Über einhundert Jahre Tradition im Markenverband
November 12, 2016 | Author: Luisa Kraus | Category: N/A
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Über einhundert Jahre Tradition im Markenverband Die Geschichte des Markenverbands spiegelt nicht nur einen guten Teil deutscher Wirtschaftsgeschichte, sondern auch hundert Jahre Entwicklung in Zivilisation und Lebensqualität. 1903 Am 3. Oktober gründen deutsche Unternehmer in Berlin eine Vereinigung "zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, insbesondere der Preisschleuderei, zum Ausbau der Markenschutzrechte und zur Beratung der Mitglieder in gewerblichen Rechtsangelegenheiten". Am 25. November wird der "Verband der Fabrikanten von Markenartikeln" ins Vereinsregister beim Königlichen Amtsgericht I in Berlin eingetragen. Sieben Gründer unterzeichnen das Dokument: •
Hermann Aust
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Fritz Henkel
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August Holste
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Friedrich Kufeke
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Clemens Lagemann
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Dr. August Oetker
Rund 50 Firmen, die meisten von ihnen bis heute bekannt und im Verband engagiert, beteiligen sich an der Gründung. Ihre Erzeugnisse hießen damals noch "Spezialartikel", die Gründung des Markenverbandes hat die Durchsetzung des Begriffes Markenartikel gefördert. 1904 Am 22. Oktober wird auf der ersten Mitgliederversammlung Kommerzienrat Fritz Heimann zum Vorsitzenden gewählt. Justizrat Dr. Max Gabriel wird zum ersten Geschäftsführer des Verbandes bestellt. 1909 Am 7. Juni tritt das "Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb" in Kraft. Die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs durch irreführende Werbung, Unterschiebung oder Markenmissbrauch wird eine der Hauptaufgaben des Verbandes. Kreise des Handels bemühten sich vergeblich, einen Preisschutz für 1
Markenartikel auf gesetzlichem Wege durchzusetzen. Hersteller vor allem von pharmazeutischen und kosmetischen Markenartikeln führen im Verkehr mit dem Großhandel einen "Verbandsrevers" ein, um die Einhaltung vorgegebener Mindestverkaufspreise auch bei ihren Abnehmern durchzusetzen. 1911 Eine Mitgliederversammlung am 9. März beschließt die Bezeichnung "Markenverband" als Telegrammanschrift. In der Wirtschaft bürgert sich allerdings der Name "Markenschutzverband" ein. 1912 Das Syndikat für die Interessen der Schweizer Pharmazie ersucht den Markenschutzverband, seine Tätigkeit auf die Schweiz auszudehnen. Daraufhin wird eine ähnliche Vereinigung gegründet, Vorläuferin der PROMARCA in Bern. 1913 Dem Verband gehören bereits 182 Fabrikanten an. Auch die ersten Hersteller von Gebrauchsgütern schließen sich dem Verband an. Der Vorstand wird allerdings noch von Unternehmen aus der Kosmetik‐, Pharma‐ und Nahrungsmittelindustrie gebildet. 1918 Nach Beendigung des ersten Weltkrieges trifft der Versailler Vertrag die Deutschen Auslandsmarken. 1921 Im Frühling wählt die Mitgliederversammlung Kommerzienrat Fritz Henkel (Henkel & Cie.)zum Vorsitzenden; nach dem Tode seines Vorgängers Fritz Heimann. 1922 Am 12. Juli tritt das Reich dem Madrider Abkommen über die internationale Registrierung von Fabrik‐ und Handelsmarken bei; sie erleichtert deutschen Zeicheninhabern die Begründung des Markenschutzes in den wichtigsten europäischen Ländern. Aus der Verbandsarbeit: •
Das Reichspatentamt behält auf Wunsch des Verbandes die strenge amtliche Vorprüfung bei der Anmeldung von Warenzeichen bei.
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Im guten Einvernehmen mit den Zollbehörden wirkt der Verband an der Bekämpfung des Schmuggels mit – Vorläufer der heutigen Aktivitäten gegen die Markenpiraterie.
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Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern, angesichts des üblichen Auflagenschwindels nur in solchen Zeitungen und Zeitschriften zu inserieren, die einwandfreie Angaben über Auflagenhöhe und feste Bezieher machen – Vorläufer der heutigen IVW Informationsgemeinschaft zur Verbreitung von Werbeträgern.
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Zu den Sitzungen des Sachverständigen‐Ausschusses für Heilmittel im Reichsinnenministerium wird der Verband hinzugezogen. Es geht u.a. um den Verkauf freiverkäuflicher Arzneimittel auch in Drogerien.
1925 Nach der Stabilisierung der Währung nehmen die Gerichte die frühere Praxis wieder auf, die Händlern untersagt, Markenartikel zu niedrigeren als den vorgeschriebenen Preisen zu verkaufen. Die "Preisbindung der Zweiten Hand" wird durchgesetzt – sie hält sich mehr als zwei Jahrzehnte. Der feste Preis gilt ab jetzt als Kriterium eines Markenartikels. 1927 Der Vorstand fasst eine Entschließung, in der das ausufernde Zugabenwesen neben den Rabattauswüchsen als unerfreulich und für die Gesamtwirtschaft schädlich bezeichnet wird. 1928 Der Markenschutzverband feiert mit 235 Mitgliedsfirmen sein 25‐jähriges Bestehen. In einer Kundgebung prangert er die mit einer Herabsetzung der Konkurrenzware verknüpfte Reklame an ‐ Jahrzehnte vor der unter angelsächsischem Einfluss getroffenen Lockerung des Verbots der vergleichenden Werbung. 1929 Der 84‐jährige Kommerzienrat Fritz Henkel legt die Bürde seines Amtes nieder. Nachfolger als Verbandsvorsitzender wird sein Stellvertreter Hugo Theunert (Kathreiner GmbH). 1930 Am 30. März tritt die Regierung Brüning ihr Amt an. Mit Notverordnungen versucht sie, über Steuererhöhungen, Ausgabensenkungen und Preisdruck eine Gesundung der Wirtschaft im Wege einer Deflation zu erzwingen. Die Preisbindung bei Markenartikeln gerät unter Druck; in der Wirtschaftskrise will die Reichsregierung die Preise für die wichtigsten Verbrauchsgüter senken. Die Wirtschaft dagegen drängt auf Abbau der behördlich festgesetzten Preise, vor allem von Steuern und Abgaben, Tarifen und Zöllen, die ständig erhöht wurden. 38 Jahre später plädiert der Markenverband
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wieder für einen Abbau der Belastungen für die Bürger, damit das Konsumklima sich nicht weiter eintrübt.
Aber die Reichsregierung setzt sich durch. Damit eine generelle Aufhebung der Preisbindung verhütet wird, sollen viele Markenartikelfirmen ihre Preise generell um zehn Prozent senken, obwohl sie teilweise auf Vorkriegsniveau oder noch darunter liegen. Die Mitgliedsfirmen folgen weitgehend einer entsprechenden Empfehlung des Verbandes zur freiwilligen Preissenkung. In der Rechtsprechung wird der Preisschutz für Markenartikel unverändert anerkannt, vorausgesetzt lückenlose Bindungs‐ und Kontrollsysteme.
1931 Justizrat Dr. Max Gabriel scheidet nach 28 Jahren im Herbst als Verbandsgeschäftsführer aus. Sein Nachfolger wird Rechtsanwalt Joseph Leidgens. 1932 Auf dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise zählt der Verband nur noch 180 Mitgliedsfirmen. 1934 In der Mitgliederversammlung ein Jahr nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten wird Hugo Theunert (Kathreiner GmbH) wieder zum Vorsitzenden gewählt, zu Stellvertretern Arthur Schütte (Ferd. Mülhens) und Hugo Schaper (Zeiss‐Ikon AG). Der Verband orientiert sich neu: Über den engen formalrechtlichen Kreis des Markenschutzes hinaus sollen Funktion und Bedeutung des Markenartikels in größeren wirtschaftlichen Zusammenhängen gewürdigt werden. Da trifft es sich gut, dass der Merkur‐ Verlag in Berlin seine Zeitschrift "Der Parfümerie‐Handel" umbenennt, um die bisherige Händlerzeitschrift "in Zukunft noch entschiedener als bisher in den Dienst des Qualitätsgedankens, der Sache des Markenartikels zu stellen". Die Zeitschrift erhält deshalb den Untertitel "Zeitschrift zur Förderung der Qualitätsware". Die Zeitschrift "Der Markenartikel" wird zum Fachorgan für alle Bereiche der Markenführung, Publikationsforum für Wissenschaftler und Praktiker und Sprachrohr des Markenverbands, mit seinem neuen Geschäftsführer Dr. Hans Lutz. 1935 Nachdem Gegner der Preisbindung und des Markenwesens den Markenschutzverband als "mächtiges Kartell" verdächtigen, das den Abnehmern Handelsspannen und Verkaufspreise diktiere, was unzutreffend und leicht zu widerlegen ist, entscheidet das Hanseatische Oberlandesgericht 4
am 12. November, dass der Markenschutzverband bei der Begründung und Durchsetzung von Preiseinhaltungsverpflichtungen lediglich Treuhänder des einzelnen Mitgliedes und sein Reverssystem rechtlich unbedenklich ist. 1936 Am 1. Oktober tritt ein neues Warenzeichengesetz in Kraft. Es übernimmt die Grundsätze der Pariser Verbandsübereinkunft für den Schutz der "notorisch bekannten" Marken und gewährt einen verstärkten Schutz der Herkunftsbezeichnungen. Der Verband nimmt häufig als Gutachter zu Warenzeichen‐ und Ausstattungsprozessen Stellung. Er trägt auch zur Klärung der Begriffe im umstrittenen Zugabenwesen und zur Handelsüblichkeit von Verpackungen bei. Die zunehmende Teuerung und die Gefahr einer neuerlichen Inflation veranlassen den Reichskommissar für Preisbildung, am 17. Oktober einen allgemeinen Preisstopp zu verhängen und sodann – nach dem Vorbild der Preissenkungen des Jahres 1931 – eine schematische Herabsetzung sämtlicher Markenartikelpreise sowie eine Aufhebung der Preisbindung zu fordern. Der Verband kann nachweisen, dass der Preisauftrieb bei Waren mit behördlich festgesetzten Preisen wie Butter (+ 35 Prozent), Margarine (+44 Prozent)Eiern und Fleisch (+30 bis 40 Prozent) beträgt, während die Markenartikel trotz steigender Kosten für Rohstoffe und Steuererhöhungen ein ruhender Pol geblieben sind. Die Geschäftsführung veröffentlicht eine umfassende Denkschrift dazu, die im Wesentlichen in "Der Markenartikel" veröffentlicht wird. Die Reichswirtschaftsführung reagiert auf diese unliebsamen Wahrheiten mit einer vorübergehenden Verhaftung von Dr. Lutz und der Beschlagnahmung der Zeitschrift. Immerhin verzichtet der Preiskommissar auf eine schematische Herabsetzung der Markenartikelpreise. Eine große Anzahl von Markenfirmen erklärt sich freiwillig zu Preissenkungen zwischen fünf und zehn Prozent bereit. Der Reichskommissar lobt ihr Verantwortungsbewusstsein. 1939 Zur 35. Jahrestagung in Wien zählt der Verband rund 260 Mitgliedsfirmen. Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges wird für einige Fachzweige ein Markenverbot erlassen; an die Stelle von Markenartikeln treten "Reichseinheitserzeugnisse", wie Rif‐Seife statt Sunlicht. Wo sie die gewohnte Qualität nicht mehr aufrechterhalten können, legen viele Hersteller ihre Marken still, und bringen ihre Erzeugnisse als markenlose Ware auf den Markt. 5
In einer Anzeige in "Der Markenartikel" heißt es: "Panzer oder Parfüms? Unsere guten deutschen Parfüms bringen wichtige Devisen ein. Mit Devisen werden rare Rohstoffe für unsere Rüstung gekauft. Und damit ist die Frage beantwortet: Während des Krieges verzichten wir auf Mouson Lavendel mit der Postkutsche".
1940 Verbandsgeschäftsführer Dr. Hans Lutz wird in das Landwirtschaftsamt in Berlin dienstverpflichtet, aber er widmet sich weiterhin nebenbei dem Verband und der Zeitschrift. 1943 Die Büroräume des Verbandes in Berlin‐Wilmersdorf werden bei einem Luftangriff zerstört, die Geschäftsstelle wird nach Berlin‐Zehlendorf verlegt. 1944 "Der Markenartikel" muss auf Anordnung der Reichspressekammer zum 30. September sein Erscheinen einstellen. 1947 Im Oktober nimmt Dr. Hans Lutz in Frankfurt am Main Besprechungen mit einer Reihe von Markenfirmen auf. 1948 Am 10. März treffen sich 60 Markenfirmen in Rüdesheim zu Wiedergründung eines Verbandes der Hersteller von Markenartikeln. Aus vereinsrechtlichen Gründen wählen sie zunächst den Namen "Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens e.V.". Die Firma Henkel in Düsseldorf gewährt der neuen Vereinigung vorübergehend Unterschlupf. Am 20. Oktober beschließt eine außerordentliche Mitgliederversammlung die Namensänderung in "Markenverband e.V.". Die Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens e.V. (G.E.M.) besteht weiter; sie zählt gegenwärtig rund 90 Mitglieder. Ab 1. November nimmt der Verband seine Arbeit in Wiesbaden auf. 1949 Auf seiner Jahresversammlung im Mai in Rüdesheim stellt sich der Zusammenschluss der Markenindustrie mit 227 Firmen erstmals wieder der Öffentlichkeit vor. Vorsitzender ist Karl Anton Fuchs (Henkel & Cie.), Stellvertreter Hermann Asbach. Nun beginnt der fast verzweifelte Kampf der deutschen Markenindustrie um ihre Warenzeichen, vor allem um ihre Auslandsmarken. Kontrollgesetz Nr. 5 entzieht deutschen Staatsangehörigen die Verfügung über ihr 6
Auslandsvermögen, das als Reparationsobjekt gilt. Da es nach dem Krieg keine deutsche Regierung gibt, die mit den Alliierten über eine Rückgabe der Auslandsmarken verhandeln könnte, setzt sich der Markenverband bei der Internationalen Handelskammer dafür ein. Die IHK empfiehlt daraufhin den Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten die Rückgabe der noch nicht enteigneten deutschen Marken an ihre früheren Inhaber. 1950 Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer verspricht in seinem Glückwunschtelegramm zur Jahresversammlung in Wiesbaden: "Sie dürfen versichert sein, dass ich der Frage des Markenschutzes, vor allem im Ausland, meine besondere Aufmerksamkeit widmen werde". Bundeswirtschaftsminister Professor Ludwig Erhard sagt in seinem Vortrag: "Ich bekenne mich zur der Preisbindung des Markenartikels in der Anerkennung seiner Leistung, weil ich ganz genau weiß, dass der Leistungswettbewerb im Markenbereich nicht untergegangen ist, sondern hier sich besonders mächtig und kräftig entfaltet". Sechs Jahre nach seiner Einstellung erscheint der "Markenartikel" erstmals wieder. 1951 Auf der Jahreshauptversammlung am 31. Mai in Köln hält Bundespräsident Theodor Heuss (dessen Gattin Elly Heuss‐Knapp während seiner politischen Ausschaltung die Familie als Werbeberaterin und Texterin unterhalten hatte) eine launige Tischrede. 1953 50jähriges Jubiläum des Markenverbandes „Wenn der Verbraucher als der höchste Richter über Gut und Böse in der Wirtschaft seine Entscheidung zugunsten der Marke gefällt hat, dann muss dieser Spruch auch für die Gesetzgebung und Rechtsprechung verbindlich sein.“ Diese Maxime von Ludwig Erhard zum 50. Geburtstag des Markenverbandes hat auch über ein halbes Jahrhundert später nicht an Gültigkeit verloren. In Kürze finden Sie hier Teil II der Geschichte des Markenverbandes von den Jahren des Wirtschaftswunders bis heute.
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