D er Judenfriedhof bei Waldshut

July 16, 2016 | Author: Sigrid Linden | Category: N/A
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1 D er Judenfriedhof bei Waldshut Konrad Sutter, Waldshut N u r w enig oberhalb der R heinbrücke W aldsh u t-k o b ...

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Badische Heimat 62 (1982)

D er Judenfriedhof bei Waldshut Konrad Sutter, Waldshut

N u r w enig oberhalb der R heinbrücke W alds­ hut-K oblenz/S chw eiz um spült der Rhein eine m it B uschw erk bew achsene kleine Insel. Judeninsel w ird sie heute von den W aldshutern allgem ein genannt. Sie gehört zum Schw eizer H oheitsgebiet und heißt in W irk­ lichkeit M ühlegrien, verm utlich weil sich am nahen Strom ufer einst das W asserrad der K oblenzer G etreidem ühle drehte. D ie ei­ gentliche Judeninsel lag w enig w eiter strom ­ aufw ärts, etw a in H ö he des Portals der heu­ tigen L onza-W erke und zählte zu r G em ar­ kung der Stadt W aldshut. D as hier wilde W asser des Rheines hat ständig an ihr genagt und sie im m er kleiner w erden lassen. M an sah sich daher um 1850 genötigt, zum Schutze der ganzen U ferlandschaft den die Insel um fließenden rechtsseitigen R heinarm durch die E rrichtung einer Sperrm auer still­ zulegen. D ie Insel w urde so m it dem Fest­ land vereinigt und w ar bald nicht m ehr als solche zu erkennen. Ihre besondere kulturgeschichtliche B edeu­ tung erlangte diese Insel aber dadurch, daß sie im 17. und 18. Jahrhun dert den Juden aus der angrenzenden G rafschaft Baden im A ar­ gau/S chw eiz als Friedhof diente. D ie etwas ungew öhnlichen U m stände, die zu r Schaf­ fung des Friedhofes für Schw eizer Juden auf W aldshuter B oden führten, stehen mit dem an T ragik auch nicht m angelnden Schicksal der Juden in der Schweiz im Zusam m en­ hang. Seit dem 13. Jahrhun dert lassen sich Juden in Schw eizer Städten nachweisen. Ihre rechtli­ che und politische Stellung hatte sich mit dem w achsenden Einfluß der K irche auf Staat und öffentliches Feben ständig ver­ schlechtert. M an verbot ihnen Besitz zu er­ w erben und Z unftordnungen verw ehrten ih­

nen den Z u tritt zum H andw erk und G e­ w erbe wie auch zum ortsfesten H andel. A uch in den Schw eizer K antonen w aren die Juden bei ihrem B roterw erb daher einzig auf den H andel auf M ärkten und im U m herzie­ hen sowie auf den G eldverleih angewiesen. Z ustatten kam ihnen hierbei, daß den C hri­ sten das G eldverleihen verboten war. G uter G eschäftssinn und Z usam m enhalt unterein­ ander ließen die Juden allerorts schnell zu ei­ nem gewissen W ohlstand kom m en, was ih­ nen w iederum vielseitigen H aß eintrug. Grausame Judenverbrennungen Bereits im 14. Jahrhun dert setzte eine Ju d en ­ verfolgung ein. V ielfach w urden sie vertrie­ ben, so 1384 in Luzern, 1428 in F ribourg/ Schweiz und 1490 in Genf. U nter der Be­ schuldigung der B runnenvergiftung ver­ brannte man schließlich 1348/49 die gesam ­ ten Juden in Bern, Solothurn, Basel, Zürich, St. Gallen, Schaffhausen und in w eiteren O r­ ten. 1401 erfolgte eine erneute Judenverbren­ nung in Schaffhausen und W interthur, wobei in Schaffhausen nochm als 30 Juden den Feuertod erlitten. O bw ohl 1348 auch in der Stadt B aden/ Schweiz die Juden den grausam en Feuertod erlitten, w ar die G rafschaft Baden eine der ersten H errschaften, die Juden in ihr G ebiet w ieder zuw andern ließ. D er hier nun einset­ zende starke Z uzug konzentrierte sich auf die beiden Surbtalorte Lengnau und O berendingen, w o jeweils eine geschlossene Juden­ siedlung m it eigener V erw altung entstand. D och auch hier genossen die Juden noch lange nicht die gleichen R echte wie die Schw eizer Bürger, vielm ehr w urden ihnen B eschränkungen auferlegt, die einem heute 439

Rheinverlauf mit Inseln u. Fähre hei Waldshut nach einem Plan aus dem Jahre 1849 Zeichnung: K. Sutter

als unverständliche Schikanen erscheinen. Z unächst gew ährte m an ihnen nur gegen hohe Z ahlungen einen „Schutz- und Schirm ­ brief“, der ihnen das A ufenthaltsrecht ledig­ lich für 16 Jahre zusicherte, jedoch die M ög­ lichkeit, sie jederzeit fortw eisen zu können, einschloß. W ährend die zugew anderten Juden sich an­ fänglich in der ganzen G rafschaft Baden nie­ derlassen konnten, w urde später ihr A ufent­ halt auf die O rte Lengnau und O berendingen beschränkt. Zu den diskrim inierenden V orschriften, denen sie sich zu unterw erfen hatten, gehörte auch, daß sie an ihren H ä u ­ sern zwei E ingangstüren nebeneinander ein­ zubauen hatten. Eine m ußten sie als Juden tür kennzeichnen, und Juden durften das H aus nur durch diese betreten. D ie zw eite w ar den C hristen Vorbehalten. N och heute sind in Endingen alte Judenhäuser m it zwei neben­ einanderliegenden H austüren zu finden. V o r allem aber blieb es den Juden versagt, ihre T oten auf dem heim atlichen schw eizeri­ schen G ebiet beizusetzen. In ihrer N o t w andten sich die so in den G hettos der bei­ den O rte Lengnau und Endingen einge­ zw ängten Juden an die Stadt W aldshut und baten um Ü berlassung eines Stückchen L an­ des zum Bestatten ihrer V erstorbenen. 440

Schweizer Juden erhalten von Waldshut eine Insel D em vorderösterreichischen W aldshut, das nach Landesvorschriften selbst nur katholi­ sche Bürger in seinen M auern beherbergen durfte und durch laufende K riegszüge und K riegslasten in ständiger G eldnot stand, dürfte es sicher willkom m en gewesen sein, auf diese A rt aus der alljährlich vom H o ch ­ w asser geschädigten und zu w enig taugli­ chen A u-Insel N utzen ziehen zu können. G egen einen jährlichen Zins von anfänglich vier und zu letzt zw ölf G ulden w urde den Ju ­ den die Insel nun zu r A nlegung eines Fried­ hofes überlassen. So entstand um 1603 (nicht belegte und belegbare Jahresangabe in Bir­ kenm ayer/B aum hauer, Geschichte der Stadt W aldshut, W aldshut 1927, S. 169) bei W aldshut ein Judenfriedhof, in früheren Schriften stets als „Juden-Ä ule“ (Äule = kleine Aue) bezeichnet. W ährend über die erste V erpachtung keine schriftliche K unde vorhanden ist, liegt der zw ischen der Stadt W aldshut und „der in der G rafschaft Baden im A argau sich befindli­ chen Judenschaft" geschlossene V ertrag vom 27. Juli 1689 in O riginalausfertigung im Stadtarchiv W aldshut. Als U nterhändler der Juden zeichnete M arm G uggenheim und Si­ m on M auss. In jenem Jah r w ar W aldshut nach einer Plünderung durch die T ruppen Ludwigs X IV . und Bezahlung größerer G eldsum m en zu r A bw endung eines ange­ drohten N iederbrennens der Stadt, w ie es in vielen Städten geschah, in große N o t gekom ­ men. M an hatte nam entlich in der Schweiz gegen hohe Zinsen G eld aufnehm en müssen. Dies veranlaßte die Stadtväter von den Juden statt des jährlichen Zinses, die B ezahlung ei­ ner einm aligen Sum me von 300 G ulden zu verlangen. D er Stadt W aldshut w urde einge­ räum t, bei W iedererstattung des Geldes die Insel zurücknehm en zu können. 1709 bekundete die Stadt die Absicht, die In ­ sel gegen E rstattung der 300 G ulden w ieder an sich zu ziehen. Die Juden jedoch wollten den Friedhof nicht nur w eiter nutzen, son­

dern ihn noch erw eitern. So kam es zum V ertrag vom 5. A ugust 1709, den auf seiten der Juden Jakob G uggenheim und M arx T reyfuß, beide von Lengnau, U nterzeichne­ ten. D ie Juden konnten den Friedhof w eiter benutzen, er w urde dazu um 630 Schuh (18,90 M eter) verlängert. D afür hatten die P ächter von nun an zehn G ulden an jährli­ chem Zins zu bezahlen. Z w ischenzeitlich dürfte den Juden der Fried­ hof erneut zu klein gew orden sein. Jetzt tra ­ ten sie m it der Bitte an die Stadt heran, ihnen die ganze Insel in P acht zu geben. M it V er­ trag vom 6. April 1747 erfolgte dies. Die Ju ­ den hatten eine nochm alige Sum me von 300 G ulden bei w eiterlaufendem Jahreszins von 10 G ulden zu entrichten. D en jetzigen V er­ trag signierten für die Juden M ojses G ugenheim von Lengnau und Sam uel B ekharth von Endingen.

Es ließ sich nun feststellen, daß die Juden die 300 G ulden direkt an das Spital der Stadt Ba­ den/A argau bezahlten. D o rt hatte die Stadt W aldshut das 1688 für die B ezahlung der K ontributionen an die Franzosen geliehene G eld noch nicht zurückbezahlt. Es w aren die gleichzeitig in die Schweiz in Sicherheit ge­ brachten K irchenglocken dafür verpfändet w orden. M it dem G eld der Juden und noch w eiterem bei W aldshuter B ürgern geliehe­ nem konnten die Schulden in Baden bezahlt und die verpfändeten G locken 1748 zu rück­ geholt w erden. Die Juden dürfen einen Friedhof in der Schweiz errichten Im m er w ieder bedrohte das H ochw asser des Rheines den Bestand des Inselfriedhofes

Grabsteine auf dem Judenfriedhof zwischen Lengnau und Endingen im Aargau vom einstigen Judenfriedhof bei Waldshut Foto: K. Sutter

Synagoge in Lengnau/Schweiz aus dem Jahre 1848

Foto: K. Sutter

oder richtete zum indest einigen Schaden durch Ü berschw em m ungen an. Dies veranlaßte 1750 die Juden der beiden D örfer Lengnau und Endingen von den regierenden Ständen ein zw ischen beiden D örfern liegen­ des G rundstück für die E rrichtung eines neuen Friedhofes zu erbitten, was ihnen auch bewilligt w urde. So entstand im Surbtal der heute ein K ulturdenkm al darstellende Ju d en ­ friedhof. Im gleichen Jah r konnte auch in Lengnau die erste Synagoge erbaut werden. Seit dieser Z eit kam en keine Leichen m ehr auf dem beschw erlichen W eg zu r Insel auf dem Rhein. D ie Schw eizer Juden zeigten sich ihren ver­ storbenen V orfahren aber noch w eiterhin verbunden. Sie kam en regelm äßig zu Besu­ chen auf die Rheininsel. 1806 stellten.sie je­ doch die Z ahlung des Pachtzinses ein. G e­ richtliche K lagen der Stadt W aldshut und V erhandlungen führten dazu, daß die Juden die Insel für eine Sum me von 145 G ulden 442

und E ntrichtung des rückständigen Zinses von 80 G ulden kaufen konnten. D er V ertrag w urde am 29. N ovem ber 1813 geschlossen. F ür die Juden U nterzeichneten Sam uel W eil von Lengnau und M ichel D reyfuß von E n­ dingen. O bw ohl die Juden in der Schweiz durch B undesbeschluß vom 21. M ärz 1876 die volle G leichberechtigung erhielten, verließen im ­ m er m ehr B ürger die beiden D ö rfer Lengnau und Endingen. D er H auptgrund lag wohl darin, daß sie sich Berufen zuw andten, die in der ländlichen G egend w enig A usübungs­ m öglichkeiten boten. H eute lebt in den bei­ den D örfern nur noch ein jüdischer Bürger. D ie Judeninsel w ar zw ischenzeitlich mit dem Land vereinigt und die G rabsteine m ehr und m ehr m it Schilf und G estrüpp überw uchert. So geriet der Friedhof in Vergessenheit. D arin liegt w ohl auch die U rsache dafür, daß er einer Schändung w ährend der Zeit des D ritten Reiches entging. Exhumierung und Überführung N ach dem letzten K riege stieß nun Florence G uggenheim -G rünberg bei ihren histori­ schen Forschungen zu r Geschichte der Juden in der Schweiz auf den einstigen Friedhof bei W aldshut. Bei ihrem Besuch 1953 fand sie noch einen einzigen Stein aufrecht und unbe­ schädigt. A ndere w aren um gefallen, beschä­ digt oder nur noch in B ruchstücken vorhan­ den. Innerhalb eines gegründeten „Vereins für die E rhaltung und U nterhaltung des Friedhofes E ndingen-L engnau“ w urde nun eine Kom m ission zum Zw ecke, den Friedhof auf der W aldshuter Insel w ieder in einen w ürdigen Z ustand zu bringen, ins Leben ge­ rufen. Als m an jedoch erfuhr, daß die H afen ­ anlagen der geplanten R heinschiffahrt das betreffende G elände beanspruchen w ürden, entschloß m an sich, die noch vorhandenen G rabsteine m it den m öglicherw eise erhalte­ nen G ebeinen auf den Judenfriedhof Lengnau-E ndingen zu überführen.

Exhum ierung erst 1955 abgeschlossen w er­ den. Die Beisetzung der gefundenen Gebeine auf dem Surbtaler Friedhof fand im R ahm en einer Feierstunde statt, wobei eine große Z ahl von N achfahren der V erstorbenen an ­ w esend war. Die G rabsteine w urden über den neu bestatteten G ebeinen an der westli­ chen U m fassungsm auer des heute unter D enkm alschutz gestellten Judenfriedhofes im Surbtal w ieder aufgerichtet.

Quellen und Literatur

Altes Judenhaus in Oberemdingen/Schw. mit einer Eingangstür fü r Juden und einer fü r Christen Foto: K. Sutter

D ie A rbeiten begannen nach der vom R egie­ rungspräsidium Süd-Baden am 10. N ovem ­ ber 1954 erteilten G enehm igung. W ider E r­ w arten konnten noch 85 einstige G räber fest­ gestellt w erden. G rabsteine ließen sich nur sieben, teilweise beschädigt, aus der Z eit von 1674 bis 1748 zutage fördern. B ehindert durch anhaltendes Flochw asser konnte die

Die V erträge vom 27. Juli 1689, 5. August 1709, 6. April 1747 und 29. N ovem ber 1813 befinden sich in O riginalausführung wie auch etliche A kten­ stücke von 1813 im Stadtarchiv W aldshut. Belege für den eingegangenen Pachtzins und andere von den Juden geleistete Zahlungen sind in den ab 1719 vollständig vorhandenen Stadtrechnungen zu finden. U ber die Gesuche um Erw eiterung des Friedhofes 1746 befinden sich auch Eintragungen in den Ratsprotokollen. Florence G uggenheim -G rünberg, D er Friedhof auf der Judeninsel im Rhein bei K oblenz, Beiträge zu r Geschichte und V olkskunde der Juden in der Schweiz, H eft 5, Zürich 1956, 35 S. Florence G uggenheim -G rünberg, Die Juden in der Schweiz, wie oben, H eft 7, Zürich 1961, 48 S. Karl Schib, Die Geschichte der Stadt und Land­ schaft Schaffhausen, Schaffhausen 1972, Seiten 148—152.

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