schon die Tage bis zu seinem Abflug zählte. Kenan, der sich freute, bald wieder seinen gewohnten Tagesablauf aufnehmen zu können. In Anwesenheit von Hakan bemühte er sich immer, einen guten Eindruck zu machen, reduzierte seinen Wodka Konsum, beschränkte sich dann auf eine Flasche pro Tag.
- 163 -
Natürlich war ich überglücklich, meinen weiblichen Peinigern zu entkommen und wieder arbeiten zu können. Am größten war aber die Freude bei meinem Team, fast wie einen Messias hatten sie meine Rückkehr herbeigesehnt. Mit der Führung durch die Familie C. kamen sie gar nicht klar, das spiegelte sich auch im Umsatz wieder. In der kurzen Zeit war dieser massiv eingebrochen und um 50 Prozent abgesackt. Dementsprechend begeistert und ausgelassen fiel die Begrüßung aus. Blumen, Karten und über 20 Leute, von denen mir jeder Einzelne persönlich erzählen wollte, wie froh und glücklich er sei, dass ich wieder da war. Das Gleiche konnte ich uneingeschränkt zurückgeben, denn es waren dieselben Gefühle, die ich empfand und so freute ich mich einfach mit meiner Mannschaft. Danach schickte ich Apo los, er sollte mir ein Käppi besorgen, das ich im Büro und wenn ich unter die Leute ging, tragen wollte. Was brachte er mit? Eine weiße Schiebermütze, den intelligentesten Eindruck verlieh sie mir nicht, um nicht zu sagen, ich sah damit ziemlich beknackt aus. Außerdem machte sie mich alt, fand ich zunächst jedenfalls, doch als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, mein Mogli hatte es nur gut gemeint.Seine Wahl traf er entsprechend meines Zustandes: Ich war einfach alt! Doch zumindest kaschierte sie die restlichen Nähte, etwas gruselig sah es schon noch aus. Mit der Mütze ging es halbwegs und so rannten die kleinen Kinder auf der Straße bei meinem Anblick nicht direkt schreiend davon. Insbesondre erhielten neue Bewerber beim Einstellungsgespräch nicht gleich den Eindruck, sie würden in einer Geisterbahn anheuern mit Frankensteins Bruder als Chef.
- 164 -
Die volle Leistungsfähigkeit hatte ich noch nicht, doch für meine Leute war es wichtig, dass ich anwesend war. Es sollte noch drei, vier Wochen dauern, bis ich wieder fit für 80 Stunden in der Woche war. In der ersten Zeit spürte ich oft, dass sich mein Akku in den roten Bereich bewegte und ich musste mich dann eine Stunde hinlegen. Deshalb ließ ich von Mogli meine Kleider ins Büro bringen und bezog das zweite Zimmer im oberen Wohnbereich. Der Ausdruck Zimmer ist etwas geschönt, man könnte auch durchaus Rumpelkammer dazu sagen. Es gab ein Bett, ein Schrank, einen Fernseher und eine Menge Kleidersäcke, die elegant um das Bett drapiert waren und die besondere Note des Raumes unterstrichen. Seit dem letzten Besuch von Erdal fehlte der Tür das Schloss. Damals hatte er es kurzerhand eingetreten, als der Schlüssel klemmte. So betrachtete ich das Ganze mehr oder weniger als Schlafstätte mit besonderem individuellen Stil. Die Hauptsache, ich war den Krankenschwestern entronnen und konnte wieder arbeiten, da trat alles Andere in den Hintergrund. Es gab genug zu tun, die Spuren, die der alternative Führungsstil Hakans in jüngster Vergangenheit hinterlassen hatte, waren nicht zu übersehen. Niemand im Team kannte Hakan bislang, von den dürftigen Restbeständen an Agenten aus der Vergangenheit einmal abgesehen. Die Aggressivität, die Hektik, die er je nach Gemütslage verströmte, war beinahe körperlich spürbar. Seine Präsenz im Center reichte bereits, um die Agenten latent zu verunsichern. Der Leistungsabfall war damit zwangsläufig vorprogrammiert. Bei seinem nächsten Besuch fragten mich Mitarbeiter bereits am ersten Tag: „Wann fliegt der denn wieder?“ Da ich meinen Job wieder aufgenommen hatte, konnte er sich zurückziehen und die verbleibenden Tage bis zu seinem Abflug verstärkt unterwegs sein. Die Mannschaft hatte somit kaum noch Kontakt
- 165 -
zu ihm und ich konnte beginnen, sie wieder langsam aufzupäppeln. Letztlich benötigte ich 14 Tage, um sie aus diesem Tief herauszuholen und auf das alte Level zu bringen. Nicht wenige aus dem Team hätten am liebsten den Flieger gestreichelt, mit dem Hakan kurz darauf nach Pattaya abhob, insbesondere, um sicher zu gehen, dass er auch tatsächlich abflog. Von diesem Wunsch konnte ich mich auch nicht so völlig ausschließen.
- 166 -
Kapitel IX Nachdem er weg war und im Unternehmen der Normalzustand wieder eingetreten war, schien es auch dem Schicksal recht zu sein, dass ich wieder arbeitete, und meinte es gut mit uns. Denn prompt geschahen erneut Dinge, die laut Kenan nicht möglich waren. Auf die erste Stellenanzeige, die ich danach schaltete, bewarb sich Cenk, eigentlich als Call-Agent, doch nach einem kurzen Gespräch war mir klar, den Riesendiamanten, den ich so lange suchte, von dem jeder Schatzjäger träumt, soeben hatte ich ihn gefunden. Cenk sprach nicht nur perfekt deutsch, er war auch Programmierer, nicht nach Ununun-Maßstäben, sondern jemand mit richtig Ahnung und Erfahrung. Da es so was nicht gab und ich ihn auch noch gefunden hatte, nölte Kenan gleich herum, rümpfte die Nase: „Was willst Du denn mit dem?“ Kenan konnte vielleicht noch zwischen Männlein und Weiblein unterscheiden, doch damit war seine Leistungsfähigkeit im Bereich Menschenkenntnis bereits bis zur äußersten Grenze ausgereizt. Deshalb konnte ich über seine Kommentare nur schmunzeln. Die Einstellung von Cenk erwies sich nicht nur als absoluter Glücksgriff, er hielt fachlich und auch menschlich weit mehr, als ich mir beim ersten Gespräch von ihm versprochen hatte. Die Branche war für ihn komplettes Neuland, doch ohne großes Aufheben begann er eigenständig, eine Verkaufs-und Verwaltungssoftware zu entwickeln. Im gleichen Maß, wie ich von Woche zu Woche zu meiner vollen Belastbarkeit zurückfand, die alten Kräfte wiederkehrten, wuchs auch Schritt für Schritt das Team. Auf über 30 Mitarbeiter hatte ich es letztlich ausgebaut, die Umsatzdelle aus Juni war längst überwunden, die Mannschaft war nicht nur motiviert, sie lag nun deutlich über ihrem früheren Leistungspegel. Wie ein HobbyGärtner, der zufrieden sieht, wie seine Saat aufgeht, sich freut,
- 167 -
dass alles in seinem Garten prächtig gedeiht und blüht, so beobachtete ich die Entwicklung der Menschen und des Unternehmens. Die Produktionszahlen schienen Purzelbäume zu schlagen, Hakan rechnete sich in Thailand schon reich. Durch den Krankenhausaufenthalt hatte sich meine innere Uhr etwas verstellt und meinen Tagesrhythmus verändert. So wurde ich meist zwischen 06.00 und 07.00 Uhr wach, kochte mir einen deutschen Bohnenkaffee und setzte mich damit auf die Dachterrasse. In der warmen Morgensonne genoss ich einige Tassen davon, während ich meine Aufgabencheckliste für den Tag erstellte und überlegte, wie ich den Unternehmenserfolg weiter steigern könnte. Danach gab es ein kleines Frühstück mit Geflügelwurst, Eier, Tomaten, garniert mit etwas Remoulade, bevor ich unter der Dusche verschwand. In Deutschland ganz normal, hier war es ein kleiner Luxus, den ich mir gönnte. Möglich wurde es durch einen Real-Markt, den ich entdeckt hatte. Er führte so vertraute Dinge wie Remoulade, Maggi, Balsamico-Essig, deutschen Filterkaffee und weitere Nettigkeiten, die mein Herz höher schlagen ließen. Ganz normale Preise, teilweise sogar deutlich billiger als von zu Hause gewohnt. Damit schuf ich mir einen positiven Einstieg in den Tag. Einmal in der Woche kaufte ich dort ein, damit auch etwas im Kühlschrank war. Kenan interessierte das weniger, solange Fruchtsäfte und zwei Flaschen Wodka darin lagen. Deshalb konnte er sich nie ganz verkneifen, nach meinen Einkäufen herumzunörgeln: „Du kaufst nur das Teuerste!“ „Warum hast Du wieder so viel Geld ausgegeben?!“ Das „Teuerste“ war für ihn meine Lieblingswurst mit 1.50 Euro für 200 Gramm und ein Gesamteinkauf von 60.-,70.-Euro für vier, fünf Personen, die eine Woche davon lebten. Zwar versuchte er es immer etwas im Spaß rüber-
- 168 -
zubringen, doch bekanntlich steckt darin immer ein Funke Ernst verborgen. Solche Sprüche ignorierte ich einfach, dachte nur: „Was juckt es eine deutsche Eiche, wenn sich ein Schwein daran kratzt!“ Deshalb ließ ich mir auch maximal ein unbeteiligtes Schulterzucken als Reaktion darauf entlocken. Die Missgunst und seine Pfennigfuchserei kannte ich mittlerweile zur Genüge, beachtete sie nicht mehr und setzte mich darüber hinweg. Das hatte ich auch getan, als es um den Mittagstisch für unsere Mitarbeiter ging. Nachdem sie nicht mehr hilflos Neses Kochkünsten ausgesetzt waren, hatte Kenan nach ihrem allseits bedauerten Abgang bereits zwei Restaurants ausgewählt, in denen unsere Leute das Mittagessen einnahmen. Mit 2.25 Euro pro Person war es zwar immer ein guter Preis, doch jedes Mal hatte nach kurzer Zeit die Qualität des Essens stark nachgelassen. Wie immer hieß es, es sei wahnsinnig schwierig, ein vernünftiges Restaurant zu finden, das auch in der Nähe des Büros lag. Also setzte ich mich selbst mit Apo ins Auto und suchte das Unmögliche. Wie lange wir unterwegs waren, konnte ich gar nicht genau abschätzen, es könnten immerhin durchaus zwei Minuten gewesen sein, bis wir ein geeignetes Lokal gefunden hatten. Ein gutes Dreigangmenü inklusive der Getränke für 2.75.- Euro, eigentlich günstig, oder?! Zwei Tage hingegen dauerte die Diskussion mit Hakan und Kenan über die Differenz von 0.50 Euro. Viel zu teuer, sprengt das Budget, auch wenn sie nicht einmal wussten, wie dieses Wort richtig geschrieben wurde. Allerdings, etwas verstehen konnte ich die Bedenken schon, dieser Differenzbetrag von 0.50 Euro multipliziert mit der Anzahl der Mitarbeiter — das ergab schon eine Flasche Wodka am Tag für unseren „Golem“. Entscheidend ist wie so oft halt die Sichtweise des Betrachters. Diesen „Gordischen Knoten“ löste ich dadurch, dass ich die Mitarbeiter fragte, ob sie
- 169 -
bereit wären, 15.- Euro im Monat mit beizusteuern, der Betrag würde von der Abrechnung einbehalten werden. Dafür könnten sie dieses hervorragende Angebot nutzen. Begeistert stimmten sie meinem Vorschlag zu, waren später auch vom Essen und dem Ambiente sehr angetan. Nachdem meine beiden „Brüder“ hörten, jeder aus dem Team trage diesen Mehraufwand selbst, sprach natürlich nicht mehr dagegen. So speiste die Mannschaft von nun an in einem TopLokal. Nur mir ist dabei etwas ganz Dummes passiert, die Agenten machten mich darauf aufmerksam, als sie die nächste Abrechnung erhielten. Da hatte ich doch glatt vergessen, ihnen diese Pauschale abzuziehen. Doch ich gelobte Besserung und versprach, bei der nächsten Abrechnung das nachzuholen. Altersbedingt scheine ich mich etwas an der Grenze zu Verkalkungserscheinungen entlang zu hangeln, nur so kann ich es mir erklären, dass diese Pauschale nie auf irgendeiner Abrechnung erschien. Man wird halt vergesslich und so richtig böse war auch niemand aus dem Team darüber.
Bis 10.00 Uhr blieb ich meist im oberen Wohnbereich, hatte bis dahin meinen Tagesablauf festgelegt und ging nach unten, um die ersten eintreffenden Mitarbeiter hereinzulassen. Mit ihrem Klingeln weckten sie auch Kenan, der dann zum ersten Mal den Kopf aus der Tür seiner Einzelzelle streckte. Oft konnte ich beobachten, wie er neugierig meine Unterlagen auf dem Terrassentisch, den ich von unten sehen konnte, beäugte, während ich den Türöffner spielte. Geheimnisse hatte ich keine, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt, verstanden hat er das Wenigste, also störte es
- 170 -
mich wenig, wenn er stöberte, denn kontrollieren kann man mich sowieso nicht. Wettbewerbe, die ich zur Umsatzsteigerung entwickelt hatte, begriffen er und Hakan noch nicht einmal, wenn ich sie ihnen zweimal erklärte. In der zweiten Julihälfte steigerte ich mit einem solchen Incentive im Vergleich zur Vorwoche den Umsatz um 120 Prozent. Jeder war happy, meine Agenten freuten sich über die Preise, die sie mit ihrer Leistung gewonnen hatten, ich war riesig stolz auf meine Jungs und Mädels und das Ergebnis, das wir gemeinsam als Team erzielt hatten. Alle waren glücklich und zufrieden. Wirklich alle, tatsächlich jeder? Jeder, bis auf Hakan, der in Pattaya herumtobte wie Rumpelstilzchen. „Wieso hast Du soviel Geld zum Fenster rausgeworfen, musste das sein?!“ Er konnte nicht verstehen, wieso der Wettbewerb 800.- Euro kostete. Einer der Momente, mir vor die Stirn zu schlagen, zu denken: „Oh Gott!“ Kaufmännisches Denken, moderne Mitarbeiterführung gehörten nicht so zu seinen Stärken, das schien mehr ein Buch mit sieben Siegeln für ihn zu sein. Vergebliches Unterfangen, an das logische Denkvermögen zu appellieren: „ Schau mal, Hakan, dadurch haben wir in dieser Woche alleine 18.000.- Euro Mehreinnahmen für die Firma erzielt!“ Auf den Euro genau rechnete ich ihm zweimal vor, wie viel Provision das Unternehmen in dieser einen Woche zusätzlich infolge des Wettbewerbes mehr erhielt. Sein lapidarer Kommentar lautete: „Das hätten wir auch ohne Wettbewerb erreicht!“ Innerhalb einer Woche hatten wir mit einer Investition von 800.- Euro die Provisionseinnahmen mehr als verdoppelt, es entsprach einer Investitionsrendite von über 2.250 Prozent. Wohlgemerkt, die Prämie von 800.- Euro wurde auf 25 Agenten aufgeteilt, also eigentlich geringe Beträge für jeden Einzelnen. Es waren einfache Leute,
- 171 -
die sich auch über Kleinigkeiten freuten. Unter ihnen war alles vertreten, die einfache Hausfrau, Reiseleiter, die auf den Beginn der Saison warteten, junge ungelernte Frauen, fast noch Mädchen, die mit ihrem Einkommen ihre Familie unterstützten. Eines hatten sie alle gemeinsam, sie waren auf das Geld angewiesen. Sie vertrauten mir, wussten, auf meine Zusagen konnten sie sich verlassen. Niemand musste mit Tricks arbeiten, sie waren es gewohnt, Klartext mit mir zu reden, konnten offen und ehrlich mit mir umgehen, brauchten sich nicht zu verstellen. Doch sie kannten auch meine konsequente Haltung, wenn am Telefon nicht korrekt gearbeitet wurde. Es hatte etwas gedauert, ihnen gewisse Unarten auszutreiben und alten Omas wurden auch keine Handtaschen mehr geklaut. Das war eine Anfangserscheinung, als manche vorzugsweise ältere Kunden anriefen, da diese leichter zu überzeugen waren, manche hatten sich darauf regelrecht spezialisiert. Ähnlich wie Banken, die gerne ihre AD-Kunden ausnützen, dabei steht im Bankjargon AD für „alt und dumm“ oder auch Leos für „leichte Opfer“. Es kostete einige Mühe, ihnen klar zu machen, in meinen Augen sei es das Gleiche, als würden sie auf der Straße eine alte Oma überfallen und ihr die Handtasche rauben. Das hatten sie mittlerweile kapiert und hielten sich daran, für die wenigen, die es nicht taten, gab es immer noch den Abschiebe-Raum. Auch der bereits erwähnte kreative Umgang mit der Wahrheit hatte sich stark verbessert, bewegte sich im grünen Bereich, seit ich ihnen die Geschichte vom „Baum der Wahrheit“ erzählt hatte.
- 172 -
Ein Neuankömmling im Himmel wird von Petrus herumgeführt und in alles eingewiesen. Als sie zu einem riesigen Mammutbaum gelangen, der über und über mit Millionen kleiner Glöckchen behangen ist, fragt der Engel in spe: „Lieber Petrus, was ist das denn, welche Bedeutung hat dieser Baum?“ „Mein Sohn, das ist der Baum der Wahrheit“. Im gleichen Moment klingelte eines der Glöckchen am Ast. „Jetzt hat gerade eine Frau in Frankreich gelogen“. Das nächste läutete. „Ein Mann in den USA hat gerade gelogen!“ „Interessant, was es im Himmel so alles so gibt“, meinte der Neue, dreht sich um und will mit Petrus weitergehen. Doch plötzlich beginnt der Baum sich zu schütteln, eine Riesenfaust scheint ihn durchzurütteln, alle Glöckchen klingeln gleichzeitig. Erschrocken blickt der Neuling zu Petrus, will schon weglaufen. Da ertönt gelassen die Stimme von Petrus: „Keine Panik, mein Sohn, kein Grund zur Sorge, das geschieht jeden Tag um 12.00 Uhr, um diese Zeit beginnen in Antalya die Agenten der DWA zu telefonieren“. Über diese kleine Story haben die Mitarbeiter zwar sehr gelacht, doch sich auch einiges davon zu Herzen genommen. Lernfähig waren sie schon, behandelte man sie fair, waren sie fleißig, zuverlässig und mit Begeisterung bei der Arbeit. Die kleinen Aufmerksamkeiten wie Kuchen, Früchte oder Eis, die ich ihnen ein, zweimal in der Woche zukommen ließ, bewirkten wahre Wunder, es war eine Geste, die sie zu schätzen wussten. Natürlich gab es auch Anlass zur Kritik, doch die erfolgte konstruktiv, meist suchte ich sie mit Humor zu verpacken. Menschen, die über sich oder ihre Fehler lachen, fühlen sich nicht angegriffen. Wie bei einem Zerrspiegel, der uns mal dick, mal groß oder dünn erscheinen lässt und wir uns selbst darin als komisch empfinden und wahrnehmen. Ein Lob von einer Minute bewirkt mehr, als eine zehn-
- 173 -
minütige Standpauke. Deshalb versuchte ich meine Agenten zu erwischen, wenn sie gut waren und ich sie loben konnte. Die einheimische Taktik ist mehr, darauf zu lauern, bis ein Fehler gemacht wird, um dann den Mitarbeiter richtig zusammenzufalten, ihn mit destruktiver Kritik und Vorwürfen zu überziehen. Hatten wir uns ein Tagesziel gesetzt, es abends nicht erreicht, hingen viele Agenten von selbst eine Stunde daran, damit das Team es noch schaffte. Sie identifizierten sich mit ihrem Job, mit der Firma und hatten sich auch als Persönlichkeit in kurzer Zeit positiv weiterentwickelt. Aus all diesen Gründen mochte ich jeden von ihnen, es war mein Team, mit dem Back-Office, in dem sich Apo, Ebru und Cenk befanden, war es unsere Mannschaft. „Stolz wie ein Schneekönig“, wenn dieser Ausdruck jemals bei mir zutraf, war dies jetzt der Fall, ich war verdammt stolz auf meine Leute. Deshalb konnten sie sich auf mich verlassen, kämpfte ich darum, dass sie pünktlich und korrekt ihr Geld bekamen. Das kleinkarierte Denken, diesen Egoismus und Geiz von Hakan als auch Kenan, hasste ich. Bei den Kleinen, bei den wichtigsten Leuten, die jeden Tag ihre Leistung brachten, die sich reinhingen, durch die Geld verdient wurde, da musste man schon mal knausern. Ging es um die eigene Person, war man weniger zimperlich. Zu seinem Geburtstag wünschte sich Hakan einen PlasmaFernseher. In Thailand wollte er sich diesen für 900.-Euro kaufen, wobei, wünschen ist irgendwie anders, treffender wäre, er ordnete an. So „wünschte“ er sich diesen von seinen Brüdern. Die in Deutschland hatten aber kein Geld, folglich mussten Kenan und ich dran glauben. Da ich schließlich ebenfalls Bruder war, durfte ich die Hälfte mit dazu beisteuern. Zur Vereinfachung wurden die nötigen 900.- Euro gleich von der nächsten Provisionszahlung entnommen und an ihn mit seinem wöchentlichen Salär überwie-
- 174 -
sen. Neu war so etwas für mich nicht. Betraf es das Arbeiten und das Geben, war ich vollwertiges Familienmitglied. Handelte es sich ums Nehmen und Bekommen, stellte ich mehr so was Ähnliches wie einen weit entfernten Stiefbruder oder SchwippSchwager dar. Bei mir musste es reichen, wenn für Essen und Trinken gesorgt war, zum Rauchen gab es auch was. Ab und zu mal ein Hemd oder eine Krawatte, man sollte auch den Wert von kleinen Dingen schätzen.
Eines dieser kleinen, wertvollen Dinge war mein erster freier Tag Anfang August. Still und heimlich hatte Cenk unsere dringend benötigte Software fertigestellt. In aller Ruhe hatte er seine Programmierarbeit beendet, ab Ende Juli konnten unsere Agenten damit arbeiten. Von Beginn an funktionierte sie bis auf Kleinigkeiten einwandfrei. Für das Back-Office mit Apo und Ebru war es eine Riesenerleichterung, für mich stellte sie eine Befreiung dar. Die gesamte Umsatzbearbeitung und der Versand an die Partner dauerte sonntags keine 7,8 Stunden mehr, sondern nur noch 30 Minuten. Morgens schnell erledigt, der gesamte Tag stand zur freien Verfügung. Abgesehen von meinem Klinikaufenthalt war dieser August-Sonntag mein erster freier Tag im Jahr 2008, so einfach kann Glück sein. Diesen Tag verbrachten wir natürlich an der Beach. Verrückt, Millionen Touristen fliegen Tausende von Kilometern hierher, um für ein, zwei Wochen Sonne, Strand und Meer zu genießen, wir hatten alles frei haus und keine Zeit dafür. Mit Cenks Wunderwaffe sollte sich das ändern, zukünftig würde der Sonntag uns gehören. Entsprechend fiel unser Verhalten am Strand aus, eine Horde ausgelassener Kinder, die zum ersten Mal das Meer sahen. Selbst
- 175 -
Kenan war aus seiner Isolierzelle gekrochen und begleitete uns. Weniger, um an unserer Freude teilzuhaben oder etwas Abwechslung zu genießen, das konnte er bei seinen Stadttouren oft genug haben. Er stellte mehr den Seismographen der Familie C. dar. Wurde im Center ein Pups gelassen, wusste es einige Minuten später bereits Deutschland und Thailand. Deshalb klammerte er sich den ganzen Tag an der Strandbar fest, versuchte uns dezent und unbemerkt zu überwachen. Dafür hätte er auch mit einer Armeebrigade aufmarschieren können, uns interessierte das soviel, als wenn in China der obligatorische Sack Reis umgefallen wäre. So genoss ich entspannt die Strahlen der Sonne, ließ mich im warmen Meer treiben. Im Rhythmus der Wellen durchströmte mich Ruhe und Gelassenheit, loslassen, Energie tanken. Wie ein Kreativbad wirkte das auf mich, neue Ideen sprudelten in mir nur so empor. Auch die für einen neuen Wettbewerb im laufenden Monat, richtig angepackt würden wir damit einen weiteren Schritt nach vorne machen. Gleich am nächsten Morgen wollte ich ihn zu Papier bringen, auch wenn ich wusste, dass es eine endlose Debatte mit Hakan nach sich ziehen würde, bis er Ziel und Ablauf verstehen würde. Als ich die Bedingungen des Incentives, die Erläuterungen und die Kalkulation zusammenfasste, versuchte ich alles so einfach wie möglich zu formulieren. Die E-Mail an Hakan hatte ich extra langsam geschrieben, damit er sie besser verstand, geholfen hat es nichts. Dreimal musste ich ihm alles noch einmal erklären und vorrechnen. Begriffen hatte er es selbst nach der Wettbewerbsdauer von drei Wochen immer noch nicht ganz. Die positive Entwicklung und den Erfolg des Ganzen konnte er zumindest dem Kontostand und den steigenden Firmeneinnahmen entnehmen.
- 176 -
Doch höchstwahrscheinlich wäre die erzielte Steigerung auch ohne Wettbewerb erfolgt, ganz bestimmt. Die folgenden Wochen vergingen wie im Flug, montags bis samstags die Einstellung von neuem Personal, Agenten, Sekretärinnen EDV-Mitarbeiter, die Motivation des Teams, alle Abläufe verbessern, weitersteigern, schneller wachsen, das war meine Welt, in der ich voll und ganz aufging. Nach Feierabend stand ich häufig noch in der Küche, improvisierte auf die Schnelle was zu essen. Nun gut, offen eingestanden, ich bin süchtig, ich bin ein Kochjunkie. Komme ich in einen Raum, der annähernd einer Küche gleichkommt, ist es vorbei. Es gelingt mir nicht, meine Sucht unter Kontrolle zu halten, ich muss dann kochen. Zumeist waren wir vier, fünf Personen, saßen auf der Terrasse und ich frönte meiner Leidenschaft. Für mich war es oft das Erste, was ich nach dem Frühstück zu mir nahm und die Anderen waren froh, dass es kein einheimisches Essen gab. Eine gemeinsame Mahlzeit mit Kenan gab es seltener, entweder hatte er sich vorher von der Putzfrau ein, zwei Stücke Fleisch braten lassen oder er hatte sein Essen schon in sich hineingeschlungen, wenn ich die letzten Teller aus der Küche trug. Er war bereits fertig, bevor wir zu essen anfingen, und verzog sich sogleich in seinen Isolationsraum zu seinem „Schatz“. Er aß auch nur kleine Portionen, war mehr der Meinung, das Bisschen, was er essen konnte, könnte er auch trinken. So richtig betrübt war über seine zügigen Abgänge eigentlich niemand. Jetzt schafften wir es sogar, Samstagsabends eine Diskothek zu besuchen. In der Woche war das sowieso nicht möglich und durch die bisherige Sonntagsarbeit war auch der Samstag dafür flach gefallen. Das lag an meiner konservativen Erziehung, meine Eltern brachten mir bei, anständige Leute gehen im Hellen weg und
- 177 -
kehren auch im Hellen nach Hause zurück. Deshalb wäre es keine glückliche Situation gewesen, morgens um 09.00 Uhr aus der Disco zu fallen und noch einen Berg von Arbeit vor der Brust zu haben, bei der man hochkonzentriert sein musste. Zudem habe ich ein kleines psychisches Problem mit Discos. Im fortgeschrittenen Alter beunruhigt mich die Horrorvorstellung, an der Bar stelle ich mich zu ein paar netten Mädels. Eine von ihnen mustert mich von oben bis unten, um sich dann ihrer besten Freundin zuzuwenden und ihr zu sagen: „Ist es nicht schrecklich, jetzt kommen sie schon zum Sterben her!“ An diesem Samstag geschah das glücklicherweise nicht, was aber auch damit zusammenhängen konnte, dass ich die Wahl des Lokales meinem Mogli überlassen hatte. Irgendwie wirkte bei näherem Hinsehen der Schuppen auf mich etwas anders, nur wusste ich nicht wieso oder warum. Erst so beim zweiten oder dritten genaueren Blick fiel aber auf, dass die meisten der weiblichen Besucher die Herrentoilette benutzten. In uns stieg der dumpfe Verdacht auf, einige der Damen könnten vielleicht doch ein klitzekleines Stückchen, wovon auch immer, zu viel haben. Trotz dieses kleinen Missgriffes feierten wir in unserer kleinen Clique, bis wir bequem zum Frühstück übergehen konnten. Jeden Sonntag erfolgte von nun an die Belohnung für eine harte Woche an der Beach. Sich im Wasser von den Wogen schaukeln zu lassen, ich liebte es. Einfälle, Pläne und Strategien tauchten im Minutentakt in meinem Kopf auf, eine Denkfabrik mit Akkordarbeit am Fließband. Abstand gewinnen, ein wenig Resümee ziehen. Die Verwaltung, die Kontrollabteilung und der Verkauf waren jetzt so strukturiert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Organisation lief reibungslos, fast schon beängstigend gut. Das Büro platzte schon aus allen Nähten und ich plante bereits die
- 178 -
Erweiterung. In meinem Kopf standen die nächsten Schritte schon ungefähr fest. Hakan wollte die nächsten Tage einfliegen, deshalb konzipierte ich das Meiste schon recht vereinfacht für ihn vor, damit unser Gespräch nicht wieder in einer „Endlos-Schleife“ endete. Zu meiner Überraschung verlief es aber nach seiner Ankunft recht unkompliziert. Den Ausschlag dafür gaben sicherlich die deutlich erkennbaren Veränderungen seit seinem letzten Besuch. Das Büro war mit Mitarbeitern proppenvoll besetzt, jeder von ihnen strotzte vor Begeisterung, Motivation und Leistungsbereitschaft, ihr Stimmengewirr durchzog das Büro wie ein einziges kraftvolles Summen, eine Melodie, der man sich nicht entziehen konnte, ein Lied von Power und Erfolg. Wobei es sich für meinen Lieblingsbruder mehr nach dem Rattern einer Geldzählmaschine anhörte. Sokrates sagte einst: „Willst Du ein Boot bauen, so treibe die Männer nicht zur Arbeit an, lehre sie die Sehnsucht nach dem Meer!“ Diese Sehnsucht schien im ganzen Team förmlich greifbar zu sein, brannte in jedem und spiegelte sich auf den Gesichtern wieder. Alle Abläufe liefen rund, wirkten professionell, nicht zuletzt dank des unermüdlichen Einsatzes von Cenk. Ständig verbesserte er die Software, baute neue Funktionen ein, entwickelte sie weiter, außer Kaffee kochen, war fast alles mit ihr möglich.
Kenan hatte seine Daseinsform weitestgehend auf den Aufenthalt im oberen Stockwerk des Duplexes beschränkt. Nachdem ich ihn einige Male heftig angefahren hatte, auch seine nonverbalen Liebesbeweise bei Mitarbeitern eingestellt. Ein normales Büro, vernünftiges Personal, eine motivierende Arbeitsatmosphäre, kurz, ich konnte zufrieden sein. Was aber lange noch nicht bedeu-
- 179 -
ten musste, dass alle zufrieden waren. Anlass zur Kritik kann man immer finden, man muss nur lange genug danach suchen. Mein über alles geliebter Bruder Hakan musste nie lange suchen, es war einfach nie genug, der Umsatz, die Einkünfte, es hätte immer mehr sein können. Das Unternehmen schrieb Zahlen, von denen die Familie C. in den letzten zwei Jahren nicht zu träumen wagte. Nach ihren Überlegungen im Februar, die Firma zu schließen, hatte ich mit dem Team die Karre aus dem Dreck gezogen. War es da nicht angebracht, zumindest jetzt als weit entfernt weilender Zuschauer einige unqualifizierte Beiträge beizusteuern? Wissen wir nicht alle diese „ja, aber“ Formulierung zu schätzen? Eine scheinbar wohlwollende Einleitung, der sodann eine umso vernichtendere Kritik folgt, eine hübsch anzusehende, süße Praline, gefüllt mit einem zersetzenden Gift. Wenn ich mich auf etwas verlassen konnte, so war es Hakans „ja—aber“. Bei seinem Besuch bekam er mit, dass man eine Geburtstagsliste angelegt hatte. Zum Geburtstag eines Mitarbeiters wurde im Team gesammelt und davon einige kleine Torten und Getränke gekauft. Nach der Mittagspause wurde der Kuchen verputzt, Cola und Fanta getrunken, eine halbe Stunde gequatscht und mit neuem Elan ging es an die Arbeit. Das gefiel meinem “Brain“ nun überhaupt nicht. „Das finde ich zwar gut, wenn die so etwas machen, aber warum essen die den Kuchen nicht in der Mittagspause? Hast Du einmal überlegt, welchen Umsatzausfall das für uns bedeutet?“ Bei 30 Mitarbeitern, so rechnete er hoch, entsprach das einem Arbeitsausfall von 15 Stunden im Jahr. Im Durchschnitt erzielte ein Agent einen Auftrag pro Stunde, folglich fehlten der Firma insgesamt gesehen, 450 Aufträge im Jahr. Der Hinweis, die Agenten arbeiteten rein auf Erfolgsbasis, somit würde dem Unternehmen kein Schaden entstehen, fiel nicht auf fruchtbaren
- 180 -
Boden und zog eine der üblichen, unergiebigen Debatten nach sich. „Hakan, das sind Menschen, keine Maschinen, sie können nicht immer mit voller Belastung laufen. Sie brauchen mal einen freien Tag, ein paar Stunden frei, wenn sie was zu erledigen haben oder auch eine längere Pause auf dem Balkon, wenn sie nach einem stressigen, intensiven Verkaufsgespräch den Kopf wieder freibekommen müssen. Sie benötigen Motivation, sind mal mehr, mal weniger gut drauf, das muss man akzeptieren, niemand kann ständig nur Höchstleistung bringen. Es ist wie beim Sport, man versucht eine Leistungskurve aufzubauen, die ihren optimalen Stand zum Höhepunkt der Saison erreicht. Der Leistungsabfall danach erfolgt zwangsläufig. Auch die beste Fußballmannschaft kann keine 90 Minuten Spitzentempo konstant durchhalten und legt zwischendurch kurze Verschnaufpausen ein.“ „Ja, das weiß ich, doch wenn sie den Kuchen in der Mittagspause essen, haben wir an diesem Tag von jedem einen Auftrag mehr.“ Manchmal wünschte ich mir, in einer Gummizelle zu sein, damit ich mir nach solchen Dialogen direkt meinen Kopf wegradieren könnte. Was wusste er eigentlich? Langfristige Mitarbeitermotivation, die Menge der Detailarbeit, die in den Wettbewerben steckte, der effiziente Umgang mit dem Leistungspotenzial von Menschen, alles Dinge, die weit über seinen Horizont hinausgingen. Cenk hatte mir ein sehr schönes Beispiel für die Mentalität seiner Landsleute erzählt: „Rudi, Holzfäller ist der ideale Job für meine Landsleute. Einen Baum zu fällen, Holz zu hacken ist für sie die befriedigendste Arbeit. Nach jedem Schlag mit der Axt haben sie einen Spann, der wegfliegt, mit der Kerbe im Stamm, die tiefer wird, ein Erfolgserlebnis. Für alles Andere fehlt die Geduld, die Weitsicht.“
- 181 -
Das war sehr treffend, deckte sich mit meinen Erfahrungen und hatte auch nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Doch speziell bei „meiner Familie“ war diese Einstellung sehr extrem ausgeprägt. Nach dem ersten erfolgreichen Wettbewerb hatte ich die Agenten zwei Stunden früher nach Hause geschickt. Samstagabend, statt 21.00 Uhr, war um 19.00 Uhr der Zeitpunkt, an dem es reichte, eine Woche hatten sie voll gepowert, alles gegeben, das beste Wochenergebnis der Firmengeschichte erzielt. „Rien ne va plus“ ‚ nichts ging mehr, das ganze Team schleppte sich dahin, kroch auf dem Zahnfleisch. Höchste Zeit das Ganze zu beenden, bevor der Stolz auf diesen Erfolg in Frust umschlug. Unser „Seismograph“ Kenan wurde seiner Aufgabe voll gerecht. Der letzte Agent war noch nicht zur Tür hinaus, schon hatte ich meine süße Stimme aus dem fernen Pattaya in der Leitung: „Ich will mich ja nicht einmischen. Du führst das Team, aber Samstagabend, die beste Verkaufszeit und Du schickst die Leute weg?!“ „Lieber Hakan, die Mannschaft erzielte diese Woche das beste Ergebnis seit Bestehen des Unternehmens, hat im Vergleich zur Vorwoche den Umsatz mehr als verdoppelt, hat abends freiwillig länger gemacht, alles gegeben, warum soll ich sie hier behalten? Ist das immer noch nicht genug Umsatz?!“ „Aber am Samstagabend ist die optimale Erreichbarkeit der Kunden, in den zwei Stunden hätten sie bestimmt noch 60,70 Aufträge produziert. Und Du schickst sie nach Hause, das verstehe ich nicht!“ Schneidend kam es von mir zurück: „Hakan, die Leute können nicht mehr, ich kette sie nicht an den Tisch fest, nur um die Arbeitszeit einzuhalten. Außerdem sind sie so fertig, ausgepumpt, sie hätten eh nur noch 20,25 Aufträge geschafft!“ „Ja siehst Du, die hätten wir schon mal mehr.“
- 182 -
In solchen Momenten half nur, die Ohren auf Durchzug stellen und auf das Gespräch nicht mehr einzugehen. Den Mitarbeitern gab ich frei, wenn ich es für richtig oder notwendig hielt. War es nicht für alle Beteiligten besser, wenn jemand offen und ehrlich sagte: „Ich brauche zwei Stunden frei, ich muss etwas erledigen.“ Oder „Ich bin platt, kann ich für zwei Tage eine Auszeit nehmen?“ Oder war doch die landesweite Gepflogenheit sinnvoller, Storys zu erzählen? „Meine Großmutter ist krank, mein Opa ist gestorben, mein Goldfisch hat sich die Flosse verstaucht, ich muss mit ihm zum Tierarzt“. Der einzige Mitarbeiter, der kein deutsch sprach, war im Back-Office für die Computer zuständig und wurde deshalb teilweise auch von Kenan geführt. So teilte mir Kenan eines Tages mit, dass er unserem Murat eine Woche freigegeben hatte. Der arme Kerl musste in sein Heimatdorf, da sein Opa im Sterben lag. „Kenan, stimmt das, bist Du sicher?“ Treuherzig kam es zurück: „Der hat nicht gelogen, als er mich fragte, standen ihm die Tränen in den Augen“. Aber bestimmt vor Lachen, dachte ich nur, um danach schleunigst den Raum zu verlassen, bis zum Aufenthaltsraum der Agenten schaffte ich es noch, doch dann musste ich einfach laut losprusten. Denn ich wusste, Murats Opa war bereits drei Jahre zuvor gestorben, oder gab es auch hier die wundersame Wiederauferstehung? Auf Dauer kann man gute Leistungen nur durch Motivation, Ausbildung und vernünftige Menschenführung erreichen, nie durch Druck und Zwang. Deshalb wusste ich immer, auf welchen Knopf ich bei meiner Mannschaft drücken musste, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Bei der Vorstellung des letzten Wettbewerbes sagte ich zu Kenan: „Nach der Präsentation sind die so motiviert, können sogar auf den Fahrstuhl verzichten und schweben zu den Fenstern hinaus. Am Ende werden alle auf den Stüh-
- 183 -
len stehen und laut brüllen!“ Lapidare Antwort: „Das machen die nie!“ In den Fingern begann es zu kribbeln, 30 Leute, die vor mir saßen, war ich noch so gut wie früher als ich Hunderte von Menschen im Saal begeistern konnte? Es war wie der Reiz einer Droge. Okay, offen gesagt habe ich sie nicht mehr ganz am Lattenzaun, dieser Spruch stammt allerdings nicht von mir. In seiner Sendung „Wie schreddere ich die ganzen Möchte-gern-Bonjovis klein?“ brachte ihn mal Dieter Bohlen, ich fand ihn auch für mich recht zutreffend. Im Meeting wurde die Präsentation mit „Eye of the tiger“ und mit Formel I – Themen unterlegt und ich machte einige Anleihen bei einer Rede, die vor fast 65 Jahren im Berliner Sportpalast gehalten wurde. Über deren Inhalt muss man sicherlich kein Wort verlieren, wogegen der Redeaufbau sehr interessant und so geschickt gestaltet wurde, dass man sich ihrer Wirkung schwer entziehen konnte. Meine letzten Worte meines Vortrages wurden deutlich vom Geschrei meiner Leute übertönt, die alle von ihren Stühlen aufgesprungen waren und ihren Ruf: „Wir sind das beste Team!“ hörte nicht nur Kenan in seinem Büro, sondern sicherlich viele Unununs in den umliegenden Häusern.
Ein Bereich, in dem es für Hakan kein „aber“ gab, existierte tatsächlich, es war die Küche. Im Gegensatz zu Kenan schätzte er gutes Essen und regelmäßige Mahlzeiten. Wobei ich es „Fütterung der Raubtiere“ titulierte, denn im Zuge seines Krafttrainings spritzte er sich jedes erdenkliche Aufbaupräparat und wurde dadurch im hungrigen Zustand zur Aggression pur. An meiner Einkaufstour zu Real nahm er immer mit Begeisterung teil, plante dabei schon mit mir das Essen für abends. Bei diesem Besuch
- 184 -
wollte ich uns etwas Gutes tun und Kohlrouladen zubereiten. Da es religionsbedingt kein Schweinefleisch gibt, hatten wir Rinderhack eingekauft, auch damit schmecken die Rouladen. Um einen richtig herzhaften Geschmack zu bekommen, sollte man sie in mageren, geräucherten Bauchspeck anbraten. Nun gab es diesen aber nicht und für meinen Geschmack war die Soße etwas fad. Eine gute Soße ist das Herz eines Gerichtes, deshalb lege ich großen Wert auf sie, doch was nun? Mein „Gott“ hatte in Thailand einen deutschen Metzger aufgetrieben und von ihm geräucherte Putenbrust und Lachsschinken mitgebracht. Der Lachsschinken brachte zwar nicht das Aroma des Bauchspecks, hob aber deutlich das Geschmacksniveau. Mit dem Pürierstab eingearbeitet ergab es eine glatte, sämige Soße, in der die Kohlrouladen langsam simmern konnten. Allen schmeckte es sehr gut, nur Hakan warf plötzlich ein: „Also, wenn ich beim Einkauf nicht selbst dabei gewesen wäre, würde ich sagen, da ist Schweinefleisch drin!“ Jetzt kam ich ins Grübeln, stammte etwa der Lachsschinken gar nicht von einem Fisch, obwohl der Name diesen Anschein erweckte? Richtig, es stimmte, nach Fisch schmeckte er nicht, vielleicht doch eher nach Schwein? Schon stieg in mir ein fürchterlicher Verdacht auf, war mir etwa ein kleiner Fehler unterlaufen? Hatte ich damit meinem geliebten Bruder gar den späteren Aufstieg in den „Ununun-Himmel“ regelrecht „versaut“? Meine Gewissensbisse darüber hielten sich in sehr, sehr engen Grenzen, innerlich lächelnd genoss ich meine Kohlroulade mit viel, viel Soße, tatsächlich sie schmeckte nicht im Geringsten nach Fisch.
- 185 -
Kurze Zeit nach diesem Abend traf Tom in Antalya ein. Mit ihm arbeitete ich fast ein Jahr schon zusammen, er war in Deutschland unser Ansprechpartner für die verschiedenen Produkte und deren Anbieter. Die Anwesenheit von Hakan wollte er nutzen, um uns alle einmal persönlich kennenzulernen und weitere Geschäfte zu besprechen. Er blieb nur zwei Tage, doch auch die reichten ihm, um in etliche Fettnäpfchen zu treten. Im Büro beobachtete er längere Zeit Kenan, um ihn schließlich zu fragen: „Sagen Sie mal, was tun Sie eigentlich hier, entweder sitzen Sie nur rum, machen nichts oder lesen Zeitung?“ Beinahe hätte mich ein Lachkrampf vom Stuhl geworfen, er schüttelte mich innerlich so heftig, dass ich mir auf die Unterlippe biss, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Kenan schaute nur verwundert in die Runde, mühsam rang ich um meine Beherrschung, drehte mich etwas weg, denn ich konnte Kenans Gesichtsausdruck nicht mehr ertragen, ohne vor Lachen zu platzen. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie er verzweifelt hinter seiner Stirn versuchte, seine Denkmaschine anzuwerfen, doch es blieb mehr oder weniger beim Versuch. Die Antwort, die er zurecht stammelte, könnte man ungefähr so zusammenfassen: „ Meine Tätigkeit im Unternehmen ist so geheim, ich weiß selbst nicht, was ich tue“. Etwas pikiert verließ er kurz darauf das Büro und ich konnte Tom mit einigen wichtigen Regeln vertraut machen. Zwischen meinen Lachanfällen, denen ich nun freien Lauf ließ, erläuterte ich ihm die wichtigste davon: „Sage einem Ununun niemals die Wahrheit, sie stellt immer eine Beleidigung für ihn dar“. Deshalb war für mich die Dreierrunde mit Tom und Hakan ein Tanz auf sehr dünnem Eis. Beide sind beim Einstecken empfindsam wie eine Mimose, beim Austeilen aber fleißig dabei. Hakan in seiner burschikosen, aggressiven Form, Tom mehr durch seine
- 186 -
gerade, sehr direkte Art, der bisweilen das diplomatische Fingerspitzengefühl fehlt. Tom ist als Mensch und Geschäftspartner sehr korrekt, hat seine Stärken aber eindeutig im theoretischen Bereich. Als Vermieter würde er durchaus die einzelnen Mieter herausklingeln und ihnen die neue Brandschutzverordnung in die Hand drücken, während das Gebäude bereits lichterloh brennt. So war ich ganz froh, als Tom abflog, mit ihm und Hakan hatte ich einen hochexplosiven Zwei-Komponentensprengstoff im Haus. Mein „The Brain“ reichte mir voll und ganz, schon zählte ich die Tage bis zu seinem Abflug, denn er fing bereits an, mir zu „helfen“. Da in Thailand Probleme mit seiner Kreditkarte aufgetreten waren, hatte er Gespräche mit verschiedenen Banken in Antalya geführt. Mit dem Resultat, dass das Geschäftskonto zur FortisBank verlagert werden sollte und man auch für alle Mitarbeiter dort Girokonten eröffnet wollte. Für die Mannschaft eine gute Sache, denn es gab direkt eine Kreditkarte dazu, für das Unternehmen sinnvoll, denn seit geraumer Zeit wollte ich von den bisherigen Cash-Zahlungen abkommen. So machte ich mir weiter keine Gedanken, als die Repräsentantin einer Kreditkartengesellschaft des Morgens im Aufenthaltsraum saß und Anträge für Kreditkarten mit den Leuten ausfüllte. Zu Kenan sagte ich nur: „Ihr solltet mich schon informieren, wenn Ihr eine solche Aktion veranstaltet und sie auch auf die Pausen beschränken. Sonst macht Ihr einen Aufstand um jede halbe Stunde, die ein Agent fehlt, das Ganze kann man auch effizienter organisieren!“ Kenan sah mich erstaunt an: „Davon weiß ich gar nichts, keine Ahnung, wo die herkommt?!“ Verblüfft schaute ich ihn an, musste zwei, dreimal Schlucken, um ihn heftig und scharf anzufahren: „Da sitzen wildfremde Leute in unserem Büro, wickeln irgendwelche Geschäfte mit unseren Mitarbeitern ab und nie-
- 187 -
mand interessiert sich dafür! Als Nächstes findet noch eine Tupperware-Party statt und kein Schwein weiß etwas davon!“ „Ja, ich frage sie mal, wieso sie gekommen ist“. Die nette Dame sprach kein Deutsch und deshalb musste Kenan das abklären. Er bekam heraus, dass unsere beste Agentin sie herbestellt hatte. Jetzt war ich nicht nur sauer, sondern stinksauer, holte Eva Kringel als Übeltäterin und Initiatorin des Vorgangs ins Büro und hob zu einer kleinen Standpauke an. Doch sie unterbrach mich direkt: „Aber das habe ich doch gestern mit Hakan abgesprochen!“ Wie ein Karpfen an Land musste ich zunächst nach Luft schnappen, anders kann man meine erste Reaktion darauf nicht besser beschreiben, ich war total baff. Also stellte ich daraufhin Hakan zur Rede, doch der wusste angeblich von gar nichts. So blieb mir keine andere Lösung, als alle Beteiligten an einen Tisch zu setzen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Eigentlich war der Vorgang nicht so wichtig, doch ich wollte Licht ins Dunkel bringen und solche Vorfälle erst gar nicht einreißen lassen. Da saß nun mein Kringelchen, wie ich sie bisweilen nannte, und wiederholte ihre Worte: „Hakan, gestern beim Mittagessen mit den Agenten habe ich Dich gefragt, ob ich meine Bekannte mitbringen kann und Du hast zugestimmt.“ Im Schreibtischsessel neben mir blähte sich jemand auf wie ein Ochsenfrosch: „Du hast mich bestimmt nicht gefragt, denn das macht zukünftig die Fortis-Bank, da kannst Du nicht ohne Erlaubnis einfach Leute hereinschleppen!“ In dieser Art hielt er der armen Maus einen seiner gefürchteten Endlosmonologe. Unter Tränen beteuerte sie immer wieder den Gesprächsverlauf während des Essens und seine erteilte Zustimmung. Doch ungeachtet dessen holzte mein „Gott“ munter weiter darauf los wie ein frisch eingeflogener kanadischer Holzfäller mit Entzugserscheinungen.
- 188 -
Wie ein Tsunami brach sein Redeschwall über das arme Mädchen herein. Nur mit Mühe konnte ich ihn stoppen und versuchte einigermaßen diplomatisch das Gespräch zu beenden und so den entstehenden Schaden noch zu begrenzen. Bereits nach zwei Minuten wusste ich, wer die Wahrheit sprach. Die Evolution hat uns nicht ohne Grund mit zwei Ohren und nur einem Mund ausgestattet, nur bei „The Brain“ ist es damit irgendwie gründlich schiefgelaufen. Seine Neigung, Dinge zu überhören oder in Sekundenbruchteilen zu vergessen, war mir wohl bekannt. Worte, die zum linken Ohr hinein gingen, kamen scheinbar unangetastet aus dem rechten wieder heraus. Ob es vielleicht dazwischen nichts gab, um sie aufzuhalten? Mein „Kringelchen“ war nicht nur die beste Verkäuferin, sie war auch in jeglicher Hinsicht pflegeleicht und fleißig. Sie war eine alleinerziehende Mutter, wenn sie keinen Babysitter hatte, brachte sie auch öfters ihre 10 jährige Tochter mit ins Büro. Keinerlei Allüren, arbeitete abends meist länger, fragte mich so ziemlich bei jeder kleinsten Abweichung vom normalen Tagesablauf um Genehmigung und informierte mich bis auf ihren Gang zur Toilette wahrscheinlich über alles, was sie tat. Deshalb wusste ich nicht nur aufgrund ihrer Tränen, dass ihre Aussage zutraf. Doch mein „großer Bruder“ Hakan hatte nicht das Rückgrat, einen Fehler einzugestehen, mimte stattdessen den wichtigen Patron und blubberte Müll. In seiner unendlich geschickten Art und Weise zerschlug er innerhalb von Minuten eine wertvolle Kristallvase in tausend Stücke. Zwar versuchte ich später, wieder alles zu kitten, die Stücke wieder zusammen zukleben, doch wie man bei einer Vase jeden Sprung, jede Klebestelle sieht, entstehen bei Menschen so Verletzungen, die oft die innere Kündigung nach sich ziehen. In Spitzen-
- 189 -
zeiten hatte unsere Eva Kringel bis zu 2.500.- € verdient, sie war auf das Geld angewiesen, doch ab diesem Tag an konnte ich dabei zusehen, wie ihr Umsatz von Woche zu Woche mehr in den Keller rutschte. Nach vier Wochen führten wir noch ein Gespräch, bei dem die Spuren von Hakans Holzhammermethode noch deutlich zu spüren waren. Sie hatte sich psychisch dermaßen in diesen Vorgang hineingesteigert, fühlte sich ungerecht und unfair behandelt, dass wir uns darauf einigten, sie solle sich zunächst eine längere Auszeit nehmen, um Abstand zu gewinnen. Danach habe ich sie nie wieder gesehen und mein „Bruder“ hatte mir wieder einmal mehr, sehr erfolgreich „geholfen“. Während ich nun die Stunden zählte, bis sein Flieger ging, kam er mit einer Idee an, die ich anfangs für gar nicht so schlecht hielt. Seine Brüder in Deutschland wollte er ins Geschäft mit einbezieHen. Ob sie nun Geld erhielten, das von den Firmeneinnahmen abgezwackt wurde oder sie für ihr Geld arbeiteten, da war mir die letztere Variante schon lieber und erschien mir auch sinnvoller. Das Wettbüro in Mainz lief alles Andere als gut und so stellte sich ihnen eine interessante Alternative dar. Genügend arbeitslose, junge Leute hätten sie, Erdal und Erkan sollten sich ein kleines Büro suchen und es mit PCs ausstatten. Die Software von Cenk ermöglichte es mir, unabhängig vom Aufenthaltsort des Mitarbeiters die Arbeit zu steuern. In Thailand arbeiteten bereits zwei der verbliebenen Agenten aus dem „Abschiebe-Raum“ bei Hakan damit, die Koordination von weiteren Mitarbeitern in Deutschland war so also kein Problem. Also stimmte ich dem Ganzen zu und Hakan besprach mit seinen Brüdern das Vorhaben. Nach anfänglichem Zögern ließen sie sich von ihm schließlich überzeugen. Einen Pferdefuß gab es allerdings, sie verfügten in diesem Bereich über keinerlei Erfahrung,
- 190 -
wenn man von Erdals kurzem Auftritt als Patron mal absieht. Erkan sollte deshalb mit zwei, drei zukünftigen Agenten für 14 Tage nach Antalya kommen. Hier vor Ort sollten sie ausgebildet und eingearbeitet werden, um so schnell das Leistungsniveau des hiesigen Teams zu erreichen. Die gewonnenen Erfahrungen und auch die Einstellung könnten sie danach zu Hause an neue Verkäufer weitergeben, die Motivation übertragen. In der Zwischenzeit wollte ich parallel dazu Erkan in die Führung eines Callcenters einweisen, ihn mit allen anfallenden Aufgaben vertraut machen, damit er nach seiner Rückkehr das Center eigenständig führen könnte. Zwei Tage nach Hakans Heimflug traf Erkan mit zwei Leuten ein. Die Kosten für die Flüge, des Büros und dessen Einrichtung wurden von der Firma finanziert, sollten aber später zurückgezahlt werden. Natürlich stellte ich diese Zusage nicht im Geringsten in Zweifel. Mittlerweile wohnte Apo wieder alleine, da seine Wohnung ausreichend Platz bot, quartierte man unsere Gäste für diese zwei Wochen bei ihm ein, es sollten aber fast vier werden. Vier Wochen, die Vieles verändern würden. Ihr Ankunftstag war geprägt vom üblichen Begrüßungsrummel, von der Freude, sich wieder zusehen, denn einige kannten sich noch aus Mainz und so gab es viel zu erzählen. Am ersten Arbeitstag wurden unsere Besucher ausgebildet und eingewiesen, den größten Teil meiner Zeit hatte ich für Erkan eingeplant. Das nötige Grundwissen wollte ich ihm schnell vermitteln, um ihn dann an die praktische Arbeit heranzuführen. Doch bereits nach einer Stunde reichte es ihm schon und er meinte, morgen könnten wir das Ganze weiterführen. Davon war am nächsten Tag aber keine Rede mehr, mit Erstaunen konnte ich beobachten, wie er als „geborener Patron“ durch die Räume schwebte. Vielleicht ist Schweben für seinen
- 191 -
Gang nicht ganz der richtige Ausdruck, die Bewegungen ähnelten mehr dem eines großen, grauen Tieres mit langem Rüssel. Die Arme vom Körper etwas abgewinkelt, ernster, wichtiger Gesichtsausdruck, sofort war mir klar, diesem Mann kannst du nichts mehr beibringen, der hat schon alles drauf. Sogar chatten, ein Bereich, in dem ich große Defizite aufweise, selbst das beherrschte er perfekt. Stundenlang hing er sich da voll rein, ich konnte ihn nur bewundern. Warum ich ihn „Krümmelmonster“ nannte? Nun, die Ähnlichkeit war wahnsinnig frappierend, nicht nur äußerlich, nur war er nicht ständig auf der Jagd nach Keksen, suchte stattdessen ständig Spaß und Fun. Es war für ihn weniger ein Arbeitsaufenthalt, er fühlte sich mehr zu Besuch, wähnte sich im Urlaub. Meine Fehler erkannte er schnell, viel zu ernst, viel zu leistungsorientiert führte ich das Team. Warum sah ich das Alles nicht lockerer, mehr als Spaßveranstaltung, war das nicht besser für alle? Zunächst erklärte ich ihm geduldig und ausführlich, warum bestimmte Regeln bestanden, weshalb manches Verhalten nicht akzeptabel oder gar schädlich für das Unternehmen war. Als das nichts half, versuchte ich über Hakan und Kenan Einfluss zu nehmen, um bestimmtes Benehmen bei ihm zu verändern. Vergeblich, „Das musst Du verstehen, es sind ja Gäste und es ist auch ein wenig Urlaub für die“, war die lapidare Bemerkung, mit der ich abgespeist wurde. Zum Arbeitsbeginn kamen sie mehr oder weniger, wann sie wollten, machten im Center nur Blödsinn und in Meetings führte Erkan sich auf wie im Kasperletheater. Aber auch sonst versuchte er, Mitarbeiter mit Jokes und Quatsch aus ihrem Arbeitsrhythmus zu bringen oder ihnen ein Gespräch aufzuzwingen. Meine lange vermissten, lauten Ununun-Gespräche in den Verwaltungsbüros
- 192 -
waren wieder zu vernehmen, so dass man sich kaum noch auf seine Aufgaben konzentrieren konnte. Meine Agenten wurden angehalten, Kontakte zu vermitteln, damit sich unsere Gäste sich etwas Gras zum Rauchen besorgen konnten, das Chaos feierte fröhliche Urstände. So hatte ich mir die leuchtenden Beispiele für meine Mannschaft immer vorgestellt, ein schleichendes Gift für jede Disziplin und Motivation. Hatte mich eine Zeitmaschine wieder in die Anfangsmonate meiner Aufbauarbeit zurück versetzt? Heißt es nicht, „Was gut war, kommt wieder“? Undisziplinierte Leute, Agenten mit Drogenproblemen, Intrigenspiele wie im Kindergarten, Chaos an allen Ecken und Enden, unfähige Führungskräfte, was war gut daran, dass es wiederkehrte? Meine Begeisterung kannte keine Grenzen, selbst Kenan krabbelte im Schutz seines großen Bruders immer öfter aus seiner Sicherheitsverwahrung, um „Scareface“ zu spielen. Offiziell tat er nie etwas: „Seht, ich mache nichts, meine Hände liegen vor mir auf dem Tisch!“ Doch darunter versuchte er jedem, der in seine Nähe kam, kräftig ans Bein zu treten. Ein wirklich aufrichtiger, gerader Mann, versehen mit dem Rückgrat eines Regenwurmes, jetzt fühlte er sich groß und wichtig. Durchs Büro liefen nun zwei Rasierklingenträger, Null-Ahnung dafür aber doppelt wichtig. Erklären, gutes Zureden oder Streiten, nichts half. Kopfschüttelnd konnte ich mit ansehen, wie fein säuberlich alles in Schutt und Asche gelegt wurde, was ich monatelang mühsam aufgebaut hatte. Konnte das sein, hatte ich dafür mein Herzblut hineingesteckt, die ganze Zeit auf alles verzichtet, um hilflos mit anzuschauen, wie alles umgepflügt wurde, alles, worauf wir stolz waren, mit Füssen getreten wurde? Dieses Mal hatten sie es eindeutig mit ihrer Hilfe übertrieben, sie waren zu weit gegangen.
- 193 -
Auch mein Mogli litt extrem unter dieser Situation. Im Gegensatz zu mir erhielt er keine Pause von dieser Tortur. Abends verschwand die Chaotentruppe aus dem Büro, mir verblieb nur noch Kenan als Zellennachbar, bis zum nächsten Morgen hatte ich Ruhe vor ihnen. In seiner Wohnung hatte sie Apo dafür ganz intensiv für sich alleine. Das bedeutete für ihn weitere 4,5 Stunden nervenraubendes, unsinniges Geblubber, eine jointverqualmte Bude, Chaos und Dreck in allen Räumen. Er war zwar kein Reinlichkeitsfanatiker und litt auch nicht an einem Putzfimmel, doch es war normalerweise bei ihm zuhause immer ordentlich und sauber. Während dieser vierwöchigen Besatzungszeit bot Kenan ihm an, unsere Putzfrau fürs Büro bei ihm vorbei zuschicken. Den Vorschlag lehnte er unter einem Vorwand ab, zu sehr schämte er sich für das Durcheinander und die Müllhaufen seiner Gäste. Nach deren Abreise gab ich ihn erst einmal einige Tage frei, damit er die Verwüstungen beseitigen und sein Heim wieder bewohnbar machen konnte. Diese Zeit brauchte er auch, um sich psychisch wieder zu erholen und Abstand zu gewinnen, er war ziemlich angeschlagen. Ich hegte schon die schlimmsten Befürchtungen bei ihm und es hätte mich nicht gewundert, wäre er ausgerastet und Amok gelaufen, es war nur noch eine schmale Gratwanderung bei ihm. Die Dachterrasse hatte sich zu meinem Lieblingsplatz entwickelt, neben meinem PC-Arbeitsplatz hielt ich mich dort am häufigsten auf. Morgens verbrachte ich auf ihr die ersten Stunden, um den Tag vorzubereiten, abends ließ ich ihn dort ausklingen. Mogli und ich unterhielten uns nach dem Essen noch lange über die Tagesereignisse und besprachen künftige Pläne, tauschten unsere Vorstellungen und Gedanken über die weitere Geschäftsentwicklung aus. Doch jetzt zog ich mich auch während der Arbeitszeit dorthin
- 194 -
zurück. Was im Center ablief, konnte ich mir nicht mehr mit ansehen, ich kochte vor Wut, nur noch ein Funke fehlte zur Explosion. Das war doch sicherlich der falsche Film, in dem ich mich befand, oder merkten meine fleißigen Helferlein nicht, was sie da anrichteten? Hatten sie, soweit vorhanden, ihre kleinen, grauen Zellen vielleicht in Urlaub geschickt ohne mich darüber zu informieren? Hing in ihrem Kopf nur noch ein Schild „ out of order“? Mit aller Gewalt versuchte ich mich unter Kontrolle zu halten, die Situation sachlich und ruhig für mich zu analysieren. Meine innere Kündigung war bereits in Stein gemeißelt, da gab es nicht den Hauch eines Zweifels mehr. Aufgrund der letzten Wochen war der zukünftige weitere Verlauf für mich klar vorhersehbar. Bislang war es nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was folgen würde, wenn sich erst unser „Bonsai-Pate“ Erdal ins Geschehen aktiv einmischen würde. Meine Firmenbeteiligung würde sich für mich nie in barer Münze auszahlen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche und wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt. So drastisch, dass selbst ich es verstehen konnte, manchmal bin ich halt etwas schwer von Begriff, doch jetzt hatte ich verstanden. „Der Sieg hat viele Väter“ besagt eine alte militärische Weisheit, der Erfolg leider auch. Das hatte ich meinem Mogli bereits im März prophezeit, als sich die ersten positiven Veränderungen abzeichneten. Je größer der Erfolg, desto mehr Brüder würden versuchen, ihre Hände darin zu waschen, versuchen mitzubestimmen, mitzumischen und reinzureden. Wenn andere die Arbeit geleistet haben, ist es da nicht schön und einfach, den Patron zu spielen? War das die Zukunft, die ich geplant und mir vorgestellt hatte?
- 195 -
Apo war von Beginn unserer Aktivitäten mit dabei, war am Aufbau mitbeteiligt. Fassungslos und voller Groll sahen wir mit an, wie der Trümmerberg, der Scherbenhaufen, den unsere zwei größenwahnsinnigen Patrons auftürmten, von Tag zu Tag wuchs. Es tat fast schon körperlich weh. Bis tief in die Nacht zogen sich jetzt unsere Terrassengespräche hin, in denen wir die Vorfälle aber auch unsere weiteren Entschlüsse diskutierten. Der letzte Vorhang war für mich gefallen, als Kenan versuchte, eine meiner Agentinnen dafür zu gewinnen, meine Privatsphäre, soweit ich überhaupt eine hatte, auszuspionieren. Sie sollte herausfinden, mit wem ich privat telefonierte und SMS sendete, im Grunde Kindergartenspiele, doch es war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun galt es schnell zu handeln, denn in Apos Kopf entwickelten sich schon regelrechte Mordfantasien, die er sich bereits sehr plastisch ausmalte. Verstehen konnte ich ihn sehr gut, da auch bei mir langsam der Siedepunkt meiner Gefühle erreicht war. Im Unternehmen beschäftigten wir zwei Schwestern, 17 und 18 Jahre alt, beide sehr fleißig, sehr naiv und fast noch Kinder, doch mit ihrem Einkommen ernährten sie ihre gesamte fünfköpfige Familie. Jeder im Team mochte sie, mit ihrem Lachen verbreiteten sie überall gute Laune, sie waren unsere Küken. Da Kenan nicht so ganz seine Finger bei sich behalten konnte, hatte ich sie etwas unter meine Fittiche genommen, denn Kenan begann schon langsam, um sie herum zu „scharwenzeln“. Bestärkt durch die Anwesenheit seines Bruders, hatte unser „Scarface für Arme“ die Tage die Jüngste derart grob am Arm gepackt, dass ihr die Tränen in die Augen schossen und sie blaue Flecken davontrug. Vom Schreibtisch aus bekam ich das mit, schrie ihn laut an, sprang von meinem Stuhl auf und war drauf und dran, ihm an den Kragen zu gehen. Nachdem ich mich einigermaßen wieder unter Kontrolle hatte, redete ich zunächst
- 196 -
mit der Kleinen, dann schnappte ich mir Kenan: „Die Kleine hat von mir den Auftrag, Dir mit voller Wucht ans Schienbein zu treten, solltest du sie noch einmal anrühren. Danach kommt sie zu mir. Und von mir bekommst Du dann, noch was, aber richtig, danach wirst, Du sie nie wieder anrühren!“ Verständnislos schaute er mich an: „Was soll das denn?“ „Lass es einfach, er reicht, lass es lieber sein, das ist besser für Dich!“ Um nicht auszuflippen, drehte ich mich einfach um, ließ ihn stehen, damit ich nicht meine Beherrschung verlor und ihn packte, um ihn einmal durchzuschütteln. Nun brodelte ein hochexplosives Gemisch in mir, es musste schnellstens was geschehen, bevor es richtig rumste. „Ich habe fertig!“ , es reichte endgültig, am liebsten wäre ich direkt gegangen, hätte alles stehen und liegen lassen. Doch Knall auf Fall das Unternehmen zu verlassen, war zu riskant. Sie wussten zu viel von meiner Vergangenheit. Über ihr wahres Wesen war ich schon lange im Bilde. Die Show mit Bruder und Familie war alles nur Fassade, ein Psychospielchen, um Mitarbeiter zu beeinflussen, ein Muster ohne Wert. Ihre verschlagenen Reaktionen hatte ich in der Vergangenheit miterlebt. Die vier Brüder strotzten vor Neid, Heimtücke und Missgunst, ganz behutsam und vorsichtig musste ich vorgehen. So einfach ziehen lassen würden sie mich nicht, dieser Illusion gab ich mich keinen Augenblick hin. In den letzten 10 Monaten hatte ich das Unternehmen komplett entschuldet, einen effizienten Vertrieb und eine funktionierende Verwaltung aufgebaut, insgesamt hatten wir Provisionseinnahmen von über 400.000.- € erzielt. Und für sie war es wie mit den Heinzelmännchen, sie mussten so gut wie nichts dafür tun. Wer lässt denn da schon tatenlos seine beste Milchkuh aus dem Stall traben?
- 197 -
Das Wichtigste war zunächst, Apo aus der Firma herauszulösen, zu groß war meine Sorge, dass er in einer Affekthandlung seine Fantasien in Taten umsetzte. Es war ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, das Kenan mit seinen ständigen Provokationen gegenüber Apo betrieb. Ihm war in keiner Weise bewusst, wie brisant diese Sticheleien für ihn selbst geworden waren. Deshalb mussten wir auch kein Szenario für Moglis Kündigung inszenieren, dafür lieferte „Scarface“ hinreichend Gründe täglich frei Haus. Auch nach dem Abflug der Chaostruppe und des Krümmelmonsters führte er sich weiterhin auf wie der Elefant in seinem sprichwörtlichen Lieblingsladen. Kein Fettnäpfchen war vor ihm sicher, immer wieder testete er neue Techniken aus, die er scheinbar dem „Do it yourself“-Buch“ „Menschen verletzen – leicht gemacht“ entnommen hatte. Doch die Familie zu verlassen, ist ein Tabu-Bruch, ein Sakrileg, das überhaupt nicht infrage kommt. Mehrere Tage tobte ein regelrechter Psycho-Krieg, nachdem Apos Entscheidung publik wurde. Alle Brüder mischten mit, spielten auf ihrer großen Klaviatur der Manipulationstechniken. Keine wurde ausgelassen, Vorwürfe, Schuldgefühle bis hin zur beliebten Familienmasche. Speziell diese wurde gern von Hakan benutzt und meisterhaft angewandt, nur die permanenten Wiederholungen störten dabei gewaltig. Es wurde geschmeichelt, gebrüllt, moralischer Druck aufgebaut, fürsorglich umgarnt, wobei diese Umarmung mehr der gefährlichen Umschlingung durch eine Anakonda gleichzusetzen ist. „Wieso willst Du die Familie verlassen, was haben wir alles für Dich getan……?“ Exakter wäre die Formulierung: „Wir haben Dir kein Geld gezahlt, versucht, Dich in ständiger Abhängigkeit zu halten, Deine Würde und Deine Gefühle mit Füssen getreten, Dich wie einen Sklaven behandelt, doch dafür warst Du ja unser
- 198 -
Bruder!“ Nach dem Entschluss, die Firma zu verlassen, blühte mein Mogli regelrecht auf. Die ersten beiden Tage waren wild und stressig, doch danach ebbte der Nervenkrieg langsam ab, von Tag zu Tag ging es ihm besser. Ein Sklave, der seine Ketten gesprengt hatte, treffender konnte man es nicht beschreiben. Bei unseren Planungen für eine neue Zukunft spielte er eine wichtige Rolle, alle Vorstellungen hierfür standen bereits ganz konkret fest. Doch es galt, sie mit Fingerspitzengefühl umzusetzen. Jeder sollte sein Gesicht wahren können, kein nervenaufreibender Kleinkrieg oder verletzte Eitelkeiten, so wollte ich friedlich die Trennung über die Bühne bringen. Alle sollten sich in einer „win – win“ Situation wiederfinden. Ein eigenes Callcenter zu eröffnen wäre für meine „Addams-Family“ einer Kriegserklärung gleichgekommen. Aber das war auch nicht meine Absicht. Viel reizvoller erschien mir die Schulung und Betreuung der einheimischen Center, eine Aufgabe, die nicht nur interessant, sondern auch lukrativ war. In dieser Form konnte ich so die DWA weiterhin betreuen, vor allem würde ich so die Mitarbeiter nicht im Stich lassen. Wäre ich so einfach verschwunden, hätte sie das sicherlich hart getroffen, zu stark waren sie auf mich fixiert. Außerdem konnte ich so Kenan immer noch eine Hilfestellung geben, damit er die Firma nicht direkt gegen die Wand fahren würde. Die Agenten brauchten ihr Einkommen, auf keinen Fall sollten sie ihre Existenz verlieren. Genügend Kontakte zu anderen Call-Centern hatte ich und auch die Produktpartner, die mit mir arbeiten wollten. In den letzten Monaten hatte ich mir einen guten Namen bei ihnen erworben. Sie schätzten die professionelle Zusammenarbeit mit mir und wir pflegten einen fairen Umgang miteinander, auch wenn es nicht immer leicht fiel, dieses Verhältnis ausgewogen zu gestalten.
- 199 -
Denn eine Überraschung hatte mein „Gott“ in Pattaya immer auf Lager, wenn er irgendwo schnelles Geld witterte. Seinen eigenen Worten nach war er ja nicht gierig, doch es konnte einfach nie genug sein. Sein monatliches Salär von 6.000.- € als Lebensunterhalt für eine einzelne Person in Thailand war schon reichlich knapp bemessen. Mal Hand aufs Herz, wie soll man da über die Runden kommen? Deshalb lag er mir ständig in den Ohren, sein Budget zu erhöhen und beschäftigte sich laufend mit Überlegungen, wie man kurzfristig irgendwie einen größeren Batzen schnappen könnte, um sich richtig frisch zu machen. So lautete seine nette Umschreibung dafür, einen Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen. Von ihm hätte die Weisheit stammen können: „Optimale Mitarbeiterführung ist es, den Agenten so elegant über den Tisch zu ziehen, dass er die dabei entstehende Reibungshitze für Nestwärme hält“. Nach einiger Zeit hatte er auch einen in seinen Augen genialen Weg gefunden. Sein Vorschlag war einfach grandios, bei zwei unserer Vertriebspartner sollten wir gleichzeitig die identischen Kunden einreichen und dadurch doppelt kassieren. Weder die Partner noch die Kunden würden die ersten zwei, drei Wochen davon etwas mitbekommen. Dadurch kämen mal eben rund 100.000.- € als zusätzliche Einnahmen zusammen und man hätte Kapitalreserven. Sobald die Sache auffliegen würde, sollte die Firma die Telefone abmelden und unter einem anderen Namen weiter arbeiten, Deutschland sei bekanntlich weit entfernt. Um ihn von diesem Trip herunter zu holen, brauchte ich schon ein paar Tage, doch so ganz locker ließ er nicht. Es entwickelte sich förmlich zu einer fixen Idee bei ihm. In den letzten Wochen unserer Partnerschaft brachte er dieses Thema immer wieder auf den Tisch. Und immer wieder der Tenor: Sein Einkommen reiche ge-
- 200 -
rade so zum Überleben, er benötige einen größeren finanziellen Spielraum. Dagegen kam ich mit keiner logischen Argumentation an. Um die Firma zu sanieren, hatte ich die ganze Zeit auf Privatentnahmen verzichtet. Drei Hosen, zwei Hemden sowie drei Krawatten waren das Einzige, das ich mir geleistet hatte. Auf diesen Hinweis hin folgte prompt die Antwort: „Du vergisst, das Essen, Trinken und die Zigaretten, das kostet die Firma auch Geld. Miete musst Du ja auch keine zahlen“. Na ja, Stallmieten sind in diesem Land auch nicht besonders hoch, ging es mir durch den Kopf. Aber es erfolgte die Zusicherung, jetzt würde sich alles ändern, die Schulden seien nun abgebaut, die Firma wachse weiter, zukünftig werde auch ich mehr Geld entnehmen können. Mit seinem Vorhaben allerdings käme aber auf einen Schlag eine Menge Geld, so dass jeder von uns direkt einen vernünftigen Betrag zu Verfügung hätte. Jooh, ein bisschen dumm mag ich zwar sein, manchmal auch zu gutgläubig und in Deutschland saß ich bestimmt nicht im Gefängnis, weil ich bei Rot über eine Fußgängerampel lief. Und sicherlich bin ich kein Chorknabe sowie als Musterexemplar für Rechtschaffenheit denkbar ungeeignet, doch hielt er mich wirklich für so bescheuert? Die Rollenverteilung war selbst für den besagten Blinden mit Krückstock eindeutig erkennbar. Meinen eben erst mühsam aufgebauten Ruf hätte ich komplett ramponiert, der ganze Ärger wäre bei mir gelandet und er hätte sich das Geld in die Tasche gesteckt. Das bekannte Motto: „Ich Ununun – Du schuld!“ Für alle Anbieter war ich der Ansprechpartner und somit federführend. Logischerweise wäre dann am Ende die Aussage erfolgt: „Davon weiß ich nichts dafür war der Arzten verantwortlich. Thailand ist weit vom Schuss, da bekomme ich nicht alles mit, was der so anstellt!“
- 201 -
Nur im letzten Monat gab ich seinem Drängen doch nach. Wie er es wünschte, wählte ich 700 Kundensätze aus unserer Datenbank, die schickte ich einem unserer Partner als Umsatz. Die Kunden wussten von nichts, niemand hatte mit ihnen gesprochen, man könnte es auch als Betrug bezeichnen. Aber mein „Gott“ brauchte doch mehr Geld, reichte das nicht als hinreichende Begründung? Konnte man nicht wenigsten ein bisschen Verständnis für den armen Kerl aufbringen. Die zwingenden Umstände und seine finanzielle Notlage waren doch klar erkennbar, oder?! Meine Mitteilung, dass ich die Aufträge versendet hatte, hob dementsprechend seine Laune und zufrieden plante er bereits, in der kommenden Woche in der gleichen Form 1.000 weitere Aufträge zu versenden. Nur einen kleinen Schönheitsfehler hatte das Ganze, unser Anbieter überwies uns doch einfach keine Provision dafür. Verstehen konnte ich das nicht, war es doch uns gegenüber ein krasser Vertragsbruch, konnte man denn niemanden mehr trauen? Dieses Verhalten machte mich schon betroffen und gemeinsam mit „The Brain“ suchte ich die Ursache dafür zu ergründen, doch wir fanden keine schlüssige Antwort. Eine winzige Vermutung hegte ich jedoch in dieser Hinsicht. Vielleicht konnte es doch mit einem Telefonat zusammenhängen, das ich eine Woche zuvor mit der Geschäftsleitung des betreffenden Unternehmens geführt hatte. Sprach ich dabei nicht mit dem Geschäftsführer unverbindlich über den Plan meines „NochGeschäftspartners“? Natürlich nur, um seine objektive Meinung darüber zu erfahren. Irgendwie schien er mich doch ernst genommen zu haben, denn der Umsatz wanderte in den Papierkorb, wie ich es ihm empfohlen hatte. Aus unerklärlichen Gründen bekam auf jeden Fall „The Brain“ keine Provision und auch
- 202 -
die Kunden erhielten nie Unterlagen von Verträgen, die sie nicht abgeschlossen hatten. Die Wogen nach Apos Ausscheiden hatten sich mittlerweile gelegt, doch für mich begann nun ein Tanz auf zwei Hochzeiten. Ende Oktober wollte Hakan nach Antalya kommen, meine Entscheidung wollte ich ihm dann Auge in Auge mitteilen. Bis dahin erfüllte ich meine Aufgabe bei der DWA, ließ mir nichts anmerken und hielt alles am Laufen. Man könnte es auch durchaus elegant als „Dienst nach Vorschrift“ umschreiben. „In Dir muss brennen, was Du in Anderen entzünden willst“, stehe ich hinter einer Sache, bin begeistert, bringe ich die beste Leistung, man könnte mich auch als den geborenen Überzeugungstäter bezeichnen. Fehlt diese Überzeugung, habe ich eher das Temperament eines durchgeweichten Mehlsackes. So hing ich jetzt im Unternehmen herum, zählte die Tage bis zu Hakans Ankunft. Die Kommunikation zwischen Kenan und mir tendierte gegen null, die Stimmung lag weit unter dem Gefrierpunkt, seit seine letzte, große Lüge ans Tageslicht gekommen war. Seit 6 Monaten arbeitete Volkan als Agent für die Firma, war nicht der Beste, aber auch nicht der Schlechteste. In den letzten Wochen blieb er jedoch deutlich unter seinen möglichen Leistungen. Sein Gesichtsausdruck wirkte nicht nur negativ, mit seinen heruntergezogenen Mundwinkeln hätte er bei einem „Angela Merkel Revival Wettbewerb“ alle Chancen auf eine TopPlatzierung gehabt. So sprach ich ihn an, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das Problem schien recht einfach, die Lösung auch. In der Nacht lag er zwar 8,9 Stunden im Bett, schnarchte aber und hatte kaum Tiefschlafphasen, da sich sein Zäpfchen auf die Luftröhre legte. Das Zäpfchen im Rachenraum musste nur gekappt werden, da es sich anormal vergrößert hatte. Ein kleiner
- 203 -
Schnitt und das Leben würde sich für ihn positiv verändern. Deshalb gab ich ihm einen halben Tag frei, damit er den ambulanten Eingriff mit dem Krankenhaus vorbereiten und einen OP-Termin abstimmen konnte. Nach der Untersuchung saß er wieder vor meinem Schreibtisch, seine Mundwinkel schienen noch tiefer herunterzuhängen. Bei dem Termin hatte man seine Krankenversicherung überprüft, dabei stellte sich heraus, dass bislang kein einziger Beitrag dafür von der Firma eingezahlt wurde. Entsprechend aufgebracht war seine Reaktion. Verständlich, hatte ich den Mitarbeitern doch immer bestätigt, jeder sei krankenversichert. Vom Steuerberater wurde mir das auf meine Nachfragen wiederholt versichert und auch Kenan hatte immer fleißig die Beiträge für die Sozialversicherung aus der Kasse entnommen. Angeblich um sie an den Steuerberater zu geben, damit dieser sie weiterleitet. Vor Wut wäre ich am liebsten geplatzt, noch am wenigsten wegen des Geldes, vielmehr stand ich gegenüber den Mitarbeitern als Lügner da. Die gesamte Zeit wurden wir alle an der Nase herumgeführt, nach Strich und Faden belogen. Sofort zitierte ich Kenan aus seiner Einzelzelle nach unten. Vor Volkan stellte ich ihn zur Rede, mühsam beherrscht, um ihn nicht anzuschreien: „Klär das mit Volkan ab, was Du uns eingebrockt hast. Wenn Ihr mich schon hintergeht, könnt Ihr die Suppe auch selbst auslöffeln!“ Er sah mich mit seinem treu-doofen Dackelblick an und spielte die Unschuld vom Lande: „Wieso, Du hast doch gewusst, dass keiner versichert ist.“ Wieder dieses „ich hab doch nichts getan“, ich stand kurz davor, auszurasten, mit seinen ganzen Lügen und Intrigen wollte ich ihm am liebsten den Hals umzudrehen. „Mein Herz ist so rein wie ein Diamant“ lautete einmal ein Spruch von ihm, konnte man dem widersprechen? Sicherlich nicht, denn
- 204 -
Diamanten bestehen bekanntlich aus reinem Kohlestoff, erst unter extremer Hitze und Druck entsteht aus dem schwarzen Staub dieser edle, klare Stein. Druck und Hitze hatte man sicher bei Kenan vergessen, alles im Urzustand gelassen. Irgendwie hatte er also schon recht mit seiner Behauptung. Doch er konnte sich trösten, jeder Mensch ist, zu was nütze, und wenn er nur als abschreckendes Beispiel dient wie mein Bruderherz Kenan. Meine Stimme bebte vor Zorn: „Regel das mit Volkan, egal wie, Ihr habt den Blödsinn angerichtet. Und erzähle keinen Müll wie eben. Bis heute ging ich davon aus, dass jeder versichert ist, hör mit Deinen Lügen auf!“ Ich ließ ihn mit Volkan stehen, ich musste das Büro verlassen, um nicht vollends die Kontrolle über mich zu verlieren. Hätte es noch eines Grundes bedurft, das Unternehmen zu verlassen, dieser wog alle auf. Es wollte mir nicht in den Kopf gehen, er hatte mitbekommen, dass ich Volkan zum Arzt schickte, jeder Mitarbeiter, der die Leistung der Krankenversicherung in Anspruch nehmen wollte, musste zwangsläufig die Information über die nicht eingezahlten Beiträge erhalten. Man hatte eine Zeitbombe eingestellt und sah seelenruhig zu, wie sie herunter tickte. Es ging einfach weit über meinen Horizont hinaus. Eine Flasche Nitroglyzerin würden sie wahrscheinlich mit dem Aufkleber versehen: „Vor Gebrauch kräftig schütteln“. Eine Stunde später kehrte ich ins Büro zurück. Quietschvergnügt saß mein „Golom“ mit Volkan auf der Dachterrasse, füllte sich und ihn mit Wodka-Redbull ab. Mit schwerer Zunge besprachen, belallten sie wäre treffender gewesen, Volkans Trennung von der Firma. Es ist gut, dass du gehst, dachte ich nur, solche Dinge musst du dir nicht mehr lange anschauen. Gleichgültig war es mir nicht. Doch ich war froh, dass es für mich nur noch eine Frage von Tagen war, im Kopf hatte ich das Unternehmen schon lange ver-
- 205 -
lassen. Meinen Entschluss setzte ich bereits in die Tat um, stellte hinter den Kulissen alle Weichen für den Start unserer neuen Firma. Den Geschäftspartnern in Deutschland hatte ich mein Konzept erläutert. Es überzeugte sie und die Vereinbarungen mit ihnen waren schnell getroffen.
- 206 -
Kapitel X Während ich die Stellung bei der DWA hielt, kümmerte sich mein Mogli um eine Wohnung und ein Büro. Nur zwei Kilometer von meiner bisherigen Wirkungsstätte entfernt fanden wir eine sehr schöne, zweistöckige Dachgeschoss-Wohnung von 200 qm. Sie bot Platz für drei Büroräume und unseren Privatbereich inklusive eines großen Wohnzimmers und einer riesigen Dachterrasse von 50 qm. Seine bisherige Wohnung hatte Apo gekündigt und hatte nach der Renovierung unser Duplex bereits bezogen. Für Telefon und Internet ließ er Leitungen verlegen und regelte noch kleinere Reparaturen. Von seinen Eltern hatte er sich Geld geliehen, so dass wir alle Geschäftsräume mit Möbeln und Computern ausstatten konnten. So stand Ende Oktober unser neues Office arbeitsbereit zur Verfügung. Es stand vom Ambiente her sicherlich zwei Stufen über dem Niveau des DWA-Büros. Mitte des Monats hatte ich meine Schlafstätte dort geräumt und nächtigte jetzt in unserem neuen Domizil. Welch ein gravierender Unterschied zur DWA, dort umschlossen uns vierspurige Hauptverkehrswege, hier befanden wir uns in einer ruhigen Seitenstraße und zu meinen Füssen breitete sich ein kleiner Park mit einer Unmenge von Wasserfällen aus. Alleine dieser Anblick verhalf morgens bereits zu einem positiven Einstieg in den Tag. Die Wohnung insgesamt entsprach einem gehobenen europäischen Niveau, sie verfügte neben einem Whirlpool über eine große, komplett eingerichtete Küche, man musste sich einfach wohlfühlen und das Ganze für 320.- Euro Monatsmiete. Sowohl privat als auch geschäftlich hatten mein Mogli und ich unsere neue Heimat gefunden. Unser neues Team stand ebenfalls in den Startblöcken. Die beiden Schwestern, unsere Mickeymäuse, hatten bereits bei der
- 207 -
DWA gekündigt, ohne Schutz wollten wir sie dort nicht zurücklassen. So hatten wir sie bei uns aufgenommen, auch wenn wir für sie noch nicht so viele Aufgaben hatten. Doch wir fühlten uns schon ein wenig für sie verantwortlich und ihre gute Laune war einfach ansteckend und wirkte positiv auf das ganze Team. Genauso fand auch unser Programmierer Cenk eine neue berufliche Perspektive bei uns, seine Tage bei der DWA waren gezählt, was ihm voll bewusst war. Die Software war fertiggestellt, seine wahren Werte konnte von der Familie C. eh keiner schätzen. Schon um Kosten zu sparen, würde man ihn in absehbarer Zeit wegrationalisieren. Einen Sack ungeschliffener Diamanten würden sie gleichfalls als wertlose Glasklumpen achtlos in den Müll werden. So wartete eine kleine aber feine, motivierte Mannschaft von sieben Leuten auf den Startschuss und Hakans Ankunft. Die Agenten der DWA hatte ich bei der letzten Provisionsauszahlung informiert, es wäre das letzte Mal, dass ich die Verantwortung für die pünktliche Abrechnung tragen würde. Sie verstanden das zwar nicht so recht, mussten aber leider sehr schnell erfahren, was ich damit gemeint hatte. Von den ihnen zustehenden Provisionen im November und Dezember erhielten sie gerade mal 30 % und auch diese Zahlungen schleppten sich bis Ende Januar hin. Was ich erwartet und befürchtet hatte, trat ein. Erst kam die Familie, je nach Gefühl wurden ein paar Rechnungen gezahlt, blieb dann noch was über, erhielten, auch die Mitarbeiter etwas. Auf den Termin mit Hakan bereitete ich mich mental als auch körperlich intensiv vor. Wohl hundertmal hatte ich im Geist die Gesprächssituation durchgespielt, es würde nicht leicht werden. Seine Gesprächstaktik kannte ich, sie war leicht durchschaubar, nur durch seine zermürbenden Wiederholungen war sie extrem anstrengend. Sein Jähzorn und seine Aggression war weniger
- 208 -
kalkulierbar, deshalb war eine behutsame, diplomatische Verhandlungsstrategie gefragt. Für alle Fälle trainierte ich einige Abende mit Apo auch meine körperlichen Reflexe und Abwehrtechniken. Sie waren zwar etwas eingerostet, doch mein Mogli war verblüfft, wie schnell ich immer noch war. Dann stand Hakans Ankunft für das letzte Oktoberwochenende fest. Kenan wurde von mir informiert, dass ich an diesem Samstag nicht arbeiten würde. Wie erwartet hing eine halbe Stunde später „The Brain“ in der Leitung. Und wie großzügig er doch dabei zu mir war, wenn das nicht zur Gewohnheit würde, wäre das mit dem freien Samstag in Ordnung. Hatte ich dem Mann unrecht getan, ihn verkannt? Einen ganzen Samstag bekam ich frei, einfach so, ich konnte nur gerührt sein. Nachdem ich Freitagabend das Büro verlassen hatte, erhielt er von mir eine E-Mail. Freundlich und total nett unterrichtete ich ihn über unsere Trennung. „Lange genug habt Ihr mich ausgenutzt, mich belogen und betrogen, mich hintergangen, meine Autorität untergraben, mit Eurer Unfähigkeit fast alles zerstört, was ich aufgebaut habe und auch noch versucht, mein Privatleben zu kontrollieren, es reicht!“ Nein, das schrieb ich nicht, auch wenn es der Wahrheit entsprach. Wie bereits erwähnt, in diesem Land wird die Wahrheit gerne schon als Beleidigung aufgefasst und ich strebte eine friedliche Lösung an. Deshalb war die E-Mail familiär und umgänglich gehalten, anbei ist das Original:
- 209 -
Hallo Hakan, Ihr habt mich wie einen Bruder in Eurer Familie aufgenommen und dafür danke ich Euch. Wie in einer normalen Familie gibt es gute und auch schlechte Tage, in denen man zusammenhalten muss und das haben wir auch getan. Ihr habt mir viel gegeben und ich denke, ich habe auch einiges für die Familie getan. Doch irgendwann kommt auch der Zeitpunkt, zu dem das eine oder andere Kind ausziehen will und sich eine eigene Wohnung nimmt, um ein eigenes Leben aufzubauen. Auch wenn man dann ausgezogen ist, wird man immer gerne noch zu seiner Familie zu Besuch kommen und sie auch weiterhin unterstützen. So ist das auch bei mir, denn ich denke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Es ist, wie bei einer Beziehung die auseinandergeht. Es gibt entweder einen Riesenknall, wenn man z. B. den Partner mit einem anderen im Bett erwischt, aber meistens sind es viele Kleinigkeiten, die alleine unwichtig sind, sich aber durch die Vielzahl summieren und zur Trennung führen. Es ist dann der Mülleimer, der nicht zur Tonne gebracht wurde, Bartstoppeln im Waschbecken, fehlende Mithilfe im Haushalt….. und, und, und. Alles nur Winzigkeiten, aber doch führen sie zum Scheitern einer Beziehung. Wenn keine Kinder da sind, ist eine Trennung immer relativ einfach. Doch mit einem Kind muss man sich sehr wohl überlegen was man macht, denn man will ja, dass es dem Kind weiterhin gutgeht und es nicht zu sehr unter der Trennung leidet. Bei meinen Beziehungen bin ich immer ausgezogen und habe meine Kleider und mein Auto mitgenommen, alles Andere ließ ich zurück, damit es den Kindern weiterhin gutging, und habe sie unterstützt, damit ihnen nichts fehlte.
- 210 -
So ähnlich ist die Situation heute, in den letzten zwei Monaten wurde so viel Porzellan zerschlagen, dass es nirgendwo genug Kleber gibt, um dieses zu kitten und auch nicht genügend Worte, um alles wieder schön zu reden. Da Du weißt, dass ich zukünftige Entwicklungen sehr gut abschätzen kann, habe ich die letzten Wochen mir sehr intensive Gedanken gemacht und meine Entschlüsse getroffen. Ich habe diese nicht nur kopfmäßig getroffen, sondern musste auch auf Alarmsignale meines Körpers hören. Normalerweise heilen bei mir kleine Wunden innerhalb von ein paar Tagen ab, jetzt dauert es im Schnitt 4-5 Wochen, bis diese abgeheilt sind. Dieses Phänomen hatte ich immer, wenn ich in einer kritischen Lebenssituation stand und mein Körper dagegen revoltierte, bis ich diese veränderte. Da ich keinen psychischen und körperlichen Schaden erleiden möchte, habe ich heute meinen letzten Tag in der DWA im bisherigen Innenverhältnis verbracht. Wenn unsere Gespräche über Familie, ein Bruder sein, nicht nur leere Worthülsen waren, dann wirst Du mich verstehen und meine Entscheidung akzeptieren. Gerade wo es um die Gesundheit eines Bruders geht, aber ich kann und will die Verantwortung nicht mehr weiter tragen. In der Vergangenheit habe ich dieses sehr häufig in vielerlei Hinsicht getan, ich hoffe, dass auch Du dazu in der Lage bist. Bei unserem Gespräch am Sonntag sollten wir uns darauf konzentrieren, Lösungen zu schaffen, damit es der DWA weiterhin gutgeht und sich alles positiv entwickelt. Ich habe kein Problem damit, zweimal in der Woche die Mitarbeiter zu schulen oder Kenan zu unterstützen, dass die Abrechnungen mit den Vertriebspartnern funktionieren oder auch eine Unterstützung im Back - Office Bereich zu gewährleisten. Da ich mehr Zeit haben werde, können
- 211 -
wir gerne das Biergeschäft forcieren, denn der Schweizer ist durch die neue Situation eine größere Hilfe als in der ursprünglichen Situation. Auch den Ausbau Thailand kann man intensiver anschieben, wir müssen uns nur über Lösungen klarwerden. Ich bin halt kein Christian, der bei Nacht und Nebel die Flucht ergreift, alles und alle im Stich lässt. Deshalb möchte ich schon eine winwin Situation schaffen, in der wir alle Vorteile haben und jeder ohne das Gesicht zu verlieren mit den Lösungen leben kann. Deshalb sollten wir am Sonntag auch keine Zeit damit verschwenden, zu ergründen, wieso und warum, dafür sind es zu viele Gründe und es besteht bei solchen Situationen immer die Gefahr, dass alles eskaliert und es nur Verlierer gibt. Ich habe darüber den Deckmantel des Schweigens und des Vergessens gelegt, denn nur dadurch wird in der Familie niemand verletzt und man kann in Zukunft in verschiedenster Hinsicht zusammenarbeiten. Mit Dir selbst haben meine Entscheidungen am wenigsten zu tun, denn Du hast Dich immer mir gegenüber fair verhalten, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren. Deshalb sehe ich das Ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn es war eine interessante Zeit mit Dir, alleine deshalb sollten wir Brüder bleiben, die sich immer unterstützen. Geld oder Firmenbeteiligung sind mir einerlei geworden, ich sehe im Vordergrund meine Gesundheit und muss deshalb so handeln. Bis Sonntag Mit freundlichem Gruß Rudi
- 212 -
Auf dem Flug hatte er somit etwas zu lesen und konnte sich auf unser für Sonntag verabredetes Treffen vorbereiten und einstellen. Für das Treffen bestimmte ich bewusst einen neutralen Ort. Ein nettes Restaurant, das ich kannte, war optimal dafür geeignet. Es war sehr übersichtlich, bot auch Bewegungsfreiheit, falls die Situation außer Kontrolle geraten sollte und eskalieren würde. Durch die Wahl meines Sitzplatzes verschaffte ich mir einen kleinen strategischen Vorteil. Da Hakan Linkshänder war, platzierte ich ihn so, dass seine Schlaghand durch das Fenster etwas eingeengt wurde. Mein Mogli wollte sich und einige kräftige Verwandte in unmittelbarer Nähe positionieren. Doch solche Dinge regele ich lieber alleine ohne Rückendeckung. Warum das bei mir so ist? Keine Ahnung, ist bisher immer gut gegangen. Selbstbestätigung, man ist gut oder verliert, ein Kick, andere nehmen Drogen, ich brauche so was? Vielleicht bin ich auch nur ein wenig bekloppt: „Selig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer mehr“. Genau weiß ich es nicht, warum ich so ticke. Die Bedienung stellte eine Flasche Wasser auf den Tisch, als auch Hakan schon eintraf, in seinem Windschatten Kenan. In Anwesenheit seines starken Bruders war er weniger „Scareface“, sondern er segelte mehr als weich gespülte Föhnwelle mit. Zunächst erfolgte die übliche Begrüßungs-Zermonie, Schulterklopfen, umarmen. Das passende Ritual dachte ich, stammt es doch aus dem orientalischen Raum, als die Zeiten noch wilder waren und alle mit ihren weiten Umhängen umherliefen. Höflich konnte man so prüfen, ob sein Gegenüber darunter Waffen verborgen hatte. Das Essen war schnell bestellt, dauerte nicht lange und ein oberflächlicher Small Talk plätscherte dabei so dahin, danach ging es zu den Fakten. Griff man offen einen seiner Brüder an, verteidigte Hakan sie genau so vehement wie Kenan seine Wodkaflasche.
- 213 -
Fehler machte sowieso niemand von ihnen. Also hieß es, diplomatisch vorzugehen, vieles unter den Teppich zu kehren. Ein Ergebnis wollte ich erzielen, doch das konnte ich nur, wenn Hakan nicht wie ein HB-Männchen unter der Decke entlang zischte. Die ganze Verantwortung war einfach zu groß geworden, ich konnte sie nicht mehr tragen. Die Belastung, der psychische Druck, der Ärger, ich kam damit nicht mehr klar. So lautete zusammengefasst meine Erklärung. „Also wenn Du krank bist, das verstehe ich ja. Du bist ja unser Bruder, da muss man Rücksicht nehmen, eine Lösung finden“. Wie er meine Ausführungen interpretierte, ich sei krank oder ich sei blöd, war mir letztendlich egal, solange ich meine Vorstellungen durchsetzen konnte. Die Meinung der Familie C. ging mir so ziemlich an dem Körperteil vorbei, auf dem ich gerade saß. Zweimal in der Woche zur DWA, die Agenten motivieren, Izmail als Teamleiter einarbeiten und Kenan bei der Firmenführung unterstützen. Diesen Kompromiss hatte ich mir vorgestellt und darauf einigten wir uns bereits nach einer halben Stunde in einem freundschaftlichen Gespräch. So endete unser Treffen ganz harmonisch, sie wollten mich sogar im Auto mit zurücknehmen, doch ich entschied mich lieber für ein Taxi. Die Zeit bis zu dessen Ankunft brauchte ich zunächst für mich. Die wahnsinnige Anspannung, unter der ich bisher stand, musste sich erst einmal lösen, alles erst mal verdauen. Im Büro fieberten auch alle die ganze Zeit mit, hatten schon kleine Pfade ins Parkett getreten. Mit aller Macht mussten sie Apo zurückhalten, da er es nicht mehr aushielt und unbedingt zum Restaurant kommen wollte. Sehnsüchtig wurde mein Anruf erwartet. Am Telefon war es dann auch richtig laut. Nicht weil alle schrien, das Getöse kam von der Wagenladung Steine, die von ihren Herzen fielen. Jeder kannte die Brisanz des Gespräches, dementsprechend waren ihre
- 214 -
Befürchtungen und die Sorgen um mich. Nun wich alles einer riesigen Erleichterung, so leicht, wie ich mich ebenfalls fühlte, ein Bündel Luftballons, losgelöst und frei, dem Himmel entgegen schwebend. Der Schütze des entscheidenden Tores in einem Endspiel, der diesen Augenblick immer wieder erzählen muss, so ähnlich fühlte ich mich, als ich im Büro eintraf. Jeder aus dem Team wollte haarklein alle Einzelheiten des Treffens wissen, laufend musste ich jedes Detail genau wieder geben, jede Einzelheit schildern. Der Startschuss war gefallen, alle Ampeln standen auf grün. Tröpfelte in den letzten Tagen die Zeit so vor sich hin, hatte der Tag nun nicht genug Stunden. Tagsüber schulte ich die Mitarbeiter der Center, die bereits für uns arbeiteten, und akquirierte quer durchs Land von Istanbul bis Samsun neue hinzu. Abends besprachen wir die Ergebnisse, erstellten die Aufgabenlisten für den folgenden Tag. Danach bereitete ich das Essen für den nächsten Tag vor, damit es mittags schnell und einfach für alle was zu futtern gab. So konnte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, meiner Kochleidenschaft frönen und unsere kleine Mannschaft mit deutscher Hausmannskost bei Laune halten. Allen gefiel es, schmeckte ihnen besser als im Restaurant und unsere Mädels notierten sich fleißig die Rezepte mit. Manchmal stand ich bis nach Mitternacht noch in der Küche, doch die Begeisterung beim Essen entschädigte mich für alles. Die Meisten hatten lange in Deutschland gelebt, kannten aber viele Gerichte nicht, mit denen ich sie beköstigte. Sauerbraten, Lasagne oder Rinderrouladen, was immer auf den Tisch kam, stets kehrten die Teller wie geleckt in die Küche zurück.
- 215 -
An dem Ganzen kann man erkennen, dass ich doch etwas egoistisch veranlagt bin, denn ich hatte den größten Nutzen. Ich war dreifach glücklich – der kleine Rudi durfte kochen, es gab deutsches Essen, unseren Leuten schmeckte es und sie fühlten sich wohl. Was aber nicht nur am guten Mittagstisch lag. Samstags mussten sie nicht mehr arbeiten, was sie aber nicht davon abhielt, dennoch aufzutauchen, um in ein paar Stunden noch offene Aufgaben zu erledigen. Statt um 21.00 Uhr war um 19.00 Uhr Feierabend und sie bekamen ihr Gehalt pünktlich, so wie sie es von mir gewohnt waren. Besonders die Arbeitsatmosphäre war eine andere, kein Stress, keine Hektik, alles lief locker, jeder lachte und war mit Freude bei der Arbeit. Unterbrochen wurde es nur 10, 15 Mal am Tag durch Anrufe von Hakan, Kenan oder Izmail. Immer ganz wichtig, und dringend, zumeist nur banale Fragen, die ich zum wiederholten Mal beantworten musste. Zum Glück hatten ihnen ihre Eltern den Gang zur Toilette bereits beigebracht, sonst wären es täglich einige Anrufe mehr gewesen. Bis zu Hakans Abflug war ich noch zu 4 Meetings im Büro der DWA, doch die Besuche dort empfand ich wie Zahnarzttermine. Man möchte sich am liebsten drücken, weiß aber, man muss hin. An seinem Abreisetag sah ich meinen „Gott“ zum letzten Mal. Zum Abschied musste er mir wieder beweisen, welch ein genialer Geschäftsmann er doch war. Seiner Überzeugung nach fehlte in Thailand der Döner, es war die Marktlücke, die er entdeckt hatte. Der Döner ist die einzige, zumindest mir bekannte Erfindung der Unununs. Allerdings besteht dazu eine bislang ungeklärte Urheberrechtsfrage mit den Griechen. Vermutlich war es mehr eine Ko-Produktion. Ein Grieche, verheiratet mit einer Ununun-Frau, wobei ich eher die Version, ein Ununun mit einer Griechin favorisiere. Erscheint mir logisch
- 216 -
und weitaus wahrscheinlicher zu sein. Ein Ununun braucht immer jemanden, der ihm sagt, was er genau zu tun hat. Geht etwas schief, benötigt er eine Person, der er die ganze Schuld dafür zu schieben kann. So kaufte „The Brain“ noch schnell zwei Grilleinrichtungen für Dönerspieße. Mit Müslim, der wieder arbeitslos war, stand ein Koch dafür bereit, ein Mitarbeiter wurde beauftragt, Reisebüros in Antalya anzurufen. Diese sollten sich verpflichten, ihre Reisegruppen in Pattaya bei Hakan vorbei zu schicken. Würden genug Reiseveranstalter zusagen und für ihre Kunden vorab Termine buchen, wäre Hakan bereit, ein Restaurant dafür zu eröffnen. Doch irgendwie konnte sich niemand so richtig für dieses Top-Angebot begeistern. Dennoch packte er die Grillgeräte mit ein, nur am Flughafen weigerte man sich, sie als Handgepäck zu zulassen, dabei wog doch jeder nur 50 Kilo. Die Beförderung als Gepäckstück schied ebenfalls als Möglichkeit aus, da es zu teuer war. So brachte man sie wieder nach seinem Abflug ins Büro, um in den Folgetagen günstige Cargo-Tarife zu suchen. Die Suche musste man dann noch um einen Koch erweitern. Müslims Frau war aus unerfindlichen Gründen nicht so besonders angetan vom Ausflug ihres Ehemannes nach Thailand und untersagte ihm diesen kurzerhand. Über solch chaotischen Aktionen konnte ich nur noch amüsiert lächeln und den Kopf schütteln, es war nicht mehr meine Welt. Unsere Firma bereitete mir dafür umso mehr Vergnügen. Mittlerweile arbeiteten 6 Center erfolgreich für uns, es machte Spaß, dieser Entwicklung zu zusehen. Doch war die gute Laune bei der DWA abhandengekommen, jeder Besuch dort stimmte mich ein wenig traurig, ich fühlte mich wie auf einer Beerdigung. Man konnte förmlich mit verfolgen, wie die Gesichter der Agenten von Mal zu Mal länger, frustrierter wurden. Die Provisionen wurden
- 217 -
weder pünktlich noch vollständig gezahlt, der neue Führungsstil von Kenan und Izmail trug schnell Früchte und zeigte bereits erste Auswirkungen. Die Zahl der Agenten schmolz dahin wie Schnee in der Sonne und genau so auch die Motivation der Mannschaft. Es tat schon in der Seele weh, das mit beobachten zu müssen. Das Leben gleicht einer Kinderwippe, mal ist man oben, mal ist man unten. Dieses Bild bot sich auch, wenn man jetzt die Entwicklung der beiden Firmen verglich. Im selben Maß, wie unser Erfolg wuchs, unsere Zahlen stiegen, sackte bei der DWA alles ab. Über 2.500 Aufträge produzierten wir mit unseren Centern in den ersten vier Wochen nach unserer Geschäftsaufnahme, der Umsatz bei der DWA stürzte in Bodenlose, gerade 6 Agenten waren noch verblieben. Der Schuldige dafür war natürlich schnell ausgemacht, es konnte nur einen geben – also war ich derjenige, der für alles verantwortlich war und die Schuld daran trug. Die Auflösungserscheinungen bei der DWA konnten niemals damit zusammenhängen, dass man die Agenten wieder beschimpfte wie früher, ihnen kein Geld auszahlte, wer kommt denn auf so eine Idee? Auch mit einer Million Einwohnern ist Antalya ein Dorf und so hatte sich unser Erfolg auch schnell herumgesprochen, auch bis zu Kenan. Von dort waren es nur Minuten, bis Thailand und Deutschland darüber informiert waren. Meine bereits zitierte Einstellung: „Neid muss man sich verdienen, Mitleid bekommt man geschenkt“, auch wenn sie in diesem Land gefährlich war, doch ich stand nach wie vor dazu. Wenn man die eigene Unfähigkeit wie in einem Spiegel vorgehalten bekommt, kann die Wahrheit schon schmerzhaft sein, vor allem, wenn man sie nicht mehr verleugnen und verbergen kann. Eine bittere Erkenntnis für meine „Brüder“, sie waren zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen.
- 218 -
Am 6. Dezember rief mich Izmail einige Male an, ob ich an diesem Tag kommen könnte, sie hätten Probleme. Den Nachmittag hatte ich sowieso für den Besuch bei der DWA eingeplant, die verbliebene Rumpfmannschaft wollte ich noch schulen und die Wenigen bei der Stange halten. Bei meiner Ankunft hieß es gleich, Hakan wolle mich am Telefon sprechen. Kaum hatte ich ihn an der Leitung, überschüttete er mich gleich mit einer Flut wütender Beschimpfungen. Er faselte was von seinem Scharfsinn, mit dem er Dinge und Fakten herausgefunden hätte, die bewiesen, dass ich die Schuld für die eingetretene Misere tragen würde. Es war eine Mischung aus wild zusammengereimten Fantasien und Vorgängen, über die ich ihn teilweise selbst informiert hatte, die auch teilweise bereits monatelang bekannt waren. Diese hitzige paranoide Debatte dauerte über eine Stunde. Sie war gespickt mit Androhung von Gewalt bis hin zur Auslieferung an die Polizei. Die enthaltene Botschaft war klar und eindeutig. Innerhalb von 4 Wochen haben wir bewiesen, dass wir nichts auf die Reihe bekommen, haben das Unternehmen wieder dorthin gebracht, wo es im Januar stand. Kaum noch Mitarbeiter, kein verkaufsfähiges Produkt, der Schuldenberg wächst, wir verdienen kein Geld mehr und sollen sogar noch arbeiten. Doch wir sind großzügig, spiel wieder für uns den LENOR (leibeigener Neger ohne Rechte), dann geschieht dir nichts. Ob ich unter einem Gendefekt leide oder nur stur wie ein Panzer bin, so genau weiß ich es nicht. Droht man mir mit der Formulierung „Entweder-oder“, so entscheide ich mich prinzipiell für das „oder“ ungeachtet aller Konsequenzen, ich kann einfach nicht anders. Folglich knickte ich bei Hakan auch nicht ein, gab ihm einige logische Argumente zurück, wohl wissend, dass jede der Bürowände mehr davon aufnehmen würde als Hakan. Er brach dann das Gespräch ab und wollte zunächst mit Deutschland telefonieren.
- 219 -
Etwas später kam Izmail zu mir, er wollte mit mir reden und bat mich, mit ihm zu kommen. Als wir das Gebäude verließen, hatte sich ein kleines Empfangskomitee davor aufgebaut, 6 Polizisten standen da. Izmail steuerte geradewegs auf sie zu, sprach kurz mit ihnen und deutete auf mich. Scheinheilig meinte er dann zu mir, die Polizisten wollten meine Personalien überprüfen. Im Juni hatte ich noch im wahrsten Sinne des Wortes meinen Kopf für ihn hingehalten, jetzt lieferte er mich im Auftrag der „C-Brothers“ ans Messer, der Mann hatte Stil, das musste man ihm lassen. Um mich herum bildete sich ein Menschen-Pulk und aus den Gesprächsfetzen konnte ich entnehmen, dass er angab, Interpol würde mich suchen. Grinsend sah ich ihn an, sagte: „Ihr schadet Euch im Endeffekt mehr als mir. Viele Dinge im Leben rächen sich von selbst. Das wirst auch Du erleben:“ Für die Rolle des Judas wäre er aber denkbar ungeeignet. Bei den Passionsspielen in Oberammergau würde er selbst als Laiendarsteller gnadenlos durchfallen. Apo und ich lasen später die von ihm bei der Polizei gemachte Aussage mit seiner Unterschrift. Ein paar Tage danach traf mein Mogli ihn zufällig an einer Tankstelle. Nein, er hätte weder etwas gesagt noch getan, alles hätten Hakan, Kenan und Erdal veranlasst. Natürlich hätte er bei der Polizei nie was ausgesagt oder unterschrieben. Letztlich war dies unerheblich, mir blieb keine Wahl, als der freundlichen Einladung der Ununun-Polizisten Folge zu leisten. In ihrem kostenlosen Taxiservice begleitete ich sie zum Revier. Durch meinen Kopf schossen viele Gedanken, doch ich blieb relativ gelassen, dachte nur: „Jetzt hast du wohl die gleichen Chancen, wie eine Kuh beim Metzger“. Eine Flucht war unmöglich, zu viele Leute um mich herum, die Polizeistation schwer bewaffnet. Ganz genau wussten sie noch nicht, was sie mit mir anfangen
- 220 -
sollten. Der Unterschied zwischen der Person, die vor ihnen saß und dem Bild im Ausweis war ihnen schon aufgefallen. Alle versuchten, ein Gespräch mit mir anzufangen, behandelten mich sehr höflich und nett. Unschlüssig telefonierten sie hin und her, suchten scheinbar jemanden, der ihnen sagte, was zu tun sei und die Entscheidung abnahm. So saß ich 6 Stunden vorne am Empfang der Wache. Im Nachhinein betrachtet bin ich mir sicher, mit dem Pass meines Bruders, selbst mit meinem eigenen Originalausweises wäre ich trotz internationalen Haftbefehles nach 30 Minuten als freier Mann hinausspaziert. Nach endlosen Telefonaten hatte man sich zu einem Entschluss durchgerungen und sperrte mich in eine ihrer zwei Verwahrungszellen. Ein großes Gitter war gleichzeitig die Eingangstür, eine Pritsche mit Plastikbezug stand darin, die durfte ich mir mit einem angetrunkenen Ununun teilen, doch die einzige Wolldecke reichte für uns beide. Zumindest konnte ich so zwei Stunden vor mich hindösen, bis die Gittertür klapperte und ich hinausgebeten wurde. Wieder musste ich in einen Polizeiwagen steigen, ohne zu wissen, wohin die Fahrt ging. Bringen sie mich so schnell schon zum Flughafen oder in Auslieferungshaft waren meine ersten Gedanken. Doch der Weg führte uns zum Polizeipräsidium, um die obligatorischen Erinnerungsfotos zu schießen und meine Fingerabdrücke zu nehmen. Auf dem Rückweg vielleicht die Chance. Meine netten Begleiter machten einen kleinen Umweg zu einem Juwelierladen. Scheinbar gute Bekannte, 02.00 Uhr in der Nacht konnten sie dort noch ein Geschenk abholen. Keine Handschellen, alleine im Auto, die drei Beamten zwanzig Meter entfernt, mein Gehirn lief auf Hochtouren, sollte ich – oder sollte ich nicht? Die Straßen waren menschenleer, ich verfüge immer noch über einen guten Antritt. In Deutschland wäre mir die Entscheidung sicherlich leicht gefal-
- 221 -
len. Hier wäre es zu einer unüberlegten, überstürzten Aktion mit fragwürdigem Ausgang gekommen. Der Zeigefinger bei meinen Unununs sitzt recht locker, dafür zielen sie aber schlecht, doch lohnte es sich, dieses Risiko einzugehen? Zwanzig Minuten später leistete ich meinem Zellengenossen wieder Gesellschaft. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis meine wahre Identität ans Licht kam, mit meinen Fingerabdrücken hatten sie den Schlüssel dazu. So grübelte ich in diesem halbdunklen Raum vor mich hin, in den die Geräusche aus dem Empfangsbereich drangen, akustisch begleitet vom Schnarchen meines Nachtgefährten. Sachlich und ruhig begann ich meine Lage zu analysieren, zu überlegen, welche Entscheidungen ich treffen sollte, auch wenn der Spielraum dafür sehr eng begrenzt war. Das erste Mal in meinem Leben spielte ich mit dem Gedanken, aufzugeben. So ziemlich alles, was das Leben bieten konnte, ich hatte es schon erlebt, wovon viele träumen, fast alles hatte ich schon genossen. Der „200 Jahre Mann“, das war ich vor meiner Flucht für meine Assistentin. Wie im gleichnamigen Film mit Robin Williams, meinte sie, für das, was ich bereits erlebt hatte, müssten andere Menschen erst 200 Jahre alt werden. Nun saß ich hier in ihrem Heimatland, sah keine Perspektive und überlegt, ob es nicht besser sei, konsequenterweise die letzte Klappe fallenzulassen. Am Morgen verflogen auf einen Schlag diese dunklen Wolken, ein schwarzer Schleier, der zerrissen wurde, wie ein böser Zauber, den es nie gegeben hatte. Cenk stand an der Gittertür und lächelte mir zu, im Schlepptau einen Anwalt, für den er als Dolmetscher fungierte. Spontan schoss es mir durch den Kopf, bislang dachte ich, nur in den Wildwestfilmen kommt es vor, dass im letzten Moment die Kavallerie auftaucht, um die Indianer zu vertreiben.
- 222 -
„Wenn Du nicht an Dich glaubst, wer soll dann noch an Dich glauben?!“ ein Satz, den ich häufig zu Verkäufern sagte. Meist dann, wenn sie an sich zweifelten oder vor scheinbar unlösbaren Schwierigkeiten standen. Mit Cenk waren wir nun schon zu zweit, einer mehr, der an mich glaubte und mir auch dadurch Hoffnung gab. Der Kämpfer in mir war wieder erwacht, Clint, einer meiner Nicknamen, wie Clint Eastwood, der Mann, der niemals aufgibt. Cenk und sein Anwalt hatten was zu essen mitgebracht, und während ich das Baguette hungrig in mich hineinstopfte, besprachen wir die wichtigsten Punkte. Im Anschluss daran brachte man mich zu Gericht und die Beiden begleiteten mich. Dort führte man mich dem Haftrichter vor, es spielte rot gegen grün. So taufte ich das Ganze salopp, denn die Richter trugen ein sehr breites, rotes Revers am Talar, wogegen die Anwälte mit einem grünen gekennzeichnet sind. Das Spiel dauerte auch nur fünf Minuten und endete unentschieden. Der Richter bestimmte, bis zur Klärung meiner Identität müsste ich zwar nicht in Haft, aber den Zeitraum bis dahin in der „Ausländerpension“ verbringen. Die Bezeichnung rührte daher, dass das Gebäude wohl tatsächlich früher eine kleine Pension war, bevor man überall Gitter anbrachte. Ohne Mauern und Zäune stand es einfach im Wohngebiet. Doch Bewertungssterne konnte ich beim besten Willen nicht an die Pension verteilen. Das Angebot ließ objektiv zu wünschen übrig. Die Zimmer waren etwas überfüllt, in jedem ehemaligen Pensionszimmer waren 8 bis 10 Personen untergebracht, bei 20 Quadratmetern war dadurch der Bewegungsraum recht eingeschränkt. Das Freizeitangebot überzeugte nicht unbedingt durch Kreativität, aufgrund der Platzverhältnisse konnte man den ganzen Tag nur auf dem Bett liegen und in die Glotze schauen. Die Mahlzeiten hatte man dem Ambiente angepasst, so gab es nur
- 223 -
ein spartanisches Frühstück, bestehend aus einem Stück Brot, einer Scheibe Wurst und einer Miniportion Marmelade. Das Mittag- und Abendessen hatte man zu einer Mahlzeit zusammengefasst und wurde in einer Schale aus Aluminiumfolie gegen 18.00 Uhr gereicht. Die eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit berücksichtigte man bei der Größe der Portionen, sie waren sehr übersichtlich und die Kartoffeln genau abgezählt. Da sie immer kalt geliefert wurden, konnte man getrost von einer sehr figurfreundlichen Kost sprechen. Das Personal war freundlich und bemüht, trotz ihres sehr dürftigen Leistungsangebotes, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Hervorzuheben war der zuverlässige Lieferservice des benachbarten Kioskes, der auf Klingelzeichen die Kleinigkeiten des täglichen Bedarfes frei Haus brachte. Zudem stand ein öffentlicher Fernsprecher im Flur zur Verfügung. Hatte man sich durch Klopfzeichen bemerkbar gemacht, wurde man aus dem Zimmer gelassen und konnte ihn benutzen. Für Sprachreisende dürfte es vielleicht eine interessante Alternative darstellen, auf engsten Raum russische, arabische, englische und turkmenische Sprachkenntnisse zu vertiefen. Insgesamt konnte ich das Angebot nicht positiv beurteilen. Die Pension ist für einen geplanten Kurz- oder Langzeiturlaub nicht zu empfehlen. Doch man sollte auch die positiven Seiten dieses Aufenthaltes sehen, ermöglichte er doch, Kernfragen der deutschen Innenpolitik aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen. Der zwangsläufig tägliche Fernsehkonsum eröffnete völlig neue Horizonte. Verfolgt man die deutschen Medien, so stößt man immer häufiger auf Beiträge, die sich mit der Integration der Emigranten auseinandersetzen. Bei den verschiedenen Auswertungen rangiert in den Statistiken die Bevölkerungsgruppe der Unununs meist auf
- 224 -
dem letzten Platz, ist die mit den größten Problemen behaftete Bevölkerungsschicht. Mit den unterschiedlichsten Konzepten versuchte man in der Vergangenheit, das zu verbessern, Lösungen zu schaffen und das wachsende Konfliktpotenzial zu entschärfen. Mehr oder weniger schlugen bislang alle fehl, eine nachhaltige Veränderung wurde so gut wie nie erzielt, der Status quo besteht weiterhin. In dieser Hinsicht agieren unsere Politiker hektisch, aktionistisch, und wie es scheint, weitestgehend ratlos. Nach zwei Jahren in diesem Land und dieser Zeit der intensiven Fernsehberieselung war für mich klar erkennbar – der Ansatz ist bereits falsch. Die bislang eingeschlagenen Wege werden fast immer in einer Sackgasse enden, wenig bewirken. Stammt nicht von unserem ehemaligen Verteidigungsminister Peter Struck der Satz: „Deutschland wird schon am Hindukusch verteidigt!“? Er gilt auch für die brennende Frage der Migranten, wenn auch in abgewandelter Form. „Die Integration beginnt in Istanbul“. Warum und wieso gerade in dieser Stadt? Die Antwort liegt auf der Hand, dort befinden sich die meisten Fernsehsender. Das Erste, was ein Ununun, egal ob in Deutschland oder in seiner Heimat morgens sieht, ist das Fernsehprogramm. Abends ist es das Letzte, was er wahrnimmt, bevor er einschläft. Die Lösung ist wie so oft bereits im Problem enthalten. Nehmen wir an, man würde Reich-Ranitzki, unseren selbst ernannten Literaturpapst und Fernsehkritiker an einen Stuhl ketten. Zwei Tage müsste er die Sendungen der hiesigen Sendeanstalten über sich ergehen lassen, mit und ohne Übersetzung. Ohne mit der Wimper zu zucken, würde er danach Marienhof, GZSZ und ähnlich tiefschürfende Serien für den Grimme-Preis und weiter Auszeichnungen vorschlagen. In seinen Kolumnen würden sich fortan nur noch Lobeshymnen über die Qualität des deutschen Fernsehens
- 225 -
wiederfinden. Dem tapferen Volk der Unununs kann man nur absolute Hochachtung zollen. Die Suizidquote ist weder ins Uferlose gestiegen noch leiden alle unter Depressionen, maximal jeder Zweite, obwohl sie täglich schutz- und hilflos dem einheimischen Fernsehen ausgeliefert sind. Nein, so schlecht ist die Qualität selbst auch wieder nicht. Wie bei uns finden sich mediale Highlights wie „deal or no deal“, „Das perfekte Dinner“ oder Hugo Balders „Tutti-Frutti“ nur ohne blanken Busen. Also Sendungen, über deren Niveau oder Nutzen sich schon in Deutschland trefflich streiten lässt. Natürlich ist alles auf Ununun-Format getrimmt und genau so geistreich. Die wirklichen Gefahren lauern jedoch wo anders. In der frühen Steinzeit des deutschen Fernsehens gab es häufig noch Bergbauerfilme, so richtig mit Alm, glücklichen Kühen, Liebe, Herzschmerz und was sonst noch dazugehörte. Das gibt es hier auch, oder zumindest so ähnlich und flimmert bereits morgens um 08.00 Uhr über die Mattscheibe. Nur hat man den AlmÖhi ausgetauscht gegen bärtige Gestalten, wilde Bergvölker in abgelegenen Dörfern oder auch bisweilen im riesigen Istanbul, wo Familien in den ärmlichen Vororten mit ihrem garstigen Schicksal ringen. Doch dreht es sich weniger um Herz und Schmerz, sondern es geht so richtig zur Sache. Die Kinder werden abwechselnd untereinander geraubt, verschleppt, ausgesetzt oder in auswegloser Lage aus Verzweiflung getötet. Bewegende Familiendramen, in denen aus Gründen der Ehre, der Vater die Tochter, der Bruder die Schwester umbringt. Beliebt sind auch die Komplettlösungen, zuerst murkst der Mann die Ehefrau, dann die Schwester ab, eventuell als Zugabe die Kinder und weitere Familienangehörige. Die böse Schwiegermutter, die die ganzen fiesen Intrigen angezettelt hat, stirbt fairerweise am Ende an einem
- 226 -
Herzinfarkt, nachdem alle erschossen oder erstochen wurden. Läuft alles optimal und rund, ist am Schluss die ganze Großfamilie ausgelöscht. Alles inklusive eimerweise Tränen, wehklagen und dramatischer Trauermusik, gegen die sich Beethovens 9. wie ein lustiger deutscher Schlager anhört. Von 08.00 – 24.00 Uhr, das auf allen Kanälen, die wunderschöne Botschaft, das Leben ist trost-, sinn- und ausweglos. Leben? Wozu, es geht sowieso schief. Soll da noch ein Volk optimistisch in die Zukunft blicken? Müssten nicht alle sagen, wo ist die nächste Straßenbahn, hinter die ich mich werfen kann? Selbstverständlich gibt es dazwischen noch Fußball, einige GameShows und Politik, davon aber reichlich. Man stelle sich vor, jeden Tag auf 4 Kanälen gleichzeitig Angela Merkel in den Wohnzimmern. Welche Auswirkungen hätte das auf die deutsche Volksseele? Welche Auswirkungen müsste man als schlimmer erachten, die der Weltwirtschaftskrise oder die Dauerpräsenz von „Angie“? Hätte dann eine Erholung der Konjunktur überhaupt noch eine realistische Chance? Aber es gibt auch Interessantes, die Serie mit Gevatter Ibrahim, die es hier gibt, birgt schon einen gewissen Reiz. Anscheinend ist sie so beliebt, dass sie bisweilen zweimal am Tag ausgestrahlt wird. Die Sendung mit versteckter Kamera, weniger unter dem Motto: „Verstehen Sie Spaß?“ eher „Wie misshandele ich meine Frau, meine alte Mutter, Vater oder alle zusammen?“ Garantiert live gefilmt, alle Szenen werden in der Sendung sechs bis achtmal wiederholt, damit auch kein Schlag oder Tritt entgeht. Wiederholungen müssen sein. Anfangs verstand ich nicht, weshalb jeder Filmbeitrag zur Nachrichtenmeldung dreimal gezeigt wurde. Nachdem ich bei Schulungen der Agenten dazu überging, wichtige Dinge dreimal zu erzählen, hatte ich direkt bessere Ausbil-
- 227 -
dungserfolge und meine Erklärungen wurden zumindest einmal verstanden. Gevatter Ibrahim gelingt es irgendwie immer, nach den versteckten Aufnahmen die Übeltäter ins Studio zu locken. Dort hält er ihnen zunächst eine ordentliche Standpauke. Danach werden sie im Rahmen der Familienzusammenführung mit ihren gepeinigten Opfern konfrontiert. Gemeinsam schaut man sich dann die netten Familienvideos an. Die kleinen HobbyPsychopathen leiden meist unter partiellem Gedächtnisverlust, haben sich unter den Tisch verkrochen oder erklären mit ernstem Kennerblick, das seien Fotomontagen. Der finale Schluss ist immer am interessantesten. Je nach Einsicht des Sünders und Grad der Misshandlung wartet am Studioausgang die Polizei. Die Verhaftung wird dann live vor laufender Kamera durchgeführt. Ganz entziehen kann man sich dieser Faszination nicht, selbst ich ertappte mich dabei, mit zu überlegen, das Ergebnis zu tippen. Wird man ihn oder sie gleich wegfischen? Oder lässt Ibrahim seine Beute mit einigen ernsten Ermahnungen, so was bei Allah nie wieder zu tun, davonkommen? Der deutsche Staat und das Fernsehen sind hier gleichsam gefordert. Eine Reihe von Lösungen bieten sich an, bei denen die so gerne zitierten Synergie-Effekte voll und ganz greifen würden. Deutsche Serien sind in diesem Land gefragt, wie beispielsweise „Cobra 11“ beweist. Aber wer stellt bei dieser Serie einen Kommissar dar? Ein Ununun, es fehlen also nur die Identifikationsfiguren. Richtig angepackt, schon geht es, selbst die Synchronisationskosten werden getragen, was spricht dagegen, dies auszuweiten? Logisch, bei manchen Sendungen geht das nicht ganz. Würde bei „Derrick“ Horst Tappert sagen: „Mehmet hol schon mal den Wagen!“, hätte zumindest das ältere Publikum gewisse Probleme. Doch die Krimi-Serie „Ein Fall für zwei“, Matula ist auch
- 228 -
schon etwas in die Jahre gekommen. Warum nicht ein Jüngerer? „Gestatten, mein Name ist Yildirim, Mustafa Yildirim, Privatdetektiv.“ Geht doch auch. Vielleicht würde man sogar eine junge, weibliche Zielgruppe hinzugewinnen?! Ein Tatortkommissar „Alpaslan Görgülü“ ermittelt, neue Gags für die Drehbuchautoren ergeben sich zwangsläufig. Am Tatort die Vorstellung bei Zeugen oder Opfern: „Wie heißen Sie noch mal? Das ist aber kein richtig deutscher Name.“ Nach der dritten Wiederholung seines Namens fingert der Kommissar genervt seine Visitenkarte hervor, damit er mit seiner Befragung endlich beginnen kann. Natürlich kann man dagegen halten, es gäbe in Deutschland keine oder nur wenige Ununun-Kommissare in der Realität. Haben aber nicht schon in Actionfilmen farbige Schauspieler den amerikanischen Präsidenten gegeben, als noch niemand an Barack Obama dachte? Unsere Bevölkerung und die Migranten wachsen schneller zusammen, verstehen sich besser. Ein Tatort, der in Halle oder Bitterfeld spielt, die UnununHausfrau , die morgens schon Fernsehen schaut, erkennt, es gibt ja in Deutschland noch mehr Städte, in denen es genau so schlimm ausschaut wie in Duisburg-Marxloh oder –Meiderich. Den Menschen dort geht es anscheinend auch nicht besser. Das schafft Solidarität, Nähe und Vertrauen. Die Erkenntnis, es gibt in Köln ein Leben außerhalb von Chorweiler oder der Keupstraße. Berlin besteht nicht nur aus Kreuzberg oder Neukölln, da will man raus. Das schafft Kontakte, das kurbelt die Wirtschaft an. Bei Marienhof eine Zeynep, eine Fatma bei GZSZ, diese Serien suchen ständig untalentierte, billige Darsteller. Unununs sind es gewohnt,, für wenig Geld zu arbeiten. Für die Daily-Soaps schlummern hier Riesenpotenziale und ein bislang unangetasteter Markt. Alle würden gewinnen, weniger deprimierte Unununs,
- 229 -
besser integriert und motiviert. Die Zahl der traurigen, gewaltbeladenen Filme würde automatisch abnehmen. Die neuen Sendungen wären in ihrer Muttersprache, auch die zweite Generation würde so noch die deutsche Kultur besser kennenlernen. In den Daily-Soaps würden sie mit den wahren Problemen des Lebens konfrontiert werden. „Mein Armani-T-Shirt ist eingelaufen, was soll ich tun?“ Bestimmt auch eine Riesenhilfe für die Eltern, ihre Töchter besser zu verstehen, wenn Ayse ihrer Freundin Gül bei GZSZ gesteht. „Jürgen hat mich geküsst. Bin ich jetzt schwanger?“ Könnte nur danebengehen, wenn die Mutter mitfiebert und sich mit dem Kommentar einschaltet: „Die dumme Kuh braucht doch nur einen B-Test zu machen, dann weiß sie direkt Bescheid!“ Die Jugendlichen, die bei der Filmproduktion unterkommen würde, führten zu einer Entlastung der Arbeitslosenstatistik. Der männliche Anteil von ihnen müsste bei den täglichen Talkshows nicht mehr den „dummen August“, pardon, Ali darstellen. Für die deutsche Filmindustrie würde es sich wirtschaftlich lohnen, ein neuer Markt um das gleiche Produkt doppelt zu vermarkten. Die Bundesregierung könnte sich die Fördermaßnahmen zur Integration sparen, da die Synchronisation in Istanbul vorgenommen würde, könnten viele Sprachkurs entfallen, die so eingesparten Gelder könnten zur Subvention der Filmbranche genutzt werden, die dadurch die Produktionen wieder billiger anbieten könnte. Die Serien würden somit schneller verkauft und alles rasch mit Leben erfüllt werden. Die Effizienz einer solchen Strategiewürde alle bisherigen Integrationsmaßnahmen in den Schatten stellen. Niemand könnte sich ihr entziehen, der gravierendste Vorteil dabei wäre, dass die Dauerberieselung garantiert wäre. Während des Projekts „medical line“ lud uns die Zahnklinik zum Beweis ihrer Leistungsfähigkeit zu einer Demo-Behandlung ein.
- 230 -
Dabei entfernten sie uns den Zahnstein und führten allgemeine „Wartungsarbeiten“ an unseren Beißerchen durch. Verblüfft stellte ich fest, dass an jedem Behandlungsstuhl ein Fernsehmonitor für den Patienten angebracht war. In den neuen Kleinbussen, den besagten Dolmuschs, befindet sich seit einem Jahr in jedem neueren ein Fernseher, der durchgehend läuft. In den Firmen findet man in allen Büros ab der Position Abteilungsleiter eine ständig laufende Mattscheibe vor, selbst bei Besprechungen wird er nicht ausgeschaltet. Jede ausgestrahlte Serie wird zwei, drei Tage später wiederholt, eine neue Folge hat immer einen Vorspann von mindestens 30 Minuten, in dem die wichtigsten Passagen der vorhergehenden wiederholt werden. Natürlich werden auch die wieder angesehen, um zu überprüfen, ob sich auch wirklich nichts verändert hat. Die Durchdringungsrate wäre somit genial und auf jeden Fall sichergestellt. Einfacher und schneller könnte man keine perfekte Integration herbeiführen. Den Bereich der Gerichts-Shows sollte man allerdings außen vor lassen, da würden zwei verschiedene Welten aufeinandertreffen. Eine Erkenntnis, die auf zwei Gerichtsurteilen basiert, die ich hier drin aus unmittelbarer Nähe mit erleben durfte. Haftstrafen von 55 oder 330 Jahren für Vergehen, die in europäischen Ländern Strafen von 3,4 Jahren nach sich ziehen würden, könnten vielleicht doch etwas schwer vermittelbar sein. Ansonsten ist das Marketing der Medien hier professionell und sehr raffiniert. Schleichwerbung gibt es nicht, rigoros wird sie unterbunden. Jede Firmen- oder Markenbezeichnung, noch so zufällig oder bedeutungslos, wird konsequent überblendet. Man sieht den schraffierten Balken, automatisch stellt man sich die Frage: „Wurde soeben das Logo von Prada, Gucci oder Aigner
- 231 -
ausgeblendet?“ oder „Das Hotel hast du schon mal gesehen, zu welcher Kette gehört es noch mal?“ Sehr geschickt, einfach eine clevere Strategie. Mit Mord und Totschlag hat man die geringsten Probleme und auch die Leichen bei Verkehrsunfällen kann man in den Nachrichten nicht oft genug zeigen. Doch mit den Zigaretten ist das so eine Sache, knallhart wird auf jede Kippe ein runder Grauschleier gelegt. Horst Tappert spielt mit angeklebtem Vollbart? Wem würde es auffallen? Vielleicht noch zur Bemerkung führen: „Ich weiß nicht, irgendwie sieht der Derrick heute anders aus als sonst.“ Mit dem grauen Punkt im Gesicht? Garantiert liefen beim Sender die Telefone heiß: „Seit wann raucht denn der Derrick?“
- 232 -
Kapitel XI Vier Wochen unterzog man mich dieser brutalen Fernsehfolter. So lange benötigte man, um über Interpol meine tatsächliche Identität herauszufinden. Fast täglich besuchte mich mein Mogli, versorgte mich mit frischen Kleidern, mit allem, was ich brauchte, insbesondere aber mit Telefonkarten. Über die Telefonzelle im Flur hielt ich den Kontakt mit unseren Partnern in Deutschland, betreute, soweit es ging, unsere Center, löste für sie Probleme. Am Tag verbrachte ich so einige Stunden nur mit Telefonaten. Mit der eingetretenen Situation war Apo etwas überfordert, die Zeit war zu kurz gewesen, um ihn auf so etwas vorzubereiten. Deshalb musste ich alle Anweisungen für die weiteren Abläufe erteilen und telefonisch unsere Mitarbeiter motivieren. Durch die Ereignisse waren sie geschockt, mir blieb nur, sie zu trösten und wieder aufzurichten. Sie vermissten mich und auch mein Essen. Mit Hilfe eines neuen Anwaltes versuchten wir, mich aus dieser misslichen Lage herauszuboxen. Wie es sich für einen ordentlichen Ununun-Anwalt gehört, versicherte dieser mir, alles sei kein Problem. So ganz eindeutig drückte er sich aber nicht aus, meinte er nun für mich oder für ihn? Die erste Woche glaubte ich ihm noch, seine Auftritte waren einigermaßen überzeugend. Danach begann ich, unsere Gespräche zu analysieren. Dabei musste ich erkennen, dass er bei jedem Besuch mir so ziemlich das genaue Gegenteil von dem berichtete, was er mir beim letzten Termin erzählt hatte. Vereinfacht charakterisieren Männer ihre Beziehung zu Frauen oft so: „Es geht nicht mit ihnen aber auch nicht ohne sie“. Den Rechtsanwälten haftet ein ähnlicher Ruf an. In Amerika gibt es die meisten davon und auch genauso viele Witze über sie. „Was sind 200 Anwälte auf dem Meeresgrund?“ „Schon mal ein guter An-
- 233 -
fang“. Einen leichten Stand haben sie nirgendwo, auch in Deutschland betiteln manche sie als Blutsauger. Wogegen der Begriff „Raubritter“ für diese Berufsgruppe hier im Land fast schon als Kompliment zu werten wäre. Ihre Vorgehensweisen sind hier bei fast allen gleich, die Abläufe ziemlich identisch, alle Mithäftlinge, mit denen ich darüber sprach, konnten mir es immer wieder detailgenau bestätigen. Genau wie bei meinem kleinen, dicken Wegelagerer, er zählte zunächst einmal auf, wenn er aus seiner Schulzeit oder aufgrund seiner hervorragenden Kontakte alles kennen würde. Das begann beim Polizeipräsidenten, bei Richtern und Staatsanwälten bis hin zu sämtlichen wichtigen Personen, die in diesem Verfahren eine Rolle spielten. Dann erfolgte die Zusage, nächste Woche sei alles erledigt und ich wäre frei. Konnte da noch was schief gehen, wo man doch das Glück hatte, genau den richtigen Mann gefunden zu haben? Also konnte ich mich in guten Händen fühlen und beruhigt die nächste Woche abwarten. Und so sicher, wie diese Woche kam, folgte auch auf diese die nächste, der garantiert auch wieder eine nächste nachkam. Es gab immer eine nächste Woche. Nun wurde ein Honorar aufgerufen, bei dem selbst ein guter deutscher Strafverteidiger zustimmend genickt hätte. Dann gab es zwei Möglichkeiten. Wurde zunächst nur ein Teil des vereinbarten Salärs gezahlt, drehten sich alle weiteren Gespräche hauptsächlich um die Zahlung der verbliebenen Restsumme. Der Fall selbst konnte getrost in den Hintergrund treten, er wurde nur noch beiläufig erwähnt. Mit allen Mitteln versuchte er nun, Druck aufzubauen, um die Auszahlung herbeizuführen. Eine Zitrone in einer Saftpresse musste sich im Vergleich dazu wie in einem Entspannungsbad fühlen. Hatte man ihm leichtsinnigerweise sein komplettes Honorar gezahlt, so hatte er eigentlich seine Haupt-
- 234 -
aufgabe erfüllt. Gelassen konnte er sich zurücklehnen, um gemeinsam mit seinem Mandanten interessiert den weiteren Fortgang des Verfahrens zu beobachten. Während dessen Verlaufes wurde er immer von heftigen Schüben Alzheimer light heimgesucht. An irgendwelche Zusagen oder Versprechen konnte er sich partout nicht mehr erinnern. Anträge ans Gericht, um die Dauer bis zur Verhandlung zu verkürzen oder eine Änderung der Situation herbeizuführen, reichte er eher selten ein. Das hätte glatt in Arbeit ausarten können. Zudem vertrat er die Auffassung, dass so etwas kaum Aussicht auf Erfolg haben könnte, warum es also erst versuchen? Immer locker bleiben, schließlich ging es ja nicht um seinen Kopf, oder?! Das Verhaltensmuster ist wirklich bei allen Anwälten hier gleich, in der Verhandlung steht er seinem Mandanten hilfreich zur Seite. Mit piepsiger Mausstimme und der Körperhaltung eines Schuljungen, der gerade von seinen Eltern beim Rauchen erwischt wurde, stammelt er sich ein, zwei Sätze zurecht und entschuldigt sich dafür, dass er hier ist. Nimmt dann hurtig wieder auf seinem Stühlchen Platz, um sich für den Rest der Verhandlung in Schweigen zu hüllen und einen demutsvollen Gesichtsausdruck gegenüber dem Richter aufzulegen. Ab und zu mal ein scheuer Blick zum Mandanten, der vor der Gerichtsschranke steht, gepaart mit dezenten Handzeichen, als hätte er alles im Griff. Nachdem der Richter das Urteil verkündet und den Saal verlassen hat, ist er aber wieder obenauf. Mit großen Gesten erklärt er seinem Anvertrauten haarklein, was in der Verhandlung alles schief gelaufen ist und das Urteil so konträr zu seinen Prognosen ausgefallen ist. Natürlich liefert er auch die genauen Gründe, warum das Gericht so und nicht anders entscheiden musste. Treuherzig beteuert er
- 235 -
gegenüber seinem Mandanten, er habe alles getan, was in seinen Kräften stand, er habe alles versucht. Bei meinem Termin vertrat mich Kalle Wirsch. In meinen Kindheitstagen gab es die Augsburger Puppenkiste, die jeden Sonntag mit der Geschichte des kleinen, dicken Raubritters Kalle Wirsch ausgestrahlt wurde. Ihr schien mein Anwalt direkt entsprungen zu sein, körperlich und charakterlich hatte man kein Detail ausgelassen. Nun hüpfte er auf der Gerichtsbühne als Anwaltsmarionette herum. Nach meinem Prozess lobte er mich überschwänglich, ich hätte sehr gut gesprochen, wäre hervorragend mit dem Richter und der Staatsanwältin umgegangen. Es gibt in der deutschen Sprache einige Worte, Substantive, die mit einem großen A beginnen. Zwei, drei bestimmte davon schossen mir nach seinen Sätzen durch den Kopf, verraten möchte ich sie aber nicht. Aber ich hätte sie ihm gerne um die Ohren gehauen. Seinen Job durfte ich machen, da er sich auf seinem Platz am liebsten in ein Mausloch verkrochen hätte und den Mund nicht aufbekam. Jetzt erzählte er mir so was. War der Mann noch ganz dicht? Das Urteil fiel so aus, wie ich es erwartet hatte, und war keine Überra schung, auch wenn mein kleiner Kalle Wirsch vorher versucht hatte, einige Hoffnungsfeuer bei mir zu entzünden. Er konnte mir keine Geschichten mehr erzählen, das Ergebnis war mir schon vorher klar. Aber ein Ununun würde niemals lügen, insbesondere kein Anwalt. Man könnte höchstens sagen, sie pflegen einen sehr kreativen Umgang mit der Wahrheit. Speziell für diesen Begriff gibt es in der Ununun-Sprache fast 20 verschiedene Ausdrücke, mittlerweile weiß ich auch, warum. Wittert ein Ununun-Anwalt nach der Verhandlung immer noch lohnende Beute, ist er auch durchaus bereit, sein Opfer weiterhin im Gefängnis zu besuchen. Außer Händchen halten und den „Li-
- 236 -
la-Laune-Bär“ zu spielen kann er nichts weiter bewirken, das ist ihm bewusst, doch seine bloße Anwesenheit sollte doch schon ein weiteres dickes Honorar wert sein. Ist sein Mandant naiv genug und reichlich Geld vorhanden, ist ein ausgehungerter weißer Hai ein harmloser Goldfisch im Vergleich zu ihm. Strafverfahren in Deutschland sind relativ einfach, die Rollen klar verteilt. Im Saal sitzen vorne Richter und Staatsanwalt, man weiß, so richtig wohlgesonnen sind die einem nicht. In diesem Land weiß man aber nicht so ganz genau, sitzt der gefährlichere Gegner vorne oder nicht doch direkt neben einem. Hätte ich noch nicht ausreichend Wörter für meinen Begriff „Ununun“ gehabt, alleine diese Berufssparte könnte mit ihren „Fähigkeiten“ einen kleinen Berg der „Un“ dazu beitragen. Eine schnelle, vielleicht sogar positive Lösung zu schaffen, diese Hoffnung konnte ich zu Grabe tragen. Dessen wurde ich mir bewusst, der rechtliche Weg war bei dieser Form der Unterstützung eine Sackgasse. Folglich begann ich, die Schwachstellen im Bewachungsbereich der „Pension“ zu sondieren. Davon gab es reichlich, es brauchte keiner langen Suche. Oft ist der beste Weg der gleiche, wie man auch hineingekommen ist, die Tür. Ein Kinderspiel, eine Aktion von 20 Sekunden. Im Büro saß ein Beamter, unbewaffnet, danach folgte der Vorraum des Eingangsbereiches mit der Gittertür, das Tor zur Freiheit. In ihrem Schloss steckte meist der Schlüssel. Für eine Bestellung beim Kiosk betraten wir den Vorraum, klingelten und ein Angestellter des Marktes kam herüber. Er empfing das Geld, nahm die Bestellung auf und brachte das Gewünschte. Bis dahin wartete man an dieser Gittertür alleine auf ihn. Die Zwischentür zum Büro war angelehnt, der Wärter widmete sich Videospielen oder hörte Musik. Neben der Zwischentür befand sich direkt ein vergittertes Fenster, meinen
- 237 -
Gürtel musste ich nur durchschieben und über die Klinke der Tür ziehen, einmal festzurren, schon hatte ich einen weiteren Vorsprung von zwei, drei Minuten. Vielmehr Zeit, als ich überhaupt benötigte, um im nahegelegenen Häusermeer unterzutauchen. Sonntags saß ich mit einem der Beamten vorne im Büro zum Kaffee, unterhielt mich mit ihm und konnte in aller Ruhe die Monitore der Überwachungskameras betrachten. Darauf war wunderbar zu erkennen, bis zu welchem Punkt die Straßen einsehbar waren. Die Entfernung bis zur ersten Straßenecke betrug rund 50 Meter, danach war ich außerhalb des Kontrollbereiches. Um von der Bildfläche zu verschwinden, benötigte ich nach dem Verlassen der Pension zwischen 15 und 20 Sekunden. Die Laufwege standen fest, die Abfolge im Vorraum genau durchdacht. Die Abläufe dort mussten in Fleisch und Blut übergehen, automatisch erfolgen. Auf der Toilette begann ich, unbemerkt von den anderen „Zimmergästen“ zu trainieren. Mir war klar, brachte ich den Gürtel unauffällig und sicher an der Tür an, gewann ich eine Menge Zeit, sicherte mir einen gewaltigen Vorsprung. Nach einigen Tagen war ich bereit. Jeder Handgriff saß, als lief fast schon unbewusst ab. Die Strecke bis zur entscheidenden Straßenecke war ich im Kopf bereits hundertmal gerannt. Jetzt kam es nur noch auf den richtigen Augenblick an. Doch den schob ich vor mir her, Zweifel wuchsen in mir. Nicht an meinem Plan, der war sicher und ohne Risiko. Rauszukommen war kein Problem. Das Weiterkommen bereitete mir Kopfzerbrechen. Alle hatten mir Hilfe und Unterstützung zugesagt. Ein Neubeginn, 600 Kilometer weiter in einer anderen Stadt war auch bereits vorbereitet. Aber auch die Zuverlässigkeit meiner Unununs war mir wohl vertraut. Lippenbekenntnisse gab es immer zu Hauff, ging es hart auf hart, wurde immer gnadenlos gekniffen.
- 238 -
Meinen Weg konnte ich immer alleine finden, auch ohne Hilfe. Doch wollte ich es noch? Wieder auf der Flucht, Hakans gab es überall. Würde ich nicht mein Gefängnis gegen einen anderen Käfig eintauschen. Frei und doch gefangen, wie bei der DWA, was nützen goldene Gitterstäbe? Keine Abhängigkeit mehr, nicht noch einmal modernes Sklaventum, so lautete mein Entschluss. Lieber kämpfend untergehen mit allen Konsequenzen, als dass irgendjemand wieder versuchen konnte, über mein Schicksal zu bestimmen. Die Musik von den „Böhse Onkelz“ ist Geschmackssache und auch nicht unbedingt meine Musikrichtung, aber ihr Titel „Lieber aufrecht sterben als wie ein Knecht zu leben“ trifft so ziemlich den Kern der Sache. Deshalb gab es auch keine weiteren Fluchtepisoden mehr, die Dinge wurden jetzt auf rechtlicher Ebene ausgefochten. Natürlich sah meine Lage alles andere als rosig aus, doch einer meiner Lieblingssprüche besagt: „Die Leichen werden erst nach der Schlacht gezählt“ oder um es mit den Worten von Kaiser Franz zu sagen: „Schaun mer mal“.
Am 07. Januar war mein Geheimnis gelüftet, meine wahre Identität bekannt. Zur Verkündung des Beschlusses brachte man mich zum Gericht. Mein Mogli war ebenfalls anwesend und in der Wartezeit gab ich ihm Anweisungen für die weitere Fortführung des Geschäftes. Alle Kontakte, die dafür notwendig waren, besprach ich mit ihm, erklärte ihm, was er tun musste, um den weiteren Geldfluss für die Firma sicherzustellen. Vorläufig würde ich genug Zeit haben, um mir Gedanken zu machen, wie ich ihn trotz meines sehr eingeschränkten Handlungsspielraumes weiter unterstützen könnte. Er versprach mich bald zu besuchen und meine Kleider mitzubringen, den die waren alle in der Pension verblieben. Zum letzten Mal umarmten wir uns, dann brachte
- 239 -
man mich in das offizielle Gefängnis von Antalya. Auf dem Weg dorthin musste man mich noch mal in Versuchung führen. An einer Tankstelle außerhalb der Stadt hielten meine recht vertrauensseligen Begleiter an, um darin mit einem Besitzer einen kurzen Plausch zu führen. Mich ließen sie ohne Handschellen im Auto mit laufendem Motor zurück. Hatten sie keine Lust auf die Formalitäten bei der Aufnahme? Sie drückten mir quasi ein Ticket zur Freiheit in die Hand, es war dunkel, der Wagen vollgetankt. Doch ich hatte meine Entscheidung getroffen, wollte nicht mehr und schüttelte über so viel Naivität nur den Kopf. Gemeinsam fuhren wir nach einigen Minuten weiter, die letzten Kilometer, bis im Licht der Scheinwerfer die hohen Mauern mit ihren Stacheldrahtkronen auftauchten, die Haftanstalt, meine momentane, unfreiwillige Heimat, zusammen mit 1.000 anderen Gefangenen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“. Mit dieser Einstellung versuchte ich, der Situation trotz aller Beeinträchtigungen und Einschränkungen eine positive Seite abzugewinnen. Eine große Veränderung war es im Vergleich zu meiner Zeit bei der DWA eigentlich nicht. Die Großraumzelle war als Duplex aufgebaut, im oberen Bereich mit 5 Schlafzellen, im unteren mit zwei weiteren, dem Küchenbereich und den sanitären Anlagen. Von der Küche gelangte man durch eine Tür in einen ca. 80 qm großen Innenhof. Da die Russen erst ab Saisonbeginn Anfang April kamen und hier schnell das Kontingent auffüllen würden, genoss ich den Luxus einer Einzelzelle. Morgens um 07.00 Uhr gab es Frühstück, um 12.00 Uhr den Mittagstisch und um 18.00 Uhr Abendessen. In dieser Hinsicht ging es mir sogar besser als bei der DWA. Kümmerte ich mich dort nicht selbst um den Einkauf und kochte, gab es halt einfach nichts zu essen. Hautsache, Kenan war satt und hatte seinen Wodka,
- 240 -
ihm fiel noch nicht einmal auf, als ich 4 Tage gar nichts aß. Eigentlich wollte ich damit herausfinden, ob er überhaupt was mitbekam, sich wenigstens ein paar Gedanken machte. Wie konnte ich nur so einfältig sein und das auch nur im Geringsten annehmen? Bis 14.00, 15.00 Uhr hatte ich den Küchenbereich und den Innenhof für mich alleine. Dann quälten sich langsam die ersten meiner Mitbewohner aus ihren Betten. So konnte ich in aller Ruhe frühstücken. Nachdem auf mein Anstaltskonto hier Geld eingezahlt worden war, konnte ich bei Gefängnis-Market einige Einkäufe tätigen. Dadurch konnte ich improvisieren und das Essen etwas individueller gestalten. Mit wenig Geld konnte man schon viel bewirken und es sich etwas angenehmer gestalten. Morgens gab es frisch gepressten O-Saft, mal einen Tomaten-Oliven-Salat mit frischer Petersilie, aber auch Streichkäse, Marmelade, Nutella und frisches Obst. Nach meiner Dusche und der körperlichen Stärkung setzte ich mich ab 09.00 Uhr an meine Arbeit, schrieb an diesem Buch. Vom Mittag- und Abendessen konnte man sich einige Beilagen zur Seite legen, um ein anderes Gericht damit zu zubereiten. Joghurt mit Marmelade aufgepeppt ergab einen leckeren Fruchtjoghurt als Nachtisch ab. Ein wenig fettig kochten sie schon, so dass ich ins Grübeln kam, wo denn nun unser Auto versteckt wäre. Die von den Gerichten abgeschöpfte Menge an Öl von zwei, drei Tagen hätte ausgereicht, einen kompletten Ölwechsel bei einem Kleinwagen durchzuführen. Vier Teller Speiseöl entfernte ich alleine aus einer 5-Liter-Schüssel unseres Mittagessens, das war der Rekord in der ganzen Zeit. Hatte man das Fett abgeschöpft, den Rest mit Papierservietten entfettet, wurde mit einigen Gewürzen, frisch geschnittenen Frühlingszwiebeln und Petersilie sogar eine appetitliche Mahlzeit daraus. Kaufte man noch
- 241 -
Plastikmesser und –gabeln zum einzigen ausgegeben Löffel hinzu, erhielt man ein komplettes Besteck. Mit den Servietten fehlten dann nur noch die Kerzen zum fein gedeckten Tisch. Über den Sinn könnte man sich mokieren, der Einzige von 1.000 Häftlingen, der mit Messer und Gabel aß. Was sollte das? In Istanbul fuhren wir des Öfteren mit der Metro, irgendwann sprachen mich meine Schweizer an: „Du bist der Einzige, der für Frauen und alte Leute aufsteht. Warum tust Du das, die Einheimischen machen das doch auch nicht?“ Schulterzuckend meinte ich zu ihnen: „Von deren schlechtem Benehmen muss ich mir meinen Stil nicht kaputtmachen lassen“. Es ist eine Frage der Einstellung, von Umgangsformen, andere sagen vielleicht Eigenheiten oder Marotten dazu. In 10 Jahren heißt es über mich: „Der hat seine Macken und Schrullen“. Weitere 5 Jahre später bezeichnet man es dann als Altersstarrsinn. Aber ich kann halt nicht anders, vielleicht habeich auch zu lange in Köln gewohnt, denn dort heißt es ja bekanntlich: „Jeder Jeck ist anders“. So versuchte ich das Beste aus dieser Situation zu machen, für einen geregelten Bürobetrieb fehlten nur noch Computer und Telefon. Dafür musste ich mich aber nicht mehr über Hakan und Kenan aufregen, blieb von deren geistigen Ergüssen verschont. Fast drängte sich sogar ernsthaft die Frage auf: „Ging es mir hier besser als in Freiheit bei der DWA?“ Die wahre Freiheit, die Unabhängigkeit steht sicherlich über allem und ist durch nichts zu ersetzen. Doch mit Abstand betrachtet? In den letzten Tagen als ich auf die Ankunft meines „The Brain“ für das finale Treffen wartete, suchte ich in meinen E-Mails einen Ordner, in dem sich die Mails befanden, die von ihm stammten. Da ich nach einer bestimmten Textpassage suchte, musste ich all diese Mail noch mal durchlesen oder zumindest überfliegen. Unsere Korrespon-
- 242 -
denz der letzten Monate in komprimierter Form, so zusammenhängend gelesen, war ich erschüttert. Aggressionen, versteckte Drohungen, destruktive Kritik, so geballt und konzentriert nahm ich sie das erste Mal bewusst war. Was hatte ich da zugelassen? Menschen beklagen sich häufig, welch böse Sachen man mit ihnen angestellt hat. Umgekehrt wird ein Schuh daraus – was hat man mit sich machen lassen? Ausschließlich ich selbst hatte diese Dinge zu vertreten, nichts dagegen getan, es nicht objektiv registriert: Hatte ich mein Gehirn für eine gewisse Zeit an der Garderobe abgegeben, dass ich alles nicht schon viel früher erkannte? Deshalb konnte ich eine ganz klare Antwort geben: „Lieber in jedem Gefängnis dieser Welt als noch einmal einen Tag CinarKnast“.
Ein Umstand störte mich anfangs am meisten, ich hatte nur die Kleider, die ich auf dem Leib trug. Die ersten drei Tage waren wir mit 12 Personen in einer Sammelzelle ohne Heizung untergebracht, verfügten weder über Toilettenutensilien noch über Handtücher. Danach verteilte man uns und verlegte mich in eine der zwei Ausländerzellen. Dort lernte ich Ronald kennen, einen Holländer, der seit drei Monaten die karge Gastfreundschaft hier genoss. Er steckte in einem Verfahren wegen Drogenschmuggels. Ein Handtuch, Seife und Shampoo, damit konnte er mir aushelfen, zwei Tage später auch noch eine Zahnbürste sowie –pasta, für mich war es wie Weihnachten. Duschen, Zähneputzen, alle zwei Tage die Kleider waschen und über Nacht trocknen lassen, so sah die Welt schon wieder etwas freundlicher aus. Nur vom meinem Mogli sah noch hörte ich was. In mir stieg die dumpfe
- 243 -
Befürchtung auf, dass er den Business-Bereich nicht in den Griff bekam und mit Schwierigkeiten kämpfte. Doch wie konnte ich ihm helfen? Hilfe hat in diesem Land immer was mit Geld zu tun, aber von hier, aus meiner eingeschlossenen Lage, mit gebundenen Händen, was konnte ich da bewerkstelligen? Ronald hatte mir seinen Fall in allen Einzelheiten geschildert, nicht nur einmal, so oft, dass ich ihn fast schon auswendig kannte und ich nach zwei Tagen schon verzweifelt nach einem Abstellknopf an ihm suchte, um seinen Redefluss zu stoppen. Über 30 Kilogramm Amphetamin-Tabletten, eingeschleust im Gastank eines Pkws, der seinem Freund gehörte. Nun drohten ihm 80 Jahre Haft, doch er war – natürlich unschuldig. Die Gefängnisse sind ja bekanntlich weltweit überfüllt mit Justizirrtümern. Während meiner Haft in Deutschland traf ich nur selten einen Schuldigen, die meisten hatten nie was getan. Ronald war genauso alt wie ich und wies eine mehr als bewegte Lebensgeschichte auf. Mit seinen ganzen Vorstrafen aus dem Drogenbereich, erschien es einfacher, jemanden davon zu überzeugen, im Zirkus Roncalli könnte man einen Tiger bestaunen, der sich zum Vegetarier entwickelt hätte, als glaubhaft Ronalds Unschuld darzustellen. Betrachtete man sich allerdings die Geschichte detailliert und ohne Vorurteile, musste man zum Schluss gelangen, entweder war er mit seiner ganzen einschlägigen Erfahrung absolut stümperhaft wie ein Amateur vorgegangen oder er war tatsächlich unbeteiligt und somit ausnahmsweise nicht schuldig. Mein Bauchgefühl plädierte für unschuldig und so nahm ich mich seiner Sache an. Zunächst widmeten wir uns seinen Kernproblemen: keine Kontakte zur Außenwelt und kein Geld für das Honorar eines Anwaltes, der ihm hier heraushalf. Am Ende unserer Überlegungen schlugen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: mit einer E-
- 244 -
Mail Kampagne würden wir seinen Fall in Holland intensiv publik machen und gleichzeitig Spenden für sein Anwaltshonorar einspielen. Schreiben, organisieren und alles, was mit Papierkram zu tun hatte, war nicht so seine Welt, gehörte nicht unbedingt zu seinen Stärken. Also schlossen wir einen Deal, die gesamte Abwicklung und Gestaltung würde ich übernehmen und über Apo versandfertig an seine Kontaktpersonen weiterleiten lassen. Diese Leute waren die richtigen Multiplikatoren für eine solche Kampagne, und da die Mail als Ketten-E-Mail angelegt war, wäre auch das nötige Volumen sichergestellt worden. Die zu erwartenden Spenden hätten sicherlich die Summe für das benötigte Honorar deutlich überschritten. Dieser Teil war für meinen Mogli gedacht, damit er draußen in Freiheit die aufgelaufenen Probleme lösen könnte. Ronald hatte sein persönliches E-Mail-Verzeichnis dabei und ein Händlerverzeichnis der Partner aus seinem Geschäftsbereich. Nach einer Woche hatte ich die E-Mail-Listen erstellt und Ronalds Leidensgeschichte zu Papier gebracht, alles lag absendebereit vor. Innerhalb von 14 Tagen hätten sich Ronalds und Apos Schwierigkeiten größtenteils in Luft aufgelöst. Nun wartete ich nur noch auf meinen Mogli, meine Kleider, die er mitbringen sollte und darauf, unsere Aktion mit Leben zu erfüllen. Hier ist die E-Mail, die an alle 300 Empfänger versandt werden sollte: Für 80 Jahre — unschuldig hinter Gittern Mein Name ist Ronald Goedman und ich sitze in der Türkei im Gefängnis. Das Verbrechen — ein Mord?!
- 245 -
Nein, das Vertrauen zu einem Menschen beim Start in ein neues Leben in Portugal, doch jetzt unschuldig und hilflos gefangen in der Maschine der türkischen Justiz. Eine Justiz, die den Eindruck vermittelt, dass ich meine Unschuld beweisen muss und nicht sie meine Schuld. Denn obwohl genügend Zeugen und Beweise für meine Unschuld vorhanden sind, wollen die türkischen Gerichte davon nichts wissen oder glauben: Holländer = Drogendealer. Doch wie kam ich in diese Situation? Auf einer Party traf ich einen türkischen Bekannten, sein Vorname ist Yildrim, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, da er mich damals bei einem Geschäft nicht korrekt beteiligt hatte. Da er sich seiner Schuld bewusst war, schlug er mir vor, seinen Fehler von damals wieder gut zu machen. Deshalb wollte er mich an seinem neuen Geschäft in Portugal teilhaben lassen. Er beabsichtigte, dort eine Autowerkstätte zu eröffnen und ich könnte darin einen Geschenk—Shop betreiben. Wir trafen uns daraufhin noch mehrmals und besprachen den Geschäftsaufbau. Nachdem wir uns über alles einig waren, kündigte ich den Mietvertrag meines Hauses, denn die Lebensgefährtin von Yildrim besaß in Portugal ein großes Haus. In dem sollten wir wohnen und sie hatte es deshalb komplett renovieren lassen. Sie hatte mittlerweile auch schon eine Firma angemeldet und Angebote für Werkstatträume lagen bereits vor. Nachdem ich zwei Autos für die Firma gekauft hatte, stand dem Start des neuen Unternehmens nichts mehr im Wege. Ich räumte mein Haus, damit wir schnell nach Portugal konnten, doch dann rief Yildrim an und teilte mir mit, er habe noch einen wichtigen Auftrag zu erledigen, deshalb verzögere sich unsere Abreise um ein oder zwei Wochen. Aus den ein, zwei Wochen wurden drei Monate und ich
- 246 -
musste in dieser Zeit abwechselnd bei verschiedenen Bekannten von mir wohnen und leben. Doch dann stand Yildrim vor der Tür, er hatte einen Gebrauchtwagen gekauft und sagte, ich sollte meine Papiere schnappen und einen Koffer packen, es gehe direkt los. Damit ich sein unfaires Verhalten von damals und die Verzögerung ihm verzeihen sollte, lud er mich ein, zunächst vier Wochen mit ihm einen kostenlosen Urlaub in seiner türkischen Heimat zu verbringen, danach würde es nach Portugal gehen. Wir fuhren los und tankten das erste Mal in Frankreich. Als ich Yildrim ansprach, wieso er Benzin tanke, obwohl das Auto einen Gastank habe, sagte er, dieser sei defekt und in der Türkei würde er die Gasanlage erneuern lassen. Außerdem würde der Wagen neu lackiert werden, damit er ihn mit einem höheren Gewinn weiterverkaufen könnte. In meiner Vergangenheit hatte ich selbst oft genug mit Drogen zu tun, deshalb sagte ich ihm direkt, dass ich mit dieser Materie nichts mehr zu tun haben wolle. Denn durch meine Krankheit hätte ich weder Interesse an weiteren Gefängnisaufenthalten noch an sonstigen Schwierigkeiten. Er versicherte mir mehrmals, dass nichts Kriminelles im Spiel sei und schwor beim Leben seiner Kinder, mit Drogen hätte er nichts am Hut. Diese Aussage bestätigte er später auch vor Gericht dem Richter, was diesen aber nicht im Geringsten interessierte. Da ich Yildrim vertraute, fuhr ich mit ihm weiter, obwohl sich mein Bauchgefühl intensiv meldete. Als wir an der türkischen Grenze ankamen, die nächste Überraschung, der PKW war auf Yildrims Lebensgefährtin zugelassen und konnte so nicht über die Grenze. Per Flugzeug ließ er seine Freundin nach Istanbul kommen und mit dem Bus zum Grenzübergang bringen. Sie konnte dann das Auto über die Grenze fahren. Mich schickte er in der Zwischenzeit mit
- 247 -
dem Zug über die türkische Grenze nach Ipsala, wo ich zwei Tage auf ihn warten sollte. Doch ich wartete vergebens, denn nach den beiden Tagen erfolgte Yildrims Anruf, ich sollte mit dem Bus nach Istanbul kommen, er würde dort bereits auf mich warten. Als ich in Istanbul ankam, drängte Yildrim zum sofortigen Aufbruch und so fuhren wir gemeinsam in seinem Wagen nach Antalya. In Antalya besorgte Yildrim ein Hotel für uns, wobei ich mir bei einer Einladung zu einem Urlaub nicht unbedingt die Nächte zusammen mit ihm in einem Doppelzimmer für 15.— Euro die Nacht vorgestellt hatte. Das sollte aber nur für ein paar Tage sein, doch es wurden über 30 daraus. In dieser Zeit sah ich Yildrim eigentlich nur morgens beim Aufstehen und abends, wenn ich ins Hotel zurückkehrte. Während ich die Zeit nutzte, um neue Geschäftskontakte in Antalya zu knüpfen, über die ich günstige Produkte für meinen zukünftigen „Gift—Shop“ einkaufen konnte, am Strand lag oder abends eine Disco besuchte, war Yildrim scheinbar rund um die Uhr beschäftigt. Ständig erhielt er Anrufe, traf sich mit Bekannten oder führte angeblich Verhandlungen mit Werkstattbesitzern, die sein Auto reparieren sollten. Die Zeit zog sich immer länger hin und von Portugal war auch keine Rede mehr. Schließlich hatte ich die Nase voll und verlangte von Yildrim, er solle mir mein investiertes Geld ausbezahlen, ich würde zurück nach Holland fahren. Er versprach mir, mein Geld auszubezahlen, vertröstete mich dann aber von Tag zu Tag und ich konnte nur warten. Als ich am 10.06.08 nach einem Geschäftstermin auf mein Hotelzimmer zurückkehrte, standen plötzlich 8 Beamte der Drogenfahndung im Raum und erklärten mich für verhaftet. Man brachte mich zu einer Polizeistation und teilte mir mit, dass man Yildrim und zwei weitere Personen ebenfalls verhaftet habe. Die zwei mit Yildrim verhafteten, mir aber gänzlich
- 248 -
unbekannte Männer, wurden zu mir in die Zelle gesperrt. Sie wurden dann einzeln zur Vernehmung abgeholt und ich sah bei ihrer Rückkehr, dass man sie geschlagen hatte. Da ich kein einziges Wort türkisch verstehe, wollte ich bei meinem Verhör die mir vorgelegten Schriftstücke nicht unterschreiben. Außerdem hatte ich nach meiner Verhaftung einen Klaustrophobie—Anfall erlitten und war im Krankenhaus mit Medikamenten vollgestopft worden. Es dauerte vier Tage, bis ein Dolmetscher und ein Anwalt zu meinen Vernehmungen hinzugezogen wurden. Bis dahin zwang man mich, insgesamt 13 Schriftstücke zu unterschreiben. Zu meiner Sicherheit hatte ich unter meiner Unterschrift den Zusatz “ohne Dolmetscher, ohne Anwalt“ vermerkt, doch dieser Vermerk wurde später einfach abgeschnitten. Nach diesen vier Tagen wurde ich mit Yildrim und den beiden anderen Inhaftierten bei Gericht dem Haftrichter vorgeführt. Der vom Gericht gestellte Anwalt und auch der Dolmetscher versicherten mir, nach dem Stand der Ermittlungen müsste ich direkt freigelassen werden. Das Gleiche hatte mir auf der Polizeiwache auch der einzige Polizist, der etwas Englisch sprach, gesagt. Beim Gerichtstermin erfuhr ich, dass sich im Gastank von Yildrims Auto 31 Kilo Amphetamin—Tabletten befanden, die von Holland in die Türkei eingeführt worden waren. Unterlagen, die ich zu meiner Entlastung bei Gericht vorlegte, unter anderem mein Tagebuch mit dem gesamten Reiseverlauf, mit allen Kontakten aus dieser Zeit, Visitenkarten und meinen nachgewiesenen Aktivitäten wurden als Camouflage bezeichnet und sind auch interessanterweise jetzt verschwunden. Die mir unbekannten Inhaftierten bestätigten, mich weder zu kennen noch je irgendwelchen Kontakt zu mir gehabt zu haben, was auch aufgrund der abgehörten Telefonate nachgewiesen war. Selbst Yildrim gab bei diesem Termin
- 249 -
zu, dass ich von den ganzen Vorgängen nichts wusste und ich in keiner Weise an dem Ganzen beteiligt war, auch unser Gespräch beim Tankvorgang wurde von ihm erwähnt. Doch anscheinend interessiert all das die türkische Justiz nicht im Geringsten — ich bin Holländer — zwangsläufig somit auch ein Drogendealer. Die ersten drei Monate hier im Gefängnis hatte ich keinen Kontakt zur Außenwelt, der holländische Konsul besuchte mich erstmalig vor einer Woche, meine Familie und meine Bekannten wussten bislang nicht, wo ich war. Aus diesem Grund habe ich kein Geld für einen qualifizierten Anwalt, der meine Rechte vertritt und meine Unschuld beweist. So vegetiere ich hier trotz meiner Krankheiten, Klaustrophobie und ein gefährliches Lungenemphysem mit 15 Mithäftlingen in einer Zelle, als Toilette ein Loch im Boden, statt Papier etwas Wasser im Becher zum Abwischen. Jetzt bin ich 55 Jahre alt, alles verloren, krank, ohne Kontakt zur Außenwelt, gefangen in einem Rechtssystem, das scheinbar die Menschenrechte nicht so genau nimmt. Ohne Geld für einen Anwalt, der mir die Chance verschafft, mich gegen dieses Unrecht zu wehren. Unschuldig hinter Gittern und eine Haftstrafe von 80 Jahren vor Augen. 80 Jahre für eine Straftat, die ich weder begangen habe noch in irgendwelcher Form daran beteiligt war. Für mich kann der einzige Trost sein, dass ich das Ende dieser Strafe nicht erleben werde, denn 135 Jahre wird man trotz aller medizinischer Fortschritte auch heute noch nicht. Aber aufgrund der klimatischen Verhältnisse, der Haftbedingungen und meines Gesundheitszustandes dürfte ich noch nicht einmal die nächsten ein, zwei Jahre überstehen. Doch wenn auch Sie nicht akzeptieren, dass wir Holländer automatisch Schuldige sind, wenn in unserer Umgebung ein Drogengeschäft abgewickelt wird, Sie nicht einfach hinnehmen, dass
- 250 -
Menschenrechte ihrer Landsleute mit Füssen getreten werden und über die Zivilcourage verfügen, für die unser Volk bekannt ist, wenn es gilt, ein Unrecht zu verhindern, dann helfen Sie. Sei es mit einer Spende, die mit dazu beiträgt, mir das Honorar für einen qualifizierten Anwalt leisten zu können, der es mir ermöglicht zumindest eine kleine Chance auf eine faire Verhandlung zu erhalten. Oder wenn Sie sich finanziell nicht engagieren können, diese E-Mail an Ihre Bekannten in Ihrem E-Mail Register weiterzuleiten und an die holländischen Behörden zu senden. Die E-MailAdressen des Justizministeriums und entsprechender Stellen sind beigefügt sowie die Kontoverbindung eines hiesigen Rechtsanwaltes. Menschen, die nicht weggesehen haben und sich mit Unrecht nicht solidarisierten, haben immer positive Dinge bewirkt. Es würde mich freuen, wenn Sie dazugehören. Mit freundlichem Gruß Ihr Ronald Goedman Nur, wer nicht kam, war mein Mogli, über den Anwalt ließ ich ihm Informationen zukommen, wie wichtig sein Besuch wäre, wie einfach und schnell sich alles zum Positiven wenden würde. Doch kein Lebenszeichen von ihm, erst nach vier Wochen erfuhr ich, dass er in seine 300 Km entfernte Heimatstadt zurückgekehrt war. Mit dem Geschäft wollte er nichts mehr zu tun haben, er konnte es alleine nicht nervlich verkraften, es war alles zu viel für ihn. Die Lösung lag auf dem silbernen Tablett vor ihm, doch er entschied sich für die „Vogel Strauß Politik“, hatte in Antalya Büro und Wohnung aufgelöst, die Einrichtung für ein paar Euro verkauft und meine Kleider auf den Müll geworfen. Zwei Wochen, nachdem das Konzept für Ronald fertiggestellt war, öffnete sich Freitagsabends die Zellentür, innerhalb von 30
- 251 -
Minuten musste Ronald seine Sachen packen und wurde freigelassen. Regelrecht rausgeworfen hat man ihn, richtig böse darüber war er sicherlich nicht und mein Bauchgefühl hatte mich wie so oft mal wieder nicht getrogen, er war tatsächlich unschuldig. Glücklich und zufrieden saß Roland wieder in Amsterdam und schrieb uns hin und wieder eine Karte.
- 252 -
Kapitel XII Dafür besuchte aber Cenk, unser Computer-Genie mich regelmäßig, zahlte dabei immer etwas Geld auf mein Einkaufskonto ein, damit sich hier drin das Leben erträglicher gestalten ließ. Er brachte mir einige Kleider zum Wechseln und arbeitete mit Hochdruck an einer Software, durch die man mich aus dem Gefängnis herausprogrammieren konnte. Ausgereift war sie noch nicht, doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Über Gefängnisaufenthalte ist hinreichend geschrieben worden. Andrea Rohloff und vor kurzem Marco Weiss haben über ihre Erfahrungen in den Haftanstalten dieses Landes berichtet. Beide waren recht jung, als sie in den zweifelhaften Genuss einer solchen Anlage kamen, wurden aus einem behüteten bürgerlichen Leben herausgerissen. Das kam für sie fast einer Atomexplosion gleich, die keinen Stein auf dem anderen ließ, ihr bisheriges Leben in Trümmer legte. Ist man etwas abgeklärter, hat man bei vielem eine andere Sichtweise, betrachtet viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Ein Lächeln ist die beste Art, dem Schicksal die Zähne zu zeigen. Auch in schwierigen Lebensphasen gibt es immer noch Lichtblicke und Zukunftsperspektiven, auch wenn sie noch recht weit entfernt erscheinen. Es ist immer eine Frage der Einstellung. Man sollte sich selbst nicht so wichtig nehmen und vielen Situationen mit Humor begegnen. Für den deutschen Strafvollzug würde ich einige Maßnahmen, die ich hier erlebte durchaus empfehlen. Dinge, die alles auflockerten, die fast schon eine heitere Atmosphäre verbreiteten. Morgens und abends war Zählappell, militärisches Durchzählen, feststellen, ob keiner weggelaufen oder verstorben war. Gelächter der Wärter, wenn man die falsche Zahl nannte. War aber auch
- 253 -
sinnvoll, auch wenn derzeit in unserer Zelle nur 10 Personen befanden, denen man freie Kost und Logis gewährte. Der Ausländeranteil würde in den nächsten Wochen wieder kräftig aufgestockt werden. Der Häftling Nummer 22 hätte dann die „Goldene A…Karte“ gezogen, denn es gab nur 21 Betten. Aber wer wollte denn schon anspruchsvoll sein, Matratzen auf dem Boden taten es dann auch. So konnte man letzten Sommer sogar 35 Insassen in unserem Duplex unterbringen, es blieb abzuwarten, wie viele es dieses Jahr werden würden. Doch das hatte den Vorteil, dass man sich näher kam, niemand fühlte sich allein.
Montagsmorgens gab man sich alle Mühe, uns nicht missmutig in die neue Woche starten zu lassen. Alle 15 bis 20 diensttuende Beamte der anstehenden Woche liefen auf, jeder mit frisch gewaschener, akkurat gebügelter Uniform, gut gelaunt, jeder hatte einen kleinen Scherz auf den Lippen. Stimmengewirr, dazwischen Rufe „Franz“ „Erwin“ „Franz-Rudolf“, Namen habe ich genug, sie konnten sich ruhig einen nach Belieben auswählen. Selbst der Abteilungsleiter wurde hin und wieder mitgerissen und fragte mich: „Wie gähts?“ Grenzenlose Begeisterung, wenn ich mit einigen Worten in ihrer Muttersprache antwortete. Musste da nicht unweigerlich gute Laune aufkommen? Man hätte glatt ein Jahr länger dran hängen können. Hervorzuheben war die ausgewogene Zusammensetzung unserer Zellen-Belegschaft, Russland, Algerien, arabische Staaten, von allem war was da, Herz, was willst Du mehr? Wenn ich wieder in Freiheit bin, werde ich meinem Französisch-Lehrer eine Kerze im Kölner Dom aufstellen. 35 Jahre hatte ich kein Wort französisch gesprochen, jetzt war vieles wieder da, mit Ali, dem Algerier konnte ich mich so vernünftig unterhalten. Die Bimserei von damals hatte sich gelohnt. Selbst mein
- 254 -
hundsmiserables Englisch hatte sich stark verbessert, denn es war so etwas wie die offizielle Zellensprache. Zu sehr publik machen wollte ich das allerdings nicht. Womöglich hätte man mir sonst die Gebühr für einen Sprachkurs in Rechnung gestellt. Müllbeutel, Glühbirnen und vieles mehr mussten wir kaufen, Medikamente und die Stromrechnung selbst bezahlen, deshalb hätte ich auch eine solche Gebühr nicht als abwegig betrachtet. Doch man sollte auch den erzieherischen Wert solcher Regeln nicht außer Acht lassen. Energie- und Rohstoffreserven sind knapp, jeder sollte dafür Verantwortung übernehmen, lernen, sorgsam damit umzugehen. Erste Erfolge konnte man bereits verzeichnen. Warmes Wasser stand nur montags für eine Stunde zur Verfügung, damit bewirkte man eine erkennbare Verhaltensänderung. Der Wasserverbrauch beim Duschen konnte so drastisch reduziert werden, da er sich weitestgehend auf dieser eine Stunde beschränkte. Nur ich verhielt mich als einziger Sträfling ökologisch unkorrekt, konnte meine schlechten Angewohnheiten nicht ablegen und duschte trotzdem jeden Morgen mit kaltem Wasser. Die Transporte zum Gericht oder ins Krankenhaus wurden umweltbewusst und effizient durchgeführt. Die Busse waren in Kabinen mit 6 Sitzplätzen aufgeteilt, vier Quadratmeter Grundfläche. Beim Einsteigen erkannte man den Sportsgeist der Unununs, sie sind einfach ein Volk von Fußballern. „Einer geht noch, einer geht noch rein!“ Diese Hymne, wer kennt sie nicht aus deutschen Stadien, hier wurde sie nicht nur gesungen, hier wurde sie gelebt. Wo sechs Personen reinpassen, konnte man doch leicht auch 8, 9 Leute unterbringen. Damit auch unterwegs nichts passieren konnte, mischte man gerne einen darunter, der am Vorabend reichlich Knoblauch konsumiert hatte. In einer solchen Kabine
- 255 -
musste man sich sicher fühlen, man wusste: „Hier kommt Graf Dracula auf keinen Fall rein:“ Die fürsorgliche Betreuung durch die Beamten und Soldaten endete auch nicht einfach am Bestimmungsort. Es war immer jemand für einen da, rechts und links hakte sich ein kräftiger Betreuer ein, damit auch niemand hinfallen konnte. Man konnte durchaus mal beide Beine hochheben, man kippte nicht um. Meine Untersuchungen im Krankenhaus waren einfach die grandiosen Höhepunkte für mich. Zwei Mann vor mir, die stützenden Helfer neben mir, einer hintendran, so stürmten wir durch die Flure. Die waren zwar mit anderen Patienten vollgestopft, das Durchkommen schwierig. Doch unser Angriffsblock fuhr hindurch wie ein Messer durch warme Butter. Atemberaubende Geschwindigkeit, ich mittendrin, ein berauschendes Gefühl. Das war es, genau so musste sich in Amerika ein Quaterback beim Super-Bowl fühlen. Alle Augen waren auf mich gerichtet, die Defense, der Block aus Verteidigern bahnte mir den Weg, nichts konnte uns aufhalten. Sorgen machte ich mir nur um die älteren Besucher. Manche konnten sich nur im letzten Augenblick mit einem entschlossenen Sprung in Sicherheit bringen, bevor wir sie niederwalzen konnten. Unser „Run“ endete erst vor dem jeweiligen Behandlungszimmer. In dichten Trauben oder langen Schlangen standen die Patienten davor. Der Unterschied zur Privatklinik, die ich kennengelernt hatte und den staatlichen Krankenhäusern war gravierend. Wartezimmer gab es nicht, als Nummer 92 musste ich dennoch nicht warten. Wie ein Privatpatient kam ich sofort an die Reihe. Alle weiteren Gemeinsamkeiten mit diesem Begriff enden damit aber auch schon. Wie man weiß, ist Medizin ein Allgemeingut. Folglich sollten alle über den Gesundheitszustand des Einzelnen im Bilde sein. Privatsphäre, ein Einzelgespräch mit dem Arzt, also mal ganz ehrlich, wer braucht denn so was wirklich?
- 256 -
Mit meinen Begleitern, dem Personal und den anderen Patienten befanden sich 15,16 Personen im Kardiologieraum. Ein bunter Menschenknäuel durchsetzt mit zwei umherstehenden EKGGeräten. Welch ein Unterschied zur etwas anrüchigen deutschen Gerätemedizin, hier fühlte sich niemand alleine gelassen. Bei den Auslastungsquoten bekäme unsere Gesundheitsministerin glänzende Augen, pro Stunde mindestens 20 EKGs pro Gerät, einfach traumhaft. Die Auswertung erfolgte blitzschnell, mit nur zwei Krankenhausbesuchen stand bereits nach 10 Tagen die fundierte, glasklare Diagnose fest: “Sie haben einen Hörzfehler“. Eindeutiger und ausführlicher kann man es wohl nicht ausdrücken, oder?! Endlich wusste ich, was tatsächlich mit mir los war. Der Weg bis zu dieser hoch qualifizierten ärztlichen Beurteilung war nicht einfach und brauchte auch etwas Zeit. Die hervorragende medizinische Betreuung begann bereits hinter den Gefängnismauern. Der hier tätige Arzt war sehr mitfühlend und engagiert. Sobald er von seinem Kreuzworträtsel abließ, versuchte er den Ursachen auf den Grund zu gehen. Manchmal etwas unsicher, doch er packte die Dinge beim Schopf an. „Hatten Sie diese Symptome und Beschwerden schon einmal?“ „Ja, hatte ich!“ „Völlig klar, dann haben Sie die jetzt wieder“. So ungefähr lief sein Behandlungsschema. Er zog alle Register der Schuhkartonmedizin, um uns zu helfen. Nein, nicht Schulmedizin, die Formulierung war schon korrekt. Zwei Schuhkartons standen in seinem Zimmer, voll mit 20 bis 30 verschiedenen Tablettenarten. Allerdings nicht in der Originalverpackung, sondern die daraus entstammenden Staniolstreifen mit Pillen fein säuberlich zu Portionen zerschnitten mit zwei bis fünf Tabletten. Beipackzettel sind doch nur was für Feiglinge, wer braucht die schon?! Ein beherzter Griff in den Karton, kurz mischen, schon stand das Ergebnis der aktuellen Ziehung fest. Der Karneval in Köln hatte bereits begonnen, als Wahl-
- 257 -
kölner wusste ich das natürlich. Deshalb konnte ich den Ausruf „Kamelle, de Prinz kütt!“ nur mühsam unterdrücken, als er mir die bunte Mischung aushändigte. Aber irgendwie fand ich ihn schon niedlich, er war auch sehr kooperativ. Direkt nach dem ersten Krankenhausbesuch, also eine Woche später, konnte ich zu ihm. Medikamente gab es zwar keine für mich, doch er schaffte es nach einiger Zeit tatsächlich, irgendwo den EKG-Streifen der Untersuchung aufzutreiben. Geduldig hörte er mir zu, als ich versuchte, ihm das Ergebnis darauf zu erklären. Was er im Detail verstanden hat, wusste ich nicht, doch es schien ihm einzuleuchten, zumal in der Rubrik Resultat „abnormal“ stand. Also schickte er mich erneut zur Kardiologie. Dadurch kam ich erneut in den Genuss der wilden Jagd durch die Gänge des Krankenhauses. Dieses Mal behandelte man mich sogar und ich erhielt Infusionen. Natürlich wandten die Krankenschwestern hier dabei die bewährte Stech- und Suchtechnik an, die ich schon in der Anadolu-Klinik zu schätzen wusste. Den Verlauf meiner Infusionen verfolgten meine fünf liebevollen, uniformierten Bodyguards sowie einige zufällig anwesenden Patienten mit. Gemeinsam mit dem Personal debattierten alle um mich herum die weitere Entwicklung, aufmerksam und gespannt beobachteten sie meine Herzfrequenzen auf dem Monitor. Noch war ich mir nicht schlüssig, zu welchem Zeitpunkt alle in begeisterten Applaus ausbrechen würden. Nach meiner Rückkehr musste ich dieses Mal keine Woche auf einen Arzttermin warten, bereits nach 6 Tagen sah ich meinen Doc wieder. Und er hatte sich auch richtig gut vorbereitet und den Befund sogar ins Englische übersetzt. Er sagte zu mir: „You have a big problem with your heart!” Da wusste ich doch direkt alles, ausführlicher ging es doch nicht, oder?! Sein ganzes Mitge-
- 258 -
fühl schwang mit, er war sichtlich betroffen. Die vom Krankenhaus verschriebenen Medikamente erhielt ich auch nach einigen Tagen, wenn auch die deutsche Botschaft, als sie mich besuchte, mit Nachdruck daran erinnern musste. Natürlich konnte ein so viel beschäftigter Arzt nicht alles im Kopf behalten, doch wozu sind Freunde da. Der Besuch durch die Mitarbeiter der Botschaft war ein kleines Highlight, konnte ich doch wieder einmal deutsch reden. Vor allem brachte man mir einige deutsche Zeitschriften mit, für abends plante ich bereits einen gemütlichen Leseabend bei Kaffee und Kuchen. Doch zunächst mussten die Zeitschriften überprüft werden, einige Stunden später sollten sie mir ausgehändigt werden. Allerdings hatte ich nicht einkalkuliert, mit welch hoher Einschätzung man uns Deutschen begegnet. Es besteht die Erwartung, dass wir für jedes Problem eine Lösung finden. Meist hielt ich mehr Lösungen parat, als meine Unununs Probleme hatten, entsprechend trauten sie mir so ziemlich alles zu, womöglich auch, dass ich über Wasser laufen könnte. Scheinbar hatte sich das bei den Beamten ebenfalls herumgesprochen, so überprüften sie akribisch die vier mitgebrachten „Spiegel“, brauchten nur eine Woche dafür. Schließlich hatte die Botschaft sie mitgebracht. Wie konnte man da sicher sein, dass sie nicht Geheimdienstequipment a la James Bond darin verborgen hatte? Ein eingeschmuggelter Mini-Laser, mit dem ich die Gitterstäbe durchtrennen und anschließend aus dem „Spiegel“ einen Flugdrachen zusammenfalten würde, um damit in die Freiheit zu entschweben. Die Zellengitter sah ich sowieso unter einem anderen Aspekt. Meiner Meinung nach war ihre vorrangige Aufgabe gar nicht, eine Flucht zu verhindern. Sie sollten nur sicherstellen, dass nachts die Bettdecken nicht hinaus geweht wurden, was beim
- 259 -
Hang der Küche zu Bohnengerichten recht häufig passieren könnte. Das bedeutete nicht, die Küche kochte einseitig und es gab nur Bohnen, nö, in der Woche höchstens mal an vier, fünf Tagen. War aber nie langweilig oder eintönig, mittags gab es Reis mit Bohnen, abends rote Bohnen mit Reis. Am nächsten Tag Bulgur mit grünen Bohnen, abends weiße Bohnen mit Kartoffeln, man war also schon recht kreativ. Aber man sollte auch anerkennen, dass es zweimal am Tag warmes Essen gab und wir gut satt wurden, schmecken ist wieder eine andere Sache. Darüber hinaus war die Anstaltsleitung in jeglicher Hinsicht bestrebt, heimische Verhältnisse für uns zu schaffen. Kennen wir nicht alle aus deutschen Kaufhäusern diesen dezenten Gong mit der darauf folgenden Ansage: „Sehr geehrte Damen und Herren, unsere Kassen haben bereits geschlossen……“. Möglicherweise war es ursprünglich nur für die europäischen Gefangenen gedacht und wurde später auf vielfachen Wunsch für alle Häftlinge übernommen. Morgens wurden wir mit dem netten Gong geweckt, abends beendete er um 20.00 Uhr den Tag, verbunden mit einer lieben Ansage. Genau übersetzen konnte ich es nicht, dürfte aber Folgendes bedeutet haben: „ Liebe Häftlinge, unsere ServiceLeistungen haben wir bereits eingestellt. Wir hoffen, sie hatten einen angenehmen Vollzugstag. Im Anschluss führt unser freundliches Personal noch eine kurze Zählung durch. Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht und würden uns freuen, Sie auch morgen wieder bei uns begrüßen zu dürfen!“ Dann noch ein paar aktuelle Angebote für den Einkauf, die über den Lautsprecher mitgeteilt wurden, musste man sich da nicht direkt wie zuhause fühlen? Kleinere Abstriche musste man natürlich hier und da schon mal machen. Aber ist das nicht überall so? Bei der baulichen Substanz bestanden noch kleine Defizite, das kannte ich aber noch aus der
- 260 -
Zeit meiner Tätigkeit bei GC-Konut. Die Baubesichtigung mit Adnan, unserem Baumeister hatte ich noch vor meinem geistigen Auge als hätte sie gestern stattgefunden. Wir standen in einem ihrer Objekte in zwei nebeneinanderliegenden Räumen. Aus seinem Zimmer rief er mir zu: „Können Sie mich hören?“ „Ja“ „Können Sie mich sehen?“ „Nein“, gab ich zurück. Stolz kam er zu mir herüber: „Sehen Sie, das sind Wände, das sind Wände!“ Beim Bezug meiner zwangsangewiesenen Heimat war mein erster Eindruck: Die Anlage ist mit ihrem Alter von 8,9 Jahren noch ganz gut in Schuss. Knapp daneben ist auch vorbei, so erfuhr ich, dass das Gefängnis eben mal ein Jahr alt war. Nun ja, objektiv gesehen, Kacheln, die von den Wänden fallen, bröckelnder Putz, abblätternde Farbe und undichte Heizungen, gibt es die nicht auch in deutschen Häusern? Ein Loch im Boden als Toilette ist nicht jedermanns Sache, verkürzt aber die Verweildauer an diesem Ort enorm. Papier gibt es zwar nicht, stattdessen einen Becher mit Wasser, der diese Funktion ersetzen soll und gleichzeitig zum Spülen dient. Für mich war damit auch eine offene Frage geklärt, die mich schon länger beschäftigte, warum Unununs sehr wählerisch sind, wem sie die Hand schütteln. Wir befanden uns halt im Gefängnis und nicht im Hilton, das durfte man nicht vergessen, alles musste zweckmäßig und durchdacht sein. Intelligente Lösungen waren gefragt, wie man sie beispielsweise für den unteren Bereich des Duplex entwickelt hatte. Bei Regen konnte man mit dem unter der Tür eindringenden Wasser direkt die Böden schrubben. In weiser Voraussicht hatte man alle Fensterbänke innen mit einer drei Zentimeter breiten Regenrinne ausgestattet. Zwischen Fenster und Fensterrahmen bestand auch höchstens ein Abstand von fünf Millimetern,, das förderte die Luftzirkulation und im Sommer war
- 261 -
es sowieso warm, so dass man eh die Fenster geöffnet hielt. Warum hin und wieder ein Gitter oder ein Fenster total schräg eingebaut wurde, hinter die Lösung dieses Rätsels hoffte ich, auch noch eines Tages zu kommen. Die Weltwirtschaftskrise machte auch vor den Gefängnistoren nicht halt. Wir fielen einem unfriendly-takeover zum Opfer, wurden zwangsfusioniert. Zu wenig Platz in der Anstalt, so hatte man beschlossen, die beiden Ausländerabteilungen zu einer zusammenzulegen. So waren wir jetzt umgezogen, befanden uns mit 21 Personen auf der Zelle, es versprach, noch heiter zu werden. In unserer bisherigen Abteilung befanden sich eher die Leichtgewichte wie Betrüger und Drogendealer, nun bekamen wir wenigstens das volle Programm bis hin zu Raub und Mord. Dafür hielt ich als einziger Westeuropäer die Stellung, spielte die Minderheit unter 6 Arabern und 14 Angehörigen der ehemaligen GUSStaaten. Bei einem neuerlichen Besuch des Konsulats erschienen bei den Herrschaften einige Sorgenfalten auf der Stirn, als sie von der Zusammensetzung der Zellenbelegschaft erfuhren. Hörte sich aber meiner Meinung nach nur wild und dramatisch an, es ist immer davon abhängig, wie man eine Sache angeht. Eine alte chinesische Weisheit besagt: „Wenn Du einen Gegner nicht besiegen kannst, verbünde Dich mit ihm!“ Deshalb ging ich offen auf unsere neuen Mithäftlinge zu, es erinnerte mich an meine Kindheit. Als kleiner Steppke kletterte ich bei meinen Streifzügen gerne in Hundezwinger, um mit den Tieren zu spielen. Egal wie groß sie waren, nie hatte ich Angst dabei, kein Hund hat mich bis heute gebissen, man darf keine Furcht zeigen, dann geschieht auch nichts. Manchmal ähneln solche Situationen dem Leben, man sollte den Menschen positiv begegnen, sie mit Respekt behandeln, genauso wird es von ihnen dann auch reflektiert. Meine
- 262 -
„schweren Jungs“ gingen sehr respektvoll mit mir um, brachten mir Tee an den Tisch und schauten mir gerne dabei zu, wenn ich meine Unterlagen ausbreitete und arbeitete. Neugierig fragten sie mich nach dem Buch und versuchten ein paar Worte Deutsch zu lernen. Nach und nach erzählten sie mir ihre Geschichten und die Gründe, weshalb sie hier waren. Leonid war ein sympathischer Junge, mit dem man auch in der Kneipe ein Bier trinken würde. Doch mit dem Bierchen wird es wohl bei ihm noch ein Weilchen dauern, er ist zwar erst 25 Jahre alt, hat aber noch 55 Jahre vor der Brust. Seine goldene Hochzeit wird er höchstwahrscheinlich in der Haft feiern, doch seine Frau bleibt ihm bis dahin sicherlich treu, denn sie sitzt 300 Meter weiter in der Frauenabteilung. Nun gut, die Frau ist ein wenig impulsiv, ein ganzes Magazin auf ihren einheimischen Patron abzufeuern war nicht so „Ladylike“. Sie sind beide noch ein wenig jung und haben vielleicht etwas überreagiert und Leonid liebt halt seine Frau. Als er sah, wie schlecht sie doch schoss, wollte er ihr nur helfen und stach noch siebenmal mit dem Messer zu. Na ja, irgendwie schon ein bisschen übertrieben, aber ansonsten war er ein netter und höflicher Junge und mal Hand aufs Herz, ein paar Macken hat doch jeder, oder?! Damit alles zwischen den Häftlingen stressfrei ablief, hatte Guguni die organisatorische Leitung übernommen. Der Einfachheit halber nannte ich ihn immer „Gugi“, er stammte aus Georgien und lebte seit 8 Jahren hier, hauptsächlich wegen der guten wirtschaftlichen Perspektiven. Nachdem er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte, baute er sich ein kleines florierendes Unternehmen auf, das sich auf den schnellen Abtransport von beweglichen Gütern spezialisiert hatte, man könnte auch Diebstahl dazu sagen. Aufgrund restriktiver Maßnahmen vonseiten der Justizbe-
- 263 -
hörden ruhte zurzeit sein Geschäftsbetrieb und seit 7 Monaten genehmigte er sich und seinem Mitarbeiter eine staatlich alimentierte Auszeit hinter diesen netten Mauern. Er war sowohl als Mensch und auch als Unternehmer recht clever und intelligent, was man auch daran erkennen konnte, dass er bei meiner Ankunft erst zwei Wochen zuvor Schach spielen gelernt hatte und sich mittlerweile auch bereits gegen alte Hasen beachtlich schlug. Er hatte bewusst bei der Auswahl seiner Mitarbeiter auf Personal seines Heimatlandes zurückgegriffen, da er von der Qualität und der Zuverlässigkeit der hiesigen Fachkräfte nicht überzeugt war. Nach seinen zukünftigen Plänen befragt, gab er an, dass er das größte Entwicklungspotenzial in seiner Branche sah, sich recht wohl darin fühlte und die Devise vertrat. „Geklaut wird immer“. Jeden Morgen verteilte er an die Kollegen, die über kein Geld verfügten, die Tagesration Zigaretten, sorgte dafür, dass sich alle ruhig und gesittet benahmen. Paata stammte ebenfalls aus Georgien, war genau wie „Gugi“ seit 7 Monaten in dieser Hotellerie der besonderen Art, gehörte aber nicht zu dessen „Firma“. Zur falschen Zeit am falschen Ort, das war sein Problem, wenn man seinen Worten glauben durfte. Als ein kleiner Überfall auf einen Geldboten stattfand, war er zufällig in der Nähe und konnte die Einladung von ein paar eifrigen Polizisten einfach nicht abschlagen. Er sprach gut englisch, war ein angenehmer Schachpartner und überzeugter Vegetarier. Mit aufgeschnittenen Plastikflaschen hatte er sich im Hof eine Hydrokultur aufgebaut, in der er Zwiebeln züchtete, um so seinen Speiseplan mit tagesfrischer Ware zu ergänzen. Damit er sich nicht einsam fühlte, hatte man gleichzeitig auch mit ihm „Little John“ und Coba, zwei seiner Landsleute hier zwangseinquartiert. Coba war so etwas wie die graue Eminenz in der Abteilung, die im Hin-
- 264 -
tergrund die Fäden in der Hand hielt. Ihn nannte ich nur „Turtle“, denn nicht nur das Aussehen glich einer Schildkröte. Vielmehr war ich überzeugt, in einem anderen Leben muss er eine gewesen sein. Sein Verhalten, sein schleppender Gang, alles passte perfekt. Schlief fast den ganzen Tag, kam nur aus seinem Räumchen, wenn es was zu futtern gab und alle Bewegungen immer ganz langsam und bedächtig. Der Dritte im Bunde konnte durchaus als Bruder von Arnold Schwarzenegger durchgehen. „Little John“ war ein freundlicher, immer lächelnder Riese. Ständig war er damit beschäftigt, improvisierte Fernsehantennen zu basteln, damit er mehr Sportkanäle mit seinem Fernseher empfangen konnte. Die Eigenkreationen, die er dafür zusammenschraubte, waren einfach atemberaubend. Das dafür benötigte Baumaterial fand er meist in den Wänden des Duplexes. Egal wo die Unununs Metall oder Leitungen in den Mauern verlegt hatten, er fand alles und seinen gewaltigen Kräften konnte nichts widerstehen. Schließlich hatte er keinen Mietvertrag unterschrieben, musste also beim Auszug nicht renovieren, das war sein Glück, denn sonst wäre es teuer für ihn geworden. Beim kleinen Murat, der ebenfalls aus Georgien stammte, war ich mir nicht ganz sicher, wie man ihn einschätzen musste. Von der ihm verordneten Gastfreundschaft von 15 Jahren hatte er bereits 3 Jahre in diesem Ambiente verbracht. Sein Fall erinnerte mich stark an einen Mord im Drückermilieu in Deutschland, der angeblich auf einem Kommunikationsfehler beruhte. Der Chef der Drückerkolonne befahl seinem Kolonnenführer, einen entlassenen Mitarbeiter in den Zug zu werfen. Leider verstand dieser stattdessen aber „vor den Zug….“, so sitzen beide derzeit noch in Deutschland in Haft. Ähnlich verhielt es sich auch bei Murat, nur
- 265 -
war es ein Bus statt eines Zuges und die genauen Umstände waren nach wie vor nicht klar. Unfall oder Mord, die hiesige Gerichtsbarkeit tat sich recht schwer. Den bekannten Satz „In dubio pro reo“ übersetzt sie eher mit „Im Zweifel gegen den Angeklagten“, man sperrte die Leute lieber vorsichtshalber erst mal ein. So könne es noch eine Zeit dauern, bis er ein rechtkräftiges Urteil bekommen würde und wusste, woran er war. Die nächste Zeit wollte ich ihm etwas helfen, sein Verfahren erfolgreicher zu gestalten, denn mit den einheimischen Anwälten war so was immer eher ein Lotteriespiel. Zeit dafür hatte ich und bei einem anderen Fall hatte ich bereits einen kleinen Erfolg erzielt. Vor Kurzem war Mustafa, ein Mithäftling entlassen worden, 8 Monate hatte er in Untersuchungshaft gesessen, drei Verhandlungstage waren ohne Ergebnis verstrichen. Vor seinem nächsten Gerichtstermin entwickelte ich eine neue Verteidigungsstrategie mit ihm, erarbeitete mit ihm neue Argumentationsketten, übte mit ihm Fragen und Verhandlungstechniken, trainierte seine Körpersprache. Bei seiner nächsten Verhandlung wurde er darauf als Einziger von 9 Angeklagten freigesprochen und entlassen. Wahrscheinlich hatte ich wieder nur Glück gehabt oder einfach nur Zufall? Bei Murat würde es schwieriger werden, aber „schaun mer mal“. Max kam aus der Ukraine und befand sich bereits in unserer ursprünglichen Abteilung, uns verbanden einige Gemeinsamkeiten. Er kannte nicht nur Hilmar, den Deutschen, auch unsere Delikte ähnelten sich, wobei er eine andere Größenordnung wählte. Im Bereich der Computer-Kriminalität hatte er einige Banken um einen zweistelligen Millionenbetrag erleichter, so richtig prickelnd fand das in Amerika niemand, nicht so wirklich. Deshalb wollte ihn das FBI gerne zu einem Daueraufenthalt im Land der unbe-
- 266 -
grenzten Möglichkeiten bewegen. Doch noch musste das FBI sich hinten anstellen. Denn wir hatten denselben Anwalt und er wurde von diesem klein, dicken Dilettanten sehr qualifiziert vertreten. Das Honorar von 15.000.- € hatte er an ihn schon gezahlt, dafür stammelte sich Kalle Wirsch zwei Sätze in der Hauptverhandlung zurecht und der arme Max kassierte 30 Jahre für ein Vergehen, das in allen europäischen Ländern eine Strafe von 3,4 Jahren nach sich gezogen hätte. Die Unununs waren halt schon in ihrer Rechtsprechung sehr eigen. Die restlichen Leidensgenossen wie Nika oder Nugri waren mehr Kleinkrimielle, waren für Diebstahl mit Haftstrafen zwischen zwei und vier Jahren bedacht worden. Sie wiesen teilweise psychopathische Züge auf und waren unkontrollierbar aber pflegeleicht, wenn man ihnen die Fernbedienung des Fernsehers überließ. So hatten wir ein sehr buntes Gemisch der verschiedensten Straftaten und der unterschiedlichsten Charaktere in unserem Duplex. Wäre Kenan hier gewesen, hätte er hier seine Mafiafantasien voll ausleben können. Doch ich war überzeugt, mit seinen Spielchen hätte er hier jeden Tag eine Tracht Prügel bezogen, denn ein wenig „Haue“ gab es hier schon hin und wieder. Nun gut, die Jungs trugen spezielle Tattoos, von denen man einiges ablesen konnte, beinahe militärischen Rangabzeichen gleichkamen und straff organisiert waren sie natürlich auch. Doch wer sagte denn, dass diese Tattoos nicht die Embleme eines Sportvereins darstellten? Schwere Jungs? Gefährlich? Das Prinzip Ursache und Wirkung galt auch hier, ich ging freundlich und höflich mit ihnen um, sie behandelten mich genau so, brachten mir Respekt entgegen und ich hatte nie das geringste Problem mit ihnen. Im Gegenteil, wären alle in Freiheit, hätte ich eine ganze Reihe von Einladungen in
- 267 -
ihrer Heimat Georgien abarbeiten müssen. An Ostern hatten sie mit Keksen eine große Buttercremetorte vorbereitet, auf einem festlich gedeckten Tisch stand eine Menge kleiner, leckerer Gerichte und jeder erhielt ein gefärbtes Osterei, sogar kunstvoll mit einem Motiv bemalt. Traditionell klopften wir dies mit den Spitzen gegeneinander und wünschten uns „Frohe Ostern“. Vier Flaschen Wein, die ich zu dem Büfett beisteuerte, rundeten das Ganze ab und es wurde eine sehr gemütliche Feier. Der Versuch, Wein oder Schnaps herzustellen, war meinen Georgiern bislang immer misslungen, aus Brot, Wasser, Zucker und etwas deutscher Gründlichkeit war mir zwar noch kein Spitzentropfen gelungen, doch mit geschätzten 10,12 Prozent Alkoholgehalt war er schon gut trinkbar. Bei meinem zweiten Anlauf war das Ergebnis bereits erheblich besser, die 8 Liter der Marke „Cezane evi“ (Gefängnishaus), Flaschengärung, Südhanglage, mundete allen vortrefflich, gut gekühlt schmeckte er wie ein frischer Federweißer und begeisterte jeden. Das zweite Mal hatte ich ihn mit frischen Erdbeeren angesetzt und erhielt so eine wunderbar fruchtige Note. Die Flaschen mit ihrem roten Inhalt waren zwar sehr auffällig, doch mit einem Besenstiel verband ich je 4 Flaschen an jeder Seite zu einer Gewichtshantel. Da meine Jungs für ihr Krafttraining aus Plastik-Flaschen, die mit Wasser oder Salz gefüllt waren, sich die verschiedensten Gewichte gebastelt hatten, fiel meine farbige Variante nicht so besonders auf. So konnte ich mit einem Handgriff alle Flaschen täglich zum Gären in die Sonne stellen. An dem Tag, an dem ich mein leckeres Tröpfchen angesetzt und erstmals in den Hof gestellt hatte, setzte sich auch schon prompt einer der Beamten direkt neben meine private Produktionsanlage. Natürlich fragte er uns, was das sei und ob wir Wein herstellen würden. Wir? Wein? Wer macht denn so
- 268 -
was? Wir doch nicht! Damit war die Sache für ihn erledigt und 14 Tage später konnten wir unser sonnenverwöhntes Tröpfchen genießen. Die einzig echte Schwierigkeit während dieser Haft war es, den Kontakt zur Außenwelt zu halten. Den kleinen Straßenräuber, der sich als Anwalt ausgab, hätte ich liebend gern dorthin getreten, wo es richtig wehtat, um ihn danach in die Wüste zu schicken. Doch er war meine Nabelschnur nach draußen, also musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Zwar würde er keinen Cent mehr von mir bekommen, doch ganz so deutlich konnte ich ihm das nicht um die Ohren hauen. Nach wie vor spielte er den Märchenonkel und das gerade bei mir, da hatte er sich den Richtigen ausgesucht. Nun mag ich manchmal vielleicht nicht den intelligentesten Eindruck vermitteln, doch hielt er mich wirklich für geistig so minderbemittelt, dass ich ihm seine Storys abkaufen würde? Scheinbar lag ich für ihn so weit unter der intellektuellen Armutsgrenze, dass es nur einen Weg gab, mein Gehirn auf Erbsengröße zu bringen – aufblasen. Wer dumm und naiv ist, muss auch vertrauensselig sein, also erzählte ich ihm bei seinem nächsten Besuch von meinem Konto bei der Amro-Bank in Amsterdam. Dort würden noch 100.000.- € als meine letzte Finanzreserve schlummern, davon könnte ich das von ihm gewünschte Fantasie-Honorar zahlen. Sofort loderte ein gieriges Flackern in seinen Pupillen auf, eine Hyäne, die wochenlang hungerte und der beim Anblick eines saftigen Fleischbrockens das Wasser im Mund zusammenlief. Er war direkt Feuer und Flamme und wollte schnellstens nach Holland fliegen, um das Geld abzuholen. Viel wollte er nicht davon, für sein Nichtstun nur 10.000.- € und die Flugkosten, die restlichen 90.000.- € wollte er treuhänderisch für mich während meines Zwangsurlaubes ver-
- 269 -
wahren. Musste einen so viel Selbstlosigkeit nicht berühren und mit Ehrfurcht erfüllen? Aber warum drängte sich bei mir so spontan der Satz auf: „Das Geld ging von Hand zu Hand, bis es verschwand“. Wobei ich sehr genau wusste, das Geld würde nicht verschwinden. Aus einem Dialog zwischen Anwalt und seinem Mandanten war mir das sehr wohl bekannt. Das Opfer eines Anlagebetruges fragte treuherzig seinen Rechtsbeistand: „Heißt das, mein Geld ist weg?“ und dieser entgegnete: „Nein das Geld ist nicht weg, das haben jetzt nur Andere:“ Doch meinem kleinen Winkeladvokaten konnte ich sicherlich vertrauen, nur wollte ich ihn nicht alleine mit einer Blankovollmacht nach Amsterdam fliegen lassen. So mussten wir eine Lösung suchen. Für ihn ging es darum, wie er an das Geld kommen konnte,, für mich darum, wie ich eine unabhängige Kontaktschiene aufbauen konnte. Deshalb kam die Idee auf, Cenk, meinen Programmierer zum vereidigten Dolmetscher bestellen zu lassen. Dadurch konnte dieser ihn zukünftig zu den weiteren Besuchen begleiten. Kalle Wirsch hatte dadurch das Gefühl, er käme damit seiner Beute ein Stück näher und ich würde mit Cenk geschäftliche Vorgänge besprechen können. Fortan glichen die Besuchstermine einem Duell der Gebrüder Grimm gegen Pinocchio, mit Cenk und meinem dicken Raubritter machten wir uns Gedanken, wie man das Geld aus Holland am sichersten abholen könnte. Ständig erzählte ich nun irgendwelche Märchen über Angaben und Daten, die noch benötigt würden, um den Transfer reibungslos abwickeln zu können. Cenk und ich amüsierten uns dabei köstlich über unseren Rechtsverdreher, der eine Stunde geduldig unserer Unterhaltung beiwohnte und dessen regelmäßiger Gesprächsbeitrag einzig aus der Frage bestand: „Wann fliegen wir denn nun nach Holland?“ Wobei, manchmal fragte er sogar: „Was
- 270 -
gibt’s Neues?“ „Das sollten Sie mir sagen können, denn ich sitze hier drin!“ war meine stetige Antwort darauf. Denn irgendwelche Informationen über den Fortgang meines Verfahrens und die Auslieferung waren längst kein Gesprächsthema mehr. Oder steht es irgendwo geschrieben, ein Anwalt sollte sich um die Angelegenheiten seines Mandanten kümmern? Das dürfte doch eindeutig eines dieser hartnäckigen Gerüchte sein. Natürlich war es nötig, sein Interesse an dem Ganzen weiterhin am Leben zu halten, damit er weiterhin mit Cenk zu Besuch kam. Also musste jede Woche eine kleine Story für ihn her, eine nette Geschichte, die weiterhin alles glaubhaft erscheinen ließ. Meist drückte ich ihm eine E-Mail an meinen Bruder in die Hand, in der es um hochgeheime Daten und die Zugangscodes des imaginären Kontos ging. Aus unserer Militärzeit beherrschten mein Bruder und ich noch perfekt das Nato-Alphabet, daraus einen Buchstabenblock in die Nachricht eingefügt, schon verlieh es ihr einen mysteriösen, geheimnisvollen Anstrich: SIERRAOSKARROMEOROMEOYANKEEMIKEUNIFORMECHOLIMALIMA
Liest man den ersten Buchstaben jedes einzelnen Wortes, erhält man folgende Botschaft: Sierra Oscar Romeo Romeo Yankee Mike Uniform Echo Lima Lima = SORRY MUELL Wirklich primitiv und simpel gestaltet, für mich war es fast schon unglaublich, dass man diesen Schwachsinn für bare Münze nehmen konnte. „Gier frisst Hirn“, wie oft dies zutrifft, konnte man gerade in jüngster Vergangenheit bei unseren Banken mitverfolgen, die durch ihr Verhalten so für die Wirtschaftskrise sorgten. Mein Pinocchio-Anwalt hatte scheinbar den Eindruck
- 271 -
gewonnen, dassich wohl in meinem früheren Leben im Geheimdienst ihrer Majestät stand oder zumindest beim CIA oder BND in die Lehre gegangen war. Mein qualifizierter Anwalt zeigte sich sichtlich beeindruckt und übermittelte diesen Quatsch fleißig weiter. Ihm war zwar die unbedeutende Tatsache bekannt, dass alle Kommunikationswege zu meiner Familie elektronisch überwacht wurden, doch das störte ihn nicht im Geringsten und hinderte ihn nichtdaran am Telefon mit meinem Bruder über alles schön offen zu sprechen. Hätte ich tatsächlich auf irgendeinem Konto einen kleinen Schatz gebunkert gehabt, jeder Ermittler hätte sich für seine tatkräftige Hilfe und die Unterstützung bei ihm freundlich bedankt. Er war einfach ein Meister seines Faches, hieß es nicht: „Ich bin zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen?“ Oder galt für ihn mehr der Satz: „ Wissen ist Macht, nichts wissen macht auch nichts?“ Doch irgendwie gelang es ihm immer wieder, einen Dummen zu finden, der auf ihn hereinfiel. Auch Domanick war einer von ihnen, ein vierzigjähriger, unbescholtener Familienvater aus Frankreich, den man am Flughafen von Antalya verhaftet hatte. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er einen antiken Stein im Wert von 20.- € im Gepäck hatte. Dasselbe Schicksal widerfuhr auch Perez, einem gleichaltrigen Spanier, der sein ganzes Leben noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Jeder von ihnen hatte einen Stein bei einer Shopping-Tour als Souvenir erworben, nun hatte man sie im Abstand von einem Tag verhaftet und sie befanden sich plötzlich in dieser individuellen Hotelanlage wieder. Beide verstanden die Welt nicht mehr. Währenddessen gingen die eifrigen Ununun-Polizisten bereits der Frage nach, ob man es hier nicht mit einem ausgebufften Schmugglerring zu tun hatte, da beide Fälle so zeitnah und parallel erfolgten. Scheinbar waren sie
- 272 -
im Glauben, ihnen seien zwei richtig dicke Fische ins Netz gegangen, zwei Schwerkriminelle, die mit der Ausfuhr der beiden Gesteinsbrocken die Stabilität des Landes immens gefährdet hätten. Die innere Sicherheit stand auf dem Spiel, da war schnelles Handeln geboten und die Untersuchungshaft schon angebracht. Nun saßen meine beiden „Stone-Brothers“ in unserer Ausländerabteilung und wussten nicht, wie ihnen geschah. Domanick „the rolling stone“ war mehr ein großes Kind und musste am Airport seine Ehefrau und die vier Kinder alleine nach Hause schicken. Die Trennung und die Sorge um seine Familie bereiteten ihm am meisten Sorgen. Und er hatte sich ausgerechnet meinen Kalle Wirsch als Anwalt ausgewählt. Vergebens versuchte ich, Domanick die Wahrheit über seinen Rechtsbeistand nahe zu bringen. Die negativen Erfahrungen, die Max und ich mit diesem Mann gesammelt hatten interessierten meinen „rolling stone“ nicht. Die Fakten und unsere Worte perlten wie Wassertropfen am ihm ab. Der Mensch glaubt das, was er glauben will, also vertraute er lieber den Lügen und auf die übliche Zusicherung durch den kleinen dicken Raubritter, in ein, zwei Wochen sei alles erledigt und er wieder frei. Damit war die Enttäuschung natürlich vorprogrammiert, denn wie üblich folgte auf jede Woche, die nächste und das Spiel der Vertröstungen begann. Perez war mit seinen fast zwei Metern für mich der „big stone“, fühlte sich wahrscheinlich wie Gulliver im Lande Liliput und sah das Ganze realistischer. Da er neben seiner Muttersprache nur französisch sprach, war heilfroh, sich mit uns vernünftig unterhalten zu können. Für beide war diese Situation der „Super-Gau“, ein Riesenknall, mit dem ihr bisheriges Leben explodierte und sie sich vor den Trümmern ihrer Existenz wähnten. Nach ihrem Rechtsempfinden saßen sie unschuldig hinter Gittern und es war schwer
- 273 -
vermittelbar, mit welchem Recht man sie einsperrte. So nahm ich sie unter meine Fittiche, es war mehr eine psychologische Betreuung, um zu vermeiden, dass sie seelisch in ein schwarzes Loch fielen. Auch hielt ich die Hand über sie, damit sie nicht in Konflikte mit anderen Häftlingen gerieten. Die Situation war zwar nicht so schlimm, wie sie sich alles nach den Horrorszenen aus dem Film „Midnight-Express“ vorstellten, aber man musste immer etwas vorsichtig sein. Nach einer Woche hatte ich sie soweit aufgepäppelt, dass sie ihre Situation mehr als einen unfreiwilligen Zwangsurlaub betrachteten und nur noch hin und wieder in ein moralisches Tief fielen. Um die Holiday-Illusion mit Leben zu erfüllen, kompensierte ich das eingeschränkte Freizeitangebot abends mit leckeren Menüs und sorgte so für gute Laune. Man musste nur etwas improvisieren, schon konnte man vieles qualitativ verändern. Eine aufgeschnittene Plastikflasche, in die mit einer heißen Nadel Löcher gebohrt wurden, schon erhielt man ein praktisches Haarsieb. Es war zwar nicht vom WMF, doch es reichte, um von den Nudeln mit heißem Wasser den obligatorischen dicken Fettfilm abzuwaschen. Nun eine feine Soße dazu, ein frischer Salat, dem meist noch ein Dessert folgte und schon hatten wir ein nettes Abendessen. Besonders freute ich mich, dass ich nicht mehr der Einzige war, der mit Messer und Gabel aß. Wie es sich für ein gutes Hotel gehörte, gab es auch zum Wochenende kulinarische Höhepunkte wie beispielsweise unseren spanischen Abend. Ein Tapa-Buffet mit den verschiedensten Tapas und spanischen Gerichten, die selbst Perez überzeugten. Meine „stone brothers“ waren der Meinung, sie hätten hier besser gegessen als während ihres Urlaubes in den Landeshotels. Mein selbst gemachter „Rotwein“ sorgte für die nötige gute Stimmung, es war ein fast perfekter
- 274 -
Abend, es fehlte nur noch die Gitarren-Musik und die FlamencoTänzerin.
Genau wie in der Weltpolitik, traten auch in unserem Minikosmos Spannungen auf, insbesondere da unterschiedliche Kulturen und Machtblöcke aufeinandertrafen. Seit geraumer Zeit gärte es bereits zwischen den Jungs aus Georgien und den Arabern, es fehlte nur ein kleiner Funke zur Eskalation. Diese wurde dieses Mal nicht von irgendwelchen amerikanischen Geheimdiensten initiiert, wie es oft bei solchen Konflikten von der Arabischen Liga behauptet wird. Es ging auch nicht um Öl, sondern um Zigaretten, aber es führte dennoch zum großen Knall. Hinter geschlossenen Zellentüren tobte eine kurze aber umso heftigere Auseinandersetzung zwischen beiden Lagern. Als das Wachpersonal davon Wind bekam und mit 15 Mann bei uns einrückte, war bereits genug Blut geflossen und schon alles vorbei. Als Initiatoren des Kleinkrieges machten sie Gugi und Paata aus und nahmen diese mit, um sie in Einzelhaft zu stecken. Wieder die typische Ununun-Logik, die Lunte am Pulverfass glimmte nicht nur, sondern brannte lichterloh, dennoch versuchte man sie, mit einfachem Pusten zu löschen. Der Tanz hatte gerade begonnen, deshalb hielt ich meine „stone brothers“ in meiner Nähe, damit sie nicht unversehens in die Schusslinie gerieten. Und ich sollte recht behalten, es war noch keine Stunde vergangen, als der zweite Akt begann. Mit Perez spielte ich gerade eine Partie Schach und trank Kaffee, während neben uns Besenstiele zersplitterten und schlagkräftige Argumente ausgetauscht wurden. Perez reagierte etwas aufgeregt, doch ich empfahl ihm, sich besser auf unser Spiel zu konzentrieren, die Partie stand nämlich für ihn ziemlich kritisch und ihm drohte eine Niederlage.
- 275 -
Dieses Mal ging es ziemlich schnell bis 20 Wärter hereinstürmten und die verfeindeten Parteien trennten. Wieder nahmen sie ein paar Leute mit, unter anderem auch „Little John“, der eigentlich nichts getan hatte. Deshalb lief das Entfernen der Kontrahenten nicht mehr ganz so friedlich ab wie beim ersten Besuch. Die Ruhe, die nach ihrem Abzug war trügerisch und währte nur kurz, schon standen sich die nächsten Streithähne gegenüber. Sie wollten unbedingt ihre „Symphonie für starke Fäuste“ weiter fortführen. Doch allmählich reichte es, wenn das so weiterging, lief ich Gefahr gegen Abend nur noch alleine mit meinen beiden „stone brothers“ in der Zelle zu sitzen. Deshalb schnappte ich mir Murat, der für mich übersetzen sollte, und schob mich zwischen die Konfliktparteien um sie zu trennen und die Gemüter zu beruhigen. Alle wieder auf eine vernünftige Basis zu bringen, die Aggressionen abzubauen. Das bedurfte nicht nur Geduld und vieler guten Worte, sondern auch einiges an Körperkraft um sie auseinanderzuhalten. Es schien mir fast zu gelingen, als die Türe aufflog und ein großer Pulk der Ununun-Beamten hereinstürzte. So richtig adrett sahen sie nicht mehr aus, anhand ihrer Blessuren, der Verbände und der zerrissenen Uniformen konnte man ersehen, dass die letzte Runde im Flur noch munter weitergegangen war. Meine Georgier waren ihnen trotz Unterzahl nichts schuldig geblieben. Nun hielt uns der Gefängnisdirektor persönlich eine kurze Ansprache, ermahnte alle, doch jetzt friedlich zu bleiben. Damit wieder Ruhe einkehrte, teilte er unsere Abteilung wieder in zwei Zellen auf, alle Georgier wurden von uns getrennt und erhielten eine separate Unterkunft. Mit dem arabischen Block und einigen Ukrainern verblieben wir in unseren bisherigen Pensionszimmern. Der Direktor verordnete uns allgemeines Zellenschrubben um das
- 276 -
überschüssige Kräftepotenzial abzubauen aber auch, um das ganze Blut auf den Böden wegzuspülen. Alle selbst angefertigten Gewichte und Hanteln mussten aus unserer Abteilung entfernt werden, denn allmählich begriff unser nettes Wachpersonal, weshalb die ganzen Jungs so topfit und kräftig waren, am eigenen Leib hatten sie es selbst erfahren dürfen. Danach legte sich langsam wieder der ganze Stress, auch meine „stone brothers“ bekamen wieder einen normalen Puls. Sie waren recht froh, dass sie nicht zwischen die Fronten geraten und alles für sie glimpflich verlaufen war. Erleichtert meinte Pérez zu mir: „Das möchte ich nicht noch einmal erleben, aber Du bist ganz cool geblieben. Um Dich herum tobte die Revolution und Du hast seelenruhig da gesessen, einen Kaffee getrunken und eine Zigarette geraucht, dafür fehlen mir die Nerven!“ Na ja, wenn man ein Haifischbecken als Whirlpool benutzt, muss man sich nur Flossen und Zähne wachsen lassen. Außerdem sah ich die kleine Schlacht weniger dramatisch, es war schließlich ein Knast und kein Mädchenpensionat. Dafür beunruhigte mich vielmehr mein Bauchgefühl, dienstags hatte mir mein Pseudo-Anwalt bei seinem Besuch versichert, er hätte mit dem Oberstaatsanwalt gesprochen, es gäbe bei meinem Verfahren noch keine neue Entwicklung. Doch über das gesamte Wochenende hatte ich ein komisches Gefühl. Der Gedanke ging mir nicht aus dem Kopf, es wäre an der Zeit, einen Umschlag für meine ganzen Unterlagen zu basteln, damit bei einem Transport nach Deutschland nichts von meinem Buch verloren ginge. Doch ich verwarf ihn immer wieder, verdrängte ihn in die hinterste Ecke meines Kopfes. Ein paar Tage hast du sicherlich noch Zeit, so schnell geht es nicht, sagte ich mir, doch der Gedanke ließ mich nicht los. Montagmittag standen zwei Wärter in der Tür und stell-
- 277 -
ten mir sinngemäß die Frage: „Wie lange sind Sie schon hier, morgen nicht mehr mitgerechnet?“ Es hieß für mich packen, alle Kleider abgeben und für den Transport fertigmachen, am Dienstagmorgen ginge es zurück in meine Heimat. Ganz überraschend kam es für mich nicht, mein Bauchgefühl trügt selten, für Perez und Domanick war es ein einziger Schock. Es waren nur noch zwei Wochen bis zu ihrem Prozess und der erhofften Entlassung, doch diese Nachricht hatte auf sie eine Wirkung, als hätten ihnen ihre Eltern eröffnet, sie würden sich scheiden lassen. Ganz ohne mich fühlten sie sich etwas hilflos und alleine gelassen. Deshalb führte ich mit den Köpfen der verschieden Gruppierungen Gespräche und nahm sowohl die Araber als auch die Ukrainer in die Pflicht, sich nach meiner Abreise um meine beiden „Kleinen“ zu kümmern. Sie unter ihren Schutz zu stellen, dafür zu sorgen, dass ihnen bis zu ihrer Freilassung nichts geschehen würde. Am Abend verabschiedete ich mich von jedem Einzelnen der verbliebenen Rumpftruppe und sie waren schon etwas traurig, dass ich sie jetzt verlassen musste. Am Morgen standen sie extra alle früher auf, um ein letztes Mal mit mir zu frühstücken. Jeder drückte mich noch mal herzlich und klatschend standen sie Spalier, als sich die Tür öffnete und ich hinausging. Es erfüllte mich schon ein wenig mit Wehmut, sie zu verlassen. Besonders bei Perez und Domanick war es ein Gefühl, als würde ich meine eigenen Kinder verlassen, einfach ein schlechtes Gewissen, dass ich mich nicht mehr um sie kümmern konnte, doch eine Wahl hatte ich nicht. Die letzten Eindrücke aus dem Land der Unununs konnte ich auf meiner Fahrt zum Flughafen in mich aufnehmen. Wie ein Tourist saß ich ohne Handschellen auf der Rückbank des Wagens der
- 278 -
Fremdenpolizei, schaute mir noch mal das Häusermeer von Antalya an, genoss die warmen Sonnenstrahlen der Mai-Sonne, vermissen würde ich nur das schöne Wetter. Die Menschen des Landes? Nicht so wirklich oder vielleicht auch überhaupt nicht. Das Empfangskomitee aus Deutschland lernte ich am Airport kennen. Es bestand aus einem älteren Kripobeamten, der recht umgänglich und unkompliziert war. Seine Kollegin, die ihn begleitete, konnte man anhand ihrer herabgezogenen Mundwinkel als ausgewiesenen Angela Merkel-Fan klassifizieren. Die Indianer hätten ihr wahrscheinlich den Namen verliehen: „Die zum Lachen in den Keller geht“. An den Händen trug sie keinen Schmuck, bis auf zwei breite Silberringe, die jeden ihrer Daumen zierten. Schnell war mir klar, ihr ein Lächeln zu entlocken, war genauso aussichtsreich wie ein Versuch Guido Westerwelle oder Wolfgang Wowereit wieder für die Damenwelt zu begeistern. Ihre Lektüre während des Fluges rundete meinen anfänglichen Eindruck vollends ab. Der Titel des Buches: „Knochenasche“, das passt schon, dachte ich nur. Die Rückkehr in meine Heimat verlief so erheblich weniger spektakulär und stressig als meine Flucht, ziemlich einsilbig, fast schon langweilig und gemütlich. Am 26.05.09 14.00 Uhr Ortszeit hatte mich Deutschland und seine Justiz wieder. Das letzte Kapitel wird wohl die Staatsanwaltschaft in Köln schreiben, vielleicht wird sie mir noch einige Zeit verschaffen, das ein oder andere Buch zu verfassen. Themen und Erlebnisse dafür hätte ich genug, doch sollte man solche „Drohungen“ mit Bedacht äußern. Schnell könnte man sich sonst in der Lage eines jungen Schriftstellers wiederfinden, der sein Erstlingswerk einem Kritiker zusandte, versehen mit dem mit dem euphorischen Satz: „Das ist erst der Anfang, ich habe noch mehr Eisen im Feuer!“
- 279 -
Worauf die lakonische Antwort lautete: „ Nehmen Sie die Eisen aus dem Feuer, werfen Sie Ihre Romane hinein.“ Natürlich war ich neugierig und wollte vorab wissen, ob man beim Lesen des Buches bereits nach den ersten Seiten einschläft. Deshalb gab ich meinen Entwurf einigen Personen zum Lesen um ihre Meinung einzuholen. Darauf fragten mich manche davon: „Hast Du keine Angst, dass in Deutschland viele Unununs über das Buch und die Beschreibung ihres Volkes ziemlich sauer sein werden? Insbesondere, da viele von ihnen sehr aggressiv sind und auch genug sich davon in deutschen Haftanstalten befinden, befürchtest Du keine Repressalien oder Schwierigkeiten?“ Diese Bedenken konnte ich weitestgehend zerstreuen. Das Buch enthält keine Bilder und hat nichts mit Fußball zu tun, dadurch tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass ein männlicher Ununun dieses Buch liest, gegen null. Zudem verfügen die Unununs auch über einen sehr feinsinnigen Humor. Die Gefängnisbibliothek verteilte die Bücher zwar in der gewünschten Sprache, doch wählte sie die Titel beliebig aus. Das erste Buch, das man mir aushändigte, war von Andrea Rohloff: „Die Schneejungfrau“, ihre Erfahrungen aus ihrer Haftzeit in Gefängnissen der Unununs. Die DWA hatte bereits im Januar ihre Pforten geschlossen und ich konnte mir nicht verkneifen, an meinen geliebten Stiefbruder Hakan eine E-Mail senden zu lassen. Mit meiner jetzigen Einstellung und allen Erfahrungen schrieb ich ihm: „Lieber in jedem Gefängnis dieser Welt als noch einmal einen Tag Cinar-Knast“. Verstanden hat er diese Botschaft nicht, denn er antwortete mir darauf Folgendes:
- 280 -
Hallo Rudi, freut mich das du draußen bist... oder hast nur Ausgang gehabt? Wenn du glaubst das ich das befürwortet habe was mit dir passiert ist, dann täuschst du dich mein lieber. Ich habe selber 8 Jahre dort verbracht, das hat sich nun mal an dem Tag so ergeben,da hat sich jeder emotional hochgeschaukelt aber daran bist du auch selber Schuld!! Du hättest loyal bleiben müssen statt hintenrum eigene Kühe zu melken! Ich habe im nachhinein gesehen das ich auch viele Fehler gemacht habe. Aber ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen. Wie dem auch sei ich bin dir nicht nachtragend, ich werde es auch nie vergessen das du die Fa. in einem Moment übernommen hast wo ich daran dachte sie zu schliessen und sie so hoch gebracht das ich dich wirklich wie einen Bruder gesehen habe aber dadurch das du uns am Ende hintergangen hast, hast du mir jede möglichkeit genommen mich für dich einzusetzen. Ich hoffe es geht dir den Umständen entsprechend gut. Wenn du draussen bist kannst du mir gerne deine Telefon nummer zukommen lassen meine Nummer ist +66 87 xxxxxx Wenn du was brauchst lass es mich wissen Hakan
- 281 -
Deshalb ließ ich ihm eine weitere E-Mail mit folgendem Text übermittel: Lieber Hakan, jeder von uns beiden hat ein Problem, ich sitze im Gefängnis und Du bist ein wenig dumm. Der Unterschied zwischen uns aber ist, eines Tages komme ich aus dem Gefängnis raus, Du bist dann aber immer noch dumm. Gruß Rudi Seitdem hat er sich nie wieder bei mir gemeldet, ich befürchte fast schon, dass er nie wieder Bruder zu mir sagen wird.
- 282 -
Nachwort Nach meiner Ankunft in Deutschland verbrachte ich die ersten zwei Monate wegen meiner Herzgeschichte im JVA-Krankenhaus in Fröndenberg, bis die deutsche Justiz der Meinung war, dass ich ohne Lebensgefahr in eine normale Justizvollzugsanstalt verlegt werden konnte. Am 08.07.2010 öffneten sich für mich die Tore der JVA Rheinbach und ich stand wieder im Leben, in der Freiheit. Nachdem ich mich als Erstes mit einem Handy versorgt hatte, begann ich sogleich, meine alten Kontakte anzubimmeln und die ersten Schritte zum Aufbau meiner neuen Firma einzuleiten. Denn es heißt nicht, „Zeit ist Geld“ oder um es mit anderen Worten auszudrücken: „Manche träumen von großen Taten, andere sind wach und führen sie aus!“ Heute betreue ich wieder Callcenter in verschiedenen Ländern und die Verwaltung meiner Firma befindet sich natürlich, wo? Im Land der Unununs, in Istanbul. Nun könnte man natürlich sagen, gerade nach alledem, was man erlebt hat, wieder dieses Land? Ist das schon Masochismus oder Gewohnheit? Aber es hat auch seine Vorteile, wenn man von Deutschland aus alles steuern kann und nicht unbedingt dem Ganzen hilflos ausgeliefert ist. Rückblickend betrachtet könnte man sich die Frage stellen, war das im Land der Unununs alles wirklich so lustig oder war es mehr traurig? Und da ist man am Punkt der persönlichen Einstellung angelangt, ist sie positiv oder negativ? Mit einer positiven Einstellung gelingt es uns, die schlimmsten Dinge viel besser zu ertragen, mit allen widrigen Umständen klarzukommen. Einfach das Beste aus jeder Situation zu machen, so besch…. sie auch sein mag. Es gibt immer einen Ausweg, es gibt immer eine Lösung, man muss
- 283 -
nur daran arbeiten und sie auch finden. „Die helfende Hand sitzt am Ende des eigenen Armes“. Viel Menschen lassen sich sehr schnell von der Last ihrer Probleme und Schwierigkeiten erdrücken, anstatt sie positiv anzugehen. Jeder kann es mit der richtigen positiven Einstellung schaffen. Erfolg kommt nicht zu dem, der ihn wünscht, sondern zu dem, der beschließt, erfolgreich zu werden. Einfach gesagt: „Tritt Dich das Leben in den Hintern, so nutze den Schwung, um weiter zu kommen.“ Wenn Sie ein paar Tipps benötigen, Ihr Leben glücklicher und erfolgreicher zu gestalten, können Sie gerne über meine persönliche Website www.rudolf-arzten.de in Kontakt mit mir treten.
- 284 -
- 285 -
- 286 -
View more...
Comments