Das Berliner Mietshaus der Kaiserzeit

March 16, 2017 | Author: Irma Lang | Category: N/A
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1 Beuth-Hochschule für Technik B 24 - Entwerfen und Konstruieren im Bestand SS 2015 Das Berliner Mietshaus der Kais...

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Beuth-Hochschule für Technik B 24 - Entwerfen und Konstruieren im Bestand SS 2015

Das Berliner Mietshaus der Kaiserzeit Carola Veit

Matr. Nr. 808416

B 24 - Entwerfen und Konstruieren im Bestand: Das Berliner Mietshaus der Kaiserzeit - SS 2015 Carola Veit - Matr. Nr. 808416

INHALTSVERZEICHNIS Lage 2 Adresse und Baujahr 3 Geschichte des Stadtgebietes 4 Stadtstruktur 5 Typlogie des Berliner Mietshauses 6 Baubeschreibungen 7 Architekurgeschichtliche Einordnung

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Schlussfolgerungen

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Persönliche Beurteilung

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Literaturliste

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Lage Die beiden Häuser befinden sich im südlichen Kreuzberg. Das Gebiet ist im Norden durch die Gneisenaustraße, im Westen durch den Mehringdamm, im Süden die Fidicinstraße und im Osten durch die Heimstraße/Schleiermacherstraße begrenzt. Es handelt sich hierbei um ein homogenes Wohngebiet mit Kleingewerbe. Die Stadtstruktur stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

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Adresse und Baujahr 1. Haus in der Reihe: Adresse: Bergmannstraße 13 Baujahr: 1874/75 Entwurf und Bauausführung: Carl Friedrich Paul (Maurermeister) Bauherr: Ernst Semmler (Fuhrherr) 2. Haus an der Ecke: Adresse: Willibald-Alexis-Straße 30/Kloedenstr. 1 & 1A Baujahr: 1889-1890 Entwurf: Hugo E. Hintz (Kaufmann) Bauausführung: Karl Seiffert (Maurermeister) Bauherr: Hugo E. Hintz (Kaufmann)

(aus: Denkmalliste der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt)

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Geschichte des Stadtgebietes Das Untersuchungsgebiet wurde im Rahmen der Stadterweiterung von 1861 als Tempelhofer Vorstadt außerhalb der Akzisemauer angelegt. Der nördliche Teil zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße wurde als Wohngebiet mit Gewerbehöfen und Etagenfabriken angelegt, der südliche Teil zwischen Bergmann- und Fidicinstraße, der seit 1809 der Familie Bergmann gehört hatte, als Wohngebiet mit Kleingewerbe entlang der Bergmannstraße und als reines Wohngebiet um den Chamissoplatz. Diese südliche Bebauung erfolgte in einer ersten Phase ab 1870 entlang der Bergmannstraße und in einer zweiten Phase ab 1888 rund um den Chamissoplatz. Die Bebauung entlang der Bergmannstraße fällt damit in die Regierungszeit Wilhelms I., die des Chamissoplatzes in die Wilhelms II. (aus: Stadtentwicklung von A-Z)

(aus: FIS-Broker)

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Stadtstruktur Angesichts des enormen Bevölkerungswachstums in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war James Hobrecht im Namen des Staates beauftragt, einen Bebauungsplan für die Stadterweiterung von 1861 zu erarbeiten. Der Hobrecht-Plan von 1862 sah für Berlin große Tangenten vor, dazwischen ein Straßenraster mit Blockrandbebauung. Von großer Bedeutung war dabei die Durchmischung der sozialen Schichten: „Die sehr groß gehaltenen Quartiere sollten am Rande mit Bürgerwohnungen bebaut, im Innern aber für Wohnungen der arbeitenden Massen, für Werkstätten und Manufakturen oder Gärten genutzt werden.“ (Herbert Schwenk, Berliner Stadtentwicklung von A-Z, S. 137

Bebauungsplan von 1862

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Typologie des Berliner Mietshauses Die Grundstücke wurden dementsprechend maximal ausgenutzt. Seitens des Staates galt es, Wohnraum für so viel Menschen wie möglich zu schaffen. Der Bebauungsplan von Hobrecht beruhte auf der Baupolizeiordnung von 1853. Diese sah lediglich vor, dass die Häuser 4-6 Vollgeschossen enthalten sollten, die Mindestgröße der Innenhöfe 5,34 x 5,34 m für das Wenden der Feuerspritzen betragen müsse und die Bebauung des Grundstücks mit Vorderhaus, Seitenflügeln und Querhaus erfolgen könne. Daraus ergab sich die typische Struktur des Berliner Mietshauses: ein Vorderhaus mit Seitenflügel und Querhaus und einem oder mehreren Hinterhöfen, in denen Remisen, Pferdeställe oder auch Kleinhandwerk untergebracht waren. In der Zeit vor den großen Mietskasernen, die von Immobiliengesellschaften errichtet wurden, wurden die Mietshäuser von individuellen Eigentümern gebaut, die im Vorderhaus wohnten. Die Fassade zur Straße hin war repräsentativ gestaltet, die rückwärtigen in den Höfen dagegen einfach oder gar nicht. Auch die Bauherren hatten ein Interesse an der maximalen Ausnutzung der Grundstücke. Mietshäuser boten eine sichere Geldanlage. Die Reparationszahlungen aus Frankreich nach dem Krieg von 1870/71 brachten Geld ins Land, das vorwiegend in Eisenbahnaktien und Immobilien angelegt wurde. Der Investitionsboom fand allerdings eine jähe Unterbrechung mit dem Gründerkrach von 1873, die bis etwa 1880 anhielt. Dann setzte eine neue rege Bautätigkeit ein. Die Bevölkerungsschicht im Untersuchungsgebiet bestand vorwiegend aus kleinem und mittlerem Bürgertum. Die Bauherren der beiden zu analysierenden Häuser waren von Beruf Fuhrherr und Kaufmann. Um die zunehmende Überbelegung von Grundstücken zu beschränken, wurde 1887 eine neue Baupolizeiordnung erlassen, die maximal fünf Vollgeschosse vorsah und eine Traufhöhe von 22 m. Souterrains wurden verboten. Damit fiel auch das Hochparterre weg. Die Häuser besaßen dann einen Keller mit Oberkante auf Straßenniveau, das Erdgeschoss lag ebenerdig.

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Baubeschreibungen 1. Haus in der Reihe: Bergmannstr. 13 (1875) Fassade Das Haus in der Bergmannstr. 13 ist aus solidem Mauerwerk mit einer Putzfassade und Stuckornamentik. Es besitzt ein Souterrain und fünf Vollgeschosse. Jedes Geschoss ist zehnspännig. Die Mittelachse wird durch einen Mittelrisalit und den Torbogen der Durchfahrt betont. Horizontal gliedert sich das Haus in drei Bereiche: einen Sockel, die Bel-Etage und die drei oberen Geschosse.

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Der Sockelbereich besteht aus einem schmucklosen Souterrain, das durch Kellerhälse erschlossen wird (heute befindet sich auf der rechten Haushälfte ein ebenerdiger Laden) und einem rustizierten Hochparterre. Beide Geschosse sind zwar durch unterschiedliche Fassadengestaltung und ein Gesims voneinander abgehoben, zugleich jedoch zu einer Einheit zusammengefasst, da der Torbogen mit der Höhe des Hochparterres bündig ist und ein Gesims einen gemeinsamen Abschluss zur restlichen Fassade hin bildet.

Die Bel-Etage wird förmlich als Band zwischen dem Gesims des Hochparterres und den scharf geschnittenen, fast selbst ein Gesims bildende Fensterbekrönungen hervorgehoben. Dieses Geschoss ist vollständig ornamental ausgestattet: In den Fensterbrüstungen befinden sich Bildtafeln mit Ranken, das Fenstergesims ist stark verkröpft. Die Fensterumrahmungen bestehen aus seitlichen kannelierten Pilastern mit Schäften und korinthischen Kapitellen sowie einem Architrav mit Zahnschnitt. Die starken Fensterbekrönungen mit nur geringen Abständen voneinander grenzen das Geschoss fast wie ein Gesims nach oben hin ab, belassen aber doch eine gewisse Durchlässigkeit. Die drei Stockwerke darüber bilden eine Einheit. Sie sind schlichter gestaltet. Im dritten und vierten Stock sind sie durch schmale Fenstergesimse voneinander getrennt, durch die frei gebliebenen Brüstungsbereiche bleiben sie aber flächig miteinander verbunden. Die Fensterbekrönungen sind im dritten Stock als Dreiecksgiebel ausgebildet, im vierten als Bogengiebel und im fünften als schlichtes Gebälk. Sie werden nicht mehr von seitlichen Pilastern getragen, sondern ruhen nur noch auf Konsolen.

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Den Dachabschluss bildet ein Drempel mit Scheinfenstern in Form von runden Ochsenaugen und ein Kranzgesims mit Zahnschnitt und Konsolen. Der Mittelrisalit, der sich über dem Torbogen erhebt, nimmt im zweiten Geschoss, das ornamentale Programm der Bel-Etage auf. In den beiden darüber liegenden Geschossen hebt er sich aber durch die Beibehaltung der Fensterbrüstungen sowie durch eine bogenförmige Fensterbekrönung im vierten Stock ab. Darüber ist er neuerlich in die Gestaltung des fünften Stock integriert und bis ins verkröpfte Dachgesims fortgeführt. Durch diese Gestaltung ist der Mittelrisalit wohl in die Fassade integriert, hebt sich aber zugleich als förmlich eigenständiges Bauteil ab. Insgesamt ist die Fassadengestaltung durch die absolute Symmetrie, den Mittelrisalit und den nach oben hin abnehmenden Aufwand bestimmt.

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Dach, Fenster, Türen Das Dach ist von der Straße aus nicht zu sehen. Typisch aber wäre ein flaches „Berliner Dach“ in der Bauweise eines Pfettendachs mit zweifach stehendem Stuhl, eingedeckt mit Falzziegeln. Die Fenster sind rechteckige Kreuzstockfenster, bei denen jedoch das Setzholz fehlt. Die Flügel schlagen per Falz und Schlagleiste gegeneinander; sie besitzen keine Sprossen. Es sind „Altberliner Doppelkastenfenster“ (beide Flügel schlagen nach innen auf). Die Rahmen sind aus Holz. Die Fenster sind mittig in der Fensterleibung eingebaut. Die Tür in der Durchfahrt hat zwei schwere Flügel und ist aus Holz. Über der Tür ist ein Kämpferoberlicht mit zwei Setzhölzern angebracht, was typisch ist für die Bauweise in der Bergmannstraße.

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2. Eckhaus: Willibald-Alexis-Straße 30/Kloedenstr. 1 & 1A (1889) Fassade Das Haus auf der Ecke Willibald-Alexis-Straße 30/Kloedenstraße 1 & 1A ist ebenfalls ein Bau aus solidem Mauerwerk mit Putz und Stuckornamentik. Es beinhaltet fünf Vollgeschosse und ein Kellergeschoss und ist zehnspännig auf der Seite der Kloedenstraße und elfspännig auf der Seite der Willibald-Alexis-Straße angelegt. Es verfügt über ein ausgeprägtes Sockelgeschoss, das durch ein fortlaufendes, nur an den Eingangsportalen unterbrochenes Gesims von der restlichen Fassade abgegrenzt ist. Die vier Geschosse darüber sind nur durch veränderte Gestaltung der Pilaster in der Horizontalen nochmals zweigeteilt. Das Sockelgeschoss hebt sich zudem durch eine starke, scharfkantige Rustizierung ab, sowie Segmentbögen über den Fensterstürzen ab, die zum Teil zwei Fenster überspannen.

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Es gibt keine Durchfahrt, sondern drei schmale Eingangstüren mit stark herausgearbeiteten Portalen. Über einem halbkreisförmigen Türabschuss erhebt sich jeweils ein schweres Gebälk dorischer Ordnung mit Triglyphen und abstrahierten Rosetten in den Metopen, das auf nicht kannelierten Säulen mit ionischen Kapitellen und kubischen Basen ruht. Auf der Seite der Willibald-Alexis-Straße trägt das Gebälk zusätzlich einen Dreiecksgiebel.

(aus: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Denis Diderot/Jean le Rond d‘Alembert, 1751-1772)

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Über dem Erdgeschoss erheben sich vier, nach oben hin von der Höhe her verjüngende Etagen. Die Fenster sind durch Dreiecksgiebel im ersten Stock, abstrahiertem Rustikasementbogen im zweiten und Gesims im dritten Stock bekrönt. Vertikal ist die Fassade gegliedert durch über die vier Stockwerke verlaufende Pilaster. Die Pilaster sind auf Hälfte durch ein Gesims in eine untere und eine obere Hälfte geteilt, die untere stark rustiziert, die obere glatt, mit Schaft und ionischem Kapitell. Den Dachabschluss bildet ein Kranzgesims mit Eierstab und Konsolen.

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Die Ecke ist abgeflacht, besitzt ebenfalls eine halbrunde Eingangstür mit seitlichen Säulen. Darüber sind in den folgenden zwei Geschossen Balkone angebracht. Die Fenster führen die Umrahmung der Seitenfassaden fort. Die Ecke bildet oben keinen Turm aus, sondern bleibt bündig mit der Traufhöhe der Seitenflügel. Segmentbögen über den Fensterstürzen ab, die zum Teil zwei Fenster überspannen.

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Dach, Fenster, Türen Das Dach ist ein flaches „Berliner Dach“ in der Bauweise eines Pfettendachs mit zweifach stehendem Stuhl, eingedeckt mit Falzziegeln. Es ist inzwischen ausgebaut. Die Fenster sind auch hier rechteckige Kreuzstockfenster, bei denen das Setzholz fehlt, und Doppelkastenfenster. Die Rahmen sind aus Holz und mittig in der Fensterleibung eingebaut. Die Türen sind Rundbogentüren aus Holz mit Verglasung und reicher Ornamentik, einflügelig, nur die auf der Ecke ist zweiflügelig.

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Architekturgeschichtliche Zuordnung In der Gestaltung der Fassaden spiegelt sich das Selbstbewusstsein des im Laufe des 19. Jahrhunderts erstarkten Bürgertums wider. Sie zeigen zunächst meist ein klassizistisches Erscheinungsbild nach dem Vorbild dessen, was Carl Friedrich Schinkel an der Bauakademie gelehrt, Richard Lucae als „Berliner Renaissance“ populär und in Musterbüchern für Fassaden den Maurermeistern zur Aufgabe gemacht hatten. So geht etwa der Dachabschluss in Form des Kranzgesimses auf Schinkel zurück und hat den Zweck, das Dach zu kaschieren. Zunehmend erhalten der Historismus und Eklektizismus Einzug, von denen das Viertel um die Bermannstraße geprägt ist.

Bergmannstr. 13 Die Fassade des Hauses in der Bergmannstraße 13 nimmt mit der Betonung der Mittelachse über dem Torbogen und den Fensterbekrönungen zum einen das Erscheinungsbild der Palazzi aus der florentinischen Renaissance auf. Zugleich lehnt sie sich mit dem Mittelrisalit an die preußischen Herrenhäuser des 18. Jahrhunderts an, die selbst eine Weiterentwicklung florentinischer Palazzi darstellen. Anstelle des barocken Mansardendachs ziehen sich im Mietshaus neben dem Mittelrisalit die Geschosse hoch wie im florentinischen Palazzo neben der Torbekrönung.

Palazzo Strozzi di Mantova, Florenz (1604)

Damit ist die Fassade, anders als die anderen Häuser in der Bergmannstraße, nicht eklektisch gestaltet, sondern noch aus einer klassizistischen Idee eines einheitlichen Gesamtbildes heraus. Das Mietshaus ist weder Palazzo noch Herrenhaus, gibt sich aber deren Gesicht. Das Aussehen der früheren Bauten liegt als zweidimensionales Abbild auf der Fassade des Mietshauses. Damit stellt sich der Bauherr in die Tradition des selbstbewussten Bürgertums von Florenz und ist noch der ausgehenden Feudalgesellschaft verbunden.

Gutshaus Markendorf, Frankfurt/Oder (Ende 17. Jh.), Ansicht zwischen 1857 und 1883

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Willibald-Alexis-Straße 30/Kloedenstraße 1 & 1A

Die Hauseingänge kombinieren Element der dorischen und ionischen Antike. Die Gebälke mit Triglyphen und Metopen sind dorisch, die Kapitelle ionisch.

eklektisch

dorisch

Die gebänderte Rustizierung des Erdgeschosses, die verkröpften Gesime und plastisch gestalteten, rustizierten Pilaster finden ihr Vorbild in der Renaissance und dem Manierismus des 16. Jahrhunderts in Italien.

ionisch

Mit den Segmentbögen integriert die Fassade auch ein Element aus der Industriearchitektur des 18. Jahrhundert in Preußen. Dort bestanden sie aus Backstein, hier sind sie integriert in gebänderte Rustika aus Putz.

Palazzo Canossa, Verona (1527)

Palazzo Bevilacqua, Verona (1535)

Gebäude der AEG-Apparatefabrik, Ackerstraße Ecke Feldstraße, Berlin-Gesundbrunnen (1888), Franz Schwechten

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Die gebänderte Rustizierung des Sockelgeschosses gibt dem Gebäude eine solide Basis. Darüber streben die Pilaster in die Höhe und verleihen der Fassade eine Aufwärtsbewegung. Die Fassade ist dem Historismus zuzuordnen. Sie bedient sich aus Elementen verschiedener Bauepochen und ist stark eklektisch geprägt. Die Auswahl und Kombination der einzelnen Elemente sowie die vertikale und horizontale Gliederung der Gesamtfassade zeugen vom Willen, Kraft, Solidität und Macht auszustrahlen. Der Bauherr Hugo Hintze hat es selbst entworfen. Er war Kaufmann und vermittelt mit der Fassade den Erfolg seiner Geschäfte. Die Betonung der Vertikalen über zwei beziehungsweise sogar vier Stockwerke hinweg ist auch insofern bemerkenswert, als sie an die späteren Kaufhausbauten von Alfred Messel denken lässt.

Gebäude der AEG-Apparatefabrik, Ackerstraße Ecke Feldstraße, Berlin-Gesundbrunnen (1888), Franz Schwechten

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Schlussfolgerung Ein Vergleich der beiden Häuser spiegelt die bauliche Entwicklung des Viertels wider und lässt sich sogar auf historische Veränderungen beziehen.

Bergmannstr. 13, Luftbild 1928 (Quelle: FIS-Broker)

Keller, Kloedenstr. 1

Hausflur, Kloedenstr. 1

Bergmannstr. 13, Innenhof 2015 mit ehemaligen Seitenflügeln

Ecke, Kloedenstr. 1

Eckkneipe, Kloedenstr. 8

Das Haus in der Reihe in der Bergmannstraße 13 ist während der ersten Entstehungsphase des Viertels, 1875, gebaut. In seiner vergleichsweise schlichten Gestaltung, der Betonung der Mittelachse und dem Verfolgen eines einheitlichen Gedankens (dem florentinischen Palazzo) ist es noch dem vorangegangen klassizistischen Denken verhaftet. Es verfügt über die ältere Bauart mit Souterrain für Läden und Kleingewerbe und liegt in der bis heute belebten Bergmannstraße. Noch 1928 besaß es zwei Seitenflügel und ein kleineres Querhaus oder Remisen im Hof, die vermutlich in den 1960er Jahren zur Vergrößerung des Innenhofes abgerissen wurden. Das Eckhaus an der Willibald-Alexis-Straße/Kloedenstraße dagegen ist erst in der zweiten Entstehungsphase des Viertels, 1889, errichtet worden, also nach dem Erlass der Baupolizeiordnung von 1887. Dementsprechend besitzt es einen Keller statt Souterrain. Das Viertel um den Chamissoplatz ist als reine und ruhige Wohngegend angelegt. Nur auf der Ecke des Hauses war vermutlich die übliche Kneipe untergebracht, wie sie im gegenüberliegenden Haus heute noch existiert (Kloedenstr. 8). Der Innenhof ist gekennzeichnet durch enge Wohnbebauung. Offenbar gab es hier keine Remisen o.ä., da es keine Durchfahrt in den Hof gibt. Die Haustüren, Hausflur und Treppenhaus sind sehr eng gebaut, anders bei anderen Häuser in der Straße (siehe etwa die Arbeit von Aljona Schubin, Kloedenstr. 5). Dies lässt auf eine maximale Ausnutzung des Hauses schließen lässt. Die zum Zwecke des prächtigen Aussehens eklektisch-historistisch gestaltete Außenfassade spiegelt den neuerlichen Bauboom nach 1880 wider und das kaufmännische Denken des Bauherrn sowie schon den repräsentativen Willen der Zeit Wilhelms II.

Durchgang zu Keller und Innenhof, Kloedenstr. 1

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Persönliche Beurteilung Das Haus in der Bergmannstraße besticht durch den klaren Aufbau seiner Fassade. Es ist das bescheidenste im gesamten Straßenzug und folgt einer einheitlichen Idee, der des Palazzo bzw. Herrenhauses. Als Detail gefällt mir besonders der Bogengiebel im Mittelrisalit. Die Ornamentik ist sehr elegant und zierlich. Das Eckhaus in der Willibald-Alexis-Straße/Kloedenstraße dagegen finden seinen Reiz in der konsequenten und logischen Applikation der Rustizierung, dem überraschenden Einsatz der Segmentbögen aus dem Industriebau und den hoch aufstrebenden Pilastern. Es ist unverhohlene Zurschaustellung von Macht. Als Detail gefällt mir hier besonders gut die eklektische Türbekrönung.

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Literatur Bücher: Borgelt, Christiane, In der Luisenstadt : Studien zur Stadtgeschichte von Berlin-Kreuzberg, Berlin 1983 Hoffmann-Axthelm, Dieter, Das Berliner Stadthaus - Geschichte und Typologie 12002010, Berlin 2011 Schwenk, Herbert, Berliner Stadtentwicklung von A bis Z, Berlin 1998 Internet: de.wikipedia.org www.stadtentwicklung.de

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